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Auf den Tag genau

Auf den Tag genau

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Ep 957Zum Tode Minna Cauers

„Wir enden tragisch und leiden ein Martyrium, wenn wir die Zukunft zu früh in die Gegenwart hineintragen wollen.“ So wird Minna Cauer zitiert, die Vorkämpferin der Frauenrechte in Deutschland, die im Alter von achtzig Jahren am 3. August 1922 in Berlin verstarb. Zu ihren Lebensprojekten gehörte das Frauenwahlrecht, die Unterstützung lediger Mütter, die freie Berufswahl der Frauen und das journalistische Organ „Die Frauenbewegung“, um publizistisch für diese Themen zu werben. Eigentlich im Bürgertum verwurzelt, gab sie in ihren letzten Lebensjahren die Hoffnung auf die bürgerlichen Parteien auf, denen der Mut zum Fortschritt fehlte und näherte sich der Sozialdemokratie an. Zahlreiche Zeitungen widmeten ihr Nachrufe. Frank Riede liest für uns den entsprechenden Text aus der Berliner Morgenpost vom 4. August.

Aug 4, 20224 min

Ep 956Italien am Rande des Bürgerkriegs

Nicht nur in Deutschland stand die junge Republik im Sommer 1922 unter schwerem Druck. Noch dramatischer stellte sich die Situation damals in Italien dar. Dass die parlamentarische Demokratie dort vor dem Zusammenbruch stand; dass sich die beiden großen Blöcke, Sozialisten und Faschisten, unversöhnlich auf eine bürgerkriegsähnliche Konfrontation zubewegten; dass die Faschisten, im Unterschied zu den Sozialisten, in großer Zahl bewaffnet waren und dass mit deren Machtübernahme entsprechend kurzfristig gerechnet werden musste, war Anfang August offenbar bereits weithin absehbar. Das Neuköllner Tageblatt im fernen Berlin sah die Entwicklung bis hin zum sogenannten ‘Marsch auf Rom‘ jedenfalls schon am 3.8. ziemlich präzise voraus. Es liest Paula Leu.

Aug 3, 20225 min

Ep 955Ödipus in Nimes

Südfrankreich ist reich an alten römischen Theatern und Arenen. Was läge also näher, als sie des Sommers in lauen Nächten künstlerisch zu bespielen? Nichts, lautete die Antwort auch schon vor einhundert Jahren, und so machte sich damals sogar das Ensemble der altehrwürdigen Comédie Française auf und tourte durch den Midi. Mit dabei war zeitweise offensichtlich auch ein Journalist der Londoner Times, dessen Bericht über den Ödipus des Sophokles in Nimes wiederum der Berliner Börsen-Zeitung vom 2. August 1922 eine kurze Nachricht wert ist. Für uns liest diese: Frank Riede.

Aug 2, 20223 min

Ep 954Das Flutkraftwerk Husum

Die Bemühungen, die in der Verschiebung von Wassermassen durch Ebbe und Flut enthaltene Energie zu nutzen, reicht weit in die Geschichte zurück. Bereits im 17. Jahrhundert wurden am Ärmelkanal von den Gezeiten angetriebene Mühlen erbaut. Die Umwandlung des Tidenhubs in elektrische Energie ist, so steht es in den einschlägigen Artikeln, seit der Eröffnung des Kraftwerks in St. Malo, Frankreich im Jahre 1966 Realität. Übersehen wird dabei die Pioniertat des Ingenieurs Emil Pein, der bei Husum bereits 1912 ein Probe- und Beweisflutkraftwerk aufgebaut hatte, mit dem er die Vertreter der Politik überzeugen wollte, dass es sich lohnen würde, ein solches Werk in größerem Maßstab zu bauen. Der Erste Weltkrieg beendete diese Bemühungen. Doch das Thema wurde nach dem Krieg wieder aufgenommen, wie der heutige Artikel aus dem Berliner Börsen-Courier belegt, den Paula Leu für uns liest.

Aug 1, 20225 min

Ep 953Triumphator Hitler

Wer, wie wir in diesem Podcast, eine Zeitreise in und durch die 1920er Jahre antritt, weiß, dass irgendwann unvermeidlich der Tag kommt, an dem ein gewisser Adolf Hitler aus Braunau am Inn auch unsere Bühne betreten wird. Dieser Tag ist – heute. Zum ersten Mal seit Beginn unserer Recherchen ist uns in der Vossischen Zeitung vom 31. Juli 1922 ein Artikel ins Netz gegangen, der den Namen Hitler nennt, und das auch gleich in der Überschrift. Hintergrund sind wieder einmal die speziellen politischen Umstände in Bayern, die in diesem Fall eine Abschiebung des in München längst berüchtigten Agitators Hitlers als „lästiger Ausländer“ verhindert haben und jetzt im Sommer 1922 dazu führten, dass eine mehrmonatige Haftstrafe Hitlers bereits nach wenigen Wochen zur Bewährung aufgehoben wurde. Die Vossische beklagt diesen frühen Triumph Hitlers in einer kurzen, aber unmissverständlichen Notiz. Es liest Frank Riede.

Jul 31, 20224 min

Ep 952Der ULAP - ein Vergnügungspark mitten in der Stadt

Den Lunapark am Halensee kennt auch heute noch, wer sich nur ein bisschen für berlinische Geschichte interessiert. Was aber bitte war der ULAP? Der Universum Landes-Ausstellungs-Park, so der vollständig ausbuchstabierte Name, war in der Tat auch ein Vergnügungspark, der am 1. Juli 1922 an durchaus innerstädtisch-lukrativem Standort in und um das Areal des heutigen Hauptbahnhofs herum entstand. Wo sich zuvor Gewerbeanlagen und ein Messegelände befanden – und die Nazis später ein Foltergefängnis errichten sollten –, kreisten für wenige Jahre Karussells, Teufelsrad und Alpensturzbahn nebst sonstigem Jahrmarktstamtam und offensichtlich viel Alt-Berliner Kulisse, bevor die Betreibergesellschaft bereits 1925 wieder insolvent ging. Die Freiheit hat es sich nehmen lassen, kurz nach der Eröffnung einmal vorbeizuschauen und ihre sanfte Skepsis in der Ausgabe vom 30. Juli zu Protokoll zu geben. Für uns hat Paula Leu auf dem Rummel ihre Runde gedreht.

