
Auf den Tag genau
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Ep 407Reparationen: Endlich deutsche Gegenvorschläge
Als Attachee im diplomatischen Dienst Frankreichs hatte Jacques Seydoux sowohl in London als auch in Berlin einige Jahre verbracht bevor er nach Ende des 1. Weltkrieges die Leitung der neugeschaffenen Wirtschaftsabteilung des französischen Außenministeriums übernahm. Dort hatte er nicht zuletzt auch die Frage der Reparationen zwischen Deutschland und den Siegermächten zu moderieren. Als klar war, dass Deutschland auf absehbare Zeit kaum in der Lage sein würde, substanzielle monetäre Entschädigungen zu zahlen, legte Seydoux Ende 1920 einen Plan vor, in dem Reparationsleistungen nicht direkt über Geldzahlungen, sondern über eine Art Anteilscheinsystem erbracht werden sollten. Obwohl es auch auf deutscher Seite Widerstände gab, hatte man sich zu Beginn des Jahres 1921 dazu durchgerungen, Seydoux’ Plan zu akzeptieren. Umso verärgerter war die deutsche Delegation unter Außenminister Walter Simons, als die Alliierten den Plan Ende Januar überraschend selbst fallen ließen. Von der kurze Zeit darauf im Reichstag gehaltenen, deutlichen Rede Simons berichtet am 2. Februar die Vossische Zeitung. Es liest Frank Riede.
Ep 406Vom Marstall zum Zeitungsarchiv
Die heutige Ausgabe von ‚Auf den Tag genau‘ ist ein Stückweit auch eine Angelegenheit in eigener Sache. Der sogenannte Alte Marstall in der Breiten Straße direkt neben dem gerade wieder errichteten Hohenzollernschloss ist eines der ältesten erhaltenen, zumal weltlichen Gebäude in Berlin. Bis 1918 beherbergte er gemeinsam mit dem angrenzenden Neuen Marstall die kaiserlichen Pferde und Kutschen, danach wurde er (gemeinsam mit dem noch älteren Ribbeck-Haus) umgerüstet zur Heimstatt der Berliner Stadtbibliothek, als die er noch heute fungiert. Zu deren wichtigsten Beständen zählen zweifellos die hier befindlichen Berlin-Sammlungen, zu denen wiederum ein umfängliches städtisches Zeitungsarchiv gehört. Auf Mikrofilm kann man dort (zumindest außerhalb von Lockdown-Zeiten) u.a. auch unseren heutigen Podcastartikel aus dem Berliner Tageblatt vom 1. Februar 1921 lesen, welcher eben der Umwandlung des Marstalls in besagte Stadtbibliothek gewidmet ist. Für uns tut dies Paula Leu.
Ep 405Große Ausstellung der Zwergbäume
Das Interesse für fernöstliche Kultur war keine Modeerscheinung des 18. Jahrhunderts allein. Doch während Friedrich der Große sich sein Chinesisches Haus noch unzugänglich für das gemeine Volk im Park Sanssouci in Potsdam bauen ließ, konnten die Berliner zu Beginn des Jahres 1921 ganz einfach im Hohenzollern-Kunstgewerbehaus asiatische Möbel, Porzellane, Stoffe, Handarbeiten und andere Kunstwerke sowie besonders die chinesisch-japanischen Zwerggärten mit ihren Miniatur-Bonsaibäumen anschauen gehen. Professor Doktor Paul Graebner, Kustos am Botanischen Museum, zeigt sich im Berliner Tageblatt vom 31.1. begeistert. Gelesen von Frank Riede.
Ep 404Highlights des Presseballs 1921
Der deutsche Presseball blickt heute auf eine beinahe 150jährige Geschichte zurück. Am 9. März 1872 als Wohltätigkeits-Veranstaltung zugunsten notleidender Journalisten begründet, wurde der Ball rasch zu einer Veranstaltung, deren Gästeliste sich wie ein „who-is-who“ des Deutschen Reiches las. Das verführte die darüber berichtende Presse auch zu endlosen Aufzählungen der anwesenden Damen und Herren, zeugte doch die Beteiligung von allem, was Rang und Namen hat, auch von der Bedeutung der Vierten Gewalt im Staate. Im Bericht über den Presseball 1921 in der Berliner-Börsen Zeitung vom 30. Januar finden sich ebenfalls solche Gästelisten, der Autor beginnt allerdings mit einer Rezension des eigens zu dem Ball herausgegebenen Büchleins „Die Balldame“, an dem sich namhafte Zeichner und Autoren beteiligt hatten, die natürlich auch fein säuberlich aufgezählt werden. Es liest Paula Leu.
Ep 403Sehnsuchtsland Spanien?
Spanien mag schon vor einhundert Jahren ein deutsches Sehnsuchtsland gewesen sein – aus hiesiger Perspektive war es damals aufgrund seiner Randlage in Europa jedoch vor allem eins: weit weg. Das schlägt sich auch in der Berichterstattung der großen Berliner Tageszeitungen nieder, die in beeindruckender Vielfalt beinahe täglich aus Österreich, Polen oder Italien, sehr regelmäßig aus England, Frankreich und Skandinavien sowie von Zeit zu Zeit exklusiv selbst aus entlegeneren Weltgegenden wie dem postrevolutionären Russland, dem Orient oder Südamerika informieren – auf die iberische Halbinsel indes kaum über Drähte verfügen. Umso interessanter, wenn sich doch einmal ein Reisebericht findet, wie am 29. Januar 1921 in der Vossischen Zeitung. Dessen mit K.U. signierender Autor weiß von seinem Zielort denn auch durchaus Überraschendes mitzuteilen: nicht nur über die aufgrund der starken Valuta vergleichsweise hohen Lebenskosten, sondern auch bezüglich des unerwartet feuchten und ungemütlichen Wetters. Für uns reist bzw. liest Frank Riede.
Ep 402Wahlergebnis für ungültig erklärt
Donald Trump, falls er dies hört, muss jetzt sehr tapfer sein: Die rechtsliberale Deutsche Volkspartei klagte 1921 gegen die im Vorjahr abgehaltene Wahl zur Berliner Stadtverordnetenversammlung wegen angeblicher Form- und Auszählungsfehler – und kam damit durch. Der dafür erstinstanzlich zuständige Bezirksausschuss schloss sich dem Einspruch der DVP an und erklärte kurioserweise zwar nicht den zeitgleich vollzogenen Wahlakt für die Bezirksparlamente, wohl aber den für das Stadtparlament für ungültig. Wenig Freude löste dieser Neuwahlbeschluss naturgemäß in den Reihen der seinerzeit zur stärksten Fraktion erhobenen USPD aus. Deren Parteizeitung Freiheit unterstellt in ihrer Ausgabe vom 28. Januar denn auch unverhohlen politische Motive hinter dem Urteil. Es liest Frank Riede.
