
Auf den Tag genau
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Ep 707"Trickfilms": Lotte Reiniger und der Plastrick-Film
Eine beeindruckende Persönlichkeit des frühen Trickfilms ist die 1899 in Berlin-Charlottenburg geborene Lotte Reiniger. Ihre Silhouetten-Animationsfilme, die oftmals Märchen- und Sagenstoffe nacherzählten, gelten bis heute als Meilensteine des Trick- und Animationsfilms. 1921 hatte sie, von klein auf von den frühen Stummfilmen und ihren Kameratricks begeistert, freilich erst wenige kurze Filme geschaffen. Doch in der Neuen Zeit vom 27.11. finden wir einen Bericht über neue Trickfilme, der sich Lotte Reinigers ersten Filmen widmet und ihr eine große Zukunft prognostiziert. Als ähnlich vielversprechend lobt er allerdings auch ein neues Verfahren, den „Plastrick“-Film als besonders innovativ – den werden heutzutage nur noch absolute Expert:innen kennen. Frank Riede kennt den Artikel und liest ihn für uns.
Ep 706Matisse in Berlin
So stellt man sich wohl ein glückliches Berliner Kunstkritikerleben auf dem Höhepunkt der ästhetischen Moderne vor: Eben erst Wiedersehen mit Paul Cézanne bei Cassirer in der Viktoriastraße gefeiert, geht es noch am selben Wochenende rüber ein paar Straßen weiter zu Flechtheim ans Lützowufer, wo gerade Henri Matisse Vernissage begeht. Curt Glaser hatte trotz unmittelbarer Zeitgenossenschaft bereits einen sehr klaren Blick für die Ikonen der Moderne und ihren je spezifischen historischen Stellenwert – und hielt sich vielleicht gerade deshalb zu dem immer schnelllebigeren und immer aufgeregter geführten Kampf um die Vorherrschaft dieses oder jenes künstlerischen Stils auf Distanz. Dass auch er dennoch ein Kind seiner Zeit war, erkennt man an manchen in unseren Ohren deutlich rassistischen Begrifflichkeiten, die der nachfolgende Text historisch dokumentiert. Anders als der Berliner Börsen-Courier haben wir bei Auf den Tag genau über Nacht das Personal gewechselt. Aus der Ausgabe vom 26. November 1921 liest für uns heute Paula Leu.
Ep 705Cézanne in Berlin
Die Beziehungen zwischen dem Deutschen Reich und seinem alten ‘Erzfeind‘ Frankreich waren auch drei Jahre nach Kriegsende nach wie vor frostig. Immerhin wurden im Herbst 1921 im kulturellen Bereich einige Weichen auf Entspannung gestellt, und das auf ästhetisch durchaus spektakuläre Art: Zeitgleich präsentierten die renommierten Berliner Galerien Cassirer und Flechtheim Werkschauen zweier der bedeutendsten modernen französischen Maler, Paul Cézanne und Henri Matisse. Von beiden berichtete im Berliner Börsen-Courier dessen Kunstredakteur Curt Glaser, und von beiden handelt heute und morgen auch unser Podcast. Cézanne war 1921 bereits 15 Jahre tot und in Berlin schon lange kein Unbekannter mehr. Glaser ist die Wiedersehensfreude anzumerken. Aus seiner Würdigung vom 25. November liest für uns Frank Riede.
Ep 704Über Anthroposophie und Wissenschaft
Seit Monaten sinnieren die Medien darüber, was sog. Impfverweigerer umtreibt. In diesem Kontext wird auch die Frage aufgeworfen, in welchem Maße die gerade im deutschsprachigen Raum verbreitete anthroposophische Weltanschauung die Impfskepsis befeuert. Und allgemeiner gefragt: Wie ist eigentlich das Verhältnis zwischen Anthroposophie und Wissenschaft? Vor einhundert Jahren stellte sich genau diese Frage ein Autor der Freiheit, nachdem er einen Vortragsabend des Begründers dieser Lehre, Rudolf Steiner, in der Berliner Philharmonie besucht hatte. Seine Antwort vom 24. November 1921 liest für uns Paula Leu.
Ep 703Die Witwe Anton Tschechows: Olga Knipper im Gespräch
Das Moskauer Künstlertheater hatte vor einhundert Jahren längst Legendenstatus. 1898 von Konstantin Stanislawski und Wladimir Nemirowitsch-Dantschenko gegründet, avancierte es binnen weniger Jahre als Inbegriff einer einfühlsamen psychologisch-realistischen Schauspielkunst zu einer der angesehensten Bühnen Europas und wurde dabei insbesondere mit den Werken des Dramatikers Anton Tschechow identifiziert, die dort um die Jahrhundertwende höchst erfolgreiche Inszenierungen erlebten. In den Wirren der Oktoberrevolution hatte Stanislawskis Ensemble Moskau 1917 verlassen und sich, im Unklaren über seine Zukunft, kurzentschlossen auf eine mehrjährige ausgedehnte Tournee begeben. 1921 führte diese das Künstlertheater nun auch nach Berlin, wo das Gastspiel der weltberühmten Truppe mit Spannung erwartet und in der Presse, damals eher unüblich, bereits mit ausgiebigen Vorberichten gewürdigt wurde. So wartete der Berliner Börsen-Courier etwa am 23. November mit einem Gespräch mit der großen Mimin und Tschechow-Witwe Olga Knipper auf. Der junge Interviewer war übrigens Hanns Brodnitz – später einer der einflussreichsten Kinobetreiber in der Weimarer Republik, der 1944 von den Nazis in Auschwitz ermordet wurde. Es liest Frank Riede.
Ep 702Was ich brauche, nehme ich mir!
Gerade erst lasen wir von der Geldentwertung im Zusammenhang mit den Kursstürzen der Mark an der Börse. Ganz regelmäßig ziehen sich, einer der zahlreichen roten Fäden dieses Podcasts, die Berichte über die bittere Armut, die unterhalb der glitzernden Oberfläche der Nachkriegsgesellschaft überall existierte, durch unser Textangebot. Im November und Dezember 1921 sorgten wiederholt Plünderungen von Geschäften in Berlins Mitte und in Neukölln zunächst für Großeinsätze der Schutzpolizei und dann für Schlagzeilen. Auch die Neue Zeit weiß am 22. November von Ansammlungen von teilweise hunderten Arbeitslosen zu berichten, die hauptsächlich Lebensmittel- und Bekleidungsgeschäften die Scheiben einschlugen, diese ausraubten und sich dann Verfolgungsjagden mit der Polizei lieferten. Paula Leu heftet sich für uns an ihre Fersen.
