
Auf den Tag genau
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Ep 257Lessing am Hakenkreuz
Kaum ein deutscher Klassiker widersetzte sich jeder völkisch-nationalistischen Vereinnahmung im 20. Jahrhundert so konsequent wie Gotthold Ephraim Lessing. Sein leidenschaftlicher Einsatz für den Toleranzgedanken und namentlich die Sache der Judenemanzipation machten ihn schon Anfang der 1920er Jahre, also lange vor dem Aufstieg der Nazis zum Feindbild in den entsprechenden Kreisen wie etwa der antisemitisch besessenen ‘Deutschen Zeitung‘. Deren durchschaubare Versuche, Lessings Stellung im Literaturkanon in Frage zu stellen, nahm das Berliner Tageblatt am 8. September 1920 zum Anlass für eine polemische Replik, die an Schärfe nichts zu wünschen übrig lässt – und in der Rückschau Nathans des Weisen Schicksal nach 1933 fast schon vorausahnt. Es liest Paula Leu.
Ep 256Polen und Litauen - der neueste osteuropäische Konflikt
Im September 1920, also knapp zwei Jahre nach dem Ende des Ersten Weltkriegs, stellte sich die politische Lage in Ostmitteleuropa noch immer sehr unübersichtlich dar; etliche Territorialkonflikte waren weiter ungelöst. Die wiedererstandene Polnische Republik befand sich wenige Wochen nach dem ‘Wunder an der Weichsel‘ nicht nur nach wie vor im Krieg mit der jungen Sowjetunion. Auch mit dem 1918 gleichfalls für unabhängig erklärten Nachbarn Litauen gab es bewaffnete Auseinandersetzungen. Zankapfel war vor allem die Gegend um das von beiden Seiten beanspruchte Vilnius, polnisch: Wilna, das für Litauen von größter historischer Bedeutung, seinerzeit aber ganz überwiegend von polnischsprachiger – und jiddischsprachiger – Bevölkerung bewohnt war. Aus einem Korrespondentenbericht der Vossischen Zeitung vom 7. September 1920 liest Frank Riede.
Ep 255Der Weltbücherkatalog
Noch um die letzte Jahrtausendwende herum begann ein Universitätsstudium in der Regel mit einer langatmigen Einführung in die Zettelkataloge und endlosen zig-bändigen bibliographischen Nachschlagewerke der Institutsbibliothek, in denen man thematisch sortierte Fachliteratur finden konnte. Diese Nachschlagewerke waren eine Kunst für sich und der Bonner Bibliothekar Wilhelm Erman, der sich bereits vor hundert Jahren um möglichst umfassende, alle Bücher der Welt berücksichtigende Zusammenstellungen bemühte, einer ihrer Pioniere. Der Vorwärts berichtet am 6. September über seine Initiative zu einem Weltbücherkatalog. Für uns liest Paula Leu.
Ep 254Vom Brettel - Ausflug in die Berliner Kleinkunstszene
Bereits in den 1920er Jahren war Berlin nicht allein für seine zahlreichen großen Theater, gleich mehrere Opernhäuser und eine beinahe konkurrenzlos reiche Orchesterlandschaft berühmt, sondern zehrte als Kulturmetropole von Weltruf desgleichen auch von seiner ungeheuer vielfältigen, lebendigen Kleinkunstszene. Einen journalistischen Ausflug in diese Welt von Varieté und Kabarett unternimmt in ihrer Ausgabe vom 5. September 1920 die Berliner Börsen-Zeitung. Mögen uns die Namen der meisten hier genannten Künstlerinnen und Künstler heute auch nicht mehr allzu viel sagen, so vermittelt der Bericht doch einen anschaulichen Eindruck von der damaligen Kunst des sogenannten Brettel. Es liest Frank Riede.
Ep 253Moral als Unterrichtsfach
Auch in diesen Tagen standen wieder Eltern bei der Einschulung vor der Wahl, ob ihre Kinder am Religionsunterricht oder am Unterrichtsfach Lebenskunde teilnehmen sollten. Zu Beginn der Weimarer Republik konnten sich die Forderungen nach einer Abschaffung des Religionsunterrichts nicht durchsetzen, und so wurde über Form und Inhalte des neuen „Ersatz“-Unterrichts, ob er nun Ethik- oder Moralunterricht hieß, diskutiert. Am 4. September beteiligte sich an dieser Diskussion der Oberlehrer Dr. Erich Witte mit einem Beitrag im Vorwärts. Er plädiert darin für eine Nähe des Moralunterrichts zum aktuellen Lebensalltag der Kinder. Es liest Paula Leu.
Ep 252Scheidemann: Swastika nicht Nazis überlassen!
Das Hakenkreuz ist als Symbol der Nazis heutzutage schwer belastet und kaum noch von dem mit ihm verbundenen rechtsextremen Gedankengut zu trennen. Dass die Swastika insbesondere im Hinduismus und Buddhismus eine lange Tradition als Glückssymbol hat, darauf macht der Sozialdemokrat Philipp Scheidemann im Vorwärts vom 3.9.1920 aufmerksam. Diese müsse man ganz offensiv der nationalsozialistischen Vereinnahmung des Zeichens entgegenstellen. Er ahnte selbst wohl kaum, welche Dynamik die Bewegung dieser „antisemitischen Hansnarren“ in den Folgejahren noch entfalten sollte. Gelesen von Frank Riede.
Ep 251Sumurun von Ernst Lubitsch
Anlässlich der Premiere des Stummfilms Sumurun von Ernst Lubitsch vom 1. September 1920, der die Verfilmung einer für die Bühne geschriebenen Pantomime ist, reflektiert der Filmkritiker Fritz Engel am Folgetag im Berliner Tageblatt das Verhältnis des stummen Films und der stummen Kunst der Pantomime. Eine Nähe zwischen diesen beiden Künsten lag damals auf der Hand und wurde oft postuliert. Dahinter stand auch die Frage nach der Form des Films und des Stummfilmschauspiels. Lippenbewegungen kombiniert mit Texttafeln? Auf diese Zwischentitel verzichten? Gestik, Mimik? Für Fritz Engel ist es nicht die große raumgreifende Geste, die für den Film angemessen ist, sondern das reduzierte und sparsame Spiel. „Nie darf die Geste ein Wort ersetzen wollen.“ Laut vernehmbar liest für uns Frank Riede...
