
Auf den Tag genau
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Ep 357D’Annunzios absurdes Theater in Fiume
Von der Ende 1919 durchgeführten und 1920 anhaltenden Besetzung von Fiume durch den Dichter Gabriele D’Annunzio an der Spitze einer Freischärler-Truppe hatten wir im Podcast bereits berichtet. Am 14. Dezember 1920 bietet die BZ am Mittag einen Einblick in das von D’Annunzio geführte „Reich“. Mit seinem Personenkult und Militarismus gilt das von ihm praktizierte Herrschaftssystem als direkter Vorläufer des Faschismus. Der Sonderkorrespondent aus Fiume weiß aber auch von mitunter skurrilen esoterischen Praktiken und von Auswüchsen eines Virilitäts- und Machokultes zu berichten, die, aus heutiger Sicht, auch zu den bekannten Elementen der darauf folgenden faschistischen Systeme gehören. Für uns liest, Eia, Eia, Alala, Frank Riede.
Ep 356Jazzfieber in New York
Was macht man in New York, der Stadt that never sleeps, wenn man sich anderswo nach dem Theaterbesuch wieder auf den Heimweg begibt? Seit der Premiere des neuen Revueformats „Danse de Follies“ 1915, eine Erfindung des umtriebigen Theaterproduzenten Florenz Ziegfeld junior, geht man in die sogenannten ‚midnight frolics‘, eine auf dem Dach des New Amsterdam Theatre in Manhattan angesiedelte, überbordende Show aus Musik und Tanz. Das erste Supermodel der Geschichte Kathleen Rose alias Dolores war von 1917 bis 1923 Teil des Ensembles. Noch mehr als einzelne Tänzerinnen aber faszinierte den Korrespondenten der BZ am Mittag in seinem Bericht vom 13.12.1920 die ‚midnight frolics’ als Beispiel der Jazzeuphorie und Jazznarkose der amerikanischen Nation in den Jahren nach dem 1. Weltkrieg. Es liest Paula Leu.
Ep 355Der Waffen-Golem, wie er die Welt bedroht
Nachdem wir in diesem Podcast von der Premiere des Stummfilms “Golem, wie er in die Welt kam” berichtet und mit der Filmwissenschaftlerin Gertrud Koch in unserem Format 3 ½ Fragen an… über den Film gesprochen haben, taucht eine Referenz auf ihn auch in der Berliner Volkszeitung vom 12. Dezember auf. Der Stoff des Films dient dem pazifistischen Publizisten Carl von Ossietzky als Vergleichsfolie für den „Golem“ der organisierten Aufrüstung und Militarisierung zum angeblichen Zwecke des Selbstschutzes sowohl im rechten als auch linken Lager, ein “Automat”, der droht sich zu verselbständigen und unkontrollierbar zu werden. Es liest Frank Riede.
Ep 354And the Friedensnobelpreis goes to …
Die Liste möglicher Kandidaten für den Friedensnobelpreis ist jedes Jahr auch eine Liste recht unwahrscheinlicher Vorschläge. Donald Trump ist eines der jüngsten Beispiele, aber selbst Adolf Hitler – wenn auch mehr aus einem etwas kurios-satirischen Impuls heraus – gehörte dazu. Eine Satire war die Verleihung des Preises an den 28. Präsidenten der USA, Woodrow Wilson, für das Jahr 1919 und an den Franzosen Leon Bourgeois, des ersten Präsidenten des Völkerbundrates, für das Jahr 1920 nicht. Kritik an der Entscheidung gab es, wie unter anderem im Berliner Tageblatt vom 11.12.1920 zu lesen, aber auch hier. Es liest Paula Leu.
Ep 353Englisches Leben
Heute bietet uns die BZ am Mittag in ihrer Ausgabe vom 10. Dezember 1920 unter dem Titel „Englisches Leben“ vermischte Nachrichten von der Insel jenseits des Ärmelkanals. Vier kleine “faits divers” lesen für uns Paula Leu und Frank Riede.
Ep 352Wer darf auf Beerdigungen sprechen?
Freidenker gab es selbstverständlich auch schon im Kaiserreich, und auch weltliche Begräbnisse waren seinerzeit theoretisch irgendwie wohl möglich. Umfängliche Religionsfreiheit im Rahmen einer juristischen Trennung von Staat und Kirche und das sich daraus ableitende Recht auf eine Freiheit von Religion noch im Tode garantierte in Deutschland jedoch erst die Weimarer Verfassung. Auf diese berief sich denn auch ein sogenannter ‘Laienredner‘, der im Groß-Berliner Ortsteil Altglienicke am offenen Grab eines Freundes von einem Kirchenratsvertreter an der Ausübung seiner Tätigkeit mit Hinweis auf eine fehlende Redegenehmigung gehindert und hinterher sogar mit einem Strafmandat belegt wurde. In zweiter Instanz erwirkte er einen Freispruch erster Klasse, das kirchliche Monopol auf Beerdigungen war aufgehoben. Die Freiheit vom 9. Dezember 1920 vernahm es mit Genugtuung. Es liest Paula Leu.
Ep 351Der Dichter als Seeräuber
Der heute vielfach vergessene Schriftsteller, Politiker und Ökonom Franz Jung begann sein abenteuerliches Leben 1888 in Oberschlesien. Er studierte an mehreren Orten, flog aus einer Burschenschaft, weil er einen Ranghöheren verprügelte, und schrieb an der Universität München die Dissertation mit dem Titel: Die Auswirkungen der Produktionssteuer in der Zündholzindustrie. Parallel verfasste er erste expressionistische Dichtungen. Mit Beginn des Ersten Weltkriegs meldete er sich freiwillig zum Militär, desertierte aber kurz darauf. Von hier an beginnt ein Leben geprägt von politischer Tätigkeit, Flucht, Gefängnisaufenthalten und dem Publizieren unter Pseudonymen. Während der Novemberrevolution 1919 setzte er sich an die Spitze eines Zuges und besetzte ein Telegraphenbüro, er wurde verhaftet, floh nach Breslau, war Mitglied der KPD, wurde ausgeschlossen, gründete daraufhin die Kommunistische Arbeiter Partei. Um deren Aufnahme in die Kommunistische Internationale zu erreichen, wollte er nach Rußland. Was er auf hoher See tat, um dorthin zu gelangen, davon berichtet der Vorwärts am 8. Dezember. Es liest für uns Frank Riede.
