
Auf den Tag genau
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Ep 857An der ligurischen Kongress-Küste
Lange Kongresse haben fast immer etwas Quälendes, aber bisweilen auch einen großen Vorteil: Je ergebnisärmer die Verhandlungstage dahinplätschern, desto besser werden die Chancen zumindest für randständigere Teilnehmende, sich gelegentlich auch einmal zu absentieren und die Umgebung zu erkunden. So machte es auch Emil Ludwig, der nach zwei Genueser Tagungswochen – wir berichteten mehrfach – spürbar ermüdet und desillusioniert sich ostwärts wie westwärts an der reizvollen ligurische Küste umtat. Was er dort erlebte, ließ ihn das in seinen Augen unerfreuliche Konferenzgeschehen zwar nicht wirklich verdrängen, aber doch mehr Hoffnung für die Zukunft des europäischen Kontinents schöpfen, als die aktuellen politischen Sitzungen und Papiere. Was er im 8-Uhr-Abendblatt vom 26. April 1922 sonst noch zu Protokoll brachte, weiß Frank Riede.
Ep 856Eine Revolution der Reklame
So mancher Podcast beginnt mit einem von den Podcaster:innen selbst vorgetragen Werbeblock, beinahe jedes Youtubevideo bekommen wir erst zu sehen, wenn wir uns durch die Werbungen geklickt haben, alle öffentlich sichtbaren Flächen sind potentiell Reklameflächen. Wie sehr die Werbung sich auf allen Kanälen ihren Raum verschaffen würde, war 1922 noch nicht abzusehen. Heftig diskutiert wurde damals die Reklame auf Hauswänden, Zäunen und Öffentlichen Verkehrsmitteln. Und doch erkannten einige, noch bevor das Radio zum Massenmedium wurde, das der Hör-Werbung die Zukunft gehört. Satirisch vorgetragen, und dabei wohl eher unwissentlich nah an der zukünftigen Werbe-Realität, finden wir diese Vision im Vorwärts vom 25. April. Paula Leu hat für uns keine akustische Reklame auf den Lippen, sondern nur den gleichnamigen Text.
Ep 855Wechselhaftes Wetter am Hamburger Hafen
Als SPD-Parteizeitung war der Vorwärts der Realität der proletarischen Arbeitswelt seinem Selbstverständnis naturgemäß eng verbunden und gab dieser entsprechend auch immer wieder Raum in seinen täglichen Berichten. Am 24. April 1922 zog es ihn im Zuge dessen nach dem Hamburger Hafen bzw. auf eine daran angeschlossene Werft. Von dort meldet sich der Autor mit zwei kontrastreichen journalistischen Miniaturen zu Wort, die uns zum einen den Einblick in ein vergangenes Industriezeitalter gewähren, zum anderen aber auch eine unverändert aktuelle hanseatische Erfahrung vermitteln: Wenn ausnahmsweise mal kein Schietwetter ist, sondern die Sonne scheint, ist Hamburg eine wunderschöne Stadt! Paula Leu war für uns an der Elbe.
Ep 854Was aus Altpapier geschaffen wird
Was passierte 1922 eigentlich mit all dem Zeitungspapier der über 100 Berliner Tageszeitungen mit oftmals mehreren Ausgaben täglich, nachdem sie gelesen waren? Nur wenige Ausgaben behielten die Bibliotheken, um sie später auf Mikrofiches, Rollfilm oder digitalisiert uns zur Verfügung zu stellen, damit wir jeden Tag einen Artikel auswählen können. Das Gros der Auflage landete wohl als Altpapier auf dem Hof der Papierfabrik, wo es unter anderem auf Restauflagen wissenschaftlicher Publikationen traf, um anschließend zu Packpapier und Pappe verarbeitet zu werden. Das Berliner Tageblatt beschrieb, lange vor der Einführung der Altpapiertonne, die Recyclingprozesse in ihrer Ausgabe vom 23. April 1922. Frank Riede schaut sich für uns in der Papierfabrik um.
Ep 853All-Inclusive in der Sahara
Die Tourismusbranche feiert seit Jahrzehnten – besonders in nordafrikanischen Staaten – riesige Erfolge mit abgeschotteten Urlaubsressorts, in denen die Touristen aus der sog. Ersten Welt sich gemütlich an all-inclusive Buffets mit oftmals aus ihrer Heimat importierten Speisen und Getränken sattessen, ihren eigenen Badestrand haben und Konversation mit anderen Pauschaltouristen betreiben, um hin und wieder eine vom Ressort organisierte Reise auf Kamelen durch die Wüste, oder zu archäologischen Sehenswürdigkeiten zu unternehmen. Davon sind wir 1922 noch weit entfernt. Und dennoch lassen sich Anklänge daran im Bericht des 8Uhr-Abendblattes vom 22. April finden, in dem die Sahara-Oasen als neues Touristenziel vorgestellt werden. Paula Leu schlürft für uns den Champagner in der Wüste.
Ep 852Alfred Polgar braucht keine Bibliothek
„Der leise Meister“ heißt ein Aufsatz, den Marcel Reich-Ranicki einst Alfred Polgar widmete, und tatsächlich ist ein größerer, eleganterer Virtuose der beiläufigen Beobachtung schwerlich denkbar. Polgar braucht weder einen aufregenden Anlass, noch einen spektakulären Gegenstand, noch eine große Form, um literarisch zu eben solcher, nämlich zu großer Form aufzulaufen. Vielmehr entdeckt er das Wesen der menschlichen Welt noch in deren alltäglichsten Erscheinungen. Wer diese Gabe besitzt, braucht wahrscheinlich wirklich keine fette Bibliothek, denn echte Weisheit passt, wie Polgars nachfolgende Überlegungen zur Bibliothek einmal mehr belegen, auch und vielleicht ausschließlich in wenige Zeilen. Abgedruckt hat diese das Berliner Tageblatt vom 21. April 1922, gelesen für uns Frank Riede.
Ep 851Keynes reagiert auf Rapallo
Der britische Ökonom John Maynard Keynes erfreute sich in der deutschen Zeitungslandschaft 1922 einer gewissen Beliebtheit, da er sich deutlich für eine Revision der Reparationsforderungen einsetzte, er den Weg einer langfristigen wirtschaftlichen Schwächung Deutschlands für unsinnig hielt. Während in den Pariser und Londoner Blättern die Empörung über den deutsch-russischen Vertrag von Rapallo hochkochte, französische Politiker laut darüber nachdachten, die Konferenz von Genua platzen zu lassen, meldete sich Keynes mit einem deutlich sachlicheren Blick auf die Ereignisse zu Wort. Das Berliner Tageblatt druckte seine Einschätzung am 20.4. ab mit einer redaktionellen Vorbemerkung, die sich von der dann doch in dem Artikel geäußerten Kritik am Vorgehen Deutschlands, distanziert. Uns lässt Paula Leu an den Ansichten von Keynes teilhaben.
