PLAY PODCASTS
Auf den Tag genau

Auf den Tag genau

2,057 episodes — Page 36 of 42

Ep 307Herbsttage im Rheingau

Herbstzeit ist Weinlesezeit, heute wie vor einhundert Jahren. Und heute wie vor einhundert Jahren ist es vor allem der Riesling, der den Weltruf des deutschen Weines begründet. Zu seinen berühmtesten Anbauregionen zählt, wiederum heute wie vor einhundert Jahren, der Rheingau, dessen berühmten steilen Südhängen und malerischen Winzerdörfern das Berliner Tageblatt vom 27. Oktober 1920 einen Besuch abstattet. Mit Blick auf das Wetter zeigt sich der Autor dabei durchaus optimistisch, dass das für Deutschland so entbehrungsreiche Jahr wenigstens einen guten Wein bringen möge. Und tatsächlich: 1920 gilt zumal im Rheingau als sehr guter Jahrgang, für dessen Trockenbeerenauslesen man heute gut und gern drei-, viertausend Euro die Flasche hinlegen muss. Für uns trinkt bzw. liest Frank Riede.

Oct 27, 20209 min

Ep 306In das Land der Skipetaren

Reisen war vor einhundert Jahren bekanntermaßen noch ein ziemlich exklusives Vergnügen der begüterteren Stände. Dennoch – oder gerade deshalb – fiel der Radius der Reiseberichte in der zeitgenössischen Presse kaum geringer aus, als wir es aus unseren Zeitungen kennen. So machte sich zum Beispiel die Vossische Zeitung vom 26. Oktober 1920 auf in ein Land, das selbst heute noch zu den exotischsten Destinationen in Europa zählt: ins Land der Skipetaren, nach Albanien. Der umtriebige Berichterstatter Mario Passarge berichtet von einer urigen Schiffspassage und verwebt seine dort gemachten Beobachtungen mit allgemeineren Bemerkungen zur Weltlage. Es liest Paula Leu.

Oct 26, 20207 min

Ep 305Deutschnationaler Parteitag

Am 25. Oktober 1920 begann der Parteitag der Deutschnationalen Volkspartei in Hannover. Und auch das Berliner Tageblatt desselbigen Tages berichtete. Die nationalkonservative DNVP hatte eine unter anderem antisemitische und monarchistische Agenda. Nach dem Kapp-Putsch aber war die Partei 1920 an Regierungskoalitionen beteiligt, stellte Minister und unterdrückte vorübergehend ihren rechtsradikalen Flügel. Auch auf dem Parteitag wurde offenbar die soziale Frage in den Vordergrund gestellt, und eine Ausweitung der Wählerschaft angestrebt. Es liest Paula Leu.

Oct 25, 20205 min

Ep 304Die Tyrannei der Stunde

Der österreichische Journalist und spätere Romanautor Joseph Roth war im Frühjahr 1920 nach Berlin gekommen und arbeitete dort für verschiedene Zeitungen, insbesondere für den Berliner Börsen-Courier. Dort erschien am 24.10. des Jahres auch ein kleines Feuilleton über die „Tyrannei der Stunde“. Die temporäre Freiheit von seiner im Leihhaus hinterlegten Uhr veranlasst Roth, über das Verhältnis des modernen Menschen zur Zeit zu reflektieren. Sind wir ihr Herr oder ihr Sklave? Zeit ist, was wir aus ihr machen. Wir können die Uhr bezwingen. Wenn wir es wollen, so das Résumé der Überlegungen. Es liest Frank Riede.

Oct 24, 20208 min

Ep 303…wiki

Im November 1919 rief sich Lettland zu einer Republik aus und erkämpfte sich im darauf folgenden Krieg mit Sowjetrussland, der mit dem Friedensschluss im August 1920 endete, die territoriale Unabhängigkeit. Doch war dieser Unabhängigkeitskrieg zugleich, wie es in Russland auch der Fall war, ein Bürgerkrieg, in dem rote, bolschewistische lettische Verbände gegen bürgerliche, weiße Verbände kämpften. Und in diesem unübersichtlichen Feld versuchte die aufs deutsche Militär gestützte deutschbaltische Minderheit vergeblich, den deutschbaltischen Einfluss, der ja seit den Kreuzrittern des Livländischen Ordens aus dem 13. Jahrhundert in der Region präsent war, zu erhalten. Die Ritter hatten 1265 in dem von Liven besiedelten Gebiet das Schloss Mitau gebaut, um das herum die Stadt Mitau (auf lettisch: Jelgava) entstand. Dort spielt die in der Berliner Volks-Zeitung vom 23. Oktober 1920 kolportierte Anekdote aus den Bürgerkriegswirren, die Paula Leu für uns liest.

Oct 23, 20203 min

Ep 302Feuer auf Burg Eltz

Die alte, romantisch zwischen Eifel und Mosel aufragende Ritterburg Eltz gehört zu den ikonischen Bauwerken Deutschlands und hat es nicht von ungefähr als Motiv auf diverse Banknoten gebracht. Der Bericht der Deutschen Allgemeinen Zeitung vom 22. Oktober 1920 schwelgt einmal mehr in den landschaftlichen Schönheiten ihrer Lage, hat aber einen durchaus betrüblichen Anlass: Am 20. Oktober war auf Burg Eltz ein Feuer ausgebrochen – vermutlich in Folge eines Kaminbrandes – und hatte schwere Schäden an der Anlage verursacht. Ein Wiederaufbau der zuvor in allen Kriegen nie eroberten oder zerstörten Veste schien schwierig und sollte sich tatsächlich volle zehn Jahre hinziehen. Für uns besichtigt die Burgruine Frank Riede.

