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Auf den Tag genau

Auf den Tag genau

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Ep 1257Ein Ausflug nach Schloss Paretz

Die jung verstorbene preußische Königin Luise, gebürtig aus dem Hause Mecklenburg-Strelitz, Ehefrau von Friedrich Wilhelm III. und als solche u.a. Mutter des späteren Kaisers Wilhelms I., wurde bereits zu Lebzeiten auf in der preußischen Geschichte einzigartige Weise verehrt und nach ihrem Tod geradezu mythisch verklärt. Anno 1923 lag ihr Ableben schon weit mehr als ein Jahrhundert zurück, dennoch wirkt der sogenannte ‘Luisenkult‘ auch noch in dem kleinen, leicht-frühsommerlichen Text nach, den Marie von Bunsen für das Berliner Tageblatt vom 31. Mai auf einem Ausflug nach Schloss Paretz verfasst hat. Eher als schlichtes Landhaus denn als prunkvolle Residenz von Friedrich Wilhelm in Auftrag gegeben, wurde dieses von ihm nach dem Tod Luises 1810 kaum mehr aufgesucht und von seinen Nachkommen in Angedenken an die Eltern in keiner Weise verändert, so dass der Trip ins beschauliche Havelland, vor einhundert Jahren wie heute, in mancherlei Hinsicht eine Zeitreise darstellte. Angetreten wird sie für uns von Paula Rosa Leu.

May 31, 20236 min

Ep 1256Hitler inszeniert seine Auftritte

Die Begeisterung Hitlers für die Oper und insbesondere für das Werk Richard Wagners ist allseits bekannt. Auch wurde bereits oft festgestellt, wie sehr Hitler seine Auftritte inszenierte und dabei auch seine Erfahrungen aus den Opernhäusern einflossen. Wurde jedoch schon 1923 dieser Aspekt des „Theatralen“ von den Journalisten, die die Veranstaltungen der NSDAP in Bierkellern und Brauhäusern besuchten, beobachtet? Erkannten sie, wie mit den Erwartungshaltungen des Publikums gespielt wurde und wie diese in die Inszenierung integriert wurden? Mit unserem heutigen Artikel aus dem 12-Uhr-Blatt vom 30. Mai, der einen Korrespondentenbericht eines Wiener Journalisten abdruckt, können wir diese Fragen mit „Ja“ beantworten. Er betrachtet einen Abend im Hofbrauhaus vor der Folie einer Theateraufführung – kommt aber zu einer verharmlosenden Erkenntnis, wenn es darum geht, was für ein Genre denn eigentlich gespielt wird. In den wörtlichen Zitaten aus Hitlers Rede finden sich rassistische Beleidigungen, die wir dem Text getreu wiedergeben, uns aber von diesen, wie auch der Verfasser des Artikels selbst und Frank Riede, der diesen für uns liest, schärfstens distanzieren.

May 30, 202310 min

Ep 1255Ein japanisches Restaurant in Berlin!

Wie tiefgreifend sich unser Essverhalten im Laufe der letzten beiden Generationen verändert und namentlich das Restaurantangebot internationalisiert hat, wird schlagend deutlich, wenn man sich vor Augen führt, dass das angeblich älteste italienische Restaurant Berlins, das Portofino auf der Kantstraße, gerade einmal seit dem Jahr 1964 besteht. Ob die 1920er Jahren im Bereich Pizza und Pasta bereits Vorgängereinrichtungen kannten, entzieht sich bis auf weiteres unserer Kenntnis. Was wir hingegen mit einem Artikel aus der B.Z. am Mittag vom 29. Mai 1923 definitiv belegen können, ist die Existenz eines japanischen Restaurants in der Neuen Winterfeldtstraße in Schöneberg! Sich dem Vernehmen nach eher an Expats richtend und entsprechend hinter einer grauen Berliner Fassade versteckend, fand Autor Christian Bouchholtz dennoch hin und erlebte eine faszinierende kulinarische und kulturelle Weltreise. Für uns auf großer gastro-historischer Tour: Frank Riede.

May 29, 202312 min

Ep 1254Kugelsichere Westen für die Berliner Kripo

Tombstone. Westernmythos. Das “shoot-out” am OK Coral vom Oktober 1881, bei dem in 30 Sekunden 30 Schüsse fielen, produzierte eine Menge Wunden. Der Arzt George Goodfellow behandelte diese und es fiel ihm auf, dass Seiden-Taschentücher und -Halstücher nicht von den Kugeln penetriert wurden. Aus einer ähnlichen Erkenntnis heraus produzierte der polnische Immigrant in den USA Casimir Zeglen in Chicago eine Schutzweste aus Seidenfasern und schuf damit den Vorläufer unserer heutigen kugelsicheren Westen, die nun auch Langwaffenmunition abhält. Irgendwo dazwischen steht die Anschaffung der ersten Panzerwesten durch die Berliner Kriminalpolizei im Jahre 1923, von der der Vorwärts am 28. Mai berichtet. Paula Rosa Leu führt uns ein in die neuesten technischen Entwicklungen bei der Polizei.

May 28, 20235 min

Ep 1253Das Leithammel-Motiv

Eine der wohl zeitlosen Regeln des Film- und man muss wohl auch sagen: des Fernsehbetriebes besteht darin, dass finanziell Erfolgreiches so lange wie nur möglich reproduziert und kopiert wird wie es nur geht. Es ist diese Regel, die Formate rund um die Welt wandern lässt und uns die gefühlt 1000ste Comic-Superheldenverfilmung aus Hollywood beschert. Der Autor des heutigen Artikels aus der Berliner Börsen-Zeitung vom 27. Mai 1923, der Regisseur Paul Ludwig Stein nennt diese Regel „Leithammel-Motiv“ und macht sich über sie lustig. Frank Riede liest.

May 27, 20236 min

Ep 1252Guided Tour ins verruchte Berlin

Der Tourismus zählt längst zu den wichtigsten Einnahmequellen Berlins, und gerade hier an der Spree sind es nicht in erster Linie die klassischen Bildungsreisenden, die in die Stadt strömen. Entsprechend diversifiziert haben sich mittlerweile auch die Angebote an Guided Tours, die nicht länger nur Paläste, Kirchen und Museen im Sortiment haben, sondern die Fremden wahlweise auch die gruseligen oder verruchten Seiten der Großstadt näherzubringen verheißen. Dass auch diese Programme, mal wieder, keine ganz neue Erfindung sind, entnehmen wir der B.Z. am Mittag vom 26. Mai 1923, in der Egon Jacobsohn der Versuchung nachgibt, sich durch das ‘dunkle Berlin‘ führen zu lassen. Um am Ende, so will es scheinen, statt dem Laster zu frönen freilich doch nur in eine klassische Touristenfalle getappt zu sein. . Immerhin, eine Heizdecke hat er sich nicht aufschwatzen lassen. Begleitet hat ihn bei diesem Nepp Paula Rosa Leu.

