
Auf den Tag genau
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Ep 1207Entfesseltes Theater: Alexander Tairow in Berlin
Berlin war in den 1920er Jahren bekanntermaßen begehrtes Zufluchtsziel vor der Revolution geflüchteter Russen, Ukrainer, Belarussen etc., und vor diesem Hintergrund nimmt es wenig Wunder, dass sich auch die führenden Theaterkünstler und -kompagnien aus dem alten Zarenreich an der Spree seinerzeit die Klinke in die Hand gaben. Über das ausgedehnte Gastspiel des Moskauer Künstlertheaters haben wir zu gegebener Zeit hier im Podcast mehrfach berichtet; nun, im Frühjahr 1923, gab sich mit Alexander Tairows [Betonung auf dem i!] Moskauer Kammertheater ein ästhetisch gänzlich anders ausgerichtetes Ensemble im Deutschen Theater die Gastspielehre. Tairow zählte mit seinem um eine ‘Retheatralisierung des Theaters‘ bemühten sogenannten ‘entfesselten Theater‘ zu den großen Protagonisten der historischen Avantgarden auf der Bühne. Der Kritiker vom Berliner Tageblatt reagierte in seiner Rezension vom 11. April indes so, wie man das in Berlin bisweilen auch heute noch erlebt: Kennen wa schon, ham wa auch schon jemacht, können wa bessa! Wie das in vornehmen Worten klingt, demonstriert uns Frank Riede.
Ep 1206Über Kokoschka und andere Expressionisten
Der deutsche Expressionismus und seine großen Vertreter aus der ‘Brücke‘ und dem ‘Blauen Reiter‘ sind aus dem Pantheon der Kunstgeschichte längst nicht mehr wegzudenken, weshalb man manchmal vergisst, wieviel Skandalpotential anfänglich eignete und wie lange ihrem Schaffen auch über die Phase der ersten heftigen Anfeindungen hinaus im Fachdiskurs erbitterter Widerstand entgegengebracht wurde. Von letzterem kündet die nachfolgende Besprechung einer Ausstellung Oskar Kokoschkas im Berliner Salon Cassirer durch den Kunstredakteur des Berliner Tageblatts Fritz Stahl vom 10. April 1923. Viel lieber als über Kokoschka, den er mit Abstrichen gelten lässt, spricht Stahl über einige namhafte abwesende Künstlerkollegen, über die sich das nicht sagen lässt; so dass wir am Ende der Rezension mehr über die Kunstdebatten in der jungen Weimarer Republik erfahren als über die Werke, die damals bei Cassirer zu besichtigen und zu erwerben waren. Es liest, trotzdem, Frank Riede.
Ep 1205Eine echte Ausgrabung: Wagners “Liebesverbot” in München
Die Musikdramen Richard Wagners prägten bekanntermaßen auch schon vor einhundert Jahren die Spielpläne der deutschen Opernhäuser, und doch gab es seinerzeit, in München, gänzlich unbekannte Kost vom Bayreuther „Meister“ zu entdecken: Das Liebesverbot hatte Wagner in jungen Jahren 1836 während seiner Zeit als Musikdirektor am Theater Magdeburg zur Uraufführung gebracht; nach dieser einzigen Vorstellung war es, von Wagner selbst als Jugendsünde apostrophiert, 87 lange Jahre nicht wieder auf einer Bühne zu erleben, bis die Bayerische Staatsoper unter Dirigent Robert Heger nun die Wiederausgrabung wagte. Tatsächlich entsprach Das Liebesverbot in nahezu allen Aspekten dem, was der spätere Wagner an der Oper verachtete und wogegen er mit seinem Musikdrama ankomponierte. Der Berliner Volks-Zeitung vom 9. April 1923 gefiel es trotzdem – oder gerade deshalb. Es liest Paula Rosa Leu.
Ep 1204Ein Vorläufer der Militär-Drohne
Unter dem Begriff Lufttorpedo versteht man einen aus dem Flugzeug abgeworfenen Torpedo, der anschließend im Meer weiterschwimmt. In unserem heutigen Artikel aus der BZ am Mittag vom 8. April 1923 geht es auch um Militärtechnik, aber unter der Bezeichnung Lufttorpedo vielmehr um ein Flugobjekt, das selbständig auf einer vorherbestimmten Bahn fliegt. Wir sind damit bei den Anfängen einer militärischen Nutzung von Drohnen. Auch vor 100 Jahren schien es niemanden zu überraschen, dass das amerikanische Heer an der Spitze der Entwicklung neuartiger Waffensysteme stand, denn um deren unbemannte Flugzeuge geht es vornehmlich. Ziemlich detailliert wir das technische Faszinosum geschildert, wie kleine Flugzeuge sich selbst steuern können. Für uns tut dies Frank Riede.
Ep 1203Der veränderte Globus
Der Erste Weltkrieg hatte den Zuschnitt der Erde gravierend verändert. Das merkten nicht nur Millionen von Menschen, die sich plötzlich um eine neue Staatsangehörigkeit, wenn nicht gleich um eine neue Heimat bemühen mussten – sondern auch die Hersteller von Globen und Atlanten, deren Produkte über Nacht einer Generalüberholung harrten. Eine solche war nun erfolgt, und die Berliner Morgenpost muss sich in ihrem Artikel vom 7. April 1923 erst einmal orientieren. Ein gewisses Geschmäckle hat das überschwängliche Lob freilich, das sie dem neuen Kartenwerk aus dem Verlagshause Ullstein ausspricht, denn in diesem erschien damals, genau, ... auch die Berliner Morgenpost. Aber seien wir nicht zu streng, wir machen in diesem Podcast ja auch gelegentlich Reklame in eigener Sache. Bevor es wieder soweit ist, liest aber erstmal Paula Rosa Leu.
Ep 1202Friedrich Schiller Biopic
Kaum war der Kinofilm geboren, schon entstanden auch erste Biopics und damit die Frage der Rezensenten: Wie hat ein Biopic auszusehen? Zeigt er den Menschen, überhöht er das Genie, Erzählt er chronologisch die Biographie, zeigt er ausschnitthaft das Besondere der Persönlichkeit? Herbert Ihering hatte sich im April 1923 den Schillerfilm von Curt Goetz angeschaut, der 1922 mit Theodor Loos in der Hauptrolle gedreht worden war. Bei seiner durchaus wohlwollenden Kritik zog er als negatives Gegenbeispiel den heroisierenden und sehr erfolgreichen Mehrteiler „Friedericus Rex“ über Friedrich den Großen als Vergleich heran. Der Berliner Börsen-Courier druckte die Rezension am 6. April ab. Paula Rosa Leu weiß, was für einen Friedrich Schiller uns der Film zeigt, der lange als verschollen galt, bevor eine Kopie auftauchte und er 2005 restauriert wieder aufgeführt werden konnte.
