
Auf den Tag genau
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Ep 507Ernst Feder über die politische Lage
Die alliierten Reparationsforderungen an Deutschland waren das alles beherrschende politische Thema im Frühjahr 1921. Vereint in der Empörung, zeigten sich die Parteien doch – auch aus taktischen Gründen – so uneins in der Frage, wie auf das Londoner Ultimatum zu reagieren sei, dass die Mitte-Rechts-Regierung von Kanzler Constantin Fehrenbach darüber zerbrochen war und an ihrer statt die drei Parteien der Weimarer Koalition, diesmal unter Führung des Zentrum-Politikers Joseph Wirth und als Minderheitenkabinett, die Regierungsgeschäfte im Reich wieder übernahmen. Im Berliner Tageblatt vom 12. Mai analysiert die komplizierte politische Gemengelage in der noch jungen und doch schon so arg gebeutelten deutschen Demokratie einer der großen politischen Kommentatoren seiner Zeit: Ernst Feder. 2016 in dem Stefan-Zweig-Biopic Vor der Morgenröte von Maria Schrader wurde er gespielt von Matthias Brandt; bei uns wird er gelesen von Frank Riede.
Ep 506Das Großstadtdorf
Neukölln, damals noch Rixdorf vor den Toren Berlins, war Ende des 19. Jahrhunderts bekannt als eines der einwohnerstärksten Dörfer Preußens. Mietskasernen schossen wie Pilze aus dem Boden – vor allem die ärmeren Arbeiterfamilien lebten hier, außerhalb von Berlin. Rixdorf hatte noch nicht das Stadtrecht erworben, hatte aber schon 80000 Einwohner. Doch diese Dorfgeschichte von Neukölln ist im heutigen Artikel aus der Freiheit vom 11. Mai nicht gemeint. Vielmehr geht es um den historischen Dorfkern von Böhmisch-Rixdorf, der auch heute noch zu besichtigen ist. Alte Bauern- und Handwerkerhäuser mitten in der Großstadt! Ab 1737 hatte Friedrich Wilhelm I., der Soldatenkönig, evangelische Exulanten aus Böhmen, Anhänger der Herrnhuter Brüdergemeinde, neben Rixdorf ein eigenes Dorf aufbauen lassen, wovon noch immer der Hussiten-Kelch im Stadtwappen von Neukölln zeugt. Für uns geht Paula Leu spazieren.
Ep 505Martha Lasker aus Havanna
Nach 27 Jahren war Schluss. Wie wir ausführlicher in unserem Gesprächspodcast mit seinen 3½ Fragen an Großmeister Stefan Kindermann erörtert haben, verlor Langzeit-Schach-König Emanuel Lasker 1921 seinen WM-Titel an den 20 Jahre jüngeren Kubaner José Raúl Capablanca und kehrte als erster und bislang einziger deutscher Ex-Schachweltmeister aus Havanna zurück. Begleitet wurde er auf dieser Reise von seiner Ehefrau Martha, geborene Bamberger, verwitwete Cohn, eine in Berlin hochgeschätzte Lyrikerin, Vortragskünstlerin und Journalistin, deren Texte häufig auch unter dem Pseudonym L. Marco erschienen. Seit der Heirat mit Lasker 1911 hatte sie ihre diesbezügliche Tätigkeit zwar deutlich eingeschränkt, von ihrer Reise ins ferne Kuba berichtete sie aber ausführlich im Berliner Tageblatt vom 10. Mai. Ihr ‘Ferngespräch aus Havanna‘ gibt beeindruckende Einblicke in das dortige Leben vor einhundert Jahren, wartet einmal mehr aber auch mit einigen zeittypischen kolonialistischen Stereotypen und Begriffen auf. Es liest Frank Riede.
Ep 504Kaffee-und-Kuchen-Kommunisten
Gauche caviar in Frankreich, Chardonnay socialist in Australien, Smoked Salmon Socialist in Irland oder im Deutschen: Salonkommunist. Allesamt sind es polemische Bezeichnungen, die wohl in den 1930er Jahren entstanden, und einen Linken bezeichnen, der den Kommunismus propagiert, aber selbst im bürgerlichen Wohlstand lebt, ohne die verheerende Lage in der Sowjetunion zu kennen. Schon 1921 beschreibt ein Autor der Freiheit, in der Ausgabe vom 9. Mai, Kaffee-und-Kuchen-Kommunisten, denen er bei seinem sonntäglichen Ausflug an den Wannsee begegnet war. Frank Riede lässt uns in die sonnige Atmosphäre am Kaffeehaustisch eintauchen, die alle politischen Lager gleichermaßen genießen.
Ep 503Gymnasiasten lesen Schiller - nicht
Das Lied von der Glocke, Kabale und Liebe, Wilhelm Tell von Friedrich Schiller sind heute fester Bestandteil des gymnasialen Lehrplanes. Dass die Schülerinnen und Schüler in ihrer Freizeit zu anderen Autorinnen und Autoren greifen, so sie denn lesen, versteht sich von selbst und unterscheidet sich damit nicht von den Gewohnheiten 1921. Lediglich die Freizeitlektüre von damals ist heute nicht mehr en vogue. Etwa Roman Herzogs bürgerlich nationalistischen Romane, Bestseller der 10er und 20er Jahre, oder die historischen Romane von Felix Dahn. Der Berliner Schriftsteller und Journalist mit französischen Wurzeln Victor Auburtin glossiert im Berliner Tageblatt vom 8. Mai das Nachleben von Schiller an deutschen Schulen und in der ganzen Gesellschaft. Paula Leu rezitiert für uns.
Ep 502Leopold Jessner liest Friedrich Schiller
Max Reinhardt war gestern. Der neue Star am Berliner Theaterhimmel der frühen 1920er Jahre hieß Leopold Jessner. 1878 geboren, hatte Jessner mit seinem verknappt-antirealistischen, bisweilen auch als expressionistisch apostrophierten Regiestil zunächst in der Provinz für Furore gesorgt und schließlich über Hamburg und Königsberg den Sprung in die Hauptstadt geschafft. Dort amtierte er seit 1919 als Intendant des seinerzeit tatsächlich noch als ‘Sprechbühne‘ bespielten Schauspielhauses am Gendarmenmarkt und bürstete in Schinkels heiligen hundertjährigen Hallen seither insbesondere die Klassiker wirkungsvoll gegen den Strich des hier vormals gepflegten Hoftheaterstils. Nach einer spektakulären Antrittsinszenierung des Wilhelm Tell von Friedrich Schiller stand nun, anderthalb Jahre später, dessen heute nur noch höchst selten gegebene Verschwörung des Fiesco zu Genua auf dem Programm. Die Premiere, u.a. mit Ernst Deutsch und Fritz Kortner, bespricht für uns Emil Faktor aus dem Berliner Börsen-Courier vom 7. Mai 1921, es liest Frank Riede.