Oct 22, 20209 min

Ep 301Dada-Schlacht in Rom

Der große Surrealist Luis Bunuel erzählt in seiner Autobiographie davon wie er bei den frühen Filmaufführungen im Paris der 20er Jahre stets Steine in den Taschen trug, um sich gegen die Angriffe des Publikums wehren zu können. Tatsächlich gehörte es zum Selbstverständnis vieler Avantgarden, im öffentlichen Raum für Provokationen und Skandale zu sorgen. So auch bei den Dadaisten. Der Berliner Börsen-Courier berichtet in seiner Ausgabe vom 21. Oktober 1920 von solch einem Auftritt der Dadaisten in Rom. Angeführt von Walter Serner, dem Repräsentanten der Schweizer Dadabewegung, gelang es ihnen schon mit der kurzen Eröffnungsrede, den Saal im Chaos versinken zu lassen. Paula Leu liest.

Oct 21, 20203 min

Ep 300Bergarbeiterstreiks in England

Bergarbeiterstreiks kennt man aus der Geschichte Großbritanniens. Auch 1920 demonstrierten Kumpel im ganzen Land gegen die Privatisierung des international immer weniger konkurrenzfähigen Bergbaus und für eine fairere Besoldung. So brachten sie ihren Protest bis vor den Amtssitz des Premierministers, die Downingstreet. An anderen Orten wurde es blutig. Die Berliner Volkszeitung vom 20.10.1920 berichtet von diesem ‚Riesenkampf in England’. Es liest Frank Riede.

Oct 20, 20204 min

Ep 299Österreich hat gewählt

Österreich hat gewählt, und ähnlich wie bei der letzten Abstimmung zum Nationalrat 2019 jubelte auch im Herbst 1920 das christlich-konservative Lager über deutliche Zugewinne und eine sich abzeichnende Regierungsmehrheit. Die Freude wurde, wenig überraschend, auch von den politischen Freunden im ‘Reich‘ geteilt, so von der Germania, Zentralorgan der katholischen Zentrumspartei, die in ihrem Bericht vom 19. Oktober über das Ende der „sozialistischen Misswirtschaft“ frohlockt. In die Genugtuung über den ausgemachten Sieg des christlichen Österreich mischen sich dabei auch ein paar ganz affirmativ aus der österreichischen Presse herbeizitierte, selten unverblümt antisemitische Töne – welche überdeutlich verraten, dass es mit einer konsequenten Abgrenzung nach ganz rechts, ins dritte, ‘völkische‘ Lager nicht allzu weit her war. Das soll heute in Deutschland wie in Österreich ja ganz anders sein ... Es liest Frank Riede.

Oct 19, 20209 min

Ep 298Kärnten ungeteilt

Der Erste Weltkrieg hatte Österreich jäh um seine europäische Großmachtstellung gebracht und auf einen Bruchteil seines einstigen Territoriums zusammenschrumpfen lassen. Umso größer fiel der Jubel aus, als sich im Herbst 1920 wenigstens die Kärntner für einen Verbleib bei Wien entschieden – und zwar nicht nur die deutschösterreichischen Kärntner, sondern auch viele slowenische, ‘windische‘ Kärntner, die in der südlichen Abstimmungszone B eigentlich die Mehrheit stellten, überraschend aber kein Votum für einen Anschluss an das neugründete Jugoslawien herbeiführten. Die Vossische Zeitung vom 18. Oktober 1920 jubelt im fernen Berlin mit und analysiert etwaige historische, wirtschaftliche und geographische Gründe für diese Entscheidung. Es liest Paula Leu.

Oct 18, 20207 min

Ep 297Die Tänzerinnen-Hochflut

Lola Bach, genaues Geburtsdatum unbekannt, ca. so alt wie das Jahrhundert, tanzte 1920 noch überwiegend bekleidet, wurde aber ein Jahr später zu einer vom Justizapparat verfolgten Verfechterin des Nackttanzes. Valeska Gert (28 Jahre alt), die später einige ikonische Rollen in Stummfilmen von Georg Wilhelm Pabst spielen würde, war 1920 mit ihren satirischen Tanzparodien eine Bekanntheit. Olga Desmond hingegen war mit 30 Jahren bereits eine Legende der Tanzszene in Berlin. Auch sie hatte Konflikte mit dem Gesetz wegen zu freizügiger Auftritte, war aber so populär, dass sogar Kosmetikprodukte nach ihr benannt wurden. So vielfältig, innovativ, lebendig und verrufen diese Tänzerinnenszene war, so gab es im Feuilleton auch ernsthafte Tanzkritiker, die mit hohen künstlerischen Ansprüchen die Tanzauftritte verfolgten. Ganz frei von sexistischen und moralinsauren Beobachtungen waren aber selbst sie nicht, wie auch das Beispiel aus der Berliner Börsen-Zeitung vom 17. Oktober 1920 belegt. Es liest Paula Leu.

Oct 17, 20205 min

Ep 296Die USPD zerlegt sich

Vom 12. bis 17. Oktober 1920 fand in Halle der Parteitag der Unabhängigen Sozialdemokratie statt. Die Veranstaltung war von der Auseinandersetzung zwischen linkem und rechtem Flügel geprägt. Während die Vertreter der Linken den Anschluss an die Kommunistische Internationale suchten, lehnten die Rechten diesen Anschluss ab. Grigori Sinowjew, Vorsitzender des Petrograder Sowjets, und der Gewerkschaftsführer Solomon Losowski heizten die Auseinandersetzung als Gastredner aus dem kommunistischen Kernland noch an. Am Ende setzte sich die Linke durch, die Rechten verließen den Parteitag. Das Berliner Tageblatt berichtet, gelesen für uns von Frank Riede, am 16.10.1920.

Oct 16, 20208 min

Ep 295Mensch ohne Zeitung

Was ist ein Mensch ohne Zeitung? Ohne jede Nachricht vom Weltgeschehen? Im Oktober 1920 gab es weder Radio noch Fernsehen, weder social media noch Internet. Die papierne Zeitung war das einzige schnelle Informationsmedium der Zeit. Als auch dieses während des Zeitungsstreiks für knapp zwei Wochen ausfiel, waren die Menschen von den politischen Entwicklungen vollständig isoliert. Humorvoll reflektiert diesen Nachrichtenmangel Erich Vogeler für das Berliner Tageblatt vom 15.10. Diese Zeitung liest für uns Paula Leu.

