
Auf den Tag genau
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Ep 157Die Stunde des Bürgertums
Auch am 2. Juni werden die Zeitungsmeldungen von der anstehenden Reichstagswahl dominiert. Wie soll man wählen? Welcher Partei soll man seine Stimme geben? Die aufgrund des Weimarer Systems mit neun größeren und einer ganzen Reihe kleinerer Parteien eh schon schwierige Entscheidung wurde durch immer neue ausgesprochene und unausgesprochene Allianzen und die sich daraus ergebenden komplizierten Konstellationen nicht gerade leichter. Wie gefährlich die so organisierten Partikularinteressen für die Republik sein können, das habe zuletzt der Kapp-Putsch klar gezeigt, so der Kommentator des Berliner Tageblatts. Der Moment sei gekommen, in welchem das Bürgertum sein ganzes Gewicht einbringen und statt für klassen- und interessengebundene Parteien für die freie Demokratie zu stimmen habe. Es liest Frank Riede.
Ep 156Pleitewelle der Kaffee-Paläste
Das pulsierende Tanzlokal „Moka Efti“, heute vor allem aus der Fernsehserie „Babylon Berlin“ bekannt, hat es tatsächlich gegeben. Jedoch war es zunächst einmal ein Kaffee-Haus, freilich ein Kaffee-Palast mit Extravaganzen, im orientalischen Stil ausgestattet, mit als Zugwagongs gestalteten Fluren, einem Schreibdienst mit Postservice und einem Frieseur-Salon. Auch derartige „Kaffee-Event-Lokale“ durchlitten nach dem Ersten Weltkrieg allerdings eine Krise, die zu einer Reihe von Pleiten führte. Von diesem „Sterben der Kaffee-Paläste“ berichtet durchaus hämisch Peter Sachse in einem von Paula Leu gelesenen Artikel der Berliner Volks-Zeitung vom 1. Juni 1920.
Ep 155O. Strasser: Warum wählen die Studenten rechts?
Otto Strasser gehört zweifellos zu den schillerndsten Figuren, die die politische Landschaft Deutschlands im 20. Jahrhundert hervorbrachte. Sein Engagement für einen ‘nationalen Sozialismus‘ führte ihn nach dem Ersten Weltkrieg zunächst zur SPD, von der er sich bald jedoch schon enttäuscht ab- und 1925 der jungen NSDAP zuwandte. Gemeinsam mit seinem Bruder Gregor sowie anfänglich auch mit Joseph Goebbels gehörte er hier zum sogenannten ‘linken‘, antikapitalistisch-sozialrevolutionären Parteiflügel. Nachdem dieser den parteiinternen Richtungsstreit verloren hatte, verließ Strasser die NSDAP bereits 1930 wieder und wurde zu einem erbitterten Gegner Hitlers, als der er von wechselnden Exilstationen aus gegen dessen Regime agitierte und dabei mehrere Attentate überlebte. Zurück in Deutschland, betätigte sich Strasser nach 1945 schließlich vornehmlich als Publizist – und erfreut sich bis heute einer gewissen Popularität in neurechten Kreisen. Auch wenn sich Strasser 1920 selbst dezidiert noch als Linker verstand: Sein Artikel im Vorwärts vom 31. Mai über die bevorstehende Reichstagswahl mischt unter die Klassenrhetorik damals schon gewisse völkische Motive. Und lässt manche seiner späteren weltanschaulichen Irrungen und Wirrungen somit durchaus schon erahnen. Es liest Frank Riede.
Ep 153Wählt die DDP!
Conrad Haußmann, Mitbegründer der literarisch-politischen Zeitschrift „März“, in der, ganz im Geiste einer deutsch-französischen Aussöhnung, französische Autoren publizieren durften, war auch Mitbegründer der Deutschen Demokratischen Partei, und für diese Abgeordneter im Reichstag. Die liberale DDP war im Mai 1920 an der herrschenden Regierungskoalition beteiligt und stand klar auf dem Boden der parlamentarischen Demokratie. Am 30. Mai griff Conrad Haußmann mit einem Artikel im Berliner Tageblatt, der, wenn man so will, Hauszeitung der DDP, in den Reichstagswahlkampf ein. In sehr kategorischer, thesenartiger Manier weist er darauf hin, dass die Lehren aus der Geschichte zwangsläufig zum Wahlprogramm der DDP führen. Es liest Frank Riede.
Ep 154Das Leiden der Passionsspiele
Nach dem verheerenden Pestjahr 1633 in Oberammergau schwor die Dorfgemeinschaft Passionsspiele aufzuführen, wenn weitere Pestopfer ausblieben. Da dem so war, fanden 1634 die ersten und fortan im 10-Jahres-Rhythmus Passionsspiele statt. Aktuell wurde die Aufführung für 2020 wegen der Corona-Pandemie um zwei Jahre auf 2022 verlegt. Vor einhundert Jahren druckte das Berliner Tageblatt ein Interview ab, das Erwin Bryk in Oberammergau mit dem Christusdarsteller Anton Lang geführt hatte. Das große Thema des Gespräches ist, ob die Spiele wegen der wirtschaftlichen Verwerfungen infolge des Ersten Weltkrieges 1920 überhaupt würden stattfinden können. Der Christus der Spiele ist skeptisch. Und tatsächlich wurde auch 1920 die Aufführung wegen der Kriegsfolgen um zwei Jahre auf 1922 verschoben. Es liest Paula Leu.
