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Auf den Tag genau

Auf den Tag genau

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Ep 807Nosferatu - Eine Symphonie des Grauens

Einer der bekanntesten und einflussreichsten Filme der Weimarer Republik ist zweifelsfrei „Nosferatu – Eine Symphonie des Grauens“ von Friedrich Wilhelm Murnau. Obgleich der Film von einer umfangreichen Vermarktungskampagne begleitet wurde, zu der die feierliche Premiere am 4. März in Berlin gehörte, die mit einem Theater-Prolog begann und nach der Vorführung in einen Biedermeier-Kostümball überging, war er ein kommerzieller Mißerfolg. Die kurz zuvor gegründete Produktionfirma “Prana-Film” ging im Anschluss pleite und die Erben von Bram Stoker, auf dessen Dracula-Roman der Film basiert, verklagten die Produktion, da diese die Verfilmungsrechte nicht gezahlt – stattdessen lediglich Dracula in Graf Orlok umbenannt hatte. Dennoch begründete Murnau mit diesem Film seinen Ruf als brillanter Regisseur – im Lob des Regisseurs sind sich die meisten Kritiken einig –, und der Film sollte mit seiner Ästhetik, den „on location“ in Wismar gedrehten Szenen das gesamte Genre des Horrorfilms bis heute prägen. Die Kritik der Berliner Börsen-Zeitung vom 7. März liest für uns Paula Leu. Wie immer empfehlen wir einen Blick auf stummfilm-magazin.de, wo ihr mehr Material zu den großen Filmen des Jahres 1922 findet.

Mar 7, 20227 min

Ep 806Mit Leo Heller in einer Berliner Kokainhöhle

Zu einem ernstzunehmenden Sündenpfuhl, als der Berlin in der Zwischenkriegszeit verrufen war, gehört selbstredend auch eine vorzeigbare Drogenszene, und daran mangelte es der deutschen Hauptstadt damals denn auch nicht. Der Erste Weltkrieg hatte ein Heer speziell von Morphinisten und Kokainisten hinterlassen und schuf im Nachgang riesige Schwarzmärkte samt der dazugehörigen Etablissements, in denen jene ihre mitgebrachte Sucht nun auch in Friedenszeiten bedienen konnten. Besuch erhält ein solches Etablissement in unserer heutigen Podcastfolge nicht nur von einem polizeilichen Einsatzkommando, sondern, in dessen Begleitung, auch von dem berühmten Polizeireporter Leo Heller. Zwischenzeitlich wie so viele Starautoren der 1920er Jahre quasi in Vergessenheit geraten, erleben Hellers Berichte aus der Berliner Unterwelt in jüngster Zeit eine bemerkenswerte Renaissance. Im Elsengold Verlag ist unlängst ein Sammelband über Berliner Razzien erschienen. Wir begnügen uns, fürs Erste, mit der, über die am 6. März 1922 im 8-Uhr-Abendblatt zu lesen war. Das Wort hat Frank Riede.

Mar 6, 202210 min

Ep 805Baut mehr Fahrradwege!

Liebe Berliner Morgenpost, aufgemerkt! Manchmal muss man gar nicht neu in die Schreibwerkstatt steigen, sondern kann sich guten Gewissens im eigenen Archiv bedienen und einen alten Zeitungsartikel, nur geringfügig überarbeitet, nach einhundert Jahren neuauflegen: Euer am 5. März 1922 verfasstes Plädoyer für mehr Radwege in Berlin passt doch perfekt zur angestrebten Verkehrswende im 21. Jahrhundert! Die darin geführte Klage über die allgemeine hauptstädtische Verkehrssituation klingt überraschend vertraut, die Schlussfolgerung, die Fortbewegungsmittel deshalb voneinander zu trennen, verkehrspolitisch absolut modern. Bloß die beschriebenen Reitwege, die sich eventuell umwidmen ließen, findet man heute eher nicht mehr, das Kostenargument gegen den ÖPNV wäre auch zu relativieren – und ob man einen Artikel 2021 mit einem Bismarck-Zitat schließen wollte, ist vielleicht auch ein bisschen Geschmackssache. Wir bei Auf den Tag genau als Geschichtspodcast lesen natürlich das unverfälschte Original bzw. Paula Leu tut das für uns.

Mar 5, 20228 min

Ep 804Deutschland und Australien

Prof. Alfred Manes war ein einflussreicher Pionier der Versicherungswissenschaft, der ab 1925 von seiner Professur in Berlin aus die entstehende Versicherungswirtschaft wissenschaftlich begleitete und beeinflusste. Als Jude verlor er 1935 seine Professur und emigrierte in die USA, und bekleidete dort Professuren. Drei Jahre nach seinem Tod 1963 nahm ihn die “International Insurance Society” in ihre - kein Scherz – „Insurance Hall of Fame“ auf. 1922, damals noch Lehrer an einer Handelshochschule, schrieb er für das Berliner Tagblatt über die wirtschaftlichen Beziehungen zu Australien. Das Land, das 1907 den Status eines Dominion und damit eine weitgehende Unabhängigkeit von Großbritannien erlangt hatte, suchte vor dem Ersten Weltkrieg gute wirtschaftliche Beziehungen zu Deutschland. Und auch nach dem Krieg hoffte Alfred Manes auf die Etablierung einer wirtschaftlich fruchtbaren Zusammenarbeit. Den Artikel vom 4. März liest für uns Frank Riede.

Mar 4, 20228 min

Ep 802Sexualpädagogik in Mädchenschulen

Die Geschichte von den frivolen, freizügigen und libertinären Zwanziger Jahren wird gern und ausgiebig in Ausstellungen, fiktionalen Fernsehserien und Dokumentationen erzählt. Unsere heutige Folge beleuchtet die in der Weimarer Republik ebenso präsente Gegenseite der konservativen bürgerlichen Sexualmoral. In der Vossischen Zeitung vom 4. März 1922 stellt sich die damals 35jährige Historikerin und Pädagogin Johanna Philippson die Frage nach der richtigen Sexualpädagogik auf der Mädchenschule. Nicht nur wirkt auf uns wie hier das Thema Sexualität umkreist und umschrieben wird, etwas verklemmt, auch das Frauenbild, in dem die Vokabel der „Reinheit“ im Zentrum steht, ist für das Gros der Bevölkerung heute nicht mehr zeitgemäß. Für uns traut sich an das heikle Thema Aufklärung in der Schule Paula Leu.

Mar 3, 20227 min

Ep 803Der Zulauf zu den “Kurpfuschern”

Die wirtschaftlichen Bedingungen des Nachkriegsdeutschland zwangen zu kreativen, mitunter auch halbseidenen oder gar widergesetzlichen Strategien des Gelderwerbs. Eine Boom-Branche in dieser Hinsicht scheint das weite Feld der medizinischen Dienstleistungen gewesen zu sein, denn mit entsprechenden Hochstapeleien, esoterischen Methoden und großen Versprechungen ließ sich auch der besseren Gesellschaft das Geld aus der Tasche ziehen. Die approbierten Ärzte wüteten dementsprechend gegen das Heer dieser Kurpfuscher. Davon handelt der heutige Artikel aus dem Berliner Tageblatt, vom 2. März 1922. Frank Riede nimmt uns mit auf einen Streifzug durch die Kurpfuscher-Szene.

