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Auf den Tag genau

Auf den Tag genau

2,057 episodes — Page 38 of 42

Ep 207Sommerbrief aus München

Am 21. Juli 1920 wirft die Berliner Börsen-Zeitung einen Blick in die süddeutsche Metropole München. In einem „Sommerbrief“ schildert Richard Rieß, wo die Münchener Bevölkerung sich in der heißen Urlaubszeit Natur, Abkühlung und Entspannung gönnt. Denn es ist eine besondere Situation: Der Tourismus setzt wieder ein, an manchen Stellen erholt sich die wirtschaftliche Lage, und zugleich hat sich die Atmosphäre vielerorts gewandelt – Teuerung und Bürokratie sorgen für eine ganz besondere Sommerfrische 1920. Es liest Paula Leu.

Jul 21, 20207 min

Ep 206800 Jahre Freiburg

Dass man im Alemannischen auch ruhiger zu feiern versteht als während der alljährlichen Fastnacht, mag überraschen. Bei der 800-Jahr-Feier Freiburgs scheint es allerdings tatsächlich recht beschaulich zugegangen zu sein. Zwar wurde mit einer ganzen Reihe an Veranstaltungen der Stadtgründung durch Conrad von Zähringen im Jahr 1120 gedacht, von einem überbordenden Volksfest aber sei nichts zu spüren gewesen, so zumindest der Sonderberichterstatter der Vossischen Zeitung am 20. Juli. Gelesen von Frank Riede.

Jul 20, 20206 min

Ep 205Verminte Fischereirouten

Nicht aus Gründen des ökologischen Bewusstseins oder der Tierethik suchte man 1920 nach Ersatz für Fleisch. Es gab schlicht nicht genug und das, was auf dem Markt war, war zu teuer. Für adäquaten Ersatz sollten die Fischbestände der Meere sorgen. Doch wie war der Zustand der deutschen Hochseefischerei? Wie war sie durch den Weltkrieg gekommen und konnte der Bedarf an Fisch für das Deutsche Reich überhaupt gedeckt werden? Diesen Fragen widmet sich Paul Dehn in der Deutschen Allgemeinen Zeitung vom 19. Juli 1920. Paula Leu liest.

Jul 19, 20208 min

Ep 204Reparations-Nachverhandlungen in Spa

Auch im Sommer 1920, gut anderthalb Jahre nach den letzten Kampfhandlungen, waren viele Fragen der europäischen Nachweltkriegsordnung weiterhin ungeklärt. Die Summe der im Versailler Vertrag festgeschriebenen Reparationen, die Deutschland an die Siegermächte – teils in Goldmark, teils in Kohle – entrichten sollte, hatte man bis dato etwa immer noch nicht festgelegt und zur Erörterung dieser Thematik im Juli eine Nachfolgekonferenz im belgischen Kurort Spaa anberaumt. Inwiefern es der deutschen Delegation hier gelungen war, die weithin als wirtschaftlich erdrückend empfundene Last auf ein realistisches zu Maß zu senken, wurde dabei in der Heimat sehr unterschiedlich bewertet. Während der Industriemagnat Hugo Stinnes den Konferenzort wutschnaubend verließ, beurteilte das Berliner Tageblatt den Ausgang der Verhandlungen in seinem Fazit vom 18. Juli etwas freundlicher. Es liest Frank Riede.

Jul 18, 20204 min

Ep 203Erste Internationale Dada-Messe

Am 1. Juli 1920 eröffnete die Erste Internationale Dada-Messe in den Räumlichkeiten des Kunsthändlers Dr. Otto Burchard am Berliner Lützow-Ufer. Mit rund 180 Werken von 31 Künstlerinnen und Künstlern gilt diese Ausstellung als größte öffentliche Aktion der Dadaisten in Deutschland. Der Kunstkritiker Max Osborn setzt sich in seiner Ausstellungs-Kritik mit der Bewegung allgemein auseinander, sowie mit einzelnen Kunstwerken. Sein Fazit ist klar: Aus dem übertriebenen Ulk der Dadaisten ragt nur ein großer Künstler hervor, der Künstler Grosz. Es liest Frank Riede.

Jul 17, 20206 min

Ep 202Chile - eigentlich ein gesegnetes Land

Dass die sogenannte Globalisierung keine Erfindung des frühen 21. Jahrhunderts, sondern der Begriff in mancherlei Hinsicht durchaus auch schon auf die Welt vor einhundert Jahren anwendbar ist, lässt sich unter anderem auch am damaligen Berliner Zeitungswesen studieren. Obwohl von ihrer Leser-Reichweite noch eher lokal orientiert, hatten ambitionierte Großstadtzeitungen ihren Radius der Berichterstattung seinerzeit längst weit über die Stadtmauern hinaus ausgedehnt und Korrespondentenberichte aus fernen Weltgegenden als Distinktionsmerkmal für sich entdeckt. So ließ es sich etwa die angesehene Vossische Zeitung nicht nehmen, die bevorstehenden Präsidentschaftswahlen am anderen Ende der Welt in Chile am 16. Juli 1920 in einem ausführlichen Vorbericht zu würdigen. Dieser beschränkt sich dabei keineswegs einfach auf die Wiedergabe von Wahlprogrammen oder -prognosen, sondern wartet mit einer politisch und ökonomisch tiefschürfenden Hintergrundanalyse nebst eingehenden landeskundlichen Darstellungen auf, die den hohen Anspruch des Blattes auf journalistische Exklusivität eindrücklich untermauern. Es liest Paula Leu.

Jul 16, 202010 min

Ep 201Bertrand Russell über Sowjetrussland

Von den Eindrücken der englischen Sozialistin Ethel Snowden, die sie sich während der Visite einer Labour-Delegation in Sowjet-Russland machen konnte, haben wir bereits am 27. Juni gehört. Aber auch Bertrand Russell, Cambridge-Philosoph und enfant terrible der britischen Intellektuellenszene, hatte als Gast an der Reise teilgenommen. Seine Eindrücke und kritischen Analysen veröffentlichte er in Form eines Reiseberichts in der englischen Zeitschrift „Nation“, aus dem die Vossische Zeitung am 15. Juli Teile auf Deutsch abdruckt. Es liest Frank Riede.