Ep 1201Lubitsch über Hollywood
Als einer der zweifelsfrei größten Komödienregisseure gilt Ernst Lubitsch, dessen einzigartiger Stil, der „Lubitsch-Touch“, oft kopiert wurde – aber in der Regel vergeblich. Ist er heute vor Allem für seine Werke aus der Tonfilmzeit: „Ninotschka“, „To be or not to be“, „Rendezvous nach Ladenschluss“ bekannt, so beruhte sein weltweiter Ruhm 1923 auf seinen in Deutschland gedrehten Monumentalfilmen, wie „Madame Dubarry“ oder „Das Weib des Pharao“, und den zahlreichen Stummfilm-Komödien. Dieser Erfolg führte Lubitsch 1922 als einen der ersten europäischen Regisseure nach Hollywood, wo er fortan und bis an sein Lebensende im Jahre 1947 arbeitete. Die Filmindustrie dort war erst kürzlich entstanden und wuchs in immensem Tempo zu dem größten Filmstandort der Welt, hatte aber bereits ein Image von Sex, Drugs and Rock `n` Roll. Da bot es sich natürlich an, dass Lubitsch in seine alte Heimat schrieb, was er denn hier in Hollywood tatsächlich vorfand. Frank Riede liest also für uns, was Lubitsch über die Stadt der Filmwunder im 8-Uhr-Abendbatt vom 5. April 1923 zu berichten wusste.
Ep 1200Über das Sammeln und Recyceln von Rohstoffen
Das Recycling von Rohstoffen wird heutzutage in unseren Breiten überwiegend aus ökologischen Gründen für geboten erachtet; in früheren Tagen war es hingegen in ungleich stärkerem Maße eine ökonomische Notwendigkeit. Insbesondere viele Metalle, aber selbst auch Papier blieben nach dem Ersten Weltkrieg lange Zeit Mangelware und ihre Wiederaufbereitung avancierte zu einem entsprechend florierenden Geschäftsmodell. Wie viele Arbeitsschritte dieser Prozess umfasste und wie viele Personen und ihre Familien mit ihrem Lebensunterhalt an diesem Prozess hingen, rollt der Vorwärts in seiner Ausgabe vom 4. April 1923 auf – und für uns Paula Rosa Leu.
Ep 1199Heinrich Mann geißelt das Primat der Wirtschaft
In den schwierigen Zeiten von Ruhrbesetzung, Inflation und beständigem Terror von Rechts publizierte das liberale Berliner Tageblatt eine Reihe zum Thema „Untergang oder Aufstieg“, in dem es um die Zukunftsaussichten Deutschlands ging. Seine Ansichten dazu gab auch der damals deutlich politischer agierende Bruder der Manns zu Protokoll: Heinrich Mann. Sein Essay „Ihr müsst nur wollen“ vom 3. April beschäftigt sich mit der geistigen Entwicklung Deutschland, die, seiner Meinung nach, zu sehr von wirtschaftlichen Prioritäten in Politik und Gesellschaft gehemmt wird. Eine Kritik an der auseinandergehenden Schere zwischen Arm und Reich wie auch an der Hoffnung auf einen trickle-down-Effekt durch die Schonung von großen Vermögen, macht seinen Text teilweise verblüffend aktuell. Frank Riede weiß, was wir nach Heinrich Mann wollen müssten.
Ep 1198Epilog eines Deutschen - Lyrik von Alfred Kerr
Wenn es noch eines Beweises bedurfte, dass die französisch-belgische Besetzung des Ruhgebietes alle Teile der deutschen Gesellschaft erschütterte, so liefert sie der Vorwärts in seiner Osterausgabe des Jahres 1923. Alfred Kerr, der große Breslauer und Berliner Theaterkritiker, ging hier gleich in doppelter Hinsicht fremd. Zum einen verließ er mit seinem ‘Epilog eines Deutschen‘ die heimischen redaktionellen Gefilde des Berliner Tageblattes, für das er zwischen 1919 und 1933 in Berlin ansonsten weitgehend exklusiv publizierte. Zum anderen präsentiert er sich uns hier auch nicht, wie gewohnt, als geistreicher Rezensent oder mit anderer kurzer, etwa Reise-Prosa, sondern als Lyriker! Seinen Zeitgenoss:innen war er freilich auch von dieser Seite durchaus bekannt; nicht umsonst enthält die in den 1990er Jahren bei S. Fischer erschienene Ausgabe seiner gesammelten Werken einen eigenen, mehrhundertseitigen Gedichtband. Es rezitiert Frank Riede.
Ep 1197Der “Blutige Karsamstag” 1923
Auch die Ostertage des Jahres 1923 standen ganz im Zeichen der Ruhrbesetzung, da am Ostersamstag, der auf den 31. März fiel, französische Soldaten ein Massaker an streikenden Arbeitern verübten, das in die Geschichte als „blutiger Karsamstag“ einging. Zwei Militärkommandos waren in Essen in ein Werk von Krupp eingedrungen, um LKWs zu beschlagnahmen. Da aber die meisten LKWs schon unterwegs waren, gelang dies nicht. Die Werksleitung ließ die Arbeit niederlegen und die Arbeiterschaft versammelte sich protestierend vor der Wagenhalle. Verhandlungen mit den Kommandos scheiterten und irgendwann schossen sich die Soldaten ohne Vorwarnung den Weg frei und töteten dabei 13 Menschen und verletzten unzählige mehr. Einen Monat später wurden übrigens die Werksleiter und auch Gustav Krupp von Bohlen und Halbach selbst von den Militärbehörden als Mitverantwortliche zu Haftstrafen verurteilt. Der Vorwärts tat in der Ausgabe vom 1. April seine Empörung kund, für uns gelesen von Paula Rosa Leu.
Ep 1196Oxford gegen Cambridge
Das Boat Race, die jährliche Ruderregatta zwischen den Universitäten Oxford und Cambridge auf der Themse, gehört zu den großen Klassikern der daran bekanntlich nicht armen britischen Sportkultur. Mit noch nicht einmal achtzig Jahren handelte es sich hierbei 1923 zwar um eine nach dortigen Maßstäben eher noch junge Tradition, welche es in London aber dennoch längst zu einem gesellschaftlichen Ereignis gebracht hatte. Das Drumherum ist dem Korrespondentenbericht aus dem Berliner Lokal-Anzeiger vom 31. März denn auch deutlich wichtiger als die kurzen Augenblicke, da man im Publikum die beiden Boote vorbeifliegen sah. In sportlicher Hinsicht sei hier zumindest nachgetragen, dass der Sieg Oxfords insofern bedeutsam war, als es sich dabei um den einzigen zwischen 1914 und 1936 handelte. Für uns dabei war Frank Riede.
