
Auf den Tag genau
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Ep 557Ganz Berlin trägt Dirndl
Die landläufige Vorstellung, wonach es sich beim Dirndl um eine jahrhundertealte bäuerliche Volkstracht von der oberbayerischen oder tirolerischen Alm handele, hat ihre Heimat im Reich der bajuwarischen Mythen. Buchstäblich erfunden wurde es erst spät im 19. Jahrhundert, und zwar als durchweg städtische Modeerscheinung für ein bürgerliches Publikum, das sich bei seinen Ausflügen in die Sommerfrische an Chiemsee oder Tegernsee gerne etwas lässig-ländlich gewanden wollte. Als vergleichsweise schlichte und deshalb kostengünstigere Alternative zu aufwendigen herkömmlichen Sommerkleidern eroberte es nach dem Ersten Weltkrieg schließlich zunehmend auch die heimischen urbanen Laufstege, und das keineswegs nur in München oder Augsburg. Unser heutiger Bericht aus der Deutschen Allgemeinen Zeitung vom 30. Juni 1921 dokumentiert vielmehr eindrücklich, dass der Dirndl-Hype vor einhundert Jahren längst den Weißwurst-Äquator überschritten und selbst die preußische Kapitale Berlin in seinen Bann geschlagen hatte. Für uns liest, nein, nicht Rainer Brüderle, sondern Frank Riede.
Ep 556Sorge vor dem Klimawandel?
Uns hat - hoffentlich - die Klimaforschung mittlerweile davon überzeugt, dass auch kleinere Veränderungen im klimatischen Weltsystem zu Kippmomenten führen können, die irreversible und wohl drastische Veränderungen der Verhältnisse auf unserem Planeten herbeiführen können. Bei der Erderwärmung wird gesellschaftlich und politisch das Ziel gesetzt, ein Ansteigen der Durchschnittstemperatur um 2 Grad zu verhindern, als Versuch, die verheerendsten Kipppunkte zu vermeiden. Vor 100 Jahren gab es Wissenschaftler, die sich mit der Furcht vor einer neuen Eiszeit, mit der potentiellen Vergletscherung Europas beschäftigten und etwaige Verläufe modellierten. Und auch hier spielten 2 Grad eine große Rolle – nur als Erdabkühlung. Der Vorwärts berichtet am 29. Juni von der Wahrscheinlichkeit einer neuen Eiszeit. Paula Leu zittert mit.
Ep 555Zum 600. Todestag: Carl von Ossietzky über Dante
Dante Alighieri, der Schöpfer der Divina Commedia, der Göttlichen Komödie, gilt gleichermaßen als so etwas wie der Begründer der italienischen Literatur wie als deren wichtigster Exponent – heute wie vor einhundert Jahren. Und ähnlich groß wie man dieser Tage seinen siebenhundertsten Todestag begeht, tat man das 1921 entsprechend auch schon mit seinem sechshundertsten. Kein geringerer als Carl von Ossietzky war es, der in der Berliner Volks-Zeitung vom 28. Juni zur Feder griff, um den Jubilar zu würdigen und die Paradoxie zu preisen, dass mit Dante der katholischste aller Weltliteraten zugleich auch der erste moderne sei. Auf dieser Bahn der Argumentation folgt ihm, durch Hölle, Fegefeuer und Paradies, für uns Frank Riede.
Ep 554Die okkultistische Welle
Die 1920er sind zweifelsohne eine Zeit, in der okkulte Seancen, Wunderheilungen, Geisterbeschwörungen, Astrologie, Mesmerismus, Magnetheilungen, Hellseherei und Handlesen eine Hochzeit erlebt haben. Am 27. Jun 1921 reflektiert Kurt Biging in der Berliner Volks-Zeitung über die Ursachen dieses gesteigerten Interesses an übernatürlichen Phänomenen. Er denkt aber auch darüber nach, wie sich die etablierten Wissenschaften dazu positionieren sollten. Wäre weniger Hochmut angemessen? Es liest Paula Leu.
Ep 553Morgendliche Symphonie der Großstadt
Im Jahre 1927 erschien der Klassiker der deutschen Films, Walther Ruttmanns „Berlin – Symphonie der Großstadt“. Der Film zeigt aus montierten dokumentarischen Aufnahmen 24 Stunden im Leben der Stadt. Wie der Titel schon verrät, spielen der Rhythmus der Metropole und die Geräusche, die sie hervorbringt, eine zentrale Rolle. Von diesem Film werden wir erst in 6 Jahren berichten können, aber Elemente dieses Ansatzes finden sich in der Beschreibung eines nächtlichen Spaziergangs durch das erwachende Berlin in der Berliner Volks-Zeitung vom 26. Juni 1921, auf die wir gestoßen sind. Paula Leu spaziert für uns mit.
Ep 552Welche Frau der Geschichte hätten Sie sein mögen?
Es gibt diesen immer wiederkehrenden Fragentyp in Zeitschriften, Magazinen, Umfragen und Poesiealben: Welcher Persönlichkeit der Geschichte würden Sie gerne begegnen, Mit welchem Promi würden Sie gerne zu Abend essen, oder eben wie in der Italienischen Zeitung „Piccolo“ im Sommer 1921: Welche Frau der Geschichte hätten Sie sein mögen? Eine Auswahl der von den Leserinnen eingereichten Antworten präsentiert der Korrespondent des Berliner Tageblatts in Rom Hans Barth. Es ist wenig überraschend, dass in ihr die Projektion der Frau als entweder Heilige oder Hure eine prominente Rolle spielt. Für uns begibt sich auf die Reise zu den Frauen der Geschichte Frank Riede.
Ep 551Who is the greatest man alive?
Seit 1927 kürt das berühmte Time-Magazine seine nicht minder berühmte „Person of the year“, aber die stete Suche der Menschen und Zeitungen nach den bedeutendsten men und manchmal auch women alive ist grundsätzlich selbstverständlich noch älter. Der Vorwärts vom 24. Juni 1921 erklärte derlei bereits zu einer typisch amerikanischen Marotte, um sich im weiteren aber durchaus interessiert auf eine ihm aus New York zugespielte Diskussion zu diesem Thema einzulassen. Drei Männer haben es dort auf die short list geschafft, und am Ende steht ein durchaus überraschender Sieger, den man zu diesem frühen historischen Zeitpunkt vielleicht nicht unbedingt schon an der Spitze eines solchen internationalen Rankings erwartet hätte. Es liest Paula Leu.