Ep 850Eindrücke aus Hellerau
Hellerau – der Name des beschaulichen Fleckens an der Peripherie Dresdens gilt bis heute als Synonym für die moderne Idee einer Synthese von Kunst und Leben. Zentrale Keimzelle der 1909 im Geiste der Lebensreform gegründeten Gartenstadt war dabei die sogenannte „Bildungsanstalt für Rhythmische Gymnastik“, die der Schweizer Musikpädagoge Émile Jaques-Dalcroze 1911 im heutigen Hellerauer Festspielhaus ins Leben gerufen hatte. Jaques-Dalcroze hatte Hellerau im Zuge des Ersten Weltkriegs bereits wieder verlassen und war auch danach nicht wieder zurückgekehrt. Sein Projekt blühte und gedieh jedoch auch in absentia ihres Erfinders – jedenfalls wenn man einem Bericht des Berliner Börsen-Couriers vom 19. April 1922 Glauben schenken darf. Dessen Autorin Gisella Selden-Goth war selbst eine bedeutende Komponistin und Musikschriftstellerin, die nach ihrer Flucht vor den Nazis u.a. in New York für die Exilzeitung Aufbau schrieb und nach der Befreiung wieder in ihre Wahlheimat Florenz zurückkehrte. Mit ihr in die Straßenbahn nach dem Dresdner Norden begibt sich für uns Frank Riede.
Ep 849Der Vertrag von Rapallo - Deutschland und Russland tun sich zusammen
Die von den Nachbarn beargwöhnte Nähe Deutschlands zu Russland ist zwar kein durchgehendes, aber doch ein wiederkehrendes Thema in den letzten Jahrhunderten europäischer Geschichte. Im Ersten Weltkrieg standen beide Länder ursprünglich noch auf entgegengesetzten Seiten und bekämpften einander an der Front. Nach Deutschlands Kriegsniederlage und der vorangegangenen Implosion des zaristischen Russland in den Revolutionen des Jahres 1917 fanden sich beide einstigen Mächte jedoch als Parias am Katzentisch des Kontinents wieder. Was lag da näher, als sich wieder zusammenzutun? Bereits im Vorfeld der Konferenz von Genua hatte es Schritte der Annäherung gegeben, die jetzt, am Rande der Konferenz und zur großen Überraschung der westlichen Kriegsgewinner, im berühmten „Vertrag von Rapallo“ – einem Vorort von Genua, in den sich die Vertreter beider Staaten am Ostersonntag für ein paar Stunden ‘zurückgezogen‘ hatten – mündeten. Deutschland und Russland normalisierten dort ihre Beziehungen und vereinbarten eine weitreichende Zusammenarbeit. Den Wortlaut dieser (in Deutschland überwiegend begrüßten) Vereinbarungen entnehmen wir der Berliner Volks-Zeitung vom 18. April 1922, es liest Paula Leu.
Ep 848Ist Berlin attraktiv für die Kunstszene? 2/2
„Hemmt oder beeinträchtigt Berlin wirklich das künstlerische Schaffen?“ fragte vor 100 Jahren und einem Tag die Vossische vom 16. April 1922 renommierte in Berlin ansässige Künstler:innen. Gestern hörten wir einen Teil der eingegangenen Antworten und heute, am 1922 zeitungsfreien Ostermontag, reihen sich drei weitere Stimmen ein in das Lob der künstlerisch befruchtenden Metropole Berlin. Frank Riede und Paula Leu verleihen für uns dem Maler Max Pechstein, der Dichterin Else Lasker-Schüler und dem Komponisten Ferruccio Busoni ihre Stimmen.
Ep 847Ist Berlin attraktiv für die Kunstszene? 1/2
Berlin konkurriert sicherlich nicht um den Titel der schönsten Stadt der Welt, kann sich, was die Touristenströme angeht, nicht mit Rom oder Paris messen, und ist definitiv keine reiche Stadt. „Arm aber sexy“ als werbende Charakterisierung der Stadt prägte der ehemalige Bürgermeister Klaus Wowereit. Und damit traf er zumindest für die Kunstszene einen Nerv. Denn, wenn Berlin in weltweiten Ranking-Listen mithalten kann, dann, wenn es um die Attraktivität der Stadt für Künstler:innen und die Lebendigkeit der Kunstszene geht. Diese Anziehungskraft für Literat:innen, Bildende Künstler:innen, Musiker:innen gilt je nach Jahrzehnt, mal mehr, mal weniger als erwiesen. Die Vossische Zeitung machte sich Sorgen um den Ruf der Stadt als Kunstmetropole, da offensichtlich zahlreiche Künstler Anfang der 20er Jahre der Stadt den Rücken gekehrt hatten, und veranstaltete eine Umfrage unter Künstlern mit der Leitfrage: „Hemmt oder beeinträchtigt Berlin wirklich das künstlerische Schaffen?“ Da der 17. April 1922 auf den Ostermontag fiel, erschienen an dem Tag keine Zeitungen, so dass die Sonntagausgabe vom 16.4. beide Tage abdeckte. Wir machen es genauso und teilen die auf die Umfrage antwortenden Künstler:innen auf den heutigen und morgigen Tag auf. Heute machen die Literaten Bernhard Kellermann und Alfred Döblin sowie der Maler Lovis Corinth den Anfang, alternierend gelesen von Paula Leu und Frank Riede.
Ep 846Osterspaziergang in Steglitz
Spätestens seit Goethes Faust haben Osterspaziergänge in deutschen Landen eine gewisse Tradition, und warum sollen sie nicht auch einmal nach Steglitz führen? Immerhin war dort vor einhundert Jahren mit dem Steglitzer Anzeiger eine der anspruchsvolleren Groß-Berliner Vorstadtzeitungen beheimatet, die heute mit ihrem „Osterspaziergang“ bei Auf den Tag genau debütiert. Dass der Artikel sich Goethe-Anspielungen denn auch nicht versagen mag, mutet entsprechend weniger überraschend an als seine Datierung vom 15. April 1922. Das Osterfest fiel 1922 nämlich erst auf den 16. und 17. April, zumindest nach christlichem Kalender. Im kirchenfernen Berlin, respektive Steglitz, huldigte man indes offensichtlich auch bereits vor einhundert Jahren bisweilen lieber den heidnischen Wettergöttern – und feierte die Auferstehung aus dem Jammertal des ostelbischen Winters durchaus schon einmal am Karfreitag. Für uns mitgefeiert hat Paula Leu.
Ep 845Hymne auf Hans Poelzig
Die alte Erkenntnis, dass Propheten im eigenen Land häufig nichts gelten, trifft, neben vielen anderen, auch auf den großen Architekten Hans Poelzig zu, der fast sechzig Jahre alt werden und vor allem im Osten des Reiches zahlreiche bedeutende Bauprojekte realisieren musste, bis man auch in seiner Geburtsstadt Berlin so langsam auf ihn aufmerksam wurde. Erst Ende der 1920er, Anfang der 1930er Jahre verewigte sich Poelzig mit der Neugestaltung des Bülowplatzes (heute Rosa-Luxemburg-Platz) und vor allem dem heute als ikonisch geltenden Haus des Rundfunks auch hier im Stadtbild. Mit ihrer Hymne auf Poelzig als einen der künstlerischen Charakterköpfe des neuen modernen Nachweltkriegs-Berlin vom 14. April 1922 war die Berliner Morgenpost ihrer Zeit mithin weit voraus. Für uns wird sie angestimmt von Frank Riede.