Jul 30, 20225 min

Ep 951Wanderausflug nach Teltow

Besonders die Arbeiterzeitungen boten ihrer Leserschafft, bei der man davon ausgehen konnte, dass sie sich keine kostspieligen Reisen quer durch Deutschland, geschweige denn ins Ausland, leisten konnte, immer wieder Ausflugstipps und Wanderrouten-Empfehlungen rund um Berlin. Am 27. Juli 1922 empfiehlt der Vorwärts eine Wanderung nach, durch und um Teltow. Angesichts der verregneten Ostseesaison des Jahres waren die wanderfreudigen Leser:innen vielleicht mit Teltow sogar bestens bedient. Frank Riede steigt auch in Zehlendorf aus und wandert mit.

Jul 29, 20224 min

Ep 950Verregnete Osteesaison

In den Zeiten des 9-Euro Tickets und des heißen Sommerwetters würde eine Zeile, wie wir sie im Berliner Tageblatt vom 27. Juli 1922 finden, verblüffen: “Die Züge, die nach der Ostsee fahren, sind dünn besetzt.” Das anhaltend schlechte Wetter bremste 1922 offensichtlich den Touismus erheblich. Lediglich im vom Meereszugang abgeschnittenen Böhmen war der Leidensdruck so groß, dass seine Bewohner:innen trotz des Dauerregens an die Osteseebäder strömten. Paula Leu liest.

Jul 28, 20223 min

Ep 949Russland und die baltischen Staaten

Die Frage nach dem Verhältnis des großen Rußland zu seinen kleinen baltischen Nachbarn ist dieser Tage im Sommer 2022 von bekanntermaßen bedrückender Aktualität. Auch vor einhundert Jahren, kurz nach der Unabhängigkeit von Estland, Lettland und Litauen im Zuge von Weltkrieg und russischen Revolutionswirren war die Lage nicht einfach. Zwar, erfahren wir am 27. Juli 1922 in der Deutschen Allgemeinen Zeitung aus Moskau, dass sich beide Seiten gute Beziehungen wünschen und versprechen. Eine hinterhergeschickte zweite kurze Depesche aus Petersburg deutet aber an, dass die Situation wirklich entspannt auch damals nicht war. Es liest Frank Riede.

Jul 27, 20223 min

Ep 948Aus dem dunklen Berlin

Der Eindruck, dass früher die Verbrechen nicht so häufig geschahen und auch selten so schlimm waren, ist eine der Konstanten gesellschaftlicher Selbstwahrnehmung. Wird in diesem Kontext oft mit einzelner anekdotischer Evidenz von besonders krassen Verbrechen argumentiert, so schaute der Berliner Börsen-Courier am 26. Juli 1922 zumindest in die Statistiken der Polizei, um den Eindruck zu untermauern. Obgleich Paula Leu für uns nun viele Zahlen verlesen wird, sind die Kategorien der Verbrechensstatistik doch interessant. Es verblüfft die Zahl der Fälle von Gefangenenbefreiung, hingegen gab es schon damals die vielen polizeilichen Verfolgungen von Schwarzfahrern.

Jul 26, 20225 min

Ep 947Die Ampel wird geboren

Wie lässt sich der Straßenverkehr regeln, damit er etwa an Kreuzungen sicherer und effizienter abläuft, wie lassen sich Übergangsstellen für Fußgänger schaffen? Der Direktor des New-Yorker Verkehrswesens kam im Juli 1922 nach Berlin um eine bahnbrechende Idee vorzustellen: Steuerung des Verkehrs durch Lichtsignale. Seine „Ampeltürme“ sollten auch in Berlin ausprobiert werden. Das Berliner Tageblatt berichtete in ihrer Ausgabe vom 25. Juli interessiert darüber und im Aufnahmestudio gibt es grünes Licht für Frank Riede.

Jul 25, 20226 min

Ep 946Bayern vor dem Staatsstreich?

Bayern war während der Weimarer Jahre zweifellos so etwas wie der ‘weiche Bauch‘ der Republik. Nicht nur, wie überall in Deutschland, antidemokratische Kräfte, sondern zusätzlich auch separatistische Strömungen destabilisierten den Freistaat dauerhaft und darüber mittelbar immer auch das Reich. Auch die 1922 nach dem Attentat auf Walther Rathenau erhobenen Verordnungen zum Schutz der Republik fanden in Bayern keine Mehrheit, weshalb das Kabinett des Ministerpräsidenten von Lerchenfeld in eine schwere Regierungskrise schlitterte und Sorgen vor einem Staatsstreich die Runde machten. Das Berliner Tageblatt vom 24. Juli zitiert, was die bayerischen Tageszeitungen dazu verlautbarten. Es liest Paula Leu.

Jul 24, 20224 min

Ep 945Mord und Gift - Fedora im Residenz-Theater

Sommerzeit ist eigentlich und war auch schon vor einhundert Jahren Theaterferienzeit, aber das galt selbstverständlich nie für alle. Wo heutzutage mit der Spielzeitpause der Stadt- und Staatstheater vor allem die Stunde der Freiluft- und Off-Ensembles schlägt, hatten früher die Boulevardbühnen im Sommer die Aufmerksamkeit des Publikums weitgehend für sich. Der französische Autor Victorien Sardou ist uns heute überwiegend nur mehr als Librettist von Jacques Offenbach und als Stichwortgeber für Giacomo Puccinis Tosca ein Begriff. Er hinterließ jedoch auch etliche Lustspiele und Dramen für die Sprechbühne, von denen eines, Fedora (seinerseits die Vorlage für die gleichnamige Oper von Umberto Giordano) 1922 nach längerer Zeit mal wieder in Berlin gegeben wurde. Was die Berliner Volks-Zeitung vom 23. Juli von dieser Wiederentdeckung hielt, weiß Frank Riede.