Oct 15, 20205 min

Ep 294Was in der zeitungslosen Zeit geschah...

Am 14. Oktober 1920 war der Berliner Zeitungsstreik beendet, und auch die ‘bürgerliche‘ Presse konnte wieder erscheinen. Der Berliner Lokal-Anzeiger aus dem zum Hugenberg-Konzern gehörenden Scherl-Verlag ging ausdrücklich nicht davon aus, dass die Berliner Bürgerwelt sich zwischenzeitlich zur Lektüre eines der durchgängig weiter erschienenen Blätter der linken Parteipresse herabgelassen hätte, weshalb er für seine Leser die Ereignisse der zurückliegenden zwölf Tage in einem kurzen Rückblick auf der Titelseite gebündelt zusammenfasste. Dieser setzt an mit ein paar polemischen Einlassungen zum Streik im besonderen und im allgemeinen und bemüht sich auch sonst nicht allzu sehr um politische Neutralität. Es liest Frank Riede.

Oct 14, 20208 min

Ep 293Das Diesel-Diktat

Das besondere Verhältnis der Deutschen zum Dieselmotor reicht weit vor die jüngsten Debatten über Feinstaubbelastung und Fahrverbote zurück. Effizienter als andere Verbrennungsmotoren wurde Rudolf Diesels Patent als Ingenieursleistung gefeiert und insbesondere in Form der sogenannten Schnelläufer zu einem der wichtigen Faktoren deutscher Industrie. Mit ihrem von der Deutschen Allgemeinen Zeitung am 13.10.1920 entrüstet nur ‚Diesel-Diktat’ genannten Verbot der Technologie gaben die Siegermächte des 1. Weltkireges vor, einer Wiederaufrüstung Deutschlands vorbeugen zu wollen. Doch stand der Verdacht im Raum, dass es tatsächlich schlicht darum ging, Deutschlands Wirtschaft klein zu halten… Es liest Frank Riede.

Oct 13, 20205 min

Ep 292Fiume des Ostens

Auch knapp zwei Jahre nach der Einstellung der Kampfhandlungen hatten die Siegermächte des Ersten Weltkriegs etliche territoriale Fragen in Europa noch immer nicht geklärt, und das rächte sich jetzt: An der Kvarner Bucht hatte Gabriele d’Annunzio bereits 1919 das politische Vakuum ausgenutzt und die Stadt Fiume mit Freischärlern in italienischem Namen besetzt, jetzt taten es ihm polnische Milizen in Vilnius, polnisch: Wilna, gleich. Auch ohne Uniformen der staatlichen Armee schafften sie doch militärisch Fakten und bereiteten den Anschluss des auch von Litauen beanspruchten Gebietes an Polen vor. Die Freiheit vom 12. Oktober 1920 sieht die Parallelen, es liest Paula Leu.

Oct 12, 20203 min

Ep 291Ein arg verfrühter Nachruf auf Magnus Hirschfeld

Magnus Hirschfeld, Sexualwissenschaftler und Ikone der Homosexuellen-Bewegung verstarb bekanntermaßen im Mai 1935, im Alter von 67 Jahren in Nizza. Am 11. Oktober 1920 unterlief der Deutschen Allgemeinen Zeitung der Albtraum eines jeden Zeitungsmachers, indem sie einen Nachruf auf Hirschfeld veröffentlichte, basierend auf der falschen Information, Magnus Hirschfeld sei in München seinen durch eine von Antisemiten angezettelten Schlägerei verursachten Verletzungen erlegen. Interessant ist, dass sich die konservative DAZ in diesem kurzen Nachruf ein paar anerkennende Worte für Hirschfeld abringt. Es liest Frank Riede.

Oct 11, 20202 min

Ep 289Streit um die richtige Tischzeit

Dass der Prozess der Zivilisation das Schwert zum Tafelsilber werden lässt, weiß man spätestens seit Norbert Elias. Dass aber ein möglichst spätes Abendessen ebenfalls als Zeichen einer besonders hohen Kulturstufe gesehen werden müsse, ist wohl doch eher ein folgenreiches Missverständnis. Die Deutsche Allgemeine Zeitung vom 10. Oktober 1920 jedenfalls sieht die Pariser Mode, die Tischzeit immer tiefer in die Nacht zu schieben, jedenfalls als eine auch den englischen Arbeitsrhythmen, dem neuen Lifestyle zu verdankende fatale Entwicklung. Tatsächlich brauche es heutzutage Amerikaner, Yankees, um diese Absurdität als das zu verstehen, was sie ist: Kulturverfall, kein zivilisatorischer Fortschritt. Gelesen von Paula Leu.

Oct 10, 20205 min

Ep 290Das mythenumrankte Schildhorn

Auch am 9. Oktober 1920 konnten zahlreiche Berliner Tageszeitungen streikbedingt nicht erscheinen. Nicht betroffen von diesem Ausstand war indes die linke Parteipresse. Sie konnte weiterhin, auch über die Hintergründe des Arbeitskampfes, berichten, ihre Leserinnen und Leser auf die bevorstehenden Parteitage der beiden sozialdemokratischen Parteien einstimmen – oder sie mit herbstlichen Ausflugstipps versorgen. Den Vorwärts verschlug es dabei an diesem Tag an die Havel, auf die mythenumrankte Halbinsel Schildhorn, die für die Stadtgeschichte vermeintlich sehr bedeutsam und nun seit ein paar Tagen tatsächlich auch nach Groß-Berlin eingemeindet war. Es liest Frank Riede.

