PLAY PODCASTS
Auf den Tag genau

Auf den Tag genau

2,057 episodes — Page 33 of 42

Ep 457Hamburger Arbeiteraufstand

Die politische Lage in Deutschland war im März 1921 höchst instabil. Der Streit um die Reparationsleistungen zwischen Deutschland und den Alliierten eskalierte, weshalb Teile des Rheinlandes besetzt wurden - wir haben berichtet. Im Innern belastete die prekäre wirtschaftliche Lage den Frieden und die Preußenwahl hatte zu keinen klaren Mehrheiten geführt - wir haben berichtet. Allerdings hatte die Wahl der Vereinigung aus KPD und dem linken Flügel der USPD im mitteldeutschen Industriegebiet 30 Prozent der Stimmen gebracht. Die Führung der KPD unter agitierender Mithilfe von Bela Kuhn - von seiner Flucht aus Ungarn haben wir berichtet -, nutzte die Gelegenheit und rief die Arbeiterschaft zwischen Halle, Leuna, Merseburg und dem Mansfelder Land zu bewaffneten Protesten auf. Das Ziel dieser blutigen Kämpfe und Besetzungen waren wohl die Schwächung und der Sturz der damaligen Weimarer “Mitte-Rechts” Regierung. Tatsächlich wurde das mitteldeutsche „Chemie-Dreieck“ in blutiges Chaos gestürzt und ausgerechnet in Hamburg, von dessen Austernstuben wir kürzlich berichtet haben, kam es in den Werften zu solidarischen Arbeiteraufständen, die rasch zu zahlreichen Todesopfern führten. Aus Hamburg berichtet die Vossische in ihrer Ausgabe vom 24. März. Es liest Frank Riede.

Mar 24, 20216 min

Ep 456Was ist ein gebrochenes Herz?

In der Medizin wird seit ca. 30 Jahren eine Herzkrankheit mit infarkt-ähnlichen Symptomen beschrieben als Stress-Kardiomyopathie, oder Gebrochenes-Herz-Syndrom. Diese Fehlfunktion des Herzens tritt meist nach einer außerordentlichen emotionalen oder körperlichen Belastung auf. Schon vor 100 Jahren war ein englischer Arzt auf der Suche nach dem medizinischen Befund hinter der romantischen Vorstellung vom Gebrochenen Herzen und glaubte eine Erklärung gefunden zu haben, die, zumindest aus der Sicht eines Laien, durchaus in die Richtung des Broken-Heart-Syndome geht. Der Vorwärts vom 23. März berichtet, Paula Leu liest.

Mar 23, 20214 min

Ep 455Kein Grund zu nationalem Freudentaumel

Auch am 22. März 1921, zwei Tage nach dem Urnengang, beherrschte noch immer das überraschend starke Votum für einen Verbleib Oberschlesiens bei Deutschland die Schlagzeilen in der Presse, die ihre Genugtuung über diesen Ausgang der Volksabstimmung bis weit ins linke politische Spektrum hinein nicht verbergen mochte. Eine seltene Ausnahme bildete in diesem Reigen ein Kommentar aus der Freiheit, der sich dem nationalen Überschwang mit zwei wesentlichen Argumenten entzog. Zum einen betrachtete er die Resultate etwas differenzierter und kam dabei zu dem Ergebnis, dass es ausgerechnet in den industriell bedeutsamsten Wahlkreisen mit der deutschen Mehrheit doch nicht so weit her war. Zum anderen wies er darauf hin, wie wenig die chauvinistischen Kampagnen von beiden Seiten eigentlich einer Region gerecht würden, in der die Menschen meist beide Sprachen beherrschten und auf die Frage nach ihrer Herkunft traditionell – und teilweise bis heute – weder ‘deutsch‘, noch ‘polnisch‘, sondern ‘schlesisch‘ antworteten. Es liest Frank Riede.

Mar 22, 20217 min

Ep 454Deutsch oder polnisch? Die Volksabstimmung in Oberschlesien

Kaum eine politische Frage hatte die deutsche Öffentlichkeit in den zurückliegenden Monaten so umgetrieben wie die nach der Zukunft Oberschlesiens und der zu deren Klärung für den 20. März 1921 vor Ort angesetzten Volksabstimmung. Die Region zwischen Oppeln und Kattowitz galt neben dem Ruhrgebiet als die industrielle Herzkammer Deutschlands und ihr Verbleib beim unter den alliierten Reparationsforderungen ächzenden ‘Reich‘ deshalb als von existenzieller Bedeutung. Entsprechend groß fielen anderntags die Erleichterung und zum Teil auch das Triumphgeheul aus, als sich ein überraschend deutliches Votum pro Deutschland abzeichnete, das sich selbst auf einige mehrheitlich polnischsprachige Wahlkreise erstreckte. Selbst im liberalen Berliner Tageblatt mischten sich da deutlich anti-polnische und anti-französische Ressentiments und Vorwürfe unter die Wahlberichterstattung. Es liest Paula Leu.

Mar 21, 20218 min

Ep 453Die Trauerfeier für Talât Pascha

War es alte deutsch-türkische Verbundenheit aus Weltkriegstagen? Oder hat man es als schlichtes ‘De Mortuis nihil nisi bene‘ zu werten? In ihrem Bericht von der Trauerfeier für den unlängst in Berlin ermordeten ehemaligen türkischen Innenminister Talât Pascha enthielt sich die Deutsche Allgemeine Zeitung vom 20. März 1921 auf jeden Fall aller weiterreichenden Erläuterungen zu dessen Rolle beim Völkermord an den Armeniern. Stattdessen galt ihr Hauptaugenmerk dem Zeremoniell, das für mitteleuropäische Augen seinerzeit offensichtlich überaus exotisch anmutete – und dessen Beschreibung hier doch in all ihrer Schwäche für Karl-May-artige Orientklischees zugleich auf faszinierende Weise andeutet, wie international, wie kosmopolit, wie multiethnisch Berlin auch schon Anfang der 1920er Jahre geprägt war. Es liest Frank Riede.

Mar 20, 20217 min

Ep 452Auflösung der Städte

Stadtfeindschaft? Sehnsucht nach dem Land? Wieder nimmt einer der von uns gesendeten Artikel Schlagworte und Themen vorweg, die auch heute die Runde machen. Ist das Stadtleben noch zeitgemäß? Oder ist Urbanität nicht eher ein Konstrukt, inauthentisch und überbewertet? Das sogenannte Neue Bauen der 1920er versuchte sich zumindest sehr daran, die alten Mietskasernen durch naturnahe Gartenstädte und ähnliche Siedlungen zu ersetzen. Einer seiner wichtigsten Protagonisten, der Berliner Architekt Bruno Taut, veröffentlichte 1921 nicht zufällig ein Skizzenbuch mit dem programmatischen Titel: „Die Auflösung der Städte“. Die Freiheit zeigt sich in ihrem Artikel vom 19.3. durchaus angetan. Gelesen von Frank Riede.