Jul 23, 20225 min

Ep 944“Die kühle Blonde” und Spree-Athen

„Kühles Blondes“ als Bezeichnung für ein Bier hat unverkennbar eine sexistische Note. Um die geht es im Artikel vom 22. Juli aus dem Vorwärts nicht, sondern um das Verhältnis der Berliner zu verschiedenen Biersorten und zum eigentlichen Bier der Stadt: der Berliner Weißen, die wohl gar nicht in Berlin erfunden worden ist. Paula Leu betätigt sich für uns als Bierhistorikerin.

Jul 22, 20224 min

Ep 943Blutwurst im Sommer

Nicht alle werden es wissen, aber Berlin ist bis heute eine veritable Blutwurst-Metropole! Gegen die vermeintlich übermächtige Konkurrenz der französischen Charcuterien hat eine alte Neuköllner Manufaktur in den vergangenen Jahren gleich mehrfach den begehrten Europameistertitel davongetragen und setzt damit, wie wir aus der Berliner Volks-Zeitung vom 21. Juli 1922 erfahren, eine lange berlinische Tradition fort. Damals freilich ging es noch nicht um gastronomische Trophäen und auch nicht um Nachhaltigkeit bei der Tierverarbeitung aus ökologischen, sondern aus sehr handfesten sozialen und ökonomischen Gründen, die mitunter in Nachkriegsjahren auch alte jahreszeitliche Gewohnheiten über den Haufen warfen. Das Wort hat Paula Leu.

Jul 21, 20223 min

Ep 942Skorbut

Beim Stichwort Skorbut denken wir an durch Mangelernährung gepeinigte Besatzungen der Segelschiffe von Weltendeckern oder von Piraten. Für die medizinischen Korrespondenten der Vossischen Zeitung vom 20. Juli 1922 drohten Ausbrüche von dieser Vitaminmangelkrankheit auch auf dem Festland bei der immer noch unterernährten Bevölkerung. Frank Riede warnt zusammen mit ihnen die Politik vor einer möglichen Epidemie.

Jul 20, 20224 min

Ep 941Der Palast des Minos auf Kreta

In ihren Anfängen im späten 18. und 19. Jahrhundert war die Archäologie naturgemäß noch weit davon entfernt, als moderne Wissenschaft praktiziert zu werden. Ihre Pioniere waren häufig – wie etwa Heinrich Schliemann – Seiteneinsteiger, die die Begeisterung für die Antike ihre bürgerlichen Berufe aufgeben und die Erde aufreißen ließ. Der Engländer Arthur Evans wurde zwar bereits in eine Archäologenfamilie hineingeboren. Seine Ausgrabung des berühmten minoischen Palastanlage Knossos unweit der der kretischen Hauptstadt Iraklion gilt wegen der anschließenden eigenwilligen Rekonstruktion, die Evans vornahm, heute gleichwohl als Kuriosum – freilich als ein sehr publikumswirksames. Das ahnte auch schon die Berliner Börsen-Zeitung vom 19. Juli 1922, aus der für uns Paula Leu liest.

Jul 19, 20225 min

Ep 940Der Tod der Rathenau-Mörder

„In den Zeiten des Verrats sind die Landschaften schön", heißt es in einem Gedicht von Heiner Müller. Tatsächlich versteckten sich die beiden Rathenau-Mörder Erwin Kern und Hermann Fischer nach der Tat in einer der wohl lieblichsten deutschen Landschaften auf einer Burg im Saaletal, wo ein Netz aus Helfern sie wochenlang deckte und anscheinend nur ein Zufallshinweis sie doch auffliegen ließ. Im Artikel aus der B.Z. am Mittag vom 18. Juli 1922 ist noch von einem dem polizeilichen Zugriff zuvorkommenden Doppelselbstmord der beiden Rechtsterroristen von der Organisation Consul die Rede. Heute weiß man, dass nur Fischer sich selbst richtete, während Kern – der auch ein Mitglied der nach dem Korvettenkapitän Hermann Ehrhardt benannten Marine-Brigade-Ehrhardt war – wohl doch bei einem Schusswechsel mit Kriminalbeamten ums Leben kam. Es liest Frank Riede.

Jul 18, 20224 min

Ep 939Shopping beim Warten auf die Tram

Woran könnten auf die Straßenbahn Wartende interessiert sein? Dach über dem Kopf? Zeitung kaufen? Vielleicht sonst etwas erwerben? Oder Telefonieren? Ein Geschäftsmann beantwortete alle diese Fragen mit „Unbedingt!“ und schloss einen Vertrag mit den Verkehrsbetrieben, Wartehallen an Verkehrsknotenpunkten zu erbauen, die genau dies ermöglichen sollten. Die DAZ berichtet in ihrer Ausgabe vom 17. Juli darüber, für uns präsentiert Frank Riede diese unternehmerische Vision.

Jul 17, 20222 min

Ep 938Chaplin, Polardrama und der Gentleman-Gauner

Heute gehen wir mit der Berliner Börsen-Zeitung vom 16. Juli 1922 zu den Filmpremieren ins Kino. Ein Programm mit vier kürzeren Charlie-Chaplin Filmen regt den Rezensenten zu der zeitlosen Reflexion an, was Chaplins Komik so einzigartig macht. Ein weiterer Film mit besonderen lebendigen Schauwerten wird mit sog. Schwedenfilmen verglichen - nach dem kriegsbedingten Wareneinfuhrverbot kamen 1921/22 innerhalb kürzester Zeit 20 abendfüllende skandinavische Produktionen in die deutschen Kinos, die rasch als besonders künstlerisch und ästhetisch Wertvoll angesehen wurden, weshalb “Schwedenfilm” zu einem Qualitätslabel wurde. Und schließlich bespricht der Kritiker einen Film, der offensichtlich zu der „Stangenware“ der Zeit gehörte. Für uns war Frank Riede in den Filmpalästen.