Ep 401Julie Elias: Ein neues Kochbuch braucht das Land
Die Kochkunst ist ein wichtiger Baustein der Selbstwahrnehmung eines Landes. Was aber tun, wenn die Mangelwirtschaft des Krieges dazu führte, dass das Kochen hauptsächlich im Dienste des Überlebenskampfes betrieben wurde, fern von üppigen Gaumenfreuden? Der künstlerische Anteil des Kochens wurde dabei zu der Kunst, aus nichts viel zu machen. Die feste Größe in Weimar, wenn es um Mode und Kulinarik geht, Julie Elias, betrachtet ausgehend von neuen französischen Kochbüchern die Situation der Kochkunst in Deutschland und hat auch eine klare Vorstellung davon, in welche Richtung es gehen soll. Köchinnen und Köche aufgepasst! Ihr von Paula Leu für uns gelesene Artikel aus dem Berliner Tageblatt vom 27. Januar enthält ein Rezept für gefüllten Kohl.
Ep 400Internationale Eisläufer aus Österreich?
Die 1920er Jahre gelten zurecht als ein goldenes Zeitalter des Zeitungswesens; allein der Sportjournalismus steckte damals erkennbar noch in den Kinderschuhen. Zwar hatten fast alle Zeitungen mittlerweile ein paar schmale Zeilen dafür reserviert, über die wichtigsten Ereignisse auf dem Gebiet der ‘Leibesübungen‘ zu berichten. Über viel mehr als knappe Ergebnislisten ging das jedoch selten hinaus. Und wenn es doch einmal zwei, drei Sätze mehr sind, wie beim Bericht der Deutschen Allgemeinen Zeitung vom 26. Januar 1921 über eine Eislaufgala im Admiralspalast, erfährt man aus dem Artikel häufig trotzdem erstaunlich wenig über die gelaufenen Sprünge und Pirouetten – weil jener sich stattdessen lieber bei der Frage aufhält, ob Eisläufer aus Wien in Berlin als ‘internationale Gäste‘ anzukündigen seien. Es liest Paula Leu.
Ep 399Experimentelles in der Potsdamer Provinz
Die Theaterkritik von Max Goldstein in der Vossischen Zeitung vom 25. Januar 1921 ist von einer doppelten paternalistischen Haltung geprägt. Zum einen wagt sich der Berliner Hauptstadtkritiker in das benachbarte Potsdam, um zu schauen, was das kleinstädtische, verschnarchte und provinzielle Theater dort so anbietet. Zum anderen werden dort zwei Einakter des arabisch-deutschen Dramatikers und Übersetzers Asis Domet gegeben, der als maronitischer Christ und Bewunderer deutscher Literatur zwischen den Kulturen wirkte und offenbar in seinen Stücken bemüht war, orientalische Stoffe in deutsche Verssprache zu übertragen. Goldstein begegnet diesem Bemühen durchaus mit Sympathie, attestiert Domet allerding kindlich entwaffnenden Dilettantismus. Für uns liest Frank Riede.
Ep 398Knut Hamsun und die Vielweiberei
Dass sich Personen des öffentlichen Interesses für eine Affäre entschuldigen, gibt es alle Tage. Auch hat man schon davon gehört, dass manch einer der eigentlichen Anschuldigung zuvorgekommen ist und das moralische Fehlverhalten dementierte, bevor er dessen überhaupt angeklagt war. Die Art und Weise aber, wie Knut Hamsun sich am 24.1.1921 im Berliner Tageblatt gegen den angeblich erhobenen Vorwurf der Vielweiberei zur Wehr setzt, ist schon speziell. Eine „finnländische Frau“ habe ihm den Artikel eines dänischen Journalisten zugeschickt, der diese Lügen über ihn verbreite. Wo genau er das tat, bleibt ungeklärt. Warum sich Hamsun im Berliner Tageblatt öffentlich erklärt, ebenso. Und wer ist diese „finnländische Frau“? Wie auch immer. „Ergebenst ihr Knut Hamsun“. Es liest Paula Leu.
Ep 397Über den Umgang von Neureichen
Adolph Franz Friedrich Ludwig Freiherr Knigge publizierte 1788 sein „Über den Umgang mit Menschen“, das einen solchen Ruhm erlangte, dass der Begriff „Knigge“ bis heute stellvertretend für Benimmbuch steht, obgleich der Freiherr es gar nicht als solches verfasst hatte. Zweifellos schrieb Adolph Franz Friedrich etc. Knigge in einem spezifischen kulturell-gesellschaftlichen Kontext. Dieser Kontext verändert sich mit der Zeit und dem trägt mit deutlich ironischem Ton der österreichische Schriftsteller Ludwig Hirschfeld Rechnung. Im Berliner Tageblatt vom 23. Januar 1921 schreibt er eine Aktualisierung des Knigge für die neureiche Schicht der Nachkriegszeit. Wir erhalten die Ratschläge von Frank Riede.
Ep 396Der Theaterboykott der Theaterkritiker
Angestrengt von der politischen Unruhe, aber wohl auch zermürbt von einer zunehmend nörgeligen Kritik hatte Berlins berühmtester Theaterkünstler, Max Reinhardt, die Stadt 1920 verlassen und die Direktion des von ihm vormals geleiteten Deutschen Theaters samt des gerade neu eröffneten Großes Schauspielhauses an seinen früheren Mitarbeiter Felix Hollaender übergeben. Dieser verfügte selbst über eine Vergangenheit als Theaterkritiker, was das Verhältnis zu den einstigen Kollegen aber offensichtlich auch nicht einfacher machte. Vielmehr kündet der Vorwärts in seiner Ausgabe vom 22. Januar 1921 von einem Boykott gegen die Hollaender-Bühnen, zu dem sich die versammelte Berliner Theaterkritik nach ein paar Nadelstichen aus deren Dramaturgiestuben durchgerungen hatte. Auch wenn dieser Beschluss bereits nach wenigen Tagen wieder zurückgenommen wurde, stand die Intendanz Hollaenders nach dieser Machtprobe unter keinem besonders guten Stern. Sie endete bereits 1923, und Hollaender wurde wieder – Theaterkritiker. Es liest Paula Leu.