Ep 550Max Hoelz - der rote General
Nicht nur zwischen den politischen Lagern wurde in der Weimarer Republik mit den härtesten Bandagen gekämpft; auch innerhalb der Linken ging es bekanntlich häufig schwer zur Sache. Einen exemplarischen Einblick, wie verkämpft SPD und KPD ineinander waren, liefert ein Text aus dem Vorwärts vom 23. Juni 1921, der sich der Personalie Max Hoelz widmet. Durch den Weltkrieg politisiert, hatte sich dieser 1919 der KPD angeschlossen und danach auf eigene Faust Kampfverbände aufgestellt, die im Vogtland einen blutigen Aufstand initiierten, welcher ebenso blutig niedergeschlagen wurde und Hoelz eine Verurteilung zu lebenslänglicher Haft eintrug. In ihrem Kommentar zum Urteilsspruch lässt die sozialdemokratische Parteizeitung nicht nur kein gutes Haar an den militärischen Befähigungen des ‘roten Generals‘ – der übrigens, Ende der 1920er Jahre amnestiert, in Stalins Sowjetunion emigrierte und dort 1933 unter bis heute nicht ganz geklärten Umständen ums Leben kam. Der Leitartikel versteht sich vor allem als Abrechnung mit dem „kommunistisch irregeleitete Teil der Arbeiterbewegung“. Es liest Frank Riede.
Ep 549Grubenunglück in der Zeche Mont Cenis
Zeche Mont Cenis in Herne, heute Energiepark und Fortbildungsakademie des Landes Nordrhein-Westfalen, war zwischen 1871 und 1978 ein Steinkohle-Bewegwerk benannt nach der (bei Gründung) beeindruckenden Ingenieurs-Meisterleistung des 13 Kilometer langen Tunnels durch das Mont-Cenis Massiv der französischen Alpen. Dass die für das Ruhrgebiet so prägende Tätigkeit des Bergarbeiters, des „Kumpel“ nicht nur körperlich fordernd und gesundheitsschädlich war, sondern unter Tage auch tödliche Gefahren lauerten, davon zeugt auch die Geschichte der Zeche Mont Cenis. Wenn sich ein spezifisches Mischverhältnis von Methangas und Sauerstoff in den Stollen ansammelt und auf eine Zündquelle von mindestens 650 Grad Celsius trifft, kommt es zu sogenannten Schlagwetterexplosionen, die sich in den beengten Stollen mit enormer Wucht ausbreiten. Ein solches Unglück ereignete sich in der Zeche am 20 Juni 1921, als sehr fahrlässig mit Dynamit unter Tage gesprengt wurde. Am 22. Juni berichtet der Vorwärts und sucht nach den Ursachen. Es liest Frank Riede.
Ep 548Sonntagsausflüge in der ganz alten Zeit
Geschichte reimt sich bekanntlich häufig doch: So wie wir mit unserem Podcast täglich in die Welt vor einhundert Jahren eintauchen, blickten auch schon unsere Quellen, die damaligen Tageszeitungen, dann und wann in die stadtgeschichtliche Vergangenheit und förderten Erkenntnisse zutage, die bereits ihren Leserinnen und Lesern fern und fremd anmuten mussten. So geschehen einmal mehr am 21. Juni 1921, an dem sich die Deutsche Allgemeine Zeitung nicht, wie erst kürzlich beim Freischütz-Jubiläum die Vossische, einhundert, sondern diesmal gleich zweihundert, also für uns sogar dreihundert Jahre tief in die Historie begab und uns eine Anschauung davon vermittelt, wie Berliner Sonntagsausflüge in der ganz alten Zeit aussahen. Für uns mit von der Landpartie ist Paula Leu.
Ep 547Wer wacht am Kyffhäuser?
Der Kyffhäuser ist in den vergangenen Jahren zurückgekehrt auf die politische Landkarte Deutschlands. Alljährlich trifft sich zu seinen Füßen im Spätsommer der vormalige ‘Flügel‘ der AfD und beschwört zur vorgeblichen Rettung der Nation die Gespenster der Vergangenheit. Dabei ist die rechte Instrumentalisierung der Kyffhäusersage, also der Vorstellung vom im Berg schlummernden Kaiser Friedrich Barbarossa, welcher dereinst zurückkehren und sein Reich wieder in Ordnung bringen würde, durchaus nicht neu. Bereits Wilhelm I. huldigte man hier in aller Monumentalität, während in Weimarer Tagen das Warten auf den Erlöser vor der bösen modernen Gegenwart von neuem begann und ein buntes Panoptikum alt-monarchistischer und neu-völkischer Republikfeinde anzog – zu besichtigen in der Vossischen Zeitung vom 20. Juni 1921, deren Korrespondent (über gewisses zeittypisch rassistisches Vokabular hinaus) dem Treiben von Hindenburg und Co. angesichts der sonstigen Blattlinie überraschend unkritisch zusieht. Wer zwölf Jahre später an Barbarossas statt den Ruf der Kyffhäuser-Pilger erhörte, ist allgemein bekannt. Es liest Frank Riede.
Ep 546Stummfilm ohne Zwischentitel
Mit dem Verschwinden des Filmerklärers, der die bewegten Bilder kommentierte, Figuren sprach, Geräusche beisteuerte, etablierten sich im Stummfilm die Zwischentitel, auf denen man etwa das gesprochene Wort der Filmfiguren, deren Mundbewegungen man auf der Leinwand sah, lesen konnte. Doch manche Filmkünstler und -kritiker empfanden diese Unterbrechungen des Bildflusses als Defizit und imaginierten einen titellosen Stummfilm. Diese Bestrebung ist besonders mit dem Drehbuchautor Carl Mayer verbunden, der in Zusammenarbeit mit dem Regisseur Friedrich Wilhelm Murnau 1924 das Meisterwerk Der letzte Mann mit nur einem einzigen (und dabei ironisch eingesetzten) Zwischentitel schuf. Als wohl erster abendfüllender Film dieser Art gilt Scherben, der aus der Zusammenarbeit von Mayer mit dem Regisseur Lupu Pick hervorgegangen war, und am 27. Mai 1921 in Berlin Premiere feierte. In der Berliner Börsen-Zeitung vom 19. Juni reflektiert Albin Roßlau über den Weg der Filmkunst hin zum „Zwischentitellosen Film“. Für uns zwar nicht sichtbar, aber gut hörbar liest Paula Leu.
Ep 545E.T.A. Hoffmann: Zur Uraufführung von Webers Freischütz
Carl Maria von Webers Freischütz gilt als Meilenstein der deutschen Musik- und Theatergeschichte. Exakt heute auf den Tag genau vor 200 Jahren, am 18. Juni 1821, im damals frisch errichteten Schinkel’schen Schauspielhaus am Gendarmenmarkt uraufgeführt, avancierten etliche seiner Nummern vom Jägerchor bis zum Jungfernkranz in Berlin und der Welt umgehend zu Gassenhauern und Der Freischütz mit seiner romantischen Beschwörung des deutschen Waldes inklusive Teufelspakt rasch zur ersten so apostrophierten ‘deutschen Nationaloper‘. Entsprechend eifrig wurde 1921 das einhundertjährige Jubiläum von Webers Oper begangen. Auch die Vossische Zeitung mischte sich selbstverständlich unter die Gratulanten – und sie tat dies mit den Mitteln dieses Podcast: Aus staubigem (!) Archiv, in ihrem Fall dem eigenen, hob sie die Premierenkritik, mit der dereinst E.T.A. Hoffmann Webers Werk gewürdigt hatte, und druckte sie nach einhundert Jahren neuerlich ab. Wiederum auf den Tag genau einhundert Jahre später liest sie für uns Frank Riede.