Ep 350Erich Wolfgang Korngold: Die tote Stadt
Erich Wolfgang Korngold galt Anfang des 20. Jahrhunderts als das musikalische Wunderkind schlechthin. Bereits im frühen Teenageralter hatte er nicht nur mehrere Klaviersonaten, sondern gar bereits eine stattliche Anzahl an Orchesterwerken vorgelegt, die von den namhaftesten Dirigenten der Zeit aufgeführt wurden; mit seinem Ballett Der Schneemann hatte er kaum elfjährig an der Wiener Hofoper debütiert. Entsprechend groß fiel der Hype aus, als Ende 1920 zeitgleich an den Opernhäusern von Hamburg und Köln mit Die tote Stadt die erste abendfüllende Oper des nunmehr dreiundzwanzigjährigen österreichischen Jungkomponisten angekündigt war. Der Berliner Börsen-Courier vom 7. Dezember berichtete aus der Hansestadt von einem großen Publikumserfolg, mochte sich der allgemeinen Euphorie allerdings nicht in Gänze anschließen – und sollte mit seiner Prognose gründlich falschliegen: Die tote Stadt wird von der Musikgeschichtsschreibung heute keineswegs als randständiges Jugend- oder Durchgangswerk Korngolds betrachtet, sondern sollte seine neben seinen späteren Hollywood-Filmmusiken berühmteste Komposition bleiben. Es liest Paula Leu.
Ep 349Der Lokomotivführer als Vorbild
Der Kunstkritiker und Publizist Karl Scheffler ist bis heute v.a. für sein pointiertes Diktum bekannt, wonach Berlin als Stadt dazu verdammt sei, „immerfort zu werden und niemals zu sein.“ Die ‚Großstadt’ beschäftigte ihn zudem als Phänomen und Ausdruck der Moderne überhaupt. Dabei wurden ihm auch scheinbar nebensächliche Beobachtungen Ausgangspunkt der Reflexion auf die frühe Industriegesellschaft. So auch in seiner am 6. Dezember 1920 in der Vossischen Zeitung veröffentlichten Meditation über den Lokführer, in der sich ein beinah futuristischer Ton der Glorifizierung des ‚Mannes auf der Maschine‘ mit einem konservativ-patriarchalen Duktus auf eigenwillige Weise verbindet. Es liest Frank Riede.
Ep 348Meier-Graefe: Italienische Reise
Julius Meier-Graefe zählte zu den bedeutendsten Kunsthistorikern seiner Zeit und galt in Deutschland vor allem als intimer Kenner des französischen Impressionismus. Als stetiger Grenzgänger zwischen Berlin und Paris litt er in besonderem Maße unter den auch zwei Jahre nach Ende des Ersten Weltkriegs noch immer allgegenwärtigen deutsch-französischen Spannungen. Umso angenehmer überrascht ist er von der positiven Stimmung, die ihm zum Vergleich bei seiner ersten Nachkriegsreise nach Italien entgegenschlägt. Sein Bericht aus Venedig, Florenz und Rom im Berliner Tageblatt vom 5. Dezember 1920 fällt entsprechend ausgelassen aus. Getrübt wird seine Freude allenfalls ein wenig durch das neuerrichtete Riesenmonument für König Vittorio Emanuele II. (im römischen Volksmund bald ‘die Schreibmaschine‘ genannt), das tatsächlich noch heute, wie von Meier-Graefe prognostiziert, in brachialem, zu keiner Patina fähigem Weiß über der Piazza Venezia thront. Es liest Paula Leu.
Ep 347Flüchtlingsstrom über das Meer
Im russischen Bürgerkrieg zeichnete sich im November 1920 ein endgültiger Sieg der Bolschewiken über die Weiße Garde ab. Die Armee unter der Führung von Pjotr Wrangel, die im Süden Russlands und auf der Krim einen unabhängigen „weißen Staat“ zu gründen versuchte, wurde entscheidend geschlagen. Daraufhin kam es auf der Krim zu brutalen Strafaktionen gegen die Weißgardisten. Zahlreiche Zivilisten und Soldaten flüchteten, teils auf kaum seetüchtigen überfüllten Booten, über das Schwarze Meer nach Konstantinopel. Die dortigen Behörden waren von der schieren Menge an Flüchtlingen überfordert und die Heimatlosen landeten in Flüchtlingslagern. Dieser menschlichen Tragödie widmet sich am 4. Dezember das Berliner Tageblatt. Der für uns von Frank Riede gelesene Text ist von erschütternder Aktualität.
Ep 346Obdachlos in Berlin
Zwei Jahre nach Ende des 1. Weltkrieges amüsieren sich die Gutversorgten und Reichbepelzten schon wieder in den Cafes und in den Bars Berlins. Doch während einige das Nachtleben genießen, drängen sich die vielen Mittel- und Obdachlosen vor den Notübernachtungen. Dass auch von den Glücklichen, die einen Schlafplatz ergattern, statt Gemeinschaft nur der eigene Vorteil gesucht wird, gibt dem kurzen Bericht aus der Berliner Volkszeitung vom 3.12.1920 einen desillusioniert-hoffnungslosen Unterton. Es liest Frank Riede.