Ep 395Die SPD stimmt mit den Bürgerlichen
Gustav Boeß von der DDP, der bürgerlich liberalen Deutschen Demokratischen Partei, wurde am 20. Januar 1921 zum Oberbürgermeister von Berlin gewählt. Da die Stadtverordnetenversammlung eine „linke“ Mehrheit aus Kommunisten, USPD und SPD besaß, ist die Wahl eines Kandidaten des bürgerlichen Lagers nur dadurch zustande gekommen, dass die SPD ihre Stimmen ihm gab und nicht dem Kandidaten der USPD Dr. Weyl. Dementsprechend beinhaltet der Bericht vom 21. Januar zur Wahl von Gustav Boeß im Vorwärts eine Rechtfertigung der SPD-Fraktion, warum sie nicht für Weyl stimmte, wohlwissend, dass die Presseorgane der Kommunisten und der USPD sie als Verräter beschimpfen würden. Gustav Boeß war die ganzen „goldenen Zwanziger“ über, bis 1929, Oberbürgermeister, bis er über die sogenannte Pelzmantelaffäre stürzte, bei der es um spottbillige Pelze für seine Frau mit dem Geruch von Bestechung ging, aber davon berichten wir dann 2029. Um einen Eindruck von damaligen Lebensläufen zu geben, liest Paula Leu auch die biographische Skizze des Vorwärts ein, die an den Artikel anschließt.
Ep 394Erinnerungen an Klein-Berlin (und Umgebung)
Dass Charlottenburg einmal eine von Berlin unabhängige Kleinstadt war, kann man sich heute kaum noch vorstellen. Was heute der alte Westen ist, diente bis gegen Ende des 19. Jahrhunderts noch als eine Art Naherholungsgebiet der Kapitale, die Sommerfrische der Berliner. In einer Zeit, in der der Scharmützelsee noch wild und unentdeckt war wie Humboldts Orinoco, hielt sich nicht nur der Hof während der Sommermonate gerne im bereits zivilisierten, aber doch noch ländlich-idyllischen Charlottenburg auf. Im Häuschen mit Garten, zwischen Fliederbüschen und Goldregen, bei einer Weißen und bei Grünem Aal mit Dill. An diese Welt von gestern erinnert sich ein Altberliner in der Vossischen Zeitung vom 20.1.1921. Gelesen von Paula Leu.
Ep 393Eindrücke aus der Mongolei
Am 20. April 1828 wurde die Gesellschaft für Erdkunde zu Berlin gegründet mit dem Ziel geographische und geowissenschaftliche Forschung zu fördern, aber auch um mit Vortragsabenden und einer Zeitschrift, wie man heute sagen würde, Wissenschaftskommunikation zu betreiben. Dieses Jahr wird sie ihr 193jähriges Bestehen feiern. Am 19. Januar 1921 berichtet der Vorwärts vom ersten Vortragsabend des Jahres. Der Reiseschriftsteller, Fotograf und Mongoleiforscher Hermann Consten, der zwei Jahre zuvor das Buch „Weideplätze der Mongolen – im Reiche der Chalcha“ publiziert hatte, das auf seiner Expedition während des Ersten Weltkriegs basierte, trug vor – wen überrascht es – über die Mongolei. Neben anderem ist vielleicht an seinem Vortrag für uns überraschend, dass die Mongolen in der Schlacht bei Liegnitz von 1241 offensichtlich dampfausstoßende Kriegsmaschinen einsetzten, so dass diese Schlacht als einer der frühen Einsätze chemischer Waffen gilt. Für uns berichtet vom Vortragsabend mit Lichtbildern Frank Riede.
Ep 39250 Jahre Deutsche Einheit
Nationale Feierlichkeiten kreisen hierzulande aus bekannten historischen Gründen regelmäßig um das Thema der deutschen ‘Einheit‘ – zuletzt im vergangenen Jahr, als deren dreißigstes Jubiläum begangen wurde. Vor einhundert Jahren war man diesbezüglich, d.h. in der Zählung schon einmal weiter: 50 Jahre deutsche Einheit hieß es damals, und gemeint war damit natürlich der Jahrestag der Gründung des Kaiserreiches im Spiegelsaal von Versailles. Pünktlich zu jenem am 18. Januar 1921 reihte sich in den Reigen der Gratulanten auch das Berliner Tageblatt ein, ganz ohne freilich in die nostalgisch-monarchistische Wehklage der rechten Blätter ob des Untergangs selbigen Reiches in Weltkrieg und Revolution einzustimmen. Obgleich 1870/71 schließlich von ‘oben‘, von Bismarck vollzogen, sei das Projekt der deutschen Einigung im 19. Jahrhundert doch genuin dem demokratischen Geist von 1848 entsprungen und der Gedenktag insofern sehr selbstbewusst auch in Zukunft als republikanischer Feiertag zu begehen. Es liest Paula Leu.
Ep 391Stuttgart 21
‚Stuttgart 21’ heißt die große Bahnhofsvision, welche die Baden-Württembergische Landeshauptstadt derzeit zu einer überdimensionalen Baustelle macht und jeden Tag auf’s Neue ins Verkehrschaos stürzt. Vor hundert Jahren war der Eindruck vor Ort ein anderer. Im Vergleich zum hungernden Ruhrgebiet, so der ab 1917 in Süddeutschland lebende luxembugrische Journalist Tony Kellen in der Vossischen Zeitung vom 17.1., sei das Schwabenland der Nachkriegsjahre – bei allen Schwierigkeiten – immer noch ein Paradies, in dem man sich leidlich satt essen könne. Und doch zeigt sich schon 1921, dass die Stadtplanung im ehemaligen ‚Stutengarten‘ Ludolf von Schwabens den Herausforderungen der besonderen Lage im Neckartalkessel womöglich nicht gewachsen ist. Womit wir wieder bei Stuttgart 21 wären … Gelesen von Frank Riede.