Ep 150Wählt die USPD!
Auf unserem Weg zur Reichstagswahl am 6 Juni 1920 hören Sie heute den Wahlaufruf der Unabhängigen Sozialdemokratischen Partei Deutschlands, abgedruckt in ihrer Parteizeitung, der Freiheit am 28. Mai. Ganz systematisch werden darin die um die Wählerinnengunst konkurrierenden Parteien von rechts nach links, von der Deutschnationalen Volkspartei bis zu der als Rechtssozialisten bezeichneten SPD, abgearbeitet, stets mit einer Begründung, warum man diese nicht wählen könne. Da bleibt letztlich nur die USPD. Es liest Frank Riede.
Ep 152Wahlplakate vs. Bausubstanz
Wahlen stehen vor der Tür – aber wohin mit den unzähligen Wahlplakaten? Eine zeitlose Frage. Am 6. Juni fanden die Reichstagswahlen 1920 statt, deren Vorlauf wir nun auch in unserem Podcast verstärkt bespielen wollen. Den Auftakt zu unserer „Berichterstattung“ macht ein am 27. Mai im Vorwärts abgedruckter und kommentierter Aufruf des Magistrats von Berlin, der verhindern will, dass die ganze Stadt beliebig mit Wahlplakaten und -aufrufen zugekleistert wird und es dadurch zur Schädigung der Bausubstanz kommt. Es liest Paula Leu.
Ep 149Zwei Menschen
Die traurige Geschichte des Antisemitismus ist lang. Obwohl der Begriff erst Ende des 19. Jahrhunderts durch den deutschen Journalisten, Anarchisten und Gründer der ‚Antisemitenliga’ Wilhelm Marr geprägt wurde, gibt es Judenfeindschaft in unterschiedlichen Ausprägungen schon seit gut 2500 Jahren. Auch in der Weimarer Republik war antisemitische Diskriminierung weit verbreitet. Im Vorwärts vom 26.5.1920 beschreibt Artur Zickler – selbst eine durchaus schillernde Figur zwischen Sozialismus und Nationalismus – in einer Alltagsszene eindrücklich den großen Teilen der Bevölkerung ganz selbstverständlichen Judenhass. Es liest Frank Riede.
Ep 151Mode - aus der Not geboren
Direkt nach Ausbruch des 1. Weltkriegs hatte Spanien seine Neutralität erklärt. So wurde es schnell zum Zufluchtshafen für diejenigen, welche die Mittel hatten, ihr Vermögen aus den Kriegsgebieten auf die iberische Halbinsel zu verlagern. Nach Ende des Krieges aber führten Spekulation und Schiebertum auch in Spanien zu dramatischen Preissteigerungen bei Produkten des täglichen Bedarfs und Luxusgütern. Schuhe und Hüte waren für einen Großteil der Bevölkerung bald kaum noch zu bezahlen. Konnte man auf letztere notgedrungen noch verzichten, so fand man in den einfachen, traditionellen Alpargatas die Lösung des Schuhproblems. Eine Mode war geboren. Am 25.5. 1920 berichtet die Vossische Zeitung. Es liest Frank Riede.
Ep 1473 1/2 Fragen an Ethel Matala de Mazza
In der heutigen Folge unseres monatlichen Interviewformats ‚3 1/2 Fragen an…’ sprechen wir mit der Berliner Literaturwissenschaftlerin Ethel Matala de Mazza. In ihrem 2018 erschienen Buch ‚Der populäre Pakt. Verhandlungen der Moderne zwischen Operette und Feuilleton’ untersucht Matala de Mazza die Rolle der beiden populären Kleinformen für die Transformation der Öffentlichkeit, wie sie sich auf prägnante Weise auch am Berlin der 1920er beobachten lässt. Was aus Sicht der Hochkultur als marginal erscheinen mag, zeigt sich nun als Motor der gesellschaftlichen wie ästhetischen Entwicklung.
Ep 148Hasenclevers “Die Menschen” in Prag
Da die Pfingstsonntagsausgabe 1920 der Zeitungen gewissermaßen auch den Pfingstmontag bespielte, haben wir uns entschieden, heute einen weiteren Artikel, der streng genommen am 23.5.1920 erschien, zu präsentieren. Am 15. Mai feierte das umstrittene Theaterstück des expressionistischen Dichters Walter Hasenclever „Die Menschen“ im Deutschen Landestheater in Prag seine Premiere. Das Stück, in dessen Regieanweisungen Hasenclever versucht, Montageprinzipien des Stummfilms auf die Theaterbühne zu bringen, stieß auf Ablehnung beim Publikum und der Kritik, weshalb das Stück nach wenigen Reprisen abgesetzt wurde. Deutlich positiver schreibt Max Brod in besagter Pfingstausgabe des Berliner Tageblatts über das Stück und die Inszenierung durch Hans Demetz. Es liest Paula Leu.