Ep 345Umsatzeinbruch im Bleisoldatengeschäft
Die Jagd nach dem Weihnachtsspielzeug hat bereits begonnen, die Wunschlisten der Kinder wollen abgearbeitet werden. Das Weihnachtsgeschäft als solches war schon vor hundert Jahren ein Thema, mit dem sich die Zeitungen beschäftigten. Aber womit spielten die Kleinen 1920? Was wurde nachgefragt, was war nicht mehr in Mode? Darüber berichtet das 8 Uhr Abendblatt, zum ersten Mal Gast in unserem Podcast, am 2. Dezember. Natürlich spielt dabei der Vergleich mit der Preisstruktur vor dem Kriege eine prominente Rolle. Vieles ist in der Nachkriegszeit unerschwinglich geworden. Zumindest hatte der Krieg zu einer geringeren Nachfrage von Bleisoldaten geführt. Wer das als hoffnungsvolles Zeichen auf dem Weg zu einer pazifistischen Gesellschaft gedeutet hatte, wurde bekanntlich bitter enttäuscht, und auch schon 1920 fanden sich Eltern, die weiterhin nach Reichswehrspielfiguren suchten. Es liest Paula Leu.
Ep 344Ballade von den raffgierigen Hohenzollern
Auch schon von einhundert Jahren präsentierten sich die Hohenzollern sehr findig und wenig schamhaft, wenn es darum ging, ihr Familieneigentum zu bewahren – oder das, was sie dafür hielten. Nicht nur sollte es ihnen durch das 1926 geschaffene "Gesetz über die Vermögensauseinandersetzung zwischen dem Preußischen Staat und den Mitgliedern des vormals regierenden Preußischen Königshauses" gelingen, einen erheblichen Teil der alten preußischen Schlösser und Gärten in ihren Privatbesitz zu überführen. Weitere, mobilere Werte hatten sie zuvor bereits durch Kapitalverschiebungen ins Ausland zu sichern versucht, bei denen ihnen u.a. das Bankhaus Grußer zur Hand ging. Diesen Vorgängen – für die das Familienmitglied Prinz Eitel Friedrich später übrigens zu der ‘stolzen‘ Geldbuße von 5000 Mark verurteilt wurde – widmet sich eine „Neue Hohenzollern-Ballade“, die im Vorwärts vom 1. Dezember 1920 unter dem Autorenpseudonym ‘Eulenspiegel‘ erschien. Für uns rezitiert sie Frank Riede.
Ep 343Berlin braucht mehr Eisbahnen!
Großstadt und Winterfreuden – das ist schon immer eine schwierige Beziehung gewesen. Immerhin waren durchschnittliche Winter vor einhundert Jahren in diesen Breiten noch so beschaffen, dass an Schnee und an Frost kein Mangel herrschte und es nur wenig behördlichen Engagements bedurfte, um die bewegungsfreudige Berliner Jugend zumindest mit Eisbahnen zu versorgen. Für die Berliner Morgenpost war dies eine politische Investition in die Volksgesundheit, weshalb sie in ihrer Ausgabe vom 30. November 1920 höchst wohlwollend über eine entsprechende Offensive des Jugendpflegeamtes berichtete und sich dessen Aufruf an die begüterteren Bevölkerungsschichten zu Schlittschuhspenden für die armen Berliner Arbeiterkinder anschloss. Es liest Frank Riede.
Ep 3403 1/2 Fragen an Gertrud Koch...
In unseren monatlich gesendeten 3 1/2 Fragen an… sprechen wir heute mit der Filmwissenschaftlerin Gertrud Koch. Als Kritikerin und Professorin in Frankfurt, Bochum und Berlin prägte und prägt Koch die deutsche Diskussion über das Kino und den Film als Kunstform maßgeblich mit. Nicht zuletzt ihre Arbeiten zu Siegfried Kracauer machen sie auch zu einer Expertin für das Kino der 1920er Jahre.
Ep 342Ick berlinere ja bloß, wenn ick spreche
In ganz Deutschland ist das Berlinerische, verknüpft mit der dazu gehörigen sogenannten „Berliner Schnauze“, eine Marke, auf die nach Belieben über wenige Ausdrücke und grammatikalische Besonderheiten angespielt werden kann. Doch wo sind die echten Berliner, die diesen Dialekt tatsächlich sprechen? Gibt es sie noch? Vor einhundert Jahren genoß das Berlinerische keine große Wertschätzung, wurde als fehlerhaftes Deutsch betrachtet und man trieb es den Schülerinnen und Schülern im Unterricht aus. In der BZ am Mittag vom 29. November brach Erdmann Gräser eine Lanze für diesen Dialekt (bei dem es sich übrigens sprachlich streng genommen um einen ‘Metrolekt’ handelt) und dessen Konservierung. Dabei nahm er allerdings auch einen heutigen Eindruck vorweg: Kaum jemand spricht es wirklich und es berlinern hauptsächlich nur die, die nicht berlinern können. Für uns liest heute die gebürtige Berlinerin Paula Leu.
Ep 341Knut Hamsun zum Nobelpreis
In seiner Heimat Norwegen weckt Knut Hamsun bis heute, über 70 Jahre nach seinem Tod, zwiespältige Gefühle. Einerseits gilt er unbestritten als wichtigster norwegischer Beitrag zur Literatur der Moderne. Andererseits wird diese künstlerische Bedeutung massiv überschattet durch Hamsuns glühende Bewunderung für Adolf Hitler und den Nationalsozialismus, die ihn während der Zeit der Besatzung zum berühmtesten und vielleicht überzeugtesten Kollaborateur in Norwegen werden ließ. Hamsuns Sympathien für Deutschland reichen historisch indes deutlich weiter, nämlich bis in die Zeit vor dem Ersten Weltkrieg zurück und korrespondieren mit einer intellektuellen Wertschätzung, die ihm vor allem hier früh zu Teil wurde. Als Hamsun 1920, insbesondere für seinen Roman Segen der Erde, mit dem Nobelpreis für Literatur ausgezeichnet wurde, nahm man davon in seinem Sehnsuchtsland gleichwohl nur wenig Notiz. Ausführlichere Würdigungen sucht man in der Hauptstadtpresse jedenfalls weithin vergeblich. Das Berliner Tageblatt vom 28. November druckte aus diesem Anlass immerhin ein Gedicht aus seinem Zyklus Fiebergedichte ab. Es liest Frank Riede.