Ep 1195Die Beisetzung von Sarah Bernhardt
Die größte Schauspielerin Ihrer Epoche, genannt die „goldene Stimme“ und die „Göttliche“, einer der ersten Weltstars überhaupt verstarb am 26. März 1923. 1844 in Paris als Marie Henriette Rosine Bernardt geboren, gelangte sie, vermittelt vom Liebhaber ihrer Mutter, dem Halbbruder von Napoleon III., zur Ausbildung an die Comédie-Française. Nach anfänglichen Schwierigkeiten gelang Sarah Bernhardt, wie sie sich mittlerweile nannte, 1868 der Durchbruch und eine beispiellose internationale Karriere begann, die sie ganz bewusst durch lange Gastspielreisen – wie etwa eine halbjährige Tournee durch 51 amerikanische Städte – befeuerte. Selbst als ihr wegen der Spätfolgen eines Bühnensturzes ein Bein amputiert worden war, trat sie bis ins hohe Alter auf den Bühnen der ganzen Welt auf. Nur in Deutschland gastierte sie, die sie Verletzte des Deutsch-Französischen Krieges 1870/71 gepflegt hatte, niemals. Ihre Beerdigung geriet zu einer Massen-Trauerkundgebung, von der für das Berliner Tageblatt am 30. März Paul Block und für uns heute Paula Rosa Leu berichtet.
Ep 1194Von kuriosen Osterbräuchen
Die Erfahrung, dass sich Feiertagsbräuche mit den Zeitläufen häufig ganz erheblich wandeln, haben wir hier im Podcast schon des Öfteren machen können. Dass dies wiederum nicht nur für die Zeit seit, sondern auch bis 1923 gilt, belegt unser heutiger Artikel aus dem Steglitzer Anzeiger vom 29. März selbigen Jahres, an dem das Osterfest damals bereits unmittelbar bevorstand. Sich massenhaft prügelnde Eheleute waren für die Feiertage seinerzeit genauso wenig zu erwarten, wie es in der Karwoche eine kostenlose Bewirtung aller Bedürftigen gegeben hatte. Beides, erfahren wir von Frank Riede, war in deutschen Landen, zumindest regional begrenzt, früher aber durchaus einmal gute Tradition.
Ep 1193Ohne Koks kein Eisen
Zu den Fragen, die die Presse seit Beginn der Besetzung des Ruhrgebiets durch französische und belgische Truppen durchgehend diskutierte, war diejenige nach den wirtschaftlichen Folgen für Frankreich. War es nicht so, dass durch den passiven Widerstand, der die Produktionsstätten lahmlegte, die französische Wirtschaft noch viel wenige Rohstoffe erreichten als vor der Besatzung? Hatte das Kalkül, die Reparationsforderungen mit militärischen Mitteln einzutreiben, nicht einen gegenteiligen Effekt? Am 28. März 1923 blickt die Berliner Morgenpost auf die Bedeutung der Kokereien. Die zu Koks verarbeitete Kohle war (und ist) unabdingbares Feuerungsmittel für die Hochöfen, in denen das Eisen gewonnen wurde. Mit den Arbeitsniederlegungen in den Kokereien des Ruhrgebiets, so zumindest die Behauptung des Zeitungsartikels, war die Eisenproduktion in Frankreich massiv gefährdet. Paula Rosa Leu liest für uns den Text, mit dem wir auch unser Wissen über die Geschichte und Bedeutung des Kokses auffrischen können.
Ep 1192Der Automat
Der Automat, aus dem, gegen Münzen, Getränke, Essbares, Bücher oder Kosmetika gewonnen werden konnten, waren noch während der Kaiserzeit sicherlich ein Symbol des Fortschritts, der mechanischen Beherrschung der Welt. Der Drehbuchautor und Journalist Friedrich Raff stellt in seinem Feuilleton aus der Vossischen Zeitung vom 27. März 1923 diese gleich mit den reibungslos und „automatisch“ marschierenden Soldaten der Kaiserlichen Heeres. Kein Wunder also, dass die Münzgeld-Automaten ihre Funktionsfähigkeit mit dem Einschnitt des Ersten Weltkriegs und der damit einher- und daraus hervorgehenden wirtschaftlichen Verwerfungen verloren. Somit wird es zu einer spannenden Frage, ob eine Wiederinbetriebnahme der Automaten eigentlich wünschenswert sei. Frank Riede stellt sie für uns.
Ep 1191Saisonauftakt auf der Trabrennbahn Karlshorst
Hoppegarten, Grunewald, Ruhleben, Mariendorf, Karlshorst – Berlin verfügte Anfang der 1920er Jahre über gleich fünf große Pferderennbahnen, zu denen von Frühjahr bis Herbst Wochenende für Wochenende die Massen strömten. Das Berliner Tageblatt vom 26. März 1923 bestätigt den Verdacht, dass es natürlich nicht nur Pferdeliebhaber waren, die dort die Tribünen füllten, sondern es vor allem auch die Freunde der Sportwetten hinaus nach den Hippodromen zog. Dass sich die Wetteinsätze mit dem neuen Jahr nominell drastisch erhöht hatten, war dabei freilich weniger auf eine verstärkte Risikobereitschaft der Anbieter oder der Kunden, denn einmal mehr auf die fortschreitende Geldentwertung in der Inflation zurückzuführen. Vom Saisonauftakt in Karlshorst berichtet für uns Paula Leu.
Ep 1190Bei den armen Fräuleins von Lichterfelde
Die immer schneller galoppierende Inflation des Jahres 1923, man kann es sich denken, fraß unersättlich nicht nur alle kleinen und mittleren Privatvermögen auf, sondern zehrte unbarmherzig auch das Kapital gemeinnütziger Stiftungen auf. Das sogenannte Rother-Stift – benannt nach einem gleichnamigen Minister unter König Friedrich Wilhelm III. – beherbergte seit 1840 unverheiratete Töchter preußischer Offiziere und Beamter und ermöglichte seinen Bewohnerinnen mittels einer kleinen Leibrente, auch ohne den damals üblichen ‘Ernährer‘, ein halbwegs sorgenfreies Leben. Damit war es nun vorbei, denn der kärgliche Zins, den das Stiftungskapital abwarf, reichte mittlerweile kaum mehr für eine Tasse Kaffee. Und zunehmend auch nicht mehr dafür, erfahren wir im Berliner Lokal-Anzeiger vom 25. März 1923, die Anlage im noblen Ortsteil Lichterfelde notdürftig in Schuss zu halten. Ein Bild von unerwarteter Armut hinter bürgerlicher Fassade macht sich für uns Paula Leu.