Ep 701Berlin, wie Heinrich Mann es sieht
Der Bericht des Berliner Tageblatts vom 22. Februar 1921 über eine Lesung von Thomas Mann aus seinem frisch verfassten Zauberberg in einem Berliner Gymnasium zählt bis heute zu den meistgeklickten Episoden in diesem Podcast. Heute kann sein älterer Bruder Heinrich Mann es ihm nachtun und das sogar als Autor. In der B.Z. am Mittag vom 21. November 1921 erschien aus dessen Feder ein kleines aktuelles Städteporträt Berlins nach Weltkrieg und Revolution, in dem der Republikaner Heinrich Mann wohl die gewachsene Armut in der alten und neuen Hauptstadt registriert, zugleich allerdings eine ihm unbedingt sympathische Aufbruchsstimmung ausmacht. Verglichen mit den meisten anderen (auch hier gesendeten) Zeitdiagnosen seiner Zeitgenossen wartet Manns Text mit einem durchaus bemerkenswerten, auch politischen Optimismus auf. In diesem schwelgt für uns Frank Riede.
Ep 700Der letzte Friedhofsbesucher
Nichts ist bekanntlich so interessant wie die Zeitung von vor einhundert Jahren – das gilt auch und gerade für Feiertage. Manche Bräuche, haben wir in den vergangenen knapp zwei Jahren in diesem Podcast erfahren, begehen wir heute gerade so wie gestern. Vieles im Fest- und Gedenktagskalender hat sich indes auch jäh geändert, bis zur Unkenntlichkeit verwandelt, ist im Laufe eines Jahrhunderts verschwunden oder umgekehrt erst aufgepoppt, war unseren Vorfahren unbekannt. Der Totensonntag hat die Jahrzehnte überdauert, aber den meisten von uns bedeutet er (in Nicht-Pandemiejahren) doch kaum mehr als verkürzte Clubnächte und ausfallende Flohmärkte. Vor einhundert Jahren, entnehmen wir der Vossischen Zeitung vom 20. November 1921, war das noch ganz anders. Es liest Frank Riede.
Ep 699Der Faschistenkongress von Rom
Eine thematische Linie, die sich durch diesen Podcast zieht und zunehmend ziehen wird, ist der aufkommende Faschismus. Nachdem wir bereits die erste Reflexion über die Ursachen des Erfolges der italienischen Faschisten, auf die wir gestoßen waren, gesendet haben, wenden wir uns heute mit dem Vorwärts erneut nach Italien, dem Dritten Faschistenkongress in Rom zu. Diese vom 7. bis zum 10. November 1921 stattfindende Zusammenkunft der faschistischen Aktionsgruppen, den Fasci di combattimento, ist aus heutiger Sicht bedeutsam, weil die vielfältigen regionalen Gruppierungen dort eine Partei gründeten, den Partito Nazionale Fascista, kurz PNF, was nur möglich war, weil so manche Streiterei zwischen einzelnen Strömungen innerhalb der Fasci beigelegt wurde. Der Vorwärts schildert weniger die Themen des Kongresses, als vielmehr eindrücklich den explosiven Ausnahmezustand in Rom, in dem es stündlich zu neuen blutigen Ausschreitungen zwischen Arbeitern und Faschisten kommt. Aus diesem Pulverfass berichtet für uns Paula Leu.
Ep 698Gewaltsamer und gewaltloser Unabhängigkeitskampf in Indien
Heute richten wir mit der DAZ den Blick nach Indien, das ja bekanntlich erst 1947 seine Unabhängigkeit erlangt hat. Nach dem ersten Weltkrieg, 1919, kamen die Briten den damals schon heftig vorgebrachten Forderungen der Inder nach mehr Mitbestimmung mit dem Reformplan des indischen Staatssekretärs Edwin Montagu und des indischen Vizekönigs Frederic Chelmsford entgegen. Doch der ging den Aktivisten des indischen Nationalismus nicht weit genug. Anlässlich eines Besuches des Prinzen von Wales wirft der frisch habilitierte Indologe und Religionswissenschaftler Dr. Helmuth von Glasenapp in seinem Artikel einen genaueren Blick auf die komplizierte Situation in Indien. Wir hören von Gandhi und seinem Aufruf zur Gewaltlosigkeit und zur Eigenherstellung der Kleidung, aber auch von den Konflikten innerhalb der Unabhängigkeitsbestrebungen. Ebenso kommt das komplizierte Verhältnis zwischen Gandhi und den panislamischen Aktivisten zur Sprache. Für uns sortiert die Lage in Indien Paula Leu.
Ep 697Die Bartholomäusnacht von Lissabon
Ein Todesschwadron zieht durch das nächtliche Lissabon mit prominenten Politiken auf der Exekutionsliste. Erbarmungslos werden sie vor den Augen ihrer Familien aus ihren Privathäusern gezerrt und ermordet. So geschehen in der sog. Lissaboner Blutnacht des 19. Oktobers 1921. Die Erste Republik in Portugal, die mit der Abschaffung der Monarchie 1910 entstanden war, kann nicht gerade als politisch stabile Phase bezeichnet werden. Aber selbst aus einer Zeit der oft gewalttätig widerstreitenden Republikaner, Monarchisten, Militaristen und Demokraten ragen die Ereignisse rund um den Putsch im Oktober 1921 heraus. Antonio Granjo war erst im Juli 1921 zum Premierminister gewählt worden, also nur 3 Monate nach Amtsantritt stürzten radikale Republikaner, unterstützt von Nationalgarde und Marinesoldaten die Regierung. Der Präsident weigerte sich aber zunächst die Regierungsgeschäfte an deren Führer weiterzugeben. In der Nacht zog Corporal Abel Olimpio los, um prominente Politiker, im Falle des Colonels Vasconcelos sogar einen der Gründerväter der Ersten Republik, zu ermorden. Lange Zeit waren in der Berliner Presse keine zuverlässigen Informationen zu bekommen, erst am 17. November druckt das 8-Uhr-Abendblatt eine Erzählung der Ereignisse der Blutnacht ab. Für uns liest Frank Riede.
Ep 696Der Reigen vor Gericht
Der Reigen und kein Ende. Tief in den Neunziger Jahren des 19. Jahrhunderts verfasst und ungespielt zum handfesten Literaturskandal avanciert, war Arthur Schnitzlers aus zehn erotischen Dialogen bestehendes Drama – wie regelmäßige Hörer unseres Podcast wissen – erst im Dezember 1920 am Kleinen Schauspielhaus Berlin zu seiner szenischen Uraufführung gekommen und brachte es hier, genauso wie wenig später bei seiner Inszenierung in Wien, nun auch zu einem stinkbombenumtosten Theaterskandal, der in der Folge sogar die Gerichte beschäftigte. Wie häufig in Skandalen waren hergebrachte ästhetische und gesellschaftliche Normen offensichtlich fragwürdig geworden und verlangten nach einer Neuaushandlung. Und wie nicht selten bei derartigen Prozessen tat sich die Justiz dabei durchaus schwer, mit gesellschaftlichen Entwicklungen Schritt zu halten. Diesen Eindruck von den Berliner Verhandlungen über den Reigen vermittelt jedenfalls ein prominenter Prozessbeobachter im Berliner Börsen-Courier vom 16. November 1921: Joseph Roth, hier verkörpert von Frank Riede.