Jul 15, 20208 min

Ep 200Hindenburg vs. Einbrecher

Von einer Villa bei Hannover zum Präsidentenamt. Seit dem Bundespräsidenten a.D. Christan Wulff ist dieser Weg bekannt. Doch auch schon Generalfeldmarschall Hindenburg lebte in einer Villa in der niedersächsischen Metropole, bevor er zum Reichspräsidenten gewählt wurde. 1920 überraschte er nächtens einen Einbrecher, der sich seiner Festsetzung mit mehreren Revolverschüssen zu entziehen suchte. So stand der Held von Tannenberg in seinem Arbeitszimmer in Hannover dem Tod näher als jemals zuvor während des Krieges. Der Vorwärts berichtet mit einer knappen Notiz unter der Rubrik “Aus aller Welt”. Es liest Paula Leu.

Jul 14, 20202 min

Ep 198Ossietzky: Der Völkerbundgedanke

Angesichts der Greuel des 1. Weltkrieges legte US-Präsident Woodrow Wilson 1918 ein 14-Punkte-Programm vor, in dem er auch die Schaffung einer zwischenstaatlichen Organisation zum Schutz des Weltfriedens anregte. Mit der Unterzeichnung des Versailler Vertrages unterzeichneten die beteiligten Nationen schließlich auch die Satzung des Völkerbundes. Ironischerweise waren gerade die USA, deren Senat die Ratifizierung des Vertrages ablehnte, kein Teil der neuen Organisation. Aber auch in Deutschland gab es Vorbehalte und Anfeindungen. Im Auftrag der ‚Deutschen Liga für den Völkerbund’ hatte der Freiburger Historiker Veit Valentin daher eine ‚Geschichte des Völkerbundgedankens in Deutschland’ verfasst, welche der Journalist und bekennende Pazifist Carl von Ossietzky am 13.7.1920 in der Berliner Volkszeitung besprach. Ossietzky lobt den Autor nicht zuletzt für seinen leichtfüßigen, fesselnden Stil, gönnt sich aber auch eine Spitze gegen Oswald Spengler, von dessen konfusen Philosophemen über den „Untergang des Abendlandes“ sich Valentins vorurteilslose Geschichtsschreibung wohltuend absetze. Gelesen von Frank Riede.

Jul 13, 20207 min

Ep 199Plebiszit im Osten

Der Erste Weltkrieg hatte die Landkarte Europas weitreichend verändert. Die meisten Grenzen wurden dabei, wie ehedem, am Reißbrett und nach Art des politischen Kuhhandels neu vermessen. Volksabstimmungen waren, sehr zum Verdruss vor allem der Kriegsverlierer Österreich, Ungarn und Deutschland, nur in Ausnahmefällen vorgesehen. Entsprechend groß fiel hier die Erleichterung – und die Genugtuung! – über die Ergebnisse der Plebiszite aus, welche im Juli 1920 in Teilen Ost- und Westpreußens abgehalten wurden. Die Tatsache, dass sich in den Abstimmungsgebieten weit über 90 Prozent der örtlichen Bevölkerung (und damit offenbar sogar etliche Angehörige der polnischen Minderheit) für den Verbleib beim ‘Reich‘ und gegen einen Anschluss an die wiedererstandene polnische Republik entschieden hatten, führte zu nationalen Aufwallungen selbst in dezidiert republikanischen Medien wie der Vossischen Zeitung. „Deutscher Sieg im Osten“ titelte selbige leicht patriotisch berauscht am 12. Juli – hier ganz nüchtern gelesen von Frank Riede.

Jul 12, 20205 min

Ep 197Wissenschaftler findet Jungbrunnen!

Eugen Steinach war ein österreichischer Physiologe und Pionier der Sexualforschung. Während die Medizin etwa seiner Erfindung erster funktionierender Hormonpräparate sicherlich viel verdankt, war die von ihm entwickelte Methode der Verjüngung durch Hodentransplantation sehr umstritten. 1920, selbst 59 Jahre alt, machte er seine Forschungen dazu publik, und wie ein Lauffeuer verbreitete sich die Nachricht von seinen Verjüngungserfolgen. Wie alle Berliner Tageszeitungen schreibt auch die Berliner Volks-Zeitung am 11. Juli über die Aussicht auf einen medizinisch-wissenschaftlichen Jungbrunnen, der freilich nur Männern zur Verfügung stehen soll - eine Tatsache, die nicht thematisert wird und in keinster Weise die Begeisterung des Autors trübt. Es liest Paula Leu.

Jul 11, 20206 min

Ep 196J. M. Keynes kritisiert Vertrag von Versailles

John Maynard Keynes gilt als einer der wichtigsten Ökonomen des 20. Jahrhunderts. Dass er mehr war als nur brillianter Wissenschaftler, zeigt allerdings auch schon sein erstes großes Buch, über „Die wirtschaftlichen Folgen des Vertrags von Versailles“. Mit erstaunlicher Klarsicht prophezeite er hier die fatalen politischen Konsequenzen, welche der insbesondere durch zu hohe Reparationsauflagen erzwungene Niedergang Deutschlands als Motor der europäischen Wirtschaft mit sich bringen sollte. Obwohl er als Mitglied der britischen Delegation selbst in Versailles war, konnte Keynes’ die Verhandlungen nicht in seinem Sinne beeinflussen. Erst nach Ende des 2. Weltkrieges fielen seine Vorschläge auf fruchtbareren politischen Boden. Dass die Berliner Volkszeitung die deutsche Übersetzung seines Buches bereits am 10.7. 1920 äußerst positiv besprach, ist allerdings auch nicht wirklich überraschend… Es liest Frank Riede.

