
Auf den Tag genau
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Ep 1157Das Inserat im Film
Als die drei Säulen des aufkommenden Animationsfilms in Deutschland bezeichnet das Deutsche Institut für Animationsfilm in Dresden den abstrakten und experimentellen Animationsfilm, den Silhouettenfilm und den Werbe- und Beiprogramm Film. Diese Säulen befruchteten sich gegenseitig, bzw. es gab ohnehin personelle Überschneidungen. Julius Pinschewer, Walter Ruttmann, Lotte Reiniger, Georg Grosz, John Heartfield, Hans Fischerkoesen, und viele mehr waren auch für die Werbebranche tätig und brachten technische Innovationen und neue Ästhetiken hervor, die ebenso vom experimentellen Animationsfilm eingesetzt wurden. Daher verwundert es nicht, dass die Berliner Volks-Zeitung am 20. Februar 1923 ihre Aufmerksamkeit dem Werbefilm widmet. Paula Leu begründet für uns, warum der Werbefilm manchmal besser war als der Hauptfilm.
Ep 1156Von Wollautos und neuen Insekten
Immer wieder lieferten die Berliner Zeitungen unter der Kategorie „Vermischtes“ kurze, mehr oder weniger sensationelle Nachrichten aus aller Welt. In der heutigen Folge wenden wir uns diesem Genre aus dem Friedenauer Tageblatt vom 19. Februar zu. Wir erfahren etwas über Autos aus Baumwolle, die Länge des Schultages in Frankreich und über Hehlernetzwerke. Es lesen alternierend Frank Riede und Paula Leu.
Ep 1155Der Landarzt
„Der Landarzt“ war zwischen 1986 und 2012 über ein Vierteljahrhundert lang eine der beliebtesten Fernsehserien im ZDF. Ihre insgesamt 297 Folgen können an die längst vierstelligen Episodenzahlen von Auf den Tag genau zwar bei weitem nicht heranreichen, bedeuten gemessen an TV-Maßstäben aber eine durchaus stattliche Zahl. Jetzt ist außerdem das frühe Skript zu einer ungesendeten Pilotfolge aufgetaucht. Der von Fritz Konrad verfasste Text aus der Berliner Morgenpost vom 18. Februar 1923 entführt sein Publikum zwar nicht in die schleswigsche, sondern in die märkische Provinz. In puncto Erzählstruktur und Figurenzeichnung kann es der hier praktizierende Halbgott in Weiß jedoch mit jeder seichten Arztserie aus dem Fernsehzeitalter aufnehmen. In dessen Rolle schlüpft für uns, nein, nicht Christian Quadflieg und auch nicht Wayne Carpendale, sondern Frank Riede.
Ep 1154Mit Wilhelm Tell gegen die französischen Besetzer
Im historischen Text die Gegenwart aufspüren und darüber Gemeinschaft mit dem Publikum herzustellen ist ein alter Theaterschaffendentraum, der indes selten so spektakulär in Erfüllung geht, wie das bei der Wiederaufnahme von Leopold Jessners Inszenierung von Schillers Wilhelm Tell im Februar 1923 im Schauspielhaus am Gendarmenmarkt der Fall war. Ohne dass an der bereits 1919 herausgebrachten Produktion wahrscheinlich viel geändert worden war, identifizierten sich die Berlinerinnen und Berliner vor dem Hintergrund der ohnmächtig ertragenen französischen Besetzung des Ruhrgebiets plötzlich emphatisch mit den fremdbeherrschten Eidgenossen im Stück und beglaubigten diese Selbst-Erkenntnis in zahlreichen emotionalen Reaktionen auf die Aufführung. Unter den prominenten Gästen, die den Weg ins Staatstheater gefunden hatten und den schweizerischen Freiheitskampf auf der Bühne u.a. mit der ersten Strophe des Deutschlandliedes ‘kommentierten‘, befanden sich bis hinauf zum Reichspräsidenten zahlreiche hochrangige Repräsentanten der Republik, deren Anwesenheit zugleich dokumentiert, dass die nationale Aufwallung im Parkett doch nicht ganz so spontan erfolgte, wie der erste Eindruck suggeriert. Für die Vossische Zeitung, die am 17. Februar von der Wiederaufnahme berichtete, war Alfred Klaar vor Ort, für Auf den Tag genau Frank Riede.
Ep 1153Rosa Luxemburgs Briefe aus dem Gefängnis
Wegen ihres leidenschaftlichen Engagements gegen den Ersten Weltkrieg war Rosa Luxemburg zwischen 1915 und 1918 fast dreieinhalb Jahre in verschiedenen Gefängnissen interniert. Dort brachte sie nicht nur wichtige politische Schriften ‘Über die Krise der Sozialdemokratie‘ und ‘Zur russischen Revolution‘, sondern auch eine Fülle von Briefen zu Papier, die eine ganz andere, private, auch im Persönlichen sehr einfühlsame Luxemburg zeigen. Die Berliner Volks-Zeitung vom 15. Februar 1923 enthält sich in ihrer Besprechung der soeben neuaufgelegten ‘Briefe aus dem Gefängnis‘ denn auch jeder politischen Bewertung und belässt es bei einer Würdigung des Menschen und der Literatin Rosa Luxemburg – für uns gelesen von Paula Leu.
Ep 1152Hinrichtung mit Gefühl
Noch heute wird in manchen Ländern über die Todesstrafe gestritten, die meisten europäischen Länder haben sie aber längst abgeschafft. Lediglich rechte populistische Bewegungen setzen immer wieder eine Wiedereinführung der Todesstrafe auf ihre Agenda. 1923 waren es weltweit nur wenige Staaten, die diese Form der Maximalstrafe nicht mehr zuließen: San Marino (seit 1848), Venezuela (1863), Niederlande (seit 1870), Costa Rica (1882), Norwegen (1905), Ecuador (1906), Uruguay (1907), Kolumbien (1910). Initiativen zur Abschaffung gab es allerdings schon zu Beginn der Weimarer Republik. Die SPD und die USPD verfehlten eine Mehrheit, um ein Verbot in die Verfassung aufzunehmen. In der liberalen Berliner Volks-Zeitung finden wir am 15. Februar 1923 ein Plädoyer des Publizisten Bruno Manuel für eine Abschaffung. Vor allem sein Geißeln der Idee, man könne die Todesstrafe humaner gestalten, findet auch heutzutage noch einen Wiederhall in den Debatten, etwa in Amerika, welche Hinrichtungsarten „human“ genug seien. Frank Riede liest für uns.