Ep 339Die Frau in der Republik
Wenn Donald Trump tatsächlich am 20. Januar 2021 von Joe Biden im Amt des Präsidenten der USA abgelöst wird, haben die Wählerinnen daran einen wesentlichen Anteil, da sie mit ihren Stimmen eine von der Mehrzahl der männlichen Wähler gewünschte zweite Amtszeit Trumps verhindert haben werden. Am 27. November 1920 reflektiert ein Autor in der Berliner Volks-Zeitung die wichtige Rolle und kommende Stärke der Frauen im politischen Geschehen der Weimarer Republik. Endlich von ihrer Unterdrückung im Kaiserreich befreit, schlummert in ihnen ein enormes Potential. Der zweifelsfrei richtige Impuls kommt dennoch nicht ohne einen paternalistischen Blick auf ihre Bildungsdefizite und die Reduktion der Frauen auf ihr „mütterlich-emotionales“ Wesen aus. Für uns liest Paula Leu.
Ep 338Gemeinsam einsam beim Individualistenkongress
Existenzialistenkeller – was in der Wirtschaftswunderrepublik bis in die Flowerpower 70er hinein Abscheu unter den Bewohnern der aus dem Boden schießenden Neubauviertel auslöste, hat es auf seine Weise auch schon früher gegeben. In der Morgenpost vom 26.11.1920 lässt der Berliner Autor Erdmann Gräser Szenen seiner Studentenzeit wieder lebendig werden. Bei heißem Tee mit Rum diskutierte man Max Stirner. Und zwischen dicken Schwaden Tabaksqualm beschwor man die Zurückgeworfenheit des Menschen auf sich selbst. Das Jünglingspathos ist dem mittlerweile 50Jährigen etwas verloren gegangen; seinen Bericht vom „1. europäischen Individualistenkongress“ in Berlin schreibt Gräser jedenfalls mit einem deutlich ironischen Unterton. Es liest Frank Riede.
Ep 337Das Ende des Berliner Bürgermeisters
Der parteilose Politiker Adolf Wermuth wurde im Mai 1912 zum Oberbürgermeister von Berlin gewählt und erwarb sich überparteiliches Ansehen durch die Art und Weise, wie er Berlin durch die Miesere des Ersten Weltkrieges führte. Wermuth gilt als Architekt des im Oktober 1920 gegründeten Groß-Berlin und wurde mit den Stimmen der SPD und der USPD wenige Monate zuvor erneut im Amt bestätigt. Sowohl über die Entstehung Groß-Berlins als auch von Wermuths Wiederwahl haben wir in diesem Podcast berichtet. Doch seine letzte Amtszeit währte nicht lange. Schon am 25. November 1920 trat er zurück, da ihm im Kontext des Streiks der Elektrizitätsarbeiter Teile der SPD das Vertrauen entzogen. Über die genauen Umstände berichtet am Tage seines Rücktritts das Berliner Tageblatt. Paula Leu liest.
Ep 336Gänsekeule und Hasenlauf
Zwischen Martini und Weihnachten stellen sich auch für den kulinarischen Normalverbraucher einige Herausforderungen. In der Zeit nach dem ersten Weltkrieg waren diese noch ein wenig schwieriger zu meistern. Wo lässt sich im Jahre 1920 eine ordentliche Fettgans herbekommen? Wie steht es um den vor Weihnachten beliebten Hasenlauf? Die Berliner Morgenpost gibt am 24.11. Experten das Wort: dem Inhaber einer Gänsegroßhandlung und dem Generalsekretär des Verbandes deutscher Wild– und Geflügelhändler. Fazit: Gute Ware ist knapp und entsprechend teuer. Vielleicht müssen so auch mal Alternativen auf den Tisch. Schwein statt Hase? Wäre eine Möglichkeit. Es liest Paula Leu.
Ep 335Schicksalsstunde für Griechenland
Bereits im Zuge der Balkankriege 1912 bis 1913 hatte Griechenland sein Staatsgebiet erheblich zu erweitern vermocht und auch danach im Ersten Weltkrieg mit der Entente bündnispolitisch auf das richtige Pferd gesetzt: Die Pariser Vorortverträge verhießen eine weitere hellenistische Expansion zu Lasten der türkischen und bulgarischen Weltkriegsverlierer. Dennoch waren die politischen wie ökonomischen Verhältnisse im Land instabil. Der für den Kriegseintritt auf britisch-französischer Seite verantwortliche Premierminister Elefthérios Venizelos musste bei der anberaumten Parlamentswahl am 14. November 1920 den Machtverlust fürchten. Im fernen Berlin vernahm dies die national gesinnte Deutsche Allgemeine Zeitung vom 23. Oktober mit Freude und ahnte die anstehende Rückkehr des als deutschfreundlich geltenden, mit einer Schwester Wilhelms II. verheirateten und deshalb 1917 im Konflikt mit Venizelos exilierten Königs Konstantin I. voraus. Es liest Frank Riede.
Ep 334Das Gesetz der Pandemie
Nicht erst im 21., auch schon zu Beginn des 20. Jahrhunderts zählten Pandemien unter die großen Bedrohungen der Menschheit. Die Spanische Grippe hatte von 1918 bis 1920 zwischen 20 und 50 Millionen Opfer weltweit gefordert. Als Reaktion erließen mehrere Länder Quarantänemaßnahmen, gaben die Gesundheitsbehörden Hygieneratschläge. Vor allem aber war es – wie heute – auch schon vor hundert Jahren wichtig, mehr über die Epidemie herauszufinden. Wo kam sie her? Wie übertrug sie sich? Und welche Wege nahm sie bei ihrer weltweiten Ausbreitung? Insbesondere die letzte Frage hatte der englische Arzt Dr. C. W. Saleeby eingehend untersucht und Ende 1920 seine Erkenntnisse über das Gesetz der Grippeverbreitung der Öffentlichkeit zugänglich gemacht. Der Vorwärts vom 22.11. berichtet, es liest Paula Leu.