May 26, 202311 min

Ep 1251Deutschland und das russische Erdöl

Die russische Invasion in die Ukraine hat uns schlagartig die ganze Komplexität der Versorgung Deutschlands mit Rohstoffen aufgezeigt. Ganz offen liegt die Frage zutage, wie wir es beim Rohstoffhandel mit autoritären Regimes handhaben wollen. Bilder vom sich in Katar verbeugenden Robert Habeck machen die Runde. In den 70ern soll Bundeskanzler Helmut Schmidt, als die Gasimporte aus Russland verdoppelt wurden, den US-Präsidenten Carter mit der Aussage schockiert haben: „Wer Handel miteinander treibt, schießt nicht aufeinander.” Und schon von hundert Jahren stellte sich die Frage: Soll Deutschland sich von Russland mit Erdöl beliefern lassen? Thematisiert finden wir dies im Berliner Börsen-Courier vom 25. Mai 1923. Der Autor spricht sich hier für den Einkauf russischer Rohstoffe aus, Frank Riede liefert für uns seine Argumentation.

May 25, 20239 min

Ep 1250Berlins Bücherschrank

Wenn die Menschen in Deutschland 1923 in die eigene Zukunft blicken wollten, schauten sie vermehrt nach Amerika, dem Land der Wolkenkratzer, Ford-Werke, des Fortschritts. Selbst in der Volksbildung brillierten in den Augen vieler die Vereinigten Staaten. So wurden die öffentlichen Bibliotheken der großen Städte für ihren Umfang und die Geschwindigkeit der Bereitstellung von Büchern gelobt. Nun erhob aber ein gewisser Dr. J. L. in der Vossischen Zeitung vom 24. Mai Einspruch gegen das „Schlechtmachen“ der eigenen Institutionen – und führte die Berliner Stadtbibliothek ins Feld. Trotz Ihrer Beschränkungen durch Inflation und Wirtschaftskrise könne sie sich sehen lassen. Paula Rosa Leu liest für uns das Lob von Berlins Bücherschrank, mit dem wir auch einen Gruß an die Zentral- und Landesbibliothek Berlin senden, mit der wir im Herbst 2022 über Monate eine sehr schöne Kooperation hatten.

May 24, 202312 min

Ep 1249Mit der Cap Polonio nach Feuerland

In Zeiten, da die zivile Luftfahrt eher noch ein Pionierprojekt darstellte, war die Schifffahrt die einzige Möglichkeit, auch in die entlegensten Weltgegenden zu reisen. Zu den deutschen Passagierschiffen, denen diesbezüglich keine geographischen Grenzen gesetzt waren, zählte, wie wir im Berliner Tageblatt vom 23. Mai 1923 erfahren, die 1914 in Hamburg vom Stapel gelaufene Cap Polonio. Das zurückliegende Winterhalbjahr hatte sie an der Südspitze Südamerikas verbracht und mehrfach eine Passage von Buenos Aires über Kap Hoorn auf die chilenische Pazifikseite bedient. Jetzt war sie wieder zurück in Hamburg und mit ihr der Reisebericht von Elise von Hopffgarten. Die Cap Polonio befuhr übrigens nur bis 1935 die Weltmeere; dann wurde sie auf der Lloyd Werft im heutigen Bremerhaven abgewrackt. Wer ihren seinerzeit berühmten Erste-Klasse-Speisesaal heute noch sehen (und auch dort essen möchte), kann indes nordwestlich von Hamburg nach Pinneberg fahren, wohin jener einst mit 65 Wagenladungen hin verfrachtet und im „Hotel Cap Polonio“ wieder eingebaut wurde. Frank Riede hat ihn für uns noch am Originalort besichtigt.

May 23, 20239 min

Ep 1248Ein Ausflug an den Bodensee

Wer regelmäßig Auf den Tag genau hört, weiß: Reiseartikel waren in den Tageszeitungen der 1920er Jahre und sind deshalb auch hier im Podcast schwer en vogue. Ob zu Wasser, zu Lande oder in der Luft zog es die privilegierten Autorinnen und Autoren dabei genauso in ferne, dem Normalsterblichen damals weithin unzugängliche Weltgegenden, wie sie natürlich auch aus allen Ecken der deutschen Landen berichteten, wobei diese verschiedenen Ecken es, wenig überraschend, sehr unterschiedlich häufig in die Berliner Presse schafften: Das brandenburgische Umland war naturgemäß ähnlich ‘überrepräsentiert‘ wie auch die nahe Ostseeküste. Ähnlich regelmäßig stößt man auf Ausflüge ins Riesengebirge sowie vor allem in die bayerischen Alpen, und auch einige Nordseeinseln und die prominenten deutschen Kurbäder erfreuten sich anhaltender Popularität bei den Hauptstadtjournalist*innen. Ungleich weniger Beachtung erfuhr dagegen der von Berlin aus ziemlich ferne Südwesten des Landes, weshalb wir nicht widerstehen konnten, heute mit Max Krell und dem Berliner Tageblatt vom 22. Mai 1923 an den Bodensee zu reisen. Unsere Guide dabei ist Paula Rosa Leu.

May 22, 20236 min

Ep 1247Fritz Mauthner: Die starke Sehnsucht

Am 29. Juni 1923 verstarb der Philosoph, Schriftsteller und Publizist Fritz Mauthner im Alter von 73 Jahren. Geboren in Böhmen, wuchs er in Prag auf, wo er Rechtswissenschaften studierte, dieses Studium aber abbrach. Nach ersten Essays, sprachphilosophischen Überlegungen, Erzählungen und Theaterstücken ging er 1876 nach Berlin und arbeitete für das Berliner Tageblatt. Neben Romanen verfasste er immer wieder beißende Satiren, auch auf den journalistischen Betrieb. Den heutigen Text publizierte die Vossische Zeitung in ihrer Pfingstausgabe vom 20. Mai 1923, die auch den Pfingstmontag, der heute auf den Tag genau vor hundert Jahren war, bespielte. Er ist vom Genre schwer zu fassen, bezeichnet sich selbst als Fabel, hat jedenfalls einen gehörigen Anteil an philosophischen Überlegungen. Frank Riede liest für uns diesen Artikel, der wohl zu den letzten Publikationen von Fritz Mauthner gehört und ganz große Fragen der Menschheit anreißt.

May 21, 20236 min

Ep 1246Ein Maiabend im Zoo

Die fortschreitende Inflation vor einhundert Jahren machte auch vor den ehrwürdigsten Institutionen nicht halt: Für ein volles halbes Jahr musste der Zoologische Garten in Berlin im Winter 1922 schließen; man liest sogar von Schlachtungen der „ersetzbaren“ Tiere, um die „unersetzbaren“ durchzufüttern. Im Frühjahr 1923 war immerhin hier im Schatten der Gedächtniskirche das Schlimmste vorbei, und der Zoo öffnete wieder seine Pforten für die Öffentlichkeit. Georg Hirschfeld schafft es erst zu abendlicher Stunde auf einen Besuch. Obwohl er die Elefanten und die Raubtiere verpasste, weil bei diesen bereits Nachtruhe herrscht, handelte es sich, seinem Artikel aus dem Berliner Tageblatt vom 20. Mai nach zu schließen, doch um eine glückliche Rückkehr. Begleitet hat ihn für uns Paula Rosa Leu.