Ep 1151Die verruchte Linienstraße
Die Linienstraße, die sich parallel zur ehemaligen Stadtmauer einmal quer durch den Norden der historischen Mitte Berlins zieht, zählt heute zu den bestgentrifizierten Quartieren der Stadt. In ihrer bewegten Geschichte deutete auf diese Entwicklung lange Zeit freilich nicht allzu viel hin. In den 1920er Jahren war die Linienstraße vielmehr Inbegriff für dunkle Kaschemmen und organisiertes Verbrechen, für Armut und Prostitution, und als solche zog sie natürlich auch den in kriminologischen Dingen umtriebigen Autor Leo Heller an. Seine Spurensicherung aus dem 8-Uhr-Abendblatt vom 14. Februar 1923 schaut hinter die Fassaden der Straße und sich ihre unterschiedlichen Ecken und Enden an. Für uns ist Frank Riede die ihm bestens vertraute Gegend abgeschritten.
Ep 1150Victor Auburtin meets Antonello da Messina
Antonello da Messina gehört zu den größten und eigenwilligsten Malern der italienischen Renaissance. Seine anrührenden Marien- und Heiligenporträts, die er nicht allzu zahlreich hinterlassen hat, zählen heute zu den Ikonen in den großen Kunstmuseen zwischen London und New York, Wien und Dresden, wo in der Gemäldegalerie Alte Meister im Zwinger mit seinem Heiligen Sebastian von 1478 eines der absoluten Highlights seines Schaffens seit ca. 150 Jahren sein Domizil hat. Auch schon Victor Auburtin zog dieses Gemälde bei einem Besuch vor einhundert Jahren in seinen Bann, und nicht nur ihn. Auf die ihm eigene, launige Art porträtiert er in seinem Spiegel vielmehr auch verschiedene Typen von Museumsbesuchern und stellt ganz beiläufig die uralte Frage, wie die adäquate Rezeption von Malerei auszusehen habe. Das Original gibt es nur in Dresden, eine Abbildung hingegen auch auf unserem Instagram-Kanal. Es liest Frank Riede
Ep 1149Nachruf auf Conrad Wilhelm Röntgen
Am 10. Februar 1923 verstarb in München einer der großen Revolutionäre auf dem Gebiet der Wissenschaft: Conrad Wilhelm Röntgen. 1895 war ihm die Entdeckung der „X-Strahlen“, wie er sie nannte, mit der ersten Aufnahme, die die Hand seiner Frau durchleuchtete, gelungen. Diese epochemachende Veränderung der medizinischen Diagnostik brachte ihm den ersten Nobelpreis für Physik im Jahre 1901 ein. Wir bringen in der heutigen Folge den Nachruf aus dem Berliner Tageblatt vom 12. Februar, den der Leiter der Röntgen-Abteilung des Virchow-Krankenhauses in Berlin und Pionier der Röntgenologie Max Levy-Dorn verfasste. Er verweist neben dem Beitrag zur Wissenschaft auch auf den wohltätigen Sinn Röntgens, da dieser auf eine Patentanmeldung der Röntgenstrahlen verzichtet hatte, um die Erfindung möglichst schnell den Patienten zu Gute kommen zu lassen. Die Tatsache, dass die Gefahren, die von der Strahlung ausgehen, nicht genügend bekannt waren, nahm dem Verfasser des Nachrufs wenige Jahre später das Leben. Paula Leu liest.
Ep 1148Hat der Kommunismus in China eine Chance?
Die politischen Beobachter des Westens fragten sich 1923, wie weit sich die Sowjetunion, damals noch unter der Führung von Lenin, besonders im asiatischen Raum ausdehnen würde. Man hatte aber nicht nur potentielle militärische Konflikte um Territorien im Blick, sondern betrachtete auch die Ausbreitung der kommunistischen Bewegung auf die Länder Asiens, die mal mehr, mal weniger aus Moskau unterstützt wurde. Insbesondere China geriet dabei in den Fokus. Würde die riesige Republik China sich behaupten können, oder würde sich eine chinesische Kommunistische Partei durchsetzen können. In der Berliner Morgenpost vom 11. Februar schätzt Erich von Salzmann die Lage ein. 1876 in Stettin geboren verfolgte Salzmann zunächst eine militärische Karriere und kämpfte in den Kolonien in China und nahm 1904 als Oberstleutnant am Vernichtungsfeldzug gegen die Herero in der Kolonie „Deutsch-Südwest-Afrika“ teil. Nachdem er dort bereits schwer verwundet und später im Ersten Weltkrieg bei Ypern von einem Splitter am Kopf getroffen worden war, schied er aus dem Militär aus und arbeitete in den 20ern als Autor und Berichterstatter für die Zeitungen des Scherl-Verlages. Er war Mitglied im deutschnationalistischen Bund der Frontsoldaten Stahlhelm und trat später in die NSDAP ein. Salzmann verstarb 1941 in Shanghai. Frank Riede liest für uns seine Einschätzung, dass die Republik China mit ihrer langen Tradition gegen den Bolschewismus gefeit sei.
Ep 1147Warschau amüsiert sich
Zu den beliebtesten Klischees der Zwanziger Jahren ist gewiss das von der überbordenden Partymetropole Berlin zu zählen. Daran ist manches nicht falsch, als Alleinstellungsmerkmal taugt diese Zuschreibung aber wohl nicht. Auch anderswo tanzte man seinerzeit auf dem Vulkan, zum Beispiel, wie uns die Vossische Zeitung vom 10. Februar 1923 berichtet, auch im nicht allzu fernen Warschau. Autor August Hermann Zeiz gewährt tiefere Einblicke in das Nachtleben der Hauptstadt des so jungen wie aufgewühlten polnischen Staates und reichert seine Beschreibungen dabei interessanterweise mit allerlei Images an, die man aus den Narrativen über das Berlin der ‘goldenen Zwanziger‘ kennt. Zeiz war übrigens nicht nur als Journalist, sondern auch als Dramatiker und Theaterdramaturg aktiv. 1935 emigrierte er mit seiner jüdischen Frau nach Österreich und betätigte sich dort später im Widerstand gegen den Nationalsozialismus. Er überlebte mehrere Inhaftierungen und auch die Internierung im Konzentrationslager Dachau. 100 Jahre nach ihm ist für uns Paula Leu an die Weichsel gereist.
Ep 1146Französische Überfälle auf D-Züge
Während der ersten Wochen der Ruhrbesetzung verhielt sich die Zivilbevölkerung weitestgehend friedlich und ließ die Präsenz der Französischen Truppen über sich ergehen. Wie sehr diese Situation vor Ort aber einem Pulverfass glich, davon handelt der heutige Artikel aus der Berliner Morgenpost vom 9. Februar 1923. Wenn wir ihm glauben wollen, überprüfen können wir das Geschilderte nicht, kam es auf der Jagd nach Bahnhofsbesetzungen und Kohlezügen zu Misshandlungen seitens des französischen Militärs, das scheinbar stets bereit war, den kleinsten Konflikt mit Waffe und Bajonett zu lösen. Eine weitere Eskalationsgefahr drohte zwischen der deutschen Polizei und den Besatzern, da die deutschen Beamten die Weisung erhalten hatten, die französischen Militärs nicht zu grüßen. Das war für diese wiederum ein willkommener Anlass zu Verhaftungen. Uns grüßt nun mit seiner Stimme Frank Riede.