Jul 16, 20225 min

Ep 937Der Heilige Stuhl zur Palästinafrage

Das Verhältnis des Vatikan zum Staat Israel gilt seit eh und je als kompliziert; erst seit 1994 unterhält man überhaupt diplomatische Beziehungen. Streitpunkt zuvor waren lange der Status von Jerusalem und die Kontrolle über die heiligen christlichen Stätten, und dieser Konflikt reicht, wie unser heutiger Artikel aus der Deutschen Allgemeinen Zeitung vom 15. Juli 1922 belegt, sogar bereits weit in die britische Mandatszeit über Palästina zurück. Schon damals wollte Rom im ‘Heiligen Land‘ gerne mitreden und beobachtete alle britisch-zionistischen Annäherungsversuche mit Argwohn. Von den Muslimen im Land ist in dem Artikel nur wenig die Rede, und wenn, dann in heute nicht mehr gebräuchlicher Terminologie. Es liest Paula Leu.

Jul 15, 20224 min

Ep 936Aphorismen aus dem Nachlass Walther Rathenaus

Man kennt das Phänomen auch aus unseren Tagen: Kaum ist eine berühmte Autorin, ein berühmter Autor gestorben, wird eilig ihr Nachlass geplündert und jede noch so beiläufige Zeile zur postumen Veröffentlichung gebracht. Walther Rathenau war zwar nicht hauptberuflich schriftstellerisch tätig; als echter Workaholic fand er neben seinen fordernden Betätigungen als Staatsmann und als Wirtschaftskapitän gleichwohl auch noch Zeit, sich ausführlich schriftlich zu verschiedensten Fragen des Weltgeschehens zu äußern. Für die Berliner Volks-Zeitung war es insofern durchaus ein Coup, am 14. Juli 1922, also knappe drei Wochen nach dem verheerenden Attentat auf Rathenau, bislang noch unveröffentlichte Aphorismen von ihm erstmals einem breiteren Publikum zugänglich zu machen. Frank Riede bringt sie zur Anhörung.

Jul 14, 20224 min

Ep 935Aufzeichnung von Telefongesprächen

Wird man immer informiert, ob ein Zoom-Call aufgezeichnet wird? Sagt man immer „Nein“, wenn man nicht einverstanden ist, dass bei einer Hotline der Anruf zu Trainingszwecken aufgezeichnet wird? Fragen, mit denen sich offensichtlich auch schon Telephonist_innen 1922 beschäftigen mussten, wenn auch unter anderen technischen Vorzeichen. Die Berliner-Börsen Zeitung jedenfalls ist ganz begeistert ob der Möglichkeiten des neuen „Telegrapohons“, das es in der Ausgabe vom 16. Juli vorstellt. Paula Leu zeichnet auf.

Jul 13, 20224 min

Ep 934Absichtliche Irreführung der Polizei?

Auch beinahe drei Wochen nach der Ermordung Rathenaus jagte die Polizei die beiden Mörder, die die tödlichen Schüsse aus dem vorbeifahrenden Auto abgegeben, bzw. die Handgranate geworfen hatten. Eine Sichtung von beiden bei Gardelegen in Sachsen-Anhalt führte zu einer großräumigen Einkreisung durch Polizeikräfte. Die Bevölkerung war zur Mitarbeit aufgerufen. Das nach dem Druckerstreik erstmals wieder erscheinende Berliner Tageblatt vom 12. Juli berichtet über den Stand der Verfolgung und vermutet, dass die Täter durch Falschaussagen aus der Bevölkerung geschützt würden. Frank Riede liest.

Jul 12, 20226 min

Ep 933Das Frauenwahlrecht und die holländischen Wahlen

Die Sozialdemokratie der Weimarer Republik gehörte mit Sicherheit zu den Kräften, die für Frauenrechte kämpften und etwa das Frauenwahlrecht begrüßten. Jedoch wurde sie immer wieder davon überrascht, dass die mit diesem Recht ausgestatteten Frauen dann Parteien wählten, die ihnen dieses Recht am liebsten wieder wegnehmen würden. Mit diesem Phänomen befasst sich der Vorwärts vom 11. Juli 1922 bei der Analyse der holländischen Wahlen. Für uns wundert sich Paula Leu mit.

Jul 11, 20225 min

Ep 932Krisenstimmung im Reichstag

Im Schock über die kaltblütige Mordtat gegen Außenminister Walther Rathenau war die Einigkeit aller im Reichstag vertretenen Parteien mit Ausnahme der Deutschnationalen groß. In eine schlagkräftige Regierungsmehrheit ließ sich diese fatalerweise aber auch nach dem 24. Juni 1922 nicht umsetzen. Der Vorwärts vom 10. Juli musste deswegen schon wieder eine Krisenstimmung aus dem Reichstag vermelden, die sich vor allem aus der Zwietracht hinsichtlich der Frage speiste, ob es in dieser schwierigen Situation Neuwahlen zum Reichstag geben sollte oder nicht. Die Haltung der Sozialdemokraten dazu kennt Frank Riede.

Jul 10, 20223 min

Ep 931Hörde als Vorbild für Berlin?

In der Kreisstadt Hörde, die 1928 in die Stadt Dortmund eingemeindet wurde, befand sich in den 1980er Jahren nicht nur die Schule, die einer der Podcaster von Auf den Tag genau in seiner Jugend besuchte, sie hatte in den Zwanzigern als Industriestandort eine linke Mehrheit der Stadtverordneten, die eine Umbenennung der aus Zeiten der Monarchie stammenden Straßennamen durchsetzte. Neben Größen der Arbeiterbewegung diente gar Max Hölz, der linke Bandenführer, der an unzähligen Gewalttaten und Anschlägen beteiligt war, als Namensgeber. Das ging dann auch der Freiheit vom 9. Juli zu weit, die Hörde als Beispiel für Straßen-Umbenennungen in Berlin heranzog. Es liest Paula Leu.

