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Auf den Tag genau

Auf den Tag genau

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Ep 1407Das Amt ohne Menschen

Der Boom der Telefonie zu Ende des 19. und zu Beginn des 20. Jahrhunderts wurde wesentlich ermöglicht durch die Telefonistinnen, die auf dem „Amt“ die meist männlichen Anrufer durchstellten. Ledig mussten sie sein, jung, höflich, gebildet, wenn möglich mit Fremdsprachenkenntnissen – und die Post konnte sie dennoch schlecht bezahlen, da es sich um ledige Frauen handelte, die ja, nach damaliger Vorstellung, zwangsläufig nur sich selbst zu versorgen hatten. 1907 arbeiteten im Deutschen Reich 16.000 „Fräulein vom Amt“. 1908 wurde in Hildesheim das erste automatische Ortsnetz in Betrieb genommen. Diese Technologie sollte nach und nach diesen Berufszweig überflüssig machen. Eine solche Zukunftsperspektive eines Amts ohne Menschen skizziert für die Hauptstadt auch die Berliner Morgenpost in ihrer 2 Milliarden teuren Ausgabe vom 28.10. 1923. Den entsprechenden Artikel liest Frank Riede für uns ein.

Oct 28, 20238 min

Ep 1406Was wird aus dem Krögel?

Die Straße Am Krögel, im Volksmund meist verkürzend als der Krögel bezeichnet, war nicht nur eine der ältesten Gassen Berlins, sondern Anfang des 20. Jahrhunderts auch eine ihrer ärmsten, primitivsten Wohngegenden. Zwischen Molkenmarkt und Spreeufer gelegen, prägte ihre Behausungen nicht nur anachronistisch-mittelalterliche Enge, sondern auch gesundheitsgefährdende Feuchtigkeit, weshalb bereits seit längerer Zeit Abrisspläne in den städtischen Behörden zirkulierten. Weltkrieg und Hyperinflation hatten kurzfristig jedoch wieder einmal einen Strich durch diese Rechnung gemacht, was indes zumindest bei der Vossischen Zeitung vom 27. Oktober 1923 keineswegs auf Bedauern stieß. Die dort ausgesprochene Hoffnung, dieses alte Stück Berlin doch für die Zukunft zu retten, sollte sich freilich nicht allzu lang erfüllen – 1935 musste der Krögel doch dem Neubau der Reichsmünze weichen und ist heutzutage kaum jemandem in Berlin noch ein Begriff. Paula Rosa Leu erinnert an ihn mit dem Artikel aus einer Zeitung, die am Tag ihres Erscheinens wahnwitzige eine Milliarde Mark wert war.

Oct 27, 20235 min

Ep 1405Ab morgen neues Geld!

Papiergeld, das wusste schon Goethe und philosophierte darüber in seinem Faust II, ist nichts weiter als eine Wette darauf, dass das jeweilige Gegenüber auch akzeptiert, was auf dem Papier geschrieben steht, bzw. sich sicher ist, jemanden zu finden, der/die das auch wieder ist und so ad infinitum. Ist dieser Kreislauf gestört, ist das Geld bald eben nur noch das Papier wert, auf dem es gedruckt ist, also quasi nichts. So nachzulesen auf dem 8-Uhr-Abendblatt vom 26. Oktober 1923, dessen Preis sich mittlerweile auf schwindelerregende 800 Millionen Mark belief, d.h. sich binnen vier Tagen neuerlich fast verdreifacht hatte. Abhilfe – ein alter Trick der Währungspolitik seit der Antike – sollte nun eine Rückbindung an Rohstoffe (heißt meistens: an den Goldpreis) und an stabilere Währungen (heißt meistens: an den Dollar) schaffen; deswegen, erfahren wir im 8-Uhr-Abendblatt vom 26. Oktober 1923, plante die Reichsbank nun die Ausgabe von sogenannten Goldanleihestücken. Die Logik dieses nicht ganz unkomplizierten Manövers erläutert uns Frank Riede.