Ep 695Berlin und sein Wein
Wenn man an Berlin topographisch etwas bemängeln möchte, dann höchstens zwei Dinge: dass es nicht am Meer liegt und dass sich auf seinem Stadtgebiet, anders etwa als in Wien, kein Weinbau betreiben lässt. Beides könnte natürlich in Folge des Klimawandels irgendwann der Fall sein, und Letzteres – der Wein – war hier vor der berühmten kleinen Eiszeit in der frühen Neuzeit tatsächlich auch schon einmal beheimatet. Die Berliner Morgenpost vom 15. November 1921 spürt dieser önologischen Frühgeschichte im Berliner Straßenbild nach und schwelgt auch anderweitig in alten Zeiten, in denen edle Tropfen bald unerschwinglich teuer, bald dank staatlich-preußischer Daseinsfürsorge im Preis gedeckelt waren. Eine Weinpreisbremse sozusagen. Es liest das einzige Kernteammitglied von Auf den Tag genau, das nie im oder um den Weinbergsweg herum gelebt hat: Paula Leu.
Ep 694Friedensbewegung 1921
Am 12 November 1921 traten Vertreter der fünf großen Seemächte, Vereinigte Staaten, Großbritannien, Frankreich, Italien und Japan in Washington zu einer Abrüstungskonferenz zusammen. Unter dem Eindruck des Ersten Weltkriegs versuchten Sie eine verbindliche Maximalanzahl bestimmter Kriegsschifftypen festzulegen, um ein endloses Wettrüsten zu verhindern. Die friedensbewegten pazifistischen Kräfte der Welt blickten also hoffnungsvoll nach Washington und versuchten Öffentlichkeit für die ferne Konferenz zu generieren. So geschehen am 13. November im Zirkus Busch in Berlin, wo sich Tausende zusammenfanden, Schauspieler Friedensgedichte vortrugen, und Redner den Weg zu einer friedlichen Zukunft skizzierten. Unter ihnen etwa der Jurist und Politikwissenschaftler Hans Simons oder der Reformpädagoge Paul Oestreich. Von der Kundgebung berichtete am Folgetag die Berliner Volks-Zeitung, aus der für uns Paula Leu liest.
Ep 693Skandalöse Zustände auf dem Viehhof
Wir alle kennen die Erzählung, wir alle kennen die Bilder: Nutzvieh, auf engstem Raum zusammengepfercht, in viel zu kleinen und hygienisch entsprechend desaströsen Stallungen seiner Schlachtung unwürdig entgegenfristend. Vor einhundert Jahren war der durchschnittliche deutsche Fleischkonsum noch deutlich geringer; insofern nimmt es sich durchaus überraschend aus, ganz ähnliche wie die uns vertrauten Szenarien auch schon der Berliner Morgenpost vom 13. November 1921 zu entnehmen. Diese hatte eines Abends unangemeldet einem offensichtlich verschrienen Viehhof im Osten Berlins einen Besuch abgestattet und war dort, bei allen skandalösen Eigentümlichkeiten des konkret inkriminierten Betriebes, zugleich ungeahnt Zeugin der Anfänge der modernen Massentierhaltung mit all ihren Schattenseiten für Kreatur, Mensch und Weltklima geworden. Für uns heftet sich Frank Riede an ihre Fersen.
Ep 692Kein Geld für Wolkenkratzer
Die Stadtplanung ist immer wieder ein Thema in den Zeitungen der 1920er Jahre, daher tauchen die Fragen nach Verkehrspolitik und Wohnungsbau auch regelmäßig bei Auf den Tag genau auf. Ganz besonders virulent ist die Frage nach Wolkenkratzern. Den Stadtvätern (die Bezeichnung macht schon deutlich, dass es damals eine Männerdomäne war) war mit einem kurzen Blick nach Amerika klar, dass die Hochhäuser die Zukunft sind, sie rangen aber mit Fragen der Sicherheit, ästhetischen Bedenken und nicht zuletzt Finanzierungsfragen. Gerade die spielen eine prominente Rolle in den Ausführungen des 8-Uhr-Abendblatts vom 12. November 1921 darüber, warum keine Hochhäuser gebaut werden. Uns informiert Paula Leu.
Ep 691Zum 100. Geburtstag: Stefan Zweig gratuliert Fjodor Dostojewski
Welche prominenten Laudatorinnen und Laudatoren die großen überregionalen deutschen Tageszeitungen heute ins Rennen schicken, um Fjodor Michailowitsch Dostojewskis zweihundertsten Geburtstag zu würdigen, ist der Redaktion von Auf den Tag genau zum Zeitpunkt dieser Aufnahme noch unbekannt. Fest steht, dass der Berliner Börsen-Courier die Messlatte diesbezüglich ziemlich hoch gelegt hat. Kein Geringerer als Stefan Zweig stieg dort am 11. November 1921 in die Bütt, um anlässlich von Dostojewskis Hundertjährigem in Reimen an den großen Kollegen und konkret an dessen Scheinhinrichtung durch zaristische Schergen 1849 in St. Petersburg zu erinnern. Nähere Kenner*innen von Zweigs Werk werden wissen, dass diese Episode 1927 auch Eingang in dessen Sternstunden der Menschheit fand, und tatsächlich handelt es sich bei unserem heutigen Text um eine frühe Fassung der dort als ‘Heroischer Augenblick‘ betitelten Miniatur. Es liest Frank Riede.
Ep 690Das Altersheim der Dichter
Die Karriere freischaffender Künstler:innen ist von vielen Zufällen abhängig. Mal ist man angesagt und kann seine Werke verkaufen, und wenig später verliert man schon die Gunst der zahlungswilligen Rezipient:innen. Wie kann diese Gruppe also für ihr Alter vorsorgen, um nicht als verarmt und vergessen in die Geschichte einzugehen, oder eben nicht einzugehen? Heute versucht sich die Künstlersozialkasse an einer Antwort auf diese Frage, die sich schon vor 100 Jahren stellte. Dem Verband deutscher Bühnenschriftsteller und Komponisten fiel auf, dass unzählige seiner Mitglieder, gerade die, die nicht zu den prominentesten gehörten, von Altersarmut betroffen waren, und entschloss sich dazu, im thüringischen Thal ein eigenes Verbands-Altersheim aufzubauen. Das Berliner Tageblatt vom 10. November 1921 ist vor Ort und weiß auch von den Hindernissen zu berichten, die dieses Projekt im Gemeinderat zu überwinden hat. Für uns liest Paula Leu.