Ep 501Kabinettskrise und Reparations-Ultimatum
Das dominierende Thema im Mai 1921 war nach wie vor die Frage der Reparationsleistungen Deutschlands. Manche Ruhrstädte und häfen waren immer noch besetzt und das Kabinett Fehrenbach, aus Zentrum, DVP und DDP, zerfiel nach nicht einmal einjähriger Amtszeit an Streitigkeiten über den Umgang mit den Reparationsforderungen. In dieser Phase einer neuen Koalitionssuche erreichte Deutschland das Ultimatum der Alliierten mit einem Zahlungs- und Abgabenplan sowie Strafmaßnahmen bei Nicheinhaltung. Die zentrale Frage für ein neues Kabinett bestand also darin, wie sich die beteiligten Parteien zu diesem Ultimatum verhalten würden. Die Vossische Zeitung vom 6. Mai berichtet von dieser vertrackten Situation. Paula Leu liest.
Ep 500Nüchtern durch den Vatertag?
In seinem Gedicht „Die fromme Helene“ schieb Wilhelm Busch die Zeilen: „Es ist ein Brauch von alters her: / Wer Sorgen hat, hat auch Likör!“ Betrachten wir diesbezüglich die sorgenvolle, politisch und wirtschaftlich krisenhafte Phase der Weimarer Republik der Nachkriegszeit, so müsste man davon ausgehen, dass der Likör in Strömen floss. Die Tradition der Likör-Buffets zum Vatertag, der 1921 auf den 5. Mai fiel, würden diesem Bild entsprechen. Und doch gibt es Grund zur Klage, zumindest für Viktor Helling, der in der Vatertags-Ausgabe der Berliner Volks-Zeitung in einem Gedicht die Schwierigkeiten bei der Likörversorgung besingt. Für uns kämpft Paula Leu um den Likör-Nachschub. Zuvor prosten wir uns allerdings noch rasch zu, denn wir feiern heute die 500ste Folge Auf den Tag genau.
Ep 499Mit Lovis Corinth am Walchensee
Lovis Corinth wird bis heute hoch verehrt als einer der wichtigsten Maler des deutschen Impressionismus. Dass er nebenbei bisweilen auch zur Feder griff, um sich als Autor zu betätigen, und ein durchaus stattliches Œuvre auch in diesem Bereich hinterließ, ist hingegen etwas in Vergessenheit geraten. Entsprechend lohnend ist ein Blick in die Vossische Zeitung vom 4. Mai 1921, die Auszüge aus einem Essay vorabveröffentlicht, den Corinth einer aktuellen Mappe von Radierungen beigefügt und seiner neuen bayerischen Wahlheimat gewidmet hatte. Dort, am Walchensee, 75 Kilometer südlich von München, wo er 1919 ein Haus erworben hatte, scheint er sich durchaus wohlgefühlt zu haben – wenngleich sein Portrait dieser alpinen Landschaft durchaus auch in dunklen, mystischen Farben schwelgt. Es malt bzw. liest Frank Riede.
Ep 498Pergamonmuseum wird weitergebaut
Das Pergamonmuseum in Berlin gehört heute zu den bestbesuchten Museen Deutschlands. Von Alfred Messel geplant und nach dessen Tod durch Baustadtrat Ludwig Hoffmann realisiert zog sich die Bauzeit der neuen Heimat für Pergamonaltar und Markttor von Milet durch Krieg, Revolution und Inflation verzögert über sage und schreibe 20 Jahre, von 1910 bis 1930. Im Frühjahr 1921 war wieder Leben im Ruinenfeld auf der Museumsinsel. Die Bauarbeiten waren wieder in Gange und man hoffte – trügerischerweise – das Werk nun zügig fertigstellen zu können. Die Vossische Zeitung berichtet kritisch, Frank Riede liest.
Ep 497Eine dramatische Totenfeier für Kurt Eisner
Bevor Kurt Eisner im November 1918 für einen historischen Wimpernschlag die große Bühne der Weltgeschichte betrat und als erster Ministerpräsident des kurzlebigen, von ihm ausgerufenen Freien Volksstaates Bayern amtierte, hatte er bereits ein bewegtes Leben als Journalist, politischer Schriftsteller sowie als Gelegenheitsdramatiker hinter sich. Als solcher betätigte er sich bevorzugt während seiner Haftzeiten: Als er 1897/98 in Berlin-Plötzensee wegen Majestätsbeleidigung einsaß, entwarf er dort Die Götterprüfung, eine weltpolitische Posse in fünf Akten, welche er 1918, nunmehr wegen der Organisation eines Munitionsarbeiterstreiks in München-Neudeck bayerischerseits arretiert, fertigstellte. Das Licht der Theaterwelt erblickte diese Schöpfung freilich erst posthum, gut zwei Jahre nach Eisners Ermordung im Februar 1919. Symbolgeladen am 1. Mai des Jahres 1921 lud die Berliner Volksbühne zu einer so bezeichneten Totenfeier, in deren Rahmen man sein Werk zur Uraufführung brachte. Dass man dem Toten damit einen Gefallen getan hatte, wurde seitens der Berliner Theaterkritik am Folgetag indes nachhaltig in Frage gestellt – auch Monty Jacobs in der Vossischen Zeitung hegt große Zweifel an Eisners Talent als Theaterdichter. Es liest Paula Leu.
Ep 496Otto Wels zum 1. Mai 1921
Otto Wels gehört zu den großen Ikonen der deutschen Demokratiegeschichte. Am 23. März 1933 war er bekanntlich der letzte Parlamentarier, der im Reichstag vor dessen Selbstauslöschung vom Recht der freien Rede Gebrauch machte und der Standhaftigkeit seiner Partei, der SPD, im Angesicht der sich ankündigenden Barbarei ein bewegendes Tondenkmal setzte. Deren Vorsitzender war Wels insgesamt stolze 20 Jahre – und damit länger als die Herren und Damen Schröder, Müntefering, Platzeck, Beck, Steinmeier, Gabriel, Schulz, Scholz und Nahles zusammen. Als solcher meldete er sich naturgemäß auch am ‘Tag der Arbeit‘ des Jahres 1921 zu Wort und hielt schon damals, in einem Moment großer chauvinistischer Konfrontation, in der Parteizeitung Vorwärts einen flammenden Appell für Völkerverständigung und europäische Einigung. Es liest Frank Riede.