Ep 844Amerika, wie es ißt und trinkt
Mit Hans Goslar kommt bei Auf den Tag genau heute eine weitere Stimme des journalistischen Weimars zu Wort, die nach 1933 gewaltsam unterdrückt wurde und anschließend dem Nazi-Regime zum Opfer fiel. Im Falle des 1889 geborenen Goslar führte der Leidensweg über die Emigration nach Amsterdam, wo seine Familie 1943 verhaftet und ins Konzentrationslager Bergen-Belsen verschleppt wurde. Dort starb Hans Goslar im Februar 1945. 1922 war er, der Nationalökonomie studiert hatte, Leiter der Pressestelle des preußischen Staatsministeriums. Seine auf einer Studienreise in die USA gewonnenen Eindrücke fasste er im Buch mit dem Titel „Amerika 1922“ zusammen. Für die Vossische Zeitung vom 13. April beschrieb er die Ernährungsgewohnheiten der Amerikaner, und damit Schnellrestaurant-Ketten, viele frische Früchte, Milch, offiziell keinen Alkohol, aber vor allem: unglaublich viel Zucker. Für uns tingelt Frank Riede vom Grapefruit- zum Candy-store.
Ep 843Sorgen der Schweiz
Neutral, ergo nicht am Ersten Weltkrieg beteiligt, Bankgeheimnis intakt, ergo massive Geldflüsse in den sicheren Bank-Hafen während des Weltkrieges. Man könnte meinen, dass die Schweiz 1922 wirtschaftlich gut dastand. Jedoch plagten die auf Export ausgerichtete Agrarwirtschaft und Industrie die Krisen und die sinkende Kaufkraft der Nachbarstaaten. Davon berichtet der Vorwärts vom 12. April, sowie, damit verknüpft, von den Hoffnungen der Schweiz auf einen die europäische Wirtschaft stabilisierenden Verlauf der Konferenz in Genua. Paula Leu schaut für uns hinüber zu den Sorgen der Schweiz.
Ep 842Genua - der erste Tag
Bereits seit Tagen überboten sich die Berliner Tageszeitungen in Vorberichten – am 10. April 1922 ging die mit großen Erwartungen befrachtete Wirtschaftskonferenz von Genua endlich los, und weckte in Deutschland ein weiteres Mal Hoffnungen auf eine Neuverhandlung der als ungerecht und unbezahlbar aufgefassten Reparationsauflagen. Allzu viel war bei der feierlichen Eröffnung der Veranstaltung naturgemäß noch nicht passiert, aber das vorherrschende Narrativ der hiesigen Berichterstattung ist bereits im Auftaktartikel der Berliner Volks-Zeitung vom 11. April zu besichtigen: Die deutschen Sympathien galten eindeutig der auf das internationale Parkett zurückgekehrten russischen bzw. nunmehr sowjetischen Delegation, die Rolle des Bösewichts spielten aus Berliner Perspektive weiterhin die Franzosen unter ihrem Hardliner in Reparationsfragen, Ministerpräsidenten Raymond Poincaré. Alle weiteren Details kennt Frank Riede.
Ep 841Mit dem Berliner Hockey-Club in Spanien
Der Berliner Hockey-Club gilt bis heute als erste hauptstädtische Adresse in seinem Sport, und er tat das auch schon vor einhundert Jahren. 1905 gegründet, war der Name des BHC siebzehn Jahre später offensichtlich bereits so klingend, dass seine erste Herren-Mannschaft zu einer ausgedehnten Spanienreise nach Barcelona eingeladen wurde, um sich dort mit den führenden einheimischen Mannschaften zu messen. Gleich mehrere Berliner Zeitungen berichteten von dieser exotisch anmutenden Tour. In der B.Z. am Mittag vom 10. April tat dies ein gewisser Dr. P., von dem wir nicht nur dankenswerterweise einiges über das Drumherum erfahren, sondern aus dessen Spielbericht auch hervorgeht, dass – natürlich, ist man fast geneigt zu sagen – auch damals schon ein Mitglied der legendären Berliner Hockeyfamilie Keller mit von der Partie war. Es handelt sich dabei um den Vater des Olympiasiegers von 1972 Carsten, den Großvater der Olympiasieger Andreas (1992), Natascha (2004) und Florian (2008): Erwin Keller war 1922 zwar erst zarte siebzehn Jahre alt, aber offensichtlich bereits ein Leistungsträger seiner Mannschaft – vierzehn Jahre bevor er mit seiner Silbermedaille bei den Olympischen Spielen 1936 in Berlin die Dynastie der Kellers recht eigentlich begründete. Es liest Paul Leu.
Ep 840Für eine Abschaffung des § 175
Der Paragraph 175, der in seiner Fassung von 1871 die Zitat: „widernatürliche Unzucht, welche zwischen Personen männlichen Geschlechts“ Zitat Ende, unter Strafe stellte, bestand in Abwandlungen bis 1994 fort und ist damit ein dunkles Kapitel der westdeutschen Nachkriegs-Rechtsordnung – zumal die Rehabilitierung der zwischen 1945 und 1994 Verurteilten noch bis 2017 auf sich warten ließ. Heute betreibt die Antidiskriminierungsstelle des Bundes eine Hotline für Betroffene und bietet Entschädigungen für die Opfer des Paragraphen 175 an. Dass der Paragraph juristisch höchst fragwürdig war, war schon vor hundert Jahren offenkundig und Versuche ihn abzuschaffen wurden regelmäßig unternommen. So lesen wir in der liberalen Berliner Volks-Zeitung vom 9. April eine klare Stellungnahme gegen den Paragraphen, die die Menschenverachtung der Justiz, die den Paragraphen zur Anwendung brachte, herausstreicht, die Chancen auf eine Abschaffung aber, leider realistisch, als nicht sehr hoch einschätzt. Wir bringen dieses spannende Zeitdokument, obgleich die Bezeichnungen der Homosexuellen sowie die Ausführungen zu ihrer sexuellen Orientierung für heutige Standards zu Recht als diskriminierend zu betrachten sind. Wir folgen der Argumentation eines Autors, der deutlich für die Rechte der Homosexuellen eintritt, es aber nicht als Widerspruch empfindet, zugleich Deutschland gegen den Vorwurf aus dem Ausland zu verteidigen, die Zahl der Homosexuellen sei in Deutschland besonders hoch. Frank Riede macht dessen Text für uns hörbar.
Ep 839Vor der großen Konferenz von Genua
Friedensverträge gab es nach dem Ersten Weltkrieg eigentlich zur Genüge; da aber jedes Papier immer neue Probleme und Konflikte potenzierte, stapelten sich auch im Frühjahr 1922 die Konferenzen, von denen man sich endlich stabile politische Verhältnisse in Europa erhoffte. Nach weitegehend ergebnislosen Verhandlungen im Januar in Cannes kam man ein Vierteljahr später in noch größerer Runde, das hieß vor allem erstmals auch wieder unter russischer Beteiligung gut zweihundert Kilometer nordostwärts auf italienischer Seite in Genua erneut zusammen, um das durch den Krieg nach wie vor verheerte Wirtschafts- und Finanzleben auf dem Kontinent neu zu organisieren. Bereits vor der großen Politik waren ungezählte Pressevertreter vor Ort eingetroffen, die vor Beginn der Verhandlungen schon einmal einfahrende Züge mit Kongressdelegierten und die diese erwartenden Luxus-Hotels besichtigen. Für uns dabei waren die Berliner Morgenpost vom 8. April 1922 – und Paula Leu.