Ep 146Juchacz: Sozialismus für unsere Kinder
Marie Juchacz ist eine wichtige weibliche Stimme des frühen 20. Jahrhunderts. Die Sozialdemokratin, Frauenrechtlerin und Mitbegründerin der Arbeiterwohlfahrt saß ab der Einführung des Frauenwahlrechts 1919 als Abgeordnete im Reichstag und hielt als erste Frau eine Rede vor der Nationalversammlung der Weimarer Republik. Am 23. Mai 1920 schrieb sie im sozialdemokratischen Vorwärts anlässlich der kommenden Reichstagswahlen einen Aufruf, der sich besonders an die Frauen richtet, bei der anstehenden Wahlentscheidung an ihre Interessen und die Interessen ihrer Kinder zu denken. Bevor wir an Paula Leu abgeben, die den heutigen Artikel eingelesen hat, müssen wir darauf hinweisen, dass Juchacz zu Beginn eine deutlich rassistische Haltung gegenüber Schwarzafrikanern formuliert, die wir hier als Zeitdokument präsentieren. Es sagt etwas über die Verbreitung und Alltäglichkeit solch rassistischer Ansichten aus, dass auch eine progressive Politikerin wie Juchacz sich ihrer bedient. Konkret war es 1920 ein breiter Konsens über alle Parteigrenzen hinweg, die Stationierung von französischen aus Schwarzafrika stammenden Truppen in den besetzten Gebieten des Rheinlands als ultimative Demütigung zu interpretieren, da ein, so die rassistische Benennung damals, niederes Volk ein Kulturvolk wie die Deutschen mit Waffengewalt in Schach hielt. Es liest Paula Leu.
Ep 144Schokoladen-Drama am Paketschalter
Wer kennt nicht das Gefühl der Ohnmacht gegenüber dem allmächtigen Postbeamten am Schalter der Paketausgabe! In Notzeiten, in denen ein Paket aus Übersee Hoffnung auf ein Bisschen Schokolade, ein Bisschen Luxus hieß, war diese Ohnmacht mehr als nur Ärgernis. Sie konnte Träume platzen lassen. Am 22. Mai 1920 berichtet Walter Hammer für die Berliner Volks-Zeitung von einem besonders dramatischen Fall… Es liest Frank Riede.
Ep 145Pfingstausflug zum Kloster Chorin
Der Pfingstausflug ist eine Tradition fast wie der Osterspaziergang. Als Berliner locken einen Ziele in der Mark Brandenburg. Landschaftlich und kulturell ein echter Höhepunkt ist dabei das ehemalige Zisterzienserkloster Chorin nördlich von Eberswalde. Für den 21. Mai 1920 schlägt die Berliner Volkszeitung ihren Lesern so auch eine Waldwanderung von Eberswalde nach Chorin vor, mit kleinteiliger Wegbeschreibung, einer kurzen Impression aus der Klosterruine und dem Hinweis, dass sich die teure Zugfahrt aus Berlin in die Mark für dieses besondere Erlebnis durchaus lohnt. Gelesen von Paula Leu.
Ep 143Müssen alle Doktorarbeiten publiziert werden?
Aktuell fordern die Dissertationsordnungen der Universitäten in Deutschland eine Publikation der Doktorarbeit; erst mit der Veröffentlichung darf der Doktortitel ohne Einschränkung getragen werden. Eine Flut mehr oder weniger gut lesbarer wissenschaftlicher Qualifikationsarbeiten auf dem Buchmarkt ist die Folge – und eine Doktorin, die sich ihren neuen Status mit den meist selbst zu tragenden Druckkosten auch materiell teuer hatte erwerben müssen. Schon vor einhundert Jahren begrüßt somit nicht ganz zu unrecht ein mit dem Kürzel Dr. W. A. zeichnender Autor im Vorwärts die Abschaffung der Veröffentlichungspflicht von Doktorarbeiten durch den preußischen Unterrichtsminister. Dieser hatte den herrschenden Papiermangel als Grund für seine Entscheidung angegeben, Dr. W.A. verweist hingegen auf die Sinnlosigkeit, jedes Jahr unzählige, seiner Meinung nach völlig irrelevante Arbeiten in die Buchhandlungen zu bringen. Es liest Frank Riede.
Ep 142Bei Giacomo Puccini
Der große italienische Komponist Giacomo Puccini, Schöpfer von Opern wie Tosca, La Boheme oder Madame Butterfly, war 1920 62 Jahre alt. Immer noch sehr produktiv war sein letztes umfangreicheres Werk erst zwei Jahre zuvor an der Metropolitan Opera in New York uraufgeführt worden. (Tryptichon aus den Einaktern Il tabarro (der Mantel), Suor Angelica (Schwester Angelika) und Gianni Schicchi). Wie es bis heute üblich ist, empfing er hin und wieder bei sich Journalisten, so auch den Korrespondenten des Berliner Tageblattes Hanns Warning, der in der Ausgabe vom 19. Mai von seinem Gespräch mit Puccini berichtet. Darin geht es nicht zuletzt um dessen Verhältnis zur deutschen Musikszene und um die Aussicht auf kommende Puccini-Aufführungen im Deutschen Reich. Gelesen von Frank Riede.
Ep 140Deutschnationaler Studententerror
Die Freiheit von Lehre und Forschung ist ein hohes Gut. Wissenschaft sollte sich nicht nach dem Parteibuch richten. Dass extreme Gruppierungen das anders sehen und durch Gewalt und Sabotage eine bestimmte politische Linie in universitären Veranstaltungen durchzudrücken suchen, ist allerdings kein ganz neues Phänomen. Am 18.5.1920 berichtet die Vossische Zeitung von einem entsprechenden Vorfall an der Frankfurter Universität: die deutschnationale Studentenschaft hatte versucht, die Antrittsvorlesung des Rechtswissenschaftlers, SPD-Mitglieds und engagierten Gegners der Todesstrafe Hugo Sinzheimer durch lautstarke Störungen zum Abbruch zu bringen. Gelesen von Paula Leu.