Ep 689Ein Augenzeugenbericht zum 9. November
Vor einhundert Jahren ahnte man in Deutschland trivialerweise noch nichts vom Hitler-Ludendorff-Putsch, von der Reichspogromnacht oder vom Fall der Berliner Mauer. Dennoch wurde der 9. November auch schon im Jahr 1921 als nationaler Gedenktag zumindest seitens der republikanischen Presse begangen, weil an diesem sich bekanntlich die Geburt der Republik zum dritten Mal jährte. Die Zeitungen sind entsprechend voll von Leitartikeln und grundsätzlichen Beobachtungen zur Lage im Lande. Wir indes senden zum sogenannten ‘Schicksalstag der Deutschen‘ einen Text aus dem Vorwärts, der nochmals zurückschaut und von den Strapazen der Soldaten in den letzten Kriegstagen kündet. Als glühenden politischen Appell wider das Stricken an der Dolchstoßlegende darf man ihn trotzdem verstehen. Es liest Frank Riede.
Ep 687Große Berliner Straßenbahn - Weil wir dich kommunalisieren
Heute sind sie gelb, fahren hauptsächlich im ehemaligen Ostteil der Stadt und behaupten, sie seien unterwegs, weil sie uns lieben – die Straßenbahnen der Berliner Verkehrsbetriebe. Die heutige BVG ist Erbe einer Neustrukturierung des Berliner öffentlichen Nahverkehrs, welche sich Ende 1920 ereignet hat. Nachzulesen ist diese Frühgeschichte der Berliner Straßenbahnen in der Berliner Morgenpost vom 8. November 1921, wo das 50jährige Jubiläum der „Großen Berliner Straßenbahn“, gefeiert wird – de facto mit einem Nachruf auf dieses privatwirtschaftliche Verkehrsunternehmen, das sich im Straßenbahnsegment zum Nahezu-Monopolisten gemausert hatte, und das im Dezember 1920 in die kommunale Hand überging. Nachzuhören ist die Frühgeschichte der Berliner Straßenbahn hier – dank Paula Leu.
Ep 688Dollar und Mark
Die Hyperinflation des Jahres 1923 ist in Deutschland auch heute noch tief in der kollektiven Erinnerung verankert. Innerhalb von Stunden verloren unzählige Familien ihr gesamtes Vermögen und blieben davon teilweise auf Generationen hinaus traumatisiert. Die Erfahrung, dass die Kaufkraft von Banknoten erheblichen kurzfristigen Schwankungen ausgesetzt sein konnte, durften die Menschen freilich auch schon ausgiebig in den Jahren zuvor machen. Zunächst unter dem Druck des Weltkrieges, danach unter dem der Deutschland auferlegten Reparationszahlungen verlor die Mark gegenüber dem US-Dollar immer mehr an Wert – anfangs schleichend, im Herbst 1921 schließlich so galoppierend, dass der aktuelle Wechselkurs es in den großen Berliner Tageszeitungen zunehmend regelmäßig in die Headlines schaffte. So auch u.a. am 7. November im Berliner Tageblatt, aus dem für uns Frank Riede die aktuellen Zahlen verliest.
Ep 686Relativitätstheorie im Einsteinturm
Die Berliner Volks-Zeitung ist mit ihrem Artikel über den Einsteinturm auf dem Potsdamer Telegraphenberg sowohl architektonisch als auch wissenschaftlich am Puls der Zeit. Fritz Zielesch besucht die Baustelle des Observatoriums, das nach den Entwürfen von Erich Mendelsohn in expressionistischem Stil aus Stahl und Stahlbeton gebaut wurde. Im Turm selbst sollte nichts weniger als der Nachweis der Relativitätstheorie von Albert Einstein erbracht werden. Diese behauptete eine Verschiebung der Spektrallinien des Lichtes im Schwerefeld der Sonne, was signifikant an dem roten Farbanteil erkennbar sein sollte, es ging also um den Nachweis der sog. Rotverschiebung. Wie so oft in der Forschung, gelang es nicht auf Anhieb, diesen Beweis zu führen, da die Messungen durch zu starke atmosphärische Turbulenzen der Sonne überlagert wurden. Also diente der Einsteinturm zunächst für Pionierarbeit bei der Erforschung dieser Turbulenzen in der Sonnenatmosphäre. Frank Riede war für uns auf der Baustellenbegehung dabei.
Ep 684Braunkohle als Zukunftsversprechen
Der neuzeitliche Mensch ist bekanntlich ein Dezimalfetischist, aber die Weltgeschichte tut ihm nur in Ausnahmefällen den Gefallen, ihre Zyklen gerade nach seinem Kalender von Jahren, Jahrzehnten oder Jahrhunderten auszurichten. Dennoch freuen wir uns bei Auf den Tag genau natürlich immer, wenn wir, wie bei unserem heutigen Artikel, einen Zug in die historische Gegenrichtung auftun und mit der Lichthupe kurz grüßen können. Dieser Zug kommt am 5. November 1921 aus der Niederlausitz und ist üppig mit Braunkohle und Aufbruchsstimmung beladen. Seine Destination ist die Zukunft einer blühenden Industrielandschaft – wenngleich der Vorwärts vor einhundert Jahren bereits auf beachtliche Weise das Ineinander von Aufbau und Zerstörung im Blick hat und ein fast schon dystopisches Bild des brandenburgisch-sächsischen Tagebaugebietes voraussieht. Es liest Paula Leu.
Ep 685Premierenkritik
Der Puls des Berliner Theaterlebens war auch schon vor einhundert Jahren der Premierenkalender. Auch in den wilden Zwanzigern gaben sich die versammelte Theaterkritik und mit ihr die Schar der Afficionados und Adabeis zur ersten Nacht im Parkett die Ehre und handelten den Erfolg oder Misserfolg einer Neuinszenierung sogleich im Theatergebäude sowie dann anderntags in einer zweiten Runde in den Feuilletonspalten der Abendzeitungen aus. Auch die Berliner Börsen-Zeitung machte diesbezüglich prinzipiell keine Ausnahme, und doch kritisiert sie diesen ‘Fetisch‘ in einem nachdenklichen Artikel vom 4. November 1921 mit Verweis auf das häufig noch unausgereifte Zusammenspiel der Akteure am Premierenabend. Für uns liest mit Frank Riede ein echter Theaterliebhaber – denen man übrigens ja nach sagt, dass sie bevorzugt zur dritten Vorstellung gehen sollen ...
