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Auf den Tag genau

Auf den Tag genau

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Ep 1107Neujahr auf den Kykladen

Lieber Hörerinnen und Hörer von Auf den Tag genau, wir wünschen Euch ein gesundes, politisch möglichst entspannteres neues Jahr und hoffen zugleich, dass Ihr uns auch in diesem, unserem vierten Jahr die Treue haltet – und uns eine kleine, aber im Sinne des täglichen Sendebetriebs unvermeidliche Inkonsequenz gegenüber dem Titel dieses Podcast verzeiht, mit der wir 2023 gleich beginnen müssen. Der 1. Januar fiel 1923 auf einen Montag, also auf den Wochentag, an dem der Zeitungsbetrieb seinerzeit wegen des vorausgegangenen Sonntags immer nur im Minimalbetrieb lief und an dem nun am Neujahrstag auch die sonst bei den meisten Zeitungen übliche kurze Abendausgabe nicht erschien. Damit Ihr trotzdem nicht ohne Euren geliebten Podcast ins neue Jahr starten müsst, behandeln wir die vortägliche Silvester- gleichsam als Feiertagausgabe und starten deshalb mit einem Text ins neue Jahr, der streng genommen weder auf den Tag, noch auf den Monat, noch auch nur auf das Jahr genau ein Jahrhundert vor dem 1. Januar 2023 erschien – der dafür aber umso hörenswerter ist: Theodor Däubler verschlug es im Rahmen von ausgedehnten Griechenlandtouren auch auf die Kykladen, das Berliner Tageblatt druckte seinen literarischen Bericht, Frank Riede hat ihn für uns gelesen.

Jan 1, 202310 min

Ep 1106Bilanz 1922

Am letzten Tag des Jahres 1922 schaute auch der Chefredakteur der Berliner Volks-Zeitung Otto Nuschke auf das Jahr zurück und zog Bilanz. Allerdings nicht einen Jahresrückblick des Typs „Rundumschlag“, wie sie heutzutage die Fernsehsender jedes Jahr aufs Neue zelebrieren, sondern fokussierte sich auf innenpolitische Hemmnisse des Deutschen Reiches, die in den zwölf vergangenen Monaten besonders deutlich hervorgetreten seien. Als überzeugtem Republikaner und Mitbegründer der Deutschen Demokratischen Partei bereitete ihm ein Zusammenspiel von Monarchismus und Partikularismus Sorgen. Paula Leu schaut mit ihm auf 1922 zurück und beschließt damit das dritte Jahr von „Auf den Tag genau“.

Dec 31, 20229 min

Ep 1105George Grosz: Ecce Homo

Bildende Kunst ist als Betrachtungsgegenstand in den Berliner Qualitätszeitungen der Weimarer Republik durchaus verbreitet: Namhafte Kunstkritiker besuchen in den renommierten Galerien der Stadt regelmäßig illuster bestückte Kaufausstellungen von fast immer auch heute noch überaus namhaften (und längst nicht mehr bezahlbaren) Malern ihrer Zeit und ordnen das Gesehene kunsthistorisch ein. Die Haltung, die dabei eingenommen wird, ist freilich zumeist die analytische Vogelperspektive. Dass ein Text sich tatsächlich einmal näher auf einzelne Werke einlassen würde, kommt hingegen selten vor, ist als journalistisches Genre nicht etabliert. Umso interessanter, wenn es dann doch einmal passiert und, wie im vorliegenden Fall die Rote Fahne vom 30. Dezember 1922, mit George Grosz‘ Graphik-Mappe Ecce Homo ein Werk rezensiert wird, welches in den Kanon der Moderne zentral Eingang gefunden hat. Dass der Artikel zu einer eminent politischen Lesart tendiert, will weder bei diesem Künstler, noch bei der KPD-Parteizeitung überraschen. Es liest Frank Riede.

Dec 30, 20228 min

Ep 1104Zwischen Weihnacht und Neujahr - eine Analyse

“Eine seltsame Zeit, diese Tage zwischen den Feiertagen”, stellte schon vor hundert Jahren Dr. Richard Müller in der Neuen Zeit vom 29. Dezember 1922 fest. Was folgt ist eine kombinierte festtagsdramaturgische und festtagspsychologische Analyse der Jahresendphase. Ob es sich beim Autor wirklich um Richard Müller-Freienfels handelt, den deutschen Psychologen und Philosophen, können wir nicht zweifelsfrei klären. Dafür spricht, dass er 1922 in Berlin Wilmersdorf als Oberlehrer tätig war, also im Berliner Westen, wo die Neue Zeit erschien. Aber unabhängig davon, von welchem „Müller“ sie stammen, bringt uns die spannenden Reflexionen Paula Leu zu Gehör.

Dec 29, 20226 min

Ep 1103Was machen wir Silvester?

Alle kennen die leidige Frage und wissen, wenn man sie nicht rechtzeitig, also weit vor Weihnachten stellt, wird eine zufriedenstellende Antwort kurzfristig immer unwahrscheinlicher: Was machen wir eigentlich Silvester? Als ihn die ersten Bekannten bereits in der Sommerfrische mit dem Thema konfrontierten, hatte der Autor des gleich zu Gehör gebrachten Artikels aus der Vossischen Zeitung vom 28. Dezember 1922 noch müde gelächelt. Nun, drei Tage vor Termin und etliche besuchte Lokalitäten, studierte Speisekarten und durchgerechnete Kalkulationen später scheint ihm die Lust auf den Jahreswechsel gründlich vergangen. Frank Riede weiß, warum.

Dec 28, 202210 min

Ep 1102Abschied vom Fest

Was gab es am 27. Dezember 1922 für die Zeitungen zu berichten? Natürlich wurde der Blick zurück auf die vergangenen Feiertage gerichtet. Eine weiße Weihnacht, auf die wir, als wir diese Anmoderation vorproduzierten, für 2022 hofften, hat es 1922 nicht gegeben. Und diese Tatsache nimmt der Autor, der mit „Viktor“ signiert, in der Berliner Volks-Zeitung zum Ausgangspunkt, um schlaglichtartig das Festgeschehen auf den Straßen, in Häusern und Cafés und Kneipen zu schildern. Dabei spielt natürlich angesichts der Inflation die Teuerung und die damit einhergehende Verschärfung der sozialen Unterschiede eine prominente Rolle. Für uns blickt Paula Leu zurück.

Dec 27, 20228 min

Ep 1101Rainer Maria Rilke: Drei Sonette an Orpheus

Das Jahr 1922 darf literaturhistorisch ohne Zweifel einige Bedeutung für sich reklamieren. James Joyces Jahrhundertroman Ulysses erlebte hier genauso seine Erstveröffentlichung wie T.S. Eliots legendärer Poem The Waste Land oder Sinclair Lewis‘ später mit dem Nobelpreis bedachter Babbitt, und Rainer Maria Rilke finalisierte mit den Duineser Elegien und den Sonetten an Orpheus gleich beide seine wohl berühmtesten lyrischen Zyklen. Das zeitgenössische Publikum der Berliner Tageszeitungen erfuhr von alldem indes herzlich wenig. Rezensionen oder anderweitige Berichte über derlei Meilensteine der modernen Literaturgeschichte sind der Redaktion von Auf den Tag genau im Jahresverlauf jedenfalls nicht untergekommen. Immerhin wusste man im Berliner Tageblatt aber, wer Rilke war, und servierte drei ausgewählte der erst im Folgejahr im Insel-Verlag publizierten 55 Sonette an Orpheus in seiner Weihnachtsausgabe im Vorabdruck ohne weiteren Kommentar gleichsam als Beilage zum Festtagsbraten. Frank Riede hat von ihnen gekostet.