Ep 838Kreationisten vs. Darwin
Die Darwinsche Evolutionstheorie könne nicht zutreffen, da sie der biblischen Menschheitsgeschichte widerspricht, derzufolge, die Menschen vor wenigen tausend Jahren mit den Dinosauriern zusammenlebten, ehe diese durch die Sintflut beseitigt wurden. Dies behauptet der sogenannte Kreationismus, der auch aktuell für eine Verbannung von Darwin aus den Lehrplänen amerikanischer Schulen kämpft und seine Ansichten in einem riesigen Themenpark in Kentucky, in dem ein maßstabsgetreuer Nachbau der Arche Noah steht, zu veranschaulichen und zu beweisen versucht. Nahezu mit genau diesen Argumenten fand dieser Konflikt um die Bildung der Kinder schon vor 100 Jahren statt. Der Vorwärts berichtet am 7. April 1922 von dem Feldzug des Politikers der Demokratischen Partei William Bryan gegen Darwin. Frank Riede gibt uns Einblick in diesen Jahrhundertkampf zwischen der einzig „wahren, göttlichen Wissenschaft“ und den „schändlichen“ Naturwissenschaften.
Ep 837Frühling auf der Müritz
Wer ist Leila? Wem gehört der Schnauzer Mimili? Und wen überhaupt umfasst das ‘wir‘, von dem hier ständig die Rede ist? Viele Fragen, die unser heutiger, sehr literarischer Text vom „Frühling auf der Müritz“ aus dem Berliner Tageblatt vom 6. April 1922 aufwirft, beantwortet er selbst nicht. Dennoch oder gerade deswegen vermittelt er dichte atmosphärische Eindrücke vom streckenweise offensichtlich noch recht kalten Vorfrühling des Jahres 1922 an der Mecklenburgischen Seenplatte, die wir unserer Podcast-Community nicht vorenthalten wollen. Sein Autor Fred Hildenbrandt war in den 1920er Jahren hochgeschätzter Feuilletonchef des Berliner Tageblatts. Nach 1933 machte er dann eher mit heroischer Erinnerungsprosa an den Ersten Weltkrieg und Drehbüchern zu NS-Propagandafilmen von sich reden. Es liest Paula Leu.
Ep 836Leda und der Schwan und die Zigarette danach
O tempora, o mores! Die Verpackungen von Tabakartikeln, lehrt uns ein Blick in die Vossische Zeitung vom 5. April 1922, waren auch schon vor einhundert Jahren ein Politikum. Wo heute drastische Photographien von künstlich beatmeten Menschen und verkohlten Lungen vor den Gefahren des Rauchens warnen und die Verbraucher*innen vom Kauf des nämlichen Produktes abschrecken sollen, galt der Nikotinismus dabei seinerzeit noch als unschuldiges Laster, das in den buntesten Farben und mit gesundesten Körperbildern beworben werden durfte. Es sei denn, diese Körper waren zu nachlässig bekleidet. Dann waren nicht einmal mythologische Darstellungen des Renaissancemaler Correggio vor der preußischen Sittenpolizei sicher. Ob Leda und Zeus damals in mythischer Zeit ihren Geschlechtsakt mit einer Zigarette danach beschlossen und ob sie dies – nicht auszudenken! – womöglich à poil taten, ließ sich leider nicht zuverlässig ermitteln. Alle weiteren nackten Fakten kennt Frank Riede.
Ep 835Der Einstein-Film
Die Wissenschaftskommunikation ist mittlerweile ein vielfältiges Feld, das zu beackern, zu den Pflichten der Universitäten, Forschungsverbünde, Akademien und sonstiger wissenschaftlicher Institutionen gehört. Podcasts, Science-slams, Diskussionsrunden, Ausstellungen, Webseiten, Interventionen im öffentlichen Raum, Blogs und: Videos. Das Bemühen die wichtigsten Errungenschaften der Wissenschaften, einem breiten Publikum näher zu bringen, existierte auch vor 100 Jahren. Die Theorie der Zeit war zweifellos die Relativitätstheorie von Albert Einstein. Er wurde nicht müde auf Vortragsreisen rund um die Welt zu erklären, was es mit der Relativität auf sich hat. 1922 entstand auch ein erster Erklärfilm dazu, einer der ersten Wissenschaftsfilme überhaupt. Ohne die Beteiligung von Einstein hatte ein Kollektiv von Wissenschaftlern den zu großen Teilen animierten Film erstellt, der jedem die Grundzüge und Grundannahmen erklären sollte. Lange galt er als verschollen, bis 2005 eine britische Kopie, um englische Zwischentitel und Sprechblasen ergänzt, auftauchen. Wenn wir nicht ins Filmarchiv wollen, erfahren wir über den Inhalt nur aus den Rezensionen der Zeitungen – etwa derjenigen aus der Vossischen Zeitung vom 4. April. Paula Leu macht uns schlau.
Ep 834Die sozialistische Weltkonferenz in Berlin
Heute verstehen wir unter “KI" Künstliche Intelligenz und knüpfen - zumindest in einigen Bereichen – ein Heilsversprechen an diese selbstlernenden Systeme. So warten wir etwa auf die KI, die Texte in Frakturschrift automatisch erkennt und transkribiert. Vor hundert Jahren stand “KI” für “Komintern”, also für die “Kommunistische Internationale”, zu der sich 1919, auf Betreiben der Moskauer Bolschewiki, kommunistische Parteien der Welt vereinigten. Nun bestand das Problem darin, dass die KI wiederum auch die "Dritte Internationale” war und nun nach einer Vereinigung mit der “Zweiten Internationale”, der 1889 in Paris gegründeten “Sozialistischen Internationale” strebte, um eine einheitliche Vertretung der Arbeiterschaft, des Proletariats zu schaffen. Doch dann war da seit 1914 noch die Abspaltung von der “Zweiten Internationale”, die als “Zweieinhalbte Internationale” bezeichnet wurde. Anfang April 1922 traf man sich zu Gesprächen in Berlin, um zu sondieren. Folgen wir dem Beobachter des Berliner Tageblatts, das am 3. April berichtete, so verlief der Start, nun ja, holprig. Frank Riede gibt Einblick.