Ep 1189Hitler will nach Preußen marschieren
Vor zwei Tagen war an dieser Stelle von den Verhaftungen rund um den Freikorpsführer und Begründer Völkischer Parteien Gerhard Roßbach die Rede. Die Deutschvölkische Freiheitspartei, zu der er sich bekannte, wurde umgehend verboten und es liefen Ermittlungsverfahren gegen die Abgeordneten dieser Partei. Darauf reagierten führende Nationalsozialisten in München mit lautem Gepolter und Aggressionen, da ja die DVFP die nördlich von Bayern verbotene NSDAP „mit-repräsentierte“. Diese Drohungen wurden offensichtlich vom Innenminister Preußens sehr ernst genommen, weshalb er die Schutzpolizei in Alarmbereitschaft versetzen ließ, um einen Marsch Hitlers nach Preußen aufzuhalten, wie wir aus dem 8-Uhr-Abendblatt vom 24. März 1923 erfahren. War Adolf Hitler spätestens seit dem Triumph der italienischen Faschisten zu einer festen Größe der politischen Landschaft geworden, was sich in der Aufmerksamkeit seitens der Zeitungen niederschlägt – und damit auch in unserem Podcast –, so galt es offenkundig noch für die Berliner Presse über die Biographie Hitlers Auskunft zu geben, weshalb der heutige Artikel auch Informationen zu Hitlers Zeit vor seiner politischen Tätigkeit innerhalb der NSDAP versammelt. Es liest Frank Riede.
Ep 1188Wie der Fußgänger das deutsche Automobil behindert
Was dem Amerikaner das bedingungslose Recht auf seine Knarre, das ist dem Deutschen bekanntermaßen die Phobie vor jeder Art von Geschwindigkeitsbegrenzung im Automobilverkehr. Und das, entnehmen wir der B.Z. am Mittag, galt in Ansätzen auch schon vor einhundert Jahren. Druckt jene in ihrer Ausgabe vom 23. März 1923 doch einen ihr vermeintlich als Leserzuschrift eingegangen Text ab, der energisch auf dem Vorrecht des motorisierten Individualverkehrs auf dem Fahrdamm pocht und den größten Feind der Straßenverkehrsordnung klar ausgemacht hat: den Fußgänger. Angeblich soll es bis in die bundesdeutsche Gegenwart Bundesverkehrsminister gegeben haben, die das ähnlich sehen. In der Rolle des notorisch empörten Autobesitzers: Paula Leu.
Ep 1187Das Komplott der Deutschvölkischen
Die bekanntlich in Bayern entstandene NSDAP war in Norddeutschland vielerorts verboten, so auch in Preußen seit dem 11. November 1922. In der Folge bemühten sich völkische Kreise, einen norddeutschen Arm der Partei zu begründen, unter anderem Namen und offiziell von München unabhängig. Darin tat sich besonders der Freikorpsführer Gerhard Roßbach hervor, der zunächst die Großdeutsche Arbeiterpartei gründete, deren Parteiprogramm von der NASDAP zu weiten Teilen abgeschrieben war und die auch die Hakenkreuzarmbinden führte. Nachdem diese Partei als Tarnorganisation enttarnt worden und ebenfalls verboten war, wanderten Roßbach und die anderen Mitbegründer zur im Dezember 1922 als Abspaltung der DNVP entstandenen Deutschvölkischen Freiheitspartei über, die im März 1923 insgeheim mit der NSDAP eine Gebietsaufteilung absprach, die sie auch zu einer NSDAP Nord- und Mitteldeutschlands machte. Roßbach, der wegen der Organisation von militärischen Banden immer wieder mit dem Gesetz in Konflikt gekommen war, wurde am 17. März 1923 verhaftet. Ihm wurden Putschpläne und die Planung von Gewaltakten im Ruhrgebiet angelastet. Damit gerieten die Deutschvölkische Freiheitspartei und ihre Reichstagsabgeordneten ins Visier. Auch diese Partei wurde anschließend vom Preußischen Innenminister Carl Severing verboten - doch davon in zwei Tagen mehr. Den Bericht über die Verhaftung Roßbachs aus dem 8Uhr-Abendblatt vom 22. März liest für uns Frank Riede.
Ep 1186Herbert Ihering contra Alfred Kerr
Dass die beiden Dioskuren der Berliner Theaterkritik in den 1920er Jahren, Alfred Kerr und Herbert Ihering, nicht nur in inhaltlichen Fragen weit auseinanderlagen, sondern einander auch in ausgeprägter persönlicher Abneigung verbunden waren, ist ein offenes Geheimnis. Das teilen sie gewiss mit Kritikerkonkurrenten früherer und späterer Generationen. Dass die beiden im Frühjahr 1923 begannen, ihre Abneigungen in direkten Anschuldigungen und nicht mehr im Umweg über unterschiedliche Beurteilungen in ihren Theaterkritiken auszutragen, erscheint dennoch bemerkenswert. Alfred Kerr hatte Herbert Ihering wegen einer Preisverleihung offenbar der Kumpanei bezichtigt. Dieser wollte das nicht auf sich beruhen lassen, sondern grätschte in einer im Berliner Börsen-Courier vom 21. März veröffentlichten Erklärung offensiv zurück. Dessen Chefredakteur Emil Faktor wollte das seinem wichtigen Autor nicht verwehren, gibt in einer kurzen Vorrede aber sein Befremden über Art und Ton der Auseinandersetzung zu Protokoll. Es liest Frank Riede.
Ep 1185Die Flucht ins Irrenhaus
Während sich in dem berühmten Roman „Einer flog über das Kuckucksnest“ von Ken Kesey und der nicht minder berühmten Verfilmung von Miloš Forman ein Kleinkrimineller in eine Psychiatrischen Klinik vor der Strafverfolgung flüchtet, indem er vorgibt psychisch krank zu sein, flüchtet der österreichische Journalist Leo Lederer ins „Irrenhaus“, um der noch verrückteren Welt da draußen zu entgehen. In der Wiener Klink Steinhof sucht er Abstand von den Nachrichten rund um die Ruhrbesetzung, Börsenspekulationen und der Inflation. Was für Erfahrungen er für das Berliner Tageblatt vom 20. März 1923 festgehalten hat, ob ihm seine Flucht ins “Irrenhaus” gelungen ist und ob die „Irren“ wirklich die „Normalen“ sind, weiß Paula Leu.
Ep 1184Heimaturlaub in Wien
Der linke österreichische Schriftsteller Stefan Großmann war noch vor dem Ersten Weltkrieg mit seiner Familie nach Berlin übergesiedelt, wo er vielfach publizistisch tätig war und unter anderem seit 1920 gemeinsam mit dem Verleger Ernst Rowohlt die unabhängige, radikaldemokratische Wochenschrift Das Tage-Buch herausgab. Von Zeit zu Zeit überkam ihn aber, scheint’s, doch das Heimweh nach Wien, weshalb ihn keine Reisestrapazen und Grenzerschikanen im Frühjahr 1923 an einem Heimaturlaub hinderten, von dem er im 8-Uhr-Abendblatt vom 19. März Kunde gibt. Der Text enthält an einer Stelle heute ungebräuchliches, da rassistisch konnotiertes Vokabular, ansonsten aber sehr viel Ur-Wiener Kolorit und Schmäh. Paula Leu ist für uns an die Donau gereist.