Oct 26, 20237 min

Ep 1404Der kommunistische Aufstand in Hamburg

Erst vor drei Tagen waren wir mit dem Podcast in Hamburg, um uns dort ins wilde maritime Nachtleben der 1920er Jahre zu stürzen. Nun kehren wir aus sehr politischen Gründen an den Ort des Geschehens zurück, denn seit dem 23. Oktober 1923 tobte vor allem im Stadtteil Barmbek der sogenannte „Hamburger Aufstand“. Während an anderen Schauplätzen im Reich rechte Paramilitärs und separatistische Gruppen Druck auf die wunde Republik ausübten, ging die Revolte hier von linken, kommunistischen Kräften aus (unter ihnen der noch weithin unbekannte Ernst Thälmann), die in der prekären ökonomischen Lage des Landes die Chance für einen bewaffneten Umsturz erblickten. Wie dramatisch sich diese Situation zuspitzte, ist auch an der Preisentwicklung am Zeitungsmarkt ablesbar: Wo die Berliner Morgenpost vor Wochenfrist noch für 50 Millionen Mark zu haben war, musste bereits 500 Millionen hinblättern, wer am 25. Oktober erfahren wollte, dass der Aufstand – an dem sich von ca. 14.000 Hamburger KP-Mitgliedern übrigens wohl nur 300 beteiligten – relativ schnell niedergeschlagen war. Unsere Korrespondentin an der Elbe ist Paula Rosa Leu.

Oct 25, 20237 min

Ep 1403Wasserburg am Inn

Ob das Anwachsen des Preises der Vossischen im Vergleich zum Vortag um 200 Millionen auf ganze 500 Millionen Mark nur dem geschuldet war, dass die Ausgabe vom 24. Oktober auch die wöchentliche Beilage: „Für Reise und Wanderung“ enthielt, bezweifeln wir, können es aber nicht belegen. Zumindest hielt die Beilage, was sie versprach - mit einem Ausflug in das malerische Wasserburg am Inn. Diese Stadt 25 Kilometer nördlich von Rosenheim zeichnet sich durch die Lage der Altstadt auf der zu 7/8 vom Inn umflossenen Halbinsel aus. Alles weitere zu Wasserburg liefert uns nun Paula Rosa Leu auf ihrem Rundgang durch die Stadt.

Oct 24, 20238 min

Ep 1402Die Putschisten von Aachen

Unser Podcast dürfte mittlerweile deutlich gezeigt haben mit welch existenziellen Gefahren die Weimarer Republik im Oktober 1923 konfrontiert war. Zahlreiche separatistische Bewegungen entstanden quer durchs Reich, wobei natürlich die konstante Drohung Bayerns, sich unabhängig zu machen, am schwersten wog. Die Vossische Zeitung vom 23. Oktober berichtete von den Abspaltungstendenzen im Rehinland. Die Idee eines rheinländischen Pufferstaates war ja auch schon früher durch diesen Podcast gegeistert. Am 21. Oktober hatten bewaffnete Separatisten in Aachen einen neuen Staat proklamiert: die Rheinische Republik, wobei sie von den belgischen und französischen Besatzungstruppen wohl unterstützt, jedenfalls nicht gehindert wurden. Nach mehreren Wochen mit teils gewaltsamen Auseinandersetzungen und nach dem Verlust des Rückhalts der Besatzungstruppen, brach diese kurzlebige Republik zusammen. Doch davon weiß der Artikel, den Frank Riede aus der 300 Millionen teuren Zeitung verliest, noch nichts.

Oct 23, 20238 min

Ep 1401Babylon Hamburg

Glaubt man einer populären zeitgenössischen TV-Serie, so lag Babylon in den 1920er Jahren an der Spree. Das an der Spree erscheinende 12-Uhr-Blatt meint es hingegen an der Elbe gefunden zu haben. In Hamburg, genauer gesagt: im damals noch zwischen der Freien und Hansestadt und dem preußischen Altona geteilten St. Pauli stürzt sich die Ausgabe vom 22. Oktober 1923 – Kostenpunkt: 200 Millionen Mark – ins pralle Nachtleben und wirbelt dort jede Menge Kolorit auf. Aufgrund der schlechten Valuta sind es, mehr noch als sonst in der Hafenmetropole, internationale Gäste, die sich hier vergnügen, verführen und zum Teil auch ausrauben lassen – da hilft es auch nichts, dass Autor Fritz Löwe von einem waschechten Kriminalkommissar durch sein Großstadtrevier begleitet wird. Trotz einiger heute nicht mehr üblicher, da als diskriminierend empfundener Begriffe hat sich für uns Paula Rosa Leu den beiden angeschlossen.