Ep 1145Amtliches Fernsprechbuch für Berlin und Umgebung 1923
Am 14. Juli 1881 wurde in Berlin das erste deutsche Telefonbuch mit dem Titel „Verzeichnis der bei der Fernsprecheinrichtung Betheiligten“ veröffentlicht. Es enthielt 185 Einträge. Zweiundvierzig Jahre später war es schon beachtlich angewachsen und erschien als xte Neuauflage des Verzeichnisses für Berlin und das Umland. Die Berliner Morgenpost widmet am 8. Februar dem neuen Telephonbuch eine Rezension, in der die Häufigkeit bestimmter Namen und die Anzahl der Anschlüsse von Behörden zusammengetragen werden. Insbesondere die Aktualität bzw. mangelnde Aktualität des Druckerzeugnisses wird Stichprobenartig untersucht, indem die Anschlüsse zweier bekannter und mittlerweile verhafteter Betrüger, Max Klante und Director Bernotat, nachgeschlagen werden. Paula Leu hat für uns diesen Klassiker gelesen.
Ep 1144Der unterirdische Wolkenkratzer
Davon dass der Hochbau in den ersten Dekaden des 20. Jahrhunderts sich in buchstäblich schwindelerregende Höhen emporschwang, geben namentlich amerikanische Großstädte noch heute ein beredtes Zeugnis. Weit weniger bekannt, weil naturgemäß weniger sichtbar sind demgegenüber die Fortschritte, die auch der Tiefbau in jenen Jahren machte, und auch in diesem Fall – wen wundert es? – führten die meisten Wege in die USA und konkret nach New York. So machte sich auch auf die B.Z. am Mittag und berichtete in ihrer Ausgabe vom 7. Februar 1923 von hoch- bzw. natürlich tieftrabenden Plänen, von denen einige sich wohl aber doch nicht als Erdschlösser realisieren lassen, sondern Luftschlösser bleiben sollten. Frank Riede hat sie sich für uns angesehen.
Ep 1143Der zerbrochene Rohrstock
In manchen Punkten sind uns die 1920er Jahre frappierend nahe, in anderer Hinsicht aber auch über die Maßen fern und fremd. Dass etwa in pädagogischem Bereich uns gefühlt weit mehr als ein Jahrhundert von jener Zeit trennt, bestätigt einmal mehr ein Artikel aus dem durchaus liberalen 8-Uhr-Abendblatt vom 6. Februar 1923. Ein Schüler in Weimar hatte es gewagt, gegen die Autorität des Rohrstocks aufzubegehren und war in diesem Zuge sogar vor Gericht gezogen. Was genau, dem vorausgehend, im Klassenraum passiert war, belässt der Text etwas im Nebulösen. Keinen Zweifel lässt er hingegen daran, dass er die Vorstellung einer Schule ohne Züchtigung für äußerst abwegig hält, und macht sich auch nur über diese Idee auf polemischste Weise lustig. Paula Leu liest ihn, als Zeitdokument, trotzdem.
Ep 1142Wilson verhindert Ruhrbesetzung - 1919
Der Schriftsteller Emil Ludwig ist in unserem Podcast bereits mehrfach als scharfsinniger Analytiker der politischen Situation seiner Zeit in Erscheinung getreten. Am 5. Februar 1923, während die Zeitungen von der tags zuvor durchgeführten Besetzung von Offenburg und Appenweier durch französische Truppen berichten, richtet er seinen Blick in die Vergangenheit, in das Jahr 1919 und schildert, basierend auf neu erschienen Dokumenten und Memoiren, wie der amerikanische Präsident Wilson damals noch die Ruhrbesetzung verhinderte. Aus der Geschichte der Geschichte von vor hundert Jahren liest für uns Frank Riede.
Ep 1141Der Kurbelkasten unter Wasser
Der Film hatte, wie bei uns bereits mehrfach zu hören war, die Luft erobert. Bei jeder Pioniertat mit Flugzeugen schien ein Kamerateam an Bord zu sein. Die nächste Herausforderung stellte die Unterwasserwelt dar. Wie konnten die nicht wasserdichten Kino-Apparate, die von Fachleuten, die selten zugleich Taucher waren, unter Wasser bedient werden? Im Kontext der Bergungsversuche des Passagierdampfers RMS Lusitania, die in einem Akt der Barbarei ein deutsches U-Boot 1915 vor der Küste Irlands versenkt hatte, schien sich eine Gelegenheit für erste Aufnahmen in über 90 Meter Tiefe zu bieten. Näheres weiß die BZ am Mittag vom 4.2. und für uns Paula Leu zu berichten.
Ep 1140Die USA, das gefährlichste Land der Welt
Manche Probleme lassen sich offensichtlich auch über die Dauer eines Jahrhunderts nicht in den Griff bekommen – aus welchen Gründen auch immer. In den USA, erfahren wir aus einem Bericht der Berliner Volks-Zeitung vom 3. Februar 1923, kommen statistisch ungefähr achtmal mehr Menschen durch den Gebrauch von Schusswaffen zu Tode als in England. Was dagegen wohl helfen würde? Immerhin, die Zahl der Opfer von Bränden, Bergwerkunglücken oder Straßenbahnunfällen, die der Text ebenfalls auflistet, dürften im hier so bezeichneten „gefährlichsten Land der Welt“ mittlerweile zurückgegangen sein ... Alle weiteren Daten zu dieser Statistik kennt Frank Riede.
Ep 1139Tod nach Pferdefleischverzehr
Pferdefleisch in der Lasagne – das war vor einigen Jahren ein erhebliches Aufreger-Thema in Deutschland. Studieren an dieser Affäre ließen sich nicht nur einmal mehr skrupellose Praktiken der Lebensmittelindustrie, sondern auch die offenkundige Willkür auf Seiten von uns Verbrauchern, Tiere für essbar zu erklären oder eben nicht. Vor einhundert Jahren war das Pferd auf dem Teller hingegen durchaus noch recht weit verbreitet und die Kunden im märkischen Freienwalde über die Herkunft des ‘Hack‘ offensichtlich auch informiert. Weshalb einige von ihnen nach dem Verzehr verstarben, konnte einstweilen auch die Deutsche Allgemeine Zeitung vom 2. Februar 1923 nicht aufklären. Es liest Paula Leu.
Ep 1138Die Rohstoffe als Kampfmittel
Was sind die Ressourcen, um die sich in Zukunft die Konflikte entfalten werden? Der Besitz welcher Ressourcen garantiert Macht und Wohlstand? Diesen Fragen widmete sich am 1. Februar das 8-Uhr-Abendblatt mit ihrem Autor Kurt von Kleefeld, dem Schwager des künftigen Reichskanzlers Stresemann. Entscheidender für diesen Artikel freilich war seine Funktion als Generalbevollmächtigter der hohenlohischen Gruben und Industrieunternehmen, in der natürlich direkt an Einschätzung von Vorkommen an Rohstoffen beteiligt war. Aber dennoch ein Fun-Fact zu ihm: Geboren 1881 in Kassel als Kurt Kleefeld war er der letzte Mensch, der während des Kaiserreiches im November 1918 geadelt wurde. Frank Riede schaut für uns nach den Rohstoffen, die sich zu weltpolitischen Kampfmitteln entwickeln.