Mar 19, 20218 min

Ep 451Gravierende Diskriminierung “unehelicher Mütter”

Für heutige Verhältnisse unvorstellbar, war es gemäß der Richtlinien der Postbeamtinnen-Organisation 1921 möglich, uneheliche Mütter - wegen dieser in Anführungsstrichen „moralischen“ Verfehlung – zu entlassen. Dass zumindest einige Parteien eine solche Regelung des Beamtinnen-Rechts auch schon in den 20er Jahren für skandalös hielten, zeigt sich an dem Bericht von einer Reichstagsdebatte zu diesem Thema aus dem Vorwärts vom 18. März. Der zuständige Postminister Johannes Giesberts von der katholischen Zentrumspartei sah, wie man sich denken kann, keinen Handlungsbedarf, weshalb ihm auch entsprechende Bibelzitate aus dem Munde von SPD-Abgeordneten um die Ohren flogen. Für uns liest Paula Leu.

Mar 18, 20213 min

Ep 450Wieder aufgelegt: Paris-Warschau (über Berlin)

Die Eisenbahn ist nicht nur eine Ikone der Industrialisierung, sie steht auch für Grenzüberschreitung, Internationalität und Weltläufigkeit. Die prächtigen Bahnhofsbauten waren zu Beginn des 20. Jahrhunderts keine einfachen Verkehrsknotenpunkte. In ihrer rastlosen Betriebsamkeit wurden sie Zeichen der Mondänität ihrer Stadt, ihres Landes. Kein Wunder, dass der erste Expresszug der Nachkriegsjahre von Paris über Berlin nach Warschau gerade für Deutschland ein großes Ereignis war. Dem Bericht des Berliner Tageblatts vom 17. März 1921 zumindest merkt man die Genugtuung darüber an, wieder irgendwie, mindestens ein wenig dazuzugehören. Gelesen von Paula Leu.

Mar 17, 20215 min

Ep 449Operation Nemesis: Das Attentat auf Talât Pascha

Der türkische Völkermord an den Armeniern während des Ersten Weltkriegs zählt zu den dunkelsten Kapiteln des an Gräueln wahrlich nicht armen 20. Jahrhunderts, und, zumindest in einer Nebenrolle, ist auch an diesem von Deutschland aus mitgeschrieben worden. Nicht nur, dass die kaiserliche Regierung ihren Verbündeten am Bosporus deckte und sich trotz belastbarer Informationen über die Planungen eines Genozids jeglicher Intervention enthielt. Nach dem Ende von Krieg und Waffenbrüderschaft wurde Berlin überdies zu einem bevorzugten Zufluchtsort der Haupttäter. So hielt sich seit 1918 u.a. der federführend verantwortliche ehemalige Innenminister Talât Pascha in der Stadt auf, wovon nicht nur zuständige deutsche Stellen wussten, sondern auch das geheime armenische Rachekommando Operation Nemesis Wind bekommen hatten. Dessen Mitglied, der Student Soghomon Tehlirian, mietete sich daraufhin in unmittelbarer Nähe von Talâts Bleibe in der Charlottenburger Hardenbergstraße ein, beobachtete dessen Tagesabläufe – und schlug am 15. März 1921 auf offener Straße erfolgreich zu. Die lokalen Tageszeitungen waren anderntags voll von Meldungen über dieses spektakuläre Attentat. Das Berliner Tageblatt vom 16.3. rekonstruierte sowohl Talâts Leben unter falscher Identität in Berlin, als es auch von der Vernehmung des Attentäters berichtete und dessen Motive erläuterte. Für uns liest Frank Riede.

Mar 16, 20218 min

Ep 448Einsturz der Zeppelin-Halle von Jüterbog

Das Spaß- und Erlebnisbad „Tropical Islands“ gute 50 Kilometer südlich von Berlin ist eine aufwendig inszenierte Tropenlandschaft mitten in Brandenburg. Ort des Zaubers ist das Überbleibsel eines einst prestigeträchtigen Großprojekts der Luftfahrtindustrie: der riesige Zeppelinhangar der 2002 insolvent gegangenen Cargolifter AG. In der als größtes freitragendes Gebäude geltenden Struktur sollte ein Lastenluftschiff für bis zu 160 Tonnen schwere Fracht entwickelt werden. Zwei Jahre nach dem Börsengang war der Traum ausgeträumt. Tatsächlich aber hat die Luftschiffahrt zwischen Spreewald und Fläming durchaus Tradition. Während des 1. Weltkrieges war bei Jüterbog ein Luftschiffhafen mit zwei Hallen eingerichtet worden. Auch diesen beiden Hallen war keine lange Nutzung vergönnt: Als Kriegsbeute sollten sie 1921 demontiert und ins Ausland verbracht werden. Beim Abbau der kleineren Halle kam es allerdings zu einem dramatischen Unglück: sie stürzte ein und begrub 12 Arbeiter unter ihren Trümmern. Die Vossische Zeitung vom 15.3. berichtet, Paula Leu liest.

Mar 15, 20215 min

Ep 447Hindenburgs Trotz-Bart

In der Nordamerikanischen Eishockey-Liga, der NHL, gibt es den mindestens seit den 1980er Jahren wirkmächtigen Aberglauben, dass die Spieler sich während der Playoffs nicht rasieren dürfen, um weiter zu gewinnen. Wer rasiert – verliert. Spätestens im Finale stehen sich nun regelmäßig zottelige und zugewachsene Hockey-Millionäre auf dem Eis gegenüber. Die Verbindung von männlicher Kraft und Haar- und Bartwuchs lässt sich freilich bereits in archaischen Geschichten fassen, man denke etwa an den biblischen Samson. Eine Spielart, in der der Bart aus Trotz so lange wuchern darf, bis man seinen Willen durchsetzt, beschreibt der Mitbegründer der Berliner Dada-Bewegung Raoul Hausmann in seiner köstlichen Satire, die am 14. März 1921 in der Freiheit abgedruckt wurde und aus Hausmanns erster, frisch erschienener Buchpublikation „Hurra! Hurra! Hurra! – Zwölf Satiren“ stammt. Hindenburg bekommt stellvertretend für alle Monarchie-Nostalgiker sein Fett weg. Dafür sorgt Frank Riede.

Mar 14, 20217 min

Ep 446Einstein: Was wiegt das Universum?

Was wiegt das Universum? Und welchen Durchmesser hat es? Eine absurde Frage, könnte man meinen. Nicht für den markantesten Kopf der Physik im 20. Jahrhundert. Albert Einstein war in seinen Berliner Jahren zwischen 1914 und 1932 Teil der Preußischen Akademie der Wissenschaften, Professor der Universität und – wie auch schon in diesem Podcast zu hören war – mit seinen Theorien Gegenstand heftiger Debatten. In einem Gesprächsband mit dem Satiriker und Sachbuchautor Alexander Moszkowski erläutert Einstein seine Überzeugung von der Endlichkeit des Universums und der Möglichkeit, dessen Maße mathematisch zu bestimmen. Für Normalsterbliche fassbarer wird es dank der errechneten Riesenzahlen allerdings kaum. Die Freiheit vom 13.3.1921 müht sich trotzdem redlich, Frank Riede liest.