Ep 544Auf dem Weg zum Mount Everest
Angesichts der Meldungen über Hundertschaften von alten und jungen Alpinist*innen, die sich heute am Mount Everest manchertags regelrecht stauen, neigt man leicht zu vergessen: Der höchste Berg der Erde wurde erst im Jahr 1953 – von Edmund Hillary und Tenzing Norgay – überhaupt erstbestiegen. 1921 war seine Bezwingung noch ein Menschheitsprojekt, das man, vor allem von britischer Seite, mit sehr viel Pioniergeist und nachgerade humboldthaftem Welterkundungstrieb akribisch vorbereitete. Der Bericht aus der Vossischen Zeitung vom 17. Juni handelt denn auch fürs Erste weniger von schroffen Bergwänden und steilen Felsklüften als von dichten Wäldern, üppig blühenden Tälern und staubigen Gebirgsdörfern, durch die hindurch sich eine von Oberstleutnant Charles Howard-Bury angeführte Expedition dem fernen Gipfel langsam annäherte und das Terrain für eine etwaige spätere Erklimmung sorgsam sondierte. Für uns tut dies – lesend – Paula Leu.
Ep 543Reise um die Welt in 2555 Tagen
Von den literarischen Weltumrundungen ist sicherlich Jules Vernes 1873 erschienene Reise um die Welt in 80 Tagen die bekannteste. Der Roman basierte auf der tatsächlichen Weltumrundung des Amerikaners George Francis Train. Dieser reiste 1870 aber – nomen est omen – vor allem per Zug. Das Berliner Tageblatt berichtet am 16. Juni 1921 hingegen von einer Reise um die Welt zu Fuß. Der Schweizer Leuret hatte 1914 an einem Wettbewerb, den Globus in 5 Jahren zu Fuß zu umrunden, teilgenommen und unter abenteuerlichen Bedingungen, diese Aufgabe in 7 Jahren bewältigt. Von der Leistung und Unermüdlichkeit dieses Weltenbummlers erzählt Frank Riede.
Ep 542Darf man die Impfung verweigern?
Wie weit darf ein Staat das Impfen gegen eine potentiell lebensbedrohliche Krankheit vorschreiben? Wo beginnen die Persönlichkeitsrechte des Einzelnen? Finden sich genügend Impfwillige, um eine Herdenimmunität zu erlangen? Allesamt hochaktuelle Fragen im Kontext unserer Hoffnung auf eine Überwindung der Covid-19-Pandemie. In sehr ähnlicher Form wurden genau diese Fragen vor hundert Jahren diskutiert, als es, sicherlich auch unter dem Eindruck der Spanischen Grippe, um einen möglichen Impfzwang gegen Pocken ging – Statistikdebatten, Verschwörungstheorien und Impfgegner-Bewegung inklusive. Am 15. Juni 1921 plädiert ein Geheim-Rat Dr. Berger im Berliner Tageblatt für den Impfzwang. Paula Leu trägt vor.
Ep 541Ein 50-Zeilen-Roman
Das Leben ist zu schnell geworden „für lange Literatur, zu flüchtig für verweilendes Schildern und Betrachten“ schrieb Alfred Polgar, einer der besonders geschätzten Autoren auch in diesem Podcast, Mitte der 1920er. „Episodische Kürze“ sei nicht nur eine Möglichkeit, sondern die Aufgabe zeitgemäßer Schriftstellerei. Mit seinen 50-Zeilen-Romanen lässt sich auch Rudolf Olden zu den Autoren kleiner Formen zählen. Und er schließt in seiner am 14. Juni im Berliner Tageblatt erschienenen Geschichte über einen unsinnigen Eifersuchtsmord auch thematisch an die Tradition des fait divers, des als vermischte Nachricht in den Lücken zwischen den gewichtigen Artikeln einer Zeitung zu findenden, beiläufig erzählten kuriosen Skandals an. Gelesen von Frank Riede.
Ep 540Fort mit Kahr!
Wer sich prominent für den demokratischen Rechtsstaat, möglicherweise gar in einer sozialdemokratischen Partei engagierte, lebte in den frühen Weimarer Jahren gefährlich. Rechtsextreme Geheimbünde bekämpften die verhasste Republik terroristisch aus dem Untergrund und begingen zahlreiche Fememorde an deren Repräsentanten. Einem solchen fiel am 9. Juni 1921 mutmaßlich auch der Fraktionsvorsitzende der USPD im bayerischen Landtag Karl Gareis zum Opfer. Ob es tatsächlich, wie man heute vermutet, Häscher der berüchtigten Organisation Consul waren, die ihn auf dem Rückweg von einem schulpolitischen Vortragsabend vor seiner Münchner Wohnung niederschossen, wurde auch deshalb nie aufgeklärt, weil die bayerische Staatsregierung des Ministerpräsidenten Gustav von Kahr schützend ihre Hand über alle Einwohnerwehren und sonstigen rechten Milizen hielten. Die SPD-Parteizeitung Vorwärts zeigte sich von dem Attentat erschüttert und rief ziemlich unverhohlen zum Sturz der Regierung Kahr auf. Es liest Paula Leu.
Ep 539Gefangen in Avignon
Mit Avignon verbinden wir heute die zerstrittenen mittelalterlichen Päpste, das weltweit strahlende Theaterfestival oder schlicht die berühmte provenzalische Küche. 1921 gab es in Bezug auf Avignon nur ein Thema, welches Deutschland bewegte: Die 155 Soldaten, die seit dem Ersten Weltkrieg immer noch in Kriegsgefangenen-Lagern in der Gegend von Avignon ihr Dasein fristeten. Auf diplomatischem Wege bemühte sich jedes Kabinett um eine Freilassung, die auch auf öffentlichen Massenkundgebungen gefordert wurde. Eine solche fand am 12. Juni im Berliner Lustgarten statt. In der Morgenausgabe des Tages kündigte der Vorwärts diese Versammlung an und schilderte das Schicksal der Männer, die festgehalten wurden, weil sie wegen Vergehen, die sie in der Gefangenschaft begangen haben, meistens kleine Diebstähle und Fluchtversuche, zu mehrjährigen Haftstrafen verurteilt worden waren. Uns bereitet Frank Riede auf die Kundgebung vor.