Ep 495Tschecho - Slowakei
Zum 1. Januar 1993 kam es zu der Aufsehen erregenden friedlichen Trennung der Tschechen und Slowaken. Die Tschechoslowakei löste sich in den beiden Staaten Slowakei und Tschechien auf. Damit endete, was nach dem Ersten Weltkrieg begonnen hatte, als führende tschechische und slowakische Politiker auf den Friedenskonferenzen die Gründung der Tschechoslowakei durchsetzen. Neben der Tatsache, dass die beiden Sprachen, das Slowakische und das Tschechische, sich sehr nah sind, befreiten sich mit der Staatsgründung die Tschechen und die Slowaken im ersteren Fall von der Fremdherrschaft der Österreicher und im letzteren von der der Ungarn. Eigentlich viele Gemeinsamkeiten, die für diesen Staat sprachen. Und dennoch sahen von Anfang an die Skeptiker in dieser unterschiedlichen „Unterdrückungsgeschichte“ eine enorme Hypothek für den jungen Staat. In einem Bericht aus Prag, der Berliner Börsen-Zeitung vom 30 April, werden die zentrifugalen Kräfte innerhalb der Tschechoslowakei thematisiert und ihre Ursachen beleuchtet. Für uns liest Paula Leu.
Ep 494Das ostpreußische Seebad Rauschen
Rauschen an der samländischen Ostseeküste ist, mit einem Wort von Marion Gräfin Dönhoff, einer der zahllosen ostpreußischen Namen, die (fast) keiner mehr kennt. Dabei war das heute russische Swetlogorsk, prominent zwischen Frischer Nehrung und Kurischer Nehrung gelegen, vor einhundert Jahren so etwas wie die Badewanne der Königsberger, die im Sommer freilich alljährlich auch von badehungrigen Gästen aus der Reichshauptstadt in großer Zahl frequentiert wurde. Das Berliner Tageblatt schaut in weiser Voraussicht schon am 29. April 1921 einmal nach dem Rechten und schildert einen Ort, der nach dem langen ostpreußischen Winter so langsam wieder zu frühlingshaftem Leben erwacht, zugleich aber noch alle Annehmlichkeiten der Nebensaison auszustrahlen scheint. Für uns macht sich Frank Riede auf die Reise.
Ep 493Der enttäuschende Riesenspargel
Man kann den Deutschen ohne Weiteres eine innige Verbindung zum Spargel nachsagen. Eine Ernte von 133.000 Tonnen im Jahre 2018 und ein steter Umsatz mit Spargelzangen, Spargelkochtöpfen und Spargelschälern sprechen eine eindeutige Sprache. Auch die Versuche, eine Sauce Hollandaise zu kochen, nehmen in der Spargelsaison exponentiell zu. Doch der Hype um Spargel ist älter und schon der französische Gastrosoph des frühen 19. Jahrhunderts Jean Brillat-Savarin weiß davon zu berichten. Zur Saison 1921 erzählt der in diesem Podcast regelmäßig auftretende Arnold Höllriegel im Berliner Tagblatt vom 28. April eine Anekdote aus Brillat-Savarins opus magnum „Physiologie des Geschmacks“ nach, in der es um einen gigantischen Spargel und einen enttäuschten Bischof geht. Höllriegels Nacherzählung Brillat-Savarins erzählt für uns Paula Leu.
Ep 492Blütenfest in Werder
Bei der Textauswahl für unseren Podcast sind wir immer wieder mit rassistischem Vokabular und höchstproblematischen Ausdrucksweisen konfrontiert. Manchmal lässt sich das Problem durch sogenannte „trigger warnings“ rahmen, oft fallen eigentlich interessante Artikel aber deshalb auch unter den Tisch. Ist Rassismus Teil der chauvinistischen Grundeinstellung einer Zeitung, so wird diesen prinzipiell kein Forum geboten. Der heutige Text über das Blütenfest in Werder stammt aus dem diesbezüglich eher unverdächtigen Vorwärts. Dass auch der eigentlich schöne Bericht über einen Regenausflug an die Havel mehrfach und ganz selbstverständlich aggressiv chauvinistische Formulierungen verwendet, zeigt, wie tief verwurzelt das rassistische Weltbild in der Gesellschaft Anfang der 1920er Jahre war. So haben wir uns entschieden, den Artikel auch in dieser Hinsicht als ‘Zeitzeugen’ trotzdem zu senden. Gelesen von Frank Riede.
Ep 491Volksabstimmung in Nordtirol: Grenzkontrollen ade?
Tirol wurde nach dem Ersten Weltkrieg faktisch geteilt, indem Italien 1920 den südlichen Teil unter Duldung der Alliierten annektierte. Nord- und Ost-Tirol gehörten zur österreichischen Republik. In einem eigenmächtig ins Leben gerufenen Plebiszit preschte im Chor derjenigen Stimmen, die einen “Anschluss" Österreichs an das Deutsche Reich forderten, das “österreichische” Tirol vor. Mit großer Mehrheit stimmte am 24. April die Tiroler Bevölkerung dafür - letztendlich blieben aber der Norden und Osten Tirols bei Österreich. Für Reisende muss 1921 eine Fahrt entlang der Grenzen aufreibend gewesen sein, da sie immer wieder auch auf kurzen Strecken mehrfach die Grenze zwischen Deutschland und Tirol überquerten, mit allen damit verbundenen Unannehmlichkeiten. Der Vorwärts sieht am 26. April in einem humoristischen Feuilleton Licht am Ende des Zoll-Tunnels dank des Abstimmungsergebnisses. Paula Leu liest.
Ep 490Große Namen und ihre Vermarktung
Starkult im Sport ist zu Beginn des 21. Jahrhunderts sicher ausgeprägter als vor hundert Jahren. Und doch gab es auch damals schon die Tendenz, Menschen, von denen man nicht wirklich mehr als ihren Namen kannte, zuzujubeln und zu feiern. Warum? Was Jack Dempsey eigentlich zum großen Boxer, Emanuel Lasker zum Schachweltmeister macht, das konnten auch im Jahre 1921 nur die wenigsten beurteilen. Von der Leistung in allen Klatschblättern präsenter Filmsternchen und Aktricen ganz zu schweigen. Es geht dabei eben gar nicht um die Person, sondern allein um ihren Namen, ist der Vorwärts vom 25.4. überzeugt. Gelesen von Frank Riede.