Ep 682Aus dem Berliner Studentenleben
Corona, heißt es so gerne, habe alles verändert und am allermeisten vielleicht das Leben der Studierenden beeinträchtigt: Manche von ihnen sind seit nunmehr vier Semestern eingeschrieben und haben bis heute noch keinen Hörsaal von innen gesehen, sondern höchstens einmal eine Unterschrift im Fakultätssekretariat getätigt. Der nachfolgende satirische Artikel aus der Berliner Volks-Zeitung vom 3. November 1921 nährt immerhin den Verdacht, dass es sich bei diesem Zustand um kein absolutes Alleinstellungsmerkmal zeitgenössischer Hochschulgenerationen handelt. Die Hoffnung, dass er betroffene Hörer*innen tröstlich stimmen könnte, wird aber vermutlich dennoch enttäuscht werden. In die schönste Zeit des Lebens und in die offensichtlich auch früher schon reichlich bizarre Welt farbentragender studentischer Verbindungen zurückgereist ist für uns Frank Riede.
Ep 683Autohallen first, Grünflächen second!
Erst kürzlich machte Jan Böhmermann sich im „Auto first, Mensch second“ titulierten Segment seiner Show darüber lustig, wie nach dem Zweiten Weltkrieg die Städte ganz nach den Bedürfnissen der Autos gestaltet wurden. Der aufkommende Individualverkehr stellte die Frage nach einer städtebaulichen Umgestaltung bereits zu Beginn der 20er Jahre. Max Osborn fürchtet in der Vossischen Zeitung vom 2. November 1921 um den Leipziger Platz in Berlin, der durchlässiger für den Autoverkehr werden soll. Allen Ernstes ging es damals um: „Autohallen first, Grünflächen second.“ Für uns berichtet Paula Leu.
Ep 681Die Prohibition umschiffen
Seit dem Januar 1920 galt in den Vereinigten Staaten der 18. Zusatzartikel der Verfassung, der die Herstellung, den Transport und den Verkauf alkoholischer Getränke untersagte. 13 Jahre lang sollte dieser landläufig als Prohibition bekannte Kampf gegen die gesundheitlichen Schäden des Alkoholkonsums dauern. Doch schon nach weniger als zwei Jahren zieht ein Korrespondent der Berliner Morgenpost ein vernichtendes Fazit. In der Ausgabe vom 1. November 1921 berichtet er nicht nur darüber, wie in breiten Bevölkerungsschichten trotzdem weiter Alkohol konsumiert wird, notfalls selbstgebrannter, sondern auch von der Oberklasse, die gern mal elegant zu den Verkaufstellen segelt, um weiterhin nicht auf dem Trockenen zu sitzen. Für uns verköstigt und liest Frank Riede.
Ep 680Schweres Schiffsunglück auf dem Wannsee
Als der Satiriker und PARTEI-Gründer Martin Sonneborn dem SPD-Vorsitzenden Sigmar Gabriel einst vor einer Spargelsause des Seeheimer Kreises prophezeite, man plane ihn bei der Tour über Bord gehen zu lassen, erhielt er von diesem zur Antwort, der Umgang mit Journalisten sei gefährlicher als der Wannsee. Damit lag Siggy Pop historisch fast so falsch wie später bei der Auswahl seiner Kanzlerkandidaten. Tatsächlich hat auch der Wannsee, eigentlich bekanntlich nur eine Havelausstülpung, im Laufe seiner Geschichte einige Schiffsunglücke gesehen. Das wahrscheinlich schwerste ereignete sich am Abend des 30. Oktober 1921. Zwei Dampfer kollidierten, zwanzig Menschen fanden im kalten Wasser den Tod. Bereits am 31. Oktober waren alle Berliner Tageszeitungen voll mit Berichten und Spekulationen. Paula Leu liest für uns aus der Vossischen Zeitung.
Ep 679Ein märkisches Baudenkmal ist in Gefahr
Am 12. Juli 1253 erlangte „Vrankenvorde“, an der Oder gelegen, das Stadtrecht und begann sofort mit dem Aufbau einer Kirche – und circa 250 Jahre später stand die im Stile der nordischen Backsteingotik gebaute Sankt-Marien-Kirche im Zentrum der Stadt, mit einem 77 Meter langen Gebäude und zwei prächtigen Türmen. Im Mai 1826 stürzte aus heiterem Himmel der Südturm ein. Die beschädigte Kirche sollte unter der Leitung von Karl Friedrich Schinkel rekonstruiert werden, der nicht gerade sensibel mit dem gotischen Erbe umging. Im Zweiten Weltkrieg wurde die Kirche weitgehend zerstört. Um den Wiederaufbau zu beenden wurden 2006 sog. Spendensteine vergeben, auf denen die Namen der Spender zu lesen waren und mit denen die Kirche neu gepflastert wurde. Die Tradition des Spendenaufrufs zum Bau und zur Restaurierung ist wohl so alt wie die Kirche selbst, wie unser heutiger Artikel des Berliner Lokal-Anzeigers vom 30. Oktober 1921 belegt. Zur Rettung des Baudenkmals Sankt-Marien-Kirche ruft Frank Riede auf.
Ep 677Einhundert Jahre Siedlung Heerstraße
Als die Stadtplaner der aufstrebenden Reichshauptstadt Berlin vor gut einhundert Jahren deren Verkehrsinfrastruktur auf die Bedürfnisse einer Weltstadt hin anpassten, waren sie so weise, die neugeplanten Streckennetze des öffentlichen Nahverkehrs von vornherein auf Zuwachs auszurichten. Dort, wo sich heute der Charlottenburger Ortsteil Westend erhebt, zeigen Photographien aus der Zeit um 1910: dichte Wälder, asphaltierte Straßen, U-Bahnhöfe und S-Bahnhöfe. Viel mehr brauchte es nicht, um hier in den Folgejahren eine rege Bautätigkeit anzufachen, die in einem Tempo ganze Stadtteile aus dem Boden stampfte, wie man es heute nur mehr aus China kennt. Zu den in diesem Zuge entstandenen Ortslagen zählte die anfangs für Beamte reservierte ‘Siedlung Heerstraße‘, die vor einigen Wochen mit einem Straßenfest ihr einhundertjähriges Jubiläum feierte. Auf den Tag genau gratuliert mit einer Ortsbegehung des Berliner Tageblatts vom 29. Oktober 1921. Es liest Paula Leu.