May 20, 20239 min

Ep 1245Einiges über Budapest

Zu den territorialen Verlierern nach dem Ersten Weltkrieg gehörte das Königreich Ungarn. Mit dem Vertrag von Trianon, ratifiziert am 4. Juni 1920, verlor Ungarn etwa zwei Drittel der zuvor vom Königreich Ungarn für sich beanspruchten Territorien an teilweise neu entstandene Staaten, an die Tschechoslowakei, an das Königreich der Serben, Kroaten und Slowenien, an Polen, an Österreich. Formal blieb es eine Monarchie, an der Spitze stand aber de facto der konservative und nationalistische Reichsverweser Miklós Horthy, der eine zumindest teilweise Revision des Vertrages anstrebte. Ein regelmäßiger Gast unseres Podcasts Victor Auburtin besuchte 1923 Budapest und notierte seine Eindrücke im Berliner Tageblatt vom 19. Mai. Frank Riede war für uns dabei.

May 19, 20239 min

Ep 1244Bei Adam und Eva im Paradies

Das Verhängnis zwischen den Geschlechtern nahm bekanntlich schon im Paradies seinen Anfang. Wo sich die Genesis über die Reibereien zwischen Adam und Eva eher biblisch wortkarg auf das Allerwesentlichste (Schlange, Frucht, Vertreibung) konzentriert, wagt die Heimwelt, die Unterhaltungsbeilage des sozialdemokratischen Vorwärts, am 18. Mai 1923 einen etwas detaillierteren Blick auf die Mutter aller Beziehungskisten. Und entdeckt – wenig überraschend angesichts des humoristischen Genres – allerlei Gemeinsamkeiten mit moderneren Frau-Mann-Konstellationen. Dass hier ein Mann schreibt, merkt man dem Text angesichts einiger Geschlechterstereotypien wohl an. Autor Karl Ettlinger war gleichwohl ein Meister der feuilletonistischen Humoreske. Als Jude erhielt er ab 1933 Berufsverbot und starb 1939 in einem jüdischen Krankenhaus in Berlin. Seine „erste Zigarre“ raucht bzw. liest für uns Paula Rosa Leu.

May 18, 20238 min

Ep 124375 Jahre Paulskirche

Das 75. Jubiläum der sogenannten bürgerlichen Revolution von 1848 kam der angeschlagenen Weimarer Republik des Jahres 1923 gerade recht, sich der ansonsten nicht eben mit vielen stolzen Daten gesegneten deutschen Demokratiegeschichte zu versichern. Nachdem man im März in der republikanischen Presse bereits ausgiebig ihres Beginns auf der Barrikade in Berlin und anderswo gedacht hatte – auch wir hier bei Auf den Tag genau berichteten –, richteten sich nun zum 18. Mai alle Rückblicke auf den Zusammentritt der Frankfurter Nationalversammlung, des ersten gewählten deutschen Parlaments, in der Paulskirche. Bereits am 17. würdigt im Berliner Börsen-Courier der junge Journalist Richard Lewinsohn dieses Ereignis und geht unter anderem der Frage nach, wieviel Geist von Achtundvierzig in der Weimarer Verfassung stecke. Als Republikaner und Jude sollte auch Lewinsohn mit dem Ende von Weimar Deutschland verlassen müssen. Seine Flucht führte ihn zunächst viele Jahre nach Frankreich, später nach Brasilien. 1952 kehrte er zurück nach Europa, 1968 starb er während eines Forschungsaufenthalts in Madrid. Es liest Frank Riede.

May 17, 20239 min

Ep 1242Klabund: Ist China stärker als der Westen?

1923 fragte man sich vereinzelt wie sich die Welt verändern würde, wenn Europa nicht mehr das wirtschaftliche und politische Machtzentrum darstellen sollte. Die Blicke gingen nach Amerika aber auch damals schon nach Asien. Der Schriftsteller Klabund zeichnete in einem Kapitel seines phantastischen Romans „Spuk“ eine zugespitzte finale Auseinandersetzung zwischen dem „Westen“ und dem „Osten“ mittels eines Boxkampfes. De facto läuft der Konflikt darauf hinaus, ob Europa eigentlich noch China gewachsen ist, womit wir bei ganz aktuellen Fragestellungen wären. Frank Riede liest für uns den Text, in dem keiner besonders gut wegkommt, allerdings der Vertreter Chinas auch mit heute zu recht als rassistisch empfundenem Vokabular beschrieben wird.

May 16, 20238 min

Ep 1241Eine Unterredung mit Hindenburg

Paul von Hindenburg stand – als gefeierter, letztlich aber geschlagener Weltkriegsgeneral – am Anfang und – als greiser Reichspräsident, der Adolf Hitler zum Reichskanzler machte – am Ende der Weimarer Republik. Vor seiner Wahl ins höchste Staatsamt 1925 machte er sich öffentlich eher rar, wurde gelegentlich aber vor allem aus dem rechts-monarchistischen Lager gerne zu Fragen des politischen und sonstigen Lebens konsultiert. Zu jenem gehörte tendenziell auch der Berliner Lokal-Anzeiger aus dem Verlagshaus Scherl, der in diesem Fall allerdings nicht selbst in Hindenburgs Altersitz in Hannover zur Audienz geladen war, sondern in seiner Ausgabe vom 15. Mai 1923 vielmehr eine amerikanische Depesche über ein Gespräch, das der scheidende Oberkommandierende der US-amerikanischen Besatzungstruppen in Deutschland McMahon dort geführt hatte, übernahm. Interviews, wie sie heute beinahe inflationär unsere Medien beherrschen, kannte man in den 1920er Jahren noch nicht (wahrscheinlich weil die Aufnahmetechnik das nicht hergab), deshalb sind die Äußerungen Hindenburgs hier wie üblich in einen erzählenden Bericht eingebunden. Paula Rosa Leu hat in ihn hineingeschaut.

May 15, 20238 min

Ep 1240Die Dame und die Soubrette

Die Soubrette ist ein komisches Rollenfach, die Kammerzofe im Sprechtheater und die Sopranistin in heiteren Mädchenrollen in Oper und Operette. Im 18. Jahrhundert bezeichnete „soubrette“ die schlaue, die Situation überschauende Dienerin. Zugleich sieht sich diese Figur auch immer den, etwas euphemistisch umschrieben, amourösen Nachstellungen und dem Machtmissbrauch durch die Herren der höherstehenden Klasse ausgesetzt. In dem Artikel die „Dame und die Soubrette“ aus dem Vorwärts vom 14. Mai 1923 verhandelt der Autor Hans Bauer das Geschlechterverhältnis, die Solidarität der Frauen, sowie die dem Titel innewohnende Klassenfrage. Er schlägt aber auch eine Brücke aus dem Theater zu der damaligen politischen Lage. Frank Riede liest für uns diesen vielschichtigen Text.