Ep 489Zarathustra an der Spree
Die 1920er Jahre waren bekanntermaßen ein Jahrzehnt ausgeprägter weltanschaulicher Sinnsuche und Ausdifferenzierung. Gerade in Berlin schossen religiöse, politische, esoterische Sekten nach der Revolution wie Pilze aus dem Boden und experimentierten mit neuen Ideen und Lebensformen. Zu den schillerndsten seinerzeitigen Gurus gehörte der 1880 in Weißensee geborene Arzt Joseph Heinrich Goldberg – auch bekannt unter seinem Pseudonym Filareto Kavernido. Vor dem Weltkrieg mehrfach wegen Verstößen gegen den Abtreibungsparagraphen mit der wilhelminischen Justiz in Konflikt geraten, zog es ihn später u.a. in die Schweiz, nach Frankreich und in die Karibik, wo er 1933 unter ungeklärten Umständen in der Dominikanischen Republik ums Leben kam. Zwischendurch hatte er in Berlin im Namen Platons und Nietzsches eine anarcho-kommunistische Kommune gegründet, mit der er 1921 nach Spreenhagen vor den Toren Berlins ausgezogen war, um dort in Sandhöhlen Zarathustra zu huldigen. Nicht nur die ansässigen Dörfler, sondern auch die hauptstädtische Presse nahm regen Anteil am teilweise buchstäblich nackten Treiben der Kommunarden. So begab sich im Auftrag der Vossischen Zeitung am 24. April auch der große Paul Schlesinger alias Sling ins Spreeland auf Höhlenexpedition - für uns begleitet von Frank Riede.
Ep 488Weltuntergang vertagt: Komet keine Gefahr
Im April 1921 flogen zwei Kometen an der Erde vorbei. Pons-Winnecke, der schon seit dem 19. Jahrhundert bekannt war, und, eine Neuentdeckung der Sternwarte in Kapstadt, der Reid-Komet. Friedrich Simon Archenhold von der heute nach ihm benannten Berliner Sternwarte gibt in der Berliner Volkszeitung am 23. April den Leser*innen Auskunft über den Wissenstand zu den Kometen und ihren Bahnen. Und ganz nebenbei – für so manchen vielleicht aber die entscheidende Nachricht – gibt er Entwarnung: Die Erde ist nicht in Gefahr, sie wird nicht zerstört werden. Uns beruhigt Frank Riede.
Ep 487Dada auf der Anklagebank
Wenn der preußische Militär für zwei Dinge nicht stand, so waren dies gewiss Humor und Kunstsinnigkeit. Das machte ihn gleichsam zum perfekten Adressaten für die Berliner Gruppe der Dadaisten, die nach dem Ersten Weltkrieg auch die Kunstszene der deutschen Hauptstadt aufmischten und sie zur Hauptstadt auch ihrer Bewegung gemacht hatten. Höhepunkt ihres Treibens war im Sommer 1920 eine Erste internationale Dada-Messe in der Galerie Dr. Otto Burchard am Lützowufer, in der zwischen zahlreichen anderen Objekten auch, an der Decke baumelnd, eine Schweinsmaske in Soldatenuniform zu besichtigen war. Es kam, wie es kommen musste: Ein Hauptmann erstattete Anzeige wegen angeblicher Beleidigung der Reichswehr, und ein deutsches Gericht entblödete sich nicht, u.a. Georg Grosz für diese ‘Entgleisung‘, wie es sie nannte, tatsächlich zu Bußgeldern zu verurteilen. Die Freiheit vom 22. April 1921 schüttelte den Kopf, Paula Leu schüttelt mit.
Ep 486Neues aus Stonehenge
Die riesigen Steinquader der über 4000 Jahre alten Kultstätte Stonehenge bei Amesbury in England fasziniert nicht allein durch die besondere Atmosphäre und Energie dieses Ortes, sondern auch durch die bis heute nicht endgültig beantwortete Frage, wie es den Menschen damals überhaupt möglich war, die tonnenschweren Megalithe herbeizuschaffen und in der markanten Kreisform aufzustellen. Nach ersten systematischen Forschungen Anfang der 1920er ging man sogar davon aus, dass die Steine bevor sie den auch heute noch sichtbaren Kultortbildeten, schon an der Stelle der ganz in der Nähe gelegenen sogenannten Aubrey-Löcher Verwendung gefunden hatten. Die Heimwelt vom 21.4.1921 berichtet. Frank Riede liest.
Ep 484Die Zukunft des Varietés nach Valeska Gert
Heute ist Valeska Gerts Stellung in der Tanz-, Film- und Kabarettgeschichte sowie allgemeiner in der Performance-Kunst unbestritten. Bereits 1921 war sie, Jahrgang 1892, vor allem mit ihren humorvollen Tanzpantomimen ein Star der Bühnen. Doch sie strebte nach einem abstrakteren, von dem Diktat der Sprache befreiten Varieté, wobei hier Varieté Tanz, Film und Theater umfasst. Aus den Zwanziger Jahren sind uns mehrere Zeitungsartikel überliefert, in denen sie ihre Vorstellungen eines neuen Varietés formuliert, das sie dann auch auf den Bühnen und der Leinwand umzusetzen versuchte. In der Vossischen Zeitung vom 20. April 1920 geht die Gert systematisch die einzelnen Künste durch und beschreibt die Performances, die sie sich wünschen würde. Durch diese faszinierende Bühnenwelt führt uns Paula Leu.
Ep 483August Scherl - zum Tode eines Berliner Großverlegers
Nachdem im September 1920 bereits Rudolf Mosse gestorben war – wir berichteten darüber in diesem Podcast – segnete nur ein gutes halbes Jahr später, am 18. April 1921, mit August Scherl ein weiterer Berliner Großverleger das Zeitliche. 1849 in Düsseldorf geboren, galt der umtriebige und sehr kaisertreue Scherl in den Jahrzehnten vor dem Ersten Weltkrieg tatsächlich in vielerlei Hinsicht als großer Antagonist des großstädtisch-liberalen Mosse. Die Vossische Zeitung – die bekanntlich mit beiden Verlagshäusern nichts zu tun hatte – ist in ihrem Nachruf vom 19.4. gleichwohl darum bemüht, den verstorbenen Erfinder des Berliner Lokal-Anzeigers nicht einfach in die rechte Ecke zu stellen, sondern in ihm den weitsichtigen, international denkenden Unternehmer und Revolutionär des Berliner Zeitungswesens zu würdigen. Es liest Frank Riede.
Ep 4853 1/2 Fragen an Stefan Kindermann ...