Jul 10, 20207 min

Ep 195Der Kampf um das Bauhaus

Man kann es sich heute kaum noch vorstellen: das Bauhaus war in Weimar alles andere als unumstritten. Tatsächlich hatte Walter Gropius von Anfang an gegen die antireformerischen, konservativen Kräfte nicht zuletzt der alten Kunsthochschule anzukämpfen. 1920 gab es zudem auch in Weimar einen politischen Rechtsruck, was die Genehmigung der für den Ausbau der erst 1919 gegründeten Schule notwenigen finanziellen Mittel noch schwieriger machte. Die Vossische Zeitung vom 9.7.1920 berichtet vom „Entscheidungskampf in Weimar“ in dessen Verlauf Gropius selbst seine Sache vor den Abgeordneten des Landtags vertreten konnte. Mit Erfolg. Zumindest blieb das Bauhaus der Stadt erhalten. Bis es 1925 dann doch noch nach Dessau umsiedeln sollte… Es liest Paula Leu.

Jul 9, 20206 min

Ep 194Nachruf auf Max Klinger

Max Klinger, stellte jüngst die Süddeutsche Zeitung anlässlich des einhundertsten Todestages des Malers fest, „ist immer noch zu entdecken“, weil er im Grunde bis heute nicht der doppelten Verfemung entkam, der er zu Lebzeiten ausgesetzt war: Zunächst im prüden Kaiserreich wegen seiner revolutionär-überbordenden Freizügigkeit angefeindet, wurde er später, nach dem Aufkommen der künstlerischen Avantgarde-Bewegungen, so die SZ, nun als „kitschiger Reaktionär” verschmäht. Belege für Letzteres finden sich in der Tat schon in seinen Nachrufen. So hob die kommunistische Parteizeitung ‘Rote Fahne‘ in ihrer Würdigung vom 8. Juli 1920 zwar das malerische Talent und die Universalität seiner Ausdrucksmittel hervor. Gleichzeitig ließ sie jedoch keinen Zweifel daran, dass Klinger in einem bürgerlichen Künstlertum des 19. Jahrhunderts steckengeblieben und die Zeit bereits vor seinem Tode über ihn hinweggegangen sei. Eine streitbare Einschätzung – hier gelesen von Frank Riede.

Jul 8, 20207 min

Ep 193Reichstagsbrand 1920

Bis wohin und auf welchen Wegen dürfen Journalistinnen und Journalisten in die Machtzentren der Politik Zutritt haben? Eine Frage, die auch in der Frühphase der Weimarer Republik ausgehandelt wurde. 1920 war es der Presse lediglich erlaubt, den „Hintereingang“ zum Reichstagsgebäude zu nutzen – mit einem durch das Journalistinnenaufgebot stark beanspruchten eigenen Aufzug. Am 6. Juni kam es zu einem Brand im Reichstag, der zum Glück halbwegs glimpflich verlief, die Zugangsregelungen für die Presse aber erneut auf die Tagesordnung hob. Ob sie in der Folgezeit ermächtigt worden ist, den Haupteingang zu nutzen, ist uns nicht bekannt. Paula Leu liest den Bericht über das Feuerdrama aus dem Berliner Tageblatt vom 7. Juli.

Jul 7, 20203 min

Ep 192Reise nach Genf

Der aus Triest gebürtige expressionistische Dichter Theodor Däubler war zu Lebzeiten nicht nur ein angesehener Lyriker und Romancier, sondern hatte auch als umtriebiger Reiseschriftsteller einen Namen. Sein Reisebricht für die Vossische Zeitung vom 6. Juli 1920 führte ihn kurioserweise freilich nicht in entlegene Weltgegenden, sondern an seinen damaligen Wohnort Genf, das soeben zum Sitz des neugegründeten Völkerbundes erhoben worden war. Diese jüngst gewonnene politische Bedeutung der Stadt handelt Däubler indes eher am Rande ab. Sein wesentliches Interesse gilt den Stimmungen und Farben der Genfer Wasserlandschaft, aus denen er ein reizvolles feuilletonistisches Städteporträt entwickelt. Hier gelesen von Frank Riede.

Jul 6, 20206 min

Ep 191Aufbau-Architektur

Bruno Taut ist besonders durch seine ‚Hufeisensiedlung’ in Britz oder die Anlage ‚Onkel Toms Hütte’ in Zehlendorf als eminenter Vertreter des sogenannten ‚Neuen Bauens’ in Berlin bekannt. Ein Architekturvisionär, dessen Gebäude ihre Funktionalität und Ästhetik verbindende Modernität bis heute gewahrt haben. Am 5. Juli 1920 bespricht Taut für die ‚Freiheit’ das Buch „Aufbau-Architektur“ von Walter Müller-Wulckow und lobt dessen scharfe Kritik an den architektonischen Verirrungen des zurückliegenden Jahrhunderts. Es liest Paula Leu.

Jul 5, 20203 min

Ep 190Alte Musik: Händel-Renaissance in Göttingen

Als Schöpfer der Feuerwerksmusik, der Wassermusik und berühmter Oratorien wie des Messias, galt Georg Friedrich Händel auch schon vor einhundert Jahren als einer der großen Meister deutscher Tonkunst. Völlig in Vergessenheit geraten war seinerzeit paradoxerweise hingegen, wofür er zu Lebzeiten in erster Linie gefeiert worden war: seine über 40 Opern. Dass einige Musiker und Wissenschaftler um den Kunsthistoriker Oskar Hagen 1920 in Göttingen eine Wiederaufführung seiner Rodelinda auf die Beine stellten, hatte vor diesem Hintergrund den Charakter einer echten Pioniertat, deren musikhistorische Bedeutung kaum zu überschätzen ist. Die Ausgrabung der Rodelinda läutete nicht nur eine bis heute fortdauernde sogenannte Händel-Renaissance in der Oper ein. Als erstes Festival für Alte Musik überhaupt markierten die damit begründeten Göttinger Händel-Festspiele tatsächlich ein Schlüsseldatum der gesamten gleichnamigen Bewegung. Die Vossische Zeitung hatte also den richtigen Riecher, als sie damals einen Berichterstatter in die niedersächsische Theaterprovinz entsandte, dessen Rezension vom 4. Juli das Potential der Barockoper für die Musikbühne des 20. Jahrhunderts bemerkenswert klar erkennt. Für uns liest Frank Riede.