Ep 1137Hitlers Kniefall
Wehret den Anfängen – dieses Motto hatte sich die junge und labile Weimarer Republik im Umgang mit dem Nationalsozialismus bekanntlich nicht zu eigen gemacht. Zum Teil aus politischer Schwäche, zum Teil wohl auch aufgrund keineswegs immer nur heimlicher Sympathien in den Sicherheitskräften für die Republikfeinde, lavierten die Behörden häufig herum und ließen sich, wie etwa schon im Januar 1923 in München, von Hitler, seinen Drohungen und seinen Schlägertrupps vorführen. Vom Aufmarsch der Nazis, der trotz verhängten Ausnahmezustands hatte stattfinden können, berichteten wir an dieser Stelle bereits vor zwei Tagen. Heute reichen wir noch eine kopfschüttelnde Analyse dazu aus der Berliner Morgenpost vom 31.1. nach, die sich vor allem den wankelmütigen bayerischen Innenminister Franz Xaver Schreyer vorknöpft, welcher sich später freilich als couragierter Nazi-Gegner einen Namen machte und als ein frühes Opfer des NS-Regimes 1935 starb. Es liest Frank Riede.
Ep 1136Eröffnung der Nordsüdbahn
Eines der großen Bauprojekte des Öffentlichen Nahverkehrs in Berlin war zweifelsohne der Bau der unterirdisch geführten sog. Nord-Süd-Strecke, die den in der horizontalen West-Ost-Richtung besser ausgebauten Nahverkehr ergänzen und erweitern sollte. Nach mehreren Bauabschnitten sollte eine U-Bahn durchgängig zwischen der Seestraße, über die Friedrichstraße und dem heutigen Mehringdamm, damals Belle-Alliance Str., fahren, um dann zum Hermannplatz nach Osten abzubiegen - bis zur heutigen Station Neukölln. Die Strecke ist also eine Mischung aus der heutigen U6 und U7. Aber genug der für unsere Hörer:innen außerhalb von Berlin gänzlich uninteressanten Details. Das Stück durch das Stadtzentrum war bereits fertig und nun wurde am 30. Januar 1923 der nördliche Teil mit einem Festakt eröffnet und die Mopo feierte noch in der Abendausgabe mit. Eben noch auf der Strecke unterwegs und hier schon am Mikrophon – liest Paula Leu.
Ep 1135Hitlers missglückter “Putschtag”
Den Hitler-Ludendorff-Putsch im November 1923 kennt jede und jeder, die oder der sich ein wenig mit deutscher Geschichte befasst hat. Sehr viel weniger bekannt ist hingegen, dass die Nationalsozialisten früher im Jahr bereits auch schon mit Umsturzplänen zumindest kokettierten. Unter dem Eindruck der französisch-belgischen Ruhrbesetzung hatte Hitler in München eine Kundgebung angekündigt, die nach einigem Hin und Her in den bayerischen Behörden unter Auflagen bewilligt wurde und über die nahezu alle republikanischen Tageszeitungen in Berlin vorher und nachher auch ausgiebig berichteten. Die Vokabeln, mit denen der Aufmarsch hier beschrieben wurde, waren dabei durchaus unterschiedliche. Das 8-Uhr-Abendblatt, dessen Ausgabe vom 29.1. der nachfolgende Text entnommen ist, spricht in diesem Zusammenhang bereits von einem – missglückten – Putschtag, und tatsächlich führte die Route, wie wir erfahren, auch schon damals an der Feldherrenhalle vorbei. Es liest Frank Riede.
Ep 1134Die Deutsche Filmschule in München
Sucht man nach der Geschichte der deutschen Filmhochschulen, stößt man auf die Gründung der ersten Filmhochschule in Babelsberg im Jahre 1938, die auf Betreiben des Reichspropagandaministers Joseph Goebbels eingerichtet wurde. An selbiger Stelle wurde nach dem Zweiten Weltkrieg 1954 in der DDR die HFF Konrad Wolff aufgebaut. Doch es gab schon während der Weimarer Republik Filmschulen. Eine 1920 geplante Gründung in Berlin kam nicht zustande, in München aber existierte eine Filmschule zwischen 1921 und 1934. Der durchaus auf der Hand liegende und bereits in den USA und in der Sojwetunion erprobte Gedanke, für die boomende Filmindustrie Schauspieler:innen sowie vermutlich nur männliche Regisseure und Techniker auszubilden, manifestierte sich hier. Im Berliner Tageblatt vom 28. Januar 1923 schildert der Studienrat Dr. Konrad Wolter durchaus begeistert von dieser „Deutschen Filmschule in München“. Paula Leu liest für uns.
Ep 1133Wie die internationale Presse die Ruhrbesetzung erlebt
Dass Journalist*innen die Wirklichkeit, über die sie berichten, durch ihre bloße Anwesenheit tendenziell verändern, ist ein Allgemeinplatz. Gerade in Kriegs- oder kriegsähnlichen Zusammenhängen vermag ihre schiere Präsenz im besten Fall Schlimmeres zu verhindern, weshalb der Berichterstatter des Berliner Tageblatts Erich Dombrowski die Begegnung mit zahlreichen internationalen Kollegen im besetzen Ruhrgebiet nicht nur persönlich begrüßt. Sein Artikel aus dem besetzten Essen vom 27. Januar 1923 schildert, wie dicht die von überall entsandten Korrespondenten den Vorkommnissen jener Tage kamen, gibt aber auch einen Eindruck von der Presse-Blase, die sich damals in und um das Hotel Kaiserhof bildete. Unser Vertreter vor Ort ist Frank Riede.
Ep 1132Das schlechte Brot - Ursachen und Wirkung
Beinahe seit es Menschen gibt, gehört irgendeine Art von Brot zu den Grundnahrungsmitteln. Mehl, Wasser, vielleicht ein Triebmittel und eventuell Gewürze, Körner, Gemüse im Ofen gebacken ist an und für sich ein schlichtes Rezept, aber gerade deswegen enorm vielfältig. Nachdem, grob gesprochen, die traditionellen Bäcker nahezu ausgestorben sind, verdrängt von den industriellen Backketten, erleben sie in den letzten Jahren ein Revival und so mancher Großstädter, so manche Großstädterin steht lange Schlange, um handgefertigtes Brot zu erstehen. Während des Corona-Lockdowns gab es in Deutschland sogar nicht nur 80 Millionen Virolog:innen, sondern auch 80 Millionen Heimbrotbäcker:innen. Es ist angesichts der Bedeutung des Brotes kein Wunder, dass die DAZ am 26. Januar 1923 ein Blick auf die Qualitätsprobleme des Brotes in Berlin wirft. Paula Leu verköstigt mit, verschluckt sich aber hoffentlich nicht bei all der im Artikel enthaltenen patriarchalen Perspektive auf die Rolle der Frau und dem überlegen Blick auf die Naturvölker der Zeit.