Dec 26, 20225 min

Ep 1100Samarkand - die blaue Stadt

Besuch aus dem Morgenland gehört zu Weihnachten bekanntlich schon seit Christi Geburt. Die Vossische Zeitung ging in ihrer Feiertagsausgabe des Jahres 1922 indes den unorthodoxen umgekehrten Weg und legte ihrem Publikum den Bericht von einer Reise in das märchenhaft orientalische Samarkand unter den Tannenbaum, das der umtriebige schreibende Globetrotter Colin Roß in den zurückliegenden Monaten besucht hatte. Wie regelmäßige Hörer*innen von Auf den Tag genau wissen, sind Sympathie und Achtung für die fremden Kulturen, die er erkundet, bei dem nachmals überzeugten Nationalsozialisten Roß von Ort zu Ort durchaus unterschiedlich ausgeprägt. Für den architektonischen Zauber wie aus Tausend und einer Nacht entlang der zentralasiatischen Seidenstraße kann er sich jedoch sehr wohl begeistern. Paula Leu ist für uns gen Osten gezogen.

Dec 25, 20227 min

Ep 1098Weihnachtsansprache des Reichskanzlers Cuno

Sie gehören zu Weihnachten und Silvester wie die Geschenke unter dem Weihnachtsbaum und “Dinner for one”. Die Ansprachen der (bislang nur) Bundespräsidenten zu Weihnachten und der Bundeskanzler:innen zu Neujahr. Seit 1970 gibt es diese Praxis, als Präsident Heinemann die traditionelle Weihnachtsansprache, die eigentlich der Kanzler hielt, übernahm und damit Willy Brandt auf den Silvesterslot ausweichen musste. Wir lernen daraus aber, dass es zuvor andersherum war und das bestätigt auch die Berliner Börsen-Zeitung vom 24. Dezember 1922, in der der Reichskanzler Cuno sich in einer schriftlichen Weihnachtsansprache an die Bevölkerung wandte. Lauschen wir also Paula Leu, ob wir auch inhaltliche Parallelen zur diesjährigen Weihnachtsanprache von Frank Walter Steinmeier finden.

Dec 24, 20226 min

Ep 1097Zeitreise durch Berliner Weihnachtsmärkte

Bei vielen Berichten, die wir in der Presse über die Weihnachtsmärkte finden, schwingt ein wehmütiger Blick zurück in die Jahre vor dem Ersten Weltkrieg mit, eine selige Zeit der vorweihnachtlichen Budenlandschaften. So auch in einem Artikel der Auslandsbeilage der Vossischen, der Voss, von einem gewissen Philipp Vockerat, die am 23. Dezember 1922 erschien. Über die Weihnachtsmärkte vorgestern, gestern und heute, also vor hundert Jahren, schlendert für uns Paula Leu.

Dec 23, 20226 min

Ep 1096Mit dem Frachtschiff über Lissabon nach Malta

Das Reisen auf Frachtschiffen gilt im Zeitalter des Massentourismus noch immer als echter Geheimtipp. Auch vor einhundert Jahren, erfahren wir aus dem Berliner Tageblatt vom 22. Dezember 1922, war man dort als Privatpassagier durchaus eine Attraktion und wurde von der Mannschaft bisweilen sogar etwas mitleidig angeschaut. Was der „Zivilist“ Curt L. Heymann auf der Passage von Hamburg via Portugal nach Malta erlebt, rechtfertigt seinen Trip aber in jeder, gerade auch journalistischen Hinsicht. Zwar darf er, ebenso wie die Crew, den Zielort aus politischen Gründen nicht betreten, kann dafür aber unterwegs mit Erlebnissen auf Landgängen aufwarten, die wohl von kaum einem anderen Verkehrsmittel aus zu machen und der Nachwelt zu hinterlassen gewesen wären. Für Auf den Tag genau an Bord und für ein paar Flaschen Colares in Lissabon vor Anker gegangen ist Frank Riede.

Dec 22, 20229 min

Ep 1095Alfred Kerr über Bertolt Brecht

Vor knapp zweieinhalb Monaten war hier in diesem Podcast zum ersten Mal von einem aufstrebenden Jungdramatiker namens Bertolt Brecht die Rede. Seinen Erstling Trommeln in der Nacht bzw. dessen Münchener Uraufführung hatte Starkritiker Herbert Ihering zum Anlass genommen, Brecht im Berliner Börsen-Courier gleich ein hymnisches Porträt zu widmen und damit eine für die Weimarer Jahre sehr wirkmächtige Kritiker-Künstler-Koalition zu begründen. Iherings großer Antagonist Alfred Kerr pflegte demgegenüber einen deutlich kritischeren Blick auf Brecht, und dieser traf auch schon die nachgereichte Berliner Erstaufführung von Trommeln in der Nacht. Mehr als der übliche Expressionismus von der Stange mochte das zwar sein, was Otto Falckenberg am 20. Dezember 1922 im Deutschen Theater inszeniert hatte. Euphorie löste es bei Kerr jedoch nicht aus, und eine kleine versteckte Spitze gegen den Kollegen Ihering und dessen vermeintliche Neigung zur Patronage konnte er sich anderntags in seiner Rezension im Berliner Tageblatt auch nicht verkneifen. Neulich war er als Herbert Ihering, heute ist er als Alfred Kerr zu erleben: Frank Riede.

Dec 21, 202212 min

Ep 1094Nansens Nobelpreisrede

Heute kommt eine besondere und beeindruckende Persönlichkeit des 19. und 20. Jahrhunderts zu einem besonderen Anlass zu Wort. 1922 bekam der Norweger Fridtjof Nansen den Friedensnobelpreis zugesprochen und hielt bei der Verleihung diese in der Vossischen Zeitung vom 20. Dezember abgedruckte Rede. Hatte er bei seiner wissenschaftlichen Tätigkeit als Zoologe mit Arbeiten über das Zentralnervensystem wirbelloser Meerestiere Beiträge zur modernen Neurologie geliefert, so unternahm der danach unzählige Forschungsreisen ins nördliche Polarmeer, die die Untersuchung dieser Gebiete revolutionierten und den Nordpolexpeditionen den Weg bahnten. Als er bereits ein Identifikationsfigur der Norweger war, engagierte er sich politisch für eine Unabhängigkeit Norwegens und sicherte diese als Diplomat in London ab. Anschließend wirkte er als Hochkommissar für Flüchtlingsfragen beim Völkerbund und organisierte Hilfe bei Hungersnöten und für Flüchtlinge. Insbesondere sein Nansen-Pass für staatenlose Flüchtlinge hat Bekanntheit erlangt. Und für diese letzte Station seines Lebens erhielt er den Friedensnobelpreis. Wenig verwundert es da, dass seine Dankesrede ein flammender Appell an die Menschlichkeit ist und die Hoffnung auf einen Friedensbund aller Staaten der Welt setzt. Paula Leu liest.