May 14, 20235 min

Ep 1239Erinnerungen an die Tiergartenstraße

Die Tiergartenstraße, südlich der für sie namensgebenden großen Berliner Parkanlage gelegen, ist schon lange keine Wohnstraße mehr, sondern beherbergt heutzutage vor allem etliche bedeutenden Botschaften. Nur wenig erinnert noch an ihren Ursprung als mondänes großbürgerliches Stadtquartier, als das sie im 19. Jahrhundert angelegt worden war – und sie hatte, so erfahren wir aus dem Artikel von Margarete Caemmerer aus der Vossischen Zeitung vom 13. Mai 1923, diesen vornehmen Charme auch schon vor einhundert Jahren weitgehend verloren. Die Autorin indes vermag sich an die alten Zeiten noch zu erinnern, denn sie ist am Tiergarten offensichtlich aufgewachsen. Ihr Bericht entführte mithin bereits ihre zeitgenössischen Leserinnen und Leser in eine längst vergangene Zeit – und uns ausnahmsweise einmal in die Berliner Welt nicht vor einhundert, sondern vor bald einhundertdreißig, einhundertvierzig Jahren. Unser Guide dabei: Paula Rosa Leu.

May 13, 202312 min

Ep 1238Eine sportliche Rundfahrt mit Oberbürgermeister Böß

Der langjährige, zwischen 191 und 1929 amtierende Oberbürgermeister Gustav Böß von der linksliberalen Deutschen Demokratischen Partei wird heute zu den durchaus prägenden Figuren der Berliner Stadtgeschichte gezählt. In der Presse jener Jahre stolpert man über seinen Namen dennoch überraschend selten, weshalb Böß bislang auch in unserem Podcast ein eher randständiges Dasein fristete. Entsprechend dankbar sind wir, dass sich die Deutsche Allgemeine Zeitung einmal an seine Fersen heftete und gemeinsam mit Böß Berliner Sportstätten besichtigte. Der davon zeugende Bericht vom 12. Mai 1923 fällt zwar seinerseits wiederum sehr kurz aus, dennoch hat sich Paula Rosa Leu für uns dem Pressetross angeschlossen.

May 12, 20233 min

Ep 1237Abenteuer im Jahre 2035

Es sagt viel über eine Gesellschaft aus, was sie sich für Vorstellung von ihrer Zukunft macht. Und so merken wir immer auf, wenn in den Berliner Zeitungen in die nahe und ferne Zukunft geschaut wird, die aus unserer Sicht vielleicht schon eine vergangene Zukunft ist. Der heutige Blick aus der Berliner Volks-Zeitung vom 11. Mai 1923 reicht in das Jahr 2035 und überrascht uns mit revolutionären Mitteln des Individualverkehrs und einem ungewöhnlichen Kaufhaus. - aber es sind ja auch noch 12 Jahre bis dahin. Der Autor oder die Autorin hinter dem Pseudonym „Ovid in Tomi“ ist uns nicht bekannt. Was passieren würde, wenn die Gesellschaft exzessiv Immanuel Kant lesen würde, sagt uns Frank Riede.

May 11, 20238 min

Ep 1236Hermann Muthesius über eine zeitgenössisches Bauwesen

Man kennt ihn als Namenspatron der nach ihm benannten Kunsthochschule in Kiel, als Architekt zahlreicher Bauprojekte in Berlin sowie als wichtigen Theoretiker der modernen Architektur: Hermann Muthesius war überdies auch noch Mitbegründer des Deutschen Werkbundes, ein Pionier des modernen Produktdesigns, preußischer Geheimrat und einer der prononciertesten Kritiker des Jugendstils. Seine ausgeprägte Abneigung gegenüber Ornament und Zierrat und überhaupt gegenüber jedweder auf Repräsentation schielenden Baukunst klingt auch im nachfolgenden Text aus dem Berliner Tageblatt vom 10. Mai 1923 an, der „Vom Bauen nach dem Kriege“ handelt und den für uns Paula Rosa Leu liest.

May 10, 20239 min

Ep 1235Empörung über das “Racheurteil”

Zu Ostern 1923 bestimmte ein Ereignis die Berichterstattung. Die eskalierte Requirierungsmaßnahme französischer Soldaten im Krupp-Werk, Essen. Sie endete mit Schüssen in die versammelte Arbeiterschaft, an deren Ende 13 Tote und zahlreiche Verletzte auf Seiten der Arbeiter zu beklagen waren. Löste diese Gewalttat bereits einen Empörungssturm aus, so flammte dieser noch stärker auf, als die französischen Militärbehörden, die die Schuld für das Oster-Massaker bei der Werksleitung sahen, diese und den Konzernchef Krupp von Bohlen und Halbach verhafteten und vor einem Militärgericht am 8. Mai zu zehn- bis zwanzigjährigen Haftstrafen verurteilten. Da sich am 9. Mai alle Zeitungen dazu zu Wort meldeten, hören wir heute die Presseschau, die die Berliner Volks-Zeitung in ihrer Abendausgabe des Tages abdruckte. Es liest Frank Riede.

May 9, 202310 min

Ep 1234Der Vorwärts war beim Damenboxen

Es ist bekanntlich noch gar nicht so lange her, dass die Zahl der Männer-Wettbewerbe bei Weltmeisterschaften und Olympischen Spielen die der Frauen bei weitem übertraf. Skispringen, Bobfahren, Fußball, Ringen, Hammerwurf – all diese Sportarten galten lange Zeit für den weiblichen Teil der Bevölkerung als nicht schicklich und wurden mit teils markiger Rhetorik (selbstredend fast immer aus männlichem Munde) als unfeminin abgelehnt. Dass von diesem Verdikt auch das besonders rabiate Boxen betroffen war, nimmt wenig Wunder. Eher schon, dass das seinem Selbstverständnis nach ausnehmend fortschrittliche sozialdemokratische Parteiorgan Vorwärts am 8. Mai 1923 mit voller Kehle in den Chor der empörten Hüter der hergebrachten Geschlechterordnung miteinstimmte. Wobei die Umstände der hier betrachteten Veranstaltung, glaubt man dem Bericht, in der Tat keinen so ganz sportlich-seriösen Eindruck machen. Für uns am Ring war Paula Rosa Leu.

May 8, 20235 min

Ep 1233Im Hauptquartier Hitlers

Wie niemandem, der Auf den Tag genau regelmäßig hört, entgangen sein wird, gehörten 1923 Berichte über die NSDAP in Bayern und insbesondere über Adolf Hitler zum festen Bestandteil der Berichterstattung der Hauptstadtpresse. Wir bringen nur einen kleinen Ausschnitt dieser Artikel, und zwar dann, wenn der Text einen bislang vernachlässigten Aspekt beleuchtet oder eine andere Herangehensweise an den Betrachtungsgegenstand wählt. Letzteres ist heute der Fall: Der unter dem Pseudonym Pick Nick firmierende Autor schreibt am 7. Mai über seine Erlebnisse in „Hitlers Hauptquartier“ und tut dies mittels einer satirischen Zuspitzung. Man fühlt sich aus heutiger Sicht auf halbem Wege zu Chaplins großem Diktator. Frank Riede hat sich für uns der Sauf- und Fahnenweihenorgien angenommen.