Mar 13, 20215 min

Ep 445Gibt es republikanische Dirigenten?

„Es gibt keinen anschaulicheren Ausdruck für Macht als die Tätigkeit des Dirigenten“, befand dereinst Elias Canetti. Was also wird aus diesem absolutistischen Amt, zu dem man in Deutschland von je besonders ehrfürchtig und mythisierungswillig aufsah, unter den neuen Bedingungen einer Republik? Die Voss, die neugegründete Auslandsbeilage der Vossischen Zeitung, stellte sich in ihrer Ausgabe vom 12. März 1921 dieser Frage und beantwortete sie mit einer Rundschau über deutsche Konzertpodien, die sich auch für den Nachgeborenen noch sehr interessant liest. Tummeln sich in ihrem Bericht doch etliche Namen, die heute als Ikonen der Konzertgeschichte gelten, damals aber zum Teil fast noch unter dem Label ‘Nachwuchskünstler‘ liefen. Es liest Paula Leu.

Mar 12, 20216 min

Ep 444Leserbrief: Vergesst nicht die "weiße Schmach”!

Wer eine Ahnung davon erhalten möchte, wie tief unsere Kultur in rassistischen Weltanschauungen und weißem Überlegenheitsdenken wurzelt, muss nur einen Blick in deutsche Tageszeitungen von vor einhundert Jahren werfen. Kaum ein Aspekt der Weltkriegsniederlage stieß seinerzeit auf so einhellige, milieuübergreifende Empörung wie die so bezeichnete „schwarze Schmach“: der Umstand, dass an der französischen Besetzung westdeutscher Landesteile auch afrikanische Kolonialsoldaten beteiligt waren. Der Aufschrei über diese vermeintliche ‘Demütigung einer Kulturnation‘ hallte dabei mitnichten nur durch das völkisch-nationale Spektrum, sondern so schrill auch bis weit ins linke Lager hinein wider, dass uns das entsprechende Material im Format unseres Podcasts, ohne größeren begleitenden Kommentar, bislang nicht präsentierbar erschien. Der erste Zeitungstext zu diesem Thema, den wir für sendefähig erachten, ist bezeichnenderweise eine kurze Leserzuschrift eines alten Genossen in der USPD-Parteizeitung Freiheit vom 11. März 1921. Auch in diesem Beitrag findet zwar keine grundsätzliche Auseinandersetzung mit dem vorausgehenden rassistischen Narrativ statt. Immerhin erlaubt sich der Autor aber, deutlich darauf hinzuweisen, dass der Erste Weltkrieg unzweideutig als Geschichte ‘weißer‘ Verbrechen zu begreifen sei. Es liest Paula Leu.

Mar 11, 20214 min

Ep 443Regierung in Preußen gesucht

Obwohl die Weimarer Koalition aus SPD, Zentrum und DDP ihre Parlamentsmehrheit auch nach den ersten regulären Landtagswahlen am 20. Februar 1921 halten konnte, führten die hohen Verluste vor allem der SPD und der DDP zu einer komplizierten Regierungsbildung. Zentrum und DDP wollten die in der Wahl erstarkte Deutsche Volkspartei (DVP) an der neuen Regierung beteiligen. Die SPD lehnte das ab. Vom schwierigen Hin und Her zwischen den Parteien berichtet am 10.3. auch die Berliner Börsen Zeitung und spricht von einem ‚Provisorium in Preußen‘. Gelesen von Frank Riede.

Mar 10, 20215 min

Ep 442Die Besetzung II - Ruhig Blut!

Nachdem wir gestern die Reaktion des Vorwärts auf die Besetzung der Rheinstädte gesendet haben, antwortet am 9. März 1921 deutlich gelassener und zur Ruhe mahnend die Vossische Zeitung in ihrer „Was nun?“ überschriebenen Analyse der Situation. Sie zeigt sich überrascht davon, dass der Vorwärts sich dasselbe Narrativ des „Vertragsbruchs“ zu eigen macht, das sonst vor allem von den Rechts-Parteien propagiert wurde. Weniger Eskalation, fordert die Vossische, mehr konkrete Strategien und Reparationsangebote, um vielleicht doch noch eine beidseitige Einigung in der Reparationsfrage zu finden. Was tun? Paula Leu liest.

Mar 9, 20219 min

Ep 441Die Besetzung I - Wieder Krieg?

Nach der deutschen Ablehnung der Reparationsforderungen auf der Londoner Konferenz, machten die Alliierten ihre Drohung wahr. Es marschierten französische und belgische Truppen in die entmilitarisierte Rheinzone und besetzten die Städte Duisburg und Düsseldorf. Zum einen, um damit eine Basis zu haben, um das gesamte Ruhrgebiet besetzen zu können, zum anderen, um in den Rheinhäfen den Export Deutschlands kontrollieren zu können. Die Besetzung war natürlich das beherrschende Thema der Presse und die Reaktionen fielen durchaus heftig aus. Die Abendausgabe des sozialdemokratischen Vorwärts vom 8. März befand, dass sich Deutschland mit der Entente formell wieder im Kriegszustand befände, da der Einmarsch den Friedensvertrag von Versailles nichtig machen würde. Frank Riede liest.

Mar 8, 20219 min

Ep 440Konterrevolution in Rußland?

Auch gut drei Jahre nach der Oktoberrevolution war die politische Lage in der Sowjetunion noch immer äußerst volatil und die Frage ihrer Außengrenzen ungeklärt. Während die Rote Armee im fernen Süden und noch ferneren Osten von Sieg zu Sieg eilte und die meisten abtrünnigen Randprovinzen des alten Zarenreiches wieder unter das Moskauer Joch zwang, regte sich ausgerechnet dort, wo dereinst alles anfing, gleichsam in Sichtweite des Winterpalais Widerstand gegen die Sowjetmacht: In Kronstadt auf der Insel Kotlin, direkt in der Bucht von St. Petersburg, rebellierten Matrosen gegen die bolschewistische Herrschaft und die von ihr ungelösten Versorgungsprobleme. Am 7. März 1921, knapp zwei Wochen vor der blutigen Niederschlagung des Aufstandes, stellt sich die Situation sehr unübersichtlich dar, erst recht für die mit Informationen wenig gut versorgten ‘westlichen‘ Beobachter. Der Bericht im Vorwärts handelt deshalb im wesentlichen denn auch von Gerüchten. Es liest Paula Leu.

Mar 7, 20214 min

Ep 439Sparsam baden im Stadtbad Oderberger Straße

Das Stadtbad Oderberger Straße ist seit seiner Wiedereröffnung im Jahr 2016 ein angesagter Bäderbetrieb mit angeschlossenem SPA- und Restaurantangebot, das sich in seiner Umgebung im gentrifizierten Szenekiez Prenzlauer Berg großer Beliebtheit erfreut. Zum Zeitpunkt seiner Errichtung um die vorletzte Jahrhundertwende erfüllte es deutlich grundlegendere soziale Funktionen: Der Prenzlauer Berg war damals noch ein dicht besiedeltes Berliner Arbeiterquartier, dessen Bewohner in den berüchtigten Mietskasernen weder über Badewannen, noch gar über fließend Warmwasser verfügten und zur Sicherung der Körperhygiene entsprechend sogenannte Volksbadeanstalten aufsuchen mussten. Dass jene in der Oderberger Straße in den Jahren nach dem Ersten Weltkrieg aufgrund der allgemeinen Kohlennot zeitweise ihren Betrieb einstellen musste, barg insofern eine ernsthafte Bedrohung für die Volksgesundheit und veranlasste den Vorwärts vom 6. März 1921 zu einem strengen Appell zur Sparsamkeit. Ihn verliest Frank Riede.