Mar 2, 20227 min

Ep 801Royale Hochzeit in England

Seltsam, aber wahr: Europäische Königshochzeiten erzielen noch immer höhere Einschaltquoten als Auf den Tag genau – obwohl wir viel häufiger auf Sendung gehen. Also tun wir das Naheliegende – von der Bunten und vom NDR lernen heißt offenbar siegen lernen – und begeben uns selbst in die royale Hochzeitskutsche, fahren vor dem Buckingham Palace vor und winken huldvoll in fähnchenschwenkenden Massen. Entsprechende Veranstaltungen gab es schließlich auch schon 1922. Die Berliner Morgenpost hat am 1. März dankenswerterweise auch ausführlich darüber berichtet, und, siehe da, so viel anders als bei William und Kate scheint es bei Urgroßtante Mary gar nicht zugegangen zu sein. Es liest, da Rolf Seelmann-Eggebert verhindert war, Paula Leu.

Mar 1, 20225 min

Ep 800Aussichtsvolle Berufe für gebildete Frauen

Wie stand es 1922 um die Berufsaussichten von gebildeten Frauen? Das Berliner Tageblatt vom 28. Februar versucht ganz praktisch und mit konkreten Kontaktadressen gespickt darüber Auskunft zu geben. Heute mutet dieser Artikel etwas skurril an, beinahe so als handele es sich um eine Satire. Aber nein. Der Weg zu einer Gleichberechtigung auf dem Arbeitsmarkt war noch ein weiter. Unter gebildeten Frauen verstand man Frauen mit einer Ausbildung, gewarnt wurde vor akademischer Bildung und das Hauptarbeitsfeld der Frauen war die Pflege und Hauswirtschaft. Frank Riede gibt uns einen Einblick in das Frauenbild vor hundert Jahren.

Feb 28, 20228 min

Ep 799Berlin schlägt München. Im Fußball!

In Zeiten, da sich zwei, drei Handvoll Spitzenteams aus Europas Fußball-Top-Ligen am liebsten aus ihren nationalen Meisterschaften in eine finanziell noch lukrativere Europaliga verabschieden würden, sollte unser heutiger Podcast so richtig das Herz von Fußball-Nostalgikern erwärmen: Vor einhundert Jahren noch war die Leistungsdichte der Clubs – z.B. in Berlin oder München – selbst innerstädtisch so groß, dass es Sinn machte, Stadtauswahlmannschaften zu bilden, um zumindest dann und wann einmal die besten Kicker im Umkreis beisammen zu haben und sich im Städtevergleich messen zu lassen. Während sich im Spielbericht der Neuen Zeit vom 27. Februar 1922 in der Münchner Auswahl immerhin einige flüchtig bekannte Vereinsnamen wie der FC Bayern oder 1860 finden (und in Ansätzen fast so etwas wie Blockbildung zu konstatieren ist), dürften die Heimatclubs der meisten nominierten Berliner nur intimeren Kennern der hiesigen Szene vertraut sein. Den Ballkünstlern vom VfB Pankow, Norden-Nordwest oder dem FC Vorwärts 1890 gelang dennoch, woran ihre zeitgenössischen hauptstädtischen Nachfolger meist scheitern: Sie bezwangen die Bayern. Für uns hat sich Paula Leu unter die 20.000 Schlachtenbummler an der Olympiabahn Plötzensee gemischt.

Feb 27, 20228 min

Ep 798Das muslimische Berlin

Es ist schon in einigen Episoden unseres Podcast durchgeklungen: Berlin wies bereits vor einhundert Jahren sehr wohl Züge einer kosmopoliten, von Internationalität und kultureller Pluralität geprägten Metropole auf. Lange vor dem sogenannten Anwerbeabkommen der Bundesrepublik Deutschland mit der Türkei aus dem Jahr 1961 gab es hier etwa schon muslimische communities, die sich ihrerseits in konfessioneller und ethnischer Hinsicht vielfältig unterschieden. Der sozialdemokratische Vorwärts widmete diesem muslimischen Berlin am 26. Februar 1922 einen Artikel. Dabei verwendet er einige heutzutage nicht mehr gebräuchliche, zum Teil auch als diskriminierend empfundene Begriffe, zeichnet zugleich jedoch ein stadtgeschichtlich höchst interessantes, vielschichtiges Bild gelebter zwischenkriegszeitlicher Multikulturalität. Es liest Frank Riede.

Feb 26, 20227 min

Ep 797Neue Grippesymptomatik

1922 waren sowohl die Experten, also Ärzte und Virologen, als auch die ganze Bevölkerung noch gezeichnet von der Grippe-Pandemie, die in den Jahren 1918 bis 1920 wütete und als „Spanische Grippe“ in die Geschichte einging. In den Folgejahren wurde der alljährlichen Grippe-Saison große Aufmerksamkeit zu Teil. Wie ansteckend sind die kursierenden Influenza-Viren und wie schlimm sind die Verläufe? Daten wurden in den Arztpraxen und in den Krankenhäusern gesammelt, mit den Entwicklungen im benachbarten Ausland abgeglichen. Das Jahr 1922, so der allgemeine Eindruck der 20er Jahre Drostens, Streecks und Lauterbachs, brachte eine milde Grippewelle. Allerdings beobachteten sie eine neue Symptomatik in Zusammenhang mit der Grippe, die bislang unbekannt war und sich rasant verbreitete. Auch da konnte die Neuköllnische Zeitung vom 25.2.1922 allerdings Entwarnung geben. Über den „Grippe-Hexenschuss“ 1922 berichtet Paula Leu.

Feb 25, 20225 min

Ep 796Faust im Lessingtheater

Berlin mag im 21. Jahrhundert unverändert eine pulsierende Theatermetropole sein – über ganz so viele große Bühnen wie vor einhundert Jahren verfügt es nicht mehr. Zu den nach dem Zweiten Weltkrieg nicht wieder aufgebauten und heute nur noch Insidern bekannten diesbezüglichen Einrichtungen zählt das Lessingtheater, das 1888 unweit von Lehrter und Hamburger Bahnhof, am heutigen Kapelle-Ufer errichtet wurde und dessen Mauern – bis zu seiner Zerstörung bei einem späten alliierten Bombenangriff im April 1945 – einige allemal prominente Uraufführungen erlebte. Gerhard Hauptmanns Vor Sonnenaufgang, Und Pippa tanzt! sowie seine Ratten erblickten hier genauso das Licht der Theaterwelt wie Arthur Schnitzlers Anatol oder Henrik Ibsens Baumeister Solneß. Ende Februar 1922 stand indes keine zeitgenössische Dramatik, sondern der deutsche Klassiker schlechthin neu auf dem Spielplan: Goethes Faust, in einer Inszenierung von Victor Barnowsky, ausgestattet von Lovis Corinth, mit Theodor Loos, Emil Jannings und Käthe Dorsch in den Hauptrollen. Letzterers Gretchen wurde allenthalben hymnisch gefeiert. Ansonsten fielen die Kritiken zeitungsübergreifend, nun ja, zwiespältig aus, so auch die von Josef Adolf Bondy im 8-Uhr-Abendblatt vom 24.2. Näheres weiß Frank Riede.