Ep 538Berliner Mimen privat
Regelmäßige Hörerinnen oder Hörer unseres Podcasts können es bestätigen: Starkult war bereits auch den frühen 1920er Jahren durchaus nicht fremd. Die großen Mimen und Diven wurden wie eh und je auch und gerade für ihre besonderen Idiosynkrasien und Manierismen verehrt und entsprechend einem sich daraus ergebenden Marktwert höchst kalkuliert als Zugpferde im Theater und erst recht im Kino eingesetzt. Umso auffälliger ist vor diesem Hintergrund, dass das Privatleben dieser Bühnen- und Leinwandstars zumindest der Qualitätspresse kaum einmal eine Andeutung wert ist – wenn es nicht gerade, wie jüngst im Falle des verstorbenen Reinhardt-Schauspielers Harry Walden, in einer Familientragödie endete. Porträts kamen in den reichhaltigen Feuilletons nur höchst ausnahmsweise vor, Homestories waren gar erst recht kein etabliertes Genre. Immerhin – im Berliner Tageblatt vom 11. Juni 1921 finden sich doch ein paar schnipselartige Ansätze dazu. Aus ihnen liest für uns Paula Leu.
Ep 537Die Kemalisten und ihre Verbündeten
Die Nachkriegsordnung der alliierten Siegermächte des Ersten Weltkriegs für Kleinasien und die umliegenden Gebiete musste schon 1921 als gescheitert gelten. Weder waren hier, wie im Friedensvertrag von Sèvres vorgesehen, ein armenischer Staat und ein kurdisches Autonomiegebiet entstanden, noch erwies sich Griechenland als in der Lage, den ihm festgeschriebenen Anspruch auf westanatolische Gebiete um die Stadt Smyrna (das heutige Izmir) militärisch durchzusetzen. Das politische Vakuum nach Kriegsende hatten der uns mittlerweile als Atatürk bekannte Mustafa Kemal und andere türkische Offiziere genutzt, um von der Provinzstadt Angora (der heutigen Hauptstadt Ankara) aus den Widerstand gegen die Zerschlagung des Osmanischen Reiches zu organisieren. Neben militärischem Geschick – das jedenfalls legt der kurze Artikel aus der Vossischen Zeitung vom 10. Juni nahe – verdankte sich ihr Erfolg dabei offensichtlich auch einer strategisch klugen, fintenreichen Bündnispolitik. Es liest Paula Leu.
Ep 536Churchill: Deutschland wird Exportweltmeister
Wie war mit der verfahrenen Situation rund um die Reparationsforderungen an Deutschland umzugehen? Besatzung und wirtschaftliche Belastung schürten eher den Konflikt zwischen den Nationen, die Verschuldungen und die deutsche Überproduktion, um die Reparationen zahlen zu können, sorgten für Unwucht auf den Märkten. Winston Churchill, damals Kolonialminister im Kabinett Lloyd George, gehörte zu denen, die diese Gefahren hinter der Bestrafung des Kriegsverlierers erkannten. In einer Rede in Manchester, von der das Berliner Tageblatt am 9. Juni berichtet, plädiert er für eine Zusammenarbeit, vor allem auch wirtschaftliche Zusammenarbeit, der europäischen Großmächte und gibt eine hellsichtige Prognose ab: Wenn sich nichts an dem Kurs im Umgang mit der deutschen Wirtschaft ändert, wird Deutschland langfristig Exportweltmister. Es liest Frank Riede.
Ep 535Für das Freibaden!
Vielleicht herrschen bei der Ausstrahlung dieser Folge bereits sommerliche Temperaturen und ihr hört uns an einem Badesee in der Sonne liegend … Jedenfalls schreibt die Deutsche Allgemeine Zeitung vom 8. Juni 1921 über das Baden im Freien und die Bedeutung dieser natürlichen Erfrischungsmöglichkeit für die Bewohner*innen der “steinernen Stadt”. Obgleich die DAZ eher eine konservative Zeitung ist, wendet sie sich doch deutlich gegen die Anwendung eines Paragraphen, der zum Schutze der Sittlichkeit die leichte Badebekleidung unter Strafe stellt. Für uns taucht in diese Problematik Paula Leu ein.
Ep 534Das Paradies von Bali
Bali gehört seit einigen Jahrzehnten zu den beliebtesten Zielen europäischer Fernreisender, seien sie auf Backpacking, Partytourismus oder Luxus-Resort-Urlaub aus. Vor einhundert Jahren war es hingegen selbstredend nur wenigen Privilegierten vorbehalten, die weite Reise zu den kleinen Sundainseln anzutreten. Einer dieser frühen Globetrotter, der Arzt Gregor Krause, ließ die Daheimgebliebenen wenigstens in Form eines umfangreichen Bildbandes an seinen dortigen Erfahrungen teilhaben. Und schwärmte dort, jedenfalls wenn man dem Vorwärts vom 7. Juni 1921 glauben darf, in durchaus vertrauten Worten von der sanften Schönheit und üppigen Vegetation der Insel, ihren freundlichen, mit der Natur in Einklang lebenden Bewohnern und deren besonderen, noch heute berühmten kinderfreundlichen Methoden der Erziehung. Für uns liest Frank Riede.
Ep 533Harry Waldens letzter Bühnenauftritt
Harry Walden konnte mit 45 Jahren auf eine sehr erfolgreiche Bühnen- und Filmkarriere zurückblicken. Nach Stationen in Karlsruhe, Berlin, Tallinn und New York und am Burgtheater in Wien, übernahm er die Leitung der dortigen Renaissance-Bühne. Die Schattenseite seines Erfolges als Schauspieler war wohl eine zunehmend schwerwiegende Morphin- und Alkoholsucht. Am 4. Juni 1921 beging er in Berlin Selbstmord, wovon alle Zeitungen berichteten. Wir bringen heute den Text aus dem Vorwärts vom 6. Juni, in dem der Theaterkritiker Max Hochdorf seine letzten Eindrücke von Harry Walden auf der Bühne schildert. Bei aller Achtung vor Waldens Schauspieltalent skizziert er ein schonungsloses Bild eines von der Sucht zerstörten Menschen, der eigentlich auf der Bühne schon lange nichts mehr verloren hat. Für uns liest Paula Leu.
Ep 532Das Palmenhaus in Schönbrunn: In der Hölle der bösen Frauen
Tropenhäuser galten spätestens seit dem 19. Jahrhundert als Treibhäuser auch der menschlichen Sinne und Triebe, die als Orte einer Verknüpfung von Exotik und Erotik zumal zu einem äußerst beliebten literarischen Topos wurden. Auch einer unserer Lieblingsautoren in diesem Podcast, Arnold Höllriegel, begibt sich bei seinem Besuch des berühmten Palmenhauses im Schlosspark Schönbrunn auf eben diese Fährte. Seine Würdigung der dortigen Orchideen-Schau ist zwar nicht frei von manchen etwas abgestandenen Geschlechterklischees, spielt dabei aber – nomen est omen – sehr vergnüglich-feuilletonistisch mit der Dialektik von Paradies und Hölle. Für uns wagt sich auf den Spuren des Berliner Tageblatts vom 5. Juni 1921 Paula Leu in den Wiener Garten der Lüste.