Ep 141Extremes Wahlergebnis in Braunschweig und Danzig
Am 17. Mai 1920 standen die Ergebnisse zweier lokaler Wahlen fest. Bei der Braunschweiger Landesversammlung blieb das Verhältnis zwischen „rechten“ und „linken“ Parteien ungefähr gleich. Allerdings verzeichneten die Parteien rechts außen sowie die USPD und die Kommunisten am linken Rand enorme Zuwächse, während die „Mitte“ massiv verlor. Ein ähnliches Bild zeigte sich bei der Wahl zum Volkstag in Danzig. Nicht nur die Vossische Zeitung nahm in ihrer Wahlanalyse an, dass diese Tendenz hin zu den Extremen auch bei den im Juni anstehenden Reichstagswahlen von Bedeutung sein würde. Es liest Frank Riede.
Ep 138Die Stimmung in Mailand
Aufgrund des Krieges und der Wirren und Nöte der Nachkriegszeit waren touristische Reisen in europäische Staaten nicht an der Tagesordnung. Umso neugieriger macht sich der Kolumnist der Vossischen Zeitung Emil Thieben auf den Weg nach Mailand, um seine dortigen Eindrücke mit seinen Erinnerungen aus Vorkriegszeiten abzugleichen. Am 16. Mai 1920 schreibt er dann über neue Uniformen der italienischen Polizeieinheiten, über neue Bauprojekte und allgemein über die Stimmung in der Stadt. Hoffen wir, dass es auch heute, für uns bald wieder möglich sein wird, sich vor Ort in Mailand umzuschauen. Es liest Frank Riede.
Ep 139Gefahren der Hypnose
In den 1920er Jahren, wie auch schon in den Jahrzehnten zuvor, erfreuten sich Hypnotiseure großer Beliebtheit. An der Grenze zwischen Attraktion, Magie und medizinischen Therapiesitzungen traten sie vor großem Publikum auf, führten Sitzungen in spiritistischen Zirkeln durch oder wurden für private Sitzungen bezahlt. Die Strahlkraft ihrer Kunst verlockte viele Amateure dazu, auf dem lukrativen Markt der Hypnotiseure mitzumischen. Am 15. Mai 1920 warnt im Vorwärts der Nervenarzt Dr. Engelen vor den Gefahren der Hypnose. Bei nicht sachgerecht durchgeführter Hypnose drohten schwere, oft bleibende Schädigungen. Es liest Paula Leu.
Ep 137Die Schweiz und der Völkerbund
Dass internationale Abkommen und Bünde in der Schweiz leicht als Einschränkung der eigenen nationalen Unabhängigkeit gesehen werden, ist bekannt. Auch schon vor hundert Jahren führten entsprechende Vorhaben in den Kantonen so zu heftigen Debatten. Ob das Land dem Völkerbund beitreten solle oder nicht, wurde intensiv und durchaus scharf diskutiert. Wie ließe sich bei einem Beitritt die so integrale Neutralität des Landes bewahren? Tatsächlich gewannen die Beitrittsbefürworter die Abstimmung am 16. Mai schließlich denkbar knapp – was zwei tage zuvor allerdings noch überhaupt nicht ausgemacht war, wie die Vossische Zeitung zu berichten weiß. Es liest Frank Riede.
Ep 136Mammertus, Siebenschläfer und Co.
Wenn es am Siebenschläfer regnet, regnet es dann 7 Wochen lang? Oftmals zeigt sich, dass so manche Bauernregel und so mancher Aberglaube einen wissenschaftlich nachweisbaren Kern enthält. Davon handelt der heutige Artikel aus der Freiheit, in dem Wetterregeln meteorologisch geprüft werden. Zum Ende wird gar eine Wetterprognose und die Vorhersage der Pegelstände in den Flüssen für den Sommer 1920 gewagt. Es liest Frank Riede.
Ep 135Wohnungsbau auf dem Tempelhofer Feld
Manche Themen bleiben einer Stadt über lange Zeiträume hinweg erhalten: Auch schon vor einhundert Jahren lag vor den Toren der Berliner Innenstadt das – in seinen Ausmaßen damals freilich noch weiter – ausgedehnte Tempelhofer Feld. Und schon damals faszinierte es die Städter ob seiner großzügigen Weite, die in markantem Kontrast zu den immer beengteren Verhältnissen in und zwischen den urbanen Mietkasernen stand. Denn auch schon vor einhundert Jahren herrschte in Berlin eine erhebliche, verglichen mit heute sogar noch viel dramatischere Wohnungsnot. Und entsprechend diskutierte man durchaus kontrovers Pläne einer etwaigen Randbebauung des Tempelhofer Feldes. Von der Realisierung eines entsprechenden Projekts durch einen städtischen Wohnungsverband berichtet am 12. Mai 1920 das Berliner Tageblatt. Es liest Paula Leu.
Ep 134Mehr Spielplätze!