Feb 24, 20228 min

Ep 795Die Reform des Schulkalenders

Daran dass die Schulhalbjahre hierzulande früher nicht im Sommer und Winter, sondern im Frühling und im Herbst begannen respektive endeten, wird sich die eine oder der andere – und sei es aus Erzählungen – womöglich noch erinnern können. Weniger bekannt ist, dass seinerzeit zumindest in einigen großen Städten wie Berlin auch zweimal im Jahr eingeschult wurde. Angesichts des logistischen Aufwands, den das bedeutete, plante man vor einhundert Jahren allerdings auch hier die Umstellung auf den Jahresrhythmus. Die Deutsche Allgemeine Zeitung zeigte in ihrem Artikel vom 23. Februar 1922 Verständnis für diesen Schritt, haderte jedoch mit der Festlegung auf die österliche Variante. Und fand überdies einige Worte bedauernden Mitgefühls mit den unter den Neuerungen leidenden Sitzenbleibern – hier gelesen von Paula Leu.

Feb 23, 20227 min

Ep 794Vom Berliner Sechstagerennen

Wie so vieles in der Welt des Sports war auch die Einrichtung des Sechstagerennens ursprünglich, noch tief im 19. Jahrhundert, eine englische Erfindung. Die erste Stadt in Kontinentaleuropa, die auf diesen Zug aufsprang, war allerdings bereits 1909 Berlin, und eben hier, im legendären Sportpalast in Schöneberg, erlebten die Sixdays in den (in ihren Anfängen freilich noch nicht gar so) ‘Goldenen Zwanzigern‘ ihre ganz großen Boomjahre. Um das 144stündige Ellipsenfahren von Zweier-Teams spannender und kurzweiliger zu machen, führte die Rennleitung 1922 eine neue Punktewertung für Zwischenspurts ein und schuf damit die bis heute international gebräuchliche sogenannte ‘Berliner Wertung‘. Der Erfolg gab ihnen recht: Sechstagerennen wurden zu gesellschaftlichen Ereignissen, über die – von Egon Erwin Kisch bis Alfred Kerr – auch die Großen ihrer Zeit sich nicht nehmen ließen zu schreiben. In diese Reihe gehört auch Erdmann Graeser, der seine eingestanden fachfremde, aber sehr literarische Expertise in der Vossischen Zeitung vom 22. Februar 1922 abgab. Für uns schwingt sich Frank Riede auf das Rad.

Feb 22, 20226 min

Ep 793Flugbahnhof Tempelhof

Erst Feld des Templer-Ordens, später Ackerland der Schöneberger Bauern, dann Militärischer Exerzierplatz und Parkfläche mit Picknickwiese, dann Flughafen Tempelhof und anschließend wieder Picknick-, Grill- und Sportwiese. Das Tempelhofer Feld in Berlin. Der heutige Artikel aus der Deutschen Allgemeinen Zeitung vom 21. Februar 1922 dokumentiert die Bemühungen, besonders der Post, einen kleinen Teil des Feldes für Zwischenlandungen nutzen zu können, um die weiten Transporte per Automobil von den außerhalb Berlins gelegenen Flughäfen zu verhindern, die die Luftpost teilweise langsamer ausliefern ließen als die „Zug-Post“. Von diesen Anfängen des Linienflugverkehrs auf dem Tempelhofer Feld berichtet Paula Leu.

Feb 21, 20226 min

Ep 792Das Ende von “Castans Panopticum”

Die Gebrüder Louis und Gustav Castan eröffneten „Castans Panopticum“ im Jahre 1869 in Berlin. Die Ausstellung erfreute sich einiger Beliebtheit und wurde mit der Zeit zu einer „Berliner Institution“. 1888 bezog es seine Räumlichkeiten in der Friedrichstraße, in denen es auch 1922 zu finden war. Über vier Etagen konnten die Besucher:innen dort Wachsfiguren berühmter Persönlichkeiten, aber auch berühmter Verbrecher:innen, historische Kostüme und Gegenstände sowie medizinische Kuriositäten betrachten. Castans Panoptikum expandierte sogar in andere Städte des Reiches: nach Köln, Frankfurt, Dresden und Breslau. 1922 war das Museum finanziell nicht mehr zu halten. Neben der allgemein schlechten wirtschaftlichen Lage während des Weltkrieges und der Nachkriegszeit spielte dabei sicherlich die Attraktion der Kinosäle eine gewichtige Rolle. Und so wurden im Februar 1922 die Ausstellungsgegenstände auf einer mehrtägigen Auktion versteigert. Wie heutige Wachsfigurenkabinette, Museen der Folter und Gruselkabinette belegen, hat sich mittlerweile wieder ein Markt für mehr oder weniger inszenierte Wachsfiguren etabliert. Den Abschied von Castan dokumentiert die Vossische Zeitung vom 20. Februar mit einer Kindheitserinnerung des Kolumnisten Felix Paul Schlesinger, der unter dem Kürzel Sling publizierte – und heute von Frank Riede gelesen wird.

Feb 20, 20229 min

Ep 791Hermann Hesse: Betrachtung über China

Der Schriftsteller Herman Hesse war 1911 auf der Suche nach spirituell-religiöser Inspiration nach Indien gereist und beschäftigte sich fortan immer wieder mit indischen und chinesischen Gedankenwelten. Neben dem Reisebericht „Aus Indien – Aufzeichnungen von einer indischen Reise”, der 1913 erschien, schlug sich dies prominent in seinem literarischen Schaffen in dem Buch „Siddhartha“ nieder, das im Herbst 1922 veröffentlicht wurde. Während er an dieser Erzählung schrieb, reflektierte er für die Vossischen Zeitung vom 19.2. 1922 in einem Artikel die aktuelle politische Situation in China und die spirituellen Antworten auf diese. Paula Leu macht ihn für uns hörbar.

Feb 19, 20227 min

Ep 790Mit einem Spazierstock kann man nicht telephonieren!

Der einer Alt-Berliner Hugenottenfamilie entstammende Kolumnist Victor Auburtin zählt zu den fleißigsten Autoren dieses Podcasts. Zuletzt war er hier an Heiligabend mit einem Festtagsvorbericht aus dem vorweihnachtlich-grünen Thüringer Wald zu hören. Nun kehrt er mit einer gleichsam mediengeschichtlichen Miniatur über den Spazierstock nach Berlin und in das Programm von Auf den Tag genau zurück. Dass wir auf Auburtin so gerne zurückgreifen, hat gewiss damit zu tun, dass seine Texte stilistisch wie für eine spätere Verpodcastung geschrieben sind. Die heutige Folge aus dem Berliner Tageblatt vom 18. Februar 1922 belegt allerdings auch inhaltlich, dass Auburtins technische Phantasie seiner Zeit weit voraus war. Auf seinem Spaziergang begleitet ihn Frank Riede.

Feb 18, 20224 min

Ep 789In memoriam Franz Marc

Seine blauen Pferde zählen zu den Ikonen der ästhetischen Moderne: Franz Marc war nicht nur einer der wichtigsten Protagonisten der Künstlergruppe ‘Blauer Reiter‘, sondern der zeitgenössischen deutschen Malerei überhaupt, als er im März 1916 wie so viele seiner Generationsgenossen auf den Schlachtfeldern des Ersten Weltkriegs, unweit von Verdun, sein junges Leben ließ. Nachdem seine Heimatstadt München an ihn bereits im Herbst 1916 in einer „Franz Marc-Gedächtnis-Ausstellung“ erinnert hatte, besann man sich fünfeinhalb Jahre später seiner nun auch in Berlin mit einer Schau im Kronprinzen-Palais, von der die Vossische Zeitung vom 17. Februar 1922 berichtete. Deren Kunstkritiker Max Osborn war mit allen Hauptvertretern sämtlicher Avantgarden eng vertraut; mit Franz Marc verband ihn, wie der nachfolgende Artikel offenbart, darüber hinaus jedoch noch eine berührende ganz persönliche Verbindung. Es liest Paula Leu.