Ep 250Graphologie-Test vor der Ehe!
Vor kurzem hörten wir in unserem Podcast Dr. Mamlooks äußerst positive Anmerkungen zum neuen Gesundheitsmerkblatt, das ab Sommer 1920 Ehewilligen vor der Eheschließung zur Überprüfung ihrer gesundheitlichen Ehetauglichkeit ausgehändigt werden sollte. Wie kompliziert und von Befürchtungen belastet die Suche eines passenden Partners, einer passenden Partnerin zu dieser Zeit in Deutschland war, lässt sich aber auch aus einem Beitrag desselben Dr. Mamlook im Berliner Tageblatt vom 1.9.1920 herauslesen, in dem mit größerer Skepsis vom neugegründeten „Deutschen Ehevermittlungsverein“ berichtet wird, in dessen Rahmen auch der Vorschlag gemacht wurde, harmonierende Paare auf Basis graphologischer Analysen zusammenzustellen. Es liest Paula Leu.
Ep 249Wasserball im Engelbecken
Dass im belgischen Antwerpen gerade die sechsten Olympischen Spiele der Neuzeit stattfanden, konnte dem Berliner Zeitungsleser im Sommer 1920 leicht verborgen bleiben. Deutschland war als Kriegsverlierer von den Spielen ausgeschlossen, weshalb umgekehrt auch die deutsche Presse die Wettbewerbe weitgehend ignorierte. Stattdessen berichtete der Vorwärts am 31. August von ganz anderen sportlichen Wettkämpfen, die derweil in heimischen, Berliner Gefilden ausgetragen wurden: Das Engelbecken, seinerzeit noch eine Ausstülpung des Landwehrkanals vor der Luisenstädtischen Kirche ‘Sankt Michael‘, war seit der Freigabe der Kanäle durch Magistrat und Wasserpolizei zu einer beliebten Anlaufstelle für Wassersportler geworden. Dass die Wasserqualität weder olympischen Maßstäben, noch auch nur den gängigen Hygienevorstellungen genügte, scheint dem Vergnügen der Beteiligten – und der Zuschauer! – dabei durchaus keinen Abbruch getan zu haben. Es liest Paula Leu.
Ep 2453 1/2 Fragen an Rüdiger Graf...
In der heutigen Ausgabe unseres monatlichen Interviewformats „3 1/2 Fragen an…“ sprechen wir mit Rüdiger Graf über den Zukunftsdiskurs in Weimar. Graf ist Leiter der Abteilung II „Geschichte des Wirtschaftens“ am Leibniz-Zentrum für Zeithistorische Forschung in Potsdam. 2008 erschien sein Buch „Die Zukunft der Weimarer Republik. Krisen und Zukunftsaneignungen in Deutschland 1918 bis 1933“.
Ep 248Goetheschändung in Weimar
Vom 28. bis zum 30. August 1920 trafen sich beim Reichsjugendtag der Arbeiterbewegung in Weimar ca. 1000 junge Menschen aus dem ganzen Deutschen Reich. Eine mehrtätige Feier der damals noch lose organisierten Partei-Jugend, bei der weniger konkrete politische Fragestellungen diskutiert wurden, als vielmehr das positive Verhältnis der Menschen zu Natur und Kultur gefeiert wurde. Von diesen Tagen ging ein starker Impuls aus, der diese Jugend schon bald zu einer festeren Organisationsstruktur führte: den Jusos. Das aber die Tagespolitik bei aller Goethe und Schiller-Feierlaune nicht fern war, zeigt ein Skandal, auf den sich die Berichterstattung des Vorwärts am 30. August konzentrierte. Ein Kranz, mit dem die Arbeiterjugend das Goethe-Denkmal geschmückt hatte, wurde über Nacht gestohlen. Die kommenden Jusos reagierten heftig und deutlich. Fank Riede liest.
Ep 247Wie sieht der Potsdamer Platz in 25 Jahren aus?
Der Potsdamer Platz war in den 1920er Jahren das pulsierende Herz Berlins und einer der verkehrsreichsten Plätze Europas. Die Vossische Zeitung startete 1920 eine Umfrage zu dem Thema: Wie wird der Potsdamer Platz in 25 Jahren aussehen? Sie fragte 12 Feuilletonisten und Künstler an und druckte die Antworten nach und nach in der Zeitung ab. Am 29. August erschien zu Beginn der Reihe die Antwort des bedeutenden Kunstkritikers Karl Scheffler. Er lässt vier fiktive Personen im damals beliebten Treffpunkt Café Josty am Potsdamer Platz zusammentreffen und vier verschiedene Antworten auf diese Frage geben, die eminent zu frappieren vermögen. Erwiesen sie sich doch zum Teil als auf fast verstörende Weise hellsichtig. Es liest Frank Riede.
Ep 246Skandal von Breslau
In der Weimarer Republik gärt es. Auch nach dem Misserfolg des Kapp-Putsches bleiben die nationalistisch-reaktionären Kräfte politisch einflussreich und nicht zuletzt in den Medien präsent. Systematische Kampagnen und lancierte Hetzereien führen immer wieder zu gewalttätigen Unruhen. So auch am 26. August 1920 in Breslau, als ein rechter Mob die polnische und französische konsularische Vetretung stürmt und beide Gebäude schwer beschädigt. Der deutsche Gesandte leistet bei den Franzosen und Polen Abbitte und die Berliner Volkszeitung gibt am 28.8. ein kurzes Pressecho. Es liest Paula Leu.