Der 9. Mai 1920 wurde im gesamten Deutschen Reich zum ›Spielplatz-Werbetag‹ erklärt. Doch was nach harmloser Lobbyarbeit zur Förderung frühkindlicher motorischer Entwicklung klingen mag, hatte vor 100 Jahren eine durchaus andere Dimension: In mehreren hundert Städten forderte die ›deutsche Jugend‹ Spiel- und Sportstätten zu körperlicher Ertüchtigung. Die Demonstranten gaben sich parteilos, machten allerdings keinen Hehl aus ihrer sehr nationalen Einstellung. Auch der Bericht in der Berliner Volks-Zeitung vom 11. Mai 1920 zeigt diese Verbindung deutlich. Gelesen von Frank Riede.
Ep 133Ein Chef auf Abwegen
Von den zahlreichen Pop-Up-Bars und -Restaurants, mit denen versucht wurde, die abendliche Polizeisperrstunde zu umgehen, hatten wir ja schon in unserem Podcast berichtet. Die Polizeibeamten gingen gegen die nächtlichen Umtriebe mit Kontrollen und Razzien vor – und stießen dabei manchmal auf mehr oder weniger alkoholisierte hochrangige Beamte aus den eigenen Reihen. Von solch einem besonders brisanten Fall berichtet die Vossische Zeitung am 10. Mai 1920. Es liest Paula Leu.
Ep 132Die Schwerindustrielle Diktatur
Walther Rathenau gehörte Anfang des 20. Jahrhunderts zweifellos zu den schillerndsten, einflussreichsten, aber auch widersprüchlichsten Figuren des politischen Deutschlands. Als überzeugter liberaler Intellektueller in Opposition zum herrschenden Wilhelminismus, beteiligte sich die von seinem Vater gegründete und nun von Rathenau selbst als Aufsichtsratsvorsitzender geleitete AEG doch in großem Stil an der Rüstungsproduktion im Ersten Weltkrieg und involvierte ihn tief in die Kriegsplanungen der Reichsregierung. Nach der Revolution engagierte sich Rathenau indessen wieder in der linksliberalen Deutschen Demokratischen Partei, der DDP, die ihn ab 1921 zunächst als Wiederaufbau-, dann als Außenminister in die Regierung entsandte. Bereits zuvor hatte er sich verschiedentlich publizistisch in die politischen Debatten eingemischt, so u.a. am 9. Mai 1920 in der Berliner Volks-Zeitung zu Fragen einer europäischen Wirtschaftspolitik. Es liest Frank Riede.
Ep 130Präsidentschaftskandidaten in den USA
Zwei Jahre nach Ende des 1. Weltkrieges gab es immer noch keinen vertraglich gesicherten Frieden zwischen Deutschland und den USA. Tatsächlich hatte es die republikanische Mehrheit im Kongress am 19. März 1920 abgelehnt, den Versailler Vertrag zu ratifizieren. Dass es noch bis zum 25. August des Folgejahres dauern sollte, ehe der sogenannte Berliner Vertrag einen Separatfrieden zwischen den beiden Mächten besiegelte, hing auch mit der politisch offenen Situation in den USA dieser Zeit zusammen: 1920 war Wahljahr. Die Demokratische Partei hatte nach dem Ausscheiden ihres Präsidenten Woodrow Wilson den eher schwachen James M. Cox als Kandidaten nominiert. Die Republikaner mussten sich zwischen dem aufstrebenden Herbert Hoover und einer Reihe anderer Anwärter, darunter der spätere Präsident Warren G. Harding, entscheiden. Am 8.5. berichtet das Berliner Tageblatt. Es liest Frank Riede.
Ep 131Stinnes kauft Zeitungen
Dass es für die Verfolgung eigener Interessen strategisch sinnvoll ist, die Presse zu beeinflussen, oder besser: zu kontrollieren, ist nicht neu. Dementsprechend wurde der forsche Ankauf von Zeitungen durch Großindustrielle in der Weimarer Republik skeptisch beäugt. Die Freiheit beklagt in ihrem Artikel vom 7. Mai 1920 die ungleichen Bedingungen im Kampf um die Meinung der noch „unentschlossenen“ Wähler bei der kommenden Reichstagswahl, wie sie etwa die Zeitungsankäufe des Industriellen und Politikers Hugo Stinnes verursachen. Gelesen von Paula Leu.
Ep 129Der Mars antwortet nicht
Gibt es intelligentes Leben auf dem Mars? Vor einhundert Jahren konnte man dies noch nicht ausschließen und versuchte mit den technisch damals neuen Mitteln der Funkentelegraphie Kontakt zum ‘roten Planeten‘ herzustellen. Der Vorwärts berichtet in seiner Ausgabe vom 6. Mai 1920 jedenfalls von einem diesbezüglichen Versuch in Amerika, der – wenig überraschend – jedoch scheiterte: Der Mars antwortete nicht. Gelesen von Paula Leu.
Ep 128Wiederaufbau des Lunaparks
Von 1909 bis 1933 war der Luna-Park am Berliner Halensee Europas größter Vergnügungspark. Nach dem Vorbild von New Yorks Coney Island sollte eine Vielfalt an Attraktionen dem stadtmüden Bewohner der deutschen Kapitale neuen Schwung verleihen. Es gab ein Wellenbad, eine Gebirgsbahn und ein Hippodrom; die erste Rolltreppe Berlins war zu bestaunen. Neben Theater, Kabarett und Jazzmusik wurden Tanzturniere und Boxkämpfe organisiert; aber auch die seit dem ausgehenden 19. Jahrhundert populären ›Völkerschauen‹. Diese Zurschaustellung Angehöriger von fremden Völkern wurde zwar als ›anthropologische Ausstellung‹ bezeichnet, war aber nicht zuletzt auch von einem eurozentrisch-rassistischen Weltbild getragen, was sich im Bericht des Berliner Tageblatts über die Neueröffnung des Luna-Parks vom 5. Mai 1920 auch in der selbstverständlichen Rede vom ›Negerdorf‹ spiegelt. Es liest Frank Riede.