Feb 17, 20227 min

Ep 788Wirth erhält Kanzlermehrheit

Mit Joseph Wirth amtierte seit Mai 1921 der bereits siebente Kanzler der noch so jungen Weimarer Republik – und mit seinen bei Amtsantritt 41 Jahren der bis heute jüngste obendrein. Die Probleme des als Vertreter des linken Zentrum-Flügels geltenden Wirth waren freilich im wesentlichen die gleichen wie die seiner sämtlichen Vorgänger und Nachfolger: fragile Mehrheiten, die es kaum möglich machten, den enormen außen- wie innenpolitischen Herausforderungen mutige Konzepte entgegenzusetzen. Seine Wiederauflage der Weimarer Koalition aus SPD, Zentrum und DDP war eigentlich auf eine Tolerierung durch die rechtsliberale DVP angewiesen, die vor dem Hintergrund von Eisenbahnerstreik und neuen alliierten Reparationsforderungen Wirth und vor allem dessen neuen Außenminister Rathenau allerdings nicht länger unterstützen wollte. Dass jener das von ihm angestrengte Vertrauensvotum am 15. Februar 1922 dennoch politisch überlebte, verdankte sich vor allem Stimmenthaltungen aus den Reihen der Unabhängigen Sozialdemokraten. Die Berliner Volks-Zeitung vermeldete es anderntags mit Wohlwollen. Es liest Frank Riede.

Feb 16, 20225 min

Ep 787Die Lage der Ulk-Industrie

Offensichtlich gehörte es in den 20ern zu jeglichen Feiertagen und Lustbarkeiten dazu, sich selbst und sich gegenseitig mit Scherzartikeln zu amüsieren. Ob Weihnachten, Sylvester, Fasching oder Bälle ohne Verankerung im Festtagskalender: die Besucher:innen deckten sich, so sie es bezahlen konnten, mit diesen kleinen Dekorations-, Scherz- und Verkleidungsartikeln. Das erklärt wohl, dass in dem heutigen Artikel aus der Vossischen Zeitung vom 15. Februar 1922 von einer regelrechten Ulk-Industrie die Rede ist. Zu uns spricht aus der Auf den Tag genau-Bütt, Paula Leu.

Feb 15, 20229 min

Ep 786Habemus Papam!

So tief die römisch-katholische Kirche auch in unzähligen Skandalen versumpft sein mag – ihre uralten Rituale funktionieren und faszinieren doch teilweise bis heute. Als Anfang 1922 Papst Benedikt XI. verstorben war, gab es zwar noch keine TV-Stationen, die tagelang schwarzen und weißen Rauch in alle Welt streamten. Dafür versorgten aber die Tageszeitungen ihre Leser*innen morgens, mittags, abends mit allen erdenklichen Informationen und Spekulationen vom Konklave. Besonders groß fiel naturgemäß die Anteilnahme der katholischen Germania aus. Noch Tage nach der Wahl des neuen Pontifex Maximus Pius XI. stapelte jene immer neue Berichte über die entscheidenden Minuten der Annunziation und übertrug, wie im folgenden Artikel vom 14. Februar, ihre Begeisterung so in die Wohnstuben der in Berlin aufgrund von Zuwanderung gar nicht mehr so wenigen Katholiken. Für uns unter das römische Volk auf dem Petersplatz gemischt hat sich der Kardinalprotodiakon von Auf den Tag genau Frank Riede.

Feb 14, 202210 min

Ep 785Rundgang durch die Frühjahrsmode

Der Pariser Couturier Paul Poiret machte von seinem Modehaus Reden, als er als einer der ersten Kleider entwarf, unter denen kein Korsett getragen wurde. Mit einer Befreiung der Frau hatte das wohl nicht so viel zu tun, da er auch ein prominenter Verfechter des sog. Humpelrocks, in dem die Trägerinnen nur Tippelschritte machen konnten, war und sich in seinen Kreationen später wieder dem Korsett zuwandte. Dies ist nur eine Fußnote zu der Übersicht über die Trends der Damenmode 1922, wie sie der Berliner Börsen-Courier in der Ausgabe vom 13. Februar präsentierte. Margarethe von Suttner, Verfasserin des Buches „Darf ich? Ein Brevier für Lebensformen“ kommentiert die Trends der Schnitte und Stoffe, Paula Leu verleiht ihr ihre Stimme.

Feb 13, 20227 min

Ep 784Unzerbrechliches Glas?

Dass Glas bei abrupten Temperatursprüngen die Tendenz hat zu zerspringen, beschäftigte lange die Glashersteller, die nach chemisch-technologischen Lösungen für diese Herausforderung suchten. Das Problem stellte sich nicht nur im Bereich des Haushalts, an den wir vielleicht zunächst denken, sondern besonders im Bereich der naturwissenschaftlichen Forschung selbst – Reagenzgläser, Kolben etc. waren mitunter starker Erhitzung oder Abkühlung unterworfen. In Europa führend im Bereich des Laborglases war die im 1837 gegründete, im tschechischen Sázava ansässige und nach ihrem Gründer František Kavalír benannte Glashütte „Kavalierglass“, die Anfang des 20. Jahrhunderts mit besonders stabilem Borosilikatglas experimentierte und dieses 1922 auf den Markt brachte. Für die Berliner Morgenpost schaut sich am 12. Februar 1922 Richard Katz in der Glashütte um und lässt sich das unzerbrechliche Glas präsentieren. Es liest Frank Riede.

Feb 12, 20227 min

Ep 783Von 1922 ins Jahr 2022 und zurück

Zeitungsnachrichten aus dem Jahr 2022 sind unsere Sache eigentlich nicht. Heute machen wir allerdings eine Ausnahme, weil wir den folgenden Artikel aus dem Gräflich Hessischen Kurier vom 4. Februar 2022 bereits in der Deutschen Allgemeinen Zeitung vom 11. Februar 1922 abgedruckt fanden. Der abwegige Name des erstgenannten Periodikums klärt die Sache auf: Die DAZ hat vor einhundert Jahren einfach eine kleine Reise in die Zukunft gemacht um von dort – vorwärts in die Vergangenheit! – ihrerseits zurück in der Zeit zu reisen und nochmal einen Blick auf die chaotischen Umstände des hier im Podcast bereits mehrfach thematischen Februar-Streiks von 1922 zu werfen. Keine Sorge, klingt jetzt komplizierter, als es ist. Paula Leu verschafft Durchblick.