Oct 9, 20205 min

Ep 288Großberlin in der Schwebe

Von den Widerständen vor allem der Vorstädte des bürgerlichen Westens gegen die Fusionierung zu Groß-Berlin war in unserem Podcast bereits die Rede. Jene waren auch mit dem In-Kraft-Treten des Gesetzes zur Bildung der Einheitsgemeinde am 1. Oktober keineswegs gebrochen. Dessen Gegner obstruierten, wo sie konnten, und sorgten dafür, dass auch eine Woche später wichtige Ämter noch immer unbesetzt waren, zentrale Organe der Stadtverwaltung nicht zusammentreten konnten. Über die daraus resultierend chaotische Lage berichtet aus einem eher fusionsfreundlichen neuen Groß-Berliner Stadtteil die – vom aktuellen Pressestreik nicht betroffene – Neuköllnische Zeitung vom 8. Oktober 1920. Es liest die (Wahl-)Neuköllnerin Paula Leu.

Oct 8, 20206 min

Ep 287Streik im Zeitungsgewerbe

Und schon wieder wurden in Berlin die Zeitungen bestreikt. Anders als beim Generalstreik gegen den Kapp-Putsch im März 1920 ging es jetzt, im Oktober, freilich um genuin Arbeitsrechtliches, und betroffen waren auch nur einige große, ‘bürgerliche‘ Verlagshäuser wie etwa Ullstein, Scherl und Mosse. Die linke Parteipresse – Vorwärts, Freiheit, Rote Fahne – war vom Ausstand hingegen nicht erfasst, und auch die meisten Vorstadtzeitungen konnten ganz regulär weiter erscheinen. So u.a. die Neuköllnische Zeitung, die am 7. Oktober 1920 worüber berichtete? Über den Zeitungsstreik natürlich. Es liest Frank Riede.

Oct 7, 20205 min

Ep 286Die Welt schaut nach Afghanistan

Amanullah Khan war von 1919 bis 1926 Emir, dann König von Afghanistan. Nach seinem Sturz 1929 floh er über Indien und Italien in die Schweiz, wo er 1960 in Zürich verstarb. Amanullah brachte Afghanistan innenpolitisch auf den Weg einer sozialen und politischen Modernisierung nach türkischem Vorbild und stärkte seine Rolle als wichtiger Vertreter der islamischen Welt nicht zuletzt durch eine geschickt englische und russische Interessen gegeneinander ausspielende Außenpolitik. In seinem Bericht vom 6.10.1920 beschreibt der Weltreisende und Autor Bernhard Waurick dieses neue Afghanistan als einen wertvollen Stein auf dem Schachbrett der großen Politik. Gelesen von Frank Riede.

Oct 6, 202010 min

Ep 285Oktoberfest 1920

Das Münchener Oktoberfest ist das größte Volksfest der Welt. Seit 1810 findet es jährlich statt und ist in diesen 210 Jahren bislang 25 Mal ausgefallen. Zuletzt dieses Jahr aufgrund der Corona-Pandemie. Nicht so im Jahre 1920. Nach dem Ersten Weltkrieg entschied man sich für im Umfang kleinere Veranstaltungen, die „Herbstfeste“ tituliert wurden. Natürlich wurde dieses reduzierte Volksfest 1920 mit dem Glanz und der Üppigkeit der Vorkriegszeit verglichen. So geht der Artikel vom 5. Oktober aus der Berliner Morgenpost recht hart mit dem kleinen Oktoberfest ins Gericht. Paula Leu liest.

Oct 5, 20204 min

Ep 284Streit um Tanger

Das marokkanische Tanger war aufgrund seiner exponierten strategischen Lage an der Straße von Gibraltar von jeher ein Zankapfel unter den Kolonialmächten. Auch als sich Frankreich und Spanien Marokko 1912 de facto aufgeteilt hatten, blieb sein Status ungeklärt. Was dazu führte, dass die alten Konflikte nach dem Ende des Ersten Weltkriegs umgehend wieder aufpoppten und es am 4. Oktober 1920 auch in die Deutsche Allgemeine Zeitung schafften. Diese konnte sich dabei – ganz getreu ihrem alten Ruf als „Bismarcks Hauspostille“ – deutlich anti-französische Spitzen nicht verkneifen. Es liest Paula Leu.

Oct 4, 20203 min

Ep 283Hafenstadt Berlin

Böhmen liegt nur bei Shakespeare am Meer und Berlin bekanntlich überhaupt nicht. Dennoch wurde vor einhundert Jahren ein Großteil der hauptstädtischen Versorgung auf dem Schiffsweg abgewickelt, weshalb die Frage eines leistungsfähigen Binnenhafens für die Berliner Infrastruktur seinerzeit für ähnlich bedeutsam erachtet wurde wie heute die eines leistungsfähigen Flughafens. Auch der Vorwärts vom 3. Oktober 1920 beteiligte sich an dieser Diskussion und setzte seine Hoffnung dabei nicht nur in die Fertigstellung des neuen, großzügig konzipierten Westhafens in Moabit, sondern vor allem, gut sozialdemokratisch, in eine Kommunalisierung des Hafenwesens. Es liest Frank Riede.

Oct 3, 20206 min

Ep 282Die Südtiroler Frage

Zu den umstrittensten territorialen Resultaten des Ersten Weltkriegs zählte die neugezogene Brennergrenze zwischen Österreich und Italien. Dass nicht nur das ganz überwiegend italienischsprachige Trentino, sondern auch das ganz überwiegend deutschsprachige Südtirol künftig von Rom aus regiert werden sollte, entsprach zwar Kriegsabsprachen zwischen Italien und den Ententemächten, aber keineswegs den demographischen Verhältnissen. Entsprechend laut und langanhaltend fiel der Groll nördlich des Brenners aus. Auch der Berliner Börsen-Courier erklärt die Italianisierung Südtirols in seinem Kommentar vom 2. Oktober 1920 für unrechtmäßig, bemüht sich aber erkennbar um einen ausgewogenen Bericht über die Situation vor Ort. Es liest Frank Riede.

Oct 2, 20208 min

Ep 281Der Muß-Berliner Westen muss sich wehren!