Ep 678Walther Rathenau im Briefwechsel mit Norman Angell
Der britische Schriftsteller, Publizist und Teilzeitpolitiker Norman Angell war ein erklärter Gegner eines Eintritts Großbritanniens in den Ersten Weltkrieg und nach dem Krieg ein ebenso vehementer Kritiker des Versailler Friedensvertrages. Kein Wunder also, dass sein Name in Deutschland einen sehr guten Klang hatte und man sich mit Angell als Gesprächspartner hierzulande gerne schmückte. Auch Walther Rathenau, bis Oktober 1921 Wiederaufbauminister im Kabinett Joseph Wirth, machte diesbezüglich keine Ausnahme. Einen Briefwechsel mit Angell stellte er sogar öffentlichkeitswirksam dem Berliner Tageblatt zum Abdruck zur Verfügung. Aus dessen Ausgabe vom 28. Oktober 1921 liest für uns, beide Rollen, Frank Riede.
Ep 676Sacco und Vanzetti zum Tode verurteilt
Die im Jahr 1927 in Boston vollstreckte Hinrichtung der beiden italienischstämmigen Anarchisten Nicola Sacco und Bartolomeo Vanzetti für ihre angebliche Beteiligung an einem Raubmord zählt nicht erst seit ihrer offiziellen Rehabilitierung durch den Gouverneur von Massachusetts Michael Dukakis fünfzig Jahre später zu den prominentesten Justizirrtümern des 20. Jahrhunderts. Die offensichtlich politische Motivation für das Urteil hat dem Fall eine reiche kulturelle Rezeption beschert und Sacco und Vanzetti post mortem zu viel betrauerten und besungenen Ikonen der politischen Linken gemacht. Dass dieses Engagement indes durchaus bereits ante mortem einsetzte, geht aus einem Artikel der Freiheit hervor, die schon am 27. Oktober 1921 über die damals bereits in der Revision befindliche Verhandlung informierte. Wahrscheinlich aufgrund von Übersetzungsfehlern ist die causa hier zwar kaum wiederzuerkennen. Mit ihrem Urteil über den Charakter des Schuldspruchs lag die Freiheit offensichtlich trotzdem richtig und konnte den Tod der beiden Angeklagten doch genauso wenig verhindern wie alle Petitionen. Für uns liest weder Joan Baez, noch Georges Moustaki, sondern Frank Riede.
Ep 675Liga gegen das Händeschütteln
Eine der durch die Corona-Pandemie erzwungenen Umstellungen im alltäglichen zwischenmenschlichen Kontakt ist das Ersetzen des Händeschüttelns durch eine leichte Verbeugung, ein Nicken, ein Touchieren der Ellbogen oder das Aufeinanderdrücken der geballten Fäuste. Wäre es nach der 1921 in Paris gegründeten „Liga gegen das Händeschütteln“ gegangen, hätte sich die Frage das Händeschüttelns als Virus-Spreader 2020 gar nicht erst gestellt. Den hygienische Aspekt des Gebens der Hände betonte auch schon die besagte Liga, über die am 26. Oktober 1921 die Berliner Volks-Zeitung berichtet. Uns grüßt akustisch Paula Leu und liest den Zeitungsartikel.
Ep 674Karl und Zita in Ungarn
Weit über 600 Jahre hatten die Habsburger über Österreich, mehr als 350 Jahre in Ungarn geherrscht – da kann es schon einmal ein Weilchen dauern, bis man realisiert, dass die Zeiten sich geändert haben. Der vormalige Kaiser Karl und vor allem seine leidenschaftlich monarchistische Ehefrau Zita waren drei Jahre nach ihrer Abdankung noch nicht so weit und unternahmen im Herbst 1921 in Westungarn einen abermaligen Versuch, zumindest die Stephanskrone zurückzuerobern. Die Unternehmung scheiterte, der vermeintlich habsburgtreue Reichsverweser Miklós Horthy höchstselbst schickte, wohl unter dem Druck der Entente, dem Freischärler-Häuflein Seiner Majestät reguläre Truppen entgegen. Der große, später vor allem für sein literarisches wie politisches Engagement gegen die Nazis berühmt gewordene Emil Ludwig nahm das Ende dieses Abenteuers im 8-Uhr-Abendblatt vom 25. Oktober zum Anlass für einen Rück- wie Ausblick. Es liest Frank Riede.
Ep 673Rezept für Reichstagsabgeordnete
Politiker:innen waren schon immer Zielscheiben von Karikaturen und satirischen Angriffen, die ihnen unterstellten, korrupt, rückgratlos oder nur machtgierig zu sein. Ein Beispiel aus Schweden druckte die Berliner Volks-Zeitung am 24. Oktober 1921 ab. Die Anleitung, wie ein Abgeordneter herzustellen ist, gibt uns Paula Leu. Eine wichtige Zutat ist dabei das Pekoralextrakt. Pekoral ist ein schwedisches Wort, das einen pompös und großspurig verfassten Text bezeichnet, der dadurch unfreiwillig lächerlich wird. Wer würde da an Politiker denken…?
Ep 672Rücktritt des Kabinetts Wirth
Die von den Alliierten beschlossene Teilung Oberschlesiens führte auch zu einer Regierungskrise des Kabinetts unter Reichskanzler Joseph Wirth der Zentrumspartei. Wie sollte Deutschland auf die Beschlüsse zu Oberschlesien reagieren? Wirth legte am 22. Oktober 1921 sein Amt nieder. Den Wortlaut seiner an den Reichspräsidenten gerichteten Demission druckte die Vossische Zeitung am Folgetag ab. Tatsächlich wurde umgehend Wirth mit der Bildung einer neuen Regierung betraut. Die Versuche, eine bereitere Koalition zu bilden, scheiterten aber, so dass sich am 26. Oktober das Zweite Kabinett Wirth konstituierte mit leicht abweichender personeller Besetzung aber mit der identischen Parteienkonstellation aus Zentrum, SPD und der Deutschen Demokratischen Partei. Hinzu kam lediglich die kleine Bayerische Bauernpartei, so dass auch dieses Kabinett eine Minderheitsregierung war mit 209 von 459 Sitzen im Reichstag. Für uns liest Frank Riede.
Ep 671Europa und die Welt
Die europäische Nachkriegszeit nach 1918 ist reich an verschlungen miteinander zusammenhängenden regionalen Krisen, über deren Fortgang die Berliner Tagespresse des Jahres 1921 ihre Leserschaft im einzelnen beständig informierte. Einen eher seltenen Versuch, die kompliziert gewordene Weltlage einmal im großen zu reflektieren, unternimmt im 8-Uhr-Abendblatt vom 22. Oktober der ehemalige Staatssekretär im Reichswirtschaftsamt und SPD-Politiker August Müller. Die gesamteuropäische Krise, die er ausmacht, wurzelt natürlich zentral in den Verheerungen des Weltkriegs. Erstaunliche viele Diagnosen über den Verlust der europäischen Hegemonien zielen aber bereits auch auf Globalisierungsentwicklungen, wie man sie teilweise eher in einem Leitartikel von 2021 als von 1921 erwarten würde. Es liest Frank Riede.