Oct 22, 20239 min

Ep 1400Erdwärme - Energiequelle der Zukunft?

Um unseren CO2-Ausstoß beim Beheizen von Wohnraum zu reduzieren, dürfte die Nutzung von Wärmepumpen und, noch besser, Geothermie eine gute Idee zu sein, die freilich nicht besonders neu ist. Während heute die Gefahren des Klimawandels unsere Aufmerksamkeit auf die Erdwärme lenken, so war es im Deutschland des Jahre 1923 vielmehr die Kohlenknappheit. Das Reich hatte die schlesischen Kohlereviere nach dem Ersten Weltkrieg verloren und die Vorkommen im Ruhrgebiet waren durch die Besetzung durch Belgien und Frankreich nicht verfügbar. Und so erkundete die 300 Millionen Mark teure Deutsche Allgemeine Zeitung vom 21. Oktober 1923 die Möglichkeiten der Erdwärme. Frank Riede war bei den Probebohrungen für uns dabei.

Oct 21, 202312 min

Ep 1399Die Rentenmark

Der Preis für die Vossische vom 20. Oktober 1923, inklusive der darin enthaltenen Auslandsbeilage Voss, hatte den dreistelligen Millionenbetrag erreicht. Genau 100 Millionen Mark kostete sie. Zum Glück für die Leser:innen, oder noch mehr für diejenigen, die sich die Zeitung nicht mehr leisten konnten, war Hoffnung am Horizont. In der Voss wird halbwegs laienkompatibel die geplante Einführung der Rentenmark beschrieben. Bis zur tatsächlichen Ausgabe dieses Heilmittels gegen die Hyperinflation sollte es noch Wochen dauern, Paula Rosa Leu beschreibt für uns schon mal an dieser Stelle den finanzpolitischen Plan.

Oct 20, 20237 min

Ep 1398Die Sache Makropulos

Wer die BZ am Mittag vom 19. Oktober 1923 für mittlerweile schon 80 Millionen Mark erwarb, konnte darin von der Wiener Premiere des Theaterstückes „Die Sache Makropulos“ des großen tschechischen Schriftstellers Karel Čapek lesen, das dieser 1922 verfasst hatte. Der Autor zahlreicher Romane, Kinderbücher und Dramen, der als einer der größten Stilisten der Tschechischen Literatur gilt, ist heute im deutschsprachigen Raum, wenn überhaupt, dafür bekannt, dass auf ihn das weltweit benutzte Wort „Roboter“ zurückgeht. Er hatte es für sein Theaterstück „R.U.R“, Rossums Universal Robots, kreiert, das in der deutschen Übersetzung „W.U.R.“ heißt. „Die Sache Makropulos“, in der es um die Unsterblichkeit der gleichnamigen Protagonistin Elina Makropulos geht, hat hierzulande hingegen nur in der grandiosen Opernvertonung von Leoš Janáček überlebt. Mit dem Vortrag der Theaterkritik von der deutschsprachigen Erstaufführung des Schauspiels wiederum macht sich, glaubt man der Langzeitarchivierung unseres Podcasts durch die Zentral- und Landesbibliothek Berlin, Frank Riede ein kleines Bisschen unsterblich.

Oct 19, 20238 min

Ep 1397Franz Blei geht nicht gerne ins Café

Folgt man einer der vielen Legenden der Zwanziger Jahre, dann ist schwer davon auszugehen, dass etliche der hier bei Auf den Tag genau zu Gehör gebrachten Texte in Caféhäusern entstanden sind. Diese Affinität würde auch erklären, warum sich die gelegentlichen Texte über Caféhäuser dann meist zu kleinen Liebeserklärungen auswachsen. Die nachfolgende Glosse von Franz Blei aus dem Berliner Tageblatt vom 18. Oktober 1923 bildet da eine signifikante Ausnahme. Obwohl der Autor aus Wien stammt, bekennt er freimütig seine Aversion gegen diese Art Etablissements und das dort gemeinhin verkehrende Personal. Wer sich an seinen paar Zeilen Grant delektieren wollte, musste dafür am Kiosk schlappe 50 Millionen Mark berappen. Oder in ein Caféhaus seines Vertrauens gehen, wo man das Berliner Tageblatt kostenlos lesen konnte. Frank Riede, sagt man, träfe man bisweilen im Galao am Weinbergsweg. Die Zeitung liest er für uns aber bei sich zu Hause ein.