Jul 4, 20207 min

Ep 189Königin der Nacht

Von Biologen nach der Mondgöttin im alten Griechenland ‚Selene’ genannt, ist die Königin der Nacht vor allem unter Hobby-Botanikern eine mythische Blume. Die meiste Zeit des Jahres zeigt sich das Kakteengewächs eher schlicht. Die außergewöhnliche Pracht ihrer Blüte aber macht sie zu einer Sensation, die den Botanische Garten Berlin früher regelmäßig zu einer extra Ankündigung veranlasste. An die alten Zeiten, als noch Scharen von Liebhabern in die Potsdamer Straße pilgerten, um das Ereignis zu bewundern, erinnert sich der Kolumnist der Berliner Volkszeitung, Karl Fischer, wehmütig in seinem Beitrag vom 3.7.1920. Mittlerweile - der botanischen Garten wurde zwischenzeitlich aus der Stadtmitte ins ferne Dahlem verlegt - werbe der eigentlich mit ganz anderen Attraktionen aufwartende Lunapark mit der Blume. Die Königin der Nacht als Teil einer seichten Vergnügungsschau im Grunewald. Skandal! Es liest Paula Leu.

Jul 3, 20206 min

Ep 188Kriegsreparation: Genter Altar

Der sogenannte Genter Altar des Jan van Eyck zählt zu den Prunkstücken der altniederländischen Malerei und zu den bekanntesten Polyptichen der Kunstgeschichte überhaupt. Dabei war er über lange Zeit seiner Existenz paradoxerweise gar nicht als Einheit zu besichtigen. Erstmals bereits im Bildersturm der Calvinisten und später neuerlich auch von den Habsburgern demontiert, wurde der Mittelteil mit der berühmten Szene der Anbetung des Lammes von napoleonischen Truppen schließlich nach Paris verschleppt, derweil die Seitentafeln in den Handel und von dort in den Besitz des preußischen Königs wanderten. Eine plötzliche Möglichkeit, den berühmten Flügelaltar mit all seinen Einzelteilen wieder an seinem Genter Ursprungsort in der Kathedrale Sint Bavo zusammenzuführen, ergab sich nach dem Ersten Weltkrieg. Das vom Deutschen Reich unschuldig überfallene Belgien verhandelte die ‘Rückgabe‘ der Tafeln in den Versailler Friedensvertrag hinein, und tatsächlich verschwanden diese wenig später aus ihrem Kabinett im Kaiser-Friedrich-Museum. Die Vossische Zeitung vom 2. Juli 1920 zeigte sich über den vermeintlichen, die Haager Kriegsrechtkonvention von 1904 tatsächlich verletzenden ‘Kunstraub‘ empört. Es liest Frank Riede.

Jul 2, 20208 min

Ep 187Zoologischer Garten tauscht Tiere

Der Zoologische Garten von Berlin kämpfte 1920 gegen defizitäre Finanzen und einen aufgrund des Krieges verringerten Tierbestand. Wie sich die Direktion in dieser schwierigen Wiederaufbauphase schlug, davon gibt uns der Bericht aus der Generalversammlung der Aktionäre in der Vossischen Zeitung vom 1. Juli einen Einblick. Es liest Paula Leu.

Jul 1, 20204 min

Ep 185Die Aalandkrise

Im November 1918 war zwar in ganz Europa der Erste Weltkrieg zu Ende gegangen. Statt Frieden brachte er in Teilen des Kontinents jedoch weitere, bisweilen kaum weniger blutige Nachfolgekonflikte, deren Langzeitschäden mitunter bis heute zu besichtigen sind. Weitgehend vergessen ist indes eine Auseinandersetzung hoch im Norden Europas, die im Sommer 1920 die erstaunlich breite Aufmerksamkeit der Berliner Presse genoss: Die so nebelverhangenen wie dünnbesiedelten Aalandinseln hatten vor dem Weltkrieg gemeinsam mit Finnland zum russischen Zarenreich gehört, waren mit Finnland in Folge der Revolutionswirren des Jahres 1917 unabhängig geworden und wurden aufgrund ihrer überwiegend schwedischsprachigen Bevölkerung zugleich von Schweden beansprucht. Dass mit Hilfe des Völkerbundes bereits 1921 eine langfristig sehr erfolgreiche Autonomielösung auf den Weg gebracht werden sollte, konnte die Deutsche Allgemeine Zeitung noch nicht ahnen, als sie am 30. Juni durchaus besorgt über eine drohende Eskalation berichtete. Gelesen von Frank Riede.

Jun 30, 20205 min

Ep 183Filmopolis am Tempelhofer Feld

Im Jahre 1912 entstanden im Süden des Tempelhofer Feldes Filmateliers, die sich nach dem Ersten Weltkrieg immer weiter ausdehnten. Die Stummfilm-Klassiker „Golem, oder wie er in die Welt kam“ von Paul Wegener und Carl Boes sowie „Anna Boleyn“ von Ernst Lubitsch wurden 1920 hier in ihren überbordenden Kulissen gedreht. Vom Treiben auf dem Gelände und den Sets dieser Filme berichtet am 29. Juni für das Berliner Tageblatt Fritz Engel. Neben seinen Eindrücken reflektiert er auch allgemeiner das Filmschaffen zwischen Massenware und Kunstanspruch. Es liest Paula Leu.

Jun 29, 20207 min

Ep 1863 1/2 Fragen an Gunter Gebauer…

In der heutigen Folge unseres monatlichen Interviewformats ‚3 1/2 Fragen an…’ sprechen wir mit Gunter Gebauer, von 1995 bis 2012 Professor für Philosoph an der Freien Universität Berlin. Selbst ehemaliger Leistungssportler, mischt sich Gebauer immer wieder kritisch in die öffentlichen Diskussionen zu Fragen des Sports und der Sportpolitik ein. Gerade von ihm erschienen ist ein kleiner Reclam-Band über die Olympischen Spiele der Neuzeit, in dem er die Faszination dieses Ereignisses und seiner Geschichte mit klaren Worten zur immer stärkeren kommerziellen Ausrichtung der Spiele verbindet.