May 7, 202311 min

Ep 1232Gabriele Tergits Eindrücke vom Frühling

Gabriele Tergit ist so etwas wie die literarische Comebackerin der letzten Jahre. Nachdem ihr Werk zwischenzeitlich quasi in Vergessenheit geraten war, ist es in jüngerer Vergangenheit fulminant in die Bestsellerlisten zurückgekehrt und mittlerweile vor allem dank der eifrigen Bemühungen des Schöffling Verlages zwischen zwei Buchdeckeln – oder als E-Book – weithin zugänglich gemacht. Das ganze Werk der Tergit? Nein, einige wenige Texte aus den frühen journalistischen Jahren harren noch immer ihrer editorischen Erweckung aus dem Archivschlaf. Sie können einstweilen nur hier bei Auf den Tag genau rezipiert werden, so auch heute die kurze Erzählung über den Frühling auf dem S-Bahn-Ring und in Berlin-Lichtenberg aus dem Berliner Tageblatt vom 6. Mai 1923. Es liest Paula Rosa Leu.

May 6, 20237 min

Ep 1231Mit dem Städtischen Weltpanorama für einen Tag nach Tiflis

Obgleich wir in unserem Podcast immer wieder Reiseberichte, auch aus den entferntesten Weltgegenden, zu Gehör bringen, müssen wir davon ausgehen, dass die wenigsten die Mittel und die Zeit besaßen, um tatsächlich zu Auslandsreisen aufzubrechen. Die Welt schrumpfte aber zugleich und das Interesse an fernen und nicht so fernen Ländern wuchs – wovon ja die bereits erwähnten Reiseberichte zeugen. Wie gut, dass es in Berlin den Fotografen, Medienunternehmer und Pionier der Bildberichterstattung August Fuhrmann gab, der mit seinem Kaiserpanorama ein Gerät gebaut hatte, an dem mehr als Zwanzig Meschen gleichzeitig Serien von stereoskopischen Dia-Fotografien schauen konnten. Zu Anfang der Weimarer Republik taufte er, weil Kaiserpanorama nicht mehr zeitgemäß war, seine „Reiseagentur“ in Weltpanorama um. Mit dessen Hilfe konnten etwa ganze Schulklassen, wie wir der Berliner Volks-Zeitung vom 5. Mai 1923 entnehmen, regelmäßig verreisen, ohne die Stadt zu verlassen. Der Autor mit dem Namen, wahrscheinlicher Pseudonym, Balduin Knorke stattete der Institution einen Besuch ab, und Frank Riede war mit ihm in Tiflis.

May 5, 20236 min

Ep 1230Werner Krauß über den Shylock

Kaum ein zweiter deutscher Schauspieler der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts vermochte das Publikum derart in seinen Bann zu ziehen wie Werner Krauß – aber auch kaum ein zweiter prominenter Schauspieler ließ sich vergleichbar krass und bereitwillig von den Nazis für ihre propagandistischen Zwecke instrumentalisieren wie eben jener Krauß. Nicht nur gehörte er als Staatsschauspieler und stellvertretender Präsident der Reichstheaterkammer zu den kulturellen Stützen des Regimes. Darüber hinaus wirkte er auch schamlos in schlimmsten Propagandastreifen mit, allen voran in gleich sechs prägenden Rollen in Veit Harlans Hetzfilm Jud Süß. Vor diesem Hintergrund ist kaum ein Vorbeikommen an unserem heutigen Fundstück aus dem 12-Uhr-Blatt vom 4. Mai 1923, in dem Krauß sich damals bereits just zu der Frage äußerte „Warum ich den Shylock spiele“. De facto geht es in dem Text dann freilich erst einmal grundsätzlich um die Haltung Kraußens zum damals noch jungen Medium Film. Dennoch wird man bei seinen kurzen Äußerungen zum Charakter des ‘Kaufmannes von Venedig‘, der nicht erst im Dritten Reich häufig als antisemitische Karikatur gegeben wurde (und den auch Krauß in einer diesbezüglich berüchtigten Inszenierung Lothar Müthels am Wiener Burgtheater 1943 als solche anlegte!), ganz genau hinhören. Es liest Paula Rosa Leu.

May 4, 20236 min

Ep 1229Mit Hasenclever und Picasso im Theater

Der Dichter und Schriftsteller Walter Hasenclever, dem mit seinem expressionistischen Drama „Der Sohn“ 1914 der Durchbruch in der deutschen Theaterszene gelungen war, besuchte 1923 Paris und schaute sich dort nicht nur in der Kunstszene um. Neben Eindrücken aus der Stadt, Moden, die er beobachtet, schreibt er im 8-Uhr-Abendblatt vom 3. Mai aber auch von seinen Erlebnissen auf den Bühnen der Stadt. So wohnt er auch der Aufführung einer Sophokles-Tragödie von Jean Cocteau bei, an der Pablo Picasso beteiligt war. Damit stoßen wir auf eine weniger bekannte Werkgruppe von Picasso – seine Bühnenbilder, -Vorhänge und Kostüme. Denn zwischen 1917 und 1924 war er an zahlreichen Musik-, Ballett- und Theateraufführungen der diversen Avantgarden beteiligt. Frank Riede liest für uns Hasenclevers Eindrücke aus Paris.

May 3, 202310 min

Ep 12281. Mai trotz Hitler

Gebannt hatte die Berliner Hauptstadtpresse am 1. Mai nach München geschaut. Würden die Nationalsozialisten ihre Drohung wahrmachen, gewaltsam gegen die „Kommunisten“ vorzugehen, die ihre traditionellen Umzüge abhalten würden. Dass die Behörden außerhalb Bayerns die diversen Drohgebärden von Adolf Hitler ernst nahmen, war in diesem Podcast bereits zu hören, aber wie würden sich die bayerischen Behörden verhalten? Mitglieder der NSDAP marschierten auch tatsächlich zu Tausenden auf, griffen dann aber zumindest die zentrale Veranstaltung der Arbeiter auf der Theresienwiese nicht an – wie die Vossische am 2. Mai berichtet. Für uns liest Paula Rosa Leu.

May 2, 20235 min

Ep 1227“Die letzten Tage der Menschheit” von Karl Kraus

Karl Kraus zählt zu den großen Kulturkritikern des frühen 20. Jahrhunderts. Neben Essays, Glossen, Satiren, Gedichten umfasst sein umfangreiches Œuvre auch die gewaltige Welttragödie Die letzten Tage der Menschheit, in dem der Pazifist Kraus die Schrecken des Ersten Weltkriegs dramatisch verarbeitete. Aus monumentalen 220 Szenen bestehend, ließ sich deren Aufführungsgeschichte sehr schleppend an; bis heute steht eine ‘vollständige‘ Inszenierung des gesamten Textes – was immer das hieße – nach wie vor aus. Der Rezension der Berliner Volks-Zeitung vom 1. Mai 1923 liegt denn auch gar kein Theaterbesuch zugrunde, Hans Bauer bespricht Kraus‘ Werk vielmehr als Lesedrama, das ihm als solches gleichwohl eindeutig unter die Haut ging. Für uns verleiht dieser Kritik Frank Riede seine Stimme.