Ep 1131Bayerisch-Monarchistische Reaktionen
Die Besetzung des Ruhrgebiets goss natürlich besonders viel Wasser auf die Mühlen der nationalistischen und monarchistischen Rechten Bayerns. Hatten ohnehin die dortigen Landes-Regierungen von Anfang an ein gespanntes Verhältnis zur Weimarer Regierung kultiviert, so schaute nun die Hauptstadtpresse sorgenvoll nach Bayern, wie heftig die Reaktionen ausfallen würden und wie sehr radikale Positionen mehrheitsfähig werden könnten. Am 25. Januar 1923 hatte der Vorwärts Besorgniserregendes zu berichten, und er tat dies, indem er einfach einen Artikel aus der deutschnationalen München-Augsburger Abendzeitung nachdruckte. Frank Riede ermöglicht uns einen Einblick in die Bierkeller und monarchistischen Umzüge.
Ep 1130Bauunglück im Mossehaus
Hin und wieder dokumentieren wir in diesem Podcast auch traurige Unfälle und Katastrophen, die sich vor 100 Jahren ereigneten. Auch haben wir immer die Artikel im Blick, die sich mit den Entwicklungen des Verlagswesens beschäftigen, die also von unseren Quellen und ihrer Entstehung erzählen. In der heutigen Folge verschmelzen diese beide Themenspektren, denn es ereignete sich am 24. Januar 1923 vormittags ein Bauunglück in einem Verlagshaus. Betroffen war das berühmte Mossehaus in der Schützenstraße, in dem u.a. das Berliner Tageblatt produziert wurde. Das von dem Verleger Rudolf Mosse erbaute Gebäude hatte 1919, während der Spartakusaufstände, Schäden erlitten und wurde 1921 bis 1923 im Stile der Neuen Sachlichkeit umgebaut und dabei um 2 Etagen aufgestockt. Nach der Fertigstellung dieser Aufstockung erwies sich die Decke als nicht genügend tragfähig und stürzte ein. In ihrer Abendausgabe berichtete also das Berliner Tageblatt von den Toten und Verletzten im eigenen Hause. Es liest Paula Leu.
Ep 1129Die Damenradrennmaschine
Zu den Dingen, die es schon länger gibt, also man vielleicht denken würde, zählt auch der Hometrainer. Bereits um 1900 sollen die beiden deutschen Sportmediziner Zuntz und Voigt in Berlin einen ersten sogenannten Fahrradergometer entwickelt haben, mit dem man in der heimischen Stube Kilometer machen und die eigene Fitness stählen konnte, ohne sich einen Zentimeter fortzubewegen. In Serie gegangen ist das Patent damals aber offensichtlich nicht; jedenfalls hatte ein sehr ähnliches Gerät ein knappes Vierteljahrhundert noch immer das Zeug zur Attraktion, über die sich ein namenloser Autor in der Vossischen Zeitung vm 23. Januar 1923 durchaus rege amüsierte. Begegnungsort war nicht etwa ein frühes Gym oder eine anderweitig typische Stätte sportlicher Betätigung, sondern, nun ja, ein Varieté, in dem sich junge Damen zur Freude eines mutmaßlich überwiegend männlichen Publikums um die Wette abstrampeln mussten. Bei den finanziellen Zuwendungen, die sie darüber generierten, zählte, wie man sich denken kann, offensichtlich nicht allein die sportliche Leistung. Frank Riede fährt ohnehin auf der Straße Rennrad, wenn er nicht gerade, wie hier, für uns liest.
Ep 1128Segelflugwettbewerb in der Rhön
Dass die Entwicklung der motorisierten Luftfahrt in Deutschland durch die Bestimmungen des Versailler Vertrags gehemmt war, kam in diesem Podcast bereits das eine oder andere Mal zu Gehör. Doch worauf wichen die legal arbeitenden Ingenieure aus, wenn sie fliegen wollten: auf das Segelfliegen. Und tatsächlich etablierte sich ein rege Verbands- und Vereinsszene rund um den motorlosen Gleitflug, die sich ab 1920 jedes Jahr in der Rhön auf der Wasserkuppe zu einer Leistungsschau und einem Wettbewerb um den längsten, höchsten und weitesten Segelflug traf. Am 22.1. 1923 lieferte der Vorwärts einen Bericht vom Rhöntreffen des Vorjahres nach, bei dem die akademischen Segelflugforscher, zumindest im Vergleich mit den Heimwerkern, eine Bruchlandung erleben. Mit den Erben des Ikarus segelt für uns Paula Leu.
Ep 1127“Märtyrer” Fritz Thyssen
Die Besatzer des Ruhrgebiets stießen bei ihren Bemühungen, die als geschuldete Reparationen angesehene Kohle direkt von den Zechen nach Frankreich und Belgien zu verfrachten, auf den passiven Widerstand der Bevölkerung, zu dem diese ja von der politischen Führung aufgerufen worden war. Besonders der Streik der Eisenbahner war da relevant, aber auch die Führung der Montanindustrie, angeführt durch Fritz Thyssen, weigerte sich, den französischen Kommissaren Zugriff auf den Abbau zu gewähren. Die Besatzungsbehörden entschieden sich für eine harte Gangart und ließen Thyssen und fünf weitere Industrielle verhaften und vor ein Militärgericht stellen. Dass sie damit Märtyrer schufen, dessen war sich die Vossische Zeitung sicher, die am 21. Januar von den Verhaftungen selbst und von der Verteidigungsstrategie der Verhafteten berichtete. Frank Riede liest.
Ep 1126Ängstliche Eindrücke bei einem Boxmatch
Die Faszination der 1920er Jahre für den Boxsport ist Legion. Angezogen fühlten sich nicht nur die breiten Massen; auch zahlreiche namhafte Autoren von Bertolt Brecht bis Ernest Hemingway haben die Nähe zum Ring gesucht und das archaische Mann-gegen-Mann der Faustkämpfer literarisch verherrlicht. Unser heutiger Artikel aus der Berliner Morgenpost vom 20. Januar 1923 nimmt sich vor diesem Hintergrund eher ein wenig ungewöhnlich aus, denn sein Autor Ludwig Hirschfeld ist der Begeisterung für das Boxen nicht erlegen. Allzu rohe Körperlichkeit, daraus macht er keinen Hehl, ist seine Sache nicht. Seine Waffe ist, auch wenn er von einem Boxkampf berichtet, die feine Ironie. Hirschfeld zählt zu den großen Wiener Feuilletonisten der Zwischenkriegszeit. Er wurde 1942 nach Auschwitz deportiert und dort mit seiner gesamten Familie ermordet. Den Text, der an einer Stelle heute nicht mehr übliches, da als rassistisch empfundenes Vokabular enthält, liest Paula Leu.