Ep 390Hugo Stinnes und der Zingster Forst
Warum kauft ein politisch engagierter Industriemagnat eine renommierte Tageszeitung? Diese süffisant gestellte Frage waberte im Mai 1920 durch den deutschen Pressewald, nachdem Hugo Stinnes – gelernter Kohlenhändler und mittlerweile Kopf eines weitverzweigten Wirtschaftsimperiums – die ehrwürdige Deutsche Allgemeine Zeitung erworben hatte. Um seinen Geschäftsinteressen zu dienen, um seine politische Karriere voranzutreiben, um sie zu seinem Sprachrohr zu machen, lautete die naheliegende Antwort nicht nur der linksrepublikanischen Blätter. Zumindest die Ausgabe der DAZ vom 16. Januar 1921 ist nicht dazu angetan, diesen Verdacht wirkungsvoll zu entkräften. Im Ostseebad Zingst regte sich seinerzeit Widerstand gegen die vermeintlich geplante Abholzung seines berühmten Waldes durch die Nordische Holzhandelsgesellschaft, an der Hugo Stinnes prominent beteiligt war. Und wer wohl verteidigte Stinnes gegen die Vorwürfe, bei diesem Raubbau einen Reibach machen zu wollen? – Es liest Paula Leu.
Ep 389Zurück zu Schwarz-Weiß-Rot?
Schwarzweißrot oder Schwarzrotgold – der Flaggenstreit wurde während der gesamten Weimarer Jahre mit großer Erbitterung geführt und fungierte selbstredend als Stellvertreterkrieg für viel tiefer liegende ideologische Gegensätze. Das Berliner Tageblatt aus dem Verlagshaus Mosse stand nach 1918 eigentlich der linksliberalen DDP nahe und vertrat redaktionell dezidiert republikanische Werte. In seiner Ausgabe vom 15. Januar 1921 schlug es sich jedoch überraschend auf die Seite des rechtsliberalen Koalitionspartners DVP, der eine Rückkehr zu den alten kaiserlichen Farben angeregt hatte, und ließ in seiner Argumentation dabei exakt jene fatale Appeasement-Haltung gegenüber den Republikfeinden durchklingen, die zum Untergang von ‘Weimar‘ maßgeblich beitragen sollte: Da es ja nicht auf Äußerlichkeiten wie ein Stück Leinen ankäme, könnte man dem Gegner doch in dieser Frage entgegenkommen und sich gleichzeitig lieber verstärkt ideell in Demokratieerziehung üben. Es liest Frank Riede.
Ep 388Ein Schwabe in Berlin
Schwaben sind in Berlin längst keine Minderheit mehr. 1921 aber konnte der Umzug von Stuttgart in die Kapitale durchaus noch einen Kulturschock bedeuten. Dabei ging es weniger um fehlende Kehrwochen als um den desolaten Zustand der Straßen überhaupt. Auch der Mangel an Wohnraum an sich war nicht das erste Problem; eher die geschäftstüchtige Mehrfachnutzung durch die Vermieter. Doch gerade auch dem Provinzler aus dem Süden machte der unter großstädtischer Lässigkeit versteckte Arbeitseifer der Berliner ordentlich Eindruck. Und überhaupt war man vom urbanen Flair schneller eingenommen, als man sich das zunächst hätte vorstellen können, wie ein Zuzügler vom Neckar am 14.1. in der Roten Fahne berichtet. Vorgelesen von Paula Leu.
Ep 387Das Wandertelephon
Mit einem Telefonapparat soeben noch geschäftliche Telefonate in seinem Laden führen, dann den Apparat ausstöpseln, in seinen über dem Geschäft liegenden Privathaushalt mitnehmen, dort einstöpseln und mit der Verwandtschaft telefonieren. Dieses Begehren ging 1921 in Erfüllung, da die Post, neben einer offenbar gewohnheitsmäßigen Erhöhung der Gebühren, die Bestimmungen über die Beweglichkeit der Apparate änderte und eben dies ermöglichte. Die Vossische Zeitung berichtet am 13. Januar von den „wandernden Telephonen“. Frank Riede spricht in den Aufnahmeapparat.
Ep 386Erst den Krieg verloren - jetzt auch noch das Monokel
Das Monokel, gelegentlich auch Einglas genannt, war nie bloß eine Sehhilfe, sondern – in Deutschland, wie übrigens auch in England – von jeher auch ein Statussymbol der sich besser dünkenden Stände. Insbesondere im preußischen Offizierskorps blieb es auch dann noch, Anfang des 20. Jahrhunderts, in Mode, als es medizinisch längt überholt war bzw. sogar für schädlich angesehen wurde – weshalb es der britische Kriegsminister Earl Kitchener seinen Soldaten bereits vor dem Ersten Weltkrieg zu tragen verboten hatte. Dafür dass der preußische Innenminister, der Sozialdemokrat Carl Severing, nun nachzog und der Heeresleitung den Verzicht auf das geliebte Accessoire dekretierte, gab es, wie im Folgenden zu hören, ausnahmsweise Beifall selbst aus dem Lager der konkurrierenden USPD. Aus deren Parteizeitung Freiheit vom 12. Januar 1921 liest Paula Leu.
Ep 385(Wie) Kann man noch bauen?
Als Vertreter des neuen Bauens war Bruno Taut einer der innovativsten Architekten der 1920er Jahre in Deutschland. Auch als Architekturphilosoph meldete er sich immer wieder zu Wort. Die Frage, ob man in der heutigen Zeit noch bauen könne, stellt sich dabei für ihn nicht. Stattdessen ist die Frage, wie! Hierzu hat Taut einige Ideen und er ist guter Dinge, dass auch aus der Not der Nachkriegsjahre ein neues Weltbild und eine neue Architektur entstehen kann, wie er in der Vossischen Zeitung vom 11. Januar schreibt. Gelesen von Frank Riede.
Ep 384Kant kommt nicht zur Ruhe
Eine der wohl bekanntesten Kuriosa über Immanuel Kant ist, dass er in der Lage war, in landeskundlichen Vorträgen detailgenaue Beschreibungen der Tower Bridge in London zu geben, ohne jemals das Gebiet um seine Geburtsstadt Königsberg überhaupt verlassen zu haben. Man könnte meinen, dass die Stadtverwaltung diese besondere Heimattreue des großen Sohns des heutigen Kaliningrads auch nach seinem Tode zu würdigen und zugleich für touristische Zwecke zu nutzen wüsste. Dass die Geschichte des Kantgrabmals aber eine von Nachlässigkeit und Geiz geprägte unwürdige Geschichte ist, darüber kann auch das hochtrabend „Stoa Cantiana“ genannte kleine Gewölbe am Königsberger Dom nicht hinwegtäuschen. 1921 war dieses in einem erbärmlichen Zustand. Immerhin starteten die Stadtverordneten – wohl auch aufgrund des nahenden 200 jährigen Geburtstags des Philosophen – eine erneute Initiative, Kants letzte Ruhestädte endlich würdig zu gestalten. Das Berliner Tageblatt vom 10.1. berichtet. Paula Leu liest.