Jul 9, 20223 min

Ep 930Auf den Tag genau goes Lichtenrade

Und noch einmal weichen wir an den Stadtrand aus, weil die meisten originär hauptstädtischen Tageszeitungen wegen des Berliner Druckerstreikes auch am 8. Juli 1922 noch immer nicht erschienen. Nachdem wir bislang schon nach Köpenick und sonst vor allem in den Norden der Stadt geschaut haben, geht es heute in den äußersten Süden der Stadt. Das Lokalblatt mit dem etwas sperrigen Namen Berlin-Lichtenrader Zeitung und Anzeiger kreist in seinen von uns ausgewählten Nachrichten dabei zum einen tatsächlich und buchstäblich um den eigenen Kirchturm. Zum zweiten, erfahren wird, konnte man in Lichtenrade aber seinerzeit auch noch ins Kino gehen. Frank Riede hat das für uns getan.

Jul 8, 20224 min

Ep 929Die Welt aus Niederbarnimer Perspektive

Was haben die heutigen Berliner Stadtteile Wedding, Lichtenberg, Tegel, Pankow und Friedrichshagen sowie etliche ungenannte gemeinsam? Sie gehörten alle einst einmal zum Landkreis Niederbarnim, bevor sie mit der wuchernden Hauptstadt verschmolzen und in diese peu à peu 1861, 1908, 1920 eingemeindet wurden. Der Landkreis Niederbarnim bestand trotzdem noch bis 1952 fort, und es erschien dort auch weiterhin ein Niederbarnimer Kreisblatt. Dieses beteiligte sich 1922 nicht am Streik der Berliner Zeitungsdrucker und konzentrierte sich, zumindest in unserer Auswahl vom 7. Juli, auch überwiegend auf Nachrichten aus dem märkischen Raum. Es liest Paula Leu.

Jul 7, 20224 min

Ep 928Der Balkon

Am 1. Juli hatten wir den Aufruf zur republikanischen Kundgebung im Programm. Diese hatte nun am 4. stattgefunden und der Vorwärts vom 6. Juli widmet sich in einem kleinen Feuilleton nicht dem Kerngeschehen des Massenaufmarsches, sondern beobachtet die bürgerlichen Beobachter der Kundgebung, die auf ihrem Balkon verblieben sind und somit für eine passive Haltung optiert haben. Für uns steht unter dem Balkon Frank Riede.

Jul 6, 20224 min

Ep 927Der Blick 1922 auf den Blick zurück 1950

Auch am 5. Juli 1922 ging der Druckerstreik in Berlin weiter, allerdings erschienen wieder die linken Parteizeitungen: die Freiheit, die Rote Fahne und der Vorwärts. Und so wirft für uns ein Autor des Vorwärts, der den Artikel mit Ovid zeichnet, einen Blick in eine glückliche Zukunft. 1950 spielt die Szene, in der die völkischen, faschistischen und antisemitischen Kräfte überwunden sind und lediglich die Alten den Kindern davon erzählen. Mit 1950 hat der Ovid der Arbeiterzeitung durchaus ins Schwarz-Rot-Goldene getroffen, doch was der Weg bis dahin bereithielt, davon hatte er wohl auch in seinen pessimistischsten Prognosen keine Vorstellung. Für uns beschaut Frank Riede das zukünftige Panoptikum.

Jul 5, 20225 min

Ep 926Kommt man mit der Nordbahn zum Werbellinkanal?

Die heute in unserem Podcast debütierenden Nordbahn-Nachrichten adressierten, wie bereits ihr Titel verrät, Leserinnen und Leser aus den Orten entlang der die Hauptstadt mit der Ostsee verbindenden Nordbahn: Frohnau, Stolpe, Hohen Neuendorf, Birkenwerder. In die als Ausflugsziel seit eh und je beliebte Schorfheide führte die Nordbahn indes nicht; dafür ist ihr Verlauf zu westlich. Ob ihr Artikel vom 4. Juli 1922 über einen Ausflug zum Werbellinkanal dennoch mit interessanten Geheimtipps von dort aufwarten kann, weiß Frank Riede.

Jul 4, 20224 min

Ep 925Faits divers aus den nördlichen Berliner Vororten

Nachdem der Streik der Hauptstadtpresse uns bei unserer Textauswahl gestern nach Köpenick hat ausweichen lassen, wenden wir uns heute geographisch in die entgegengesetzte Himmelsrichtung. Obwohl Pankow, Wilhelmsruh, Schönholz etc. längst eingemeindet waren, beteiligten sich auch die Drucker des Nördlichen Vorortboten nicht am Ausstand ihrer Berliner Kollegen und verhelfen ihrem Wochenblatt auf diese Weise 100 Jahre später zu seinem Debüt bei Auf den Tag genau. Große Hintergrundberichte waren in der Vorstadtpresse jener Tage eher rar gesät, weshalb wir uns auch heute auf die dort abgedruckten Faits divers, also kleine und vermischte Nachrichten aus der großen und der kleinen Welt stürzen. Das Wort hat Frank Riede.

Jul 3, 20223 min

Ep 924In Köpenick wird nicht gestreikt

Die alte stolze Wasserstadt Köpenick gehörte wie so viele Eingemeindungen seit dem 1. Oktober 1920 zu Groß-Berlin. Manche Grenzen verliefen indes auch im Sommer 1922 noch nicht entlang der neuen politisch-administrativen Ordnung. Während die Hauptstadtpresse seit Anfang Juli mal wieder durch einen Druckerstreik lahmgelegt war, erschienen zahlreiche Vorstadtzeitungen weiter – und retten in den nächsten Tagen das Programm von Auf den Tag genau. Das Cöpenicker Tageblatt vom 2. Juli 1922 versorgt uns heute mit Kurznachrichten, in denen wir nicht zuletzt erfahren – so schließt sich der Kreis –, dass Berliner Verlage bestreikt würden und die entsprechenden Zeitungen deshalb nicht erschienen. Es liest Frank Riede.