Feb 11, 20228 min

Ep 782Auf dem Weg zum Irischen Freistaat

Der 1922 schon lange und letztlich bis heute schwelende anglo-irische Konflikt hatte immer auch eine stark religiöse Seite: Die überwiegend katholischen Iren wehrten sich gegen die jahrhundertelange Fremdherrschaft der mehrheitlich protestantischen Engländer über ihre Insel und klammerten sich nach dem schleichenden Verlust ihrer alten keltischen Sprache zunehmend an dieses konfessionelle Distinktionsmerkmal. Die im Anglo-Irischen Vertrag von 1921 festgelegte Gründung eines eingeschränkt unabhängigen Irischen Freistaates war in den eigenen Reihen zwar höchst umstritten und sogar Anlass für einen fast einjährigen Bürgerkrieg, letztlich, wie wir heute wissen, aber doch ein Meilenstein auf dem Weg zur ersehnten Republik. Aus sehr strategischen Gründen hatte Deutschland bereits den irischen Osteraufstand 1916 mit Waffenlieferungen zu unterstützen versucht und begleitete danach auch alle weiteren Erhebungen gegen den eigenen Kriegsbezwinger England mit verbreiteter Sympathie. Dass dies, wenig verwunderlich, auch und ganz besonders für die Germania, das Zentralorgan der katholischen Zentrumspartei galt, belegt der folgende Artikel aus der Ausgabe vom 10. Februar 1922, den für uns Frank Riede liest.

Feb 10, 20229 min

Ep 781Ein neuer Patriarch in Konstantinopel

Dass im ersten Rom im Januar 1922 ein Papst gestorben war, dürfte im zweiten Rom im Februar 1922 keine besonders große Nachricht gewesen sein. In Istanbul alias Stambul alias Konstantinopel waren die Christen seit geraumer Zeit erstens in der Minderheit und zweitens bekanntlich noch viel länger schon von Rom ‘abgefallen‘, d.h. bereits seit der Spätantike nur ihrem Patriarchen als Oberhaupt der orthodoxen Kirche von Konstantinopel, wie auch, als primus inter pares, des gesamten orthodoxen Christentums religiös Untertan. Auch dieser zweite wichtige christliche Thron – Duplizität der Ereignisse! – stand freilich gerade zur Neubesetzung an. Nach einigen Jahren der Sedisvakanz unterstützten die in der Stadt seit 1918 herrschenden westlichen, vor allem britischen Besatzungsmächte die Kandidatur des Kreters Meletios Metaxakis, weshalb der Artikel aus der Vossischen Zeitung vom 9.2. neben dessen Beziehungen nach Griechenland auch diplomatische Annäherungen an die anglikanische Kirche in den Mittelpunkt ihrer Betrachtung rückt. Es liest Paula Leu.

Feb 9, 20227 min

Ep 780Berlin, wie es streikt und lebt

Berlin war am 8.2.1922 wegen eines Streikes nun schon einige Tage lang de facto ohne Strom, Gas und fließend Wasser. Alle Zeitungen lieferten entweder drastische Berichte über die verzweifelte Lage in den Krankenhäusern, in denen Operationen abgesagt wurden, weil es vor allem an sauberem Wasser und Beleuchtung fehlte, oder Impressionen aus der in Dunkelheit versunkenen Metropole. Wir bringen einen in letztere Kategorie gehörenden Stimmungsbericht aus der Berliner Volks-Zeitung. Für uns begibt sich Frank Riede auf den Weg in die Bibliothek, zu Wasserstellen und durch die Straßen, auf denen keine Elektrische fährt.

Feb 8, 20226 min

Ep 779Die verunglückte Arbeiteraktie

Manfred Krug kaufte Telekom-Aktien und viele Leute kauften mit. Der Boom an der Börse in den 90er Jahren führte bekanntlich spätesten mit dem Platzen der “New Economy-Blase” zu unzähligen um ihre Lebensersparnisse gebrachten Kleinanleger. Den Versuch über Belegschafts- oder Volksaktien breitere Bevölkerungsschichten an den Gewinnen der Wirtschaft zu beteiligen gab es freilich schon früher. Ludwig Erhardt förderte dies etwa in den 60ern. Aber auch schon 1922 wurden solche Kleinanleger-Modelle diskutiert und die Firma Krupp versuchte, Aktien an ihre langjährigen Arbeiter:innen zu verteilen, … also zu verkaufen. Einen Überblick über das Entstehen oder eben Nicht-Entstehen des Kleinanlegertums in Deutschland bietet die Berliner Volks-Zeitung am 7. Februar 1922. Paula Leu, die bei einem Börsengang von Auf den Tag genau garantiert Belegschaftsaktien bekommt, liest.

Feb 7, 20225 min

Ep 778Wider den Streik

Wer ‘Auf den Tag genau‘ schon etwas länger verfolgt, weiß: Die frühen Jahre der Weimarer Republik waren eine Zeit harter Arbeitskämpfe, die hier im Podcast nicht nur verschiedentlich Thema waren, sondern hin und wieder auch die Auswahl erheblich einschränkten, weil bisweilen auch Druckereien oder Zulieferer bestreikt wurden und Zeitungen nicht erscheinen konnten. Anfang 1922 befanden sich zunächst nur die Eisenbahner im Ausstand und schränkten die Verbindung zwischen den deutschen Städten über Wochen krass ein. Dann aber folgten ihnen in Berlin auch die Arbeiter der städtischen Gas-, Wasser- und Elektrizitätswerke in den Ausstand und beamten die Millionenstadt für wenige Tage bei winterlichen Temperaturen zurück in einen fast vorindustriellen Zustand. Die politische Ablehnung dieses Streiks fiel bis hin zur USPD überraschend einhellig aus. Auch die am 6, Februar trotz Streiks erscheinende Vossische Zeitung wetterte heftig und verband ihre Missbilligung mit einem Plädoyer für die Wirtschaftspolitik der amtierenden Reichsregierung Wirth. Ihr Argument präsentiert uns Frank Riede.

Feb 6, 20228 min

Ep 777Der Wettbewerb “Turmhaus Friedrichstraße”

Das Turmhaus am Bahnhof Friedrichstraße in Berlin sollte das erste Hochhaus der Hauptstadt werden und der entsprechende Architekturwettbewerb des Jahres 1921 fand eine große Beachtung. Es beteiligten sich zahlreiche renommierte Architekten und die besten Entwürfe wurden Anfang 1922 in einer Ausstellung der Öffentlichkeit präsentiert. Mies van der Rohe ging mit dem visionären, als „Wabe“ bekannten Entwurf an dem Wettbewerb, schaffte es aber nicht einmal in die zweite Runde. Nach der Besichtigung der ausgestellten Modelle und Skizzen ist sich der Kritiker des Berliner Tagblattes Fritz Stahl in der Ausgabe vom 5.2.1922 ganz sicher: es haben die falschen Entwürfe die Preise gewonnen. Seine Wünsche an ein Hochhaus an der Friedrichstraße liest Paula Leu.

Feb 5, 20227 min

Ep 776Vom Nackttanz zum Wohltätigkeitsball

Zum zweiten Mal bringen wir heute einen Text aus der Rubrik „Am Kurbelkasten“ aus der Berliner Volks-Zeitung, in der verschiedene kleinere Nachrichten in einem Text verknüpft werden. Die Ausgabe vom 4. Februar 1922 bietet einen interessanten Blick auf die zahlreichen Prozesse gegen sog. „Nackt-Tänzerinnen“, die Anfang 1922 vor den Gerichten verhandelt wurden. Über das Ballet Celly de Rheidt hatten wir berichtet. Eine weitere Tänzerin mit dem Künstlernamen Lola Bach wurde tatsächlich zu einer einmonatigen Gefängnisstrafe verurteilt. Der Blick des Artikels auf die ökonomischen Strukturen dahinter verlässt die im Kontext der Prozesse übliche Argumentation über Kunstfreiheit vs. Sittlichkeit und kurbelt dann meinungsfroh zu einer Kritik der Wohltätigkeitsbälle. Frank Riede kurbelt für uns mit.