Ep 244Albert Einstein kontert
Albert Einsteins Relativitätstheorie bedeutete eine Revolution nicht nur der Physik. Gewissheiten wurden erschüttert, Weltbilder haltlos, Selbstverständlichkeiten waren plötzlich falsch. Der Aufstieg des Patentamtsangestellten in Bern zum über die Grenzen der Wissenschaft hinaus bekannten Professor rief aber auch Neider auf den Plan. Dass Einstein sich hier durchaus zu wehren wusste, zeigt er u.a. in seiner Replik auf „die Herren Weiland und Gehrke“, die ihn und seine Theorie in einem Vortrag in der Berliner Philharmonie verunglimpft hatten. Im Berliner Tageblatt vom 27.8.1920 lässt er rhetorisch scharf keinen Zweifel an der Haltlosigkeit der Vorwürfe wie den überhaupt niederen Beweggründen seiner beiden Kritiker. Es liest Frank Riede.
Ep 243Keine Waffen an die “Weißen”!
Wir hatten bereits von dem “Wunder an der Weichsel” berichtet, dem überraschenden Sieg der Polen über die Rote Armee. Heute kommt das Parteiblatt der Kommunistischen Partei Deutschlands zu Wort, das am 26. August die Sorge äußert, nach dieser Niederlage würden nun die bürgelichen Länder aktiver versuchen, die Sowjetunion der Bolschewiken zu besiegen, bzw. zumindest zu schwächen, damit sie den Bürgerkrieg gegen die “Weißen” verliert. Mittel dazu wären etwa eine Blokade in der Ostsee und Waffenlieferungen an die Gegener. Gerade bei den Zuglieferungen von Waffen, die deutsches Territorium durchfahren, sollte die deutsche Arbeiterschaft aktiv werden. Es liest Paula Leu.
Ep 242Oper in Verona
Deutsche Kultur-Hipster, die einmal die Opernfestspiele in der berühmten Arena di Verona besucht haben, kennen diese Ambivalenz: Man ist bisweilen konsterniert ob der tumben, hohlen Prunksucht italienischer Operninszenierungspraxis. Und lässt sich doch nach kurzer Zeit jäh vom berauschenden Ambiente, der knisternden Atmosphäre und der ausgelassenen Begeisterung der übrigen vielen Tausend im weiten römischen Rund mitreißen. So erging es – manche Dinge ändern sich offenbar nie – auch schon 1920 dem Berichterstatter Manfred Georg. Seine Reisebilder aus Verona in der Vossischen Zeitung vom 25. August sind nicht nur eine nordische Liebeserklärung an Italien, sondern auch ein Manifest der Hoffnung auf eine friedlichere europäische Zukunft in Völkerfreundschaft. Es liest Paula Leu.
Ep 241Wunder an der Weichsel
Hatte die 1918 neu gegründete, unabhängige Republik Polen versucht, ihre Ostgrenze zu Lasten der Sowjetunion zu verschieben und war dabei tief in die heutige Ukraine vorgedrungen, so führte die Gegenoffensive der Sowjetunion die Rote Armee im August 1920 bis nah an Warschau heran. Internationale Beobachter und die Entente-Mächte rechneten mit einer baldigen Niederlage Polens. Doch ein riskanter militärischer Plan von Josef Pilsudski führte zu einem überraschenden Zusammenbruch der sowjetischen Front. Als Wunder an der Weichsel würde dieser Sieg verklärt werden, der letztlich zum Frieden von Riga führte, in dem die Sowjetunion den Staat Polen anerkannte und ihm Gebiete östlich der von den Entente-Mächten vorgeschlagenen Ostgrenze, der sog. Curzon-Linie, zugestand. Der Sonderberichterstatter für die Vossische Zeitung in Warschau Max Behrmann war sich in seinem Bericht, abgedruckt am 24. August 1920, bereits sicher: Die polnische Gegenoffensive war erfolgreich. Es liest Frank Riede.
Ep 240Jedermann in Salzburg!
Aufgrund der Covid-19-Pandemie mussten die Salzburger Festspiele ausgerechnet im Jahr ihres einhundertjährigen Bestehens lange um ihre Durchführung bangen und konnten am Ende – immerhin – nur ein ausgedünntes Not-Programm realisieren. Im Gründungsjahr 1920 präsentierten sich die Festspiele freilich noch sehr viel schlanker. Sie dauerten nur vom 22. bis 26. August und beschränkten sich auf vier Vorstellungen des Jedermann. 1911 von Max Reinhardt im Berliner Zirkus Schumann uraufgeführt, fand Hofmannsthals modernes Mysterienspiel hier auf dem Salzburger Domplatz, wie der Autor es nannte, seinen „selbstverständlichen Platz“. In der Tat – die Salzburger und ihre Gäste pilgerten hin, und auch die internationale Presse berichtete. Für das Berliner Tageblatt am 23. August tat dies – nein, nicht Alfred Kerr –, sondern Andreas Latzko. Hier gelesen von Frank Riede.
Ep 239Die Festung von Glatz
Jeder zweite Berliner stammt aus Schlesien, hieß es vor einhundert Jahren. Keine Wunder also, dass die Berliner Presse hin und wieder einmal einen Blick nach Südosten in die alte Heimat warf. Die Berliner Volks-Zeitung vom 22. August 1920 zog es dabei konkret nach Glatz, schlesisch: Glootz, mittlerweile polnisch: Kłodzko und heute wie damals nicht nur für seine malerische Altstadt an der Glatzer Neiße, sondern auch für seine stolze, oberhalb thronende Festung berühmt. Ihr gilt denn auch das hauptsächliche Interesse von Autor Hans Gathmann. Es liest Paula Leu.
Ep 238Jedermann in Salzburg?
„Jedermann!“ – noch heute hallt dieser Ruf allsommerlich durch die Festspielstadt Salzburg, und die Welt strömt auf den berühmten barocken Domplatz. Los ging alles vor exakt einhundert Jahren. Nach dem Untergang des Habsburgerreiches im Pulverdampf des Ersten Weltkriegs ersannen Hugo von Hofmannsthal und Max Reinhardt als Kompensation für die verloren gegangene politische Größe die Idee einer Wiedergeburt aus dem Geist der Kultur und erkoren für dieses Projekt ausgerechnet das lange gar nicht österreichische, sondern fürsterzbischöfliche Salzburg zum Standort. Ob die beschauliche Stadt an der Salzach dafür geeignet war? Der Wahl-Salzburger Hermann Bahr ist zwiegespalten. Seinen Vorbericht aus der Vossischen Zeitung vom 21. August 1920 liest Frank Riede.