Oct 18, 20234 min

Ep 1396Die Neuen Normaluhren

Kulturgeschichten der Uhr erzählen wie die Kirchturm-Uhr das urbane Leben strukturierte, wie die Taschenuhren zu Werkzeugen und Statussymbolen der Kaufleute wurden. Dem heutigen Artikel aus der Deutschen Allgemeinen Zeitung vom 17. Oktober 1923, die mittlerweile 40 Millionen Mark kostete, entnehmen wir wie wichtig die Uhren, die über den städtischen Raum verteilt waren, für das Alltagsleben waren. Architekten wurden beauftragt, sie so zu gestalten, dass sie sich angenehm in das Stadtbild einfügten. Der Artikel erzählt also von einer Zeit, in der noch nicht jedes zweite Kind eine Telefonuhr mit Peilsender am Handgelenk hatte. Für uns hat sich Paula Rosa Leu auf einen Streifzug durch Berlin begeben - auf der Suche nach Normaluhren.

Oct 17, 20235 min

Ep 1395Flug-Taxis 1923: Luft-Droschken

Wer am 16. Oktober 1923 ein 8-Uhr-Abendblatt erwarb, musste mittlerweile sage und schreibe 50 Millionen Mark dafür hinblättern – und damit mehr als das Dreifache als noch ein paar Tage zuvor. Dafür erwarteten ihn oder sie im Inneren zumindest partiell aber endlich auch einmal wieder gute Nachrichten: „Deutschland auf dem richtigen Weg!“ war ein Artikel überschrieben, der im Rückblick aus gleich zweierlei Gründen bemerkenswert erscheint. Zum einen haben wir es hier mit der vor einhundert Jahren in Berliner Tageszeitungen noch sehr seltenen Form eines Interviews zu tun, das eben als solches abgedruckt ist. Zum anderen erfahren wir aus den Aussagen des hier befragten Flugzeugentwicklers von Lößl, dass das Thema Flug-Taxis die deutsche Industrie bereits auch schon damals beschäftigte – nur dass man damals noch von „Flug-Droschken“ sprach und die technischen Grundlagen doch noch ein wenig andere waren. Frank Riede hat für uns schon einmal Probe gesessen.

Oct 16, 20238 min

Ep 1394Absegeln mit Monty Jacobs

Der deutsche Oktober des Jahres 1923 war eine Zeit multipler Krisen – aber er war meteorologisch, zumindest partiell, auch ein goldener Herbst. Dass überall im Reich Aufstände aufbrachen und Putschgerüchte die Runde machten, dass die Inflation in schwindelerregende Höhen schoss, Grundnahrungsmittel kaum noch erschwinglich waren und eine Vossische Zeitung am Montag, dem 15. Oktober, schlappe 30 Millionen Mark kostete – all das konnte man für einen Moment verdrängen, wenn man sich eben dort auf Seite 4 mit Feuilletonchef Monty Jacobs zum Wannsee begab und mit einer Prozession von Segelschiffen symbolisch-melancholisch den Sommer zu Grabe trug. Schöner kann man die Segel kaum reffen, für uns tut dies Paula Rosa Leu.