Feb 4, 20228 min

Ep 775Die Winterspiele in Garmisch-Partenkirchen

Skifahren, Rodeln, Eislaufen – die 1920er Jahre waren, wie in den letzten Wochen schon mehrfach hier im Podcast zu erleben, Boomjahre des Wintersports. Dessen wachsende Beliebtheit befeuerte alte Forderungen, die betreffenden Disziplinen auch im olympischen Kalender zu berücksichtigen und ergänzend zu den alle vier Jahre veranstalteten Sommerspielen auch Winterspiele ins Leben zu rufen. Die Tatsache, dass sich das Internationale Olympische Komitee vor allem in Person seines Gründungsvater Pierre de Coubertin lange gegen diese Idee sträubte, führte nur dazu, dass sich vermehrt andere Veranstalter dieses Begriffs bedienten und ihre Sportfeste zumindest informell als Olympiaden deklarierten. So geschehen u.a. auch in Garmisch-Partenkirchen, wo bereits im Januar 1922, also vierzehn Jahre vor der ersten und bislang einzigen Austragung offizieller Olympischer Winterspiele auf deutschem Boden, viel beachtete ‘Deutsche Kampfspiele‘ ausgetragen wurden. Entgegen dieser etwas martialisch anmutenden Bezeichnung weiß die Berliner Morgenpost vom 3. Februar von einem durchaus internationalen und mondänen Charakter dieses Events zu berichten. Für uns stürzt sich Paula Leu von der Schanze und ins Getümmel.

Feb 3, 20229 min

Ep 774Widerstand gegen Rathenau als Außenminister

Der Industrielle, Schriftsteller und Mitbegründer der Deutschen Demokratischen Partei Walther Rathenau war ab Mai 1921 Wiederaufbauminister, später vertrat er die Regierung bei den Reparationsverhandlungen mit den Alliierten in London und Cannes. Reichskanzler Wirth machte ihn am 31.1. 1922 zum Außenminister, womit er nun ganz offiziell das Mandat hatte, Deutschland bei den nächsten internationalen Verhandlungen in Genua zu vertreten. Diese Personalie der Regierung traf auf heftigen Widerstand der rechten Parteien. Aber auch die nationalliberale DVP, die zahlreichen politischen Entscheidungen des Minderheiten-Kabinetts Wirth mit ihren Stimmen zur Mehrheit verhalf, stieß sich an dem international geschätzten Rathenau. Sie drohte nun in einer innenpolitischen Angelegenheit, nämlich bei den Beschlüssen des Steuerausschusses, ihre Stimmen zu versagen. Diese politischen Manöver beleuchtet für ihre Leserschaft Ernst Feder im Berliner Tageblatt am 2.2. 1922 und Frank Riede heute für unsere Hörerschaft.

Feb 2, 20228 min

Ep 773Kriegs- und Stimmungsbericht aus Marokko

Der kolonialistische Wettlauf der europäischen Groß- und Mittelmächte um die Welt des 19. und frühen 20. Jahrhunderts machte auch vor dem alten Sultanat Marokko nicht Halt. Frankreich, Spanien und Deutschland überbooten sich vor dem Ersten Weltkrieg am Atlasgebirge in Kanonenbootpolitik. Am Ende ging Deutschland bekanntlich leer aus, Frankreich sicherte sich den Löwenanteil, und Spanien wurde bereits im Vertrag von Fès 1912 an der Nordküste ein Protektorat zugesprochen, das es zehn Jahre später endlich auch militärisch unter seine Kontrolle zu bringen versuchte. Resultat war ein Jahre langer, äußerst schmutziger, d.h. zum Teil sogar mit Senfgas geführter Kolonialkrieg gegen den Widerstand der sogenannten Rifkabylen, der hin und wieder auch die Berliner Zeitungen erreichte. Einen außergewöhnlich ausführlichen Stimmungs- und Hintergrundbericht aus der bereits seit 1497 (und auch noch heute) zu Spanien gehörenden Enklave Melilla lieferte am 1. Februar 1922 das Berliner Tageblatt in seiner international ausgerichteten Wochen-Ausgabe. Für uns ihr nachgereist ist Frank Riede.

Feb 1, 202211 min

Ep 772Friedrich der Große auf der Leinwand

Das Leben von Friedrich dem Großen erfreute sich während der Weimarer Republik einer großen Beliebtheit als Filmsujet. Ließ sich dieser Erfolg durchaus mit einer Sehnsucht eines Teils des Publikums nach der (auch militärischen) Größe und Stabilität Preußens verbinden, so folgte daraufhin die Vereinnahmung Preußischer Geschichte durch den Nationalsozialismus, die diesen Punkt zum zentralen Interpretationsanker machte. Von einem großen vierteiligen Filmwerk mit dem Titel „Fridericus Rex“ feierten die ersten beiden Teile „Sturm und Drang“ und „Vater und Sohn“ am 30. Januar 1922 Premiere. Friedrich wurde vom Schauspieler Otto Gebühr gespielt, für den dies eine Art Lebensrolle werden sollte, denn er sollte Friedrich in insgesamt 12 Filmen verkörpern. Der Kolumnist der BZ am Mittag Eugen Tannenbaum war bei der Premiere dabei und Paula Leu liest für uns die danach verfasste und am Folgetag erschiene Kritik. Gerne verweisen wir auf www.stummfilm-magazin.de, in dessen Reihe “100 Jahre Stummfilmklassiker der Weimarer Republik” sich auch der “Fridericus Rex” befindet.

Jan 31, 20226 min

Ep 768Der Knickerbocker-Schneesturm

mmer wieder, so auch in diesem Jahr, lesen wir von den Schneestürmen, den Blizzards an der amerikanischen Ostküste, die Städte in hohe Schneedecken hüllen und den Verkehr zum Erliegen bringen. Vom 27. bis zum 28. Januar 1922 ereignete sich der bis dahin heftigste Sturm seit Beginn der Wettermessungen, bei dem sich in Verwehungen der Schnee bis zu 5 Meter hoch aufbaute. Eingegangen ist er in die Geschichte als „Knickerbocker-Storm“. Das Knickerbocker-Theatre war das größte und modernste Kino in Washington, auf dessen Flachdach sich am 28. der Schnee auftürmte, bis die Dachkonstruktion in der Mitte kollabierte, während im Theater ca. 500 Besucher:innen den Film „Get Rich Quick Wallingford“ schauten. Unter dem Schutt und Schnee starben 98 Menschen und wurden 133 verletzt. Den Drahtbericht der BZ am Mittag vom 30. Januar liest für uns Frank Riede.

Jan 30, 20224 min

Ep 771Das Haus der Werdenden

5-10 Pärchen, die gemeinsam Babypuppen halten, wiegen, Massage- und Atemübungen machen, über Nestbau und Senkwehen informiert werden… Heutzutage ein gängiger von Geburtsstationen oder Hebammenpraxen angebotener Geburtsvorbereitungskurs. Vor 100 Jahren lesen wir im Vorwärts, des 29. Januars, von einer Stunde Mutterschaftskursus in Charlottenburg. Die Reichsanstalt zur Bekämpfung der Kleinkindsterblichkeit vermittelte, damals lediglich den schwangeren Frauen, die neuesten wissenschaftlich-medizinischen Erkenntnisse und praktische Tipps. Paula Leu ist für uns im Haus der Werdenden dabei.