Ep 127Zum Abendessen nach New York?
Nach der traumatisierenden Erfahrung des Ersten Weltkriegs und seiner wirtschaftlichen Folgen, richteten Viele ihre Hoffnung auf die Segnungen des technologischen Fortschritts. In diesem Geiste berichtet die Deutsche Allgemeine Zeitung am 4.5. von einer angestrebten Verkehrsrevolution im Flugverkehr. Konkret geht es um die Strecke Paris-New York – an einem Tag – dafür müssten die Flugzeuge aber in 10000 bis 12000 Meter Höhe fliegen – können Passagiere dort atmen?... Es liest Paula Leu.
Ep 126Verheißungen der drahtlosen Telephonie
Zu Papier gebrachte Blicke in die Zukunft sind nicht ohne Risiko: Man kann fatal danebenliegen und sich vor den Nachgeborenen blamieren. Man kann aber auch voll ins Schwarze treffen und sie mit seinen Prognosen staunen machen. Der Artikel von Ernst Trebesius aus dem Vorwärts vom 3. Mai 1920 fällt zweifellos in diese zweite Kategorie! Auch wenn er in einigen Nuancen vom Verlauf der Technikgeschichte korrigiert wurde, bleibt doch faszinierend, was er alles vorausahnt: das Mobiltelephon, das Prinzip der Online-Datenbank - und, last but not least, die Idee unseres Podcasts … Es liest Frank Riede.
Ep 125Nachwehen der Maifeier?
Am zweiten Mai 1920 erscheinen keine Zeitungen, weshalb unser Podcast heute keinen eingelesenen Artikel bietet. Also bleibt uns nur, ihnen vergangene Folgen unseres Podcasts ans Herz zu legen, und aktuell, sofern Sie es noch nicht gehört haben, die zweite Folge unseres Interview-Formats “Dreieinhalb Fragen an…”, diesmal mit Hans Ulrich Gumbrecht über das Phänomen der 1920er, von uns publiziert am 26. April.
Ep 124Zum Stand der Internationale
Den 1. Mai 1920 nimmt die Freiheit zum Anlass, grundsätzlich über die Situation der Arbeiterschaft und den Stand ihres internationalen Kampfes gegen das kapitalistische Bürgertum nachzudenken. Der Text analysiert die Ursachen für die Schwächung der Arbeiterklasse, wie etwa den Weltkrieg. Was folgt ist ein Aufruf, zu einer neuen Internationale, die sich nicht durch divergierende nationale Interessen schwächen lässt und die weltweite Arbeiterschaft zu ihrem Recht und ihrem Sieg gegen das kapitalistische System führt. Es liest Paula Leu.
Ep 123Yehudi
Arnold Höllriegel, unter dem bürgerlichen Namen Richard Arnold Bermann 1883 in eine jüdische Wiener Beamtenfamilie geboren, war einer der schillerndsten deutschsprachigen Feuilletonisten seiner Zeit. Pazifist, früher Cineast, umtriebiger Reiseschriftsteller – Höllriegel bewanderte rastlos die verschiedensten Themen, Genres und Kontinente und war von Sigmund Freud bis Charlie Chaplin mit fast allen wichtigen Personen seiner Zeit bekannt. Im April 1920 saß er ausnahmsweise gerade einmal zu Hause in Wien, nahm aktuelle Meldungen über antijüdische Demonstrationen in Jerusalem jedoch zum Anlass, diese für das Berliner Tageblatt vom 30. April mit eigenen Reiseerinnerungen abzugleichen. Und dabei auf bestürzende Weise zu bezeugen, dass es Judenhass auch in Palästina schon lange vor dem Staat Israel gab. Es liest Frank Riede.
Ep 122Durch die Schluchten des Balkan nach Saloniki
Vor einhundert Jahren, man erinnert sich mit Wehmut, konnte man sich in Europa noch einfach in einen Zug setzen und – die passenden Papiere vorausgesetzt – über Landesgrenzen hinweg reisen ... 1920 hieß das freilich, einen aufgewühlten, von Veränderungen aufgeriebenen Kontinent zu erfahren, gerade wenn man, wie der renommierte Korrespondent des Berliner Tageblatts Theodor Berkes seinen Zuständigkeitsbereich in Südosteuropa hatte. In seinem Bericht vom 29. April beschreibt Berkes eine Bahnfahrt von Belgrad nach Saloniki und vermittelt darin einen lebhaften Eindruck von der Wirklichkeit auf dem Balkan nach dem Ersten Weltkrieg. Es liest Frank Riede.
Ep 121Nun erst recht Maifeier!
Nachdem der 1. Mai 1919 einmalig ein Feiertag war, wurde im April 1920 in der Nationalversammlung darüber abgestimmt, ob dies verstätigt wird - und vom bürgerlichen Lager gegen die Stimmen der SPD und USPD verhindert. In der Weimarer Republik war der 1. Mai fortan ein regulärer Werktag. Der Vorwärts ruft am 28.4. die Arbeiterschaft auf, dennoch die Arbeit an dem Tag niederzulegen. Ein Tagesstreik, der nochmals all jenen, die gegen den Feiertag gestimmt haben, zeigen soll, dass man nicht mehr an der Arbeiterschaft vorbei entscheiden kann, und dass ihr ein eigener Feiertag zusteht. Es liest Paula Leu.