Oct 15, 20235 min

Ep 1393Das Stresemannsche Ermächtigungsgesetz passiert den Reichstag

Am 13. Oktober 1923 war es soweit: Reichskanzler Gustav Stresemann und seine Regierung hatten den Reichstag davon überzeugt, im Rahmen eines Ermächtigungsgesetzes für eine befristete Zeit auf wesentliche seiner Rechte zu verzichten und der Exekutive damit weitgehend freie Hand bei der Bekämpfung der multiplen politischen und ökonomischen Krisen zu geben. Da es hierbei neben Fragen der Währungspolitik, des Umgangs mit den französischen Besatzern an Rhein und Ruhr und mit rechten Putschabsichten in Bayern und anderswo zentral auch um Arbeitszeiten, also um Arbeitnehmerrechte ging, hatte sich die SPD lange geziert, dem Antrag dann aber mehrheitlich doch zugestimmt. Wie schon vor ein paar Tagen Emil Ludwig im 8-Uhr-Abendblatt beurteilte das auch die nunmehr 50 Millionen Mark teure Berliner Morgenpost vom 14. Oktober positiv. Ablehnung kam dagegen, wie wir von Paula Rosa Leu erfahren, von Deutschnationalen und Kommunisten.

Oct 14, 20237 min

Ep 1392Schweizer Eindrücke

Sollten wir jemals zu dem Eindruck gelangen, dass die Schweizer schon immer voller Skepsis und Argwohn zu uns nach Deutschland hinüberblickten, so finden wir diesen bestätigt im heutigen Artikel aus dem Berliner Börsen-Courier vom 13. Oktober 1923. Der Berliner Bankier und Autor Albert Friedländer, Inhaber des Bankhauses Friedländer, schöpft hier aus Gedächtnisprotokollen von Unterhaltungen mit Schweizern und strickt daraus das Bild, das sich „die Schweizer“, zumindest die, mit denen er sich unterhielt, von der Situation in Deutschland machten. Waren dies nur die Eindrücke einer oder mehrerer Reisen in die Schweiz, so ahnte er damals wohl nicht, dass er etwa 20 Jahre später auf der Flucht vor den Nazis in die Schweiz emigrieren würde, um dort bis zu seinem Tode 1966 zu leben. Frank Riede gibt uns nun sein Bild von der Schweizer Perspektive auf Deutschland im Herbst 1923 wieder. Die Morgenausgabe der Zeitung kostete an dem Tag 15 Millionen Mark.

Oct 13, 20238 min

Ep 1391Sprung nach Afrika

Marokko, das 1912 in eine französische, eine spanische Protektoratszone und ein neutrales Tanger aufgeteilt wurde, war in den 1920ern eine permanente Kampfzone. Es versuchten nicht nur die europäischen Mächte und Amerika in gegenseitiger Konkurrenz ihren Einfluss auszubauen, die Berber-Stämme erhoben sich immer zu bewaffnetem Widerstand, der blutig niedergeschlagen wurde. Der deutsch-jüdische Journalist Manfred George nahm von Gibraltar aus Anlauf, um auf den afrikanischen Kontinent hinüber zu setzen und sich für das 8-Uhr-Abendblatt vom 12. Oktober 1923 dort vor Ort umzusehen. Den sehr stimmungsvollen und detailreichen Reisebericht, der allerdings an einigen wenige Stellen zeittypisches, heute nicht mehr verwendetes Vokabular benutzt, um die verschiedenen Ethnien zu beschreiben, liest für uns Frank Riede.

Oct 12, 202310 min

Ep 1390Ein Blick auf die Speisekarte

Die Niederbarnimer Zeitung erschien im seit 1920 zu Groß-Berlin gehörenden Ortsteil Friedrichshagen, und insofern macht es sehr viel Sinn, dass sich unser heutiger Artikel aus deren Ausgabe vom 11. Oktober 1923 mit der Speisekarte beschäftigt; schließlich war Friedrichshagen am Müggelsee seit langem ein beliebtes Ausflugsziel der Berliner und mit entsprechend Gastronomie gesegnet. Von einzelnen örtlichen Lokalen wird uns Paula Rosa Leu in ihrer Lesung indes nichts berichten. Dem Autor geht es eher um allgemeine kulturhistorische Aspekte; und – wie mittlerweile in fast allen Texten, die wir hier im Podcast zur Anhörung bringen – um die prekäre ökonomische Lage vor einhundert Jahren, die sich selbstredend auch auf den Speisekarten der Zeit abbildete. Zahlen, wieviel genau ein Schnitzel damals kostete, erfahren wir nicht. Die Niederbarnimer Zeitung kostete seinerzeit auf jeden Fall 5 Millionen Mark – und war damit im Vergleich zu den Organen der eingesessenen Hauptstadtpresse noch einigermaßen günstig.