Dec 20, 20228 min

Ep 1093Das Ende der ersten deutschen Eisenbahn

Die deutsche Eisenbahngeschichte begann bekanntlich im Jahr 1835 mit der Inbetriebnahme der Ludwigseisenbahn auf der Strecke zwischen Nürnberg und Fürth. Erstere, also die deutsche Eisenbahngeschichte, dauert – dank der Verkehrspolitik der letzten Jahrzehnte bisweilen mehr schlecht als recht – bis heute fort; letztere hingegen, die Ludwigseisenbahn, stellte vor einhundert Jahren ihren Betrieb unwiderruflich ein. Sei es aus Nostalgie, sei es aus mangelnder ökonomischer Perspektive war sie nie wirklich modernisiert, sondern bis 1922 quasi als Museumsbetrieb fortgeführt worden. Dann war nach 87 Jahren, auch unter dem Eindruck der galoppierenden Inflation, Schluss. Die Vossische Zeitung nimmt dies am 20. Dezember in Person von Alfred Neuburger zum Anlass für einen durchaus wehmütigen Abgesang. Neuburger war ein höchst erfolgreicher Autor zahlreicher populärwissenschaftlicher Bücher und galt zu seiner Zeit als so etwas wie der „Star des naturwissenschaftlich-technischen Feuilletons“. 1943 wurde er gemeinsam mit seiner Frau Minna nach Theresienstadt deportiert und dort ermordet. Es liest Frank Riede.

Dec 19, 20228 min

Ep 1092Hitlers ‘Truppenparade’

US-amerikanische Milliardäre, die einen Teil ihres Vermögens in die Entwicklung rechtsextremer Parteien dies- und jenseits des Atlantischen Ozeans investieren, sind offensichtlich ein epochenübergreifendes Phänomen. Ob Automobilpionier Henry Ford in den 1920er Jahren den Aufbau der NSDAP tatsächlich mitfinanzierte, gilt bis heute als ungeklärt. Dass Ford wegen seines bekennenden Antisemitismus von Hitler verehrt wurde, ist hingegen Allgemeingut und war auch der Berliner Volks-Zeitung bereits im Jahr 1922 bekannt. Ansonsten gießt diese in ihrem kurzen Bericht vom 18. Dezember über eine ‘Truppenparade‘, die die Nazis in München angestrengt hatten, jede Menge Spott aus. Es liest Paula Leu.

Dec 18, 20223 min

Ep 1091Der Mord am polnischen Präsidenten

Kaum anders als in der jungen Weimarer Republik waren auch die ersten Nachweltkriegsjahre des in ihrem Osten wiedererstandenen polnischen Staates von heftigen Wirtschaftskrisen, Inflation, Grenzstreitigkeiten und großer politischer Instabilität geprägt. Nationalistische Kräfte unterminierten auch hier den Ausgleich mit den Nachbarstaaten sowie den nationalen Minderheiten und versuchten die ohnehin labilen demokratischen Strukturen mit Agitation und Terror von Beginn an auszuhöhlen. Vier Jahre des stark vom Polnisch-Sowjetischen Krieg geprägten Übergangs hatte es gedauert, bis Polen überhaupt einen ersten gewählten Präsidenten erhalten hatte. Und dann fiel besagter Gabriel Narutowicz, der seine Wahl einem Bündnis der Linken mit der Bauernpartei und den Minderheitenparteien verdankte, nur fünf Tage später einem rechtsgerichteten Attentat zum Opfer. Polen war erschüttert, und auch im damals noch nicht ganz so nahen Berlin blickten die Tageszeitungen am 17. November 1922 aufgeschreckt nach Warschau. Hier tun dies die Berliner Morgenpost – und Frank Riede.

Dec 17, 20227 min

Ep 1090Alkoholfreie Soldaten

Der heute vorwiegend als rassistische Beleidigung genutzte Begriff „Kümmeltürke“, entstammt wohl der Gegend um Halle und bezeichnete Studenten, die aus diesem Umland kamen, das wegen des Kümmelanbaus und der sonstigen Trostlosigkeit als „Kümmeltürkei“ bezeichnet wurde. Erst nach dem Anwerbeabkommen der BRD mit der Türkei wurde es als Schimpfwort zur Bezeichnung der Gastarbeiter benutzt. Da die Neuköllnische Zeitung vom 16. Dezember noch keinen Zugang zu Wikipedia hatte, benutzte sie den Begriff als Bezeichnung für trinkfreudige türkische Soldaten. Ausgangspunkt für diese Reflexion über das Militär und Alkohol ist die Nachricht über Bemühungen des Österreichischen Heeres, den Alkoholgenuss der Soldaten zu verringern. Freilich war sich niemand sicher, ob ein abstinentes Heer zu einer höheren oder geringeren Wehrhaftigkeit führen würde. Paula Leu präsentiert die eher skeptische Position des Kolumnisten.

Dec 16, 20226 min

Ep 1089Im Wunderland des Buddhismus

Zu den bewohnten aber noch wenig erforschten Gebieten der Weltkugel gehörte 1922 das östliche Tibet, in das es bislang nur wenige Expeditionen verschlagen hatte. Das Berliner Tageblatt bot ihren Leser:innen am 15. Dezember einen Einblick in dieses exotisch wirkende Land, in dem vermeintlich der Teufel angebetet wurde, wo in manchen Gebieten ein Großteil der Bevölkerung Priester waren und wo sich eine Polyandrie, also Vielmännerei beobachten ließ. Frank Riede gibt uns Einblicke in dieses Wunderland.

Dec 15, 202210 min

Ep 1099Rauchen gegen die Grippe

Infektionskrankheiten haben uns in den zurückliegenden drei Jahren wahrlich zur Genüge begleitet – im zeitgenössischen Real Life der Corona-Pandemie wie im historischen Second Life von Auf den Tag genau, in dem vor allem zu Beginn unserer Sendetätigkeit immer wieder Berichte über die Auswirkungen der sogenannten Spanischen Grippe zur Anhörung kamen. Diese Influenza-Pandemie, die weltweit möglicherweise bis zu 100 Millionen Opfer forderte, war im anbrechenden Winter des Jahres 1922 zwar endlich überstanden, neuerliche Grippewellen rollten aber wiederum durch Europa und ließen auch in Deutschland und Berlin erneut Tote beklagen. Die Deutsche Allgemeine Zeitung vom 14. Dezember versorgt uns dazu mit interessanten statistischen Details. Und schließt mit einem nun wirklich überraschenden Präventionshinweis, der heutzutage medizinisch eher nicht mehr state of the art ist. Für uns hat Paula Leu den Text inhaliert.