Ep 11831848-1923: 75 Jahre Märzrevolution
Wenn man einmal von den Freien Städten mit ihren mitunter langen Traditionen bürgerlicher Selbstverwaltung absieht, wird der Beginn einer wirklichen deutschen Demokratiegeschichte zumeist erst, sehr spät, auf das Jahr 1848 und die sich mit diesem verbindende sogenannte Märzrevolution samt ihren Folgen taxiert. Kein Wunder also, dass die junge und so gefährdete erste deutsche Republik 75 Jahre später das nur halbrunde Jubiläum nicht überging, sondern in allen Zeitungen des demokratischen Spektrums an die Vorkämpfer für Freiheit und Parlamentarismus emphatisch und nicht ohne einen Bogen in die Gegenwart zu schlagen erinnerte. Im Berliner Tageblatt tat dies der große linksbürgerliche Leitartikler Ernst Feder. Und für uns folgt ihm darin Frank Riede.
Ep 1182Beobachtungen eines Neutralen im Ruhrgebiet
Vor fünf Tagen haben wir über die Eskalation der Gewalt im Ruhrgebiet nach dem Tod zweier französischer Offiziere berichtet. Die Berichterstattung in Frankreich und die in Deutschland zu diesen Vorfällen wichen diametral voneinander ab – natürlich unterstellte man sich gegenseitig eine propagandistische Verzerrung. Daher versuchte sich das Berliner Tageblatt am 17. März 1923 an einer Objektivierung und publizierte die Beobachtungen des schwedischen Journalisten Gösta Erlandson, die dieser im Ruhrgebiet gesammelt hatte. Frank Riede sagt uns, wie dieser die Situation vor Ort wahrgenommen hat.
Ep 1181Carl von Ossietzky über das Fernweh in Zeiten schwacher Valuta
Der große Nazi-Gegner und Friedensnobelpreisträger Carl von Ossietzky zählte bekanntermaßen von Beginn an zu den prägenden politischen Analysten der Weimarer Republik, und als solcher ist er regelmäßig bereits auch hier im Podcast in Erscheinung getreten – zuletzt erst vor knapp zwei Wochen mit seiner Einschätzung zur französischen Ruhrbesetzung und der Frage, wie weit der lagerübergreifende politische Schulterschluss in diesem Punkt gehen sollte. Etwas weniger bekannt ist, dass sich Ossietzky, nicht selten unter Pseudonym, zwischendurch aber immer wieder auch Ausflüge in leichtere journalistische Genres, etwa die Glosse, gestattete. So geschehen unter anderem am 16. März 1923 in der Berliner Volks-Zeitung, wo er unter der etablierten Maske Lucius Schierling über das Thema Fernweh in Zeiten schwacher Valuta sinnierte und zu einer interessanten Beschreibung eines Eingemauerten-Syndroms gelangte, das man mit den Tagen der frühen Weimarer Republik gar nicht unbedingt in Verbindung gebracht hätte. Es liest Paula Leu.
Ep 1180Wie ein Film ohne Drehgenehmigung entsteht
Wird heute eine Spielfilm außerhalb der Studios gedreht, so liegen Drehgenehmigungen für die Drehorte vor, und es gibt sogar eine rege Konkurrenz zwischen Regionen und Ländern, gute, also auch günstige, Drehbedingungen anzubieten. Es gibt eine klare Abgrenzung zu unabhängigen “Guerrilla-Filmen”, die ohne Genehmigung und damit am Rande der Legalität drehen. Die Dreharbeiten zum 1922/23 produzierten Abenteuer- und Reisefilm „Die Frau mit den Millionen“ der Schauspielerin und Produzentin Ellen Richter glichen selbst einem Abenteuerfilm, wie wir aus der Neuen Zeit vom 15. März 1923 erfahren. Der von Frank Riede gelesene Artikel beschreibt ein Katz und Maus-Spiel mit den Behörden von Konstantinopel, um an Land zu drehen, wenngleich noch nicht einmal die Erlaubnis vorlag, das Schiff zu verlassen. Auch auf der Rückreise über den Balkan, wurde bei jeder Gelegenheit gefilmt, was vor die Linse geriet, und man rekrutierte kurzerhand Statisten bei der lokalen Bevölkerung, die von dem Autor, oder der Autorin mit heutzutage nicht mehr üblichen, weil diskriminierenden Bezeichnungen tituliert werden.
Ep 1179Von einer tropischen Seereise
Unser heutiger Text ist zweifellos ein Grenzfall. Die Beobachtungen, die die Verfasserin Alice Schalek auf ihrer Schiffsreise mit dem Dampfer ‘Emil Kirdorf‘ durch den Indischen Ozean über Singapur nach Japan machte und am 14. März 1923 mit dem Publikum der B.Z. am Mittag teilte, triefen aus heutiger Sicht nur so vor rassistischen Vokabeln und Stereotypen. Solche Artikel deswegen aus dem Podcast auszuschließen, hieße aufgrund der omnipräsenten Verbreitung der entsprechenden Sichtweisen und der durch diese kontaminierten Sprache aber, den Blick auf außereuropäische Kulturräume und namentlich den globalen Süden aus seinem Spektrum quasi zu verbannen. Wir haben uns deshalb dafür entschieden, den atmosphärisch gleichwohl ungemein dichten Reisebericht aus den Tropen trotz aller Vorbehalte zu senden. Die Autorin hatte zur damaligen Zeit bereits einen recht prominenten Namen als Kriegsberichterstatterin. Später liebäugelte sie zwischendurch mit dem Kommunismus und emigrierte nach dem sogenannten ‘Anschluss‘ Österreichs als Jüdin und prominente Nazi-Gegnerin 1939 schließlich in die USA, wo sie 1956 verstarb. Es liest Paula Leu.
Ep 1178Eine neue Zeitungsrubrik: Schallplattenkritik
Neue Medien verändern bekanntlich nicht nur die Welt, sondern, gelegentlich etwas verzögert, auch die der Tageszeitungen. Die Schallplatte war zwar bereits tief im 19. Jahrhundert entwickelt worden, aber bis hinlänglich Menschen ein Abspielgerät besaßen, um eine boomende Schallplattenindustrie entstehen zu lassen, und diese wiederum so viele Produkte so regelmäßig auf den Markt warf, dass es lohnte, die Neuerscheinungen in einer eigenen Rubrik zu besprechen, vergingen noch etliche Jahre. Als die Deutsche Allgemeine Zeitung 1923 diesen Schritt wagte, konnte sie zumindest in der Berliner Presselandschaft diesbezüglich noch als Vorreiterin gelten. In die erste Folge ihrer Phonokritik vom 13. März hat für uns Frank Riede hineingehört.