Ep 237DFB gegen Profifußball
Dass Fußball einmal reiner Amateursport gewesen sein soll, ist heutzutage nur noch schwer vorstellbar. Im Lichte von dreistelligen Millionenablösen und -sponsorengeldern klingt es beinahe unwirklich, dass der Deutsche Fußballbund Spielern, Schiedsrichtern und Platzbesitzern einst mit Sperre drohte, sollten sie sich an einem „Berufsspiel“ gegen eine ungarische Profimannschaft beteiligen. Und doch kam es genau dazu: Mit einem Spiel im Lichtenberger Stadion wurde 1920 die Ära der Berufsfußballer auch in Deutschland eingeläutet. Das Berliner Tageblatt vom 20.8. hat die Meldung, Paula Leu liest.
Ep 236Die Erhaltung der Familie
Es ist nicht allzu lange her, da hat die Diskussion um die abschätzig sogenannte ‚Herdprämie’ einer mittlerweile alten Frage neue Brisanz verliehen: Welchen Wert hat Hausarbeit in unserer Gesellschaft? Ging es hier vor allem um das Problem, ob Mütter ihre Kinder zu Hause selbst erziehen oder in die Kita schicken sollten, so analysiert eine gewisse Frau Exner-Pichottka das Thema in der Vossischen Zeitung vom 19.8.1920 ausgehend von der sogenannten Dienstbotenfrage: Weil Dienstboten für den Normalverdiener mittlerweile nicht mehr zu bezahlen seien, bestehe die Gefahr, dass Ehefrauen der Überlastung dadurch zu entgehen suchen, dass sie weniger Kinder bekämen. Nur die deutliche Entlastung der Frauen könne die Erhaltung der Familie noch sicherstellen. Statt Herdprämie und Kita aber schlägt Exner-Pichottka eine umfassende Zentralisierung von Teilen der Hausarbeit in Großbetrieben vor. Es liest Frank Riede.
Ep 235Schweigeabteile
Zugreisen sind immer auch eine soziale Erfahrung. Dicht gedrängt in engen Abteilen und Großraumwagen kommt man den Mitreisenden oft näher als einem lieb ist. Das war auch vor einhundert Jahren schon so. Doch wo es heute Rauchverbot, Familienabteile und Ruhebereiche gibt, herrschte damals noch völlige Freizügigkeit. Während man sich allerdings mit den allermeisten Einschränkungen und Unannehmlichkeiten noch arrangieren könne, werde das Geschwätz des die 3. Klasse bevölkernden, neunmalklugen soldatischen Nachwuchses immer mehr zur unerträglichen Belastung. Es brauche Schweigeabteile, um den einfachen Reisenden vor solch ungewollten Redeattacken zu schützen, so die Forderung eines gewissen M.M. Gehrke im Berliner Tageblatt vom 18.8.1920. Gelesen von Frank Riede.
Ep 234Zusammenstoß auf der Hochbahn
Manche spektakulären Zugunglücke werden mit zeitlichem Abstand zum Teil des kollektiven Bildgedächtnisses oder gar der Popkultur, wie etwa geschehen mit dem Zug, der 1895 in Paris das Gebäude des Gare du Montparnasse durchschlug, auf dem Platz darunter landete, und der als Fotoreproduktion heute so manche Wand ziert. Im Berlin der Weimarer Republik war eine, freilich weniger unbeschwerte, Erinnerung an das bis dahin schlimmste Zugunglück, den Zugzusammenstoß des Jahres 1908 am Gleisdreieck, das 17 Todesopfer gefordert hatte, lebendig. Davon zeugt der Bericht der Vossischen Zeitung vom 17. August über ein Zugunglück auf der Hochbahn, da der Autor den Bogen von dem aktuellen Unfall zu der Katastrophe 1908 spannt. Es liest Paula Leu.
Ep 233Oberschlesische Kohle für Deutschland
Eines der umstrittensten Gebiete im Rahmen der politischen Neuordnung nach dem 1. Weltkrieg war Oberschlesien. Die verhältnismäßig kleine Region auf dem Gebiet des heutigen Polen war insbesondere durch ihre Kohleförderung von enormen wirtschaftlichem Wert. Im Versailler Vertrag war festgelegt worden, dass zumindest Teile des Grenzverlaufs durch Volksabstimmungen geregelt werden sollten. Nicht zuletzt vor dem Hintergrund der enormen Belastungen durch Kriegsschäden und Reparationszahlungen betont der Vorwärts am 16.8.1920 die Bedeutung Oberschlesiens für eine wirtschaftliche Wiederaufrichtung Deutschlands und fordert die wahlberechtigten Deutschen auf, ihr Kreuz am Tag der Volksabstimmung an der richtigen Stelle auch wirklich zu machen. Es liest Paula Leu.
Ep 232Irische Unabhängigkeitsbestrebungen
Das britische Kolonialreich war anno 1920 noch groß und mächtig – und es fing bereits unmittelbar vor der eigenen Haustür an. Seit Jahrhunderten stand Irland unter britischer Herrschaft, und bald ebenso lang begehrten weite Teile der katholischen irischen Bevölkerung gegen eben diese Herrschaft auf und kämpften zunehmend auch mit gewaltsamen Mitteln für eine Loslösung von England. Der seinerzeitige liberale britische Premierminister Lloyd George zeigte sich, als einziger Waliser der dieses Amt je bekleidete, den irischen Interessen gegenüber vergleichsweise entgegenkommend. Eine vollständige Unabhängigkeit der Insel vom Empire lehnte aber auch er ab. Zudem bestand auch schon damals das Problem der großen protestantischen Bevölkerungsgruppe in der nördlichen Provinz Ulster, an dem noch bis heute jede nachhaltige politische Lösung gescheitert ist. Die Berliner Börsen-Zeitung vom 15. August 1920 analysiert die damalige Lage, es liest Frank Riede.