In unseren (ab jetzt wieder) monatlich gesendeten 3 1/2 Fragen an… sprechen wir heute mit dem Schach-Großmeister Stefan Kindermann über die Schach-Weltmeisterschaft des Jahres 1921. Kindermann gehört in Österreich und Deutschland zu den besten Schachspielern seiner Generation, hat sich aber auch als Autor zahlreicher Schachbücher sowie einer Schachkolumne in der Süddeutschen Zeitung einen Namen gemacht. Seit 2005 leitet er zudem die von ihm mitbegründete Münchener Schachakademie, die seit kurzem unter www.mucschach.de auch mit einem reichhaltigen Online-Kursangebot aufwartet.
Ep 482Verfolgungsjagd auf der Stadtbahn
Dass das Berlin der späten 1920er nicht nur ein Ort der wilden Parties und des exzessiven Lebens, sondern auch der Trickbetrüger, Gauner und Ganoven war, gehört heute fest zum Cliché der roaring twenties. Dass es aber auch schon zu Beginn dieser Dekade auf den ersten Blick unverdächtige Individuen mit erstaunlicher krimineller Energie gab, beweist der Artikel aus dem Vorwärts vom 18.4.1921. Der Postbote Alfred Schreiber wollte sich durch gefälschte Postanweisungen ein Vermögen erschleichen und landete nach einer wilden Verfolgungsjagd letztlich vor Gericht. Gelesen von Paula Leu.
Ep 481Vor der Auswanderung - Südamerika in Lichtbildern
Als Berliner Zeitungsleser war es im Jahr 1920 gar nicht so einfach, an Colin Roß vorbeizukommen. Der umtriebige Reisejournalist war vor den Wirren der Nachkriegszeit nach Südamerika entflohen und versorgte die heimische Presse von hier aus mit zahlreichen Berichten über Land und Leute, Kultur und Gesellschaft vor allem aus Chile – nachzuhören u.a. in unserer Podcastfolge vom 16. Juli 2020. Jetzt, im Frühjahr 1921, war Roß wieder zurück in Berlin und refinanzierte seinen Trip ein weiteres Mal, diesmal in Form von öffentlichen Lichtbildvorträgen, die sich vor allem an potentiell Auswanderungswillige richteten und offensichtlich auf große Nachfrage stießen. Wer kein Billet ergattert hatte, dem blieb wiederum nur die auch hiervon berichtende Tagespresse, etwa am 17. April die Berliner Börsen-Zeitung. Für uns liest aus dieser Frank Riede.
Ep 480Wer leiht an den Berliner Bibliotheken aus? Und was?
Im Monat Mai 2019 verzeichnete die Staatsbibliothek zu Berlin ca. 60.000 Besuche, wobei durchaus einzelne Besucher*innen mehrfach gezählt wurden, und durchschnittlich ca. 3200 Ausleihen und Verlängerungen täglich. Wie diese Zahlen 1921 aussahen, dem ging Joseph Roth in der Ausgabe vom 16. April des Berliner Tageblatts nach. Wir erleben ihn in diesem Artikel, Statistiken wälzend, von seiner journalistischen Seite. Wie viele Bücher werden von wem in Berlin ausgeliehen? Darauf gibt er Antworten und stellt fest, dass die Nachfrage gegenüber der Vorkriegszeit erfreulicher Weise angestiegen ist. Und was sind in der von Krisen gebeutelten Weimarer Republik die Trends bei den ausgeliehenen Büchern? Fernöstliche Philosophie und leider auch völkisch antisemitische Literatur. Für uns liest Paula Leu.
Ep 479Der Arbeiter und der Bibliothekar
Josef Luitpold Stern galt in seiner Heimat Österreich als so etwas wie der ‘Hausdichter‘ der Sozialdemokratie. Einer assimilierten jüdischen Familie in Wien entstammend, war er regelmäßiger Autor vor allem der Arbeiter-Zeitung, überdies Mitbegründer der Büchergilde Gutenberg sowie ein vielbeschäftigter Redner und Rezitator eigener Texte auf gewerkschaftlichen Festveranstaltungen. Ständestaat und Nazi-Diktatur entkam er durch Emigration in die Tschechoslowakei, nach Frankreich, Spanien und in die USA, um anschließend bis zu seinem Tod 1966 erneut im Bildungswesen der österreichischen Arbeiterbewegung zu wirken. Dass er in linken Kreisen auch in Deutschland zur Kenntnis genommen wurde, belegt das folgende winzige, nur unter seinen beiden Vornamen veröffentlichte Dramolett aus der Freiheit vom 15. April 1921. Gelesen für uns, in beiden Rollen, von Frank Riede.
Ep 478Wolkenkratzer gegenüber vom Reichstag
Von der Raumnot in den Städten zu Beginn der 1920er haben wir in diesem Podcast schon hier und da gehört. Dass die Kosten einer immer größer werdenden Verwaltung Steuerzahler und diesen verpflichtete Politiker damals schon zum Nachdenken brachte, ist ebenfalls nicht weiter überraschend. Und tatsächlich klingt auch die Lösung beider Probleme altvertraut: räumliche Optimierung oder Verdichtung, würde man heute sagen. Statt die Reichsministerien mit ihren Behörden an verschiedensten, für diese Aufgaben völlig ungeeignet gebauten Standorten zu belassen, sollten sie in einem zentralen Hochhausbau zusammengeführt werden. Das zumindest der Vorschlag von Regierungsbaumeister Seeger in der Vossischen vom 14. April 1921. Gelesen von Paula Leu.
Ep 477Schach-WM in Havanna: Lasker in Rückstand
Internationale Sportwettkämpfe kamen in den Berliner Tageszeitungen der frühen 1920er Jahre kaum vor, denn von solchen waren deutsche Athleten auch im dritten Jahr des Friedens immer noch weitgehend ausgeschlossen. Eine seltene Ausnahme bildete die Schach-Weltmeisterschaft 1921, und das hatte einen einfachen Grund: Emanuel Lasker aus Berlinchen in der Neumark amtierte seit 1894 als zweiter offizieller Weltmeister der Schachgeschichte; eine etwaige Neuvergabe dieses Titels verlief statutengemäß nur über seine persönliche Entthronung. Als erster Anwärter dafür galt bereits seit einigen Jahren der Kubaner José Raúl Capablanca. Nachdem ein WM-Kampf zwischen ihm und Lasker vor und dann durch den Weltkrieg mehrfach gescheitert war, kam ein solcher nun endlich im Frühjahr 1921 in Havanna zustande. Vielleicht war es auch der Heimvorteil, der ihn beflügelte – auf jeden Fall weiß die Deutsche Allgemeine Zeitung vom 13. April in ihrem Zwischenbericht nach zehn Partien schon von einem deutlichen Vorsprung des Prätendenten zu rapportieren. Es liest Paula Leu.