Dec 14, 20228 min

Ep 1088Eugen Kalkschmidt über Hitler und die NSDAP

In den Reigen der Berichterstatter, welche seit Mussolinis erfolgreicher Machtübernahme in Italien die Hauptstadtpresse mit Porträts und Berichten über Adolf Hitler versorgten, reiht sich heute der Schriftsteller, Schauspieler, Kritiker und Redakteur Eugen Kalkschmidt. Als Münchener schreibt er am 13. Dezember 1922 für den Berliner Lokal-Anzeiger über die öffentliche Wahrnehmung Hitlers und das Veranstaltungsprogramm der NSDAP. Dabei macht er etwa sehr präzise Beobachtungen über spezifische Propagandamittel und -veranstaltungen der Partei. Er geht aber mit Sicherheit dabei Hitlers Propaganda auch auf den Leim, denn das Narrativ von der NSDAP als einer Bewegung, die über dem Parteienspektrum steht, bestätigt er. Auch äußert er eine Bewunderung für die Fähigkeiten Hitlers. Über die Zeit des Nationalsozialismus in der Biographie Kalkschmidts schweigen die leicht zugänglichen Quellen im Internet sich aus, insofern können wir nicht berichten wie sich die Haltung von ihm zum deutschen Faschismus in dieser Zeit entwickelte. Es liest Frank Riede.

Dec 13, 202210 min

Ep 1087Im Regen mit Joseph Roth

Winterregen ist zumal in der Großstadt eher kein vergnügliches Wetterphänomen. Vergnüglich ist es höchstens, wenn Joseph Roth darüber schreibt. Was der Meister des kleines Feuilletons am 12. Dezember 1922 im Vorwärts diesbezüglich zu Papier brachte, waren keine spektakulären, sondern durchweg sehr alltägliche Beobachtungen, die sich jedoch zu einem höchst stimmungsvollen, fast impressionistisch anmutenden Bild eines Berliner Regentages fügen. Paula Leu hat für uns Cape und Gummistiefel angezogen.

Dec 12, 20223 min

Ep 1086Urban Gad: Warnung vor dem Film

Während wir heutzutage junge Frauen eher davor warnen würden, in den Fernseh-Casting-Formaten der Klums und Bohlens den Weg zu einer glücklichen beruflichen Karriere zu erblicken, so warnte 1922 der berühmte dänische Drehbuchautor und Regisseur Urban Gad die jungen Frauen vor den übertriebenen Träumen von einem Durchbruch als Filmsternchen. Gad, der seit 1910 in Deutschland tätig war, hatte den kometenhaften Aufstieg der Asta Nielsen zum weltweiten Star als Regisseur ihrer ersten Filme ermöglicht. Am 11. Dezember machte er aber den Leserinnen und Lesern des Berliner Lokal-Anzeigers unmissverständlich klar, wie selten und unwahrscheinlich eine solche Karriere ist. Dabei wird in dem Text – gewollt oder ungewollt – deutlich, wie sexistisch die Branche war. Aber auch da unterscheidet sie sich wohl kaum von den aktuellen Castingshows der Fernsehsender. Also aufgepasst. Frank Riede warnt uns vor dem Film.

Dec 11, 20228 min

Ep 1085Das Kino in China

Die neue französische „Asterix und Obelix“-Realverfilmung, die im Februar 2023 in die Kinos kommen soll, basiert nicht auf einem der bekannten Comic-Bände. Die beiden Gallier reisen dabei nach China und dem Trailer zufolge wird es so mache Kung-Fu Kampfeinlage geben. Es ist also ein leicht durchschaubarer Versuch der französischen Produktionsfirma, auf den chinesischen Spielfilmmarkt zu gelangen – und es ist nur ein besonders plakatives Beispiel für eine ganze Reihe von solchen Bemühungen, bei denen oftmals die Zensur-Codes der chinesischen Behörden von vornherein beachtet werden. 1922 freilich war der chinesische Kino-Markt noch nicht so mächtig, aber schon präsent genug, dass die Berliner Börsen-Zeitung vom 10. Dezember einen kurzen Bericht über diesen veröffentlichte. Paula Leu gibt für uns den Filmerklärer.

Dec 10, 20226 min

Ep 1084Rote Fahne und Vorwärts beim Gänsebraten

In der aufgeheizten Stimmung der Weimarer Republik mit ihrer stark parteipolitisch geprägten Presselandschaft war es sehr üblich, dass Zeitungen auch übereinander schrieben, einander namentlich attackierten, gegeneinander polemisierten, der Lüge bezichtigten. Gerade auch die Blätter der Arbeiterparteien gingen miteinander selten zimperlich um und fochten ihre Differenzen bevorzugt mit dem rhetorischen Säbel aus. Das Florett der Ironie blieb demgegenüber allen voran bei der Roten Fahne für gewöhnlich in der Scheide stecken. Vielleicht weil Vorweihnachtszeit war, kam es am 9. Dezember 1922 aber doch einmal zum Einsatz und spießte, siehe da, gleichsam auf der Festtafel der Sozialdemokratie ganz unbesinnlich einen knusprigen Gänsebraten auf. Wie er mundet, weiß Frank Riede.

Dec 9, 20224 min

Ep 1083Weihnachten in Spanien

Während wir vor zwei Tagen der Geschichte der Weihnachtsbaum-Tradition in Deutschland nachgegangen sind, schweift der Blick der Berliner Zeitungslandschaft, genauer der Westberliner Neuen Zeit, nach Spanien zu den dortigen Weihnachtsbräuchen. Die noch heute jedes Jahr für Aufsehen sorgende Mega-Lotterie “El Gordo” gab es, wie wir aus anderen Artikeln wissen, auch schon in den 20ern, diese wird aber im heutigen Bericht einer gewissen Cleopha Maria Freyer nicht erwähnt, um so mehr lernen wir über die große Bedeutung der Krippen und über die größere Geduld spanischer Kinder, freilich aus einer hauptstädtischen Perspektive. Und wir lernen zugleich, dass das Stereotyp vom “faulen Spanier” auch schon vor 100 Jahren ganz selbstverständlich aufgerufen wurde. Señora Leu liest für uns.

Dec 8, 20228 min

Ep 1082Titel und Orden der Republik

Bei einem konstitutionellen und gesellschaftlichen Wandel, wie er sich mit der Gründung der Weimarer Republik vollzog und der das von Monarchen und Fürsten geprägte lange 19. Jahrhundert ablöste, stellt sich zwangsläufig die Frage, wie mit den Ehrungen, Auszeichnungen und Titeln des alten Systems in der neuen Ordnung umgegangen wird: werden Traditionen fortgesetzt oder abrupt beendet? Die Deutsche Allgemeine Zeitung geht dieser Frage am 7. Dezember 1922 nach und schildert die Weimarer Welt ohne Orden und Titel und gibt damit automatisch auch einen Einblick in die frühere Zeit der ordenbehangenen Geheim-, Kommerzien- und Sanitätsräte. Paula Leu kämpft sich für uns durchs Titel-Dickicht.