Ep 1125Zum Tode des Hertie-Gründers Oskar Tietz
Die Hertie Waren- und Kaufhaus GmbH war bis zur Übernahme durch Karstadt 1994 einer der führenden Konzerne in diesem Bereich in Deutschland. Ihr Name geht auf den des in Berlin auch heute noch geläufigen Posener Kaufmanns Hermann Tietz zurück, der mit seinem Kapital bei der Niederlassung des ersten gleichnamigen Warenhauses 1882 in Gera Pate stand. Als dessen eigentlicher Gründer und damit auch als Erfinder der Marke hat jedoch Hermanns Neffe Oskar Tietz zu gelten. Nach Filialbildungen in Weimar, Bamberg, München und Hamburg expandierte Hertie im Jahr 1900 schließlich auch in die Reichshauptstadt, wo man gemeinsam mit dem Hauptkonkurrenten Wertheim in der Folgezeit die Idee des Warenhauses als Konsumtempel zumindest in Hinblick auf Deutschland neuerfand. Oskar Tietz, der sich daneben auch einen Ruf als großer Philanthrop erwarb, starb am 17. Januar 1923 während eines Erholungsaufenthaltes in der Schweiz. Den Nachruf der Vossischen Zeitung vom 19. Januar liest für uns Paula Leu.
Ep 1124Theater in der Unterwelt - Die Futuristin Růžena Zátková in Rom
Eine coole steinerne Party-Location weit unter der Erde, in der seltsamen Bilder und noch seltsamere Alltagsobjekte ausgestellt sind und in der von Zeit zu Zeit schräge Performances zur Aufführung gebracht werden – das klingt nach irgendeiner hippen Geschichte aus dem Nachwende-Berlin der 1990er Jahre. Ist es in diesem Fall aber nicht. Die Beschreibung findet sich vielmehr bereits im Berliner Tageblatt vom 18. Januar 1923 und der Ort, den Italien-Korrespondent Hans Barth hier aufgesucht hat, liegt auch nicht an der Spree, sondern in einem Gewölbe unweit des Tiber, mitten in der italienischen Hauptstadt, in der zwar mittlerweile die Faschisten regierten, des Nachts aber auch weiterhin futuristische Happenings Einheimische wie Zugereiste in ihren Bann zogen. Zeremonienmeister war im konkreten Fall einmal nicht der mit Mussolini gerade zwischenzeitlich überworfene Filippo Tommaso Marinetti, sondern der Photograph und Regisseur Anton Giulio Bragaglia, der in seiner nach ihm benannten Casa d’arte Bragaglia gerade eine Ausstellung der tschechischen Malerin und Bildhauerin Růžena Zátková kuratierte. Wer mehr über diese spannende Künstlerin erfahren und das Gemälde, das das Berliner Tageblatt beschreibt, sehen möchte, schaue doch auch einmal auf unserem Instagramkanal vorbei. Aber erstmal liest: Frank Riede.
Ep 1123Winter in der Provence
Tageszeitung – das ist immer auch die Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen. Während sich vorne auf den Berliner Blättern Anfang 1923 alles um die Ruhrbesetzung drehte und im Zuge dessen auch in der republikanischen Presse ganz erhebliche anti-französische Empörung hochkochte, flüchtete sich das Berliner Tageblatt auf den hinteren Seiten seiner Auslandsausgabe vom 17. Januar 1923 aus den unwirtlichen heimatlichen Gefilden in den sonnigeren Süden und landete mit seinem Reisebericht, ausgerechnet, in der Provence. Die Autorin mit dem Namen von Hayneck erfreut sich dort an den landschaftlichen Schönheiten von Rhonetal und Côte d’Azur und auch an manchen landestypisch kulinarischen Genüssen. Das prekäre deutsch-französische Verhältnis bleibt allerdings auch dort ihr steter Reisebegleiter. Es liest Frank Riede.
Ep 1122Löhne in Zeiten der Inflation
Die Hyperinflation des Jahres 1923 hatte eine lange Vorgeschichte, die weit zurück in die Weltkriegsjahre reicht. Dass die Löhne in dieser Zeit nominell exorbitant stiegen, nutzte dem einfachen Arbeiter trivialerweise wenig, da das für alle Kosten in noch stärkerem Maße galt. Was ein Reallohnverlust ist, muss man einem Podcastpublikum des Jahres 2023 vermutlich nicht erklären. Die drastischen Zahlen, die der Vorwärts in seiner Ausgabe vom 16. Januar 1923 für die Entwicklung der zurückliegenden acht Jahre vorlegt, vermögen dennoch zu beeindrucken und geben einen plastischen Eindruck von den dramatisch prekären Lebensverhältnissen weiter Teile der Berliner Bevölkerung vor einhundert Jahren. Paula Leu hat sie für uns studiert.
Ep 1121Die SPD und die Protestkundgebungen gegen die Ruhrbesetzung
Mit der Besetzung des Ruhrgebiets brandete ein breiter parteiübergreifender Protest in Deutschland auf. In welcher komplizierten Lage sich dabei die Sozialdemokratie befand, hören wir heute. Soll sie sich dem Protest vorbehaltlos anschließen, in dem sie neben rechten und nationalistischen Parteien marschiert, oder gerade jetzt an ihrem internationalistischen Standpunkt festhalten und für die Veränderung der Missstände auf eine Zusammenarbeit mit den französischen und belgischen Arbeitern setzen? Was ist, wenn Protestkundgebungen aus dem Ruder laufen? Soll sie sich öffentlich für ein Fernbleiben von bestimmten Kundgebungen rechtfertigen? Wie die SPD ihre Rolle sah und welchen Kurs sie einschlug, lesen wir in der Parteizeitung Vorwärts vom 15. Januar 1923, und hören es von Frank Riede.
Ep 1120Der Filmregisseur als Wettergott
In der Filmgeschichte folgen von Anbeginn an auf Phasen, in denen der Film hauptsächlich im Studio gedreht wird, Phasen, in denen die Filmemacher aus den Studios drängen und draußen „on location“, wie man sagt, in den Städten und in der Natur drehen. In der BZ am Mittag vom 14. Januar 1923 lesen wir ein klares Plädoyer für die Bewegung ins Studio hinein. Ein Vorteil liegt auf der Hand: Die Umstände, das Licht, das Wetter, lassen sich im Studio steuern, während man draußen von der Wanderung der Sonne, von Wolken, von Regengüssen abhängig ist. Und genau so argumentiert Carl Froehlich auch, wenn er den Regisseur „als Wettergott“ bezeichnet. Es geht ihm über das Wetter hinaus aber auch um bestimmte Tricktechniken, die den Eindruck von „Außen“ ins Studio zu zaubern vermögen. Der Autor, ursprünglich Kameramann, dann Regisseur und 1923 bereits erfolgreicher Produzent, wird später Karriere im Nationalsozialismus machen, etwa als Leiter des Filmverbandes und auch noch in den 50er Jahren Filme drehen. Das vor allem bei Berliner Studenten beliebte Kino Capitol Dahlem war ursprünglich der private Vorführraum in seiner Dahlemer Villa. Paula Leu präsentiert für uns den Regisseur als Herr über Naturgewalten.