Ep 530Attentäter Teilirian freigesprochen!
Von der Ermordung des ehemaligen Großvesirs Talaat Pascha durch den armenischen Studenten Soghomon Teilirian am hellichten Tage auf der Berliner Hardenbergstraße haben wir im März berichtet. Am 4. Juni 1921 sprach in einem viel beachteten Prozess ein Geschworenengericht Teilirian frei – unter anderem viel beachtet, da nun wohl zum ersten Mal die deutsche Öffentlichkeit von den Gräueltaten des Armenier-Genozids während des Ersten Weltkriegs erfuhr, die die Verteidigung des Attentäters ausbreitete, der vorgab, die brutale Tötung seiner ganze Familie mit angesehen zu haben. Die Mitverantwortung von Talaat Pascha für die versuchte Ausrottung der Armenier galt eigentlich für jedermann als erwiesen. Aber nicht nur der geistige Zustand Teilirians während der Tat – er wurde schließlich wegen Unzurechnungsfähigkeit freigesprochen – und der Armenier-Genozid wurden vor Gericht diskutiert. Alle berichtenden Zeitungen kommentierten auch die Rolle Deutschlands, während der von Talaat Pascha angeordneten Massaker. Konservativere Zeitungen sprachen das wilhelminische Militär und den Diplomatischen Korps frei, der Vorwärts sah das natürlich differenzierter. Und um die thematischen Verflechtungen noch komplexer zu machen, schlug der Autor des Vorwärts den Bogen zu den zeitgleich in Leipzig anlaufenden Kriegsverbrecherprozessen, in denen hauptsächlich niederrangige deutsche Militärs, die Kriegsverbrechen im Ersten Weltkrieg begangen haben sollen, strafrechtlich verfolgt wurden. Für uns entwirrt Frank Riede die Fäden.
Ep 531Das Feuer im Konzentrationslager
Wenn man täglich gut ein Dutzend einhundertjähriger Zeitungen liest, macht man dabei die unterschiedlichsten, widersprüchlichsten Erfahrungen und Entdeckungen: frappierende, vergnügliche, skurrile, berührende und mitunter auch erschütternde. Unser heutiger Artikel aus dem Vorwärts vom 3. Juni 1921 zählt zweifellos zu letzterer Kategorie: Im pommerschen Stargard, erfahren wir dort, gab es seinerzeit ein so auch schon bezeichnetes Konzentrationslager, in dem ohne jegliche juristische Veranlassung ganz überwiegend Ostjuden interniert wurden. Bei den meisten von ihnen handelte es sich wohlgemerkt um ehemalige Zwangsarbeiter, die man während des Weltkriegs zu Arbeitseinsätzen eingezogen hatte und die man nun aufgrund der teilweise verworrenen politischen Lage in ihren Herkunftsregionen eben dorthin nicht einfach wieder abschieben konnte. Wer im Frühjahr 1921 einen Brand in den überfüllten Baracken verursacht hatte, geht aus dem Bericht des Vorwärts nicht hervor; wohl aber, dass die preußischen Wachmannschaften – zwei Jahrzehnte vor Auschwitz – den Feuertod zahlreicher ostjüdischer Männer, Frauen und Kinder wohl mehr als nur billigend in Kauf genommen hätten. Es liest Frank Riede.
Ep 529Des Berliners Liebe zum Feuerwerk
Das Knallen und Böllern ist dem Berliner offensichtlich nicht auszutreiben. Alle aktuellen Vorstöße, die alljährlichen Silvesterexzesse zu beschränken oder räumlich einzuhegen, sind bislang auf genauso heftigen Widerstand gestoßen wie der Versuch der Behörden schon anno 1835, den Städtern die Erlaubnis für die Knallfrösche zu entziehen, mit denen man seinerzeit des Königs Geburtstag im August zu begehen pflegte. Tagelange blutige Straßenschlachten waren damals die Folge, die als Berliner Feuerwerksrevolution in die Geschichte eingegangen sind. Dass sich vor einhundert Jahren, in der jungen Weimarer Republik, naturgemäß die Anlässe, nichts aber an der berlinischen Liebe zum Feuerwerkskörper geändert hatte, dass sich freilich auch damals schon an diesem Ritual gesellschaftlich die Geister schieden – all das erfahren wir aus der Deutschen Allgemeinen Zeitung vom 2. Juni 1921. Es liest Paula Leu.
Ep 528Hamburg an der Moldau
Wenn zwei Flüsse zusammenfließen, welchen Namen trägt der daraus hervor gehende Fluss? Der an dem Zusammenfluss breitere? Der, der von seiner Quelle bis dahin den weiteren Weg zurückgelegt hat? Von letzter Regel waren und sind bis heute viele Tschechen überzeugt, weshalb sie es als bittere Ungerechtigkeit empfinden, dass die Moldau bei Mělník in die Elbe mündet. Der in den 1920ern sehr erfolgreiche Reiseschriftsteller böhmischer Herkunft Richard Katz nimmt diesen „Streit“ um die Bennenung des Stromes als Ausgangspunkt und beschreibt die Rolle der Moldau für die offensichtlich zahlreich badende Prager Bevölkerung. Für uns plantscht Frank Riede mit.
Ep 526Rathenau zum Wiederaufbauminister ernannt
Wenn Kabinette in so hoher Frequenz einander ablösen, wie das in der Weimarer Republik der Fall war, dann haben ihre Besetzungen häufig etwas von Bäumchen-wechsel-dich-Spielen. Auch die seit dem 10. Mai 1921 amtierende Regierung Wirth wartete personell mit etlichen hinlänglich bekannten Gesichtern auf, die vielfach bereits vorangegangenen Ministerriegen angehört hatten. Ein Name freilich stach hier heraus: Walther Rathenau gehörte als AEG-Erbe zweifellos zum höchsten Industrie- und Finanzadel des Reiches und hatte sich während des Weltkriegs in der Rohstoffabteilung des preußischen Kriegsministerium bereits auch prominent politisch betätigt. Nach der Novemberrevolution war er jedoch nicht ins vorderste Glied aufgerückt, sondern hatte eher nur publizistisch aus dem Hintergrund Politik und dabei mit überraschend planwirtschaftlichen Konzepten von sich reden gemacht. Wie der folgende Artikel aus dem Vorwärts vom 31. Mai anschaulich belegt, wurde seine Nominierung als Wiederaufbauminister seitens der liberalen DDP deshalb auch und gerade im linken Spektrum durchaus von Hoffnungen begleitet. Es liest Paula Leu.