Dec 7, 20225 min

Ep 1081Die Wurzeln des Weihnachtsbaumes

Angesichts der Bedeutung, die dem Weihnachtsfest heute wie vor einhundert Jahren in unserem Festkalender zukommt, mutet es durchaus erstaunlich an, wie viele seiner Bräuche ihrer Herkunft nach im Dunkeln liegen. Einem gewissen Artur Streich gebührt das Verdienst, sich in der Berliner Volks-Zeitung vom 6. Dezember 1922 einmal – im übertragenen Sinne – auf die Suche nach den Wurzeln des Weihnachtsbaumes gemacht zu haben, wie er im Stall von Bethlehem bei Lukas bekanntlich noch nicht stand. So deutschtümelnd sein Text zunächst daherkommt, so überraschend exotisch – soviel sei vorweggenommen – fällt der Fundort aus, den Streich schließlich präsentieren kann. Frank Riede hat ihn auf seiner weiten Reise für uns begleitet – und dabei dankenswerterweise auch ein paar ausgedehnte Ausflüge ins Lateinische und Frühneuhochdeutsche mitgemacht.

Dec 6, 202212 min

Ep 1080Schauspielerstreik II - Die Bühenangehörigen antworten dem Theaterdirektor

Auf einen groben Klotz gehört und bekanntlich ein grober Keil, und so nimmt es wenig Wunder, dass die Antwort der streikenden Schauspieler auf die gepfefferten Worte Felix Hollaenders, die hier vorgestern im Podcast zu hören waren, ihrerseits gesalzen ausfiel. Falls der Intendant des Deutschen Theaters mit seinem Rundumschlag gegen die Arbeitsmoral seines künstlerischen Personals und dessen vermeintlich bolschewistische Umtriebe jenes zum Einknicken vor der Autorität des Theaterleiters zu bewegen geglaubt hatte, so erreichte er eher das Gegenteil. Sein langjähriges Ensemblemitglied Emil Lind von der Genossenschaft deutscher Bühnenangehöriger sprach ihn in seiner Replik zwar ironisch-ehrerbietig immer wieder mit dem Direktorentitel an, widersprach ihm in der Sache aber auf das Energischste. Nachdem das Berliner Tageblatt Hollaender das Wort erteilt hatte, druckte es am 5. Dezember 1922 auch diese Gegenrede ab – freilich nicht ohne sich von deren Inhalten ausdrücklich zu distanzieren. Als Entrepreneur und nun auch als Gewerkschaftsfunktionär agiert bei uns in einer Doppelrolle: Frank Riede.

Dec 5, 202210 min

Ep 1079Die Kroatenkrise - Spannungen in Jugoslawien

Die Frage, ob die verschiedenen, sich überwiegend slawisch verstehenden Ethnien Südosteuropas je eigene unabhängige Staaten anstreben oder aber sich in einem gemeinsamen südslawischen Bundesstaat verbinden sollten, spaltet die entsprechenden Ethnien schon seit langer Zeit. Nach dem Zerfall des Vielvölkerstaates Österreich-Ungarn, in dessen Grenzen Millionen Slawischsprachige seit Jahrhunderten gelebt hatten, war 1918 tatsächlich der Stunde der Jugoslawisten gekommen, die den sogenannten SHS-Staat, das Königreich der Serben, Kroaten und Slowenen, ausriefen. Nicht alle Bürgerinnen und Bürger selbst unter den hier genannten drei Staatsvölkern standen indes hinter dem Gemeinschaftsprojekt. Vor allem unter den Kroaten störten sich viele an der zentralistischen, teilweise großserbischen Ausrichtung des jungen Staates. Dass die katholische Zeitung Germania in ihrem Lagebericht vom 4. Dezember 1922 dezente Sympathien für die Glaubensbrüder und -schwestern zwischen Donau und Kvarner Bucht durchklingen lässt, vermag dabei nicht zu überraschen. Es liest Paula Leu.

Dec 4, 20227 min

Ep 1078Schauspielerstreik I - Felix Hollaender bittet ums Wort

Die auch schon im Jahr 1922 galoppierende Inflation und ihre gravierenden Auswirkungen auf die Lebenshaltungskosten machten selbstredend auch vor den künstlerischen Berufen nicht Halt. Berlins Schauspielerinnen und Schauspieler forderten deshalb erhebliche Gehaltserhöhungen, die ihnen von den Theatern nicht im von ihnen für nötig erachteten Umfang gewährt wurden, weshalb die Genossenschaft zum letzten Mittel griff und einen Schauspielerstreik ausrief. Die Zeitungen überschlugen sich, und die Intendanten versuchten das Unheil abzuwenden. Die Worte, die der Leiter des ruhmreichen Deutschen Theaters Felix Hollaender an sein Ensemble richtete, vermögen dabei, verglichen mit heutiger Streikprosa, durchaus zu überraschen. Statt diplomatischer Appelle und Verständnisfloskeln geht es in seiner im Berliner Tageblatt vom 3. Dezember abgedruckten Ansprache ordentlich zur Sache. Obwohl auch Schauspieler, hat sich Frank Riede dem Streik dankenswerterweise nicht angeschlossen.

Dec 3, 202211 min

Ep 1077Frauen bei Gerhart Hauptmann

Der große naturalistische Dramatiker Gerhart Hauptmann, der Schöpfer der Weber oder des Biberpelz, befand sich in den frühen 1920er Jahren auf dem Gipfel seines Ruhmes, und entsprechend ausgiebig wurde sein 60. Geburtstag am 15. November 1922 mit zahlreichen Empfängen und Festreden sowie auch in der hauptstädtischen Presse gefeiert. Das Cöpenicker Tageblatt betätigt sich in diesem Gratulationsreigen eher ein wenig als Nachzügler, würdigt den Jubilar bzw. sein Werk am 2. November 1922 dafür aber aus einer besonders interessanten Perspektive: Gabriele Reuter, die kürzlich für uns von der Nebensaison auf Hiddensee berichtete, widmet sich in einem kurzen Text spezifisch Hauptmanns Frauenfiguren. Was sie dazu zu sagen hat, weiß Paula Leu.

Dec 2, 20225 min

Ep 1076Hirschfeld: Narkotisierung oder Erotisierung

Das Ehepaar Franz, vor allem der Mann Ewald Franz, hatte wiederholt in ihrer Wohnung am Kurfürstendamm Geschlechtsverkehr mit jüngeren Frauen, oftmals Prostituierten, von denen manche anschließend über Ohnmachtsanfälle und Phasen der Willens- und Bewußtlosigkeit klagten. Das Feld war bereitet für einen sich lange hinziehenden spektakulären Prozess, der als „Franz-Prozeß“ von der Presselandschaft tituliert wurde. Ende November 1922 kam es zur Urteilsfällung, nachdem sich unzählige Sachverständige gestritten hatten, ob die Frauen betäubt wurden, oder nicht. Gifte wurden in der Wohnung nicht gefunden, so dass sich die Experten, die eine Betäubung behaupteten, auf die Verhöre der Frauen stützten. Am 1.12. argumentiert ein besonders prominenter Sachverständige des Prozesses, der Sexualwissenschaftler Magnus Hirschfeld, im Berliner Tageblatt eher für eine Erotisierung als eine Narkotisierung. Frank Riede liest für uns diese Einschätzung.