Jul 2, 20223 min

Ep 923An das republikanische Volk!

Nach der Ermordung Rathenaus sollte sich die Republik, nach Ansicht vieler Reichstagsabgeordneter, stärker gegen die extremistischen Angriffe wehren. Dazu wurde das „Gesetz zum Schutze der Republik“ auf den Weg gebracht, das ein höheres Strafmaß für politisch motivierte Anschläge vorsah, Organisationen, die sich gegen die Republik als Staatsform richteten, verbieten sollte, und einen eigenen Staatsgerichtshof zum Schutze der Republik schaffen wollte. Um das zu realisieren war eine Zweidrittelmehrheit notwendig. Am 1. Juli 1922 war die Verabschiedung, die dann 18. Juli erfolgte, noch alles andere als gesichert, weshalb die SPD mit dem Aufruf zu einer Groß-Kundgebung öffentlichen Druck aufbauen wollte, der im Vorwärts abgedruckt wurde. Paula liest.

Jul 1, 20226 min

Ep 922Der Einmannwagen

Seit Jahren diskutieren wir die Frage, wie sehr die digitale Revolution mit ihren Künstlichen Intelligenzen ganze Berufszweige abschaffen könnte. Laut so manchem Entwickler geht es den Straßenbahn-Fahrer_innen an den Kragen. Diese würden bald, Pilotprojekte laufen bereits, von selbstfahrenden Straßenbahnen ersetzt. In diesem sehr konkreten Feld des öffentlichen Straßenbahnverkehrs begann die letzte Revolution, vor der digitalen, bereits 1922 – es ging den Schaffnern an den Kragen. Ganz im Sinne einer Gewinnmaximierung galt es die Personalkosten zu senken und es wurde mit sog. „Einmannwägen“ experimentiert. Der Fahrer sollte nicht nur fahren, sondern sich auch um die Fahrscheine kümmern. Erdmann Graeser fuhr für die Vossische auf der Teststrecke mit und berichtete, wie gewohnt launig, in der Ausgabe vom 30. Juni. Für uns liest Frank Riede.

Jun 30, 20227 min

Ep 921Blutige Straßenkämpfe in Dublin

Auch am fünfte Tag nach dem Attentat auf Walther Rathenau stand die Republik unverändert unter Schock, aber die Welt drehte sich weiter und produzierte anderswo natürlich längst wieder neue und nicht selten gleichfalls blutige Nachrichten, von denen einige ihren Weg auch wieder in die Berliner Presse fanden. Das Berliner Tageblatt blickt am 29. Juni 1922 mal wieder nach Dublin, wo der irische Widerstand gegen die britische Herrschaft 1921 zum sogenannten Anglo-Irischen Vertrag geführt hatte. Irland bzw., präziser, seine südlichen fünf Sechstel waren darin zum Irischen Freistaat erklärt, dem dort, zwar unter dem Dach des British Empire verbleibend, weitgehende politische Selbstbestimmungsrechte zugestanden wurden. Statt zum Frieden führte seine Ratifizierung indes direkt in den Irischen Bürgerkrieg. Über dessen Entwicklung im Sommer 1922 informiert uns Paula Leu.

Jun 29, 20225 min

Ep 920Die Ringbahn-Katastrophe an der Schönhauser Allee

Ein Unheil kommt selten allein. Walther Rathenau war nach seiner Ermordung durch rechte Republikfeinde am 24. Juni 1922 noch nicht beerdigt, da erschütterte die deutsche Hauptstadt drei Tage später ein schweres S-Bahn-Unglück, und beides stand auch noch in einem nicht anders als tragisch zu bezeichnenden ursächlichen Zusammenhang. Wegen der Trauerfeier für Rathenau legte das Personal der Berliner Verkehrsbetriebe am Nachmittag des 27. Juni die Arbeit nieder. Anders als U-Bahn, Straßenbahn und Omnibusse verkehrte die Ringbahn indes weiter und war zur Rush Hour entsprechend so überfüllt, dass sich zahlreiche Reisende – wie damals offenbar nicht völlig ungewöhnlich – auf den Trittbrettern drängten. Es reichte eine unglücklich mitgeführte Holzlatte, und die Katastrophe nahm ihren Lauf. Was die B.Z. am Mittag vom 28. Juni bereits über Hergang und Hintergründe wusste, liest Frank Riede.

Jun 28, 20225 min

Ep 919Gustave le Bon: Die Macht der Illusionen

Der 1841 in Frankreich geborene Gustave le Bon gilt als einer der Begründer der Massenpsychologie. Seine Schriften zur Psychologie der Massen (1895), Psychologie des Sozialismus (1898), Psychologie der Erziehung (1902) wurden auch im deutschsprachigen Raum breit gelesen und diskutiert. Im Sommer 1922 erschien in einer Übersetzung ins Deutsche seine Schrift aus dem Jahre 1984 „Die psychologischen Grundgesetze der Völkerentwicklung“, was die Vossische Zeitung veranlasste, le Bon das Wort zu geben und einen kleinen Ausschnitt aus dem Buch in ihrer Ausgabe vom 27.7.1922 abzudrucken. Es geht um ein Thema, mit dem sich die Menscheit damals wie heute beschäftigt: um die Macht der Illusionen. Paula verleiht ihm ihre Stimme.

Jun 27, 20228 min

Ep 918Der Feind steht rechts!