Ep 5273 1/2 Fragen an Matthias Lilienthal...
In unserer heutigen Ausgabe der „3 1/2 Fragen an…“ sprechen wir mit Matthias Lilienthal über die 20er Jahre Avantgarden und ihren Einfluss auf das Theater der Nachwendezeit in Berlin. Unter Frank Castorf war Lilienthal in den 1990er Jahren Chefdranmaturg und stellvertretender Intendant der Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz, bevor er in den Nullerjahren des 21. Jahrhunderts als künstlerischer Leiter und Geschäftsführer des Hebbel am Ufer, HAU, Furore machte. 2002 und 2014 leitete er das internationale Festival „Theater der Welt“, 2015 schließlich übernahm Matthias Lilienthal überraschend die Intendanz der Münchner Kammerspiele. Sowohl das HAU als auch die Münchner Kammerspiele wurden unter ihm jeweils mehrfach zum „Theater des Jahres“ gewählt.
Ep 525Tagore in Berlin
Der Kulturbegriff im Berliner Feuilleton der frühen 1920er Jahre ist mit eurozentrisch noch sehr zurückhaltend beschrieben. Hinweise auf die bloße Existenz außereuropäischer Literaturen findet man in den Rezensionsspalten sämtlicher in diesem Podcast zu Gehör gebrachter Tageszeitungen nur höchst vereinzelt, die sich dann erst recht nicht mit zeitgenössischen Autoren befassen. Umso markanter sticht eine singuläre Ausnahme ins Auge: Der bengalische Dichter und Philosoph Rabindranath Tagore war nicht nur 1913 als erster Asiat mit dem Literatur-Nobelpreis ausgezeichnet, sondern in der Folge von den westlichen Konsekrationsinstanzen tatsächlich in den Kanon der Weltliteratur aufgenommen und sein Schaffen fortan mit großer internationaler Aufmerksamkeit bedacht worden. Als Tagore 1921 zum ersten Mal nach Deutschland reiste, war dies denn auch hierzulande ein kulturelles Ereignis, über das die Presse Station für Station berichtete. Am 30. Mai war Tagore in Berlin eingetroffen, wo die Deutsche Allgemeine Zeitung die Ehre hatte, ihn zu treffen. Es liest Frank Riede.
Ep 523Das Erfolgsrezept von Glashütte
Vor mehr als einem Jahr berichteten wir von der erschütternden Not in den Gebrigsdörfern des Erzgebirges, wo eine ohnehin von Armut durchdrungene Gegend durch den Krieg und dessen Folgen zusätzlich gebeutelt wurde. Doch dieses Bild hat, wie wir heute erfahren, nichts mit den Zuständen in Glashütte zu tun. Schon vor dem Ersten Weltkrieg ein Zentrum der Feinmechanik und Uhrmacherei knüpfte die dortige Industrie an diesen wirtschaftlichen Erfolg auch in der Weimarer Republik an. Ein gewisser Dr. Edwards berichtet in der Vossischen vom 29. Mai 1921 davon, wie dies, trotz der kriegsbedingten Einbußen, möglich war. Neben dem Zusammenschluss aller Betriebe, die Edwards beschreibt, klingt das Mantra des Überlebens von Glashütte auch heute hochaktuell: Halten der qualifizierten Arbeitskräfte und stete Implementierung von Forschung und Innovation. Für uns besucht Glashütte Frank Riede.
Ep 524Geheimnisse der Tiefsee
Die Tiefsee hat die Phantasie des Menschen von jeher angeregt und gehört tatsächlich bis heute zu den am wenigsten erforschten und deshalb auch noch immer geheimnisvollsten Orten des Planeten. Auch wenn die moderne Meeresbiologie die Vorstellungen von riesenhaften, schiffeschluckenden, schiffeversenkenden Seeungeheuern weitgehend entromantisiert hat, sind diese doch nicht zuletzt dank der Romane eines Herman Melville oder Jules Vernes tief im kollektiven Gedächtnis verankert. Aber auch die Tagespresse hat gelegentlich an derlei Seemannsgarn mitgestrickt, wie ein Blick in die Berliner Volks-Zeitung vom 28. Mai 1921 beweist. Es liest Paula Leu.
Ep 522Berliner Statisten-Börse
Bei Filmproduktionen gehört traditionell zu den Aufgaben der Regieassistenz das Casting und die Regie der Komparserie. Heutzutage läuft das über spezialisierte Statisten-Agenturen und am Set, bei größeren Statistenheeren, immer noch gern per Flüstertüte. In der Vossischen Zeitung vom 27. Mai 1921 sind wir auf einen Artikel gestoßen, in dem Egon Jacobsohn davon berichtet, wie sich die Komparsen-Szene in Berlin von etwa 1910 an entwickelte, in welchen Cafés die Schauspieler und Schauspielerinnen ihre Dienste anboten und wie sie sich zunehmend organisierten. Ob Stummfilm 1921 oder heutiger 3D-Blockbuster, immer gilt für die Komparserie, dass sie hauptsächlich nach äußerlichen Merkmalen gecastet wird. Von dieser im Kern menschenunfreundlichen und frauenfeindlichen Katalogisierung der Darstellerinnen und Darsteller, sowie dem potentiellen Missbrauch der Notlage, besonders der Statistinnen durch die mächtigen Hilfsregisseure erzählt der Text. Für uns taucht in diese Gesellschaft am Rande der Filmindustrie Frank Riede ein.
Ep 521Gegen die ‘schwarze Schmach’ II
Nachdem unser gestriger Podcast mit einem Statement des afrodeutschen ‘Afrikanischen Hilfsvereins‘ aus der Berliner Volks-Zeitung zur Debatte um die sogenannte ‘schwarze Schmach‘ aufwartete, findet sich an gleicher Stelle am Folgetag, dem 26. Mai 1921, ein weiterer nicht minder brisanter Artikel zum selben Thema. Genau genommen handelt es sich bei ihm um die Zuschrift einer Leserin, die aus sehr persönlicher Sicht Erfahrungen eines Togolesen, nämlich ihres Verlobten, im Deutschland des Jahres 1921 schildert. Aus ihren wenigen Zeilen geht einmal mehr hervor, dass die hiesige Gesellschaft seinerzeit zumindest in Ansätzen durchaus diverser war, als man vielleicht erwartet hätte. Zugleich veranschaulichen sie auf drastische Weise den nicht selten unmittelbar gewalttätigen Rassismus, auf den man im medialen wie im realen Raum vor und hinter jeder Ecke stieß. Es liest Paula Leu.