Ep 231Farbkämpfe um Heine-Statue in Hamburg
Während aktuell immer noch ein Kulturkampf zwischen Trumpisten und dem Rest Amerikas um die Statuen im öffentlichen Raum von etwa Südstaatengenerälen tobt, wenden wir uns einem Lagerkampf um eine Heine-Statue in Hamburg 1920 zu, in dem die Attacken allerdings vom rechten Lager kamen. Die Statue wurde im Auftrag von Elisabeth von Österreich, Sissi, 1873 für den Park ihres Schlosses auf Korfu, genannt Achilleion, angefertigt. Kaiser Wilhelm der II. ließ sie entfernen und sie gelangte in den Besitz des Verlegers Campe und stand in Hamburg, bevor sie, quasi auf der Flucht vor den Nazis, nach Toulon emigrierte, wo sie noch heute im Botanischen Garten steht. Im August 1920 wurde die Statue mehrfach verschandelt. Von dem Kampf zwischen den Nationalisten, die Heine als Vaterlandsverräter wegen seiner Werke und seiner jüdischen Herkunft betrachteten, und der Arbeiterjugend berichtet der Vorwärts am 14. August. Es liest Frank Riede.
Ep 230Ringkämpfe um die Sperrstunde
Das Ringen ist eine der ältesten Sportarten der Menschheit. Im Zusammenhang der Entwicklung Olympias zum telegenen Großereignis, wurden die Rundenzeiten auf medial gut handhabbare 2 Minuten beschränkt. Landet bis dahin kein Ringer auf den Schultern, entscheidet ein Punktrichtergremium über den Sieger. Vor hundert Jahren wurde in der Regel noch solange gerungen bis eine Entscheidung vorlag. Was das im Kontext der Polizeisperrstunde für die abendlichen Ringkämpfe bedeutete, davon berichtet die kleine Sportmeldung aus dem Vorwärts vom 13. August, die Paula Leu vorliest.
Ep 229Es wäre kein Brexit nötig gewesen…
England und Europa – dieses Verhältnis war schon lange vor dem Brexit ein heikles Thema. Vor hundert Jahren witterte vor allem Frankreich im britischen Hegemonialstreben die Gefahr, Europa könne vollständig nach den Interessen Londons reorganisiert werden, was dann insbesondere zu Lasten der Franzosen ginge. In der Vossischen Zeitung vom 12.8.1920 wird alternativ über eine das europäische Schicksal gemeinsam bestimmende Mächtegruppe, die „Vereinigten Staaten von Europa“, nachgedacht. Der Kern dieser Gruppe müsste nicht zwangsläufig allein aus Siegermächten des 1. Weltkriegs bestehen. Vielmehr wäre gerade ein deutsch-französisches Bündnis in der Lage, Europa zu stabilisieren und seine Zukunft zu sichern. Gelesen von Frank Riede.
Ep 228Rückkehr nach Reims
Der Blick zurück auf die Wunden des Weltkrieges ist Anfang der 20er Jahre auch in der Berliner Tagespresse bis weit ins liberale und linke Spektrum hinein von erheblicher Larmoyanz dominiert. Im Mittelpunkt steht in aller Regel das eigene Leiden und die Ungerechtigkeit, die Deutschland durch den Versailler Friedensvertrag widerfahren sei. Davon abweichend und deshalb überaus bemerkenswert nimmt sich vor diesem Hintergrund ein kleiner Artikel am 11. August 1920 in der Berliner Volks-Zeitung aus, der den deutschen Kunsthistoriker Otto Grautoff nach Reims begleitet. Schonungslos und durchaus selbstkritisch wird hier die Kriegszerstörung der dortigen Kathedrale, des vielleicht wichtigsten französischen Nationalheiligtums, durch deutsche Truppen thematisiert. Es liest Paula Leu.
Ep 227Der Genozid an den Armeniern
Der Genozid an den Armeniern während des Ersten Weltkrieges gilt als einer der ersten Völkermorde des 20. Jahrhunderts. Von staatlicher türkischer Seite bis heute geleugnet, gibt es doch hinreichend Augenzeugenberichte, die schon früh Umstände und Ausmaß der Massaker und Todesmärsche publik machten. Eine der wichtigsten Stimmen war diesbezüglich der deutsche Dolmetscher und Kriegsberichterstatter Heinrich Vierbücher, der 1930 das Standardwerk ‘Armenien 1915‘ vorlegte, welches mit erschütternder Klarheit den Völkermord in seinem Ablauf beschreibt und als Zeitdokument bis heute immer wieder neu aufgelegt worden ist. In einer komprimierten Form konnte man die wesentlichen Fakten aus Vierbüchers Feder indes bereits am 10. August 1920 – dem Tag, an dem das Osmanische Reich den Friedensvertrag von Sèvres unterzeichnete - im Vorwärts nachlesen. Hier tut dies Frank Riede.
Ep 226Die Rote Armee vor Warschau
Mitte 1920 sahen die meisten Beobachter des Polnisch-Sowjetischen Krieges Polen als sicheren Verlierer. Die Rote Armee hatte die anfänglichen polnischen Erfolge zunichte gemacht und stand zwischenzeitlich kurz vor Warschau. Die Stadt machte sich zur Verteidigung bereit. Durch einen geschickt geführten Gegenangriff sollte das von Josef Pilsudski geführte Heer es in der Folge tatsächlich schaffen, das Kriegsglück wieder auf polnische Seite zu ziehen und im Frieden von Riga im Folgejahr die Unabhängigkeit des Landes zu sichern. Am 9. August allerdings war das noch nicht abzusehen. Max Theodor Behrmann berichtet für die Vossische Zeitung folglich auch von einer angespannt-nervösen Atmosphäre in Warschau. Es liest Paula Leu.