Ep 833Die Stromversorgung von “Groß-Berlin”
Schon vor 100 Jahren war die Erwartungshaltung omnipräsent, dass wenn ein Lichtschalter gedreht wurde, die daran angeschlossene Lampe auch aufleuchtete. Und geschah dieses Wunder der Elektrizität nicht, wurde in Richtung des Elektrizitätswerkes geschimpft. Dabei war die Versorgung der Berliner Industrie und der Privathaushalte mit ihrem stetig steigenden Energiehunger eine komplizierte Herausforderung, über die das Berliner Tagblatt vom 2. April 1922 seine Leser:innen aufklärte. Sie erfuhren, aus welchen Elektrizitätswerken über welche Umspannwerke der Strom die Haushalte erreichte. Sie lasen aber auch den Satz: „Ohne Kohle keine Elektrizität.“ Und der gilt leider noch heute. Paula Leu forscht für uns der Frage nach, wie der Strom in die Berliner Steckdose kam.
Ep 832Schiffe, die nachts miteinander sprechen
Das Wort „wireless“, erfahren wir in unserem heutigen Artikel aus dem 8-Uhr-Abendblatt vom 1. April 1922, ist nicht erst ein Modeanglizismus des 21. Jahrhunderts, sondern elektrisierte auch schon Technikfreaks vor einhundert Jahren. Seinerzeit war man natürlich noch nicht kabellos mit dem Internet verbunden, aber ein Netz war es doch auch, welches die Funktelegrafie über die Welt legte und die Menschen über große Entfernung miteinander global in Kontakt treten ließ. Das galt interessanterweise selbst auf dem Wasser, wo bisweilen wohl die Verbindung zum Festland abreißen konnte, jedoch fast immer die Kommunikation mit anderen Schiffen intakt blieb. Den Erfahrungsbericht eines dänischen Journalisten an Bord der „Peru“ auf ihrem Weg von der englischen Kanalküste nach dem Indischen Ozean teilt für uns, als mitreisender Klabautermann von Auf den Tag genau, Frank Riede.
Ep 830Paris, Bataclan etcetera
Das Pariser Vergnügungsetablissement mit Konzertsaal Bataclan, das in orientalisierender Architektur 1865 errichtet und nach einer Operette von Jaques Offenbach benannt wurde, ist heute ein Ort, der an die Attacken durch den islamistischen Terrorismus in Frankreich erinnern lässt, richtete hier ja während eines Konzerts am 13. November 2015 eine dreiköpfige Dschihadistengruppe ein Blutbad an, bei dem 89 Konzertbesucher starben. Man könnte sagen: Das Ziel war sorgfältig gewählt. Traditionell hatte das Bataclan den Ruf, besonders für das lebensfrohe, libertinäre Partyvolk ein Magnet zu sein. Vor einhundert Jahren zeugt davon der Artikel von Mara Herberg vom 31. März 1922 aus der BZ am Mittag, in dem die Autorin das Leben, die Mode, den wiederkehrenden Luxus von Paris schildert – und eben auch die abendliche Vergnügungssucht. Doch sie ist nicht nur fasziniert von den Parisern und Pariserinnen. Der etwas spöttische Blick läuft auf eine klare Anklage hinaus, auf wessen Rücken die rauschenden Feste im Bataclan eigentlich gefeiert werden. Den Text, in dem Herberg zur Beschreibung des Publikums auf den Straßen von Paris heute zurecht nicht mehr salonfähiges rassistisches Vokabular benutzt, liest für uns Paula Leu.
Ep 831Tristan da Cunha - die einsamste Insel der Welt
Einsame Inseln üben von jeher eine hohe Faszination auf die Phantasie von uns Menschen aus, und die vielleicht einsamste Insel auf dem Erdball überhaupt ist das Eiland Tristan da Cunha, britisches Überseegebiet, heute, 2022, von knapp 250 Einwohnern bevölkert, 3200 Kilometer von der brasilianischen Küste, 2800 Kilometer vom Kap der guten Hoffnung entfernt im Südatlantik ge- bzw. entlegen. Insbesondere Literaten hat es immer wieder hierher gezogen. Von Edgar Allen Poe über Jules Verne bis Primo Levi, Arno Schmidt und Raoul Schrott ist der Dampfer der Weltliteratur auf Tristan da Cunha bald häufiger vor Anker gegangen als die ordinäre Versorgungsschifffahrt. Davon weiß auch die Berliner Volks-Zeitung ein Lied zu singen, die hier am 30. März 1922 angelandet ist. Mit einem dicken Postsack sowie einem englischen Pastor an Bord – und mit Frank Riede.
Ep 829Nabokow sen. stirbt bei Attentat in der Philharmonie
Dass im Berlin 1922 eine große Zahl von Russ:innen lebte, dürfte bekannt sein. Ausgelöst durch die russische Revolution waren etwa erst die Anhänger des Zarentums, später das republikanische, liberale Bürgertum zur Flucht gezwungen und so entstanden in Berlin verschiedene russische Communities. Von der politischen Ausrichtung zu letzterer gehörte Wladimir Dmitrijewitsch Nabokow, der an der republikanischen Regierung nach dem Sturz des Zaren beteiligt war, welcher die Oktoberrevolution ein Ende setzte. Ihm und seiner Familie gelang die Flucht über die Krim und schließlich nach Berlin. Sein Sohn Vladimir, der später als Literat zu Weltruhm gelangen sollte, studierte zu der Zeit in Cambridge und publizierte erste Abhandlungen über Schmetterlinge. Nabokow, der Ältere, hatte einen Vortrag des ehemaligen Außenministers Pawel Miljukow, in der Philharmonie mitorganisiert. Zwei rechtsradikale Monarchisten sahen das als Gelegenheit, sich für den Sturz des Zaren zu rächen und schossen auf Miljukow. Nabokow eilte ihm zur Hilfe und wurde tödlich getroffen. Ein weiterer politischer Mord im Deutschland der 20er Jahre. Die Berliner Börsen-Zeitung vom 29. März 1922 berichtet. Für uns schildert Paula Leu den Hergang der Ereignisse.
Ep 828Karl Kautsky findet Asyl beim Vorwärts
Die Neigung der politischen Linken zu Schismen und Sezessionen war bekanntlich auch schon in den 1920er Jahren voll ausgeprägt. Die Unabhängige Sozialdemokratische Partei Deutschlands (USPD), eben noch aus den Reichstagswahlen 1920 nur gut vier Prozentpunkte hinter den Mehrheitssozialisten als drittstärkste Kraft hervorgegangen, war im Frühjahr 1922 im Begriff, zwischen SPD und KPD zerrieben zu werden und stritt inbrünstig darüber, ob der Ausweg aus diesem Dilemma in einer immer schärferen Abgrenzung zur SPD oder aber, im Gegenteil, in einer Wiederannäherung zu ihr zu finden sei. Gegen die Mehrheit des Parteivorstands vertrat die Parteizeitung Freiheit lange die letztere Linie, weswegen die alte Redaktion Ende März geschasst wurde. Karl Kautsky, ebenfalls Befürworter einer Rückkehr in den Schoß der SPD, konnte seinen Brief zur „Krise der Unabhängigen“ am 28.3. deshalb bereits nicht mehr in der Freiheit veröffentlichen – und fand mit ihm Asyl in der SPD-Parteizeitung Vorwärts. Es liest Frank Riede.