Ep 670Spandauer Arbeiter wählen “Knüppel Kunze”!
Richard Kunze, ein völkisch-antisemitischer Publizist, war nach dem Ersten Weltkrieg für die DNVP tätig. Aus der Zeit stammt auch sein Spitzname: Knüppel Kunze, der auf einen Reklameaufruf vor einem Parteitag der DNVP zurückgeht, in dem Kunze für einen bestimmten Gummi-Knüppel warb, der dazu dienen sollten, jüdische Mitbürger zu malträtieren. Kunze organisierte in der Folgezeit dann auch tatsächlich antisemitische Krawalle. Im Februar 1921 gründete er eine eigene Partei, die Deutschsoziale Partei, die bei den Stadtverordnetenwahlen mit 0,7 % ein Mandat erreichte - für Richard Kunze. Der Vorwärts vom 21. Oktober setzt sich mit der für die SPD schmerzlichen Tatsache auseinander, dass Knüppel Kunze eine größere Zahl an Arbeiterstimmen in Spandau bekommen hat, und versucht diese "Anomalie” zu begründen. Für uns liest Paula Leu.
Ep 669Berliner Geigenklänge
Brauwissenschaftler, Gärungschemiker, Marinesoldat, Musikkritiker; gleich 1933 als „Musikbolschewist“ von der Gestapo interniert und gefoltert, auf Fürsprache u.a. von Wilhelm Furtwängler wieder freigelassen; nach dem Krieg zum Professor für Biochemie an der Berliner Universität ernannt und schließlich 1950 zum Direktor des „Instituts für zellphysiologische Krebsforschung“ an die Ost-Berliner Deutsche Akademie der Wissenschaften berufen – das selbst nach Maßstäben des 20. Jahrhunderts bewegte Leben des Fritz Windisch passt auch in Schlagworten kaum in das schlanke Format einer Podcast-Anmoderation. Sehr viel konziser als seine an Brüchen so reiche Vita nimmt sich sein Konzertrundgang durch das Berliner Musikleben in der Freiheit vom 20. Oktober 1921 aus, der sich ganz auf die aktuellen Spuren des alten und ewig jungen Instrumentes der Violine begibt. Für uns folgt diesen Paula Leu.
Ep 668Sieg des Bürgertums?
Was ist die größere Gefahr? Eine starke rotbesockte Linke oder ein erstarken von Rechts-Außen? Vor zwei Tagen hörten wir die Freude der konservativen Presse über die bürgerliche Mehrheit bei den Stadtverordnetenwahlen von Berlin vom 16. Oktober. Heute lassen wir das Organ der SPD, den Vorwärts, zu Wort kommen, das ja trotz des Zeitungsstreiks auch am 19. Oktober weiterhin erschien. Ganz explizit geht der Vorwärts auf die Jubelarien über die konservative Mehrheit ein und warnt, durchaus prophetisch, davor, dass die Gefahr für die Demokratie nicht mehr vom äußeren linken Lager ausgeht, sondern von den monarchistischen, völkischen und antisemitischen Kräften des „Bürgertums“. Für uns liest Frank Riede.
Ep 667Der Streik im Zeitungsgewerbe
Zeitungsstreiks waren im Berlin der 1920er Jahre an der Tagesordnung. Bald aus allgemeinen politischen, bald aus eigenen ökonomischen Interessen verweigerten Drucker, Setzer, Zeitungsausträger in manchen Jahren mehrfach tage- oder wochenweise den Dienst und schnitten die hauptstädtischen Leserinnen und Leser in einem heutzutage völlig unvorstellbar umfassenden Maße vom sonstigen globalen Geschehen ab. Alle Leserinnen und Leser? Nein, die sozialdemokratischen Parteizeitungen Vorwärts und Freiheit bezahlten ihre Angestellten offenbar tatsächlich besser und hielten damit nicht nur seinerzeit den Kontakt zur Welt, sondern trugen unwissentlich auch Sorge dafür, dass dieser Podcast heute und in den nächsten Tagen wie gewohnt erscheinen kann. Der nachfolgende Artikel aus der Freiheit vom 18. Oktober 1921 handelt – natürlich vom neuerlichen Streik im Zeitungsgewerbe. Für uns am Start und nicht im Streik ist Paula Leu.
Ep 666Um die Hegemonie in Groß-Berlin
Am 16. Oktober 1921 fand in Groß-Berlin die Neuwahl zur Stadtverordnetenversammlung statt, die notwendig geworden war, nachdem die Wahl vom Vorjahr aufgrund von Unregelmäßigkeiten für ungültig erklärt worden war. Mit der neuerlichen Abstimmung kam es zu massiven Verschiebungen in der Wählergunst. Die bürgerlichen Blätter jubelten am Folgetag, da eine linke Mehrheit im Stadtparlament, vor Allem durch die Verluste der USPD, nicht mehr gegeben war. Allerdings fußte die „bürgerliche“ Mehrheit nun auf einer erstarkten monarchistisch völkischen DNVP, die drittstärkste Kraft geworden war. Frank Riede liest heute für uns den Kommentar der konservativen Berliner Börsen-Zeitung und von dessen Autor Paul Steinborn auf die vorläufigen Ergebnisse.
Ep 665In Berlins Fischerviertel
Dass die Ursprünge Berlins in der Spreefischerei lagen und es sich bei der nach diesem Berufsstand benannten Fischerinsel um eine der Keimzellen der späteren Metropole handelte, war dieser auch schon vor einhundert Jahren beim besten Willen nicht mehr anzusehen. Das Herz der deutschen Kapitale schlug längst in anderen Stadtteilen, und die damals noch erhaltenen mittelalterlich engen Gassen mit ihrem bescheidenen Wohnkomfort waren eher nur noch Reminiszenz an lange vergangene, kaum mehr erinnerte Kapitel der Stadtgeschichte. Der bezeichnenderweise unter der Rubrik ‘Die Reise nach Berlin‘ angetretene journalistische Ausflug der Berliner Morgenpost vom 16. Oktober 1921 ‘Ins Fischerviertel‘ gibt sich denn auch tatsächlich einem gewissen Reiz des Exotischen hin, wenn er die Berlinerinnen und Berliner an ihre Wiege ruft. Für uns auf Zeitreise begibt sich Paula Leu.
Ep 664Aufstellen statt ausstellen: Georg Kolbe
Dem 1877 geborenen Bildhauer Georg Kolbe widmete im Oktober 1921 die Galerie Cassirer eine Werkschau in ihren Räumlichkeiten. Nicht nur erhielt sein künstlerischer Werdegang dadurch gesteigerte Aufmerksamkeit, die Ausstellung bemühte sich darum, den Vorstellungen des Künstlers entgegenzukommen, indem den Skulpturen der von diesen selbst eingeforderte Raum zur Verfügung gestellt wurde. Die freie Journalistin, Schriftstellerin und Übersetzerin Käthe Miethe schrieb zu der Zeit regelmäßig für die Neue Zeit und am 15. Oktober dort eine Würdigung der Ausstellung, in der sie genau die Frage nach der richtigen Aufstellung der Werke aufgreift. Für uns schlendert Frank Riede durch die Ausstellung.