Ep 225Auf der Suche nach der 4. Internationale
Vom 31. Juli bis zum 5. August 1920 tagte in Genf ein Sozialistenkongress, der die Gründung einer nach ihrem Hauptsitz benannte „Londoner Internationale“ beschloss, die sich als Folgeorganisation der 2. Internationale verstand. Doch auch auf dem Feld der internationalen Arbeitervereinigungen fand eine Spaltung statt, wie oftmals innerhalb der sozialistischen Parteien auf der nationalen Ebene. So nahm etwa an dem Kongress die SPD teil, die „linkere“ USPD hatte dort keine Vertreter. Aber schon Lenin hatte die 2. Internationale für tot erklärt und eine dritte ausgerufen. Die Sozialdemokratischen Parteien gründeten kurz darauf eine eigene Organisation, die dann aber mit der Londoner Internationale im Mai 1923 fusionierte... Frank Riede liest den Abschlussbericht zur Konferenz in Genf der eher konservativen DAZ vom 8. August, der die Probleme der internationalen Arbeiterbewegung schonungslos aufdeckt.
Ep 224Chinesische Mauer in Mecklenburg
Otto von Bismarck wird gerne mit dem Bonmot zitiert, dereinst nach dem Weltuntergang ziehe er nach Mecklenburg – weil dort alles 50 Jahre später geschehe. Dazu kam es bekanntlich nicht, weil der Eiserne Kanzler selbst bereits zwanzig Jahre vor dem Untergang der Welt, seiner Welt, der Welt des deutschen Kaiserreiches das Zeitliche segnete. Das kleine Mecklenburg-Strelitz indes sollte seiner Prophezeiung durchaus alle Ehre machen, indem es nach 1918 manche Gesetze der neuen, der nachrevolutionär-republikanischen Welt einfach ignorierte. Und den von Bismarck personifizierten ostelbischen Feudalismus auf diese Weise seinen eigenen Untergang tatsächlich ein Stückweit überleben ließ. So nachzulesen in der Vossischen Zeitung vom 7. August 1920, hier getan von Paula Leu.
Ep 223Einmalige Vermögensabgabe zur Krisenbewältigung?
Wie können wir die wirtschaftliche Krise infolge der Corona-Schutzmaßnahmen abfedern? Neben dem Ruf nach einem Grundeinkommen gibt es auch prominente Plädoyers für eine einmalige Vermögensabgabe zum Wohle aller. Ähnlich wurde vor einhundert Jahren über eine Sanierung der durch den Krieg und die ihm folgenden Reparationszahlungen desaströsen Finanzlage der Weimarer Republik nachgedacht. Seit Anfang 1920 bestand das Reichsnotopfergesetz, das eine Vermögenssteuer darstellte, jedoch lediglich die mittleren und kleineren Vermögensbesitzer zu Abgaben zwang, denen sich die Wohlhabenden hingegen durch Tricks und Kapitalflucht mehrheitlich entzogen. Diese Unzulänglichkeiten erkannte auch Dr. Kuczynksi vom Statistischen Amt Schöneberg und plädierte nachdrücklich in der Freiheit vom 6. August für eine Vermögensabgabe, deren Umsetzung er bereits detailliert geplant hatte. Doch sein Vorschlag verhallte, es kam zu keiner Vermögensabgabe. Wen überrascht’s? Es liest Frank Riede.
Ep 222Hut ab!
Wenn (der) Mann heutzutage in Berlin mit einer Pyjamahose, Lackschuhen, Bikinioberteil und Cowboy-Hut in die U-Bahn steigt, irritiert das kaum noch. Vor hundert Jahren allerdings galt in den Straßen von Berlin noch eine Kleiderordnung, die weniger liberal war als in anderen europäischen Großstädten. In seinem Beitrag für die Berliner Volks-Zeitung vom 5. August 1920 berichtet Karl Fischer vom großen Aufsehen, welches Männer zu dieser Zeit verursachten, die es wagten, dem erst beginnenden Trend zu folgen, ohne Hut auszugehen! Es liest Paula Leu.
Ep 221Territoire de Memel
Die Grenze, die 1422 im Friedensvertrag von Meinosee zwischen dem Königreich Polen und Großfürstentum Litauen auf der einen und dem Deutschen Orden auf der anderen Seite gezogen wurde, zählte nach der Pyrenäengrenze zu den stabilsten, langlebigsten Demarkationslinien Europas. Fast 500 Jahre lang blieben die territorialen Konturen Ostpreußens bei allen politischen Umbrüchen unverändert, bis der Erste Weltkrieg auch diesem Zustand ein Ende bereitete. Das sogenannte Memelland nördlich des gleichnamigen, in der ersten Strophe des Deutschlandliedes besungenen Flusses wurde vom Deutschen Reich abgetrennt. Und, da die politischen Verhältnisse zwischen den potentiellen Anrainern Russland, Polen und Litauen noch nicht geklärt waren, einstweilen unter französische Verwaltung gestellt. Die DDP-Reichstagsabgeordnete Elisabeth Brönner stammte aus dem Memelland und berichtete über die dortige Situation am 4. August 1920 in der Vossischen Zeitung. Es liest Frank Riede.
Ep 220Der Standesbeamte als Hausarzt
Wie und wo kann der Staat etwas gegen die Ausbreitung von Geschlechtskrankheiten tun? Diese Frage wurde vor 100 Jahren gestellt und die Antwort des Gesetzgebers identifizierte den Standesbeamten als wirksamen Akteur. Quasi als Vorläufer heutiger Awareness-Kampagnen, wie man gesundheitliche Aufklärungskampagnen im Marketing-Slang bezeichnet, diente ein Merkblatt und die Empfehlung, vor der Eheschließung eine ärztliche Untersuchung durchzuführen. Von dieser Maßnahme berichtet voller Begeisterung ein gewisser Dr. med. Mamlook für das Berliner Tageblatt vom 3. August 1920. Es liest Paua Leu.