May 1, 20238 min

Ep 1226Italien verbietet den 1. Mai

Vor zwei Tagen präsentierten wir an dieser Stelle einen Text aus der ‘bürgerlichen‘ Berliner Morgenpost, die nach einem halben Jahr Faschismus in Italien keine allzu kritische Bilanz dessen ziehen mochte. Heute geben wir als Kontrastmittel einen Artikel aus dem Vorwärts vom 30. April 1923 in den Podcast, der ein deutlich anderes Bild von der Lage südlich der Alpen zeichnet. Ausgangspunkt ist der bevorstehende Tag der Arbeit am 1. Mai, der „im Land, wo die Zitronen blühen“ bereits im ersten Jahr der Regentschaft Mussolinis bei drakonischer Strafe nicht mehr begangen werden durfte. Der Bericht richtet seinen Blick indes nicht allein auf diese unzweideutige symbolpolitische Maßnahme; er beschreibt an verschiedenen Beispielen auch den Alltag faschistischer Gewaltherrschaft zwischen Sterzing und Agrigent. Es liest Paula Rosa Leu.

Apr 30, 202312 min

Ep 1225Alfred Hein: Kleine Erlebnisse

Der Schriftsteller und Publizist Alfred Hein war im April 1923 28 Jahre alt. Sein literarisches Werk war geprägt von seinen Erlebnissen aus dem Ersten Weltkrieg, wo er u.a. an der Schlacht von Verdun teilnahm. In den 20er Jahren war er als Journalist in Königsberg tätig, bevor er ab 1930 als freier Schriftsteller in Berlin lebte. Hatte der Erste Weltkrieg sein Schaffen wesentlich beeinflusst so bedeutete der Zweite Weltkrieg seinen Tod. Er nahm an Kämpfen an der Ostfront teil und geriet in sowjetische Kriegsgefangenschaft, leistete Zwangsarbeit in der Ukraine, wo er schwer erkrankte, so dass er nach der Heimkehr nach Deutschland noch im Jahre 1945 verstarb. Heute hören wir zwei kleine Beobachtungen von ihm, die der Vorwärts am 29. April abdruckte. Rosa Paula Leu liest für uns seine Betrachtung zur Erinnerung und über die Dynamik von Freundschaften.

Apr 29, 20239 min

Ep 1224Ein halbes Jahr Faschismus in Italien

Ende Oktober 1922 hatte ganz Europa gebannt nach Italien geschaut, als dort Mussolini und seine Schergen quasi widerstandlos die Macht im Land an sich rissen. Nach einem halben Jahr faschistischer Herrschaft zog man in einigen deutschen Zeitungen eine erste Bilanz, die in der Berliner Morgenpost vom 28. April 1923 bemerkenswert, man könnte auch sagen: verstörend positiv ausfiel. Wer sich hinter dem Autorenpseudonym P.M. verbirgt, war von Auf den Tag genau nicht in Erfahrung zu bringen, wohl aber, dass besagter Autor der propagandistischen Narrativ von der Befriedung des Landes durch die Faschisten voll auf den Leim gegangen ist. Die Details kennt Frank Riede.

Apr 28, 20239 min

Ep 1223Ein Brief aus dem besetzten Bad Ems

Anders als es der heute meist gebräuchliche verkürzende Begriff „Ruhrbesetzung“ suggeriert, erstreckte sich der französische Militärvorstoß nach Deutschland im Frühjahr 1923 auf sehr viel mehr Gebiet als ‘nur‘ auf die industrielle Herzkammer zwischen Duisburg und Dortmund. Da man in Washington den Versailler Friedensvertrag nicht ratifiziert hatte, übernahmen französische Truppen Ende Februar auch die formal bereits seit 1919 bestehende US-amerikanische Besatzungszone, die zwischen Köln und Koblenz auch auf rechtsrheinische Territorien ausgriff, und errichteten dort, ähnlich wie weiter nördlich, ein vergleichsweise harsches Okkupationsregiment. Betroffen, neben vielen anderen Orten, war auch das traditionsreiche Kurbad Ems, dessen Betrieb im Zuge dieser Entwicklungen offensichtlich fast vollständig zum Erliegen kam. Diesen Eindruck vermittelt jedenfalls ein ‘Brief‘ von dort, den die B.Z. am Mittag am 27. April abdruckte – und den für uns Frank Riede liest.

Apr 27, 20237 min

Ep 1222Amerikanische Zärtlichkeitsstatistik

Umfragen und ihre Auswertung sind ein unverzichtbarer Teil unserer politischen Kommunikation, sowie so mancher Wissenschaft, die ihre Erkenntnisse durch Umfragen generiert. Das amerikanische „Büro für Sozialhygiene“, begründet von John D. Rockefeller Jr., versuchte mittels anonymer Umfragen etwas über das Sexualverhalten der Amerikaner:innen herauszufinden. Wie sich die Ergebnisse der Umfrage im prüden Amerika, vermittelt durch die auch nicht gerade zu Schlüpfrigkeiten neigenden Zeitungen in Berlin, lesen, erfahren wir heute. Das 12-Uhr-Abendblatt vom 26. April 1923 schreibt über die „Amerikanische Zärtlichkeitsstatistik“ – Haben Sie vor der Ehe … ? Paula Rosa Leu weiß wie die Amerikaner:innen geantwortet haben.

Apr 26, 20234 min

Ep 1221Ernst Reuter über die KPD

Bald dreieinhalb Jahre Auf den Tag genau summieren sich mittlerweile nicht nur zu einem stolzen Autorenregister großer Literatinnen und Literaten; auch unzählige bekannte bzw. nachmals bekannte Figuren aus der Politik waren hier bereits als in Berliner Tageszeitungen aktive Kommentatorinnen und Kommentatoren des Zeitgeschehens zu erleben. Zu ihnen gesellt sich heute mit Ernst Reuter ein weiterer sehr prominenter Name. Bereits 1912 der SPD beigetreten, war Reuter in russischer Kriegsgefangenschaft zum Bolschewismus ‘konvertiert‘ – bevor er nach seinem Ausschluss aus der KPD 1922 über den Umweg USPD wieder in den Schoß der sozialdemokratischen Mutterpartei zurückkehrte und sich dort einige Jahre lang vor allem als Journalist für den Vorwärts verdingte. Dass er damals noch immer daran glaubte, die Spaltung der deutschen Arbeiterschaft überwinden zu können, und darauf setzte, dass sich in der KPD mittelfristig pragmatischere Kräfte durchsetzen und sich mit der parlamentarischen Demokratie arrangieren würden, belegt ein dort erschienener Artikel vom 25. April 1923, den für uns Frank Riede liest.