Ep 476Verdun: Reise entlang der ehemaligen Frontlinie
Im dritten Jahr nach dem Ende des Ersten Weltkriegs bereiste der Pariser Korrespondent des Berliner Tageblatts die Frontlinie des Stellungskrieges um Verdun und berichtete in einer mehrteiligen Serie über seine Reiseeindrücke. Den Anfang der Reihe fiel für uns in die Zeit der gehackten digitalen Zeitungsdatenbank, weshalb sie uns entgangen ist. Daher begleiten wir Paul Block ein Stück des Weges, nämlich auf seinen Stationen durch den Argonner Wald. Überall zerstörte französische Dörfer, Überbleibsel der Wehranlagen, Unterstände, Gräben, Beobachtungsposten und Soldatenfriedhöfe. Es muss eine apokalyptische Landschaft gewesen sein, woran auch die ersten raschen Wiederaufbaumaßnahmen nichts änderten. Wir erfahren aber auch, dass der Korrespondent nicht der einzige war, der die kriegsversehrten Landstriche bereiste, es scheint bereits einen regelrechten Verdun-Tourismus gegeben zu haben. Den Artikelausschnitt aus dem Berliner Tageblatt vom 12. April liest Frank Riede.
Ep 475Die Kaiserin ist tot!
Die Kaiserin ist tot, es lebe die … - nein! Auguste Viktoria war in Deutschland die letzte ihrer Art. Zwar sollte ihr Gemahl Wilhelm der vormals Zweite in seinem niederländischen Exil nur anderthalb Jahre später eine zweite Ehe eingehen. Seine neue Angetraute blieb in Ermangelung eines Throns unter seinem Hintern jedoch formal eine schnöde Prinzessin von Schönaich-Carolath. Anhänger der Monarchie gab es in Deutschland freilich noch einige, und so war die Nachricht vom Ableben der vormaligen ‘First Lady‘ am 11. April 1921 in Haus Doorn genauso ein Politikum, wie es ihre Beisetzung ein paar Tage später in Potsdam werden sollte. Die Vossische Zeitung bemüht sich in ihrer ersten Meldung noch am Todestag erkennbar um Pietät und Neutralität. Wie ihr das gelang, weiß Frank Riede.
Ep 474Kreuz und quer durch Thüringen
Wie sich die Zeiten ändern: Vor einhundert Jahren dachte kein Mensch an Osterferien auf Mallorca; dafür war ein Kurzurlaub im eigenen Land seinerzeit flächendeckend erlaubt. Den Vorwärts verschlug es in diesem Zusammenhang am 10. April nach Thüringen, wo die Autorin auf Schusters Rappen beträchtliche Strecken kreuz und quer durch das Land zurücklegte. Von Naumburg zog es sie über Jena, Rudolstadt und Ilmenau bis nach Weimar – immer wieder, man kann es sich denken, auf Goethes Spuren. Die Zeit, bis solche Reisen auch im 21. Jahrhundert wieder möglich sind, überbrückt für uns Frank Riede.
Ep 472Preußen hat einen Ministerpräsidenten
Am 20. Februar 1921 hatte Preußen seinen Landtag gewählt, eine tragfähige Regierung gab es aber auch Anfang April noch nicht. Die bürgerlichen Parteien der sogenannten Weimarer Koalition, Zentrum und DDP, wollten zwecks Verbreiterung der Regierungsmehrheit gerne die rechtsliberale DVP mit ins Boot nehmen. Die SPD jedoch sperrte sich, weil sie der Partei Gustav Stresemanns antirepublikanische Gesinnung unterstellte. Würden sich die Sozialdemokraten damit durchsetzen oder aber die Mitte-rechts-Parteien sich an einem Minderheitenkabinett versuchen? Immerhin gab es am 9.4. schon einmal einen Ministerpräsidenten: den vormaligen preußischen Wohlfahrtsminister Adam Stegerwald vom Zentrum. Die USPD-Parteizeitung Freiheit nahm es durchaus etwas überrascht zur Kenntnis. Paula Leu weiß, wieso.
Ep 473Enttäuschende Sonnenfinsternis 1921
Sonnenfinsternisse sind nicht allein spektakuläre Naturereignisse; sie sind auch seltene Gelegenheiten für die Wissenschaft. Während der totalen Sonnenfinsternis vom 29. Mai 1919 war Albert Einsteins Vorhersage der gravitativen Ablenkung des Lichts und damit eine der Grundannahmen seiner Allgemeinen Relativitätstheorie bestätigt worden. So ist die Frustration darüber, dass das finanziell arg eingeschränkte Nachkriegsdeutschland die Kosten für eine intensive und gründliche Beobachtung und Auswertung des ‚Sonnenwunders’ vom 8. April 1921 nicht stemmen konnte, durchaus verständlich. Das trübe Wetter tat ein Übriges, so dass dieses Ereignis heute mit nur schwacher Bedeutung in den Annalen verzeichnet ist. Der “Vorwärts” berichtet trotzdem. Und für uns liest Frank Riede.
Ep 471Begriffsgeschichtliches zum “Streik”
Zur sozialdemokratischen Zeitung Vorwärts erschienen regelmäßig mehrere Beilagen. So auch wöchentlich die Unterhaltungsbeilage „Heimwelt“, in der wir am 7. April den Artikel „Sprachgeschichtliches vom Streik“ finden. Noch bevor die Begriffsgeschichte zu einem wichtigen Zweig der Geschichts- und Kulturwissenschaften wurde, war das Erkenntnispotential einer historisch semantischen Untersuchung von Begriffen wohlbekannt. Hier wird in einer genauen Betrachtung der Okkurenzen des Begriffes die Übernahme des Wortes „Streik“ aus dem angelsächsischen Sprachraum geschildert. Dabei spielt, verständlicher Weise, das Zusammenspiel zwischen der Sprache und den Entwicklungen der arbeitsrechtlichen Bedingungen im 19. Jahrhundert eine wichtige Rolle. Das Sein bestimmt die Sprache. Für uns liest Frank Riede.
Ep 470Gipshöhle am Kyffhäuser
Das höchste Gebirge Norddeutschlands, der Harz, war auch für die Berliner von vor hundert Jahren ein wichtiges Reiseziel. So konnte man im letzten Sommer bei uns bereits hörend diese Region bereisen. Am 6.4.1921 aber berichtet der „Vorwärts“ von einer neuen Attraktion, der sogenannten Heimkehle am Kyffhäuser. Die enorme Wohnhöhle aus vorgeschichtlicher Zeit war aufwendig begehbar gemacht worden und sollte ab dem 1. Mai Höhlenwanderern offen stehen. Mehr als 20 Jahre später machten die Nationalsozialisten die Heimkehle zu einer unterirdischen Waffen-Produktionsstätte. Insbesondere für den Ausbau der Stollen wurden auch KZ-Häftlinge eingesetzt. Viele von ihnen starben infolge der erschöpfenden Arbeitsbedingungen. Gelesen von Paula Leu.