Mar 6, 20214 min

Ep 438Warren G. Hardings Amtsantritt

Als der Republikaner Warren G. Harding am 4. März 1921 zum 29. Präsidenten der USA vereidigt wurde, bedeutete das auch eine klare Abkehr von der Politik seines demokratischen Vorgängers Woodrow Wilson. Nicht zuletzt dessen Engagement in Europa erteilte Harding eine deutliche Absage. Statt sich in militärischen Allianzen zu verpflichten und im Völkerbund zu verausgaben, sollten sich die USA mehr auf sich selbst konzentrieren. „America first“ hieß diese Haltung knapp hundert Jahre später. Und doch: der Ton macht die Musik. Wie anders – verglichen mit dem Auftreten eines Donald Trump – der Amtsantritt Hardings war, macht schon der kurze Bericht aus der Freiheit vom 5.3. deutlich. Es liest Paula Leu.

Mar 5, 20215 min

Ep 437Reparationsultimatum: Einhellig empörte Hauptstadtpresse

Im Januar 1921 nannte der Alliierte Oberste Kriegsrat in Paris endlich eine konkrete Summe an Reparationszahlungen, die Deutschland zu entrichten habe. 226 Milliarden Goldmark. Die universelle Empörung darüber fand seinen Ausdruck in der ablehnenden Rede des Außenministers Simons, über die wir am 2. Februar in diesem Podcast berichtet haben. Sie hatte eine Konferenz zu den Reparationszahlungen vom 1. bis zum 7. März in London zur Folge, auf der Simons einen deutschen Gegenvorschlag unterbreitete. Dieser wurde auch vom britischen Premierminister Lloyd George in einer Rede abgelehnt und zugleich Deutschland ein Ultimatum für die ersten Zahlungen gestellt unter Androhung weiterer militärischer Besetzungen bei Nichtzahlung. Die Reaktionen der Berliner Presse auf die Rede Lloyd George bündelt für uns in einer Presseschau die DAZ, es liest Frank Riede.

Mar 4, 20218 min

Ep 436Ein Museum im Berliner Stadtschloss!

Das Berliner Humboldt-Forum ist der teuerste und wahrscheinlich meist diskutierte Kulturbau Deutschlands. Über den Neubau mit der das alte Berliner Stadtschloss rekonstruierenden Fassade gab es heftige Kontroversen. Am 16. Dezember 2020 eröffnete das Forum online, Besucher werden den Neubau in historischem Gewand pandemiebedingt erst in noch unbestimmter Zukunft von Innen zu sehen bekommen. Auch zu Beginn der Weimarer Republik war das nach Abdankung der Hohenzollern seiner Funktion beraubte Stadtschloss – damals noch im Original an Ort und Stelle – in ein Kulturzentrum verwandelt worden. Wichtiger Teil der Umnutzung war der Einzug des Berliner Kunstgewerbemuseums in die kaiserlichen Räumlichkeiten. Otto von Falke, Generaldirektor der Berliner Museen, nutzte die Gelegenheit, um sein umgebungssensibles Ausstellungsprinzip, in dem sich die Anordnung der Sammlung an der jeweiligen Ausstattung der Räume orientiert, spektakulär umzusetzen. Sogar der Vorwärts zeigt sich am 3. März 1921 beeindruckt. gelesen von Paula Leu.

Mar 3, 20217 min

Ep 435Kämpfe im Kaukasus

Heute blicken wir mit einem Bericht aus der Deutschen Allgemeinen Zeitung vom 2. März auf eine immer wieder von bewaffneten Konflikten erschütterte Region: den Kaukasus. Der Krieg um Bergkarabach, der im letzten Jahr ausbrach, ist nur das letzte Beispiel für eine Reihe von blutigen Konflikten, die (beschränken wir uns mal auf die Neuzeit) seit der russischen Eroberung im 18. Jahrhundert immer wieder aufflammen. 1921 prallten die bolschewistische Expansion und nationale Unabhängigkeitsbestrebungen aufeinander. Während der Artikel noch militärische Erfolge der erst im Zuge der Russischen Revolution 1917 gegründeten Demokratische Republik Georgien vermeldet, so endete tatsächlich mit dem Einmarsch der 11. Sowjet-Armee, die Tiflis am 25. Februar eroberte, die Existenz dieser jungen unabhängigen Republik. Zugleich zeigten sich aber auch die Grenzen der bolschewistischen Expansion, der es, nach der Niederlage in Polen, auch nicht gelang in Persien, dem heutigen Iran, Fuß zu fassen. Es war für den Autor des Artikels, angesichts der Jahrhunderte alten blutigen Geschichte, nicht allzu schwer zu prognostizieren, dass noch weitere Kriege folgen würden. Für uns bringt Frank Riede eine Übersicht der komplizierten politischen Verhältnisse des Kaukasus 1921.

Mar 2, 20217 min

Ep 434Deutscher Kulturchauvinismus in der Oper

Richard Wagners 1868 uraufgeführten Meistersingern von Nürnberg wird nicht von ungefähr eine wichtige Rolle beim deutschen nation building im Vorfeld der Reichsgründung von 1870/71 nachgesagt. Kulminierend in der berüchtigten Schlussansprache des Hans Sachs mit ihrer Polemik gegen den ‘welschen Dunst und welschen Tand‘, begründete sie sehr wesentlich den Mythos von der deutschen Kulturnation und ihrer angeblichen Überlegenheit namentlich gegenüber der französischen und italienischen Opernkunst. Dessen Wirkmächtigkeit und Langlebigkeit bestätigt höchst eindrucksvoll eine Rezension aus der Berliner Börsen-Zeitung vom 1. März 1921, welche einer Neuproduktion der Margarethe von Charles Gounod an der Städtischen Oper in Charlottenburg, der Vorgängereinrichtung der heutigen Deutschen Oper an der Bismarckstraße, gewidmet ist. An der vermeintlichen künstlerischen Minderwertigkeit von Gounods Oper hegt sie nicht den Hauch eines Zweifels und empört sich – mit reichlich Wagner-Zitaten unterlegt – insbesondere darüber, dass der ‘Erbfeind‘ sich hier ausgerechnet am deutschen Nationaldrama, Goethes Faust, vergangen habe. Ein Paradebeispiel von deutschem Kulturchauvinismus – für uns gelesen von Paula Leu.