Jun 28, 202018 min

Ep 184Regierungserklärung Fehrenbachs

Nach zähen Verhandlungen und letztlich geglückter Bildung einer Minderheitsregierung hielt der neue Reichskanzler Constantin Fehrenbach am 28.6.1920 schließlich seine Antrittsrede im Deutschen Reichstag. Als eloquenter und erfahrener Politiker bekannt und durchaus über Parteigrenzen hinaus geschätzt, wird die Führung dieses von der Duldung der Sozialdemokratie abhängigen Kabinetts auch führ ihn ein Balanceakt. Das jedenfalls wird schon an dieser ersten programmatischen Rede vor den Abgeordneten deutlich. Parteipolitisches Taktieren im Anschluss eingeschlossen. Es liest Frank Riede.

Jun 28, 20205 min

Ep 182Snowden über Sowjetrussland

Über die junge Sowjetunion wusste man anno 1920, gut zweieinhalb Jahre nach ihrer Geburt in der Oktoberrevolution, auf dem restlichen Kontinent ausgesprochen wenig. Zum einen war man hier wohl viel zu sehr mit sich selbst beschäftigt, um sich ein Bild von den dortigen Zuständen zu machen. Zum anderen mangelte es aber auch schlicht an glaubwürdigen, ideologisch unvoreingenommenen Augenzeugen, die mit belastbaren Informationen aus Moskau oder gar aus anderen Landesteilen aufwarten konnten. Entsprechend groß war das Interesse an den – sehr kritischen – Reiseeindrücken, die die englische Sozialistin Ethel Snowden von der sechswöchigen Visite einer Labour-Delegation ins Reich des Bolschewismus mitbrachte und die sie bei ihrem Zwischenstopp in Berlin mit der Vossischen Zeitung teilte. Aus deren Ausgabe vom 27. Juni liest Paula Leu.

Jun 27, 20203 min

Ep 181Staatstragende SPD

Am 25. Juni 1920 waren die Schwierigkeiten bei der Regierungsbildung überwunden. Das neue Kabinett unter dem Reichskanzler Constantin Fehrenbach beruhte auf einer Koalition der Zentrumspartei, die den Kanzler stellte, der DDP und der DVP. Es war eine Minderheitsregierung, die auf die Duldung durch Oppositionsparteien, vor allem der SPD, angewiesen war. Am 26. Juni wird im Vorwärts eine Einschätzung der politischen Lage gegeben und ein Blick in die Zukunft geworfen. Was bremst die Durchsetzung der politischen Interessen der Arbeiterschaft? Welche Rolle soll die SPD in der Opposition spielen? Zugleich wird aber auch vor den Plänen des rechten Lagers gewarnt, das unter dem Vorwand des Kampfes gegen die linke Revolution, die Republik in eine Diktatur zu vewandlen trachte - etwa nach dem damals aktuellen Vorbild der Horthy-Regierung in Ungarn. Es liest Frank Riede.

Jun 26, 20206 min

Ep 180Kurztrip durch den Harz

Nicht nur für die Romantiker war der Harz um 1800 eine Sehnsuchtslandschaft. Auch Berliner des frühen 20. Jahrhunderts flohen gerne ein paar Tage aus der Hektik der deutschen Kapitale in das sagenumwobene Mittelgebirge. In den Jahren nach dem 1. Weltkrieg mit ihren materiellen Nöten blieben solche Exkursionen allerdings selten. So findet sich der Verfasser des kleinen Feuilletons aus der Deutschen Allgemeinen Zeitung vom 25.6.1920 auch eher unverhofft und überraschend auf seiner Harzreise. 30 Stunden hat er, um von Bad Harzburg aus fahrend, wandernd, mit der Schmalspurbahn den Brocken, diesen mythischen höchsten Berg des Nordens zu besteigen, den Blick ins Umland aufzusaugen, die herbe Felsenlandschaft bei Thale und den Hexentanzplatz zu bewundern. Dann geht es zurück in die Betonwüste der Großstadt. Es liest Frank Riede.

Jun 25, 20208 min

Ep 179Die Kunst des Proletariats

1920 hatten die Kommunisten noch kaum praktische Regierungserfahrung. An vielen Orten kämpfte das revolutionäre Proletariat noch um die Herrschaft. So wurde innerhalb der Kommunisten über Vieles diskutiert, wie etwa den Umgang mit dem bürgerlichen Kunst- und Kulturerbe. Sollte man radikal alles vernichten und abstoßen, oder Teile des Erbes integrieren? Am 24. Juni 1920 plädiert die kommunistische Parteizeitung, die Rote Fahne für einen Kulturwerte bewahrenden Weg. Würde das Proletariat zu radikal zerstörerisch wirken, so würde es sich letztlich paradoxerweise wie die Bourgeoisie verhalten. Es liest Paula Leu.

Jun 24, 20204 min

Ep 178Ist Karlsbad eine Reise wert?

1920 lief der Kurbetrieb im traditionsreichen Karlsbad wieder an – trotz Weltkrieg und Zerfall Österreich-Ungarns. Die Gelegenheit für den Schauspieler und Librettisten Gustav Kadelburg in einem Brief aus Karlsbad, abgedruckt im Berliner Tageblatt vom 23. Juni, über die Anreise aus Berlin und die Situation vor Ort zu berichten. Alles eitel Sonnenschein, alles bestens! – oder doch nicht? Es liest Frank Riede.

Jun 23, 202010 min

Ep 177Was für Urlaub braucht der Mensch?