Ep 1177Die toten Offiziere in Buer
Dass das von französischen und belgischen Truppen besetzte Ruhrgebiet einem Pulverfass glich, in dem es jeder Zeit zu Gewalteskalationen kommen konnte, war jedem bewusst und führte auch zu den nachdrücklichen und wiederholten Aufrufen zu passivem Widerstand seitens der Berliner Regierung. Neben dem provokanten und willkürlichen Handeln des einmarschierten Militärs auf der einen Seite, sorgten rechtsradikale und teilweise auch kommunistische Sabotage- und Kampftrupps, die Infrastruktur zerstörten und Anschläge auf dieses Militär verübten, für eine Spirale aus Gewalt und Gegengewalt. Uns ist es nicht gelungen herauszufinden, ob die zwei französischen Offiziere, die am 11. März 1923 in Buer, heute ein Stadtteil von Gelsenkirchen, wirklich von einem bewaffneten Widerstand getötet wurden. Jedenfalls folgten Racheakte und Repressalien des französischen Militärs und die Lage spitzte sich immer weiter zu. Die Berliner Volkszeitung vom 12. März zeigt sich empört darüber, dass das Verbrechen nicht erst aufgeklärt wird, und automatisch Deutsche als Täter angenommen werden. Frank Riede liest.
Ep 1176Egon Friedell am Wiener Burgtheater
Als Theaterkritiker hat es der großartige Egon Friedell vor längerer Zeit schon einmal in unseren Podcast geschafft. Darüber hinaus war der vielseitige Wiener Autor, neben diversen anderen Betätigungen, unter anderem aber auch selbst als Dramatiker aktiv, und als solcher debütiert er heute hier bei Auf den Tag genau. Seine „Judastragödie“ war bereits 1916 entstanden, gelangte jedoch erst 1923 auf die Bühne des Burgtheaters und wurde am 11. März im Berliner Börsen-Courier von einer anderen Zentralgestalt des Wiener Theaterlebens jener Jahre, Oskar Maurus Fontana, besprochen. Man mag aus Fontanas Rezension durchaus einige Sympathie und sogar Wertschätzung für Friedell herauslesen – unkritisch ist sie aber beileibe nicht ... Es liest Frank Riede.
Ep 1175Besuch in Breslau
Die Neigung, neben sich auch andere deutsche Städte irgendwie ernst zu nehmen, dürfte im Berlin der 1920er Jahre noch weniger ausgeprägt gewesen sein als heutzutage. Dass zu den seltenen Ausnahmen gelegentlich das nicht allzu ferne Breslau zählte, könnte nicht zuletzt mit der schlesischen Herkunft nicht weniger Hauptstädterinnen und Hauptstädter zusammengehangen haben. So widmete denn auch die der Vossischen Zeitung allsamstäglich beiliegende Ausland-Ausgabe Voss der Hauptstadt Schlesiens am 10. März 1923 mal wieder einen Besuch und attestiert ihr, nicht ganz frei von großstädtischer Arroganz, durchaus gewisse Fortschritte in Sachen Flair und Modernität. Paula Leu ist für uns in das heutige Wroclaw mitgefahren.
Ep 1174Walther-Rathenau-Straße
Während in Berlin der Streit um eine Sperrung und Öffnung und erneute Sperrung der Friedrichstraße für den Autoverkehr für Tumulte im Berliner Senat sorgt, stritten die politischen Vertreter vor 100 Jahren über Umbenennungen von Straßennamen. Die Opfer rechter Gewalt sollten im Stadtbild sichtbar werden. Die äußerste Linke wollte Karl Liebknecht und Rosa Luxemburg im Straßenverzeichnis, die SPD und die liberale Mitte wollten die prominenten Attentatsopfer der letzten zwei Jahre Walther Rathenau und Matthias Erzberger als Namenspatrone sehen. Offensichtlich sorgte das für große Emotionen und wechselnde Koalitionen, die einen schnell den Überblick verlieren lassen. In die turbulenten Szenen des Berliner Abgeordnetenhauses führt uns zusammen mit dem Berliner Tageblatt vom 9. März 1923 Frank Riede.
Ep 1173Hybride Kriegsführung zwischen Eiffelturm und Eberswalde
Dass Kriege immer auch durch den Einsatz – und die Sabotage – modernster Nachrichtentechnik geprägt sind, wissen wir nicht erst seit Elon Musk, seinem Satellitennetzwerk Starlink und dessen Bedeutung für den ukrainischen Abwehrkampf. Auch etwa schon die französisch-belgische Ruhrbesetzung vor einhundert Jahren war zumindest am Rande eine Auseinandersetzung um High-Tech-Kompetenzen, und diese ‘hybride Kriegsführung‘ betraf seinerzeit ganz besonders die drahtlose Telephonie. So konnten internationale Empfängerinnen und Empfänger zwar uneingeschränkt deutsche Unterhaltungs- und Kulturprogramme empfangen, andere Inhalte wurden zumindest auf ihrem Weg nach Westen indes nachhaltig von französischer Stelle aus gestört. Über den ungleich klingenden (und wohl auch ungleich klingen sollenden) Kampf zwischen Eiffelturm und Eberswalde berichtet am 8. März 1923 ausführlich das 12-Uhr-Blatt – und für uns Paula Leu.
Ep 1172Kokolores
Der Begriff Kokolores, der Geschwätz, Unsinn und lautes wichtigtuerisches aber bedeutungsloses Gehabe bezeichnet, leitet sich laut dem Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache von einer Nachahmung des Hahnenschreis ab, tauchte dann im Schwäbischen auch auf als „Gockelarus“ für „Narr“. Eine andere populäre Etymologie aber besagt, es leite sich ab vom sinnlosen aber hervorsprudelnden Redefluss der Kokainsüchtigen. Dieser unwahrscheinlichere Strang führt uns zur Überschrift des heute von Frank Riede verlesenen Artikels. Das Berliner Tageblatt gibt in ihrer Ausgabe vom 7. März 1923 Dr. Mamlock eine Spalte, in der er über die Ausbreitung des Kokainismus und des Morphinismus berichtet.
Ep 1171Krimifilme als Lehrfilme für Novizen der Kriminalität?
Jedes neue Medium wird auch erst einmal mit Ängsten empfangen. Schriftrollen befördern das Vergessen, sogenannte Schundromane verderben die Jugend und sogenannte Baller-Computerspiele führen zu realer Gewalt. Auch das Kino stand unter dem Verdacht, eine Art Anleitung zu Verbrechen zu liefern. In der Berliner Volks-Zeitung vom 6. März 1923 finden wir den Bericht über zwei Vorträge über den Stummfilm der Zeit, von denen einer sich dem Thema Film und Kriminalität widmet. Paula Leu klärt uns darüber auf, dass sich das Kino vom Theater und der Literatur emanzipieren sollte, und darüber wie gefährlich Kriminalfilme für die Gesellschaft sind.