Die vor exakt einhundert Jahren vollzogene administrative Fusion Berlins mit zahlreichen angrenzenden und de facto mit ihm längst zusammengewachsenen Gemeinden zu Groß-Berlins gilt heute als so vernünftiger wie unvermeidlicher Schritt der Stadtgeschichte. Weithin vergessen ist dabei, dass dieser Prozess damals eine äußerst schwere, politisch höchst umstrittene Geburt darstellte. Während das alte, innerstädtische Berlin seinerzeit als rote Hochburg mit klaren Mehrheiten für die beiden sozialdemokratischen Parteien firmierte, waren viele seiner Vorstädte, vor allem im reichen Westen, eher bürgerlich bis national geprägt. Wie heftig dort die Ablehnung gegen die so empfundene Zwangsvereinigung ausfiel, ist anschaulich einem Beitrag der in Charlottenburg und Wilmersdorf ansässigen Zeitung Der Berliner Westen vom Beitrittstag, dem 1. Oktober 1920, zu entnehmen, der bezeichnenderweise „an alle Muß-Berliner“ adressiert ist. Es liest Paula Leu.

Oct 1, 20208 min

Ep 280Funken von Nauen

Der Telegraph steht wie kaum eine andere Technologie für Fortschritt und Fortschrittsbegeisterung der Jahre um 1900. Die Möglichkeit, mit den entferntesten Winkeln dieser Erde quasi in Echtzeit zu kommunizieren, übte eine auch ein wenig unheimliche Faszination aus. Dass die havelländische Gemeinde Nauen als Meilenstein in der funktechnischen Entwicklung bezeichnet werden darf, hängt mit der dort 1906 in Betrieb genommenen „Großfunkanlage für drahtlose Telegraphie“ zusammen. Am 29. September 1920 wurde das von Hermann Muthesius gestaltete neue Sendegebäude feierlich durch Reichspräsident Ebert eingeweiht. Der Bericht im Vorwärts einen Tag später zeigt in seiner euphorischen Beschreibung, wie sehr hier Technik und Natur, Zukunftsdenken und Ästhetik ineinander spielen. Gelesen von Frank Riede.

Sep 30, 20207 min

Ep 279Selbstbestimmung für die Wenden?

Seit ihrer Gründung, bezeichnenderweise im Jahr 1870, begriff sich die Deutsche Zentrumspartei als Sprachrohr der katholischen Minorität in einem preußisch-protestantisch dominierten Reich. Dieses Selbstverständnis als Minderheitenvertretung erklärt vielleicht auch das Wohlwollen, mit der ihre Parteizeitung Germania 50 Jahre später in der Ausgabe vom 29. September 1920 auf eine andere, sehr viel kleinere, ethnische Minderheit im Lande blickt: die Wenden. Auch diese, uns heute eher als Sorben bekannt, hatten während der Verhandlungen von Versailles vorsichtig auf Möglichkeiten stärkerer Selbstbestimmung geschielt und sahen sich in der Folge vermehrt Verdacht und Verfolgung ausgesetzt. Obwohl nur zu kleinem Anteil von katholischem Bekenntnis, sympathisiert die Germania mit einigen wendischen Forderungen. Es liest Paula Leu.

Sep 29, 20207 min

Ep 278Kunst und Käse

‘Kunst und Gemüse‘ lautete vor einigen Jahren einmal der Titel einer Theaterarbeit von Christoph Schlingensief, ‘Kunst und Käse‘ vor noch viel längerer Zeit, genauer: am 28. September 1920, der einer Glosse im Berliner Tageblatt. Um Theater ging es auch ihr bzw. um die ausgemachte neue Angewohnheit des Berliner Publikums, dort während der Aufführung seine Stullen oder sonstige mitgebrachte Wegzehrung so geräusch- wie geruchsintensiv zu verspeisen. Wie diese hauptstädtische Unsitte zu unterbinden sei? Der Autor hätte dazu einen simplen, aber vermutlich sehr wirkungsvollen Vorschlag. Es liest Frank Riede.

Sep 28, 20206 min

Ep 2773 1/2 Fragen an Wolfram Knauer…

In unseren monatlich gesendeten 3 1/2 Fragen an… sprechen wir heute mit dem Musikwissenschaftler, Jazzforscher und Direktor des Jazzinstitut Darmstadt Wolfram Knauer über den Jazz in Deutschland und seine Anfänge in den Jahren der Weimarer Republik. Knauer ist einer der renommiertesten Jazzforscher des Landes und spätestens seit seinem 2019 erschienen Opus „Play yourself, man! Die Geschichte des Jazz in Deutschland“ der Experte auf diesem Gebiet.

Sep 27, 202020 min

Ep 276Jugendweihe

Die sogenannte Jugendweihe war eine wichtige DDR-Tradition. Als staatssozialistische Großveranstaltung wurde hier Jahr für Jahr der Übergang von tausenden Jugendlichen ins Erwachsenenalter gefeiert. Ein säkularer Gegenentwurf zu den kirchlichen Festen von Konfirmation und Firmung. Doch ist die Jugendweihe tatsächlich weit älter. 1852 vom deutschen Theologen Eduard Baltzer das erste Mal so benannt, hatte sie in der Weimarer Republik eine regelrechte Blütezeit. Insbesondere die Arbeiterparteien SPD und KPD organisierten jedes Frühjahr entsprechende Festlichkeiten. Von den Groß-Berliner Veranstaltungen im Jahre 1920 berichtet in einer kurzen Notiz der Vorwärts am 27.9. Gelesen von Paula Leu.