Der Urlaub ist für uns moderne Menschen nicht zuletzt Flucht aus der Hektik des Alltags. Nur weg hier, in die Berge, ans Meer, auf eine Insel. In der Deutschen Allgemeinen Zeitung vom 22.6.1920 sieht Iven Kruse gerade diesen Fluchtreflex als Hauptgrund dafür, dass nur der kleinste Teil der Menschen wirklich erholt aus ihren zwei, drei Wochen Ferien im Jahr zurückkehren. Sollten wir statt nur darüber nachzudenken, wohin uns unsere nächste Reise führen könnte, nicht lieber überlegen, wer oder was wir in der kurzen uns vergönnten Freizeit sein wollen? Der Urlaub als die Chance, sich auf Zeit neu zu erfinden. Das könnte der Schlüssel zu wahrer Ferienerholung sein! Gelesen von Paula Leu.

Jun 22, 20208 min

Ep 176Berliner Wahlmüdigkeit

Schon wieder eine Wahl. Gut zwei Wochen nach dem Reichstag wird in Berlin über die Zusammensetzung des Stadtparlaments und der Bezirksversammlungen abgestimmt. Kein Wunder, dass die Beteiligung etwas zu wünschen übrig lässt. Die Berliner sind wahlmüde. Während im Parlament ‘Berlin’ letztlich die beiden sozialdemokratischen Parteien die Nase vorne haben, ist das Bild in den Bezirken heterogener. Es liest Frank Riede.

Jun 21, 20204 min

Ep 175Marija Leiko

Der 1887 in Riga geborenen, also lettischen Film- und Theaterschauspielerin Marija Leiko widmet die Berliner Börsen-Zeitung am 20. Juni 1920 ein Portrait. Sehr eindrücklich schildert der Autor Fritz Olimsky die Differenz zwischen Leinwandpräsenz und Alltag der damals viel beschäftigten Stummfilm-Diva. Bevor nun Frank Riede für uns den Artikel zum Klingen bringt, müssen wir noch auf das Drama der Marija Leiko nach 1920 hinweisen. Hatte sie die Flucht vor der Verfolgung durch das Zarenregime erst nach Mitteleuropa gebracht, so flüchtete sie 1933 vor dem NS-Regime wieder zurück nach Riga. 1938 fiel sie bei einem Aufenthalt in Moskau schließlich einer der politischen Säuberungswellen zum Opfer. Sie wurde erschossen unter dem Vorwand, sie sei Mitglied einer konterrevolutionären lettischen faschistischen Organisation.

Jun 20, 20207 min

Ep 174Schwierige Regierungsbildung

Eine Regierungsbildung ist selten einfach, aber nach den Reichstagswahlen vom 6. Juni 1920 stellte sie sich besonders kompliziert dar. Der deutsche Souverän hatte der sogenannten Weimarer Koalition, bestehend aus SPD, DDP und Zentrum, die parlamentarische Mehrheit entzogen, ohne auf der rechten oder linken Seite des Spektrums einen klaren Regierungsauftrag zu erteilen. Blieb als Lösung nur ein Minderheitenkabinett, dessen Findung sich, wie die Deutsche Allgemeine Zeitung vom 19. Juni berichtet, freilich auch schwierig gestaltete: Die Partei des designierten neuen Kanzlers Fehrenbach – das Zentrum – und die bislang durchaus verfassungsskeptische Deutsche Volkspartei Gustav Stresemanns hatten sich im Grundsatz geeinigt. Die linksliberalen deutschen Demokraten waren hingegen noch nicht überzeugt, die Sozialdemokraten, auf deren Duldung das Bündnis angewiesen war, ohnehin nicht. Es liest Paula Leu.

Jun 19, 20204 min

Ep 173Der Wettlauf ums Erdöl

Kein anderer Rohstoff prägt unsere Zeit so sehr wie das Erdöl. Erdöl ist der Schmierstoff der Weltwirtschaft, um den zahllose Kriege geführt wurden und werden und den durch alternative, weniger klimaschädliche Energieträger zu ersetzen der Menschheit trotz aller Anstrengungen bislang nicht wirklich gelingen will. Im Grunde seit der Antike bekannt, begann der große Erdöl-Boom dabei interessanterweise doch erst zu einem bereits fortgeschrittenen Zeitpunkt der Industrialisierung. Noch vor einhundert Jahren hatte der Wettlauf ums Öl gerade erst begonnen. Von ihm berichtet am 18. Juni 1920 in der Vossischen Zeitung Vizeadmiral a.D. Carl Hollweg – und sieht dabei spätestens nach dem Ersten Weltkrieg eindeutig die Briten in der pole position. Ihren Gebietserwerbungen am Persischen Golf sei Dank. Hollwegs einzige Hoffnung für Deutschland, in ausreichender Menge an das begehrte ‘schwarze Gold‘ zu gelangen, um konkurrenzfähig zu bleiben? Ist verfahrenstechnischer Art ... Es liest Frank Riede.

Jun 18, 202010 min

Ep 172Den Bibern geht es gut

Auch vor hundert Jahren wurde der Einfluss des Menschen auf die Verringerung der Artenvielfalt im Tierreich deutlich benannt. Gerade deshalb übermittelt der Artikel der Deutschen Allgemeinen Zeitung vom 17. Juni 1920 über die Säugetier-Fauna Deutschlands den Naturfreunden die gute Nachricht von der Vermehrung der Biber entlang deutscher Flüsse. Am Beispiel der Bisamratte wird hingegen erörtert wie sich importierte und ausgesetzte „fremde“ Tiere rasch zu einer verheerenden Überpopulation vermehren können. Bei aller Liebe für die Biber findet allerdings auch dieser sachliche Artikel einen spitz politischen Ausklang. Die Säugetierarten in den Gebietsverlusten nach dem Ersten Weltkrieg liegen dem Autor wohl nicht allein aus zoologischem Interesse am Herzen. Es liest Paula Leu.