Dec 1, 20229 min

Ep 1075Babylon - Berlin

Und schon wieder sind wir zu Grabungen im Zweistromland. Ging es vor drei Tagen in unserem Bericht aus der Vossischen Zeitung allerdings um die Förderung von Erdöl, so suchen wir heute mit dem Berliner Tageblatt vom 30. November 1922 nach ganz anderen, vergleichsweise (aber auch nur vergleichsweise) jüngeren Bodenschätzen, für die man sich im Westen damals kaum weniger brennend interessierte: Seit 1899 hatte die Deutsche Orient-Gesellschaft unter der Leitung des Archäologen Robert Koldewey am Euphrat Ausgrabungen an der mythischen antiken Metropole Babylon vorgenommen. Mit dem Vorrücken der britischen Truppen war diese Tätigkeit 1917 zu einem jähen Ende gelangt, und die Frage, ob etwa die vielen dort gesicherten Glasurziegel wie geplant in Berlin zusammengeführt und zu einer Rekonstruktion des legendären Ischtar-Tores zusammengefügt werden könnten, stand politisch in den Sternen. Diese aktuellen Querelen betrachtet der Autor mit den Initialen F und R indes nur am Rande, um in seinem Bericht vor allem die Entdeckungen und Erkenntnisse zu würdigen, die der Berliner Forschertrupp in fast zwanzig Jahren in der irakischen Wüste zu Tage gefördert hätte. Für uns greift der F.R. von Auf den Tag genau, Frank Riede, zur Schaufel.

Nov 30, 20228 min

Ep 1074Der blutige Staatsstreich von Athen

Die vernichtende Niederlage gegen die neu aufgestellten türkischen Truppen Mustafa Kemals und die daraus resultierende Aufgabe aller nach dem Weltkrieg beanspruchten Gebiete in Kleinasien hatte Griechenland im Sommer 1922 im Mark erschüttert. Die alten politischen Konflikte zwischen den Anhängern des vielmaligen Premierministers Venizelos und Parteigängern König Konstantins brachen wieder auf und dokumentierten sich in einem blutigen Machtwechsel, den man überall in Europa mit Erschütterung zur Kenntnis nahm: Sechs führende Vertreter der im Staatsstreich gestürzten Regierung um Ex-Premier Dimitrios Gounaris wurden in einem Scheinprozess wegen Hochverrats zum Tode verurteilt und umgehend kalt exekutiert. Das Berliner Tageblatt berichtet am 29. November 1922 mit Abscheu von dieser „Schandtat“ und kann sich nicht verkneifen, die politische Verantwortung für diese der ungeliebten französischen Regierung zuzuschieben. Die Details weiß Paula Leu.

Nov 29, 20229 min

Ep 1073Der letzte Kaiser

Das dreieinhalbstündige Monumentalepos ‘Der letzte Kaiser‘ gehört zu den erfolgreichsten Werken des italienischen Filmregisseurs Bernardo Bertolucci. Es erzählt vom Leben Puyis, des letzten Kaisers von China, der bereits mit zwei Jahren auf den Drachenthron kam, 1912 mit eben sechs zur Abdankung gezwungen und zwanzig Jahre später als Kaiser des japanischen Marionettenstaates Mandschukuo gekrönt wurde, bevor er nach 1945 viele Jahre in Umerziehungslagern interniert war und, begnadigt und entlassen, 1967 schließlich als einfacher Gärtner und Bürger der Volksrepublik China lebte und starb. Zwischen 1912 und 1924 war er, wie auch der Film ausführlich schildert, buchstäblich Gefangener im alten kaiserlichen Palast, der sogenannten Verbotenen Stadt, in Peking, wo ihn auch der China-Korrespondent der Vossischen Zeitung Erich von Salzmann selbstredend nicht besuchen durfte. Interessante Einblicke in seine Situation und vor allem in die der von den westlichen Mächten kleingehaltenen Republik China außerhalb der Verbotenen Stadt gibt sein am 28. November 1922 erschienener Bericht trotzdem. Es liest Frank Riede.

Nov 28, 20229 min

Ep 1072Petroleum bei Mossul

Bei “Auf den Tag genau” schauen wir oftmals auf Anfänge von Entwicklungen, deren Konsequenzen heute zu unseren größten Problemen gehören. Nehmen wir die Abhängigkeit der Welt vom Erdöl. Der Publizist und Journalist Edgar Stern-Rubarth war unterwegs in der Nähe von Mossul und besichtigte erste Erdöl-Förderanlagen und -Raffinerien und gibt uns einen Einblick in die aus heutiger Sicht technisch primitiven Verfahren. Hinter dem Beobachteten steckten natürlich schon damals politisch und wirtschaftlich strategisch agierende Konsortien, die die Erdölförderung für sich sichern wollten. In Fall von Mossul wohl die “Turkish oil company”, die 1912 gegründet wurde, und wesentlich imperial deutsche und englische Interessen vertrat. Die größten Anteilseigner waren die “Deutsche Bank” und die “Anglo Saxon oil company”. Aus ihr ging 1925 die “Iraq oil company” hervor. Abgedruckt finden wir den Artikel in der Vossischen Zeitung vom 27. November und wir hören ihn dank Paula Leu.

Nov 27, 20228 min

Ep 1071Herbstliches Weimar

Zur großen Faszination Weimars gehört es, dass die beschauliche thüringische Residenzstadt an der Ilm es vermochte, sich als international strahlkräftige Kulturmetropole immer wieder neu zu erfinden. Auf den Glanz der klassischen ‘goldenen‘ Goethe- und Schillerzeit folgten im späteren 19. Jahrhundert das sogenannte ‘Silberne Zeitalter‘ mit hier wirkenden Protagonisten wie Franz Liszt, Arnold Böcklin oder Franz Lenbach sowie im frühen 20. Jahrhundert das zunächst vor allem von Henry van der Velde geprägte ‘Neue Weimar‘, dessen Geschichte nach dem Ersten Weltkrieg ganz maßgeblich das federführend von Walter Gropius begründete und bis 1925 hier beheimatete Bauhaus fortschrieb. Der Autor Rudolf Kayser entdeckte in dieser ästhetischen Diversität, anders als manch konservativerer Zeitgenosse, keinen Widerspruch. Goethezeit und der Pioniergeist des aufstrebenden Bauhaus scheinen sich in seinem Artikel aus dem Berliner Tageblatt vom 26. November 1922 vielmehr äußerst fruchtbar miteinander zu verbinden. Es liest Frank Riede.

Nov 26, 20229 min

Ep 1070Der Leihverkehr in der Staatsbibliothek

Dank der Digitalisierung von Büchern, Zeitschriften und Zeitungsbeständen der Bibliotheken sowie dem digitalen erscheinen von Publikationen entsteht nicht nur dieser Podcast, sondern wird ganz allgemein die Zirkulation von Wissen erleichtert. Dennoch ist auch heute die Ausleihe, bzw. auch Fernleihe von noch nicht digitalisierten Büchern an der Tagesordnung. Über den Leihverkehr der damals mit ihrem neuen Standort Unter den Linden stolz auf den größten Bibliotheksbau der Welt blickende Staatsbibliothek Berlin schrieb das Berliner Tageblatt am 25. November 1922. Es geht um die Kooperation der Bibliotheken in Preußen, Kontakte ins Ausland, die Bearbeitung von Leihanfragen, die am häufigsten angefragten Bücher und vieles mehr. Natürlich darf auch ein Blick in das Lautarchiv, von dem hier im Podcast schon mehrfach die Rede war, nicht fehlen. Paula Leu blättert für uns durch den Zettelkatalog.