Sep 27, 20203 min

Ep 275Sarrasani im Zirkus Busch

Wer im September 1920 in Berlin ein Ballett sehen wollte, der konnte in den Zirkus Busch gehen, wo der Zirkus Sarrasani gastierte. Offenbar gehörten damals neben dressierten Tieren, Akrobaten und Clowns auch Musik- und Tanznummern zum festen Bestandteil der Aufführungen. Darüber hinaus enthielt das Programm auch noch Elemente der kolonialistischen und rassistischen „Völkerschauen“ der Zeit, da auch, wie damals völlig selbstverständlich und unhinterfragt gesagt wurde, „Sudanneger“ auftraten. Der in Dresden ansässige Zirkus Stosch-Sarrasani geht auf Hans Stosch zurück, der als Dressur-Clown unter dem Namen „Giovanni Sarrasani“ in den letzten Jahren des 19. Jahrhunderts zu einiger Berühmtheit gelangt ist. Er gründete einen eigenen Minizirkus in Dresden mit Hunden, Affen, einem Bären und einem Schwein. 1920 war der Zirkus Sarrasani, der einen festen Zirkusbau in der Dresdner Neustadt hatte, zu einer beachtlichen Größe herangewachsen, wovon die kurze Nachricht anlässlich der Eröffnung der Saison im Zirkus Busch der Berliner Volkszeitung vom 26 September 1920 zeugt. Es liest Frank Riede.

Sep 26, 20203 min

Ep 274Der neueste Trend: Wettersport

Artikel des österreichische Reiseschriftstellers und Journalisten Arnold Höllriegel haben Sie in unserem Podcast bereits zu Gehör bekommen. Diesmal beweist er in einem Feuilleton des Berliner Tageblatts vom 25. September 1920, dass sich auch Enttäuschung, Wut und Langeweile in einen unterhaltsamen Zeitungstext übersetzen lassen. Die Eindrücke seines Aufenthalts im frühherbstlichen Tiroler Ötztal, das offensichtlich durchgängig verregnet war, nutzt er, um den „Wettersport“ als neuen Trend des Bergurlaubs zu feiern. Paula Leu feiert mit.

Sep 25, 20206 min

Ep 273Frankreichs neuer Präsident

Die Stellung des französischen Präsidenten war in der Dritten Republik, also zwischen 1870 und 1940, nicht ganz so stark wie heute in der Fünften Republik. Dennoch war ein Wechsel in diesem Amt auch schon vor einhundert Jahren, kurz nach der Ratifizierung von Versailles, selbstverständlich auch in Deutschland von großem Interesse. Alexandre Millerand hieß der neue Mann, der nach nur wenigen Monaten den gesundheitlich angeschlagenen Paul Deschanel beerbte, und mit diesem Namen verbanden sich rechtsrheinisch nicht allzu viele Hoffnungen. Galt Millerand doch im Umgang mit dem im Weltkrieg besiegten Nachbarn als Hardliner, dem man überdies – gemäß einem weitverbreiteten rassistischen Narrativ – vor allem die Stationierung afrikanischer Besatzungssoldaten in Deutschland vorwarf. So auch das Berliner Tageblatt vom 24. September 1920, aus ihm liest, trotzdem, Frank Riede.

Sep 24, 20207 min

Ep 272Der alte Bürgermeister für das neue “Groß-Berlin”

So tiefgreifend die politischen Umbrüche des Revolutionsjahres 1918 im Großen waren, gab es im Kleinen, auf der kommunalen Ebene, doch auch einige Kontinuitäten. Der parteilose Jurist Adolf Wermuth war bereits zu Kaisers Zeiten 1912 zum Oberbürgermeister von Berlin gewählt worden und übte dieses Amt auch nach dessen Abdankung, in republikanischer Zeit weiter aus. Das wichtigste Projekt Wermuths in jenen Jahren war dabei das Gesetz zur Begründung Groß-Berlins, das zum 1. Oktober 1920 in Kraft treten sollte - und angesichts der dadurch erheblich veränderten städtischen Demographie natürlich eine Neuwahl des Oberbürgermeisters verlangte. Sowohl die Fusion, als auch Wermuths Wiederwahl sicherten dabei die in Berlin dominierenden linken Parteien, sein angestammtes bürgerliches Lager hingegen wandte sich von ihm ab. Auch die bürgerliche Berliner Morgenpost macht in ihrem Bericht aus dem Stadtparlament vom 23. September keinen Hehl aus ihrer Sicht der Dinge. Es liest Paula Leu.

Sep 23, 20205 min

Ep 271Schaut auf die Kriegskrüppel!

Rund 20 Millionen Tote forderte der 1. Weltkrieg. Dazu kamen noch mehr als 21 Millionen Verletzte weltweit. Neben der ärztlichen Versorgung war die gesellschaftliche Herausforderung hier v.a. die der Reintegration der körperlich, aber auch psychisch teilweise schwer gezeichneten jungen Männer. Auch weil die Rückkehrer wie die Zurückgebliebenen mit dieser Situation häufig nur schwer zurecht kamen, wurden die überfüllten Lazarette nicht selten zu einer Art Verwahranstalt, ja Vorhölle für die Verdammten des Krieges. So jedenfalls der Autor eines Berichts in der Freiheit vom 22.9.1920. Deutschland müsse seiner Verantwortung den hunderttausenden Kriegskrüppeln gegenüber endlich gerecht werden! Es liest Frank Riede.

Sep 22, 20208 min

Ep 270Zugreise von Tokio nach Kyoto

Ende des 19. Jahrhunderts kam ein neues Finanzierungsmodell von Zeitungen auf. Vorreiter dieses nur über Anzeigen finanzierten neuen Zeitungstyps war der Berliner Lokal Anzeiger, dessen erste Ausgabe 1883 herauskam. Der Berliner Scherl-Verlag konnte schon wenige Jahre später den Anzeiger bis auf eine geringe Ausliefergebühr zwei Mal täglich kostenlos anbieten. 1916 übernahm der nationalkonservative Hugenberg-Konzern den Scherl-Verlag und damit auch den Berliner Lokal Anzeiger. Die politische Ausrichtung des Konzerns lässt sich freilich in dem heutigen Artikel nicht unbedingt ablesen. In der Tradition der Reiseberichte, genauer Bahnreiseberichte von Auslandskorrespondenten, die schon öfters in diesem Podcast erklungen sind, schrieb Arthur von Knorr, Marineattaché in Tokio, seine Eindrücke von der Fahrt mit einem Nachtzug von Tokio nach Kyoto für die Ausgabe vom 21. September 1920 auf. Für uns liest Frank Riede.