Ep 469Auslandspresse zum Kommunistenaufstand
Der kommunistische Putsch in Mitteldeutschland waberte Anfang April noch fort, es war aber deutlich abzusehen, dass es bei einem lokalen und nicht nachhaltigen Phänomen bleiben würde, da sich den kommunistischen Arbeitern keine weiteren politischen Gruppierungen anschlossen. Die Freiheit bietet in ihrer Ausgabe vom 5. April in einer kleinen Presseschau nicht nur die Analysen ausländischer Zeitungen zu den Geschehnissen, sondern verteidigt sich auch gegen Falschmeldungen, die im Ausland etwa zur Positionierung der USPD verbreitet werden. Und ein Kuriosum findet sich in diesem Artikel. Die Freiheit zitiert den Bericht der ”Avanti”, also der Zeitung der Sozialistischen Partei Italiens, und in diesem kurzen Zitat zitiert die „Avanti“ wiederum die Freiheit. Die Freiheit zitiert also indirekt sich selbst. Für uns zitiert Paula Leu.
Ep 468Edvard Munch ist zurück in Berlin
Als der norwegische Maler Edvard Munch auf Einladung des Berliner Kunstvereins 1892 erstmals Gemälde in Deutschland präsentierte, geriet diese Ausstellung zum wohl größten Kunstskandal der Kaiserzeit. Konservative Vereinsmitglieder und Kritiker meuterten gegen die als ‘anarchisch‘ diffamierten Exponate und setzten einen Abbruch der Schau nach nur wenigen Tagen durch. Knapp dreißig Jahre und viele Umdrehungen der Moderne später sah die Kunstwelt trivialerweise völlig anders aus. Munch war längst auf dem Weg zu einem Klassiker der Moderne, und seine Rückkehr nach Berlin, diesmal in der Galerie des Kunsthändlers Paul Cassirer, wurde entsprechend zu einem großen Erfolg bei Publikum und Kritik, dem sich auch der Vorwärts vom 4. April 1921 nicht in den Weg stellen wollte. Wobei dessen Kritiker John Schikowski durchaus nicht verhehlen mochte, dass ihm die alten, seinerzeit für anstößig befundenen Werke besser gefielen als der für ihn neue ‘spätere‘ Munch. Es liest Frank Riede.
Ep 467Bismarcks Geburtstag und das Versammlungsverbot
Vor hundert Jahren galt in Berlin ein vom Polizeipräsidenten verordnetes Versammlungsverbot. Keine Pandemie war die Ursache, wohl eher die politisch brisante Lage mit den Besetzungen der Alliierten und den kommunistischen Aufständen im Land. Blöd nur, dass es am 1. April für bestimmte bürgerliche Milieus Bismarcks Geburtstag zu feiern galt. Und so versammelte sich eine Reichsflaggen schwenkende Menge auf dem Königsplatz vor dem Reichstagsgebäude, heute Platz der Republik, um das Bismarck-Denkmal herum, welches erst 18 Jahre später zusammen mit der Siegessäule an den heutigen Standort am Großen Stern versetzt wurde. Bei seinem Spaziergang stieß ein Reporter der Freiheit auf diese Szene und beschrieb sie in der Ausgabe vom 3. April. Wie würde die Sicherheitspolizei wohl auf die Versammlung reagieren? Sollte es etwa eine Komplizenschaft der Polizei mit den quer zur republikanisch demokratischen Grundordnung Denkenden geben? Paula Leu kennt die wenig verblüffenden Antworten.
Ep 466Die Altertümer von Benin
Imperialistische Gräueltaten gab und gibt es immer wieder. Auf sie hinzuweisen und zu kritisieren war für die sozialdemokratische Parteizeitung „Vorwärts“ natürlich auch die Möglichkeit, eine politische Botschaft zu senden. Anlässlich der Veröffentlichung des dritten Bandes von Felix von Luschans aufwendig gestaltetem „Die Altertümer von Benin“ wird so am 2. April 1921 auf die brutale und überhebliche Art aufmerksam gemacht, mit der sich Großbritannien – ähnlich den Spaniern knapp 4 Jahrhunderte früher in Peru – der Hauptstadt des westafrikanischen, im heutigen Niger gelegenen Reiches Benin bemächtigte. Brisant wird die Kritik zudem dadurch, dass auch das deutsche Kaiserreich und insbesondere seine Museen von den englischen Raubzügen ordentlich profitierten. Wie bei diesem Thema zu erwarten, muss auch hier die für heutige Ohren an manchen Stellen rassistische Wortwahl aus der Zeit heraus gehört werden. Es liest Frank Riede.
Ep 465Blühende Landschaften in Oggersheim
Nein, das ist kein Aprilscherz! Am 1.4. 1921 machte sich der Vorwärts auf zu einer Landpartie in die frühlingshafte Pfalz und startete seine Reise bzw. seinen Reisebericht dabei doch tatsächlich ausgerechnet in dem verwunschenen kleinen Städtchen Oggersheim bei Ludwigshafen. Von dessen späterer Berühmtheit und seinem sie es verdankenden Bewohner Dr. Helmut Kohl konnte die SPD-Parteizeitung seinerzeit natürlich genauso wenig ahnen wie von den zahllosen eigenen Kanzlerkandidaten, die sie selbst bis zum Sturz des ‘Dicken‘ verschleißen sollte. Schließlich war der ‘Kanzler der Einheit‘, dieser ‘Kanzler der Einheit‘ vor einhundert Jahren noch nicht einmal geboren. Von vielen buchstäblich blühenden Landschaften weiß die Autorin Rosa Kaulitz-Niedeck aber trotzdem schon zu berichten. Für uns tut dies Paula Leu.
Ep 464Rettet die Wälder Buchs
Stadtwachstum bedeutet immer auch Gefahr für die die Stadt umgebenden Wälder. Das ist heute so und war vor hundert Jahren nicht anders. Die Bedrohung des nördlich von Berlin gelegenen Bucher Forst durch auch mit dem Bevölkerungswachstum der Kapitale nötig gewordene, neue Rieselfelder veranlasst die Freiheit vom 31.3. zu einem Aufruf. Alle Wald– und Naturfreunde sollten sich für den Erhalt der einzigartigen Mischwaldbestände stark machen. Genauso wie die erholungsuchenden Städter selbst. Es liest, soeben zurückgekehrt von einer Fahrradtour aus den Bucher Wäldern, Frank Riede.