Mar 1, 20216 min

Ep 433Fehling an der Volksbühne

Nicht erst seit den Tagen Frank Castorfs oder Benno Bessons gehört die Volksbühne am heutigen Rosa-Luxemburg-Platz mitten im Scheunenviertel zu den bedeutendsten Theatern Berlins – auch schon vor einhundert Jahren zählte der wuchtige Bau auf dem damaligen Bülow-Platz zu den wichtigsten künstlerischen Adressen der Stadt. Als Hausregisseur wirkte hier seinerzeit der aufstrebende Regie-Star Jürgen Fehling, der im Februar 1921 George Bernard Shaws bereits zwanzig Jahre zuvor uraufgeführtes Schauspiel Kapitän Brassbounds Bekehrung mit Intendant Friedrich Kayßler sowie dessen Frau Helene Fehdmer in den Hauptrollen inszenierte. Als exponierter Kritiker des Versailler Friedensvertrags erfreute sich Shaw damals in Deutschland großer Beliebtheit. Sein heute nur noch selten gespieltes Stück wurde in der Deutschen Allgemeinen Zeitung vom 28.2. von Rezensent Paul Fechter denn auch durchaus freundlich besprochen. Hier gelesen von Frank Riede.

Feb 28, 20217 min

Ep 432Wahl-Züge nach Oberschlesien

Die östliche Grenze des Deutschen Reiches nach dem Ersten Weltkrieg war auch im Februar 1921 nicht endgültig festgelegt. Der Versailler Vertrag hatte eine sofortige Abtretung bestimmter Gebiete festgelegt, so etwa des Memellandes, von Danzigs sowie des sogenannten Polnischen Korridors, der fortan Ostpreußen vom mitteleuropäischen Gebiet des Deutschen Reiches trennte. In anderen ehemaligen Gebietsteilen sollten Volksabstimmungen abgehalten werden. Im Juli 1920, also 2020, berichteten wir hier über die Abstimmungen in Teilen Westpreußens und im Gebiet um Allenstein, in denen sich über 90 Prozent für einen Verbleib im Deutschen Reich ausgesprochen hatten. Am 20. März 1921 sollte nun in der ehemaligen preußischen Provinz Schlesien abgestimmt werden, was von enormen Propaganda-Schlachten sowohl von polnischer als auch von deutscher Seite begleitet wurde. Am 27. Februar informiert die Vossische Zeitung darüber, wie die Reichsbahn sicherstellen will, dass alle Wahlberechtigten aber nicht mehr in Schlesien wohnhaften BürgerInnen rechtzeitig und ohne zu großen Aufwand ihre Stimme (gedacht ist natürlich für einen Verbleib im Deutschen Reich) abgeben können. Es liest Paula Leu.

Feb 27, 20215 min

Ep 431Hamburg zwischen Hafen und Austernstube

Die Freie und Hansestadt Hamburg gilt von alters her als Deutschlands ‘Tor zu Welt‘. Es will entsprechend nicht verwundern, dass ihr die neue samstägliche Auslandsausgabe der Vossischen Zeitung, Die Voss, die sich vornehmlich an deutsche ‘Expats‘ wandte, gleich in einer ihrer ersten Ausgaben, am 26. Februar 1921, ein kleines Städteporträt widmete. Zwar, muss man dort lesen, liege das Leben auch im einst so geschäftigen, stolzen Hafen in Folge der nachkriegsbedingten Wirtschaftskrise weiterhin darnieder. Seinen weltläufigen Charakter als international geprägte, kunstsinnige Kaufmannsstadt und – für die Nachgeborenen vielleicht überraschend – als unangefochtene kulinarische Metropole des Landes habe sich Hamburg aber auch über die jüngsten historischen Umbrüche hinweg bewahrt. Es liest Paula Leu.

Feb 26, 20219 min

Ep 430Eine Schmonzette aus dem kaiserlichen Japan

Von allen asiatischen Ländern war Japan zweifellos am besten über Korrespondentennetze mit Europa verbunden. Dennoch vermischten sich in Berichten aus dem ‘Reich der aufgehenden Sonne‘ gerne einmal Nachrichten- und Märchenton, so etwa auch in der fast zu rührenden Geschichte aus der Vossischen Zeitung vom 25. Februar 1921 über die Verlobung des japanischen Kronprinzen mit der Tochter eines Generals – deren Liaison wider die strengen Standeskonventionen des Kaiserhauses angeblich erst auf den leidenschaftlichen Zuspruch der Tokyoter Bevölkerung hin ihre Legalisierung erfuhr. Bei nüchterner, historiographischer Betrachtung bleibt von dieser Schmonzette leider wenig übrig: Die Prinzessin Nagako entstammte zwar tatsächlich nicht den dafür eigentlich vorgesehenen fünf höchstadligen Familien, war aber eine entfernte Cousine des Prinzen, beider Verlobung entsprechend von den Eltern arrangiert; die Braut hatte kein Einspruchsrecht. Bei dem Bräutigam handelt sich überdies um den späteren Kaiser Hirohito, der als Regent bei der Kolonialisierung der Mandschurei und Koreas sowie an der Seite Hitlers im Zweiten Weltkrieg eine historisch äußerst unrühmliche Rolle spielen sollte. Für uns liest, trotzdem, Frank Riede.

Feb 25, 20215 min

Ep 429Razzien im Scheunenviertel

Das sogenannte Scheunenviertel rund um den heutigen Rosa-Luxemburg-Platz war im Zuge der Industrialisierung zu einem der dichtbevölkertsten Viertel Berlins geworden. Durch den Zuzug orthodoxer, osteuropäischer Juden hatte sich die Grenadierstraße zu einer Art offenem Ghetto entwickelt. Als es 1923 zum sogenannten Scheunenviertelpogrom kam, bei dem jüdische Bewohner des Viertels verprügelt und ihre Ladengeschäfte verwüstet wurden, hielt sich die Polizei auffallend zurück und ließ den Mob gewähren. Zwei Jahre zuvor, so ließt man in der Vossischen Zeitung vom 24.2.1921, waren die Gesetzeshüter gegenüber der kriminellen Szene des Viertels weniger zimperlich. Und doch klingt auch der Bericht über verschiedene Razzien in den Kaschemmen der Weinmeister- oder Mulackstraße eher nach einem Spiel mit verteilten Rollen als nach dem konsequenten Versuch, der lokalen Unterwelt das Handwerk zu legen. Es liest Paula Leu.

Feb 24, 20216 min

Ep 428Welcher Film läuft im Reichstag?

Dass die rasant populärer und ubiquitärer werdende Kinematographie ein gesundheitliches Risiko für die Allgemeinheit darstellen könnte, wurde sehr ernsthaft, manchmal alarmistisch, auch in den 20er Jahren vorgebracht. Kollektive Hysterie und andere Nervenerkrankungen würden durch den Konsum des Bewegtbildes in den unzähligen Kinos hervorgerufen. Paul Gutmann wagt in seinem Feuilleton vom 23. Februar im Berliner Tagblatt das Gedankenspiel, sich Berlin in naher Zukunft vorzustellen, in dem alle Bewohner vom Kino vereinnahmt sind, in dem sich der Lebensalltag den Kinonarrativen angeglichen hat. Mit beißender Ironie spielt er mit den fortschrittsoptimistischen Hoffnungen, aber auch mit den erwähnten gesundheitlichen Gefahren, die an die Kinematographie geknüpft wurden. Das Leben ist ein Film, die Menschen leben nur von großen Gesten, emotionalen Extremen und wirren Kriminalgeschichten. Jede Straßenszene ist ein Filmbild. Auf diese halluzinatorische Reise nimmt uns Frank Riede mit. Auch dieser Text enthält das N-Wort verbunden mit einer stereotypen Darstellung.