Sep 21, 20209 min

Ep 269Prügeleien um den Oberstadtschulrat

Ein Riss geht durch die Gesellschaft, die Fronten sind verhärtet, die Lager unversöhnlich. In Zeiten eines neuen, auf alle Fragen nur eine Antwort habenden Nationalismus sind uns die in solcher Formulierung gefassten sozialen Spannungen sehr gut vertraut. Mit Blick auf 1920 lässt sich ganz ähnlich von einer Spaltung der Gesellschaft sprechen. Ohne Internet und social media aber waren es Veranstaltungen wie die Wahl des Oberstadtschulrats, in deren Rahmen die verfeindeten Parteien ganz handfest aufeinander trafen. Am 20.9. berichtet die Vossische Zeitung von entsprechenden Verwicklungen für oder wider die Ernennung eines gewissen Dr. Kurt Löwenstein, Kandidat der Linken. Gelesen von Paula Leu.

Sep 20, 20204 min

Ep 268Die expressionistische ‘Jungfrau’

War Berlin in den 1920er Jahren auch ohne Zweifel die deutsche Theatermetropole und als solche dessen wichtigstes Laboratorium, so kamen viele ästhetische Impulse doch auch aus der Provinz. Eine besonders interessante Rolle kam dabei dem Landestheater Darmstadt zu. Nicht nur im Bereich des Musiktheaters, sondern auch das dortige ‘Sprechtheater‘ bewies unter der Ägide seines jungen Intendanten Gustav Hartung reichlich Mut zum Experiment, wie hier eine Rezension des Berliner Börsen-Couriers vom 19. September 1920 belegt. Wohl war man mittlerweile landauf, landab an expressionistische Schauspiele gewöhnt. Dass man auch einen Klassiker wie Schillers Jungfrau von Orléans expressionistisch inszenieren konnte, war hingegen noch eine ziemlich neue Erfahrung und selbst der Hauptstadtpresse einen ausführlichen Bericht wert. Es liest Frank Riede.

Sep 19, 20205 min

Ep 267Jetzt wieder Zivil im Hafen von Kiel

Als Kiel nach der Eroberung Schleswig-Holsteins durch Preußen und Österreich im Deutsch-Dänischen Krieg des Jahres 1864 rasch zu einer Großstadt heranwuchs, ging diese Entwicklung Hand in Hand mit der Rolle des Kieler Hafens und der dortigen Werften als bedeutender Marinestandort. Mit der Reichsgründung 1871 war Kiel Reichskriegshafen und in seinen Werften wurden Kriegsschiffe und U-Boote gebaut und Über- und Unterseewaffen entwickelt. Damit war nach dem Ersten Weltkrieg schlagartig Schluss und die Stadt Kiel bemühte sich darum, auf dem Marinegelände die nichtmilitärische Schifffahrtsindustrie aus-, bzw. aufzubauen. Von diesem Unterfangen berichtet Alfred Kopp für das Berliner Tageblatt vom 18. September 1920. Für uns liest Paula Leu.

Sep 18, 20206 min

Ep 265Explosion in Manhattan

Explosion im Zentrum von Manhattan! Diese Nachricht klingt heute anders als vor hundert Jahren. Und doch verwüstete im September 1920 eine Wagenladung Sprengstoff Teile der New Yorker Wall Street auf eine Weise, welche den Zeitgenossen ähnlich apokalyptisch vorgekommen sein muss wie Augenzeugen die Angriffe auf das World Trade Center gut 80 Jahre später. 30 Tote und über 300 Verletzte forderte das Attentat letztendlich. Das FBI vermutete italienische Anarchisten als Drahtzieher der terroristischen Attacke. Endgültig bestätigen ließ sich dieser Verdacht nie. Die Vossische Zeitung berichtet am 17.9., für uns liest Frank Riede.

Sep 17, 20204 min

Ep 266Sturmtage in Triest

Nachdem die Podcast-Folge am vergangenen Freitag den turbulenten Ereignissen in Fiume alias Rijeka gewidmet war, wandert unser heutiger Blick ein paar Kilometer westwärts über den Karst nach Triest, wo sich die politische Lage zwei Jahre nach Kriegsende gleichfalls noch bemerkenswert chaotisch darstellte. Vormals Österreich-Ungarns wichtigster Hafen und dank dieser Funktion dort so etwas wie die dritte Stadt im Reiche, lieferten sich jetzt auf seinen Straßen und Plätzen Rechte und Linke, Italiener und Slowenen erbitterte Kämpfe – und ließen Triest, selbst für den Fall eines baldigen Anschlusses an Italien, einer ökonomisch unsicheren Zukunft entgegenblicken. Der Journalist und später berühmte Reiseschriftsteller Richard Katz sah dies in seinem Bericht für die Vossische Zeitung vom 16. September 1920 präzise voraus. Es liest Paula Leu.

Sep 16, 20208 min

Ep 264Das Lautarchiv

Über Jahrtausende sammeln Bibliotheken Texte, sei es in Form von Schriftrollen, Tontafeln, Papyri oder Druckerzeugnissen.... Um 1900 ermöglichen die technischen Erfindungen der Tonaufzeichnung das Festhalten von Tönen, Sprache und Geräuschen – die ersten Lautarchive sind geboren. Von Anfang an hat die Sammlungstätigkeit einen entweder stark ethnologischen oder sprachwissenschaftlichen Fokus, bzw. bewahrte die Stimmen großer Persönlichkeiten. Von der Gründung einer der bedeutendsten Sammlungen dieser Tonplatten und -zylinder, dem Berliner Lautarchiv an der Staatsbibliothek, berichtet voller Begeisterung im Berliner Tageblatt vom 15. September 1920 Dr. Hermann Schönhof. Heutzutage ist das Lautarchiv dem Helmholzzentrum für Kulturtechnik angegliedert. Wir haben für diese Podcastfolge die Stimme von Frank Riede aufgezeichnet.