Apr 25, 202310 min

Ep 1220Paul Scheffer: Ruhr und Reich

Seit es die Tagespresse gab und sie zu dem Leitmedium geworden war, aus dem die Menschen ihre Informationen über kleine und große Ereignisse daheim und auf der ganzen Welt bezogen, spielten, wenn es um letztere ging, Auslandskorrespondenten – sehr selten Auslandskorrespondentinnen – eine entscheidende Rolle. Die Berliner Hauptstadtpresse hatte ein breites Korrespondentennetzwerk, zu dem auch Paul Scheffer gehörte, der für den Mosse-Verlag und das dort erscheinende Berliner Tageblatt tätig war. Geboren 1883 in Pommern studierte er Philosophie und arbeitete während des Krieges, da er als untauglich eingestuft war, im diplomatischen Informationsdienst. Ab 1919 berichtete er für Mosse, etwa exklusiv von der Konferenz von Spa, um dann ab 1921 der Starkorrespondent des Berliner Tageblattes in Moskau zu sein, wo er die politische und wirtschaftliche Entwicklung des Landes beobachtete und beschrieb. Unser heutiger Artikel vom 24. April 1923 zeugt davon, dass er während der Ruhrbesetzung Moskau verließ, um aus dem Ruhrgebiet zu berichten. Wer mehr zu Paul Scheffer und zu der Rolle der Auslandskorrespondenten in der Weimarer Republik erfahren will, der sollte sich unbedingt das ausführliche Gespräch von Toby, vom Podcast “Geschichte Europas”, mit der Historikerin Caroline Breitfelder anhören, das seit dem 21. April online ist. Nun aber liest Paula Rosa Leu für uns Scheffers Einschätzung zu „Ruhr und Reich“.

Apr 24, 202311 min

Ep 1219Elsaß-Lothringen als Pufferstaat?

Seit Monaten steht die Ruhrbesetzung immer wieder im Zentrum dieses Podcasts. Weniger Aufmerksamkeit bekommt dabei die Tatsache, dass das französische Heer auch Teile des Rheinlandes besetzte und Befürchtungen die Runde machten, dass Frankreich langfristig das Rheinland in eine Art unabhängige Pufferzone zwischen Frankreich und Deutschland verwandeln würde. Nun meldete sich ein nicht namentlich genannter, lediglich als namhafter Gelehrter aus dem Elsass vorgestellter, Autor in der Germania vom 23. April 1923 zu Wort, der für Elsass-Lothringen als das viel natürlicher für eine Art Pufferstaat geeignete Gebiet plädiert. Natürlich ist der Blick sehr nationalistisch Deutsch geprägt, aber er führt auch zu der Vision einer zukünftigen europäischen Friedensordnung, bei der Straßburg eine zentrale Rolle spielen würde... Frank Riede liest.

Apr 23, 202311 min

Ep 1218Paul Painlevés Lösungsvorschläge für den Ruhr-Konflikt

Der zweimalige französische Ministerpräsident Paul Painlevé gehörte wie Aristide Briand und Alexandre Millerand dem reformsozialistischen Parti republicain-socialiste an und vertrat ebenso wie diese gegenüber dem ‘Erbfeind‘ und Weltkriegsverlierer Deutschland verglichen mit dem 1923 amtierenden Mitte-Rechts-Ministerpräsidenten Poincaré eher gemäßigte Positionen. Dass eine Genesung Europas die Erholung beider großen kontinentalen Volkswirtschaften, der französischen wie der deutschen, voraussetze und dass es für die Lösung der Ruhrproblematik einer multilateralen Verständigung bedürfe, hörte man östlich des Rheins natürlich gerne; weshalb die Berliner Volks-Zeitung am 22. April 1923 ein entsprechendes, zunächst in Frankreich publiziertes Statement Painlevés nur zu gerne auch dem deutschen Publikum zugänglich machte. Von Hause aus war Painlevé, das am Rande, übrigens nicht wie die meisten seiner Kollegen Jurist, sondern ein durchaus bedeutender Mathematiker, der zeitweise auch in Göttingen studiert hatte. Ob seine politischen Argumente ähnlich stringent waren wie seine Differentialgleichungen, weiß Paula Rosa Leu.

Apr 22, 20237 min

Ep 1217Am Kurbelkasten im Frühling

Eine regelmäßige Kolumne der Berliner Volkszeitung – die damit auch schon das ein oder andere Mal bei Auf den Tag genau zu Gast war – hieß „Am Kurbelkasten“ und verband große mit kleinen Nachrichten zu einem einzigen Nachrichtenfluss. Natürlich war der Ausgangspunkt in der Ausgabe vom 21. April 1923 die Ruhrbesetzung, die mit einem Gordischen Knoten verglichen wird. Danach geht es aber über Hundesteuer, Richter in Berlin und der Lage in Italien bis hin zu Adolf Hitlers Treiben in München. Ein weiterer Beleg dafür, welche Präsenz er in der Berliner Tagespresse innerhalb kürzester Zeit erlangt hatte. Frank Riede dreht für uns am Krubelkasten.

Apr 21, 202310 min

Ep 1216Wann ist im Fußball Abseits?

Was um alles in der Welt würden eigentlich Fußballfunktionäre den lieben langen Tag tun, wenn es nicht so schön viele Regeln gäbe, an denen man immerfort herumfrickeln könnte? Beliebtestes Opfer dieses Zeitvertreibs war von jeher wohl die Abseitsregel, die gerade aktuell für die Saison 2023/24 wieder neu justiert wird – und deren Reform auch vor einhundert Jahren mal wieder anstand. Nachdem 1907 das Abseits in der eigenen Spielhälfte abgeschafft worden war, wurde nun die Ausdehnung dieser Fläche und damit die Einführung einer neuen 40 Yard-Linie diskutiert, die sich freilich nicht durchsetzen sollten. Auch den weiteren im Artikel aus der B.Z. am Mittag vom 20. April 1923 ventilierten Regelvorschlägen – einer Beschränkung der Freistoßmauerbildung sowie einer strikten Einschränkung der internationalen Wechselfreiheit von Fußballspielern – war zumindest langfristig kein Erfolg beschieden. Paula Rosa Leu macht uns dennoch auch mit diesen vertraut.

Apr 20, 20235 min

Ep 1215Frühling in Meran

Nicht nur von Franz Kafka ist bekannt, dass er sich Anfang der 1920er Jahre bei einem mehrmonatigen Aufenthalt in Meran sehr wohlfühlte. Auch einer gewissen Mara Herberg, erfahren wir in der B.Z. am Mittag vom 19. April 1923, hat es der Frühling hier am Südhang der Öztaler Alpen, wo die Passer in die Etsch mündet, offensichtlich sehr angetan. Die spektakuläre Südtiroler Berglandschaft würdigt sie dabei in ihrem Reisebericht genauso wie das offensichtlich sehr vitale Gesellschaftsleben zu deren Füßen. Manche Despektierlichkeiten über die äußere Erscheinung der kurenden Herren und vor allem Damen würde man heute in einer Qualitätszeitung eher nicht mehr zu lesen bekommen. Für uns tut dies, dennoch, Frank Riede.