Feb 23, 20218 min

Ep 427Thomas Mann liest aus dem Zauberberg

Thomas Mann zur Lesung im örtlichen Gymnasium – Im Berlin von 1921 war das noch möglich. Und tatsächlich konnte Mann, zumindest auf den ersten Blick, ja durchaus als Oberstudienrat erscheinen. Wie sich dann aber auf den zweiten Blick die Künstleraura des Zauberbergautors entfaltet und so profane Dinge wie ein Schnupfen oder Fieberthermometer mit einem Mal poetisches Gewicht erlangen, davon berichtet das Berliner Tageblatt in einer kurzen Meldung vom 22. Februar des Jahres. Für uns liest Paula Leu.

Feb 22, 20213 min

Ep 426Preußen hat gewählt

Preußen hat seinen Landtag gewählt. Noch sind die Zahlen des Urnengangs im mit Abstand größten Land des Reiches unvollständig. Dennoch wagt die Deutsche Allgemeine Zeitung vom 21. Februar 1921 bereits ein paar resümierende Einschätzungen und konstatiert in der Summe einen Rechtsruck, der im amtlichen Endergebnis schließlich sogar noch stärker ausfiel. Weshalb vor allem die Deutschnationalen gegenüber den letzten Wahlen im Reich wie in Preußen zulegten; weshalb die rechtsliberale DVP besser abschnitt als die linksliberale DDP; weshalb SPD wie USPD nachließen; und warum die Kommunisten davon nicht in dem von ihnen erhofften Maße profitierten - darüber spekuliert für uns Frank Riede.

Feb 21, 20218 min

Ep 425Tergit: Der Dichter und der Schlafrock

Wie selten erklingen weibliche Stimmen in diesem Podcast. Und wenn, Wie oft schreiben sie dann über sog. Frauenthemen. Mit einem kleinen Feuilleton aus dem Berliner Tageblatt vom 20. Februar, in dem Gabriele Tergit eine Begegnung mit einem Dichter skizziert, können wir heute dagegenhalten. Die unter dem Pseudonym Tergit schreibende Elise Reifenberg war 1921 27 Jahre alt, studierte Geschichte, Soziologie und Philosophie und schrieb währenddessen neben dem Berliner Tageblatt für die Vossische. Später sollte sie berühmt werden für ihre Gerichtsreportagen und noch später für ihren 1931 erschienenen Roman „Käsebier erobert den Kurfürstendamm“. Es ist zu vermuten, dass sie sich nicht als eine große, geniale Dichterin stilisierte, wenn wir hören, wie sie den Typus des romantischen Dichters humorvoll fasst. Es liest Paula Leu.

Feb 20, 20217 min

Ep 424Freie Fahrt für Autos

Dass es Zeiten gab, als Personenkraftwagen auf deutschen Straßen eine Rarität darstellten, ist heute nicht mehr vorstellbar. Tatsächlich hatte aber auch im Jahre 1921 das Auto noch nicht überall freie Bahn. Die dynamische Entwicklung des Automobilismus war durch den ersten Weltkrieg erst einmal ausgebremst worden und auch die Bestimmungen im Friedensvertrag von Versailles machten die Situation nicht wirklich besser. Da war es schon eine wichtige Nachricht, als im Februar zumindest ein großer Teil der motorisierten fahrbaren Untersätze eine für das gesamte Deutsche Reich gültige Zulassung bekamen. Ob der damals eh noch lichte Schilderwald von vier auf nur noch ein Zeichen reduziert werden solle, ließ sich zu diesem Zeitpunkt allerdings noch nicht definitiv entscheiden. Aus der Voss vom 19.2. liest für uns Paula Leu.

Feb 19, 20216 min

Ep 423Die Bedeutung der preußischen Landtagswahl

Mit der Novemberrevolution von 1918 und ihren Folgen hatte sich Deutschland politisch tiefgreifend verändert; ein Konstruktionsproblem des alten Reiches hatte indes auch die Weimarer Verfassung nicht überwunden: Wie zu Kaisers Zeiten blieb auch die erste deutsche Republik durch eine wider-proportionale Dominanz des Landes Preußen geprägt, das sowohl mehr Fläche wie auch mehr Einwohner auf sich vereinte als alle anderen Teilstaaten zusammen. Wahlen zum preußischen Landtag, wie sie erstmals regulär am 20. Februar 1921 abgehalten wurden, waren entsprechend fast so etwas wie kleine Reichstagswahlen. Wer das noch nicht wusste, dem rief das Berliner Tageblatt vom 18. Februar die Bedeutung des anstehenden Urnengangs für das gesamte Reich dringlich ins Bewusstsein. Und verband diese Mahnung nur wenig verklausuliert mit einer Wahlempfehlung für die Deutsche Demokratische Partei, die angeblich allein die notwendige Demokratisierung des alten Obrigkeitsstaates Preußen garantierte. Warum, verrät uns Frank Riede.

Feb 18, 20218 min

Ep 422Baden + Württemberg = ?

„Über Baden lacht die Sonne, über Schwaben die ganze Welt.“ Man kennt die Nickligkeiten, die Animositäten und Feindschaften, die das Verhältnis der beiden großen Teile des sogenannten deutschen Südweststaats heute noch prägen. Dass Baden und Württemberg 1952 überhaupt zusammenfanden, war alles andere als selbstverständlich. Und doch hatte die Vereinigung der so unterschiedlichen schwäbischen und badischen Mentalitäten in einem Bundesland damals bereits eine lange, bis an den Beginn des 19. Jahrhunderts zurückreichende Vorgeschichte. Auch in den Jahren direkt nach dem 1. Weltkrieg wurde diese Frage heftig diskutiert: Das größere und wirtschaftlich stabilere Württemberg würde gerne; aber Baden ziert sich. Die Deutsche Allgemeine Zeitung berichtet aus Karlsruhe, für uns liest der in Norddeutschland gebürtige, rheinisch sozialisierte, in Hessen ausgebildete Wahlberliner Frank Riede.