Oct 11, 20237 min

Ep 1389Nach dem Verbot der BVZ

Vor vier Tagen hatte die Berliner Volks-Zeitung den Küstriner Putsch kommentiert und damit in den Augen des zuständigen Militärbefehlshabers gegen dessen Auflagen verstoßen, nach denen nur amtliche Mitteilungen zu dem Putsch abgedruckt werden durften. Daraufhin konnte die BVZ am 8. und 9. Oktober nicht erscheinen. In der Ausgabe vom 10. Oktober 1923, die 6 Millionen Mark kostete, legt sie nicht nur ihre Sicht auf das Verbot dar, sondern informiert ihre Leser:innen auch wieder über die weiterhin angespannte Lage in Deutschland. Paula Rosa Leu informiert uns.

Oct 10, 20237 min

Ep 1388Emil Ludwig über das Ermächtigungsgesetz 1923

Beim Begriff Ermächtigungsgesetz denken wir zuallererst an den 24. März 1933, die Machtergreifung der NSDAP. Weniger bekannt ist, dass es eine durchaus „positiv“ besetzte Vorgeschichte von Ermächtigungsgesetzen im Verlauf der Weimarer Republik gab. So auch in der extremen Krisensituation der Hyperinflation etwa 10 Jahre zuvor. Das Kabinett Stresemann strebte ein temporär begrenztes Ermächtigungsgesetz an, um die finanzpolitischen Maßnahmen rasch umzusetzen. Am 9. Oktober zeichnete sich bereits ab, dass Stresemann die im Parlament notwenige Zweidrittelmehrheit bekommen könnte. Im 8-Uhr-Abendblatt des Tages, dass für 7 Millionen zu erwerben war, reflektiert der zweifelsfrei dem liberal-demokratischen Spektrum zurechenbare Publizist Emil Ludwig das Ermächtigungsgesetz mit spürbaren Sympathien. Uns informiert über Stresemanns Pläne und Ludwigs Position dazu Frank Riede.

Oct 9, 202310 min

Ep 1387Luftbahnhof Tempelhofer Feld eröffnet

Das heute so beliebte riesige und unbebaute Gelände mitten in Berlin waren im Mittelalter die Ländereien des Templerordens, später war es ein militärisches Exerziergelände und eine Pferderennbahn. Mit der Weimarer Republik und der Eingemeindung des Geländes nach Groß-Berlin 1920 stellte sich die Frage, was mit dem Gelände anzufangen sei. Wir haben hier im Podcast die Fragen nach einer möglichen Bebauung und der Nutzung als Parkanlage dokumentiert. Das Gelände besaß aber dank diverser Flugshows seit Beginn des 20. Jahrhunderts auch eine Tradition als Ort der Aviatik. Die Notwendigkeit, die Wege der Luftpost zu beschleunigen und den sprunghaft wachsenden Passagier-Luftverkehr zu bedienen, machten das Feld zu einem idealen Ort für einen Flugbahnhof, wie es damals in der Presse hieß. Nach längeren Verhandlungen war es dann am 8. Oktober 1923 so weit: der Flughafen wurde feierlich eröffnet. Doch selbst die Maschinen hoben nicht so schnell ab, wie der inflationsbedingten Zeitungspreise. Die Vossische, die am Tag der Eröffnung in ihrer Abendausgabe über diese berichtete, kostete bereits 4 Millionen Mark. Während aktuell auf dem Tempelhofer Feld die Feierlichkeiten zum hundertsten Jubiläum des Flughafens laufen, war Paula Rosa Leu für uns vor 100 Jahren dabei.