Ep 520Gegen die ‘schwarze Schmach’ I
Die sogenannte ‘schwarze Schmach‘ war bereits mehrfach Thema hier im Podcast. Alle großen Kolonialmächte hatten im Ersten Weltkrieg Soldaten auch in ihren ‘Überseegebieten‘ ausgehoben, um sie anschließend auf den dortigen, teilweise aber auch auf den europäischen Schlachtfeldern für ihre jeweiligen Kriegsabsichten zu verheizen. Die Franzosen setzten diese Kolonialsoldaten nach 1918 zum Teil auch bei der Besetzung des Rheinlandes ein, was in Deutschland wüst rassistische Phantasien sprießen ließ, die sich – keineswegs nur im äußerst rechten Spektrum – auch in der Tagespresse ausgebreitet fanden. Umso interessanter sind zwei, im Mai 1921 an aufeinanderfolgenden Tagen in der Berliner Volks-Zeitung erschienene Beiträge, die sich gegen dieses dominierende Narrativ zur Wehr setzen und aus für damalige Verhältnisse allemal bemerkenswerter Perspektive auf die Thematik blicken. Der erste dieser beiden Texte vom 25.5. ist zwar seinerseits einleitend einmal mehr nicht völlig frei von problematischer Terminologie. Immerhin verdeutlicht er aber im Folgenden, dass es auch 1921 schon Afrodeutsche gab, und lässt diese auch zu Wort kommen. Gelesen von Frank Riede.
Ep 519Adenauer für Aufhebung des Achtstundentags
Wer war Anfang 1921 ein aussichtsreicher Kanzlerkandidat? Konrad Adenauer, der damals 45jährige Oberbürgermeister von Köln, einer der politischen Hoffnungsträger der katholischen Zentrumspartei. Seine Nähe zur Industrie, er sollte in den 20er Jahren in zahlreichen Aufsichtsräten, unter anderem der Deutschen Bank und der Deutschen Lufthansa, sitzen, brachte ihm viel Skepsis seitens der Arbeiterparteien ein. In dieser sieht sich die Freiheit vom 24 Mai 1921 bestätigt. Sie kritisiert scharf Adenauers Vorschlag, die Arbeitszeit, über die Achtstundenwoche hinaus, zu verlängern. erst 1918, nach Jahrzehnten des politischen Kampfes, war in Deutschland die gesetzliche Regelung des achtstündigen Arbeitstages festgesetzt worden. Konrad Adenauers Idee führt nicht zur Aufweichung dieser Regelung – von der werden wir hier erst in zwei Jahren berichten können. Für uns regt sich Paula Leu auf.
Ep 518Berliner Straßenmusikanten
Flöte als Instrument für Straßenmusik. Das erinnert, zumindest diejenigen, die in den 1990ern durch die westdeutschen Innenstädte flanierten, an südamerikanische Bands mit Lautsprecher verstärkten Panflöten. Die prägten 1921 natürlich nicht das Straßenbild. Am 23. Mai berichtet die Berliner Volks-Zeitung von der vielfältigen Straßenmusikkulisse in Berlin. Dabei hat es dem Autor die Blockflötenmusik besonders „angetan“. Ein Musikinstrument, das seit Jahrhunderten – völlig zu Unrecht – keinen besonders guten Ruf genießt. Die verschiedenen Performances beschreibt für uns Frank Riede.
Ep 517Rummel in der Vorstadt
Rummel in Berlin – das war nie nur der strahlend-mondäne Luna-Park am Halensee, sondern genauso die Vielzahl seiner ungleich plebejischeren Geschwister in den Vorstädten. Dort gab es zwar keine Gebirgsbahnen, Hippodrome oder drehbaren Häuser. Dafür konnte man hier das ganze Panoptikum großstädtischer Existenzformen mit ihren Freizeit- und Balzritualen gleichsam unter dem Brennglas studieren. Der große Meister der 20er-Jahre-Rummelplatz-Poesie war zweifellos Ödön von Horvath. Aber auch das literarische Feuilleton trieb sich damals gerne zwischen Karussell und Schießbude herum, wie der folgende Bericht aus der Berliner Volks-Zeitung vom 22. Mai 1921 beweist. Es liest von Paula Leu.
Ep 516Der Fascismus - eine erste Analyse
Anfang 1921 richteten sich die von Benito Mussolini 1919 gegründeten Fasci italiani di combattimento, die Schwarzhemden, dezidiert und aggressiv gegen den Sozialismus und Kommunismus und fanden dadurch einen gesteigerten Zuspruch bürgerlicher Schichten. Damit beginnt über Italien hinaus eine Wahrnehmung des Phänomens Faschismus, 1921 in den Zeitungen noch als „Fas-c-ismus“ geschrieben, was aus dem lateinischen „Fasces“ – dem Machtsymbol Liktorenbündel im antiken Rom gebildet ist. In der von uns gelesenen Berliner Hauptstadtpresse ist einer der ersten Artikel, der sich an einer Analyse dieser neuen politisch wirksamen Erscheinung versucht, der ins Deutsche übersetzte Aufsatz des italienischen Journalisten und Mitglieds der Sozialistischen Partei Italiens Giovanni Zibordi. Er wurde am 21. Mai im Vorwärts abgedruckt und wir haben uns entschieden, ihn in voller Länge von Frank Riede vortragen zu lassen, weshalb unsere heutige Ausgabe von Auf den Tag genau ein paar Minuten länger ausfällt. Angesichts dieses spannenden Zeitdokuments fiel uns diese Entscheidung nicht schwer.
Ep 515Ferruccio Busoni als Neuerer des Musiktheaters
Ferruccio Busoni gehörte um die vorletzte Jahrhundertwende drei Jahrzehnte lang zu den prägenden Figuren des Berliner Musiklebens. 1894 hatte er sich in der Stadt niedergelassen und wirkte hier und von hier als umtriebiger Komponist, Pianist, Dirigent, Essayist, Pädagoge und Musiktheoretiker der anbrechenden Moderne. Nach einigen Jahren des erzwungenen Schweizer Exils während des Weltkriegs kehrte er nach dessen Ende in seine Wohnung am Viktoria-Luise-Platz zurück und befasste sich hier in seinen letzten Lebensjahren insbesondere mit Ideen zu einer Erneuerung des Musiktheaters. Im Mai 1921 kamen in der Staatsoper Unter den Linden erstmals seine in Zürich entstandenen Opern Turandot und Arlecchino auf die Bühne. Die Berliner Volks-Zeitung war bei dieser Berliner Erstaufführung dabei und zeigte sich in ihrer Ausgabe vom 20.5. bei allem Respekt für die Person Busonis doch ein wenig skeptisch gegenüber dem von ihm hier zur künstlerischen Anschauung gebrachten ästhetischen Reformprogramm. Es liest Frank Riede.