Feb 17, 20217 min

Ep 421Aufschwung der Parfümindustrie

Oft gibt es bei Auf den Tag genau eher negative Berichte zur wirtschaftlichen Lage des Deutschen Reiches zu hören. Der Rohstoffmangel, die Auflagen des Friedensvertrags wurden immer wieder als Ursache für eine schleppende Wiedererrichtung der deutschen Wirtschaft angeführt. Umso überraschender der Artikel von Paul Elsberg im Wirtschaftsteil der Vossischen Zeitung vom 16. Februar 1921 über den Aufschwung der deutsche Parfümindustrie. Zweifelsfrei hatte die Vorreiterstellung der chemischen Industrie dazu geführt, dass Deutschland vor dem Krieg Marktführer für synthetische Duftstoffe war, insofern gab es eine Entwicklung an die man nun anknüpfen konnte. Trotz aller Hindernisse, wachse der inländische Markt und deutsche Parfums seien mit denen Frankreichs konkurrenzfähig. Ob letztere Feststellung nicht eher ein frommer Wunsch des Autors war, sei dahingestellt. Vielmehr stellt sich die Frage: Warum produziert die deutsche Parfümindustrie „Duft-Eier“? Aufklärung bringt für uns Paul Leu.

Feb 16, 20218 min

Ep 420Foxtrott oder Fuge?

Berlin war auch nach dem Krieg eine Hochburg des Konzertwesens. Musikinteressierte hatten eine Auswahl zwischen 2000 Aufführungen pro Saison. Doch wie war die wirtschaftliche Lage der oftmals freiberuflich, damals hieß es „freistehend“, agierenden Musiker? Das Berliner Tageblatt befragte dazu für ihre Ausgabe vom 15. Februar den berühmten Komponisten und Direktor der Staatlichen Musikhochschule Berlin Professor Franz Schreker, über dessen Oper „Die Gezeichneten“ wir vor nicht allzu langer Zeit hier bei Auf den Tag genau berichtet haben. Ob es eine gute Idee des Tageblatts war, den großen, international gefragten Star, der sicherlich frei von finanziellen Sorgen war, zu der Situation der Studenten zu befragen – darüber kann jeder selbst urteilen. Es liest für uns Frank Riede.

Feb 15, 20217 min

Ep 419Für einen sozialgeschichtlichen Unterricht

Das Aufkommen der Soziologie als anerkannte Wissenschaft Ende des 19. Jahrhunderts setzte die klassischen historischen Wissenschaften unter Druck. Methodisch sei die vor allem auf Großereignisse sowie die obersten Funktions- und Würdenträger fokussierte Historiographie dem Phänomen Geschichte gar nicht gewachsen, hieß es nun. Erst wenn man den sich nur langsam verändernden Alltag der normalen Menschen, die nicht zuletzt auch geographisch verschiedenen Mentalitäten in den Blick nehme, ließe sich die Vergangenheit annähernd objektiv rekonstruieren. Solch eine methodische Neuorientierung müsste dann aber auch Konsequenzen in den Schulen haben. Der Unterricht habe sich hier grundlegend zu verändern, ist der Reformpädagoge Paul Östreich in seinem Beitrag für den Vorwärts vom 14.2.1921 überzeugt. Gelesen von Paula Leu.

Feb 14, 20214 min

Ep 418Lokale Lokal-Nachrichten

Frei nach den Gebrüdern Blattschuss und ihrem Lied von den langen Kreuzberger Nächten ist festzuhalten: Ein guter Lokalteil einer Zeitung muss ab und an auch einmal aus den lokalen Lokalen berichten. So geschehen zum Beispiel am 13. Februar 1921, an dem sich die Vossische Zeitung in Gestalt ihres Autors Robert Misch aufmachte, die seit dem Weltkrieg veränderte Ess- und Trinkkultur in Berlin zu besprechen, und ihre Leserinnen und Leser zu diesem Zweck auf einen ausgedehnten Kneipenrundgang mitnahm. Viele Namen auf dieser Tour sagen uns nichts mehr, einige von den besuchten Institutionen laden hingegen auch heute noch oder wieder und vor allen Dingen hoffentlich bald wieder zur Einkehr. Für uns um die Häuser zieht Paula Leu.

Feb 13, 20219 min

Ep 417Rechtsruck in Polen

Das polnische Parlament, der Sejm, gilt als eine der ältesten parlamentarischen Einrichtungen der Welt und ist aus der polnischen Ständeversammlung hervorgegangen, die schon im 12. Jahrhundert belegt, seit 1493 institutionalisiert ist und regelmäßig tagt. Der am 12. Februar 1921 für das Berliner Tageblatt aus Warschau berichtende Wilm Stein prognostiziert anlässlich der Neu-Konstituierung der polnischen Nationalversammlung eine strukturelle rechte Mehrheit im Sejm, die, seiner Meinung nach, das ganze 20. Jahrhundert bestimmen werde. Auch den großen Einfluss der Katholischen Kirche auf die Politik des Landes betont er. Angesichts der vor kurzem beschlossenen reaktionärsten Abtreibungsgesetzgebung Europas, durch die rechtskonservative ‘Recht und Gerechtigkeit’, die die absolute Mehrheit im Sejm hält, muss man konstatieren: Eine hellsichtige Analyse, die für uns Frank Riede liest.

Feb 12, 202110 min

Ep 416American Crime

Amerika – das Land der unbegrenzten Möglichkeiten. Und der ungezählten Morde. Dieses nicht zuletzt von Hollywoods Gangsterfilmen selbst verbreitete Bild stimmt so nicht ganz. Jedenfalls wurde schon 1921 genau Statistik geführt und diese im „Archiv für Kriminologie“ auch veröffentlicht. Dabei wird dann allerdings wieder vor allem eine Sache deutlich: vor allem bei den Totschlagverbrechen sind Städte wie Chicago oder Cleveland den alteuropäischen Hotspots weit voraus. Aus der Vossischen Zeitung vom 11. Februar liest Frank Riede.

Feb 11, 20214 min

Ep 415Friedens-Crêpes

Am 2. Februar, 40 Tage nach Weihnachten, feiern die Christen “Maria Lichtmess”. In Frankreich wird dieses uralte pagane Fest, das in den christlichen Festkalender übernommen wurde, als „la Chandeleur“ bezeichnet. Der Begriff geht auf das lateinische festa candelarum also „Kerzenfest“ zurück. Es ist das Fest der Crêpes und ist als solch kulinarische Tradition fest im Programm der französischen Botschaften und seiner Kulturinstitute verankert. 1921 war der damals neunundfünfzigjährige Schriftsteller und Journalist Paul Block, der als Pariser Korrespondent für das Berliner Tagblatt schrieb, von dem Fest mit den leckeren Eierkuchen überrascht. In der Ausgabe vom 10. Februar berichtet er davon, wie ihm ein Hotelwirt diese Tradition näherbrachte, was er richtiggehend als einen Akt der Völkerverbrüderung empfand. Warum dieser Eindruck zum Ende hin leicht getrübt wurde, das berichtet für uns Paula Leu.

Feb 10, 20216 min

Ep 414Russisches Revolutionstheater in Petersburg

Sogenannte Reenactments, also möglichst ‘authentische‘ Wiederaufführungen historischer Ereignisse erfreuen sich in den zurückliegenden Jahrzehnten großer Beliebtheit, sind als Phänomen im Grunde aber bereits seit der Römerzeit bekannt. Eine ganz besondere, staatlich verordnete Hochkonjunktur erlebte dieses Genre in der jungen Sowjetunion, die in großen Massenspektakeln die Erinnerung an ihre Geburt in der Oktoberrevolution zu inszenieren pflegte. Eine solche Feier gab es u.a. bereits zu deren drittem Jahrestag im Herbst 1920, anlässlich dessen an historischer Stätte die Erstürmung des Winterpalais mit Abertausenden von Laiendarstellern nachgespielt wurde. Zu den wenigen ausländischen Augenzeugen dieser Veranstaltung zählte der ungarische Schriftsteller Arthur Holitscher, der seiner Faszination darüber anschließend verschiedentlich in Buchform und Zeitungsartikeln Ausdruck verlieh. So geschehen beispielsweise in der Freiheit vom 9. Februar 1921, aus der für uns Frank Riede liest.