Oct 8, 20236 min

Ep 1386In der Nussschale über den Atlantik

Wer vor einhundert Jahren von Europa nach Amerika wollte, dem stand im Grunde nach wie vor nur ein Verkehrsmittel zur Verfügung: das Schiff. Der Luftverkehr über den Atlantik befand sich noch in der Experimentierphase, umso dichter war das Netz der Passagierdampfer, die zwischen „alter“ und „neuer“ Welt verkehrten. Wer das nötige Kleingeld besaß, konnte mit immer größeren und luxuriöseren Ozeanriesen beispielsweise von Hamburg nach New York reisen – oder aber in einer selbstgezimmerten Nussschale mit 3+14 Metern einfach darauf los segeln. Dass die vier Männer der Crew, von denen hier konkret die Rede ist, nicht von der Küste, sondern vom fernen Bodensee kamen und keinerlei Hochseeerfahrung mitbrachten, machte das Unterfangen noch kurioser. Wer erfahren wollte, ob es gutging, musste am 7. Oktober 1923 für 6 Millionen Mark die Berliner Volks-Zeitung erwerben. Oder auf Aufklärung durch Frank Riede warten.

Oct 7, 20236 min

Ep 1385Der Putsch im Westentaschenformat - Fridericus Rex V. Teil?

Vor drei Tagen berichteten wir an dieser Stelle vom sehr kurzlebigen und erfolglosen Putsch in Küstrin. „Zeit für eine Analyse dessen, was vorgefallen war, und der Berichterstattung darüber“, dachte sich die Berliner Volks-Zeitung am 6. Oktober 1923 und zeigte sich irritiert darüber, dass die Putschenden von offizieller Seite als „Nationalkommunisten“ bezeichnet wurden. Um die Urheber deutlich zu verorten, spielt der Artikel mit der von nationalistischem und militaristischem Pathos durchwehten Filmreihe zum Leben Friedrich des Großen, „Fridericus Rex“. Die Reihe bestand aus vier Teilen, und so erklärte die BVZ den Putsch zur Fortsetzung der Filmreihe in der Realität. Dies bot sich zusätzlich dadurch an, dass Friedrich ja in der Küstriner Festung festgehalten wurde und dort der Hinrichtung seines Freundes Katte beigewohnt haben soll. Diese Analyse sollte zu einem zweitägigen Verbot der BVZ führen, wovon wir aber erst in vier Tagen berichten werden. Nun liest zunächst einmal aus der Morgenausgabe, im Wert von 4 Millionen Mark, Paula Rosa Leu.

Oct 6, 20239 min

Ep 1384Heinrich XLV. Reuß über Else Lasker-Schüler

Das Fürstengeschlecht Reuß mit seinem Gewirr aus jüngerer und älterer Linie, Geraer, Schleizer, Köstritzer und sonstigen Zweigen dürfte bis vor einem knappen Jahr selbst Stammlesern des Goldenen Blattes kaum mehr wirklich vertraut gewesen sein – bis ein etwas ungepflegt wirkender älterer Herr, der auf den Namen Prinz Heinrich XIII. hörte, es im Dezember 2022 plötzlich auf die große Bühne der Tagesschau schaffte, weil er als mutmaßlicher Kopf einer rechtsterroristischen Vereinigung festgenommen wurde. Die Medienpräsenz seines Großvaters bzw. des Adoptivvaters seines leiblichen Vaters, den die reichlich sonderbare Reuß’sche Familienzählung als Heinrich XLV. ausweist, war da von etwas vornehmerer Art. Am 5. Oktober 1923 widmete er im renommierten Berliner Tageblatt einem Gedichtband von Else Lasker-Schüler eine knappe, aber von Sympathie für die Autorin zeugende Besprechung. Seine allgemein musische Neigung, die sich auch in seinem lebhaften Engagement für das Reuß’sche Theater in Gera äußerte, hinderte auch Heinrich XLV. freilich nicht daran, später ein linientreuer Nationalsozialist zu werden. Es liest Frank Riede.

Oct 5, 20235 min

Ep 1383Autos für den “kleinen Mann”

Der Deutsche und sein Kraftfahrzeug – das ist eine lange symbiotische Geschichte. Anfangs ein Privileg weniger Betuchter, kamen bereits in den 1920er Jahren Bestrebungen auf, auch ein „Auto für den kleinen Mann“ zu ermöglichen. An die „kleine“ Frau haben damals vermutlich weder die produzierende Industrie, noch die Vossische Zeitung gedacht, als sie am 4. Oktober 1923 unter eben diesem geschlechtsspezifizierten Titel von einem Rundgang über die gerade in Berlin stattfindende Internationale Automobil-Ausstellung berichtete. Die Volkswagen AG gab es seinerzeit bekanntlich noch nicht. Am Konzept „Volkswagen“, entnehmen wir dem Artikel, haben aber bereits etliche, heute großteils nicht mehr so schrecklich bekannte Hersteller getüftelt. Wieviel konkret man für ein Lindcar, eine Sphinx oder ein Omicron damals hinblättern musste, verrät der Text nicht; die Morgenausgabe der Vossischen Zeitung, in der dieser heute vor einhundert Jahren abgedruckt war, kostete auf jeden Fall 5 Millionen Mark. Unsere Automobilexpertin ist eine Frau: Paula Rosa Leu.