Wie sehr die Weimarer Republik von dem Rathenau-Mord aufgewühlt war, zeigt sich auch in der bis heute beachteten Rede des Reichskanzlers Josef Wirth, die dieser am 25. Juli 1922 im Reichstag hielt. Wie wir es auch heute leider etwa aus den USA kennen, konterten die rechten Demokratiefeinde die Kritik an ihrer Hetze und ihren Gewaltaufrufen gerne mit dem Hinweis auf die Gefahr, die der Gesellschaft durch die Gewalt von links drohe. Wirth bezieht als Mitglied der katholischen Zentrumspartei, als Repräsentant der bürgerlichen Mitte, klar Stellung, indem er die seiner Meinung nach mindestens mittelbar für die ideologisch motivierte Gewalt verantwortlichen völkisch-nationalistischen Parteien verantwortlich macht. Wir haben gemeinsam mit Frank Riede beschlossen, dass er die gesamte Rede Wirths einliest. Die heutige Folge wird dadurch etwas länger, aber dafür machen wir dieses zeitlose Dokument zugänglich. Wir folgen dem Abdruck der Rede aus der Vossischen vom 26.7.1922.

Jun 26, 202220 min

Ep 917Der Tag der Trauer

In den wenigen Jahren ihres Bestehens hatte die junge Weimarer Republik schon zahlreiche blutige Anschläge auf sich und etliche ihrer Protagonisten erlebt. Aber kein Ereignis hatte sie so tief ins Mark erschüttert wie der Mord an Außenminister Walther Rathenau am 24. Juni 1922. Auch 24 Stunden später stand das politische Berlin noch immer unter Schockstarre. Während eine fieberhafte Suche nach den Tätern anlief, macht sich der Berliner Börsen-Courier vom 25. Juni seine Gedanken über das ursächliche Klima des Hasses und die dafür verantwortlichen Hintermänner, deren furchtbare Rechnung man in dem Attentat aufgegangen sehen mochte. Denn eine Figur, die in Rathenaus Fußstapfen treten und die großen Herausforderungen zu stemmen vermöge, vor der die unruhige Republik stand, sei weit und breit nicht in Sicht. Es liest Paula Leu.

Jun 25, 20227 min

Ep 916Walther Rathenau ermordet!

Am 23. Juni 1922 hatte der amtierende Außenminister der Weimarer Republik Walther Rathenau noch bis tief in die Nacht mit dem industriellen Hugo Stinnes und dem amerikanischen Botschafter Alanson Houghton über die Reparationsfrage diskutiert, am folgenden Vormittag wurde er von seinem Chauffeur in einem offenen Wagen von seinem Wohnsitz durch den Grunewald zum Auswärtigen Amt gefahren – trotz wiederholter Morddrohungen ohne Polizeieskorte. An einer Kreuzung wurde er von rechten Attentätern, Mitgliedern der geheimen „Organisation Consul“, die zuvor bereits für die Attentate auf Matthias Erzberger und Philipp Scheidemann verantwortlich war, von einem vorbeifahrenden Auto aus ermordet. Dieser politische Mord erschütterte die junge Republik zutiefst. Spätestens hier musste allen klar werden, dass auf Hass, Hetze, Propaganda und antisemitisch motivierte Beschimpfung auch tatsächlich brutale Gewalt, Mord- und Totschlag folgen. Am 24. Juni wurde noch nicht viel analysiert, die Zeitungen berichteten über den Hergang der Tat. Aus dem Berliner Tageblatt liest Frank Riede.

Jun 24, 20226 min

Ep 915Baden in der Zitadelle Spandau

Der Sommer ist da, in Berlin scheint endlich mal die Sonne, es wird heiß zwischen Häuserfassaden, geteerten Straßen und rissig gestalteten Kopfsteinpflasterbürgersteigen. Wohin also zur Abkühlung? Zum überlaufenen Wannsee? Nach Brandenburg? Die DAZ vom 23. Juni 1922 hat da einen Geheimtipp auf Lager: Das Freibad in der Zitadelle Spandau. In der sehr gut erhalten Festungsanlage aus der Renaissance, war 1922 tatsächlich eine Badeanlage der dort stationierten Militäreinheit, die diese aber für das Publikum öffnete. Der Autor, der über seinen Besuch dort berichtet hat nicht nur Augen für Architektur und Landschaft, sondern auch für die Badestelle für Damen auf der anderen Seite des Kanals, bei deren Betrachtung er eine leider zeittypisch etwas sexistische Haltung offenbart. Paula Leu liest für uns dieses Zeitdokument zu den Schwimmstellen in der Zitadelle.

Jun 23, 20229 min

Ep 914Die Erfindung der Welt-Zeit-Uhr

Die globale wirtschaftliche Verflechtung brachte die Notwendigkeit mit sich, die Zeit des Gegenübers am anderen Ende der Welt zu kennen. Hatten einzelne große Flächenstaaten wesentlich auf Betreiben der Eisenbahngesellschaften Zeitzonen auf ihrem Territorium durchgesetzt, so wurde das weltweite System der Zeitzonengrenzen auf der Internationalen Meridiankonferenz 1884 in Washington verankert. 1922 berichtet die Berliner Volkszeitung von der Erfindung einer Weltzeituhr, die die drängenden Fragen: Wieviel Uhr ist es in New York? Und wann öffnet die Börse in Sidney? schnell beantworten sollte. Frank Riede schaut für uns mit auf das Ziffernblatt.

Jun 22, 20225 min

Ep 913Der weiße Adler über Kattowitz

Das Thema Oberschlesien begleitet uns nahezu seit den Anfängen dieses Podcast. Dass die Grenzen in diesem ökonomisch so bedeutsamen Industriegebiet neu gezogen würden, stand bereits nach Weltkriegsende fest. Der Prozess der politischen Neuordnung gestaltete sich jedoch langwierig, die Kriterien, nach denen er vollzogen wurde, blieben undurchsichtig und anfechtbar – vor allem von deutscher Seite. Im Frühsommer 1922 war es dennoch soweit: Die alliierten Truppen hatten sich verabredungsgemäß aus den betroffenen Gebieten zurückzogen, der weiße polnische Adler wehte über Kattowitz und anderen vormals deutschen Städten der Region. Die Vossische Zeitung in der fernen deutschen Hauptstadt vernahm es, wie die gesamte hiesige Öffentlichkeit, mit unvermindertem Groll, bemühte sich am 21. Juni 1922 in ihrer Bewertung der Lage vor Ort aber zumindest ansatzweise um Differenzierung. Wie weit die ging, weiß Paula Leu.