Ep 1119Die Besetzung von Essen II - Unterwegs mit den französischen Truppen
Hatten wir gestern vom Korrespondenten der Morgenpost einen relativ nüchternen Bericht über das Vorgehen der französischen Truppen gehört, in dem die Fassungslosigkeit, stille Wut und Hilflosigkeit der Okkupierten zu spüren war, so folgt heute erneut ein Text über denselben Vorgang der Besetzung, dessen Autor, der mit dem Pseudonym „Pick Nick“ zeichnet, sich dafür entschieden hat, auf die Geschehnisse mit einer ordentlichen Prise Galgenhumor zu blicken. Als Begleiter der Armee (heute würde man von einem „embedded journalist“ sprechen) dokumentiert er den spannenden und strategisch aufreibenden Kampf der französischen Truppen gegen einen nicht vorhandenen Gegner minutiös in der Ausgabe der Berliner Volks-Zeitung vom 13. Januar wieder. Mit ihm an die Front traute sich Frank Riede.
Ep 1118Die Ruhrbesetzung beginnt - Die Besetzung von Essen I
Nun war es also soweit. Am 11. Januar 1922 waren französische und belgische Truppen in das noch unbesetzte Ruhrgebiet einmarschiert, sicherten Rathäuser, Postämter und requirierten Quartiere. Das erste Ziel war die Stadt Essen, von wo am Folgetag die Berliner Morgenpost berichtete. Aus dem Text, den Paula Leu für uns liest, und der verhältnismäßig sachlich gehalten ist, ist deutlich zu spüren, für wie übertreiben und unangemessen die martialische Militärpräsenz mit Panzerwagen und Kavallerie und aufgepflanztem Bajonett betrachtet wurde – war doch von Widerstand in der Bevölkerung weit und breit nichts zu sehen.
Ep 1117Hans Poelzig über seine Pläne für ein Festspielhaus in Salzburg
Hans Poelzig zählt zu den großen Architekten der Moderne der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Gerade in Berlin hat er mit dem Haus des Rundfunks an der Masurenallee, aber auch mit Wohnanlagen, etwa um das Kino Babylon am Rosa-Luxemburg-Platz, ikonische Bauten der Zwischenkriegszeit hinterlassen. Dass er daneben auch ein bedeutender Theaterarchitekt war, ist heute hingegen ein wenig in Vergessenheit geraten. Sein spektakulärer Umbau des Großen Schauspielhauses am Gendarmenmarkt hat Umbaumaßnahmen der Nazis und anschließende Kriegsschäden nicht überlebt, und sein kühner Entwurf für ein Salzburger Festspielhaus im Park von Schloss Hellbrunn ist gar nicht erst zur Verwirklichung gekommen. Von eben diesen Plänen berichtet Poelzig selbst im Berliner Tageblatt vom 11. Januar 1923 mit kraftvollen, anschaulichen Worten. Wer sich die zugehörigen abgedruckten Skizzen dennoch selbst vor Augen führen möchte, sei an Tante Google oder, besser noch, an den Instagram-Account von Auf den Tag genau verwiesen. Auf der Tonspur hört Ihr Frank Riede.
Ep 1116Reichspräsident und Reichskanzler zur bevorstehenden Ruhrbesetzung
Die Würfel waren gefallen: Nachdem die über die Einhaltung des Versailler Vertrages wachende alliierte Reparationskommission am 9. Januar 1923 gegenüber Deutschland offiziell den Vorwurf erhoben hatte, Reparationslieferungen vorsätzlich zurückzuhalten, standen die Zeichen auf Eskalation und die zuvor von Frankreich und Belgien für diesen Fall angekündigte militärische Besetzung des Ruhrgebiets war nur noch eine Frage von Stunden. In Berlin reagierte man auf diese Entwicklung, für die man federführend den hierzulande als anti-deutschen Hardliner gefürchteten Ministerpräsident Poincaré verantwortlich machte, quer durch alle Lager für Empörung. Nicht nur in deutschnationalen Kreisen schlug die Wut auf den alten ‘Erbfeind‘ hohe Wellen. Auch der sozialdemokratische Reichspräsident Friedrich Ebert verurteilte die französisch-belgischen Pläne mit scharfen Worten und startete einen gemeinsamen Aufruf mit dem parteilosen konservativen Reichskanzler Wilhelm Cuno, der die Einigkeit Deutschlands be- und die Menschen in den betroffenen Regionen auf besonnenen Widerstand einschwor. Aus dem Vorwärts vom 10. Januar liest diesen für uns Paula Leu.
Ep 1115Die Hamburger Theaterlandschaft
Hamburg zieht nicht nur wegen seines maritimen Flairs, neuerdings der Elbphilharmonie und, nun ja, der Reeperbahn zahlreich touristisches Publikum in seinen Bann. Auch seine reiche Theaterlandschaft macht einen Besuch an der Elbe von jeher lohnend und veranlasste die Vossische Zeitung am 9. Januar 1923 zu einem ausgedehnten Streifzug durch eben diese. Die neben dem ‘Stadttheater‘, der Oper, hier gewürdigten Bühnen, das Deutsche Schauspielhaus, das Thalia Theater, die Hamburger Kammerspiele, können wohl auch heute noch die Leuchttürme der hanseatischen Kulturszene gelten. Das Profil der jeweiligen Häuser, erfahren wir aus dem Bericht von Paul Theodor Hoffmann, sah seinerzeit teilweise aber durchaus noch sehr anders aus. Der Autor war seines Zeichens übrigens nicht nur ein intimer Kenner der Hamburger Lokalgeschichte, sondern publizierte später auch ausführlich über indische Kultur und Philosophie, um seine Publikationsliste in der NS-Zeit auch um einige Blut- und Boden-Titel zu ergänzen. Frank Riede war für uns in der Hansestadt.
Ep 1114Was wird aus der Ukraine?
Der Status der unterschiedlichen Teilglieder der werdenden Sowjetunion war im Winter 1922/23, also fünf Jahre nach der Oktoberrevolution noch immer nicht klar ausgehandelt. Im Hintergrund mochten die bolschewistischen Strippenzieher die Zeichen längst wieder auf Zentralisierung gestellt haben; an der Basis der regionalen Rätekongresse herrschte, jedenfalls einem Bericht in der Berliner Börsen-Zeitung vom 8. Januar 1923 Charkiw nach zu schließen, derweil durchaus noch Aufbruchsstimmung ob einer in Aussicht gestellten Autonomie der verschiedenen Republiken. So wähnte man sich seinerzeit offensichtlich auch unter den Kommunisten der Ukraine nach Jahrhunderten des Zarenjochs selbstbestimmt hinsichtlich der Frage, welche Kompetenzen man künftig vor Ort behalten und welche nach Moskau abgeben wollte. Es liest Paula Leu.