Ep 663Die Auswirkungen der Teilung Oberschlesiens
Mitte Oktober 1921 waren die Zeitungen beherrscht vom Alliierten Teilungsplan von Oberschlesien. Das spiegelt sich auch in diesem Podcast wider. Am 14. Oktober erinnert die Berliner Morgenpost nochmals an den Ausgang der Volksabstimmung, in den nun Polen zugeschriebenen Gebieten, um die, zumindest aus deutscher Sicht, eklatante Missachtung des Willens der Oberschlesier herauszustellen. Noch viel schlimmer wiegt allerdings für die Mopo der wirtschaftliche Schaden für Deutschland, der durch die Zerschlagung der wirtschaftlichen Verflechtungen in der Region, die insgesamt als Rohstofflieferant für das Deutsche Reich eminent wichtig war, entstehen würde. Für uns liest Frank Riede.
Ep 662Hausfrauenferien
Hausfrau – das galt vor einhundert Jahren noch als einwandfreier (und in den Augen vieler Männer wohl auch den Damen der Schöpfung einzig geziemer) Vollzeit-Beruf. Da es bei dieser Tätigkeit bekanntlich weder Sonn-, noch Feiertage gab und gibt und selbst in der Sommerfrische eingekauft, gekocht und geputzt werden musste, ist das nachfolgende Plädoyer aus dem Neuköllner Tageblatt vom 13. Oktober 1921 von geradezu bezwingender systemimmanenter Logik: Zumindest einmal im Jahr möge auch die deutsche Hausfrau zwecks Erholung von ihrer Familie weg in Hausfrauenferien aufbrechen dürfen. Der gewiss von einem Mann verfasste Artikel kommt so patriarchal wie gönnerhaft daher, verfügt in seinen Schlussüberlegungen über etwaige Vorzüge temporärer räumlicher Distanz für die Beziehungshygiene dann aber überraschend doch noch über eine kleine moderne Pointe. Es liest Frank Riede.
Ep 661Die Teilung Oberschlesiens scheint beschlossen
Am 20. März 1921 hatte die Volksabstimmung in Oberschlesien stattgefunden. Zwar hatte die Mehrheit für einen Verbleib im Deutschen Reich gestimmt, es gab aber auch Kreise mit mehr polnischen Stimmen. In den Folgemonaten berieten der Völkerbundsrat und die Diplomaten der Alliierten ob und was für eine Teilung stattfinden sollte. Im Oktober zeichnete sich deutlich ab, dass der endgültige Beschluss wohl auch wirtschaftlich relevante Teile Oberschlesiens Polen zuschreiben würde. Die Empörung in Deutschland war riesig, das Thema dominierte die Zeitungen und führte direkt zu einer Regierungskrise. Am 12. Oktober 1921 berichtet der Berliner Lokal-Anzeiger von den schicksalhaften Agenden der alliierten Diplomaten. Für uns ist Paula Leu dabei.
Ep 660Wer schützt die märkischen Wälder?
Die Idee des Naturschutzes mag erst im letzten Drittel des 20. Jahrhunderts so richtig Fahrt aufgenommen haben; Vorläufer gab es jedoch auch schon in früheren Zeiten. Der Widerstand gegen eine fortschreitende, ökonomisch motivierte Abholzung des Berliner Umlandes mündete im Jahr 1921 bereits sogar in einem Gesetzentwurf. Die Vossische Zeitung vom 11. Oktober listet noch einmal zahlreiche der ‘Sünden‘ wider den märkischen Waldbestand auf und bekennt sich nachhaltig zu dem Versuch, weiteren auf gesetzlichem Wege vorzubeugen. Es liest Paula Leu.
Ep 659Berlins neues Boulevardtheater
Herzlichen Glückwunsch! Das Theater am Kurfürstendamm, Berlins berühmtestes Boulevardtheater, feiert dieser Tage, im Provisorium Schiller Theater, seinen einhundertsten Geburtstag. Seine bereits einmal im Krieg zerstörte und jüngst im Zuge der Umgestaltung des Ku’damm-Karrees abgerissene historische Spielstätte am namensgebenden Ort galt bei der Eröffnung 1921 als architektonischer dernier cri und machte die Uraufführungsinszenierung Ingeborg von Curt Goetz und mit der großen Adele Sandrock in der Titelrolle zu einem gesellschaftlichen Ereignis im reichen Westen der Hauptstadt. Das war nicht die Welt der USPD-Parteizeitung Freiheit, deren Autor Hans Siemsen sich mit Form wie Inhalt der Veranstaltung denn auch überaus schwertat und in seiner Premierenkritik vom 10. Oktober 192 grundsätzlichen Problemen mit der Idee eines solchen kommerziellen Theaters großen Raum gab. Dass – welche Pointe! – ein sozialistischer Kultursenator 95 Jahre später das nämliche Theater am Kurfürstendamm vor übergriffigen Immobilienhaien retten musste, konnte er nicht ahnen. Für uns spielt die Rolle des hadernden Theaterkritikers Frank Riede.
Ep 658Der müde Tod
Am 6. Oktober 1921 feierte der Film „Der müde Tod“ in Berlin Premiere. Fußend auf einem Märchenstoff erzählt der Film von einer jungen Frau, die ihren Geliebten an den Tod verliert und in der Folge dem Tod abringt, in mehreren in historische Kontexte eingebetteten Episoden, jeweils den Tod des Geliebten zu verhindern, scheitert dabei aber immer wieder an der Niedertracht der Menschen. Der Film bestach durch die aufwändigen Bauten in Babelsberg und Pionierleistungen in der Tricktechnik sowie durch die Bilder des müden Todes, dessen Müdigkeit auf seine Schwerstarbeit während des Ersten Weltkriegs verweist, umgeben vom Lebenskerzen-Meer der Lebewesen. Für den Regisseur Fritz Lang bedeutete der Film internationale Aufmerksamkeit auf seinem Weg zum Weltruhm. Der Filmkritiker des Berliner Börsen-Couriers vom 9. Oktober 1921 war von diesem Film nicht überzeugt und schrieb einen Verriss, den Paula Leu für uns liest. Heutzutage gilt der Film als Klassiker, das stummfilm-magazin.de, das wir allen, die sich für Stummfilme interessieren, nur ans Herz legen können, hat den Film auf seiner Liste der 10 Jubiläumsfilme des Jahres 1921.