Jan 29, 20229 min

Ep 770Von deutscher Seele

Hans Pfitzner ist aus deutschen wie internationalen Musiksälen fast vollständig verschwunden. Zu tief war seine Verstrickung in den Nationalsozialismus, zu verstörend nimmt sich sein Bekenntnis zu dessen Antisemitismus auch noch nach 1945 aus, als das man seine Kompositionen irgendwie davon abgelöst rezipieren könnte. Vor einhundert Jahren war Pfitzner dagegen noch eine große Nummer, freilich auch schon damals umstritten und das auch aus weltanschaulichen Gründen. Die nachfolgende Kritik von Siegmund Pisling zu der Uraufführung von Pfitzners vielleicht berühmtesten Werk mit dem bezeichnenden Titel ‘Von deutscher Seele‘ führt tief hinein in diesem Thematik und besticht nicht nur durch analytische Schärfe, sondern auch durch die ausgeprägte Bereitschaft zur Differenzierung, durch Meinungsfreude jenseits von ‘Daumen rauf‘ und ‘Daumen runter‘. Aus dem 8-Uhr-Abendblatt vom 28. Januar 1922 liest für uns Frank Riede.

Jan 28, 20227 min

Ep 769Theaterbrand in Dessau

Obwohl sich die Metropolen vor einhundert Jahren selbstredend schon lange von jeglicher Holzbauweise verabschiedet hatten, nehmen städtische Brände im Berliner Presseaufkommen der frühen 1920er Jahre allgemein und ganz besonders im Winter 1922 einen erstaunlich großen Raum ein. Eben gerade war unter großer journalistischer Anteilnahme – hier im Podcast jedoch unbeachtet – die Sarotti-Fabrik in Tempelhof abgefackelt, da kam aus dem Anhaltinischen die Kunde von einem schweren Theaterbrand in Dessau. Das Berliner Tageblatt vom 27. Januar 1922 beklagt den Verlust des historischen Gebäudes und gedenkt der dabei zu Tode gekommenen Sängerin Lilly Herking. Es beschreibt aber auch das besonders innige Verhältnis, dass die Dessauer zu ihrem alten Hoftheater gehabt hätten. In die in der Tat bewegte Dessauer Theatergeschichte taucht für uns Paula Leu.

Jan 27, 20226 min

Ep 767Die Republik im Straßenbild

Die Weimarer Republik bekämpfte von Anfang an die Dämonen der Vergangenheit. Erst vor zwei Wochen gab es an dieser Stelle einen Widerspruch gegen die Dolchstoßlegende. Die Begeisterung weiter bürgerlicher Kreise für die Monarchie, ihrer Farben und Symbole stand einer wenig selbstbewusst vorgetragenen Bejahung der Republik, ihrer Farben und Symbole gegenüber. Ein Zustand, den auch die pro-republikanische Berliner Volks-Zeitung am 26. Januar 1922 kritisiert. Mit ihr begibt sich Paula Leu auf die Suche nach „Schwarz-Rot-Gold“ im Straßenbild Berlins.

Jan 26, 20226 min

Ep 766Zum Tode von Arthur Nikisch

Was ist das Gegenteil von österreichischen Bundeskanzlern, SPD-Parteivorsitzenden und sportlichen Übungsleitern von Schalke 04? Richtig, Chefdirigenten der Berliner Philharmoniker. In 140 Jahren Orchesterbestehen gab es von ihnen offiziell gerade einmal sieben. Der zweite, Arthur Nikisch, mag in unseren heutigen Ohren zwar vielleicht der unbekannteste Name in dieser exklusiven Reihe sein. Seine Bedeutung für den Aufstieg der Philharmoniker zu einem der berühmtesten Klangkörper des Planeten ist dennoch nicht zu unterschätzen. Nicht nur kommt er bis heute – nach Herbert von Karajan – auf die zweitlängste Amtszeit bei den ‘Philis‘. Seine Ägide steht außerdem für die Entwicklung einer ausgedehnten Tourneetätigkeit, für einige wichtige Uraufführungen (u.a. von Mahler und Busoni) sowie nicht zuletzt für die ersten Schallplattenaufnahmen in der Orchestergeschichte. Am 9. Januar 1922 stand Nikisch noch am Pult seiner Philharmoniker, am 23. Januar starb er plötzlich an den Folgen einer Grippe, am 25. Januar würdigt ihn Kurt Singer im Vorwärts – und Frank Riede bei Auf den Tag genau.

Jan 25, 20226 min

Ep 765Demokratischer Tee auf der Prager Burg

Die Bilder gingen um die Welt, als vor 32 Jahren der Schriftsteller und Dissident Václav Havel, nun frisch gebackener Präsident der Tschechoslowakischen Republik, die Rolling Stones auf der Prager Burg zu einem Snack empfing, um sich mit ihnen anschließend auf dem repräsentativen Balkon dem Volk zu zeigen, zu dem sein Team alledings noch nicht den Schlüssel hatte, weshalb alle durchs Fenster auf den Balkon kletterten … Damit wolle er, ließ Havel verlauten, das Ansehen dieses Balkons wieder verbessern, bzw vielleicht auch an eine Tradition anknüpfen, von der die Vossische am 24. Januar 1922 berichtet. Seit dem 14. November 1918 war Tomáš Garrigue Masaryk der erste Präsident der soeben entstandenen Tschechoslowakei und residierte auf der Prager Burg. Regelmäßig lud er Vertreter aus Kunst und Kultur zu Teegesellschaften auf den Hradschin ein und pflegte Freundschaften mit Wissenschaftler- und Schriftsteller:innen. Der Mitbegründer des Staates, selbst Gelehrter, Schriftsteller - und dann auch Politiker - war mit seiner Internationalität, Toleranz und demokratischen Überzeugung ein Aushängeschild der Ersten Republik. Gleich Havel, 70 Jahre später, gelang es ihm aber nicht die chauvinistischen Kräfte im Land zu bändigen, wie Richard Katz ganz optimistisch in seinem Zeitungsartikel noch erhofft. Es liest Frank Riede.

Jan 24, 20227 min

Ep 764Fürth gegen Nürnberg

Nürnberg und Fürth verbindet nicht nur Deutschlands älteste Bahnstrecke, sondern auch eine lange gewachsene nachbarschaftliche Konkurrenz. Überregional sichtbar wird sie heutzutage vor allem noch im fußballerischen Frankenderby zwischen dem traditionsreichen Nürnberger ‘Glubb‘ und der nicht minder geschichtsträchtigen Spielvereinigung Greuther Fürth. Angesichts dieser gut gepflegten Abneigung etwas überrascht vernimmt man, dass vor einhundert Jahren tatsächlich über eine Vereinigung beider Städte abgestimmt wurde. Solche Fusionen waren seinerzeit bekanntlich en vogue; Berlin hatte sich gerade bis nach Spandau und Köpenick ausgedehnt, und auch Hamburg schielte bereits nach Altona. Im Fränkischen hingegen lehnte man einen solchen Zusammenschluss am Ende doch ab und kultivierte damit eine buchstäblich sportliche Rivalität, die prinzipiell freilich – wie gerade das Berlin-Köpenicker Beispiel beweist – durchaus auch intra muros zu gedeihen vermag. Aus der Vossischen Zeitung vom 23. Januar 1922 liest Paula Leu.