Ep 333Briefmarken für die Staatskasse
1840 ursprünglich als zweckgebundenes Mittel zur Vereinfachung der postalischen Beförderung erfunden, entwickelte sich die ‘Briefmarke‘ rasch zu einem populären Sammlerobjekt und emanzipierte sich darüber von der ihr eigentlich zugedachten Funktion. Das wiederum machte sie schon bald zu einem Gegenstand von haushaltspolitischem Interesse: Wo Millionen Philatelisten bereit waren, für Briefmarken Geld auszugeben, ohne die ihnen dafür zustehende Dienstleistung in Anspruch zu nehmen, entdeckten gerade kleinere Staaten sie zunehmend als lukrative Einnahmequelle zur Aufbesserung der Staatskasse. Die Berliner Börsen-Zeitung vom 21. November 1920 illustriert diese Politik zunächst am Beispiel Liechtensteins, um sich dann einigen in Folge des Ersten Weltkriegs neuentstandenen, ähnlich verfahrenden Sammelgebieten in Ostmitteleuropa zuzuwenden – und abschließend kurz das gleichermaßen ökonomische wie auch propagandistische Potential anzudeuten, das sich erst aus der regelmäßigen Ausgabe motivisch wechselnder Sonderbriefmarken ergäbe. Es liest Frank Riede.
Ep 332Aber bitte mit Sahne?
Aber bitte mit Sahne? Nicht Ende 1920. Seit dem 3. November 1917 galt ein „Verwendungsverbot von Schlagsahne“, eine Reaktion auf die allgemeine Milchknappheit. Solange nicht einmal die Krankenernährung gesichert war, mussten die Feinschmecker auf diese Leckerei verzichten. Bei Zuwiderhandlung drohten drakonische Strafen, wie das Berliner Tageblatt vom 20.11. berichtet. Es liest Paula Leu.
Ep 331Das Märkische Museum
Die Sammlung des Märkischen Museums, heute ein Teil des Stadtmuseums Berlin, hat ihre Ursprünge tief im 19 Jahrhundert. Die historische Sammelleidenschaft des bürgerlichen Vereins für die Geschichte Berlins, sowie eine der ersten systematischen Sammlungen von Fotografien des Stadtbildes und der Architektur, und nicht zuletzt die Entrümpelung der Amtsstuben und -keller beim Umzug der Verwaltung ins Rote Rathaus Ende der 1860er Jahre konstituierten schrittweise eine riesige Sammlung zur Natur-, Stadt-, und Kulturgeschichte Berlins und der Mark Brandenburg. Zwischen 1896 und 1908 entstand nach den Plänen des Stadtbaurats Ludwig Hoffmann ein eigenes Gebäude für diese Sammlung: das erste speziell als Stadtmuseum konzipierte Gebäude der Welt, in dem verschiedene historische und regionale Baustile verschmelzen sollten, um so zugleich einen Verweis darauf zu geben, was sich im Innern des Gebäudes verbirgt. Was die Besucherinnen des Jahres 1920 tatsächlich darin vorfanden, darüber berichtet der Vorwärts vom 19. November. Uns führt durch die Sammlung Frank Riede.
Ep 330Erinnerung einer Berlinerin an Alexander von Humboldt
Caroline Alexandra Seifert, Tochter des Kammerdieners Alexander von Humboldts und spätere Frau des Schriftstellers, Naturforschers und Reisenden Balduin Möllhausen, stand in besonderer Beziehung zum großen Universalgelehrten, in dessen Haus sie aufwuchs. Bis zu seinem Tod war ihr von Humboldt freundschaftlich verbunden, setzte sie sogar zur Miterbin seines Nachlasses ein. Auch für sie war diese Beziehung prägend. Für die Vossische Zeitung vom 18.11.1920 berichtet ihr Sohn von den Erinnerungen der 90Jährigen an die 40er und 50er Jahre des 19. Jahrhunderts, an die Oranienburger Str. 67 und ihren berühmten Bewohner. Gelesen von Frank Riede.
Ep 329Die Unruhen in Eger
Mit dem Versailler Vertrag wurden die neuen Grenzziehung nach der Auflösung Österreich-Ungarns endgültig bestätigt. Damit befand sich auf dem Staatsgebiet der Tschechoslowakei eine bedeutende deutschsprachige Minderheit. Von Anfang an prallte eine Tschechisierungspolitik der Zentralregierung auf Autonomiebestrebungen der deutschen lokalen Mehrheiten. Immer wieder kam es zu Angriffen gegen die Tschechoslowakische Armee und Akteure der Tschechisierung, die dann wiederum zu Gewalttaten gegen Vertreter und Institutionen der deutschen Minderheit führten. Dieser Konflikt, dessen Wurzeln tief im 19. Jahrhundert liegen, sollte sich über die Einverleibung des sogenannten Sudentenlandes in das Deutsche Reich im Münchener Abkommen 1938, die Besetzung der verbleibenden tschechischen Gebiete 1939 bis zur Vertreibung der Sudetendeutschen am Ende des 2. Weltkrieges steigern und fortsetzen. Bis heute sind die Beziehungen zwischen Deutschland und der Tschechischen Republik rund um diese Fragen ein diplomatisches Minenfeld. Am 16. November kam es in Eger (tschechisch: Cheb) zu einem solchen gewaltsamen Protest gegen die tschechoslowakische Politik, auf den unmittelbar anti-deutsche Ausschreitungen in Prag folgten. Gemäß guter alter lokaler Sitte kam es dabei auch zu Defenestrationen, zum Glück diesmal nicht von Menschen, wie der Berliner-Börsen-Courier vom 17. November 1920 zu berichten weiß. Paula Leu liest.
Ep 328Kinder der Liebe
Egon Friedell gehörte als Schauspieler, Kabarettist und Dramatiker, promovierter Philosoph, Kulturhistoriker und Theaterkritiker zu den großen Mehrfach- und Hybridbegabungen, wie sie in den 1920er Jahren, vor allem in Berlin und Wien, Konjunktur hatten und insbesondere für die Zeitungswelt ein großer Glücksfall waren. Für Berlin aus Wien berichtete er am 16. November 1920 von einer Aufführung des heute möglicherweise zu Recht vergessenen Lustspiels ‘Kinder der Liebe‘ von Viktor Léon, das Friedell offensichtlich wenig überzeugte. Sein Bericht aus dem in der Josefstadt gelegenen (heute nicht mehr existierenden) Wiener Stadttheater ist von großer knapper analytischer Schärfe, dabei frei von Polemik, aber nicht von eleganter Ironie. Feuilleton eben. Aus der B.Z. am Mittag liest für uns Frank Riede.