Jun 21, 20227 min

Ep 912Was Briefmarken erzählen

Was sagen die Briefmarken eines Landes über dessen Zustand aus? Diese pikante Frage stellt sich am 20. Juni 1922 in der Berliner Volks-Zeitung der Autor Karl Hans Strobl. Und gibt uns dabei nicht nur einige interessante Einblicke in die Postgeschichte verschiedener Länder, sondern auch in seine eigene politische Biographie. Aus dem mährischen Iglau stammend, engagierte sich Strobl bereits in jungen Jahren in der Deutschnationalen Bewegung und wurde später im österreichischen Ständestaat Mitglied der dort illegalen NSDAP. Den Anschluss Österreichs 1938 begrüßte er begeistert und wurde in seiner Folge Leiter der Reichsschrifttumskammer in Wien. Wenig verwunderlich also, dass er die kakanischen Marken mit dem Konterfei Kaiser Franz Josephs ebenso verachtete wie später jene der österreichischen Republik und auch für die Ikonographie der tschechoslowakischen oder jugoslawischen Postwertzeichen nur Spott übrig hat. Gnade vor seinem philatelistischen Auge findet – Überraschung! – vornehmlich Deutschland. Frank Riede hat für uns dennoch in Strobls Sammelalbum geblättert.

Jun 20, 20229 min

Ep 911Wer wird deutscher Meister?

Der 1. FC Nürnberg und der Hamburger SV waren in den 1920er Jahren die überragenden deutschen Fußballmannschaften. Zwischen 1920 und 1928 entfielen auf die beiden Clubs, unterbrochen nur einmal von der Spielvereinigung Fürth, sieben von acht nationale Meistertitel – und in diese Serie ist die Meisterschaft von 1922 noch gar nicht einberechnet. In jenem Jahr trafen der ‘Club‘ und der HSV erstmals in einem Endspiel direkt aufeinander, konnten aber keinen Sieger ermitteln. Im nachfolgenden Artikel aus dem Berliner Lokal-Anzeiger vom 19. Juni 1922 geht es um das erste Finalspiel am Vortag in Berlin, das nach stolzen 189 Spielminuten beim Stand von 2:2 wegen Dunkelheit abgebrochen werden musste. Noch kurioser sollte das Wiederholungsspiel anderthalb Monate später in Leipzig ausgehen, das ebenfalls bei Gleichstand wegen zu vieler verletzter Spieler nicht zu Ende gespielt werden konnte. Der Deutsche Fußball-Bund listet für das Jahr 1922 deshalb bis heute keinen Meister, wohingegen kurioserweise in die Meisterschale die Namen gleich beider Mannschaften eingraviert sind. Im Deutschen Stadion, dem Vorgängerbau des heutigen Berliner Olympiastadions, war für uns die Sportreporterin von AufdenTaggenau, Paula Leu.

Jun 19, 20226 min

Ep 910Wie ich in den Himmel fuhr… und wieder hinausflog!

Der 1897 geborene und unter zahlreichen Pseudonymen publizierende Journalist und Schriftsteller Artur Zickler war nach dem Ersten Weltkrieg für den Vorwärts tätig. Er galt aber als politisch unabhängiger Autor, der nicht immer nur rechts, sondern auch mal links aneckte. Auf dieses „Querulantentum“ spielt seine im Vorwärts am 18. Juni 1922 erschienene feuilletonistische Himmelfahrt per Paternoster an, die er unter dem Pseudonym Tobias Pemberlein veröffentlichte. Für schaut Frank Riede bei den Engels-Chören vorbei.

Jun 18, 20228 min

Ep 909Der Spaziergang nach Leipzig: Wittenberg - Bitterfeld

Im Juni inszenierte die Berliner Morgenpost ein journalistisches Ereignis, als ihr Autor Egon Jacobsohn am 13. Juni zu Fuß aus den Redaktionsräumen losmarschierte und sich auf einen fünftägigen Marsch nach Leipzig begab – mit Zwischenstopp in Potsdam, Treuenbrietzen, Wittenberg und Bitterfeld. Wurde er auf der ersten Etappe noch von Schau- und Wanderlustigen des Weges begleitet, marschierte er bald alleine - lediglich seiner Beobachtung der Wälder, Wege und Landschaften, sowie seiner Kondition und seiner Schmerzen ausgeliefert. Den am Ende jeder Etappe verfassten Bericht brachte ein dort eintreffender motorisierter Kurier der Zeitung nach Berlin – eine Art Live-Ticker der Zeit. Heute, in der Ausgabe vom 17.6.22 spaziert Frank Riede auf der vorletzten Etappe, auf dem Weg nach Bitterfeld mit – aber nicht nur er….

Jun 17, 20226 min

Ep 908Liegt Lenin im Sterben?

Wladimir Iljitsch Lenin stand an der Spitze der bolschewistischen Revolution in Russland, war Vorsitzender der Partei, Regierungschef der aus der Revolution hervorgegangenen Sowjetunion. Eine lebende Legende, die ein Attentat 1918 überlebte, aber spätestens ab dem Mai 1922 mit erheblichen und nicht mehr zu verbergenden gesundheitlichen Problemen zu kämpfen hatte. Denn da erlitt er, einen Monat nachdem eine der Kugeln des Attentats operativ entfernt wurde, den ersten einer Reihe von Schlaganfällen. Er wurde abgeschirmt, Informationen zum Gesundheitszustand wurden nicht gegeben, so dass man im Ausland vom Schlimmsten ausging und mit einem baldigen Ableben rechnete – was immer auch mit einer Spekulation über seine Nachfolge verknüpft war. So etwa auch die Neue Zeit vom 16. Juni, aus der für uns Paul Leu liest. Wir wissen heute, dass er erst gut eineinhalb Jahre später verstarb, und dass Stalin sich als Nachfolger durchsetzte, wissen wir auch.

Jun 16, 20228 min