Ep 514Elsa Brandström
Als eine der großen Philanthropinnen des 20. Jahrhunderts gilt Elsa Brandström. Die 1888 geborene Tochter des schwedischen Militärattachés in Rußland, lebte zunächst das privilegierte Leben einer „höheren Tochter“, bis sie sich nach dem frühen Tod ihrer Mutter freiwillig als Krankenschwester im Ersten Weltkrieg meldete. Fortan engagierte sie sich, ohne Rücksicht auf ihre eigene Gesundheit, für Kriegsgefangene und Flüchtlinge, insbesondere in den vom Flecktyphus verheerten Lagern im Osten Rußlands, was ihr den Namen „Engel von Sibirien“ eintrug. Anlässlich einer Ehrung an der Universität Halle berichtet die Vossische Zeitung vom 19. Mai 1921 über das Wirken von Elsa Brandström. Paula Leu liest.
Ep 513Italien hat gewählt
Im Ersten Weltkrieg auf der richtigen, will heißen: am Ende siegreichen Seite gestanden zu haben, schützte vor anschließender politischer Instabilität bekanntlich nicht. Das historisch prominenteste, folgenreichste diesbezügliche Beispiel war Italien. Die Hoffnungen der ‘Irredentisten‘ auf erhebliche Gebietsgewinne im Mittelmeerraum und im kolonialen Afrika hatten sich nicht erfüllt, wirtschaftliche und soziale Krisen erschütterten das Land. Sozialistische Revolutionsversuche schlugen mehrfach fehl und führten zwei Jahre nach Kriegsende umgekehrt zu einem Erstarken der militanten Rechten, der faschistischen Schwarzhemden, die durch den Parlamentswahlkampf im Frühjahr 1921 eine Blutspur zogen und zynischerweise dennoch gestärkt aus dieser hervorgingen. Mit Blick vor allem auf Südtirol registriert die ihrerseits mindestens konservative Berliner Börsen-Zeitung vom 18. Mai diese neue Spielart des Nationalismus mit einigem Missfallen, sieht von ihr perspektivisch allerdings keine größere Gefahr für die italienische Demokratie ausgehen. Sie sollte, wie wir wissen, schon sehr bald eines Schlechteren belehrt werden. Es liest Paula Leu.
Ep 512Blutige Pfingsten in Oberschlesien
Würde sich dieser Podcast in seiner Auswahl, statt aus ganzen Zeitungen zu schöpfen, auf deren Titelseiten beschränken, dann gäbe es hier seit Monaten im Grunde nur zwei Themen: die alliierten Reparationsforderungen an Deutschland samt der sich daraus ableitenden Regierungskrisen – und, immer noch, die Lage in Oberschlesien. Auch Wochen nach dem dort abgehaltenen (und in Deutschland für sein Ergebnis weithin bejubelten) Referendum war die zukünftige Grenzziehung nach wie vor ungeklärt und die Stimmung vor Ort entsprechend aufgeheizt. Dass es Freischärlergruppen andernorts in Europa zuletzt immer wieder gelungen war, in ein solches Machtvakuum zu stoßen und paramilitärisch Fakten zu schaffen, war kein gutes Omen und machte die Situation zwischen Oppeln und Kattowitz in besonderem Maße explosiv. So musste der Vorwärts in seiner Ausgabe vom 17. Mai 1921 denn auch von ‘blutigen Pfingsten‘ berichten. Es liest Frank Riede.
Ep 511Frauen als Schöffinnen und Geschworene
Da im Jahre 1921 der 16. Mai auf den Pfingstmontag fiel, an dem keine Zeitungen erschienen, senden wir heute einen Artikel aus der Pfingstsonntags-Ausgabe, die sozusagen beide Feiertage abdeckte. Und dabei feiert heute eine Zeitung bei uns Premiere, nämlich die „Gleichheit – Zeitschrift für die Interessen der Arbeiterinnen“, eine 14tägig erscheinende von Marie Juchacz geleitete Publikation der SPD. Am 15. Mai berichtet darin Hedwig Wachenheim, passend zum Titel der Zeitschrift, von einem weiteren Schritt der Frauen auf dem Weg zur Gleichberechtigung. Es geht um den politischen Kampf für die Zulassung von Frauen als Schöffinnen und Geschworene vor Gericht. Lange Zeit wurde mit hanebüchenen Argumenten wie etwa, Zitat, “Die Frau ist zu gefühlsbetont und kann daher keine Geschworene sein”, Zitatende, von den meinst männlichen Politikern eine Zulassung verhindert. Paula Leu liest.
Ep 510Pfingsten in Berlin
Walpurgisnacht und Erster Mai, Karneval der Kulturen, Christopher-Street-Day und dereinst auch die Love Parade – auffällig viele Highlights des modernen Berliner Festkalenders sind im Frühjahr situiert. Abgesehen vom damals ganz anders begangenen Maifeiertag war interessanterweise indes keiner dieser Partyanlässe bereits vor einhundert Jahren bekannt. Dafür, erfahren wir aus der Deutschen Allgemeinen Zeitung vom 15. Mai 1921, stand damals ein anderes Fest ganz hoch im Kurs: Pfingsten. Der Brauch, Fenster und Stuben, Geschäfte und Karossen üppig mit Blumen und Zweigen zu schmücken, wurde zwar auch andernorts gepflegt. Nirgendwo allerdings sieht der Autor die Sehnsucht nach dem ‘Grünen‘ so ausgeprägt wie gerade im grauen Berlin, weshalb er sich dazu versteigt, die Bedeutung des Pfingstfestes für die Reichshauptstadt fast mit der von Fasching und Karneval in anderen deutschen Landen zu vergleichen. Für uns wiederholt diesen Frevel der Ex-Kölner Frank Riede.
Ep 509Ansätze zum Mieterschutz
Trotz aller Versuche, den Mietenwahnsinn in den urbanen Zentren der Republik in den Griff zu bekommen, sind Immobiliengeschäfte und Vermietung heute so lukrativ wie nie in Deutschland. Und trotzdem ist das Problem keineswegs neu. Auch vor hundert Jahren gab es den Versuch, Mieten zu deckeln. Aber auch damals schon war die Politik gegen die Dynamik des freien und v.a. des schwarzen Marktes nur mäßig erfolgreich. Am 14.5.1921 berichtet die Vossische Zeitung von einer weiteren, wohl nur bedingt durchschlagskräftigen Verordnung des Berliner Magistrats zum Schutz der Mieter. Gelesen von Paula Leu.
Ep 508Wirtschaftsboom in Shanghai
China als wichtiger Absatzmarkt für die deutsche Automobilindustrie! Das zeichnete sich, wenn man dem Asien-Korrespondenten des Berliner Tagblattes glauben will, bereits 1921 ab. In seinem am 13. Mai abgedruckten Bericht berichtet Fritz Secker vom wirtschaftlichen Aufschwung Schanghais, der mit exzessiven Leuchtreklamen, einer Orientierung an westlichen Vorbildern und einem gesteigerten Stromverbrauch einhergeht. Und eben auch mit einer Motorisierung. Aus dem Straßenlärm von Schanghai berichtet Frank Riede.