Ep 383Länder streiten über die Schulferien
Vor einhundert Jahren gab es zwar noch keine CSU; divergierende und teilweise kollidierende Interessen in Bezug auf die Ordnung der Schulferien in den verschiedenen deutschen Ländern prallten aber auch schon damals aufeinander. Dissens herrschte dabei seinerzeit, genau genommen, sogar über noch grundsätzlichere Fragen als heute, wie etwa die jährliche Gesamtferiendauer oder auch den Zeitpunkt des Schuljahresbeginns. Während man diesbezüglich immerhin zeitnah von einer Einigung ausging, sah das Berliner Tageblatt vom 9. Januar 1921 weise voraus, dass mit einer weitergehenden Annäherung in Ferienfragen einstweilen eher nicht zu rechnen sei. Es liest Paula Leu.
Ep 382Kommunisten verursachen Skandalsitzung?
Nachdem gestern die Vossische Zeitung die Ereignisse der Skandal-Sitzung des Stadtparlamentes vom 6. Januar 1921, in der es um die Aufarbeitung des Elektrizitätsarbeiterstreiks ging, kommentierte, kommt heute das Parteiorgan der KPD zu Wort. Sollte es so sein, dass die Stadverordneten, sich weigerten gegenüber den Streikenden des Elektrizitätswerks ihre eigenen Beschlüsse umzusetzen? Spielten Stinkbomben wirklich eine große Rolle bei den Protesten der Tribüne? Wir haben nicht die Recherchekapazitäten, um dies klären. Entscheide jeder für sich. Die Interpretation der Sitzung aus der Roten Fahne vom 8. Januar liest Frank Riede.
Ep 381Kommunisten verursachen Skandalsitzung!
Wir hatten bereits in unserem Podcast darüber berichtet, dass der Bürgermeister von Berlin Wermuth wegen seines Umgangs mit dem Elektrizitätsarbeiterstreik zurücktreten musste. Das Thema kochte in der Stadtverordneten-Sitzung am 6. Januar 1921 wieder auf, in der es um die Sanktionierung der Streikenden ging und die zu Tumulten ausartete. Ein Antrag der KPD wurde abgelehnt, worauf offensichtlich weite Teile der Besucher auf den Tribünen lautstark protestierten, weshalb die Sitzung unterbrochen wurden, bzw. in einem anderen Raum weitergetagt wurde. Wir nehmen dieses Ereignis als Anlass, verschiedene Perspektiven auf dieses Ereignis zu bieten. Heute hören sie den Bericht der Vossischen Zeitung vom 7. Januar, die jegliche Schuld bei den Kommunisten sieht, morgen bringen wir eine Reaktion auf die Vorwürfe der bürgerlichen Presse aus dem Parteiblatt der KPD, der Roten Fahne, mit deren Sicht auf die Ereignisse. Heute also der Skandalruf der Vossischen, gelesen von Paula Leu.
Ep 380Endlich in Berlin: ‘Die Gezeichneten’ von Franz Schreker
Franz Schreker zählte anno 1921 bereits zu den bedeutendsten zeitgenössischen Opernkomponisten in Deutschland. Ausgerechnet in Berlin, wo er seit dem Vorjahr als Direktor an der Akademischen Hochschule für Musik – einer Vorgängerinstitution der heutigen UdK – wirkte, waren seine Werke indes häufig nicht oder nur verspätet zu erleben. Auch seine neueste Bühnenschöpfung Die Gezeichneten, die vielen Experten heute als seine wichtigste gilt, war bereits 1918 noch während des Krieges einmal mehr in Frankfurt am Main uraufgeführt worden und gelangte erst jetzt, im Januar 1921, zu hauptstädtischen Ehren. Die hiesige Presse vernahm es mit Ungeduld, berichtete aber umso ausführlicher und überwiegend wohlwollend. So auch die Vossische Zeitung vom 6. Januar, aus der hier Frank Riede liest.
Ep 379República Federal de Centroamérica
Zwischen 1823 und 1840 waren die heutigen mittelamerikanischen Staaten Guatemala, Honduras, El Salvador, Nicaragua und Costa Rica in den Vereinigten Provinzen von Zentralamerika in einer Art Bundesrepublik verbunden, die aufgrund von Unabhängigkeitsbestrebungen und kriegerischen Konflikten unterging. Ende 1920 wurde unter diesen Staaten eine Wiederauflage dieses Bundes erwogen, wie der Vorwärts vom 5. Januar zu berichten weiß. Tatsächlich schlossen sich im Juni 1921 El Salvador, Honduras und Guatemala zusammen. Das Bündnis zerfiel allerdings wenige Monate später wieder. Bei den landeskundlichen Ausführungen zu den einzelnen Staaten geht es immer auch um die Bevölkerungsstruktur, wobei die 1921 gängige, für uns höchst problematische, Rasse-Terminologie gebraucht wird. Es liest Paula Leu.
Ep 378Ein überraschend warmer Winter: für 1921!
In Zeiten einer rapide voranschreitenden Erderwärmung hat man sich, so scheint es, bereits damit abgefunden, dass „weiße Weihnachten“ in Mitteleuropa nur in der Erinnerung existieren. Doch haben ungewöhnlich milde Winter auch schon vor hundert Jahren zu einigem Kopfschütteln geführt. Über 13 Grad zu Jahresbeginn sind der Vossischen Zeitung vom 4. Januar 1921 da durchaus mehr als nur eine kleine Randnotiz wert. Es liest Frank Riede.
Ep 377D’Annunzio und (k)ein Ende!
Gabriele D’Annunzio und sein Versuch, mit einer Handvoll Freischärler die Stadt Fiume ‘heim‘ nach Italien zu holen, waren eines der Lieblingsthemen der Berliner Tageszeitungen im Jahr 1920 und ein wiederkehrendes Sujet auch hier im Podcast. So schillernd die Dichterherrschaft über die Kvarner-Bucht ausfiel, so prosaisch war indes ihr Ende. Unter dem Druck der Alliierten hatte die italienische Regierung in Rom im Grenzvertrag von Rapallo alle Ansprüche auf Fiume fallengelassen und dessen Umwandlung in einen von Italien wie von Jugoslawien unabhängigen Freistaat zugestimmt. Empört erklärte D’Annunzio daraufhin in grotesker Selbstüberschätzung seinem Vaterland Italien den Krieg – und wurde durch dessen reguläre Truppen in einer ‘Blutigen Weihnacht‘ entwaffnet und aus der Stadt vertrieben. Aus der darüber berichtenden Vossischen Zeitung vom 3. Januar 1921 liest Paula Leu.