Ep 219Die 15er Räterepublik in der Oberlausitz
Auch fast zwei Jahre nach der Begründung der Weimarer Republik auf den Trümmern des im Ersten Weltkrieg untergegangenen Kaiserreiches waren die politischen Verhältnisse in Deutschland immer noch in vielerlei Hinsicht fragil. Nachdem im März 1920 der Kapp-Putsch das Land erschüttert hatte, verging kaum eine Woche ohne Gerüchte über neuerliche Staatsstreichpläne rechter Militärs. Aber auch von linker Seite kam es immer wieder zu lokalen Aufständen, die hier und da in spontan ausgerufenen, kurzlebigen und heute zumeist vergessenen Räterepubliken mündeten. So ähnlich geschehen beispielweise im Sommer 1920 in der Oberlausitz, wo namentlich die Städte Zittau und Löbau Schauplatz bürgerkriegsähnlicher Auseinandersetzungen zwischen linken Aktivisten und den sächsischen Staatsorganen wurden: Das Berliner Tageblatt vom 2. August berichtete, es liest Frank Riede.
Ep 218So verrucht ist die Friedrichstraße
Die Berliner Friedrichstraße ist eine der bekanntesten Straßen im historischen Zentrum Berlins. Als Einkaufsmeile war und ist sie von Hektik, Eile und Geschäftigkeit geprägt. Und doch, so der Kolumnist der Berliner Börsen-Zeitung am 1.8.1920, fehlt der Friedrichstraße eine Eigenschaft, die andere berühmte Promenier- und Shoppingboulevards auszeichnet: sie ist nicht schön. Ihr fehlt die Grandezza, hat eher einen verruchten Touch. Sie braucht den „krabbeligen Straßenhandel“ ebenso wie das „Parfüm des Verbotenen“. Vor einhundert Jahren hatte sie beides. Es liest Paula Leu.
Ep 217Weltkriegseuphorie vor 6 Jahren
Die Krise nach dem Attentat von Sarajewo am 28. Juni 1914 steht am Beginn des 1. Weltkriegs, an dessen Ende weltweit 36 Staaten in Kriegshandlungen verwickelt gewesen waren. Grund für diese bis dahin beispiellose Ausbreitung eines scheinbar lokalen Konflikts war nicht nur das komplexe globale Bündnissystem, sondern auch eine Art grundsätzlicher Kriegsstimmung. Mindestens in Europa schien für viele die Zeit reif für einen ordentlichen Krieg. Große Teile der Bevölkerung, von den politischen Eliten bis zum Arbeiter wurden von einer im Rückblick irrwitzigen Begeisterung erfasst. Am 31. Juli erinnert sich im Vorwärts Hans Bauer an diese Zeit, in der sich „die Lust am Schrecklichen […] in den Mantel der Vaterlandsliebe“ hüllte. Es liest Frank Riede.
Ep 216Böse Panke
Die Panke ist nach der Spree und der Havel der drittlängste Fluß auf dem Berliner Stadtgebiet. Ihr Quellgebiet liegt in den Barnimhöhen bei Bernau und fließt einer eiszeitlichen Rinne folgend durch Buch, Karow und das eponyme Pankow bis sie in die Spree mündet. Schon 1920 kannten die Berliner die Panke nur als unter die Erde verlegten Fluß, wenn ihnen überhaupt bewusst war, wo sie langgeführt wurde. Das verhältnismäßig schmale und gemächlich fließende Gewässer, sorgte aber bei starken Regenfällen regelmäßig für Überschwemmungen. Die Hochwasser 1902, 1904, 1915 und 1919 wurden aber noch verstärkt durch die Rieselfelder entlang der Panke. Rieselfelder waren die Vorläufer der Klärwerke. Städtisches Abwasser wurde auf Felder am Stadtrand gepumpt, wo es in riesigen Becken durch Bodenschichten sickerte und sich so reinigte. Am 29. Juli 1920 berichtet die Vossische Zeitung über einen weiteren Anlauf, durch einen Ausbau des Flußbettes, die Gefahr von Überschwemmungen durch die „böse“ Panke zu minimieren. Es liest Paula Leu.
Ep 215Zur Kur in Kissingen
Bad Kissingen gilt bis heute als Inbegriff des mondänen deutschen Kurortes, und es tat dies erst recht auch schon vor einhundert Jahren. Der Bericht im Berliner Tageblatt vom 29. Juli 1920 ist in diesem Sinne erfüllt vor allem von der Erleichterung darüber, dass trotz Weltkrieg und Nachkriegsmisere fast alles an der Saale aussieht wie ehedem: An den Hängen gedeiht der edle Frankenwein, die Kurgäste defilieren nach dem morgentlichen Schlammbad durch die Wandelhallen Richtung Konzert oder Kasino, und aus den beiden berühmten Mineralquellen Pandur und Rakoczy sprudelt nach wie vor das eisenhaltige Heilwasser, um dessen wunderkräftiger Wirkung willen man von jeher in den Ort in der fränkischen Rhön gereist war. Es liest Frank Riede.
Ep 214Römisches Nocturno
Der 1862 geborene Journalist und Schriftsteller Hans Barth lebte 40 Jahre lang, von 1886 bis 1927 in Rom und arbeitete als Korrespondent des Berliner Tageblatts. Zuvor hatte er seine Kindheit in Smyrna verbracht, die Schule in Ulm besucht, um dann in Genf, Zürich und Berlin romanische Philologie zu studieren. Eine gehörige Portion der dabei akkumulierten Bildung fließt ein in sein Feuilleton-Stück über das Nachtleben Roms vom 28. Juli 1920 in ebenjener Zeitung. Die elegische Dichtung des antiken Poeten Properz, der seine Liebe Cynthia besang, die Geschichte der Borgia-Päpste, Goethes römische Elegien – auf das alles und noch viel mehr spielt sein Text an. Doch anstatt zu sehr den Verweisen nachzuspüren, genießen wir einfach seine römische Nocturne, für uns gelesen von Paula Leu.