Ep 1113Die neue Sonnenmaschine - Strahlen statt Kohle
Heute geht es mal wieder um die Nutzung nicht fossiler Energieträger. Man könnte meinen, dass wir, sobald bei unserer Lektüre der Hauptstadtzeitungen ein Artikel dieser Thematik auftaucht, wegen der heutigen Brisanz sofort zuschlagen. Das Gegenteil ist der Fall. Wir sind überrascht davon, wie oft festgestellt wurde, dass die Vorräte an Kohle und Erdöl auf der Erde irgendwann aufgebraucht sein würden. Es scheint einen Konsens gegeben zu haben darüber, dass es unabdingbar sei, die Energiereserven des Wassers, des Windes und der Sonnenstrahlen anzuzapfen. Am 7. Januar 1923 berichtet der deutsch-jüdische Astronom Adolf Marcuse in der Vossische Zeitung von einem neuen Patent für eine Sonnenenergiemaschine, auf die er durchaus Hoffnungen setzt zur Lösung künftiger Energiekrisen. Für uns fängt Frank Riede die Sonnenstrahlen ein.
Ep 1112Das Krokodil und ich
In der letzten Zeit gewinnt im akademischen Diskurs die Anthrozoologie, auch bekannt als „human-nonhuman-animal studies“, zunehmend an Bedeutung. Die interdisziplinäre Forschungsrichtung untersucht die Beziehungen zwischen Mensch und Tier und bemüht sich dabei, auch den Tieren eine eigene von den Menschen unabhängige Perspektive zuzugestehen. Ob der Feuilletonist des Berliner Tageblatts Victor Auburtin in seinem Text vom 6. Januar 1923 über seine Begegnung mit einem Krokodil Anthrozoologie betreibt, wollen wir nicht beurteilen, eine Quelle für diese Forschungsrichtung ist es allemal. Paula Leu nimmt für uns den Kontakt zum Krokodil auf.
Ep 1111Der Bruch - Ruhrbesetzung steht bevor
Es hatte sich schon Monate lang abgezeichnet. Frankreich war gegen alle Widerstände und Zweifel anderer Alliierter fest entschlossen, in das noch unbesetzte Ruhrgebiet östlich des Rheins zwischen Düsseldorf, Dortmund, Lünen und Wesel militärisch einzumarschieren, um dort direkt die Reparationsleitungen an die Siegermächte in Form von Rohstoffen zu überwachen und zu steuern. Deutschland war bemüht, dies noch abzuwenden, und hatte auf die Schützenhilfe Englands und der USA gehofft. Das Berliner Tageblatt aber wusste in ihrer Ausgabe vom 5. Januar keine guten Nachrichten zu verkünden. Die diplomatischen Verhandlungen waren gescheitert. Es war nur eine Frage der Zeit, bis sich französische und belgische Truppen in Bewegung setzen würden. Tatsächlich begann der Einmarsch am 11. Januar 1923. Ein Teil dieser Folge lief schon am 2. Januar als Quellen-Teaser im Podcast “Geschichte Europas” von Toby. Am 9. Januar erscheint dort seine Folge über die Ruhrbesetzung. Ein intensives Gespräch mit dem Historiker und Spezialisten für das Ruhrgebiet Stefan Goch. Hört rein! Doch nun überbringt hier Frank Riede die düsteren Aussichten für die Weimarer Republik.
Ep 1110Wie kommt die Gebirgsluft in die Stadt?
Großstädte neigen im Sommer bekanntlich dazu, sich in Wärmeperioden enorm aufzuheizen und leiden, je nach Bauweise, Industrialisierungs- und Motorisierungsgrad, überdies das ganze Jahr über an ungesunder Schadstoffkonzentration. Was läge da näher, als die Frischluft einfach aus Naherholungsgebieten in der Umgebung in großen Rohren in die Metropolen zu pumpen und dort für Abkühlung und Sauerstoffaustausch in einem zu sorgen? Was zunächst wie ein Gag klingt, wurde vor einhundert Jahren offensichtlich sehr ernsthaft erwogen. Nein, nicht in Berlin, sondern im noch größer denkenden New York; von dort fanden die anscheinend schon ziemlich ausgereiften ingenieurswissenschaftlichen Überlegungen dank der B.Z. am Mittag vom 4. Januar 1923 aber ihren Weg auch in die deutsche Hauptstadt. Paula Leu hat sie begleitet.
Ep 1109Jerusalem - die bleiche Stadt
Paris, London, Wien, Rom; New York, Havanna, Buenos Aires; Peking, Teheran oder zuletzt Samarkand – drei Jahre Auf den Tag genau waren und sind auch eine Reise durch die Metropolen der Welt, aktuelle und gewesene. Da ist es nur folgerichtig, dass heute endlich auch das ewige Jerusalem Eingang in diesen Reigen findet. Die bleiche Stadt, wie sie der vorliegende Text nennt, mag seinerzeit mit ihrer Lage in den Bergen von Judäa im Landesinneren des international wenig beachteten Britischen Mandatsgebiet Palästina eine deutlich randständigere Position auf den touristischen wie politischen Landkarten der Zeit eingenommen haben als heutzutage - als bereits damals höchst diverse, kosmopolite Stadt präsentiert sie aber durchaus auch schon das Porträt, das ihr Autor Alexander Strasser in der Vossischen Zeitung vom 3. Januar 1923 widmet. Begleitet auf seiner Reise nach Jerusalem hat ihn für uns Frank Riede.
Ep 1108Die Silvesterbilanz
Silvesterbilanzen fallen zumeist eher unerfreulich aus. Kaum hat das neue Jahr begonnen, sind als erstes abgerissene Finger und verkohlte Kraftfahrzeuge zu verzeichnen, zumeist garniert mit dem an Zahlen belegten Nachweis, dass die Begleitschäden der Knallerei von Jahr zu Jahr zunähmen. Zumindest in der Langzeitperspektive, so viel lässt sich mit dem Berliner Börsen-Courier vom 2. Januar 1923 belegen, stimmt dieser Eindruck offensichtlich nicht. Gegen das, was dort über die Nacht des Jahreswechsels von 1922 auf 1923 zusammengetragen ist, wollen Berliner Silvesterfeierlichkeiten des frühen 21. Jahrhunderts tendenziell fast schon zivilisiert erscheinen. Paula Leu hat sich für uns trotzdem auf die Piste gewagt und dokumentiert mit ihrer Lesung, dass die Welt auch in puncto Homophobie vor 100 Jahren natürlich keineswegs eine bessere war.