Jun 17, 20208 min

Ep 171Nachruf auf Max Weber

1919/20 flammte noch ein letztes Mal die Spanische Grippe auf. Als eines der letzten prominenten Opfer, verstarb am 14. Juni 1920 in München im Alter von 56 Jahren Max Weber. Der Soziologe, Nationalökonom und Jurist lehrte uns, dass der Idealtypus nicht in der Realität existiert, aber aus einer rationalen Übersteigerung vorgefundener Elemente konstruiert wird. Das hat seine Richtigkeit, und doch ist er selbst dem Idealtypus eines großen universal interessierten und forschenden Gelehrten schon sehr nahe gekommen. Wenn Sie sich für Herrschafts- und Religionssoziologie, für das Verhältnis von Protestantischer Ethik und Kapitalismus, Antike Wirtschaftsgeschichte, die tiefliegenden Probleme der amerikanischen Politik oder die „Objektivität“ sozialwissenschaftlicher Erkenntnis interessieren, greifen Sie zu Webers gesammelten Werken. Heute hören Sie den Nachruf des Berliner Tageblatts vom 16. Juni, gelesen von Frank Riede.

Jun 16, 20206 min

Ep 170Expressionismus in Darmstadt

Berlin hält sich ja gerne für das Zentrum der Welt; nicht zuletzt für das kulturelle. Aber auch weiter im Westen gibt es eine in dieser Hinsicht rege Szene mit durchaus langer Tradition. Darauf macht in der Vossischen Zeitung vom 15.6. 1920 Dr. Rudolf Frank anhand der von der Darmstädter Sezession in der südhessischen Stadt organisierten Ausstellung „Deutscher Expressionismus“ aufmerksam. Es liest Paula Leu.

Jun 15, 20209 min

Ep 169Europäische Regierungskrisenwelle

Nicht allein in Deutschland gestaltete sich nach der Reichstagswahl vom 6. Juni 1920 die Regierungsbildung schwierig. Auch andere europäische Länder steckten anderthalb Jahre nach Ende des Ersten Weltkrieges und den sich damit vielerorts verbindenden politischen Umwälzungen tief in Kabinettskrisen. In Rom, in Wien, in Warschau – überall hatten komplizierte parlamentarische Mehrheitsverhältnisse die traditionellen Lager übergreifende Bündnisse nötig gemacht, deren notorische Instabilität die Regierenden in ihrer Handlungsfähigkeit lähmte. Ungeklärte Territorialfragen trugen ihr übriges zur Schwächung der jungen Demokratien bei und ließen die Berliner Volks-Zeitung vom 14. Juni eine neuerlich gefährliche ‘Krisenwelle‘ auf den gesamten Kontinent zurollen sehen. Es liest Frank Riede.

Jun 14, 20206 min

Ep 168Der Kioskmann

Der Trafikant als Seismograph historischer Entwicklungen ist uns spätestens seit Robert Seethalers gleichnamigem Roman von 2012 bekannt. In einem kurzen Text der Deutschen Allgemeinen Zeitung vom 13.6.1920 wird der Kioskmann allerdings noch radikaler als Existenzberechtigung des Menschen überhaupt beschrieben. „Seinetwegen sind und vergehen wir.“ Es liest Frank Riede.

Jun 13, 20205 min

Ep 167Das Nilpferd im Hungerstreik

Als die Österreichisch-Ungarische Monarchie, die sogenannte k. u. k., also kaiserlich und königliche Monarchie 1918 zerfiel, entstanden eine ganze Reihe neuer, unabhängiger Staaten: Ungarn, die Tschechoslowakei, das Königreich der Serben, Kroaten und Slowenen. Andere Gebietsteile fielen an bereits bestehende Staaten. Zurück blieb die vergleichsweise kleine Republik Österreich, woran, wie böse Zungen behaupten, die österreichische Seele bis heute zu knabbern hat. Mit der Teilung stellte sich auch die Frage, was mit den k. u. k. Staatsbediensteten geschehen sollte, die nun nicht länger Bürger Österreichs waren. So wurden sie schließlich alle entlassen und in ihre neue bzw. alte Heimat geschickt. Nur Deutschösterreicher sollten im Staatsdienst arbeiten, zu dem auch eine solch exklusive Position wie die des Tierpflegers in Schönbrunn gehörte. Und da kam nun ein Nilpferd ins Spiel, das für internationale Verwicklungen sorgte. Arnold Höllriegel berichtet am 12. Juni fürs Berliner Tageblatt aus Wien, Paula Leu liest.

Jun 12, 20205 min

Ep 166Klageschrei der deutschen Hausfrau

Die 1920er wurden schon vor hundert Jahren gerne die ‚Neue Zeit’ genannt. Der Kaiser hatte abgedankt, eine demokratische Verfassung war in Kraft getreten; neue Medien veränderten das Alltagsleben, Reformbewegungen suchten alternative Lebensmodelle zu verwirklichen und auch das Verhältnis zwischen den Geschlechtern wandelte sich. Frauen kritisierten selbstbewusst Missstände der patriarchalischen Gesellschaft. Am 11.6.1920 veröffentlichte das Berliner Tageblatt die spitze Abrechnung mit dem machistischen Cliché der ‚deutschen Hausfrau’ – nicht ohne selbst in einem vorweggestellten Kommentar der Autorin altväterlich über den Mund zu fahren. Es liest Frank Riede.

Jun 11, 20208 min

Ep 165Verjüngung der Lehrerschaft

Eine ganze Generation von Schülerinnen und Schülern hat aktuell durch die Schließung der Schulen erhebliche Lücken im Stoff. Daran ändert auch das Homeschooling nichts, zudem dieses sehr vom Engagement und von den Möglichkeiten der Eltern abhängt. Vor hundert Jahren hatte ebenfalls eine Generation mit den Beschulungsausfällen aufgrund des Ersten Weltkriegs zu kämpfen. Hinzu kam allerdings noch die Veränderung der gesellschaftlichen Rahmenbedingungen, die Transformation vom Kaiserreich zur Republik, die sich auch in den Lehrplänen niederschlug. Eine Lösung des verantwortlichen Ministeriums damals: radikale Verjüngung der Lehrerschaft. Einen entsprechenden Erlass paraphrasiert und kommentiert die Berliner Volks-Zeitung am 10. Juni. Sehr ungeschminkt wird ein vorzeitiges Ausscheiden älterer Lehrerinnen und Lehrer gefordert. Es liest Paula Leu.