Ep 327Scheinattentat in der Hypnose
Anfang des 20. Jahrhunderts war unter Psychologen und Psychiatern eine umstrittene Frage, ob sich eine Person mittels einer Hypnose dazu verleiten ließe, ein Kapitalverbrechen zu begehen. In den Narrativen der Populärkultur gab es dafür zahlreiche Beispiele, etwa im Film das Medium des Dr. Caligari oder Dr. Mabuse mit seinem hypnotischen Blick. Ein prominenter Verfechter der Ansicht, dass es unmöglich sei, lediglich durch Hypnose einen „sittlich guten“ Menschen zu zwingen, eine schwere Straftat zu begehen, war der Wiener Psychiater Julius Walter-Jauregg. Dies nahm der weniger bekannte Hypnotiseur Walter Sell zum Anlass, in einem praktischen Experiment das Gegenteil zu beweisen. Von diesem „Mordanschlag“ berichtet die Vossische Zeitung am 15. November, für uns berichtet Paula Leu.
Ep 326Das unhöfliche Berlin
Waaas? Der Berliner – unhöflich? Rüde im Umgang mit seinesgleichen und den Besuchern seiner schönen Stadt, immer einen derben Fluch auf den Lippen? Es gibt historische Texte, deren Inhalte sich mit dem Abstand eines Jahrhunderts kaum mehr nachvollziehen lassen. In der Berliner Morgenpost vom 14. November 1920 zeigt sich ein Heimgekehrter auf jeden Fall erschüttert über die gesellschaftlichen Konventionen an der Spree - die in ihm selbst wenig zivilisierte Züchtigungsphantasien aufsteigen lassen. Für uns flucht, äh liest Frank Riede.
Ep 325Der erste Karl-May-Film
Kaum zu glauben, aber wahr: Lex Barker ging 1920 noch in Windeln, Pierre Brice war gar noch lange nicht geboren, und doch bevölkerten auch vor einhundert Jahren bereits – erstmals – Karl-May-Helden die Kinoleinwand. Bei dem heute leider verschollenen Streifen Auf den Trümmern des Paradieses handelte es sich um eine Adaption des Bandes Von Bagdad nach Stambul aus dem berühmten Orient-Zyklus, für die die May-Vertraute Marie Luise Droop (Drehbuch) und Josef Stein (Regie) verantwortlich zeichneten. In Anwesenheit der Witwe Klara May hatte die Welturaufführung bereits am 7. Oktober 1920 in Dresden stattgefunden, nun, einige Wochen später, erreichte der Film auch die Berliner Kinos. Die hauptstädtische Presse pilgerte hin – und war wenig begeistert. Aus der Berliner Börsen-Zeitung vom 13. November 1920 liest Paula Leu.
Ep 324Claude Monet zum Achtzigsten
Mit der ersten Impressionistenausstellung 1874 in Paris wurde Claude Monet zum Revolutionär der Malerei. Dank der von den Pointillisten später perfektionierten sogenannten ‘optischen Mischung’, der Mischung der Farbpigmente im Auge des Betrachters statt auf der Leinwand, ließen seine Bilder die Welt in neuem Licht erscheinen. 1920 war Monet eine 80jährige Institution, der letzte lebende Vertreter der frühen Avantgarden. Er hatte nicht nur eine neue Maltechnik entwickelt, sondern auch einen anderen Blick auf die Wirklichkeit inspiriert. Am 12. 11., 2 Tage vor seinem Geburtstag, gratuliert die „Vossische Zeitung“ mit einem „Gruß der Verehrung und Bewunderung“. Es liest Frank Riede.
Ep 323Die heilige Franziska
Dass die sündige deutsche Hauptstadt in den 1920er Jahren ein Mekka der Prostitution war, ist nicht erst seit Babylon Berlin weithin bekannt. Dabei waren die Grenzen zwischen Liebe und käuflicher Liebe durchaus nicht immer scharf gezogen und bereits im Vorfeld erkennbar. Die ‘heilige Franziska‘, die es am 11. November in den Vorwärts schaffte, pflegte ihre Dienstleistung jedenfalls offensichtlich nicht als solche anzukündigen. Und kultivierte darüber hinaus auch eine sehr eigene, unsanfte Art, ihr ‘Honorar‘ nach – oder gar vor – dem Akt einzutreiben. Trotzdem wollte sich, als sie und ihre Hintermänner irgendwann aufflogen, seltsamerweise kaum einer der (teilweise durchaus prominenten) Geprellten als Zeuge der Anklage zur Verfügung stellen. Gelesen von Paula Leu.
Ep 322Der falsche Habsburger
Nachrevolutionäre Zeiten sind im allgemeinen gute Zeiten für Hochstapler. Im Chaos des Übergangs fallen geborgte Identitäten häufig nicht auf. Zugleich ist die Sehnsucht nach neuen oder alten Autoritäten weithin groß. Zu den diesbezüglich berühmtesten Bluffern der Geschichte zählt gewiss die kaschubische Bauerntochter Franzisca Czenstkowski, die nach einem vermeintlichen Suizidversuch im Frühjahr 1920 in Berlin aus dem Landwehrkanal gefischt wurde und sich danach - mit zumindest partiellem Erfolg - als dem Massaker von Jekaterinburg angeblich entkommene Zarentochter Anastasia ausgab. Aber auch andere entthronte europäische Herrscherhäuser waren vor derartigen Erbschleichern nicht sicher. Der falsche Habsburger, von dem der Vorwärts am 10. November 1920 berichtet, hatte es dem Anschein nach zwar nicht gleich auf Rudolfs- und Stephanskrone, wohl aber auf die finanzielle Zuwendung gutgläubiger monarchienostalgischer Geldgeber abgesehen. Es liest Paula Leu.