Ep 1170Öffnung von Tutanchamuns Sargkammer
Am 4. November 1922 entdeckte der Ägyptologe Howard Carter im Tal der Könige die nahezu unversehrten Grabkammern des Tutanchamun. Dieses archäologische Ereignis entfaltete in den Folgejahren eine enorme mediale Wirkmächtigkeit, inklusive der berühmten Geschichte vom „Fluch des Pharao“. Am 16. Februar 1923 wurde ein Loch in die Mauer zwischen der Vorkammer und der eigentlichen Sargkammer geschlagen und der vergoldete Holzschrein Tutanchamuns kam zum Vorschein. Die Berichte der annähernd 20 Augenzeugen verbreiteten sich durch die Welt und erreichten am 5. März die Berliner Volks-Zeitung. Paula Leu lässt uns an diesen sensationellen Neuigkeiten für ein Ägypten-begeistertes Publikum teilhaben.
Ep 1169Carl von Ossietzky zur Lage der Nation
So tief gespalten und feindselig sich die politischen Lager im Deutschland des Jahres 1923 gegenüberstanden – in einer einzigen Einschätzung herrschte von den Kommunisten bis zum völkischen Lager Einigkeit, und zwar hinsichtlich der eklatanten Unrechtmäßigkeit des französischen Einmarsches im Ruhrgebiet. Auch in linken Kreisen war die Empörung diesbezüglich einmütig. Selbst ein in der Wolle gefärbter Internationalist wie Carl von Ossietzky äußerte sich entsprechend deutlich. Sein nachfolgend für uns von Frank Riede gelesener Kommentar aus der Berliner Volks-Zeitung vom 4. März 1923 lässt dessen ungeachtet keinen Zweifel daran, dass er den langfristig gefährlicheren Feind der Republik in den eigenen, deutschen Reihen erblickt. Bei aller politischen Weitsicht, die sich hierin offenbart, sollte freilich auch er die Gefahr der Nationalsozialisten dramatisch unterschätzen.
Ep 1168Mit Klabund auf einem Ball im armen Norden Berlins
Seinen bürgerlichen Namen Alfred Henschke kennt heute niemand mehr, wohl aber das Pseudonym, hinter dem sich eine der schillerndsten Figuren der Literaturszene in der Weimarer Republik verbarg: Klabund. 1890 in Crossen an der Oder geboren, erschienen unter diesem Namen bis zu seinem frühen Tod 1928 in einem der berühmten Lungensanatorien von Davos 25 Dramen, 14 Romane, etliche Nachdichtungen aus ostasiatischen und orientalischen Sprachen sowie ungezählte Gedichte, nicht selten erotischen Inhalts. Tatsächlich war Klabund selbst berühmt auch für sein vermeintlich turbulentes Liebesleben innerhalb und außerhalb seiner zwei Ehen und verkehrte überdies freundschaftlich mit etlichen kulturellen Größen seiner Zeit. Für das 8-Uhr-Abendblatt vom 3. März 1923 begab sich er sich auf einen Ball im armen Norden der Stadt, an dessen ausgelassener Atmosphäre und dessen amourösen Nachwehen uns Frank Riede teilhaben lässt.
Ep 1167Hinter den Kulissen des Sechstagerennens
Wenn es heute noch Leute gibt, die wissen, wer Ernst Werner war, so verdankt sich dies wohl zuvorderst Sammy Drechsel und seinem berühmten, 1955 erschienenen Fußball-Jugend-Roman Elf Freunde müsst ihr sein, an dessen Ende der Held des Buches, Drechsels Alter Ego Heini Kamke, einen Ausbildungsplatz bei dem von ihm bewunderten Redakteur der Fußballwoche antritt. Was das Buch nicht thematisiert, ist E.W.s – wie er sich abkürzte – ausgeprägter Antisemitismus, der sich in vielen seiner Sportreportagen dokumentierte, und das bereits lange vor 1933. Der vorliegende Artikel über das die Stadt elektrisierende Berliner Sechstagerennen 1923 vom 2. März ist zum Glück frei davon und präsentiert sich als neuer, moderner Sportjournalismus, der sich, statt sich mit Eins-zu-Null-Berichterstattung zu begnügen, nach dem Rennen in die Umkleiden der Sportler begibt und diese dem interessierten Publikum in seinerzeit noch höchst ungewöhnlichen, fast interviewartigen Sequenzen nahebringt. Trendsetter dieser Entwicklung war in Berlin neben der B.Z. am Mittag vor allem das aus der Neuen Berliner Zeitung hervorgegangene 12 Uhr Blatt, das damit heute sein Debüt bei Auf den Tag genau gibt. Schon sehr viel länger, nämlich seit unseren Anfängen dabei ist: Paula Leu.
Ep 1166Max Brod, das Mädchen und die Kosaken
Zum Ende seines Lebens, in den 1960er Jahren, wurde der Schriftsteller und Publizist Max Brod immer wieder zu seinen Erinnerungen an seinen Freund Franz Kafka befragt, für dessen posthumen Weltruhm er als Herausgeber und als derjenige, der sich dem letzten Willen von Kafka widersetzte und das unveröffentlichte Werk nicht vernichtete, maßgeblich verantwortlich zeichnet. Anfang der 20er wird er noch regelmäßig mit Franz Kafka durch Prag spaziert sein, vielleicht auch am imposanten Pulverturm vorbei, an dem eine Kindheitserinnerung von Brod spielt, die er am 1. März 1923 im Berliner Börsen-Courier publizierte. Diese spielt wohl in den 90er Jahren des 19. Jahrhunderts und hat neben den Gouvernanten, die Max und seinen Bruder Otto beaufsichtigten, eine Reihe von Gemälden zum Gegenstand, in die sich die Kinder immer wieder vertiefen. Frank Riede treibt sich mit ihnen am Pulverturm herum.
Ep 1165Die Schokoladen-Währung
Die Inflation, die Anfang der Zwanziger Jahre herrschte, beschäftige bei weitem nicht nur die Wirtschaftsseiten der Zeitungen. Wir könnten für diesen Podcast beinahe täglich einen Artikel über die Preissteigerungen, den Wertverlust und die damit einhergehenden sozialen Probleme vertonen. Wir tun es hingegen nur ab und an, und wenn uns ein Artikel ins Netz geht, der das Thema auf besondere Weise anpackt. Wie etwa ein Text aus der Berliner Morgenpost vom 28. Februar 1923, in dem ein uns unbekannter Autor über die Einführungen und die Spekulation mit Schokoladen-Währung nachdenkt. Für uns notiert Paula Leu die Aktienkurse der Schokoladentafeln.