Ep 827Revision des türkischen Friedens
Alle Versuche in Deutschland und Österreich, die als ungerecht empfundenen Friedensverträge von Versailles und Saint-Germain in den Folgejahren durch Nachverhandlungen substanziell zu verändern, waren bekanntlich zum Scheitern verurteilt. Mehr Erfolg war diesbezüglich dem vormaligen Waffenbruder, der Türkei, beschieden. Etwas abseits der weltöffentlichen Aufmerksamkeit hatte der seit 1919 tobende Griechisch-Türkische Krieg die Verhältnisse in Kleinasien militärisch umgekehrt und die anderweitig in Konflikte eingebundenen Alliierten das Interesse an der Durchsetzung der von ihnen im Vertrag von Sèvres niedergelegten Nachkriegsordnung – u.a. ein größeres Griechenland, ein unabhängiges Armenien, die Einrichtung entmilitarisierter internationaler Zonen – hinter andere politische Anliegen zurücktreten lassen. Eine Außenministerkonferenz im Frühjahr 1922 in Paris zeichnete dabei bereits etliche Resultate des später im Jahr ratifizierten revidierten Friedensvertrags von Lausanne vor. Die Vossische Zeitung vom 27. März berichtet - zum Teil unter Verwendung heute nicht mehr gebräuchlicher, als diskriminierend empfundener Begriffe -, es liest Frank Riede.
Ep 826Gänge durch Berliner Bildungsstätten: Die Urania
Zu den traditionsreichsten Berliner Institutionen der Wissensvermittlung zählt ohne Zweifel die Urania. 1888 als erweiterte Volkssternwarte gegründet, entwickelte sie sich schnell zum Anziehungspunkt für naturwissenschaftliche Wissbegier aller Art. Wo Museen in jener Zeit ihre Anschauungsobjekte in der Regel hinter Glas gediegen aufbereiteten, war die Urania von Anbeginn Ort des eigenen Experimentierens und einer unhierarchischen Wissenschaftskommunikation, die sich nicht nur an den akademisch Vorgebildeten, sondern auch an jegliches interessierte Laienpublikum richtete und in ihrer Verbindung aus höchster Kompetenz und Barrierefreiheit weit über Berlin hinaus eine Einrichtung mit Alleinstellungsmerkmal. Der Rundgang der Berliner Morgenpost vom 26. März 1922 ist denn auch weniger kritisch-historische Darstellung denn eine Liebeserklärung. Für uns dargeboten von Paula Leu.
Ep 825Manfred Georg(e) über Witz und Zote
Manfred George alias Manfred Georg, eigentlich bürgerlich Manfred Georg Cohn, gehörte zu den allgegenwärtigsten und vielseitigsten Journalisten im Berlin der Weimarer Republik. Er schrieb Kommentare und Kolumnen für fast alle wichtigen eingesessenen Tages- und Wochenzeitungen der Hauptstadt, wirkte ab 1928 als Feuilletonchef der neugegründeten Zeitung Tempo und verfasste überdies Hörspiele, Biographien und eine Musikrevue. Aufgrund seiner jüdischen Herkunft sowie seiner bekennend republikanischen Gesinnung war George 1933 zur Emigration genötigt, die ihn ausgehend von Prag durch zahlreiche europäische Länder führte, bevor ihm der rettende Schritt in die USA gelang. Hier in New York wurde er zunächst Mitarbeiter, später Chefredakteur der Exilzeitung Aufbau und erlangte darüber auch in der Neuen Welt den Status einer publizistischen Institution. Am 25. März 1922 machte er sich in der Berliner Volks-Zeitung seine Gedanken über ‘Witz und Zote‘, die für uns Frank Riede zum Klingen bringt.
Ep 824Flugzeuglandung auf der Zugspitze
Nachdem die Flugpioniere über die Messung der Flugleistung in Minuten, die sie sich in der Luft gehalten haben, hinaus waren, wurde der Luftraum der Welt erobert. Bekannter sind vielleicht Versuche, große Distanzen mit einem Flug zu überwinden, wie etwa die Überquerung des Atlantiks. Weniger bekannt sind die Herausforderungen durch die Gebirgszüge, derer sich die tollkühnen Männer in ihren fliegenden Kisten annahmen. 1910 gelang der Überflug der Alpen, drei Jahre später waren die Pyrenäen überwunden. Dem Schweizer Francois Durafour gelang eine Gletscherlandung in 4330 Meter Höhe am Montblanc mit erfolgreichem Start und Rückflug. Dies am Gipfel der Zugspitze zu wiederholen, war am 19. März 1922 Franz Hailer gestartet und der waghalsige Flug gelang – zumindest bis zur Landung. Die Zeitungen sind tagelang voll von Berichten und Gesprächen mit Augenzeugen. Wir haben uns für den Artikel vom 24. März 1922 aus dem Berliner Tageblatt entschieden. Paula Leu scheut keine eisigen Luftturbulenzen und fliegt mit.
Ep 823Weltmeisterschaft im Damenfrisieren
Bei den Stichworten Starfriseur und Berlin denken wir unweigerlich an den verstorbenen Udo Walz, den prominenten Friseur der Prominenten. Weniger kommt uns der Name Richard Lorbeer in den Sinn. Dabei hat ebendieser 1922 die in Berlin ausgetragene Weltmeisterschaft im Damenfrisieren gewonnen. Die Berliner Morgenpost begleitet in ihrer Ausgabe vom 23. März diese internationale Leistungsschau, durchaus erfüllt von lokalpatriotischem Stolz, da nicht nur der Erste, sondern auch der Zweite Platz an einen Berliner ging. Frank Riede berichtet für uns von dem Kräftemessen mit Kamm und Brennschere.
Ep 822Das Dirigentenkarussel
Man kennt das Prinzip aus der Politik, aus der Fußball-Bundesliga, aus dem Kulturbetrieb: Ein Funktionsträger gibt irgendwo ein Amt auf und schon setzt ein Dominoeffekt quer durch die Branche ein, in der B auf A, C auf B, D auf C und so weiter folgt. Unser heutiger Artikel aus der Deutschen Allgemeinen Zeitung vom 22. März 1922 bezeugt, dass derlei auch schon vor einhundert Jahren so anders nicht war. Die Suche des Berliner Philharmonischen Orchesters nach einem Nachfolger für seinen verstorbenen Chefdirigenten Arthur Nikisch – wir berichteten – betraf bereits auch damals nicht nur Berlin, sondern schlug Wellen quer durch die deutsche Orchesterlandschaft bis nach Leipzig und München. Dass die Presse ihre Freude an der Spekulation hatte, vermag nicht wirklich zu überraschen. Eher vielleicht schon, dass gefragte Spitzendirigenten auch schon seinerzeit häufig mehrere Chefpositionen an unterschiedlichen Orten zeitgleich ausübten. Mit dem Dirigentenkarussell fährt für uns Paula Leu.
Ep 821Die geheime kommunistische Abhörstation
Einen Spionagethriller haben wir in der heutigen Folge zu bieten. Eine kommunistische Funkstation in einer Privatwohnung, die Funksprüche der Regierung und der Polizei abhörte und wohl nach Moskau weiterleitete. Mitarbeiter der Post schienen auch mit dieser geheimen Zelle verstrickt zu sein. Die Aushebung der Funkstation in der Linienstraße durch die Berliner Polizei und ihre weiteren Ermittlungen zu den Hintermännern und dem kommunistischen Kurierdienst beschäftigten die Zeitungen. So senden wir hier den Zwischenbericht des Berliner Tageblatts vom 21.3.1922, den uns Frank Riede zugefunkt hat.