Ep 120Meteorologie auf der Zugspitze
Das metereologische Observatorium auf der Zugspitze feiert 1920 sein zwanzigjähriges Bestehen. Welche Bedeutung die auf der Spitze des höchsten deutschen Berges in extremen Wetterbedingungen gelegene Station für die noch junge metereologische Wissenschaft hat, darauf weißt am 27.4.1920 der ›Vorwärts‹ hin; und darauf, dass diese einzigartige Institution durch die allgemeine Teuerung als Folge des Weltkrieges vor ihrem Aus steht. Gelesen von Paula Leu.
Ep 1193 1/2 Fragen an Hans Ulrich Gumbrecht
Am heutigen 26.4.2020 hören Sie zusätzlich zu unserer täglichen Podcast-Folge die zweite Ausgabe unseres Interviewformats "Dreieinhalb Fragen an...". Diesmal sprachen wir mit Prof. emeritus Hans Ulrich Gumbrecht, der uns telefonisch aus Kalifornien zugeschaltet war. Von 1989 bis 2018 lehrte Gumbrecht als Professor für Komparatistik an der Stanford-Universität in Palo Alto. Aber auch in Deutschland war und ist er eine wichtige Stimme in den intellektuellen Debatten der Republik. Sein Buch ‚1926. Ein Jahr am Rande der Zeit‘ von 2001 sucht die Atmosphäre der 1920er in einem Panorama synchroner Alltagsphänomene dieser Zeit zu neuem Leben zu erwecken.
Ep 118Konferenz von San Remo
Der mondäne Badeort San Remo an der italienischen Riviera ist heutzutage vor allem für sein alljährliches Musikfestival sowie als Zielort eines Radsportklassikers berühmt. Weniger bekannt ist, dass hier 1920 eine der folgenschwersten politischen Konferenzen ihrer Zeit stattfand, die nach der endgültigen Zerschlagung des Osmanischen Reiches im Ersten Weltkrieg die Weichen für eine Neuordnung insbesondere der arabischen Welt stellte - und die in ihren Konsequenzen vielen Historikern heute als Geburtsstunde des Nahostkonflikts gilt. Von diesem Haupttagungsordnungspunkt findet sich im Kommentar des Berliner Börsen-Couriers vom 26. April indes nichts, der sich stattdessen ganz auf das eher am Rande verhandelte Thema der deutschen Kriegsreparationen fokussiert. Es liest Frank Riede.
Ep 117In aller Kürze: Kapp, Cabrera, Heringe
Heute, am 25. April 1920, bietet sich uns die Gelegenheit für einen Blick in die Zeitungsrubrik „In aller Kürze“ der Morgenpost. In den kleinen Meldungen dieses Tages erfahren wir nicht nur, wo die Heringe der Weimarer Republik herkamen, und wie es bei dem Putsch gegen Cabrera in Guatemala, von dem wir am 13.4. kurz berichteten, weiterging, sondern auch, was zunächst seitens der schwedischen Behörden verfügt wurde über den Umgang mit dem flüchtigen Putschführer Wolfgang Kapp, von dessen Verhaftung wir zuletzt am 17. April berichtet hatten. Es liest Paula Leu.
Ep 116Die Erschaffung Thüringens
Mit dem verlorenen Ersten Weltkrieg war für Deutschland nicht nur eine Verschiebung seiner Außengrenzen verbunden. Im Zuge der anschließenden Revolution von 1918/19 veränderte sich die politische Geographie des Landes zum Teil auch im Inneren. Von einem diesbezüglich besonders weitreichenden Vorgang berichtet am 24. April 1920 die Deutsche Allgemeine Zeitung: Aus den zersplitterten vormaligen ernestinischen Herzogtümern und dem Volksstaat Reuß formierte sich seinerzeit das Land Thüringen. Eine Extrawurst briet lediglich der Freistaat Coburg, der bei dieser Fusion nicht mitmachen wollte. Seine Bewohner entschieden sich per Volksentscheid vielmehr für einen Anschluss an Bayern. Es liest Frank Riede.
Ep 115Schwitters Entformelung
Der 1887 geborene Kurt Schwitters war ein vielseitiger Künstler, dessen Werk u.a. Lyrik, Prosa, Theaterstücke, Installationen, Gemälde, Collagen und Illustrationen umfasst. Im Jahre 1918 lernte er Herwarth Walden kennen, der die bedeutende expressionistische Zeitschrift Der Sturm herausbrachte, die im selben Gebäude, in dem sich ihre Redaktion befand, auch eigene Ausstellungsräume betrieb. Im April 1920 besucht der Architekt und Kunstkritiker Adolf Behne dort eine Ausstellung von Schwitters und verteidigt in der Freiheit vom 23.4. dessen materialtechnisch innovative Arbeiten. Es liest Frank Riede.