Feb 9, 202111 min

Ep 413Fasching verboten - Faschisten erlaubt

Aufmerksamen Hörer*innen unserer letzten Folge wird es vielleicht nicht entgangen sein: Zum ersten Mal, seitdem wir auf Sendung sind, schafften es die Schlägertruppen einer bayerischen politischen Splitterpartei namens NSDAP gestern in unseren Podcast. Was dem Berliner Tageblatt vom 7. Februar 1921 nur eine beiläufige Erwähnung wert war, erfährt in der Freiheit vom Folgetag noch eine deutlich ausführlichere Schilderung, die interessanterweise bereits ein wohlbekanntes Narrativ der Unterschätzung bemüht, das Hitlers Aufstieg bis weit in die 30er Jahre begleiten und begünstigen sollte: das von den Nazis als nützlichen Idioten reaktionärer Kräfte wie der sogenannten Organisation Escherich (kurz: Orgesch), die zurück zu einer Herrschaft von Kaiser und preußischem Militär strebten. Doch nicht nur diese bekommen, als Feind Nummer 1, in der Freiheit ihr Fett weg, sondern auch, als Feind Nummer 2, die bayerischen Kommunisten, die sich am ‘Münchener Fasching‘ 1921 in nationalbolschewistischem Kostüm beteiligen zu müssen meinten. Es liest Frank Riede.

Feb 8, 20219 min

Ep 412Münchens Anti-Faschings-Mob

München ohne Fasching, das ist eigentlich ähnlich undenkbar wie München ohne Oktoberfest, und doch stellt das Jahr 2021 diesbezüglich keine Premiere dar: Bereits vor einhundert Jahren verbot ein bayerischer Ministerpräsident das bunte winterliche Treiben, wenn auch aus ganz anderen Motiven als sein später Nachfolger Markus Söder. Der antisemitische Monarchist Gustav von Kahr wollte mit dieser Maßnahme ein Zeichen gegen die Entwaffnungs- und Reparationsforderungen setzen, die soeben auf der damit befassten Londoner Konferenz gegen Deutschland erhoben worden waren und die hierzulande, wie hier bereits vor einigen Tagen zu hören, durch sämtliche politische Lager auf Empörung stießen. Den erklärten Faschingsboykott hielten dennoch keineswegs alle Münchener für das geeignete Mittel des Widerstands; woraufhin die mancherorts doch stattfindenden Bälle von rechtsgerichteten Kräften teilweise brutal gestört wurden – und Bayerns Ruf als „Ordnungszelle des Reiches“, zu der es von Kahr zu ‘erheben‘ gedachte, schwer litt. So zumindest das Fazit des Berliner Tageblatt vom 7. Februar 1921, hier gelesen von Paula Leu.

Feb 7, 20214 min

Ep 411Asta Hamlet

Einer der großen Filmerfolge des Deutschen Kinos des Jahres 1921 war der Film „Hamlet“, der am 27. Januar in Hamburg Premiere feierte. Die Fassung basiert neben dem Shakespeare-Drama auf dem Buch „Mysteries of Hamlet“ des amerikanischen Shakespeare-Forschers Edward Vining aus dem Jahre 1881, der im Rückgriff auf eine alte Norwegische Sage, argumentiert, dass Hamlet eigentlich eine Prinzessin war, die für einen männlichen Thronfolger ausgegeben wurde. Das erklärt auch die weibliche Hauptrolle des Films, die die Kino-Diva schlechthin der Stummfilmzeit, Asta Nielsen, in gewohnt ausdrucksstarker aber zugleich zurückgenommener Mimik spielte. Der Film sorgte schon vorab für Diskussionen und wurde auch nach Erscheinen kontrovers diskutiert. Die humorvoll hymnische Filmkritik des Berliner Tageblatts vom 6. Februar, einen Tag nach der Berliner Premiere, liest Frank Riede.

Feb 6, 20215 min

Ep 410Neues aus der Luftfahrt

Zum ersten Mal greifen wir in unserem Podcast auf die Wochen-Auslandsausgabe der Vossischen Zeitung mit dem kurzen Titel: „Die Voss“ zu. Diese erschien ab 1921 jeweils samstags bis zur Einstellung im Juni 1925. Wohl weil sie sich an ein internationales Publikum richtete, wurde sie nicht in Frakturschrift gedruckt. Am 5. Februar bringt sie aktuelle Meldungen aus der deutschen und europäischen Luftfahrt. Darin enthalten ist die englische Luftverkehrs-Statistik darüber, wie wahrscheinlich ein tödlicher Flugunfall ist. Aktuell liegt dieser Wert laut diversen schnell ergoogelten Statistiken wohl zwischen 1 zu 7 Millionen und 1 zu 127 Millionen.

Feb 5, 20216 min

Ep 409Kindertheater ist systemrelevant

„Theater muss sein“ war über lange Zeit das durch Aufkleber und Plakate weitverbreitete Motto des Deutschen Bühnenvereins. Dass der Slogan auch schon in den harten Jahren nach dem 1. Weltkrieg seine Berechtigung besessen hätte, macht ein Artikel aus der Vossischen Zeitung vom 4. Februar 1921 deutlich. Gerade das scheinbar marginale Kinder-Theater ist für die physisch und sozial ausgezehrten Arbeiterkinder ein Ort der Wärme und lebendiger Fantasie. Nicht nur die großen Häuser, auch und gerade die Jugendbühnen müssen sein, ist die Pointe dieses Beitrags. Gelesen von Frank Riede.

Feb 4, 20214 min

Ep 408Woran Friedrich Schiller starb

Friedrich Schiller verstarb bekannter- und gesichertermaßen am 9. Mai 1805 im Alter von 45 Jahren in Weimar. Weniger sicher ist man sich bezüglich der Todesursache. Wikipedia vermeldet: Vermutlich ist er an einer durch Tuberkulose hervorgerufenen Lungenentzündung gestorben. Doch Schiller litt zeitlebens an verschiedenen, teilweise chronischen Erkrankungen, die seinem Körper, seinen Organen irreparable Schäden zufügten, so dass mehrere Ursachen in Frage kämen. Jedenfalls schrieb der Schiller obduzierende Arzt in seinem Befund: „Bei diesen Umständen muss man sich wundern, wie der arme Mann so lange hat leben können.“ Der Vorwärts vom 3. Februar 1921 beruft sich auf neueste medizinhistorische Forschungen und hat die Grippe als Hauptursache erkannt. Es liest Paula Leu.

Feb 3, 20213 min