Ep 321Ignaz Wrobel: Zwei Jahre Novemberrevolution
Zwei Jahre nach der Novemberrevolution, die am 9. November 1918 Deutschland in eine Demokratie umwandelte, meldet sich in unserem Podcast mal wieder Kurt Tucholsky unter seinem Pseudonym Ignaz Wrobel zu Wort. Und er stellt dabei, wie man sich denken kann, der Revolution und der aus ihr hervorgehenden Weimarer Republik ein schlechtes Zeugnis aus, indem er wesentlich die Kontinuitäten zum Kaiserreich betont. Monarchistische Justiz und Verwaltungen, Spießbürger bestimmen das Geschehen, Reaktionäre erstarken. Eine Revolution des kleinen Mannes muss her! Es liest Frank Riede.
Ep 320Skandal auf der Trabrennbahn Mariendorf
In den Sportteilen der Berliner Zeitungen dominierte 1920 nicht der Fußball, nicht der Box-Kampf, nicht das Tennisspiel. Sie berichteten von den Pferderennbahnen der Stadt und informierten über alle Sieger und Platzierungen der einzelnen Rennen. Dabei standen riesige Summen von Wetteinsätzen auf dem Spiel und es kam immer wieder vor, dass ein Streit über den rechtmäßigen Verlauf eines Rennens zu heftigen Protesten mancher Wettenden führte. Von einem besonders schwerwiegenden Skandal an der Mariendorfer Pferderennbahn berichtet die BZ. am Mittag in ihrer Ausgabe vom 8. November 1920. Für uns spricht ins Mikrophon: Paula Leu.
Ep 319Pensionopolis und Akademika
Am 7.11.1920 druckt die Berliner Volkszeitung einen Brief ihres Korrespondenten in Hessen. Ein Besuch in Kassel zeigt überraschend, dass die auf den ersten Blick als Altenteil kaisertreuer Pensionäre erscheinende Stadt tatsächlich eine politisch hochaktive Arbeiterschaft beheimatet. Dagegen wird die Universitätsstadt Marburg mit all ihren klugen Köpfen als Hort reaktionär-nationalistischen Flaggentaumels erfahren. Für den Wiederaufbau Deutschlands, so das Fazit, lässt sich nur auf den Kassler Proletarier, nicht den Marburger Akademiker hoffen. Es liest Frank Riede.
Ep 318Georg Kaisers “Europa”
Der 1878 geborene Georg Kaiser zählt zu den produktivsten wie erfolgreichsten Dramatikern der sogenannten expressionistischen Generation. Ständige Geldnöte plagten ihn trotzdem und brachten ihn auf die schlechte Idee, aus einer von ihm lediglich gemieteten Villa im bayerischen Tutzing Gemälde und Teppiche zu verpfänden. Die Sache flog auf, Kaiser ging in Untersuchungshaft - und die eine Woche später terminierte Berliner Uraufführung seines neuen ‘Tanzspiels‘ Europa konnte sich vor publicity kaum retten. Der Rezensent der Vossischen Zeitung Monty Jacobs hat zum Glück Stil. Sein Premierenbericht vom 6. November 1920 hält sich mit Kaisers Privatleben nicht lange auf, sondern findet schnell zurück zum Dauergenörgel der Berliner Theaterkritik über Hans Poelzigs angeblich völlig überdimensioniertes Großes Schauspielhaus, dem seine vormalige Nutzung als Zirkus viel besser gestanden habe als jetzt die als Theater. Es liest Frank Riede.
Ep 317Kinderhölle in Berlin
Die Berliner Arbeiterviertel und Hinterhöfe sind schon um schon um 1900 ein sozialer Brennpunkt. Wirtschaftlichen Schwierigkeiten in den ersten Nachkriegsjahren aber Verschärfen diese Situation noch. Die Vossische Zeitung vom 5.11.1920 zeichnet ein deprimierendes Bild. Kinder und Alte sind – wie immer – besonders betroffen. Und der Winter ist nah. Gelesen von Paula Leu.
Ep 316America first!
Auch am Tag danach, dem 4. November 1920, waren die US-Präsidentschaftswahlen immer noch das bestimmende Thema in der deutschen Presse. Mit dem Wahlsieg des Republikaners Warren G. Harding verband sich bei nicht wenigen in Berlin die Hoffnung auf eine baldige Normalisierung der Beziehungen zwischen den vormaligen Kriegsgegnern, andere blieben skeptisch. Zu letzteren zählte kaum überraschend auch die naturgemäß wenig amerikafreundliche Rote Fahne, die Parteizeitung der KPD, die zwischen den außenpolitischen Programmen beider großen Parteien bzw. ihrer Kandidaten keine großen Unterschiede erkennen mochte: Beide würden sich vom geschwächten Europa absehbar wieder abwenden und auf eine America first-Politik zurückziehen. Es liest Frank Riede.
Ep 315Klarer Wahlsieger in Amerika
1920 fiel der erste Dienstag nach dem 1. November auf den 2. November und nicht wie dieses Jahr auf den 3. November, an welchem die Welt vor einhundert Jahren das Ergebnis der US-Präsidentschaftswahlen entsprechend schon kannte: Auch wenn verbindliche Zahlen aus den einzelnen Staaten noch nicht vorlagen, war an der Kür des Republikaners Harding zum Nachfolger des Demokraten Wilson nicht zu deuteln. Wie allgemein bekannt (und der Artikel aus der Vossischen Zeitung bestätigt,) hat sich am Wahlprocedere mit den Wahlmännern, dem ‘Winner-takes-it-all‘-Prinzip und den zeitgleichen Kongresswahlen seither nichts geändert. Deutlich verschoben haben sich indes, auch das macht der Bericht deutlich, die Hochburgen der beiden Parteien – und die Sympathien der deutschen Beobachter, die den Demokraten seinerzeit die Versailler Nachkriegsordnung übel nahmen. Es liest Paula Leu.