Nov 25, 20229 min

Ep 1069Erste Eindrücke von der Friedenskonferenz in Lausanne

Was Deutschland nicht erreicht hatte: über den als demütigend empfundenen Friedensvertrag Versailles noch einmal nachzuverhandeln, war dem ehemaligen Kriegsverbündeten Türkei geglückt. Die Entwicklungen des blutigen Griechisch-Türkischen Krieges hatten die militärische Konstellation in Kleinasien so tiefgreifend verändert, dass die alliierten Siegermächte des Weltkriegs an einer Revision des zunächst geschlossenen Vertrags von Sèvres nicht vorbeikamen und die dort festgelegten Beschlüsse bei einer neuen Friedenskonferenz in Lausanne tatsächlich sehr grundlegend zur Disposition stellten. Der Beginn der Konsultationen verlief erwartungsgemäß zäh, weil die Vorstellungen der verschiedenen Teilnehmer weit auseinanderlagen; tatsächlich sollten sie erst im Juli 1923 zu einem Ergebnis führen. Worin konkret die Herausforderungen der Gespräche bestanden und wie der Auftakt verlaufen war, konnte man im Berliner Börsen-Courier vom 24. November 1922 nachlesen. Für uns tut dies Frank Riede.

Nov 24, 20227 min

Ep 1068Das Café - eine Liebeserklärung

Als Geburtsort der europäischen Kaffeehauskultur gilt bekanntlich nicht Berlin, sondern Wien. Aber auch in der deutschen Hauptstadt, wissen wir bereits aus mehreren über die Jahre versendeten Podcastfolgen, war die Liebe zur Bohne und die Neigung, sie in Gesellschaft zu schlürfen, bereits vor einhundert Jahren sehr ausgeprägt – zumindest bei den Vertretern der schreibenden Zunft. Auch Friedrich Raff, Journalist und Drehbuchautor einiger bekannter Streifen aus den später 1920er, frühen 1930er Jahren, hat vermutlich etliche seiner Feuilletons und Filmskripte im Café verfasst oder sich dort dazu zumindest ausgiebig inspirieren lassen. Sein Artikel über die ‘Kaffeebrüder‘ in der Vossischen Zeitung vom 23. November 1922 - der an einem Punkt einen heute nicht mehr gebräuchlichen, weil als diskriminierend angesehenen Begriff enthält - liest sich auf jeden Fall wie eine kleine Liebeserklärung an diese Institution. Paula Leu hat sich für uns zu ihm gesetzt.

Nov 23, 20226 min

Ep 1067Von Riga nach Reval

Zu den nach dem Ende des Ersten Weltkrieges entstandenen neuen Staaten zählen auch die drei flächenmäßig kleinen Länder des Baltikums: Estland, Lettland und Litauen. Im Zweiten Weltkrieg verloren sie wieder ihre Unabhängigkeit, um sie Anfang der 90er in einer Loslösung von der Sowjetunion wiederzuerlangen. Aktuell ist das Baltikum angesichts der revisionistischen Kriegspolitik Russlands wieder besonders im Fokus. 1922 bereiste im Auftrag der Vossischen Zeitung deren Korrespondent in Polen Max Theodor Behrmann Lettland und Estland. In der Ausgabe vom 22. November berichtet er von seiner Überfahrt von Riga nach Reval, das heutige und auch schon damalige Tallinn. Und schon die Weigerung, diese Bezeichnung der Stadt zu benutzen, zeugt von der unverhohlenen Ablehnung des Autors gegenüber den baltischen Staatengebilden, die sich durch den Text zieht. In seinem beständigen Zweifel an deren Überlebensfähigkeit und der wiederkeherenden Polemik gegen den angeblich unverhältnismäßigen Verwaltungsaufwand manifestiert sich eine nicht nur überhebliche, sondern klar deutschnationale Perspektive, die für die liberale Vossische Zeitung eigentlich eher unüblich ist. Für uns reist an den Finnischen Meerbusen Paula Leu.

Nov 22, 202214 min

Ep 1066Lernt der Mensch aus Naturkatastrophen?

Große Naturkatastrophen neigen gelegentlich dazu, den Menschen zumindest kurzfristig zur Besinnung kommen zu lassen; ihn aus dem Kleinklein der alltäglichen Konflikte herauszureißen und bisweilen sogar für einen kurzen Moment seine Sinne für die Absurdität der von Mensch an Mensch beständig verübten Grausamkeiten zu schärfen. Die Erfahrung lehrt freilich auch, dass dieser Moment meist nicht von allzu langer Dauer ist. Bruno Manuels in der Berliner Volks-Zeitung vom 21. November 1922 veröffentlichte Reflexionen über die Konsequenzen aus dem verheerenden chilenischen Erdbeben, über das wir vor einigen Tagen berichteten, sind entsprechend denn auch nicht besonders optimistisch gestimmt. Es liest Frank Riede.

Nov 21, 20228 min

Ep 1065Die Wirren am Wiener Burgtheater

Berlin ist ohne Wien wahrscheinlich genauso wenig zu ertragen wie umgekehrt, weshalb die Presse an der Spree auch in Zeiten mangelnder Valuta es sich nie nehmen ließ, ausgiebig aus der Donaumetropole zu berichten. Damals wie heute war es nicht zuletzt das Kultur-, will damals wie heute vornehmlich heißen: das Theaterleben, das man mit besonderem Interesse beobachtete, auf wie hinter der Bühne. Für beides ist das Burgtheater, damals wie heute, berühmt wie kaum eine zweite Bühne im deutschsprachigen Raum, und entsprechend schauen alle theaterkritischen Augen, damals wie heute, nirgendwohin so gerne wie nach Wien. So am 20. November 1922 auch die Vossische Zeitung – und für uns Frank Riede.

Nov 20, 20229 min

Ep 1064Die Renaissance des Ofens

Der Winter 2022/23 naht, das Gas ist knapp, was tun, wenn die Zentralheizung ausfällt? Soll man sich mit Brennholz ausstatten? Auch der Herbst 1922/23 war geprägt von der bangen Frage, wie man sich im nahenden Winter zu Zeiten von allgemeinem Kohlenmangel warmhalten sollte. In diesem Kontext beschwört im Berliner Lokal-Anzeiger vom 19. November ein Autor die Renaissance des Ofens, der scheinbar vor dem Weltkrieg ausgestorben, nun wieder seine Dienste tun könnte. Paula Leu singt für uns diese Ode an den Ofen.