Sep 15, 20209 min

Ep 263Die Taille ist zurück

Julie Elias war eine feste Größe des Kulturlebens der Weimarer Republik, die heute weitestgehend in Vergessenheit geraten ist. Sie verband, fest davon überzeugt, dass diese eng miteinander verknüpft sind, den modischen Geschmackssinn mit dem kulinarischen Geschmackssinn. Als Modejournalistin veröffentlichte sie unzählige Artikel und als, wie man heute sagen würde, Food-Journalistin zahlreiche Kochbücher, wobei besonders ihre Auseinandersetzung mit der jüdischen Küche Bekanntheit erlangte. Vor den Nazis floh sie nach Norwegen, wo sie im Untergrund lebend, kurz vor Ende des Zweiten Weltkrieges verstarb. Ihr Sohn wurde zwei Jahre zuvor verhaftet und in Auschwitz ermordet. Paula Leu liest Julie Elias’ Modeglosse aus dem Berliner Tageblatt vom 14. September 1920, in der sie sich mit der Wiederkehr der Taille und dem Japonismus beschäftigt.

Sep 14, 20207 min

Ep 262Grabrede auf Rudolf Mosse

Rudolf Mosse gehört zweifelsfrei zu den prägenden Verlegergestalten der Berliner Stadtgeschichte. Ursprünglich aus Grätz bei Posen stammend, baute er seit den 1860er Jahren in der Hauptstadt des baldigen Kaiserreiches ein Zeitungsimperium auf, das vor allem das aufgeklärte Berliner Bürgertum adressierte. Flaggschiff war das 1872 gegründete Berliner Tageblatt, das sich spätestens ab 1906 unter der Ägide seines berühmten Chefredakteurs Theodor Wolff, einem Vetter Mosses, zum Inbegriff der liberalen Großstadtzeitung entwickelte. Als Mosse am 8. September 1920 starb, war Wolff es auch, der in Weißensee auf dem Jüdischen Friedhof die Grabrede hielt. Aus ihr, abgedruckt am 13. September – natürlich – im Berliner Tageblatt, liest Frank Riede.

Sep 13, 20209 min

Ep 260Die Tausendmarkmaschine

Wer träumt nicht von einer Maschine, mit der sich Geld in unbegrenzten Mengen drucken ließe?! Wer würde nicht gern tausend Mark Investition unkompliziert und schnell verdoppeln? Letzteres versprach vor hundert Jahren ein gewisser Robert Philipp in Hannover. Als Ingenieur und Erfinder hatte er einen komplexen Apparat entworfen, mit dessen Hilfe er Geldscheine verdoppeln zu können vorgab. Die Polizei grätschte dazwischen und Philipp entwarf seine seltsamen Maschinen fortan hinter schwedischen Gardinen. Paula Leu liest den Bericht der Berliner Morgenpost vom 12.9.1920.

Sep 12, 20203 min

Ep 261Der Freistaat Fiume

Gabriele D’Annunzio gehört nicht nur zu den wichtigsten Autoren des italienischen Fin de siècle, sondern ist gleichermaßen auch zu den berühmtesten politischen Hasardeuren des frühen 20. Jahrhunderts zu zählen. Nachdem sich die groß-italienischen ‘Irredentisten‘ bei der Verteilung der Kriegsbeute nach 1918 zu kurz gekommen und namentlich um erhoffte Gebietszugewinne im adriatischen Raum betrogen wähnten, machte er sich im September 1919 mit einem Trupp Freischärler kurzerhand selbst auf den Weg und besetzte im Handstreich das auch vom frisch gegründeten jugoslawischen Staat beanspruchte Rijeka alias Fiume. Ein Jahr später hatte diese Okkupation immer noch Bestand. Während man sich in Washington, London und Paris nicht einig war, wie diesem Staatsstreich zu begegnen sei, und man sich in Rom und Belgrad zunehmend um diplomatische Wege aus der Krise bemühte, schritt D’Annunzio darin fort, Fakten zu schaffen und erklärte Fiume in einer nächsten Volte unter großem Pomp zum Freistaat. In ganz Europa sah man halb konsterniert, halb bewundernd diesem Schauspiel zu, so auch am 11. September 1920 das Berliner Tageblatt. Aus ihm liest Frank Riede.

Sep 11, 202010 min

Ep 259Ignaz Wrobel: Für ein politisches Kino

1895, das Jahr, in dem Gustave Le Bons Buch Psychologie der Massen erschien, das eine neue Sparte der Psychologie mitbegründete, die sich mit dem Verhalten von Menschen in Menschenansammlungen beschäftigt, war auch das Jahr der ersten öffentlichen Aufführung des Kinematographen der Gebrüder Lumiere. Le Bon hatte sich natürlich noch nicht mit der Kinematographie beschäftigt, zumal nur wenige ahnten, wie erfolgreich das Kino ein Viertel Jahrhundert später sein würde. Kurt Tucholsky war jedenfalls 1920 klar, wie wirkmächtig das Kino die Zuschauermenge beeinflussen kann, und er plädiert in der Freiheit vom 10 September 1920 für ein politisches Kino, wobei er die größte Hürde auf dem Weg dahin sofort benennt: die Filmzensur - Tucholsky publiziert unter Ignaz Wrobel, Paula Leu liest.

Sep 10, 20208 min

Ep 258Antisemiten verprassen Milch auf Borkum!

Auch während der harten Jahre nach Ende des 1. Weltkrieges gab es – ganz wörtlich zu nehmende – Inseln der Fülle und des Überflusses. Eine antisemitisch-monarchistische Klientel hatte es sich auf der Nordseeinsel Borkum eingerichtet und Mittel und Wege gefunden, die Beschränkungen der Notwirtschaft zu umgehen. Der Vorwärts vom 9.9.1920 klagt diese Entwicklung mit scharfem Zynismus an und fordert implizit die Vertreibung der Hakenkreuzler aus ihrem auf Betrug und Verbrechen aufgebauten „Paradies der Arier“. Es liest Frank Riede.

Sep 9, 20203 min