Ep 376Hugo Preuß hofft auf Vernunft in der Politik
Der Staatsrechtler und linksliberale Politiker Hugo Preuß war nicht nur einer der wichtigsten geistigen Väter der Verfassung der Weimarer Republik, er war im Kabinett Scheidemann auch deren erster Reichsinnenminister. Als Kritiker des Versailler Vertrages schied er allerdings bereits im Juni aus den Regierungsgeschäften wieder aus. Auch in seinem Rückblick auf das politische Jahr 1920 kritisiert er das Verhalten der „westlichen Demokratien“ der jungen Republik gegenüber und sieht darin einen wesentlichen Grund für das Erstarken der deutschen Reaktion. Für das neue Jahr bleibt da v.a. die Hoffnung auf eine vernünftigere Politik. Es liest Frank Riede.
Ep 375Auf den Tag genau gab es schon vor hundert Jahren!
Unser Podcast startet mit einem Angebot der Vossischen Zeitung, das verblüffende Parallelen eben zu diesem, unserem Podcast nicht verleugnen kann. Sie bietet in ihrer ersten Ausgabe 1921 historisch Interessierten ein Lesearchiv von vor hundert Jahren an, einen Kalender mit Zeitungstexten aus dem Jahr 1821 – allesamt Artikel aus der Vossischen Zeitung, die damit deutlich mit ihrem Pfund wuchert 1921, je nach Datierung, bereits ihr 200jähriges oder gar 217jähriges Bestehen zu feiern. Dieses Kalender-Angebot unserer Vorläufer von vor hundert Jahren liest Paula Leu.
Ep 374Gereimter Jahresrückblick 1920
Robert Liebmann zählte in den 1920er und frühen 1930er Jahren zu den wichtigsten deutschen Drehbuchautoren. Bekannte Streifen, an denen er prominent mitwirkte, waren u.a. Der Kongreß tanzt oder Der blaue Engel. Seit 1933 lebte er im Exil, überwiegend in Paris, wo er nach der deutschen Besetzung Frankreichs verhaftet und anschließend in Auschwitz ermordet wurde. Parallel zu seiner Karriere als Filmbuchautor hatte Liebmann anfänglich auch als Filmkritiker für verschiedene Berliner Tageszeitungen gearbeitet – um dort gelegentlich freilich auch Ausflüge in andere Textgenres zu unternehmen. Sein Silvestergedicht aus der B.Z. am Mittag auf das Jahr 1920 ist dabei von ähnlich wenig Wehmut geprägt wie die aktuellen Nachrufe auf 2020. Regelmäßigen Hörerinnen und Hörern unseres Podcasts werden viele Stichworte, die in Liebmanns Rückblick auftauchen, gewiss bekannt vorkommen. Für uns verabschiedet 1920 und 2020 Frank Riede.
Ep 373Vom Unwesen der sizilianischen Mafia
Der Begriff fällt im gesamten Artikel der Berliner Volks-Zeitung vom 30. Dezember 1920 kein einziges Mal und doch beschreibt der Bericht „Aus dem dunkelsten Sizilien“ ein uns von dort sehr vertrautes, mit dem modernen Sizilien fest assoziiertes Phänomen: das Treiben der ehrenwerten Gesellschaft, der Cosa nostra, kurz: der Mafia. Historiker datieren deren Anfänge mittlerweile auf das frühe 19. Jahrhundert zurück, für den Berliner Zeitungsleser der 1920er Jahre dürfte die Beschreibung von organisiertem Viehdiebstahl, Clanstrukturen und Schutzgelderpressung in süditalienischem Ambiente gleichwohl Neuigkeitswert gehabt haben. Als Kinogenre etablierte sich der Mafiafilm jedenfalls erst nach der Erfindung des Tonfilms in den 30ern. Für uns liest Paula Leu.
Ep 372Wo sind all die Flugzeuge hin?
In Zeiten des Krieges, des gesellschaftlichen Chaos gehen schnell mal Dinge verloren. Lebensmittelvorräte zeitweise verlassener Supermärkte verschwinden wie von Geisterhand, auch Wertgegenstände aus temporär geräumten Privatwohnungen sind nicht mehr auffindbar. 1920 aber fühlte sich das Reichsverkehrministerium sogar dazu veranlasst, die Bevölkerung zu bitten, eine Reihe verschwundener Flugzeuge wieder herauszugeben. Tatsächlich hatten rechte Paramilitärs die Gunst der Stunde genutzt, um Flugzeuge aus den Beständen der Armee beiseite zu schaffen. Die Freiheit vom 29.12. fürchtet nicht zu unrecht die politischen, aber auch die wirtschaftlichen Konsequenzen dieses Diebstahls. Es liest Paula Leu.
Ep 371Mit der Polizei am Schlesischen Bahnhof unterwegs
Die Bahnhofsgegenden von Großstädten haben in der Regel einen besonders schlechten Ruf. Dem war auch schon vor einhundert Jahren so. Darum überrascht es nicht, dass ein Autor für das 8-Uhr-Abendblatt, der eine Nacht zusammen mit Polizisten in Zivil durch die Lokale rund um den Schlesischen Bahnhof, heute der Berliner Ostbahnhof, zog, von Armut, Halbwelt und Kriminalität berichtet. Sein mitunter erschütternder Bericht erschien unter der Rubrik „Streifzüge durch Berlin“ am 28.12.1920. Frank Riede liest.
Ep 370Der Vater der Gewerkschaften gestorben
Der gelernte Drechsler Carl Legien war in den ersten zwei Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts einer der wichtigsten Gewerkschaftler Deutschlands. Als Reichstagsabgeordneter von 1893 bis 1898 sowie von 1903 bis 1920gehörte er zu den engagiertesten politischen Interessenvertretern der Arbeiterschaft. Realpolitisch-pragmatisch war er nicht unbedingt der Liebling der extremen Linken. Sein Charisma und seine Erfolge – u.a. wurden im Stinnes-Legien-Abkommen die Gewerkschaften 1918 das erste Mal von der deutschen Unternehmerschaft offiziell als Interessenvertreter der Arbeiterschaft anerkannt – sicherten ihm nach seinem überraschenden Tod am 26.12. 1920 jedoch eine ausführliche Würdigung im Vorwärts am Folgetag. Es liest Paula Leu.