Ep 314Der Golem, wie er seine Filmmusik bekam
Vor einigen Monaten berichtete in unserem Podcast ein Filmkritiker von den Dreharbeiten zu Paul Wegeners Film „Golem, wie er in die Welt kam“ in den aufwändigen expressionistischen Bauten von Hans Pölzig auf dem Tempelhofer Feld. Am 29. Oktober feierte der fertige Film im Ufa Palast am Zoo seine Premiere und wurde in der Folge zu einem der erfolgreichsten deutschen Stummfilme im In- und Ausland. Nicht nur die Kulissen, die Schauspielleistungen machen den Film besonders, sondern auch eine eigens für den Film komponierte Filmmusik. Wurden frühere Stummfilme in der Regel von kleinen Orchestern oder einem Pianisten mit bereits bekannten Musikfetzen, die zu der im Film dargestellten Emotion passen sollten, begleitet, zeigt sich an der aufwändigen Komposition für den Golem der Anspruch des Films, als ein vollwertiges Kunstwerk anerkannt zu werden. Dies schlägt sich auch in der Filmkritik in der Vossischen Zeitung vom 2. November nieder, in der beinahe 50 Prozent des Artikels der Filmmusik gewidmet sind. Es liest Frank Riede.
Ep 313Nichts ist so aktuell wie die Zeitung von vor 100 Jahren
In dieser Sonderfolge unseres Podcasts hören Sie die Gesamtfassung eines Gesprächs zwischen Hans-Jörg Lieder, Christian Mathieu und Clemens Neudecker von der Staatsbibliothek Berlin und Jan Fusek vom Auf den Tag genau-Team. Für die Moderation dieser Gesprächsrunde danken wir herzlich Florenz Gilly.
Ep 312Die Republik Helgoland
Als Helgoland 1890 von einem britischen Seebad zu einer deutschen Festungsinsel wurde, war die Frage, ob die Helgoländer selbst tatsächlich Preußen werden wollten, zweitrangig behandelt worden. Um das Zugeständnis einer Reihe von Sonderrechten an die Einwohner der Insel aber kamen die Vertragsparteien nicht herum. Als diese im Zusammenhang der administrativen Neuordnung nach dem 1. Weltkrieg aufgehoben werden sollten, kam es auf Helgoland zur ‚Rebellion’. Nicht zuletzt die Ausweitung des Kommunalwahlrechts auf Zugezogene empörte die eingeborenen Helgoländer, was wiederum die Freiheit vom 1.11.1920 als partikularistisch und nationalistisch scharf kritisiert. Es liest Paula Leu.
Ep 311Breslau - Die Stadt im Osten
Nachdem unser Podcast vorgestern einen Blick in den alten Westen des Reiches, nach Köln, geworfen hat, richtet sich dieser heute in die entgegengesetzte Richtung: in die „Stadt des Ostens“, wie die berichtende Berliner Volks-Zeitung vom 31. Oktober 1920 sie nennt, nach Breslau. Vormals als verschnarchter Hort der Reaktion verschrien, sieht Korrespondent Hans Gathmann die Hauptstadt Niederschlesiens mittlerweile, trotz aller Nöte der Nachkriegszeit, auf dem guten Weg zu einer modernen, liberalen Großstadt im Osten des Reiches. Es liest Frank Riede.
Ep 310Wahl-Apathie in Amerika
Vor einhundert Jahren – man erinnert sich mit Wehmut – waren die Vereinigten Staaten von Amerika noch eine stabile Demokratie. So stabil und unaufgeregt, dass Präsidentschaftswahlen – man kann es sich kaum vorstellen – mitunter fast ein wenig langweilig gerieten. Ob auf den (vor allem in Deutschland sehr unbeliebten) Kriegspräsidenten Wilson sein demokratischer Parteifreund Cox oder der republikanische Kandidat Harding folgte, schien die Amerikaner nicht sonderlich umzutreiben und von den wirklich wichtigen Ereignissen des Lebens abzulenken. Der Korrespondentenbericht der Berliner Morgenpost vom 30. Oktober 1920 handelt denn auch fast weniger vom laufenden Wahlkampf als von den Endspielen um die nationale Baseball-Meisterschaft – bzw. von den neuartigen Live Tickern, mit denen die Menschen auf dem New Yorker Times Square und in den Bahnhöfen der Provinz diese verfolgten. Es liest Paula Leu.
Ep 309Weltstadt Köln
Nicht Berlin, Köln ist das eigentliche Zentrum Deutschlands. Zumindest, wenn man die Kölner fragt. Im Nachkriegsjahr 1920 kommt die spezielle geographische wie kulturgeschichtliche Position der Domstadt auf besondere Weise zum Tragen. In ihren engen Gassen mischen sich ausländische Glücksritter mit Einheimischen, die von der großen Metropolenzukunft träumen; das mittelalterliche Erbe mit all seinen Geschichten spiegelt sich im Schmuggler- und Kleinkriminellenalltag der Gegenwart. In diesem Niemandsland seiner Stadthistorie sieht Heinrich Goeres Köln in einem für den Vorwärts des 29.10. verfassten Beitrag und schlägt dabei durchaus auch unangenehme völkisch-nationale Untertöne an. Seine Hoffnung auf einen die ehrwürdige colonia agrippina wieder zu selbstbewusstem Glanz geleitenden Führer sollte sich – freilich als nicht ganz bewusste – Vorahnung der dunkelsten Epoche deutscher Geschichte herausstellen. Es liest Frank Riede.
Ep 308Filmdiven sind anwesend!
In den 1920ern bildete sich in der rasch wachsenden Filmindustrie ein System heraus, wie es schon lange in der Theater- und Opernwelt existierte. Filmdiven, von lat. divus, göttlich, dominierten die mediale Berichterstattung und sorgten durch ihre Anwesenheit für „besondere“ Filmvorführungen, in denen es freilich, wie ein Autor für den Vorwärts vom 28. Oktober 1920 beklagt, nicht mehr um den Film selbst ging. Aus Amerika schwappte eine andere Bezeichnung nach Deutschland, die sich auf lange Sicht durchsetzte: Filmstar, von engl. star, Stern. Oder doch von einem Singvogel? Es liest Paula Leu.