Nov 19, 20225 min

Ep 1063Wilhelm Cuno im Zug ins Kanzleramt

Die bereits im Jahr 1855 gegründete Berliner Börsen-Zeitung zählte zu den ältesten Berliner Tageszeitungen und ist nicht mit dem Berliner Börsen-Courier zu verwechseln, der sich 1868 von ihr abspaltete. Während der Courier in der Folge ein eher linksliberales Profil ausprägte (und vor allem für sein ambitioniertes Feuilleton berühmt war), blieb die Berliner Börsen-Zeitung ein deutlich konservativer ausgerichtetes Handelsblatt. Vor diesem Hintergrund überrascht es nicht, wie positiv das Blatt dem wirtschaftsliberalen Geschäftsmann Wilhelm Cuno als designiertem neuen Reichskanzler und dem von ihm avisierten sogenannten ‘Kabinett der Wirtschaft‘ gegenüberstand. Die Vorfreude auf Cunos Amtsantritt ging hier so weit, dass man dem sich im Zug von Hamburg nach Berlin begebenden Quereinsteiger nach Wittenberge entgegenreiste und auf der letzten Teilstrecke seiner ‘Fahrt ins Kanzleramt‘ in seinem Kupee platznahm, um ein, nun ja, exklusives Interview über seine Pläne für die Regierungsübernahme zu führen. Im Ergebnis stand in der Ausgabe vom 18. November 1922 eine seltene Genre-Kreuzung aus Eisenbahnartikel und politischem Porträt, die für uns Frank Riede besichtigt.

Nov 18, 20229 min

Ep 1062Ein Pariser Brief

Ein schillernder Verbrecher im Frankreich des Jahres 1922 war der sich zum adeligen Baron Reith de Baillencourt, einem im Wohlstand lebenden Bänker, hochstapelnde Dieb und Betrüger, der offensichtlich beträchtliche Summen anhäufen konnte. Überführt wurde er, als Ermittler die Spur eines gestohlenen Automobils verfolgten und dieses auf dem Gelände seines Anwesens fanden. Offensichtlich war er der Kopf einer verzweigten Diebesbande. Um an diese Informationen zu gelangen war ein Abstecher in die französische Presse des Jahres 1922 notwendig, genauer in das „Le Petit Journal“ vom 22. September. Dieser Exkurs klärt diese Personalie in unserem heutigen Artikel vom 17. November, in dem die Berliner Börsen-Zeitung einen Brief aus Paris erhält - mit den notwendigen Ereignissen und Vorgängen, die eine Pariser Gesellschafts-Saison ausmachen. Ein Verbrecher, wie der falsche Baron Reith, muss jedes Mal mit von der Partie sein. Der spöttische und satirische Artikel verwendet, wenn es über die ebenfalls stets präsenten Wohltätigkeitsveranstaltungen geht, heute wohlweißlich nicht mehr benutztes rassistisches Vokabular. Für uns präsentiert die Ingredienzen der Pariser Saison Paula Leu.

Nov 17, 20229 min

Ep 1061Der Kettenbrief

Heute verbreiten sie sich in Windeseile über soziale Netzwerke, früher kamen Sie gemächlich im Rhythmus des Postdienstes: Kettenbriefe. Wer das Schneeballprinzip durch vermehrtes Versenden befeuert, dem lächelt angeblich das Glück entgegen, wer hingegen die Kette unterbricht, den wird, so die Drohung, ein Unglück ereilen. Nachweisbar sind solche Briefe, die unerwartet im Briefkasten landen, seit dem Ende des 19. Jahrhunderts im angelsächsischen Raum. Im November 1922 erreichten sie einen Autor in Berlin-Steglitz, der für das dortige Lokalblatt schrieb, das schon die mit 80.000 Einwohnern größte Landgemeinde Preußens mit Nachrichten versorgte, bevor diese 1920 zum Stadtteil Berlins wurde. Sein Plädoyer für eine aufgeklärte Haltung gegenüber Kettenbriefen liest Paula Leu. Ob ihn allerdings in den Folgewochen ein Unglück ereilte, verrät uns das Archiv des Steglitzer Anzeigers nicht.

Nov 16, 20227 min

Ep 1060Löbe, Adenauer oder Stresemann - Wer wird neuer Kanzler?

Und neuerlich sah sich im Herbst 1922 eine Reichsregierung zur Aufgabe gezwungen. Das Kabinett Wirth II, immerhin bereits das siebente seiner Art in gerade einmal vier Jahren Republik und mit knapp über einem Jahr Laufzeit sogar das bis dato am längsten amtierende, hatte im November 1922 seine parlamentarische Mehrheit verloren, und nicht nur die Partei- und Fraktionsvorsitzenden der verschiedenen Lager, sondern auch die Vertreter der Hauptstadtpresse sondierten mal wieder mögliche neue Konstellationen und Kandidaten. Die Berliner Volks-Zeitung spekuliert in ihrer Ausgabe vom 15. November dabei interessanterweise über drei Namen, von denen zwei später, teilweise deutlich später tatsächlich noch zu Kanzlerehren kommen sollten. Der richtige Name des unmittelbaren Wirth-Nachfolgers Wilhelm Cuno hingegen wird in dem Text nicht genannt, wohl aber das Modell des von Cuno schließlich angeführten, mehr oder weniger überparteilichen Expertenkabinetts bereits als Möglichkeit in Erwägung gezogen. In die Wirren der Weimarer Parteiendemokratie blickt für uns Frank Riede.

Nov 15, 20228 min

Ep 1059Das Erdbeben von Chile

Chile liegt im sogenannten Pazifischen Feuerring, einer sich rund um den Pazifischen Ozean erstreckenden Zone hoher seismischer und vulkanischer Aktivität, weshalb das Land immer wieder von schweren Erdbeben heimgesucht wird. Am 11. November 1922 hatte ein solches vor allem die Wüstenregion Atacama getroffen. Schreckensberichte über Zerstörungen und vermeintlich vierstellige Opferzahlen machten bald auch am anderen Ende der Welt die Runde, wo die Berliner Presse sich um verlässliche Informationen und eine seriöse Einschätzung der Lage bemühte. Dabei baute die Vossische Zeitung auf die Expertise des in Berlin ansässigen Reiseschriftstellers Colin Roß, der sich erst unlängst länger in Chile aufgehalten und von dort – auch in diesem Podcast – berichtet hatte. Seinen Hintergrundartikel zu den Umständen der Katastrophe aus der Ausgabe vom 14. November 1922 liest für uns Paula Leu.

Nov 14, 20228 min

Ep 1058Über Traditionen am Martinstag

Der Sankt-Martins-Tag am 11.11. gehört zu den ganz wenigen Daten des Kirchenjahres, die auch heute noch fest in der Alltagskultur verankert sind. Der uns so vertraute Brauch des Laternelaufens ist indes erst im Laufe des 20. Jahrhunderts vom Rheinland ausgehend wirklich populär geworden. Ein im Folgenden von Frank Riede verlesener Bericht aus der Germania vom 13. November 1922 über damalige Feierlichkeiten an Martini nennt Umzüge mit Lampions dann auch nur ganz am Rande. Im Zentrum der Betrachtung steht hier vielmehr die Tradition deutlich größerer, offener Martinsfeuer, die seinerzeit offenbar sehr lebendig war und die hier – durchaus überraschend für eine so katholische Zeitung wie die Germania – in eindeutige Kontinuität zu heidnischen Ritualen gestellt wird.

Nov 13, 20228 min