Jun 10, 20204 min

Ep 163Ignaz Wrobel dem deutschen Pfahlbürger

Ausbürger oder Pfahlbürger waren im mittelalterlichen Stadtrecht diejenigen Personen, die zwar städtische Bürgerrechte genossen, aber außerhalb der Stadtmauern lebten. Im modernen Sprachgebrauch wird die Bezeichnung synonym mit Spießbürger verwendet. In der Ausgabe vom 9. Juni 1920 der Berliner Volks-Zeitung liest Tucholsky unter dem Pseudonym Ignaz Wrobel den Pfahlbürgern der Weimarer Republik, die bei den Reichstagswahlen für einen Rechtsruck gesorgt hatten, die Leviten. Für uns liest Frank Riede.

Jun 9, 20206 min

Ep 164Für eine „Regierung der Rechten bis zum Zentrum“

Die Reichstagswahl vom 6. Juni endete mit einem herben Stimmenverlust der Kanzlerpartei SPD und einem Erstarken der politischen Ränder. Insbesondere konservativ-rechte Parteien wie die Deutsche Volkspartei und die Deutschnationale Volkspartei verzeichneten deutliche Zugewinne. Kein Wunder also, dass die diesem Lager nahestehende Berliner-Börsen-Zeitung am 8. Juni die bisherige Regierungskoalition aufforderte, einer neuen „Regierung der Rechten bis zum Zentrum“ Platz zu machen. Alle anderen Kombinationen würden dem durch das Wahlergebnis bekundeten Willen des Volkes auf eklatante Weise widersprechen. Es liest Paula Leu.

Jun 8, 20207 min

Ep 162Vormarsch der Rechten

Zu den großen Verlierern der Reichstagswahl vom 6. Juni 1920 gehörte die bisherige Kanzlerpartei SPD. Zwar gingen die sogenannten Mehrheitssozialisten mit 21,9 % wieder als stimmenstärkste Partei durchs Ziel, büßten im Vergleich zur Wahl im Vorjahr aber satte 16 Prozentpunkte ein. Gewinner des Urnengangs waren neben einer erstarkten USPD zur Linken die republikskeptischen Parteien der Rechten, die Deutschnationale Volkspartei und Stresemanns gemäßigtere Deutsche Volkspartei. Bei der SPD-Parteizeitung Vorwärts sorgte dieses Ergebnis naturgemäß für große Enttäuschung. Obwohl noch kein amtliches Endergebnis vorliegt, betreibt sie in ihrer Abendausgabe vom 7. Juni 1920 erste Ursachenforschung und glaubt einen wesentlichen Grund für die Verluste in der Gespaltenheit der Arbeiterbewegung zu erkennen. Gelesen von Frank Riede.

Jun 7, 20206 min

Ep 161Die Tribüne: Bunbury

Am 6. Juni 1920 war Reichstagswahl. Nach den Wahlkampfartikeln der letzten Tage nehmen wir uns heute allerdings eine kurze politische Auszeit, um einer Besprechung des Oscar-Wilde-Stücks ‚Bunbury’, immerhin aus dem Zentralorgan der KPD, der ‚Roten Fahne’ Raum zu geben. Der Rezensent zeigt sich vom Witz des Dichters, der gesellschaftlichen Satire wie auch von der schauspielerischen Leistung durchaus angetan. Lediglich der Wandel des im Jahr zuvor als politisch-expressionistische Bühne gegründeten, mittlerweile aber bereits populärer ausgerichteten westberliner Privattheaters ‚Die Tribüne’ wird kritisiert. So findet sich am Ende auch in der heutigen Zeitungsmeldung zumindest implizit ein politischer Kommentar. Es liest Paula Leu.

Jun 6, 20206 min

Ep 160Größte Bedrohung: Die Linken

Heute lassen wir, am Vorabend der Reichstagswahl 1920, zum Abschluss unserer Vorwahlberichterstattung, ganz bewusst eine Stimme des rechten Lagers zu Wort kommen. In der konservativen Berliner Börsen-Zeitung vom 5. Juni 1920 bekommen wir einen Eindruck davon, wie hier durch das Schüren in der bürgerlichen Mitte der Gesellschaft tief sitzender Ängste Wahlkampf gemacht wurde. Als hätte es den Kapp-Lüttwitz-Putsch wenige Monate zuvor nicht gegeben, betont der Autor des Artikels wie groß die Gefahr des Niedergangs und schließlich der Auflösung Deutschlands durch linke militante Revolutionäre sei. Es liest Frank Riede.

Jun 5, 20207 min

Ep 159In den Armen liegen sich beide

Auch der Vorwärts ist am 4. Juni 1920, zwei Tage vor der Abstimmung über die Neuzusammensetzung des Reichstags, im Wahlkampfmodus und wirbt, selbstverständlich, um Stimmen für die SPD. Spezifisch adressiert werden in diesem Fall die Angestellten, die man vor einem Votum für eine der bürgerlichen Parteien warnt: Diese würde zwar Funktionäre von Angestelltenverbänden auf ihren Listen führen, sich aber keinesfalls politisch für die Rechte von Angestellten einsetzen. Es liest Paula Leu.

Jun 4, 20202 min

Ep 158Am Kleist-Grab

Am Morgen des 21. Novembers 1811 nahmen sich der Dichter Heinrich von Kleist und seine Bekannte Henriette Vogel am Kleinen Wannsee nahe Berlin das Leben. In der Herberge “Zum Stimming” schrieben sie die Nacht hindurch Abschiedsbriefe, um sich anschließend auf einem kleinen Hügel mit Ausblick auf den See zu erschießen. War der Dichter verarmt und vielfach verkannt aus dem Leben geschieden, so hatte sich der Ort des Doppel-Selbstmordes, mit seinem schlichten Gedenkstein, 1920 schon längst zum Wallfahrtsort für Kleist-Fans entwickelt. Am 3. Juni pilgert auch der Autor Erdmann Gräser an den kleinen Wannsee und berichtet in der Vossischen Zeitung von seinen Eindrücken. Gelesen von Paula Leu.

Jun 3, 20205 min