Ep 114Fernsprechgebühren
Die 1920er Jahre waren auch für das Telefonsystem in Deutschland ein wichtiges Jahrzehnt. Gesetzliche Grundlagen wurden geschaffen, eine technische Infrastruktur neu bzw. nach den Zerstörungen des Weltkriegs wiederaufgebaut. Die Erhöhung der Postgebühren sollte nun – auch über eine Art Zwangskredit, den jeder Fernsprechteilnehmer zu leisten hatte – die finanzielle Grundlage bilden, um Vorhaben wie die Auslegung von Seekabeln zwischen den voneinander getrennten Reichsteilen in Angriff nehmen zu können. Am 22.4. berichtet die Vossische Zeitung über das entsprechende Gesetz. Es liest Paula Leu.
Ep 113Sieben Pfund Kartoffeln pro Woche
Anfang des 20. Jahrhunderts war die Kartoffel das wichtigste Grundnahrungsmittel, vor allem der nicht so gut betuchten Bevölkerung. 1920 kämpfte der Deutsche Landwirtschaftsrat für einen Austritt aus der Zwangswirtschaft der Kartoffel. Von diesen Bemühungen, besonders die Stadtbevölkerungen mit genügend Knollen beliefern zu können, berichtet am 21. April in einer kurzen Notiz das Berliner Tageblatt. Es liest Paula Leu.
Ep 112Ein Schandstück - Noske schützt die Kappoffiziere
Reichswehrminister Noske, alte Reizfigur der Linken seit der Revolution 1918/19, hatte auch während des Kapp-Putsches eine mindestens unglückliche Figur gemacht. Nicht zuletzt sein zögerliches Verhalten bestärkte die Putschisten in ihrem Glauben, letztlich leichtes Spiel mit den politischen Institutionen der Republik zu haben. Obwohl er als Minister danach nicht mehr zu halten war, blieb Noske dank seiner Verbindungen durchaus einflussreich. Als Sprecher der Regierungskoalition im Haushaltsausschuss äußerte er sich wenige Wochen nach der Märzkrise auch zum Marine-Notetat; auf eine Weise, die wiederum die Parteizeitung der USPD, die Freiheit, am 20. April zu einer deutlichen Kritik an Noske und seiner ‘rechtssozialistischen’ SPD veranlasste. Gelesen von Frank Riede.
Ep 111Fußball-Städtespiel Hamburg-Berlin
Bis zur Einführung der Bundesliga im Jahr 1963 war der deutsche Fußball über viele Jahrzehnte stark regional organisiert. Insbesondere in den Großstädten konkurrierten eine Vielzahl heute nicht selten vergessener Clubs um lokale Vorherrschaft. Mit Mannschaften aus anderen Teilen des Reiches maß man sich nur einmal kurz im Sommer, wenn die Meister der jeweiligen Verbände in einer straffen K.o-Runde den deutschen Meister ausspielten. Und in sogenannten Städtespielen, die sich gerade in Berlin großer Beliebtheit erfreuten. Wenn es gegen Auswahlmannschaften anderer Metropolen ging, trugen die ansonsten rivalisierenden Spieler von Hertha, Viktoria oder Tennis Borussia und ihre Anhänger für 90 Minuten dieselben Farben – und vermochten, wie die B.Z. am Mittag vom 19. April 1920 berichtet, mitunter sogar verloren geglaubte Spiele noch umzubiegen. Vom Gipfeltreffen der berühmten deutschen Fußball-Hochburgen Berlin und Hamburg berichtet Paula Leu.
Ep 110An den deutschen Mond
Kurt Tucholsky gehörte gleichermaßen zu den pointiertesten wie zu den produktivsten Publizisten der Weimarer Republik. Sein Output war phasenweise so hoch, dass er die Vielzahl seiner Texte parallel hinter unterschiedlichen Pseudonymen verbarg. Als Kaspar Hauser, Peter Panter, Ignaz Wrobel oder Theobald Tiger zeichnete er dabei nicht nur für etliche Glossen oder Kommentare verantwortlich. Auch viele seiner noch heute berühmten Gedichte entstanden ursprünglich für die Zeitung. So erschien unter anderem auch seine Volksliedparodie ‘An den deutschen Mond‘ erstmals in der Berliner Volks-Zeitung vom 18. April 1920. Es ‘rezitiert‘ Frank Riede.
Ep 109Kapp in Schweden gesichtet
Der ehemalige Generallandschaftsdirektor und Namensgeber des Putsches von 1920 Wolfgang Kapp war nach dem Scheitern des Putsches untergetaucht und ins Exil nach Schweden geflohen. Eben noch selbsternannter Reichskanzler, nun ein von der schwedischen Polizei aufgespürter Flüchtling unter falschem Namen. Zumindest hatte er eine Tarnung mit Adelstitel gewählt. Die Morgenpost vom 17. April berichtet in einer kurzen Drahtmeldung. Es liest Paula Leu.
Ep 108Pop-up Bar im Kohlekeller
Um das ausufernde Berliner Nachtleben ein wenig einzudämmen, ließ das Landespolizeiamt die öffentlichen Nachtlokale schließen und achtete genau auf die Einhaltung der Polizeistunde. Findige Wirte und Geschäftemacher organisierten daraufhin ‘geschlossene’ Gesellschaften, zu denen sie das Publikum mit Schleppern in private Räumlichkeiten lockten, um dort mit Tanz und Restauration zu unterhalten und gut zu verdienen. Die Polizei hatte es nicht leicht, diese Geheimveranstaltungen zu unterbinden. Am 16.4. berichtet die Berliner Morgenpost von einem besonderen Fang. Gelesen von Frank Riede.