Ep 369Berlin: Weltmetropole des Tanzes?
Berlin galt nach dem 1. Weltkrieg als Tanzhochburg. Ob dem 1920 noch so war, wollte das Berliner Tageblatt wissen und realisierte eine Umfrage bei Tänzern und Besitzern von Tanzlokalen, deren Ergebnisse sie in der Feiertagsausgabe vom 25. Dezember publizierte. Das Fazit ist eindeutig: Berlin hat eine tanzverrückte Bevölkerung, offen für neue Tanzstile und begierig nach Profi-Tanzperformances. Die Analyse zeigt aber auch astronomische Honorare für Vortänzer und immer wieder den Hinweis auf die sozialen Verschiebungen der Nachkriegsgesellschaft. Die Neureichen und Kriegsgewinnler lassen es besonders krachen. Für uns lässt Frank Riede, ganz ohne Honorar, seine Stimmbänder tanzen.
Ep 368Karitative Weihnachtsfeiern in Berlin
Weihnachten angemessen zu begehen war auch noch zwei Jahre nach Kriegsende eine Herausforderung. Ohne die Unterstützung von Einrichtungen wie der Amerika Hilfe oder des Roten Kreuzes wären umfänglichere öffentliche Feiern kaum möglich gewesen. Dank des Einsatzes dieser Organisationen, einer ganzen Reihe von Amtsträgern sowie der Bürgerschaft als ganze konnten 1920 aber schließlich auch in Pflegeanstalten, Krankenhäusern und den noch immer übervollen Lazaretten weihnachtliche Bescherungen stattfinden, wie der Vorwärts vom 25.12. berichtet. Es liest Paula Leu.
Ep 367Schnitzlers “Reigen” oder Wie erotisch darf das Theater sein?
Arthur Schnitzlers Reigen war bereits in den 1890er Jahren entstanden, konnte aber zur Kaiserzeit weder in Österreich, noch in Deutschland, noch sonst irgendwo öffentlich aufgeführt werden. Zu explizit, zu skandalös erschienen deren prüden Gesellschaften Schnitzlers zehn erotische Dialoge über die „unerbittliche Mechanik des Beischlafs“, die bei ihm quer durch alle Gesellschaftsschichten ging. War die Zeit, war das sündige, postrevolutionäre Berlin des Jahres 1920 endlich reif für eine Uraufführung? Wenige Stunden vor deren anberaumtem Termin grätschte das preußische Kultusministerium (damals immerhin geleitet von dem Sozialdemokraten Konrad Haenisch) dazwischen und verbot die Vorstellung unter Haftandrohung – von der sich Gertrud Eysoldt, die Direktorin des Kleinen Schauspielhauses in der Fasanenstraße, jedoch unbeeindruckt zeigte. Für das Berliner Tageblatt vom 24. Dezember rezensiert Alfred Kerr, für uns liest Frank Riede.
Ep 366Heidnische Weihnachtsbräuche
Was feiern wir an Weihnachten? Jesu Geburt und die frohe Botschaft, die sich damit verbindet, sagen die christlichen Kirchen und reklamieren das Fest damit gerne ganz für sich. Diesem Exklusivitätsanspruch entgegensteht nicht nur die eminente zeitliche Nähe zu den alten heidnischen Festen der Wintersonnenwende oder der Rauhnächte. Tatsächlich unterlaufen auch viele unserer überkommenen Festtagskomponenten – vom Fruchtbarkeit verheißenden immergrünen Tannenbaum bis zum wenig frommen Weihnachtsmann in seinem coca-cola-roten Mantel – offensichtlich das rein christliche Narrativ. Vor einhundert Jahren war diese Tendenz zur Vermischung und Verbindung unterschiedlichster Traditionen, wie unser heutiger Podcast zeigt, sogar fast noch stärker ausgeprägt. Die Deutsche Allgemeine Zeitung vom 23. Dezember 1920 betrachtet einige uns heute sehr fremd anmutende regionale Bräuche, die den immer schon synkretistischen Charakter von Weihnachten klar unterstreichen. Es liest Paula Leu.
Ep 365Weihnachten in Nordschweden: Rentier vs. Butterbrot
Wann wird es endlich wieder richtig Winter? Ein Winter, wie er früher einmal war…! Seit Jahren bleibt der Schnee in Berlin, so er überhaupt fällt, nicht lange liegen. Grund genug zusammen mit der BZ am Mittag vom 22. Dezember 1920 nach Nordschweden zu schauen. Paula Heymans-Försterling berichtet dort begeistert von ihrem Weihnachtsfest 1919 in Lappland, inkl. einer zweitägigen Tour zu einem Zeltlager von Lappen - heute sagt man: Samen -, die sie kennengelernt hatte. Eiseskälte, Polarlichter, meterhohe Schneedecke, lange Ski-Abfahrten – alles schön und gut; einziger Wehmutstropfen: diese kulinarische Fixierung der Samen auf das Rentierfleisch. Aus seinem kuschelig warmen Home-Studio liest Frank Riede.
Ep 364Weihnachten vor dem Krieg: Wie ein Märchen fern...
Krieg bedeutet Schlachten, Tote und Gefangene. Aber Krieg heißt auch banaler: harte Einschränkungen in den Friedenszeiten, die auf ihn folgen. 1920 hatten nicht nur die Berliner mit enormen Preissteigerungen bei gleichzeitigem Angebotsmangel zu kämpfen. Der Verzehr von Schlagsahne war, wie wir bereits berichteten, verboten. Aber auch weniger ausgefallene Güter waren entweder gar nicht zu bekommen oder konnten nur zu vergleichsweise astronomischen Summen erstanden werden. Die Berliner Volkszeitung konstruiert in ihrem Artikel vom 28. Dezember die Situation einer Großmutter, die ihren Enkeln von der Zeit vor dem Krieg erzählt. Für die kleinen Kinder klingt all das wie ein Märchen. Sicherlich: die in dieser Szene enthaltene Verklärung der Kaiserzeit ist problematisch; die eigentliche Pointe aber bleibt heute so aktuell wie vor hundert Jahren: Nie wieder Krieg! Es liest Paula Leu.