Apr 19, 20239 min

Ep 1214Was Gurkenbauern von Winzern unterscheidet

Etwa 75 Kilometer südöstlich von Berlin fließt die Spree durch ein Niederungsgebiet, in dem sich der Flusslauf vielfach verzweigt, wodurch eine Moor- und Auenlandschaft entstanden ist, die heute ein Biosphärenreservat ist: der Spreewald. Mitten darin liegt die sorbische Stadt Lübbenau, die sich schon vor hundert Jahren kulinarisch durch die Sauren Gurken auszeichnete und an den Wochenenden zahlreiche Touristen aus Berlin und dem Ausland aufnahm, die sich auf Kähnen über die Wasserstraßen staken ließen. Unter diese mischte sich Bruno Manuel, um in der Berliner Volkszeitung vom 18. April 1923 darüber zu schreiben. Seine Kontrastierung zwischen Berlin und Lübbenau, aber auch zwischen Weinbauern und Gurkenbauern bringt uns Frank Riede näher.

Apr 18, 20238 min

Ep 1213Telefonieren aus dem fahrenden Zug!

Eine Bahnreise fand 1923 sozusagen in einem einzigen, riesigen Funkloch statt. War der wichtige Geschäftsmann bei einem bestimmten Dollarkurs in Berlin losgefahren, tappte er während der ganzen Fahrt im Dunkeln, wie sich der Kurs inzwischen entwickelt hatte. Den Reisenden fehlte also zu ihrem Reiseglück eine Möglichkeit des Telefonierens. Und genau dieses Problem wollte die Gesellschaft für Funkentelegraphie schleunigst beheben und führte Experimente durch, bei denen aus einem fahrenden Zug telefoniert werden konnte. Freilich spielte man dabei mit der Idee, Telefonkabinen einzurichten, um die Vertraulichkeit der Gespräche zu gewährleisten und die anderen Reisenden zu schonen. Eine Idee, die sicherlich auch heute noch Befürworter finden würde. Paula Rosa Leu kann uns zusammen mit dem 8-Uhr-Abendblatt vom 17. April 1923 berichten, ob die Experimente erfolgreich waren.

Apr 17, 20239 min

Ep 1212Die Rache des Pharao

1923 war Tutanchamun in aller Munde. Wie an dieser Stelle zu hören war, erreichte das Berliner Publikum Anfang März die Nachricht von der Öffnung der reich bestückten Grabkammer. Anschließend verstarb überraschend der Finanzier der Ausgrabung Lord Carnavon und neben der sich ohnehin verbreitenden Ägypten-Faszination und Mode machte auch die Gruselgeschichte vom der Rache des Pharao die Runde. Wie jeder Hype, fand auch dieser seine Kritiker, die mit spitzer Feder das gesellschaftliche Phänomen sezierten. Für das 8-Uhr-Abendblatt tat dies am 16. April der Schriftsteller, Herausgeber und Journalist Kurt Pinthus. Uns lässt Frank Riede vor dem Fluch des Pharao erschauern.

Apr 16, 202310 min

Ep 1211Claire Waldoff findet Berlin knorke!

Claire Waldoff zählt zu den großen Ikonen des Berlin und insbesondere des queeren Berlin der 1920er Jahre. In den bisherigen Recherchen für diesen Podcast sind wir überraschenderweise lange Zeit nicht auf sie gestoßen, aber am 15. April 1923 kam sie in der Berliner Morgenpost sogar gleich selbst ausführlich zu Wort. Die Serie, in der das geschah, hieß „Neuberliner Humor“, und passend zum lokalkulturellen Framing belinerte die Waldoff hier, wie auch in ihren Programmen, so kräftig darauf los, dass man gar nicht glauben will, dass sie dereinst 1884 als Clara Wortmann in Gelsenkirchen das Licht der Welt erblickte. Eine auch gebürtige Berlinerin schlüpft hier in ihre Rolle: Paula Rosa Leu.

Apr 15, 20236 min

Ep 1210Havarie auf dem Tempelhofer Flugfeld

Zu den Dingen, die sich im Laufe der letzten einhundert Jahre definitiv verbessert haben, zählt nachgewiesenermaßen die allgemeine Flugsicherheit. Was alle Statistiken dokumentieren, kann auch unser – selbstverständlich nicht repräsentativer, wiewohl täglicher – Blick in die Zeitungsarchive der frühen 1920er Jahre bestätigen: Obwohl seinerzeit weit weniger Flugzeuge unterwegs waren, lag die Zahl der Unfälle und leider auch die der Opfer im Bereich dieses damals noch jungen Mobilitätssektors ungleich höher. So ereignete sich denn auch im Frühjahr 1923, just bei der Inspektion des Tempelhofer Feldes hinsichtlich seiner Eignung für den Luftverkehr, ein abermaliger Absturz. Dem Ausbau Tempelhofs zum hauptstädtischen Zentralflughafen, das macht schon der Unfallbericht aus dem Berliner Lokal-Anzeiger vom 14. April deutlich, sollte diese neuerliche Havarie jedoch keinen Abbruch tun. Ganz unweit des heute bekanntlich wieder aufgelassenen alten Flughafengeländes hat für uns Paula Rosa Leu diesen Text eingelesen.

Apr 14, 20238 min

Ep 1209Max Brod: Die Legende vom guten Zeitungsleser

Die Präsidentschaft von Donald Trump lässt sich sicherlich sehr gewinnbringend im Hinblick auf die Rolle der Fake-News sowie der Massenmedien im Umgang mit diesen „alternativen Fakten“ analysieren. Es fing schon bei der ersten Pressekonferenz an mit der Größe der Menschenmenge bei seiner Inauguration. Wir, als Gesellschaften, müssen uns fortan fragen, wie mit Falschnachrichten umzugehen ist, wie wir es verhindern, dass Fake News so lange die Realität bearbeiten, bis sie als Fakten akzeptiert werden. Mit den KI-gestützten Bild- und Tongeneratoren kommt da auch noch einiges auf uns zu. Heute blicken wir aber ersteinmal zurück auf einen in dieser Hinsicht visionären Zeitungstext von Max Brod, der im Berliner Börsen-Courier vom 13. April 1923 veröffentlicht wurde. Frank Riede erzählt uns die Legende vom Zeitungsleser, der dem, was in der Zeitung steht, mehr glaubt als sich selbst.

Apr 13, 202312 min

Ep 1208Das geheime Leben des Schlüsselbundes

Therese Rie, 1878 in Wien geboren, war Schriftstellerin, Journalistin und Musikkritikerin und veröffentlichte etwa ab dem Anfang des 20 Jahrhunderts Opern- und Theaterkritiken für die Vossische Zeitung und österreichische Zeitschriften. Nach dem frühen Tod ihres Mannes im Jahre 1908 begann sie auch verstärkt literarische Werke zu publizieren. Dabei signierte sie mit dem Pseudonym L. Andro. Dass sie weiterhin auch für das Feuilleton der Vossischen tätig war, zeigt uns die Ausgabe vom 12. April 1923, in der wir unter dem Titel „Naturgeschichten“ drei kleine Miniaturen von ihr lesen, bzw. diese Rosa Leu für uns liest. Therese Rie, die auch Werke französischer Autoren, u.a. von Romain Rolland, ins Deutsche übersetzte, verstarb 1934 in Wien.

Apr 12, 20235 min