Ep 820Lohengrin in Karlshorst
Das frühe 20. Jahrhundert war die Hochzeit der Zeitungskultur, und diese blühte beileibe nicht nur in den Metropolen. Auch die Klein-, Mittel- und Großstädte, die 1920 mit Berlin zu Groß-Berlin verschmolzen worden waren, verfügten fast alle über ein oder mehrere Tageblätter bzw. zumindest Anzeiger, die die Bewohner*innen über das Kleine vor Ort und das Große in der Welt Tag für Tag informierten. Ein solches Tageblatt, das Lichtenberger Tageblatt, feiert heute seine Premiere hier im Podcast und verbindet in dem vorliegenden Bericht vom 20. März 1922 Groß und Klein auch in der Sache: Das beschauliche Karlshorst versuchte sich an Richard Wagners romantischer Oper Lohengrin – hatte seine Rechnung dabei aber offensichtlich ohne ein zeitgleich stattfindendes Kirchenkonzert gemacht. Paula Leu hat für uns trotzdem hingefunden.
Ep 819Ganz Berlin dürstet nach Kaffee
Des Berliners Leidenschaft für den Kaffee ist offensichtlich keine Erfindung trendiger Coffee-Hipster des 21. Jahrhunderts. Folgt man der Berliner Morgenpost vom 19. März 1922, dürstete die deutsche Hauptstadt bereits auch schon vor einhundert Jahren buchstäblich nach dem braunen (damals gleichwohl zumeist gewiss noch etwas anders zubereiteten) Heißgetränk. Während des Krieges waren alle Einfuhrwege der geliebten Bohne blockiert gewesen, und jetzt im Frieden blieb sie wegen der Schwäche der Mark für die allermeisten nahezu unerschwinglich. Für den Autor des nachfolgenden Artikels ist dies nicht einfach nur ein Ärgernis. Er macht im ‘Entzug‘ vom Koffein gar schwere Schäden für die allgemeine Arbeitsmoral und die deutsche Volkswirtschaft aus. Für uns frönt dem Koffeinismus: Frank Riede.
Ep 818Das Krematorium in Wilmersdorf
Das deutsche Bestattungsrecht gilt im internationalen Vergleich bis heute als relativ rigide, und das war es erst recht zu Zeiten des Kaiserreiches. Dennoch kam bereits 1911 zu einer gewissen Liberalisierung, als in Preußen die Feuerbestattung prinzipiell zugelassen wurde. Da die Nachfrage von Anfang an groß war und in den Jahren der Weimarer Republik, zumal in Berlin, stetig stieg, reichten die Kapazitäten der Krematorien im Wedding und in Baumschulenweg bald nicht mehr aus, und es wurde eine dritte Einrichtung in Berlin-Wilmersdorf eröffnet. Das Berliner Tageblatt vom 18. März 1922 stellt den neuen Bau vor und klärt auf über Rechtliches und Finanzielles. Es liest Paula Leu.
Ep 817“Der neue Pharao” - Ägyptens (relative) Unabhängigkeit
Waren wir vorgestern in den Sandgruben Brandenburgs mit dem Monumentalfilm „Das Weib des Pharao“ nur virtuell in Ägypten, so wenden wir zusammen mit der DAZ vom 17.3.22 den Blick nach Ägypten dem „neuen Pharao“, wie die Zeitung titelt, zu. Das Land, mit dem für den Welthandel wertvollen Suez-Kanal, war seit 1882 bis 1914 de facto ein besetztes Gebiet Großbritanniens, das die Verwaltung organisierte und über die wirtschaftlichen Angelegenheiten bestimmte. Daran änderte sich nicht viel, als Ägypten 1914 zu einem Sultanat wurde: es blieb britisches Protektorat. Erst im Februar 1922 erlangte es die Unabhängigkeit und am 15. März rief sich Fuad I. zum König aus – natürlich behielten sich die Briten einige Rechte vor, wovon auch Frank Riede zu berichten weiß.
Ep 816Was kein menschliches Ohr zuvor gehört hat
Anfang der Zwanziger-Jahre waren weiteste Teile der Welt erkundet, der Nord- und Südpol waren erobert worden, der Raum der Erde war durchschritten, durchfahren oder durchflogen. Doch es gab noch ganz andere Bereiche, in die noch kein Mensch gedrungen war, um deren Eroberung sich die Naturwissenschaften bemühten. In diesem Zusammenhang sorgte im März 1922 eine technische Innovation in allen Zeitungen für Furore, die das menschliche Ohr weiterbringen sollte. Bezeichnet wurde das Gerät als Radiophon und machte die leisesten Geräusche der Natur so laut, dass sie jeder vernehmen konnte. Der Vorwärts vom 16. März berichtet begeistert von diesem Sprung in den bislang ungehörten akustischen Raum. Für uns hört Paula Leu das Gras wachsen.
Ep 815Das Weib des Pharao
Auch in den Zwanziger Jahren gab es schon so etwas wie Blockbuster-Kinofilme, die mit enormem Aufwand, Tausenden von Komparsen, riesigen Kulissen und Filmstars in den Hauptrollen gedreht wurden. Und schon damals zeichnete sich ab, dass der fruchtbarste Boden für diese Filme der US-Amerikanische Markt war. Ernst Lubitsch drehte 1921/22 den Sensationsfilm „Das Weib des Pharao“, einen der aufwändigsten deutschen Filme bis dahin. Heere von Statisten stellten in einer Sandgrube in Brandenburg die Schlacht der Nubier gegen die Ägypter nach; in der Gegend des heutigen Insulaners, damals eine Dünenlandschaft, wurden riesige Tempelanlagen erbaut. Premiere feierte der Film im Februar in New York, bevor er am 14. März in Berlin zum ersten mal in Deutschland aufgeführt wurde. Das Kalkül ging zumindest für Lubitsch auf, der anschließend nach Hollywood auswanderte. Für das Berliner Tageblatt vom 15.3. war der große Theaterkritiker Alfred Kerr im Kino. In seiner Rezension macht er sich, wenig überraschend, über die hanebüchen zusammengefügten großen Emotionen und Actionsequenzen des Films lustig, indem er nur selektiv auf die unzähligen Spannungspunkte eingeht. Den sehr eigenwilligen und eliptischen Text rezitiert für uns Frank Riede.
Ep 814Südafrika am Rande des Bürgerkriegs
Südafrika war auch schon vor einhundert Jahren ein an Bodenschätzen reiches Land. Und ein tief rassistisches zudem. Die Besitzer der Kohlegruben und Goldminen waren selbstverständlich alle weiß, die Arbeiter in diesen Kohlegruben und Goldminen ethnisch gemischt; wobei allerdings die weißen Arbeiter deutlich besser entlohnt wurden als die Schwarzen. Dass die Unternehmer dies über Nacht plötzlich ungerecht fanden, darf wohl ausgeschlossen werden; eher muss man davon ausgehen, dass der folgende Bericht aus der Freiheit vom 14. März 1922 von klassischem Lohndumping handelt. Die Streiks der weißen Bergarbeiter gegen die Absenkung ihrer Löhne brachte das Land am Kap auf jeden Fall an den Rande eines Bürgerkriegs, von dem für uns Paula Leu berichtet.