Ep 463Karlchens Putschversuch in Ungarn
Kaiser Karl von Habsburg glaubte auch nach dem Zerfall der k.u.k. Monarchie an seinen gottgegebenen Anspruch auf die Herrschaft in Österreich und Ungarn und begann sofort nach dem Ersten Weltkrieg konspirativ tätig zu werden und die Fühler nach der Entente auszustrecken, ob nicht was mit einer Rückkehr an die Macht ginge. Am 24. März versuchte er einen ersten Putschversuch in Ungarn, das ja nach dem Bürgerkrieg vom konservativen Monarchisten Horthy autokratisch verwaltet wurde. Zunächst ging Karl zu Fuß von seinem Westschweizer Wohnort Prangins über die Grenze nach Frankreich, von wo er per Zug über Strassburg nach Wien und weiter nach Ungarn fuhr. Da Karl keinen Reisepass besaß, erfolgte die Einreise illegal unter falschem Namen. Was nach einem Masterplan klingt, entpuppte sich doch rasch als dilettantischer Versuch, der scheiterte. Daher schrammt der Bericht im Vorwärts vom 30. März auch nur knapp an einer Humoreske vorbei. Paula Leu liest.
Ep 462Freiheit gegen Fake News
Von den Arbeiteraufständen in den Werften Hamburgs haben wir vor wenigen Tagen berichtet. Die blutigen Proteste waren aus Solidarität für die Arbeiterrevolte in der Industrieregion um Halle, Leuna, Merseburg und im Mansfelder Land lanciert worden, die von der radikalen Linken entfesselten, heute sogenannten Märzkämpfe in Mitteldeutschland. Obwohl die Märzkämpfe nicht zuletzt aus Richtungsauseinandersetzungen innerhalb der kommunistischen Linken entstanden waren, sah sich am 29.3. auch die Parteizeitung der USPD, die „Freiheit“, dazu veranlasst, sich dezidiert gegen die ‚Schauergeschichten‘ der bürgerlichen Presse, die hier versuche, die Situation durch gezielte Falschinformationen zu einer Verunglimpfung der Arbeiterklasse zu nutzen, Position zu beziehen. Gelesen von Frank Riede.
Ep 461Der Ursprung des Osterfestes
Letztes Jahr im Dezember erschien hier im Podcast ein Artikel aus der Deutschen Allgemeinen Zeitung, der auf die eminent heidnischen Komponenten des Weihnachtsfestes abhob und diese These an zahlreichen Bräuchen, vornehmlich aus dem alpinen Raum, veranschaulichte. Dass gleichermaßen selbstredend auch Ostern keineswegs nur über christliche Wurzeln verfügt, sondern als Frühlingsfest des erwachenden Lebens ganz analog in einer weit mehr als zweitausendjährigen Tradition steht, konnte, wer es noch nichts wusste, am 28. März 1921 am anderen Ende des demokratischen Spektrums, nämlich in der sozialistischen Freiheit in Erfahrung bringen. Ohne den Begriff damals schon im Munde zu führen, lässt diese das Bild eines geradezu beispielhaft synkretistischen Festes entstehen. Und erlaubt sich abschließend auch noch eine ganz vorsichtig politische Anverwandlung. Es liest – heute wie damals – Paula Leu.
Ep 460Heinrich Mann zum 50.
Auch heute noch ist Heinrich Mann häufig vor allem der ‚andere‘ der Mann-Brüder. Tatsächlich waren die Unterschiede im Auftreten der beiden großen Dichter dezidiert gegensätzlich. Pflegte Thomas – wie vor kurzem auch in diesem Podcast zu hören – das bürgerliche Image, so suchte Heinrich die Nähe zum Proletariat. Galt ersterer als Ästhet und Décadent, so letzterer als scharfer Kritiker des Wilhelminismus und des antirepublikanischen Untertanengeistes. Kein Wunder also, dass sich auch die „Freiheit“ die Gelegenheit nicht entgehen lässt, dem ‘Demokraten, Republikaner, Freiheitskämpfer’ zu seinem 50. Geburtstag herzlichst zu gratulieren. Es liest Frank Riede.
Ep 459Pandemieaufklärung vor dem Drosten-Podcast
Auch in der Corona-Pandemie sind unzählige Wundermittel gegen dieses Virus wie Pilze aus dem Boden geschossen und ein amerikanischer Präsident riet sogar auf einer Pressekonferenz dazu, Bleichmittel zu trinken – als “todsichere” Therapie. Generell halten sich und entstehen neue von der sog. Schulmedizin abweichende medizinische Heilmethoden – und zwar querbeet durch die Gesellschaft. Schon vor 100 Jahren berichtet in der Freiheit ein Sanitätsrat Dr. Essler über den Kampf der Behörden gegen Aberglauben, mystische Vorstellungen und Impfskepsis – damals freilich mit einem speziellen Fokus auf die Landbevölkerung. Aufklärung und Bildung etablieren, so seine Hoffnung, eine fortschrittliche hygienische Kultur, die etwa durch richtige Wundbehandlung Leben retten kann – und, nur implizit im Text zu greifen, Deutschlands Bevölkerung für die nächste Epidemie wappnet.
Ep 458Sozialdemokratische Passionszeit
Podcasts gelten gemeinhin als relativ pandemieresistentes Medium. Gleichwohl unterliegt auch ‘Auf den Tag genau‘ seit geraumer Zeit einigen Einschränkungen in der Produktion, die daraus resultieren, dass Archive nicht geöffnet sind und wir auf etliche nicht digitalisierte Zeitungen in unserer Auswahl bis auf weiteres verzichten müssen. Umso schwerer wiegt vor diesem Hintergrund, dass Ende Februar nun auch unsere wichtigste digitale Datenbank Zefys gehackt wurde und über einen längeren Zeitraum nicht zugänglich war. Bis kurz nach Ostern beschränkt sich unser Angebot deshalb notgedrungen auf die beiden sozialistischen Parteizeitungen Vorwärts und Freiheit. Standesgemäß beginnen möchten wir diese unsere sozialdemokratische Passionszeit mit einem Artikel des Ersteren vom 25. März, dem Karfreitag des Jahres 1921, zum Thema: sozialdemokratische Passionszeit. Wie im Folgenden zu hören, waren solche Analysen über die aktuelle Misere der SPD damals noch mit der Erwartung aufgeladen, dass nach den Entbehrungen irgendwann das goldene Zeitalter der Sozialdemokratie anbrechen würde. Es liest Frank Riede.