Ep 1164Ein Flüchtlingsheim in Rummelsburg
Das Berlin in den sogenannten Goldenen Zwanzigern hat man sich als Stadt der großen Widersprüche vorzustellen. Der Glanz und Glamour der Vergnügungsviertel vor allem im reichen Westen kontrastierte mit einer heute kaum mehr vorstellbaren Armut, unter der weite Teile der städtischen Bevölkerung litt und die sich mit Lebensstandards verband, die heute in unseren Breiten zum Glück kaum mehr vorstellbar sind. Noch schlimmer als in den alteingesessenen proletarischen Wohnquartieren sah es dabei in den Flüchtlingsunterkünften aus, die aus dem Boden gestampft wurden, um etlichen durch Krieg und Grenzverschiebung heimatlos Gewordenen ein temporäres Dach über dem Kopf zu verschaffen. Die Berliner Volks-Zeitung begab sich am 27. Februar 1923 nach Rummelsburg und suchte dort eine ebensolche Einrichtung auf. Für uns an ihre Fersen geheftet hat sich Frank Riede.
Ep 1163Der Sparherd
Schon vor 100 Jahren war man auf der Suche nach innovativen Ideen und cleveren Lifehacks, um Energie zu sparen. Damals weniger, um die Umwelt zu schonen, als vielmehr, um die immensen Kosten für Kohle, Koks und co. zu reduzieren. Dabei machte ein vermeintlicher Sparherd die Runde, über den im Vorwärts vom 26. Februar 1923 ein Autor unter dem Pseudonym „Tehateha“ in einer humorvollen Glosse schrieb. Ob diese Erfindung nun Segen oder ein Quell für Vergiftungen war, weiß Paul Leu.
Ep 1162Wann soll die Frau heiraten?
Dass viele der Zeitungstexte dieses Podcasts implizit ein aus heutiger Sicht problematisches Frauenbild transportieren oder als gegeben hinnehmen, dürfte niemandem entgangen sein. Heute hören wir einen ganz explizit dieses Frauenbild bestärkenden Text. Die Neue Zeit druckte am 25. Februar 1923 einen Ausschnitt des Buches „Mit 20 Jahren heiraten“ eines gewissen Dr. Maybach ab, der darüber nachdenkt, wann Frauen heiraten sollten, wann sie bestenfalls ihre Fähigkeiten im Haushalt erwerben sollten und über ähnliche Fragen. Dieses Dokument aus der Zeit, in der das Hauptziel der Frau noch darin bestand, unter die Haube zu kommen, liest für uns Paula Leu.
Ep 1161Auf Schlittschuhen nach Rügen
Wenn man täglich in alten Zeitungen kramt, macht man so manche überraschende Entdeckung. Andere Informationen hingegen sind sehr erwartbar, und dazu zählt nach gut drei Jahren Auf den Tag genau, wenig überraschend, die bestätigte Erkenntnis, dass die Winter in unseren Breiten vor einhundert Jahren deutlich kälter waren als heutzutage. Dass die Ostsee so weit zufror, dass man vom Festland über den Greifswalder Bodden nach der Insel Rügen auf Kufen übersetzen konnte, passierte freilich auch nicht alle Jahre – und selbst wenn es geschah, war höchste Vorsicht geboten. Autor Karl Fischer und fünf Kommilitonen, erfahren wir aus der Berliner Morgenpost vom 24. Februar 1923, waren so vorsichtig nicht. Ob ihr Trip dennoch gut ausging, weiß Frank Riede.
Ep 1160Operette goes China
Franz Lehars Operette Das Land des Lächelns zählt bis heute zu den prominentesten Stücken dieses Genres. Der große Erfolg des bei seiner Uraufführung 1923 in Wien noch unter dem Namen Die gelbe Jacke firmierenden Opus dürfte dabei zu einem nicht unerheblichen Teil in seinem kunstvoll zelebrierten Exotismus begründet liegen, der das europäische Publikum hier in ein märchenhaft-klischeehaftes, wiewohl zeitgenössisches China entführte. Die Glosse, die Autor Arnold Höllriegel am 23. Februar 1923 im Berliner Tageblatt dazu verfasste, ist in zweierlei Hinsicht bemerkenswert. Zum einen sticht hervor, wie prägnant Höllriegel die kolonialistischen Stereotypen damals schon benannte und kritisierte, die hier ventiliert wurden. Zum anderen wird paradoxerweise aber auch deutlich, dass Höllriegel zur Beschreibung dessen keine Sprache zur Verfügung stand, die in unseren Ohren nicht ihrerseits wieder in vielen Punkten zutiefst rassistisch klingt. Es liest Frank Riede.
Ep 1159Gabriele Tergit: Der Lulutyp
Die 1895 veröffentlichte und drei Jahre später uraufgeführte Tragödie „Erdgeist“ von Frank Wedekind, in der die junge Frau Lulu gleich mehrere bürgerliche Herren in den Ruin und in den Tod treibt, zeigte sich als besonders wirkmächtig und Lulu wurde zur Bezeichnung für den Frauentypus der selbstbewussten und durchsetzungsfähigen Femme fatale. Das Werk diente als Vorlage für zahlreiche Übertragungen in andere Kunstformen – so auch in den Stummfilm. Am 22. Februar feierte der Film „Erdgeist“ von Leopold Jessner mit Asta Nielsen als Lulu Premiere und brachte so den „Lulu-Typus“ erneut in die gesellschaftliche Debatte, wo ihn die Publizistin Gabriele Tergit aufgriff und darüber nachdachte, ob es diesen Typ nicht schon immer gab und ob er nun erstrebenswert sei oder nicht. Erschienen sind ihre Überlegungen im Berliner Tageblatt pünktlich zur Premiere des Stummfilms und vertont hat sie für uns Paula Leu.
Ep 1158Norddeutschland vor der Versteppung
Manche Schreckensszenarien sind älter, als man so denkt. Oder hätte irgendjemand gedacht, dass der Teufel von einer alsbaldigen Versteppung Norddeutschlands bereits vor einhundert Jahren an die Wand Berliner Tageszeitungen gemalt wurde? Die Gründe, die die dem Vorwärts allmittwöchlich beiliegende Heimwelt vom 21. Februar 1923 für ihre diesbezügliche Besorgnis ins Feld führt, unterscheiden sich zugegeben im Detail merklich von den heutigen Klimawandelanalysen. Manche Warnungen, etwa vor einer hemmungslosen Rodung der Wälder oder der gedankenlosen Begradigung von Flüssen, muten aber erschreckend vertraut an. Den Blick über die Stadtgrenzen hinaus ins dürre Land, das der Autor seinerzeit schon in einhundert Jahren Realität werden zu können prognostizierte, wagt für uns Frank Riede.