Ep 213Presseschau zur Rede des Außenministers Simons
Gute zehn Monate war Walter Simons 1920/21 Außenminister der Weimarer Republik. Reichskanzler Fehrenbach hatte den parteilosen Juristen mit Blick auf die schwierigen Verhandlungen über die Reparationszahlungen auf der Konferenz in Spa ins Kabinett berufen. Ohne die direkten Verpflichtungen gegenüber Partei und Parlament schienen die harten Auseinandersetzungen mit den Siegermächten bessere Chancen auf Erfolg zu haben. Simons gelang es jedoch nicht, die Reparationsforderungen wirklich zu senken. Und auch die Fraktionen des Reichstags sahen Simons kritisch. Zumindest die Rechtsparteien stießen sich an seinen Ausführungen zur außenpolitischen Lage Deutschlands; viel zu russlandfreundlich, viel zu links, wie der Vorwärts in einer eigenen kleinen Presseschau vom 27.7. 1920 mit ironischem Unterton feststellt. Es liest Frank Riede.
Ep 208Polgar: Lob der Mansarde
Die Mansarde, jene Dachgeschoßwohnung mit Blick über die Dächer der Stadt, benannt nach der Pariser Architektenfamilie Mansart des 17. Jahrhunderts, galt in der Weimarer Republik eher als Inbegriff der Armut. Darauf verweist die Benennung Mansardenkaffee für billigen Kaffee-Ersatz oder Mansardenschneiderin für schwarz arbeitende Flickschusterinnen. Doch die Mansarde hatte auch glühende Verfechter. Zu ihnen zählte der begnadete Feuilletonist Alfred Polgar, der am 26. Juli im Berliner Tageblatt von seinem Leben in seiner Wiener Mansarde schreibt. Es liest Paula Leu.
Ep 212Ignaz Wrobel: Berliner Gefängnisse
Heute übergeben wir das Wort mal wieder an Kurt Tucholsky, der unter dem Pseudonym Ignaz Wrobel immer wieder – auch in unserem Podcast – bissig das Deutsche Bürgertum kritisierte. Doch diesmal nutzt Tucholsky, also Wrobel seine Plattform, um Hans Hyan Gehör zu verschaffen. Hyan, ein Drehbuchautor, Schriftsteller, Gerichtsreporter und Kabarettist, Begründer des Berliner Kabaretts „Zur silbernen Punschterrine“, hatte zwischen unzähligen Detektivromanen 1920 eine Streitschrift über den Strafvollzug in Deutschland verfasst. In dem Buch prangert er nicht nur die Zustände in den Gefängnissen, sondern auch im Justizapparat an. Die Beamten im Justizapparat, überwiegend noch aus der Kaiserzeit im Amt, schienen die Prinzipien der Republik und der Demokratie noch nicht verinnerlicht zu haben. Die ganze Weimarer Zeit hindurch werden Tucholsky und zahlreiche Mitstreiter die Justiz für ihre unverhältnismäßigen Strafen und ihre Blindheit auf dem rechten Auge, aus heutiger Sicht definitiv zu recht, geißeln. Diese Buchrezension aus der Freiheit vom 25. Juli liest Frank Riede.
Ep 211Die Rote Armee
Wie wenig man in den ersten Jahren in Europa von der aufstrebenden Sowjetmacht im Osten wusste, lässt sich trefflich an dem Umstand ablesen, dass fast alle Informationen, die im Sommer 1920 kursierten, auf dieselbe eine Quelle zurückgingen, d.h. einer einzigen Reise britischer Sozialisten in das postrevolutionäre Russland entstammten. Nachdem in diesem Podcast bereits Ethel Snowden und Bertrand Russell mit ihren Reiseeindrücke zu Gehör gekommen sind, schließt sich heute ein Artikel aus dem Vorwärts vom 24. Juli an, welcher sich seinerseits auf den Bericht des die Delegation begleitenden Journalisten Walter Meakins von den Daily News stützt. Meakins wesentliches Interesse gilt darin der jungen Roten Armee, deren Schlagkraft sowohl im Bürgerkrieg, als nun auch in den Kämpfen mit Piłsudskis polnischen Truppen auf die westlichen Beobachter erheblichen Eindruck machte. Es liest Paula Leu.
Ep 210Die Flucht des Bela Kun
Die ungarische Räterepublik war, wie so viele andere revolutionäre Projekte der Jahre 1918/19, äußerst kurzlebig. Im Juli 1920 herrschte in Budapest längst wieder die ‘Reaktion‘ mit Reichsverweser Horthy an der Spitze, während sich der Kopf der Räteregierung Bela Kun nach Österreich geflüchtet hatte, um sich nun von dort, im Austausch gegen noch in Russland befindliche österreichische Kriegsgefangene, auf den Weg in die ihm Asyl versprechende Sowjetunion zu machen. Zu diplomatischen Verwicklungen kam es in Deutschland, wo man ihn bei der Durchreise in Swinemünde festsetzte, nach ein paar Tagen aber unter Protest der ungarischen Regierung doch ausreisen ließ. Kun erreichte das gelobte Land des Sowjetkommunismus und entfaltete von hier in der Folge eine umtriebige politische Tätigkeit in ganz Europa – bevor sein Schicksal eine tragische Wendung nahm und er 1938, wie so viele andere Moskauer Exilanten, ein Opfer des großen stalinistischen Terrors wurde. Aus dem Bericht des Berliner Tageblatts vom 23. Juli 1920 über die zwischenzeitliche Internierung Kuns in Deutschland liest Paula Leu.
Ep 209Ein Besuch auf Wangerooge
Die Nordseeinsel Wangerooge ist heutzutage vor allem als Reiseziel beliebt. Aber auch schon vor hundert Jahren lebte die östlichste der sieben bewohnten ostfriesischen Inseln in hohem Maße vom Tourismus. Hatte das Eiland, von Zivilbevölkerung geräumt, während des Krieges noch als Militärstützpunkt gegen die Engländer gedient, so berichtet der Vorwärts am 22. Juli 1920 von einem bereits wieder auf Hochtouren laufenden Pensions- und Gaststättenbetrieb. Die Nachfrage der gut zahlenden Besucher sorgte für einen eigenen, hochpreisigen Wirtschaftskreislauf und dafür, dass es auf diesem isolierten Fleckchen Erde alles im Überfluss und bester Qualität zu kaufen gab. Leidtragende waren die Einheimischen, die nicht vom Tourismus lebten, aber mit enormen Lebenshaltungskosten zu kämpfen hatten. Gelesen von Frank Riede.