Jan 23, 20223 min

Ep 763Hochwasserschutz im Ahrtal

Vor einem Jahr wäre uns dieser Artikel mit Sicherheit noch durch die Lappen gegangen: Die Deutsche Allgemeine Zeitung hat es am 22. Januar 1922 ins Ahrtal verschlagen. Die beschauliche Eifelgegend zwischen Blankenheim und Sinzig ist – man höre und staune – wiederholt von schlimmen Überschwemmungen heimgesucht worden. Deshalb ist die Errichtung einer Talsperre, der Ahrtalsperre, als Schutzmaßnahme vor künftigem Hochwasser beschlossene Sache. Was in den folgenden neunundneunzigeinhalb Jahren nicht gebaut wurde, ist bekannt. Dass die Pläne zugunsten des Baus des Nürburgrings zurückgestellt und dann nie realisiert wurden, fügt den Versäumnissen des vergangenen Sommers eine weitere makabre Komponente hinzu. Es liest Paula Leu.

Jan 22, 20225 min

Ep 762Nekrolog auf einen noch lebenden Papst

Am morgigen 22. Januar 2022 jährt sich zum einhundertsten Mal der Tod des vormaligen Bischofs von Rom, Papst Benedikts XV. Entsprechend überrascht werden Kennerinnen und Kenner unseres Podcastformats zur Kenntnis nehmen, auf unserem Kanal bereits heute einen Nachruf auf den sogenannten Friedenspapst vorzufinden. Keine Sorge, wir haben nicht über Nacht die Spielregeln für unsere Textauswahl geändert, sondern perpetuieren nur eine auf den Tag genau einhundertjährige Falschmeldung, die die Zeitungen in London, Paris und Berlin um ein paar Stunden verfrüht, d.h. noch zu Lebzeiten von Benedikt XV. Abschied nehmen ließ. Ob dieser von den zahlreichen voreiligen Nekrologen auf seine Person – wie etwa dem folgenden von Emil Ludwig aus dem 8-Uhr-Abendblatt vom 21. Januar 1922 – in den wenigen ihm noch verbleibenden Stunden noch etwas mitbekommen hat, ist nicht überliefert. Für uns gedenkt seiner Frank Riede.

Jan 21, 20228 min

Ep 761Deutschland entsetzt über Regierungswechsel in Frankreich

Der Erste Weltkrieg war vor einhundert Jahren bereits seit über drei Jahren vorbei, aber über den Frieden wurde noch immer verhandelt. Im Januar 1922 tat man dies zur Abwechslung in Cannes, wo das Ersuchen des deutschen Vertreters Walther Rathenau um Aufschub der fälligen Reparationszahlungen beim britischen Premierminister Lloyd George und seinem französischen Amtskollegen Aristide Briand auf überraschend offene Ohren gestoßen war. Schon wenige Tage später waren alle Beschlüsse indes null und nichtig, da das Parlament in Paris Briand die Unterstützung verweigerte und der als antideutscher Hardliner verschriene Raymond Poincaré sich anschickte, Briand an der Regierungsspitze abzulösen und von dort auf die Einhaltung aller Deutschland im Versailler Vertrag auferlegten Pflichten zu pochen. Die deutsche Öffentlichkeit reagierte auf die Wendung allenthalben entsetzt, so auch der Vorwärts am 20. Januar. Es liest Paula Leu.

Jan 20, 20228 min

Ep 760Ein neues Buch von Sigmund Freud

Zu den zahlreichen historischen Privilegien der Presse in den 1920er Jahren gehörte, dass sie neben vielen anderen epochalen Ereignissen immer wieder auch Neuerscheinungen eines gewissen Dr. Sigmund Freud aus Wien besprechen durfte. Dessen Grundlagenwerke Die Traumdeutung oder Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse waren vor einhundert Jahren zwar bereits längst veröffentlicht und gesellschaftlich rezipiert worden. Freud war jedoch ein äußerst fleißiger Denker und Schreiber, der beinahe im Jahresrhythmus seine Theorie vertiefende neue Studien nachlegte. 1921 war in diesem Zuge die Schrift Massenpsychologie und Ich-Analyse herausgekommen, die schon damals, äußerst prophetisch, die Verführbarkeit politischer Massen durch charismatische Führerfiguren unter die Lupe nahm. Wie unmittelbar biographisch ihn dieses Thema dereinst einholen würde, mochte Freud damals ebenso wenig geahnt haben, wie sein Rezensent in der Berliner Börsen-Zeitung vom 19. Januar 1922, Hanns Brodnitz – der sich anders als Freud nicht mehr rechtzeitig ins Exil retten konnte und 1944 von den Nazis in Auschwitz ermordet wurde. Es liest Frank Riede.

Jan 19, 20229 min

Ep 759Die Meisterin vom Billardtisch

Die historischen Wurzeln des Billard-Spiels liegen im Dunkeln, reichen aber vermutlich bis ins späte Mittelalter zurück. Seine moderne Gestalt, was Tisch, Queue und Bälle betrifft, prägte es im 19. Jahrhundert aus, an dessen Ende auch die uns heute noch bekannte Ausdifferenzierung in unterschiedlichste Varianten weitgehend abgeschlossen war: In der britischen Welt setzte sich vor einhundert Jahren das dort bis heute sehr beliebte Snooker durch, während auf dem Kontinent, aber teilweise auch in Amerika das diesem verwandte, aber im Vergleich etwas weniger komplexe Poolbillard in puncto Popularität tendenziell hinter dem lochlosen Karambolage-Billard mit seinen zahlreichen Unterarten zurückblieb. Bei seinem Charakter als Kneipensport wenig überraschend, war Billard lange überwiegend Männersache. Unser heutiger Artikel aus der Berliner Morgenpost vom 18. Januar 1922 ist jedoch explizit einer Spielerin gewidmet. Dass die Niederländerin Lies Schrier mit ihren spielstarken männlichen Konkurrenten mehr als nur mithalten konnte, nötigt dem Autor dabei hörbar großem Respekt ab, lässt ihn dann und wann aber dennoch in einen leicht gönnerhaften Ton zurückfallen. Es liest Paula Leu.

Jan 18, 20226 min

Ep 758Georg Heym zum (einhundert)zehnten Todestag

Etlichen Protagonisten der Anfang des 20. Jahrhunderts aufbrechenden Expressionisten-Generation war ein tragisch kurzes Leben und Wirken beschieden. Die Felder des Ersten Weltkriegs wurden nicht nur zum Grab für Abermillionen, sondern auch für einige der größten künstlerische Hoffnungen. Georg Heym schaffte es nicht einmal bis hierher, obwohl er wie kaum ein anderer diese nahenden Schrecken dichterisch vorausahnte. Am 16. Januar 1912 traf Heym sich mit seinem Freund Ernst Balcke, um auf der zugefrorenen Havel bei Gatow Schlittschuhlaufen zu gehen, und kam bei dem Versuch, seinen im Eis eingebrochenen Begleiter zu retten, selbst, gerade vierundzwanzigjährig, ums Leben. Zehn Jahre später ist die Welt längst eine ganz andere geworden. Dennoch nimmt sich das Berliner Tageblatt vom 17. Januar 1922 in Person von Heyms Kollegen und Herausgeber Kurt Pinthus die Zeit, an einen der bedeutendsten deutschen Lyriker anlässlich seines zehnten Todestages zu erinnern. Zu seinem einhundertzehnten tut dies für uns Frank Riede.

Jan 17, 20229 min