Ep 363Das Leiden des jungen Ixypsilon
'Eins, zwei, drei' in der Regie von Billy Wilder, mit James Cagney, Lieselotte Pulver und Horst Buchholz, gilt bis heute, sehr zurecht, als einer der berühmtesten Berlin-Filme. Weit weniger bekannt ist, dass Wilders rasanter Komödie ein gleichnamiges Theaterstück von Ferenc alias Franz Molnár aus dem Jahr 1929 als Vorlage diente. Dabei war der Ungar Molnár in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts einer der erfolgreichsten Dramatiker Europas, dessen Stücke auch in Amerika große Popularität erlangten und dem Lebemann und berüchtigten Casanova Molnár ein mondänes Leben ermöglichten. Seine literarischen Anfänge hatte freilich auch er als Journalist. Neben ungarischen schrieb er gelegentlich auch für deutsche Zeitungen, u.a. für das Berliner Tageblatt. Aus dessen Ausgabe vom 20. Dezember 1920 liest Frank Riede.
Ep 362Vorreiter im Antisemitismus: Burschenschaften
1881 noch als „Allgemeiner Deputierten-Convent“ gegründet, ist die Deutsche Burschenschaft der bis heute bestehende Dachverband einer speziellen Gruppe von Studentenverbindungen in Deutschland und Österreich. Immer wieder wird sie mit rechtsextremistischem Gedankengut in Verbindung gebracht. War die Deutsche Burschenschaft zu Beginn der Weimarer Republik noch bereit zu konstruktiver Zusammenarbeit mit den politischen Institutionen, lehnte sie diese nach Unterzeichnung des Versailler Vertrages strikt ab und stellte sich stattdessen an die Spitze der sogenannten Völkischen Bewegung. Auf dem Burschentag 1920 wurde der Rassenantisemitismus explizit in die Grundsätze der Deutschen Burschenschaft aufgenommen, was Bruno H. Bürgel in seinem Kommentar für die Berliner Morgenpost am 19.12. scharf kritisiert. Seine eigene Argumentation ist dabei allerdings selbst nicht frei von rassistischen Vorurteilen und zeigt nicht zuletzt, wie fest verankert diese Ansichten in wohl allen Teilen der Gesellschaft dieser Tage waren. Es liest Paula Leu.
Ep 361Kein “Anschluss” unter diesem Präsidenten?
Sowohl im Friedensvertrag von Versailles, als auch im Vertrag von Saint-Germain wurde ein sog. Anschlussverbot der neuen Republik Österreich an das Deutsche Reich verankert. Österreich durfte demnach nur mit Zustimmung des Völkerbundes seine Unabhängigkeit aufgeben. Nichts desto trotz gab es in Österreich politische Kräfte, die ein Überleben und Erstarken der Republik nur in einer Verschmelzung mit Deutschland ermöglicht sahen. Der erste, am 9. Dezember 1920 gewählte Bundespräsident Österreichs Michael Hainisch stand dieser Überzeugung durchaus nahe, wie die Wiedergabe eines Gespräches mit dem Korrespondenten des Berliner Tagblattes Leo Lederer zeigt, die am 18. Dezember veröffentlicht wurde. Die in dem Artikel enthaltenen Anspielungen auf Hainischs vorherige Tätigkeit beziehen sich auf seine agrarwissenschaftlichen Experimente, mit denen der auf seinem Landgut etwa die berühmte Kuh „Bella“ mit Rekordmilchleistung züchtete. Für uns liest Frank Riede.
Ep 360Der Lehrer mit dem Gummischlauch
Dass körperliche Züchtigung von Schülern vor hundert Jahren ein akzeptiertes Mittel pädagogischer Disziplinierung war, ist allgemein bekannt. Dass Lehrer hierzu aber Gummischläuche statt Rohrstöcke verwendeten, die Kinder nicht auf die Toilette gehen ließen und sie zugleich mit Ausdrücken belegten, das war selbst im Berlin von 1920 einigen Eltern zuviel. Sich zu beklagen, konnte allerdings nach hinten los gehen, wie der Fall Martin Berger zeigte. Als Vater hatte er die Missstände angeprangert und wurde schließlich wegen Beleidigung des Lehrerkollegiums zu 300 Mark Geldstrafe verurteilt. Ein Skandal, wie die Berliner Volkszeitung vom 17.12. meint. Es liest Paula Leu.
Ep 359250-100=150 – Happy Birthday Ludwig van…
Kurt Singer zählte zu den prägenden Figuren des Berliner Musiklebens in der Zwischenkriegszeit. Sohn eines Rabbiners und studierter Mediziner, betätigte er sich regelmäßig, u.a. beim Vorwärts, als Musikkritiker und verband beide Tätigkeiten in vielbeachteten Forschungen über die Berufskrankheiten von Musikern. Seit 1923 wirkte er als Professor an der Staatlichen Akademischen Hochschule für Musik, später kommissarisch auch als Intendant der Städtischen Oper in Charlottenburg. Nach 1933 blieb er zunächst in Deutschland und begründete hier den berühmten Jüdischen Kulturbund. 1938 emigrierte er in die Niederlande, wo er 1943 von der deutschen Besatzungsmacht verhaftet und deportiert wurde. 1944 verstarb er an den Folgen der Haftbedingungen im Lager Theresienstadt. Sein Artikel vom 16. Dezember 1920 aus dem Vorwärts widmet sich dem großen Jubilar des Musikjahres 2020, der bereits auch der große Jubilar des Musikjahres 1920 war: Ludwig van Beethoven. Es liest Paula Leu.
Ep 358Das Schachspiel boomt!
Savielly Tartakower war Anfang der 1920er nicht nur selbst ein Weltklasse-Schachspieler, sondern darüber hinaus auch ein renommierter Schachschriftsteller bzw. Schachjournalist. Als solcher berichtete er am 15. Dezember 1920 in der B.Z. am Mittag erfreut über einen von ihm nach Ende des Weltkriegs ausgemachten internationalen Schach-Boom. Überall auf der Welt steckten reiche Mäzene viel Geld in lukrative Schachturniere und ermöglichten dem Spiel damit einen Aufschwung durch Professionalisierung. Wann auch im Land des amtierenden Weltmeisters Emanuel Lasker aus Berlinchen in der Neumark? Es liest Frank Riede.