Ep 813Antisemitische Ausschreitungen auf dem Kurfürstendamm
Antisemitismus war in den 1920ern ein fast allgegenwärtiges Phänomen. Aber dass ein deutschnationaler Mob dafür pöbelt und prügelnd den bürgerlichen Kurfürstendamm zu seiner Bühne machte, das las man dann doch zumindest 1922 noch nicht alle Tage in der Zeitung. Ausgangspunkt war eine eher unverfängliche Kundgebung von Mittelstandsvereinigungen gegen die Steuerpolitik der Reichsregierung im Lustgarten. Aus dieser heraus formierte sich im Anschluss anscheinend eine zahlenmäßig nicht unbedeutende Schar von überwiegend jugendlichen Rechtsextremisten in Pogromstimmung, derer die unterbesetzte Berliner Polizei nur mit Mühe Herr wurde. In der Berliner-Volks-Zeitung – die in ihrer Ausgabe vom 13. März 1922 immerhin als eine der wenigen hauptstädtischen Blätter überhaupt ausführlich über die Vorfälle berichtete – ist in naiver Verkennung von Radaubrüdern die Rede. Aus dem historischen Rückblick erkennt man indes deutlich die Bezüge in Richtung 1933, 1938 und darüber hinaus. Es liest Frank Riede.
Ep 812Joseph Roth über Wolkenkratzer
Immer wieder berichten wir in diesem Podcast von Hochhausprojekten, mit denen das Deutschland des Jahres 1922 den Anschluss an die städtebauliche Avantgarde, mit einem steten Blick nach Amerika, suchte. Ging es bislang um architektonische Entwürfe, Wohnungsknappheit, Bebauungsorte und Brandschutz, weitet Joseph Roth heute mit seinem Artikel aus dem Berliner Börsen-Courier vom 12. März 1922 den Blick auf die Gesellschaft und mögliche revolutionäre Implikationen einer „Wolkenkratzer-Kultur“. Wir bringen dieses spannende Dokument in voller Länge, möchten aber darauf hinweisen, dass Roth bei seiner Beschreibung der Unterhaltungsmusik eine rassistische Bezeichnung gebraucht. Paula Leu fährt mit uns zu den Wolken.
Ep 811Im Leichenschauhaus
Die 1920er Jahre waren natürlich nicht identisch mit dem heutigen Klischee über sie, aber manchmal findet sich einiges von diesem dann doch auch in den historischen Zeitungen. Unser heutiger Artikel aus der Deutschen Allgemeinen Zeitung vom 11. März 1922 begibt sich in ein Leichenschauhaus und wartet dort mit viel typisch-düsterem Zeitkolorit auf, wie es nicht zuletzt aus Serien wie Babylon Berlin kennen. Darüber hinaus handelt der Artikel aber auch davon, wie dicht kalter Tod und pulsierendes Leben nebeneinander liegen – nicht nur aber ganz besonders im Berlin der 1920er Jahre – es liest Frank Riede.
Ep 810Skispiele am Holmenkollen
Weshalb sich die Schauspielerin Johanna Terwin, die Ehefrau Alexander Moissis, im Frühjahr 1922 in Christiania, dem heutigen Oslo, eigentlich aufhielt, verrät uns der Artikel aus der B.Z. am Mittag vom 10. März nicht. Auf jeden Fall verdanken wir ihr einen höchst anschaulichen, farbenfrohen Bericht über ein norwegisches Nationalspektakel, das auch noch heute Jahr für Jahr um dieselbe Zeit die Augen der sportinteressierten Weltöffentlichkeit zum Holmenkollen, der legendären Skisprunganlage im Nordwesten Oslos, richten lässt. Die Weiten sind heute andere, die Zahl der Stürze hat sich deutlich reduziert, und Mitglieder des Königshauses sieht man mittlerweile eher nur noch auf der Tribüne – ansonsten mutet das Bild der so erfolgreichen, wie begeisterten, wie sympathischen Wintersportnation Norwegen, das die Terwin zeichnet, allerdings seltsam vertraut an. Für uns stürzt sich Paula Leu vom Bakken.
Ep 808Ihr seid das Ruhrgebiet!
Die Städte des Ruhrgebiets befinden sich ausnahmslos in einem Jahrzehnte langen Transformationsprozess, der die Strukturen aus der Zeit der kohlefördernden und Stahl produzierenden Industrie in die auf der digitalen Revolution basierende Wirtschaft überführen soll. Egal ob in Duisburg, Dortmund, Essen, Bochum oder Castrop-Rauxel, überall gibt es Renaturierungsprojekte der Industriebrachen, die Umwandlung der Bergwerke zu Kulturzentren und die Ansiedlung neuer Wirtschaftszweige in Technologieparks. Vor einhundert Jahren war das Ruhrgebiet, verstärkt durch die Abtretung von Teilen des oberschlesischen Bergbaus an Polen, der eigentliche Motor der deutschen Wirtschaft und wuchs kontinuierlich. Die Ansiedlung neuer Arbeiter und die Erschließung immer neuer Kohlefördergebiete, stellten eine Herausforderung für die Stadtplaung und die Infrastruktur dar. Eingemeindungen und Zusammenschlüsse waren auf der Tagesordnung. Von diesem Strukturwandel berichtet das Berliner Tageblatt vom 9. März 1922. Frank Riede liest.
Ep 809Hermes und der gute Wein
Schmiergelder, Aufsichtsratsposten, Bobbycars – Geschenke an Politiker und der dahinter lauernde Verdacht der Bestechlichkeit sind ein zeitloses Thema. Auch die investigative Presse der jungen Weimarer Republik sah es in diesem Sinne vornehmerweise als ihre Aufgabe an, entsprechende Verfehlungen aufzudecken. Im konkreten Fall ist es die USPD-Parteizeitung Freiheit, die in ihrer Ausgabe vom 8. März 1922 den amtierenden Reichsfinanzminister Andreas Hermes mit einem im doppelten Sinne delikaten Vorwurf konfrontiert: Er soll noch in seinem vorherigen Amt als Reichsminister für Ernährung und Landwirtschaft etliche Flaschen edlen rheinischen Weines privat zu Dumping-Preisen bezogen haben. Was an dem Verdacht dran war, konnte das Recherchenetzwerk Auf den Tag genau kurzfristig leider nicht ermitteln. Unbedingt hingewiesen sei von unserer Seite jedoch darauf, dass sich Hermes in seinem weiteren Leben sehr wohl als Ehrenmann präsentierte. Wegen seines Widerstandes gegen das NS-Regime war er gleich mehrfach inhaftiert. Vor der Vollstreckung eines Todesurteils wegen seiner Verbindungen zum 20. Juli bewahrte ihn nur die Befreiung Berlins durch sowjetische Truppen. Es liest Frank Riede.