Oct 4, 20238 min

Ep 1382Der Putsch von Küstrin

Am 1. Oktober 1923 geschah, was viele befürchtet hatten. Die Beendigung des Ruhrkampfes durch die Regierung Stresemann stachelte die legalen und illegalen rechten Verbände dazu an Sturm zu laufen. Und tatsächlich kam es im 80 Kilometer von Berlin entfernten damals zu Preußen, heute zu Polen, gehörigen Küstrin zu einem Putschversuch. Der Kommandant der illegalen Schwarzen Reichswehr Bruno Ernst Buchrucker, dessen Verhaftung wohl unmittelbar bevor stand, versuchte mit seinen Truppen Küstrin zu besetzen. Dabei zählte er auf ein zeitgleiches Losschlagen in anderen Städten. Der großflächige Putsch blieb aus – lediglich in Spandau übernahmen Putschisten für kurze Zeit die Zitadelle. Der Putsch wurde in Spandau und in Küstrin rasch von regulären Truppen der Reichswehr niedergeschlagen. Was genau geschah, schildert die Berliner Morgenpost in ihrer Ausgabe vom 3. Oktober, die mittlerweile 5 Millionen Mark kostete. Frank Riede liest.

Oct 3, 20237 min

Ep 1381Die Republik Türkei

Jahrhundertelang galt das alte Osmanische Reich als „kranker Mann am Bosporus“, dem nur deshalb nicht die Totenglocke läutete, weil sich die europäischen Großmächte nicht über die Verteilung des Erbes einigen konnten. Ihre letzten europäischen Besitzungen verloren die Türken fast alle im Ersten Balkankrieg 1912/13, und auch im Ersten Weltkrieg setzten sie mit den Mittelmächten auf das falsche Pferd. Dass nur fünf Jahre nach dessen Ende die eigentlich beschlossene Zerschlagung der Türkei null und nichtig und stattdessen deren Wiedergeburt als moderne Republik zu vermelden war, grenzt da tatsächlich an ein politisches Wunder. Zwar war der militärische Weg dorthin äußerst blutig und an einigen Fronten auch von schlimmen Gräueltaten begleitet. Dennoch blickt das 8-Uhr-Abendblatt vom 2. Oktober 1923 mit einigem Respekt in die neue Hauptstadt Angora, das heutige Ankara, und auf den uns als Atatürk bekannten Staatsgründer Mustafa Kemal Pascha. Wie weit man in Deutschland von einem vergleichbaren Aufbruch entfernt war, wie tief man, im Gegenteil, in der politischen und ökonomischen Dauerkrise steckte, verrät einmal mehr der Preis, den man aufwenden musste, um des Abends in der S-Bahn oder Stammkneipe von den Entwicklungen in der fernen Türkei zu lesen: 4 Millionen Mark. Das Wort hat Paula Rosa Leu.

Oct 2, 20236 min

Ep 1380Aida - Erich Kleibers Antritt an der Staatsoper

Wenn in Musikerkreisen nach den bedeutendsten Dirigenten des 20. Jahrhunderts gefragt wird, fällt der Name Kleiber meistens gleich zweimal. Obwohl sein Repertoire so begrenzt und seine Auftritte so selten waren, wird Sohn Carlos (Jahrgang 1930) von hochrangigen Kollegen regelmäßig zum "greatest conductor of all time" gewählt. Aber auch schon Vater Erich (Jahrgang 1890) galt zu Lebzeiten als großer Pultstar. Prägend waren dabei vor allem seine zwölf Jahre an der Berliner Staatsoper, zu deren Musikalischem Leiter er 1923, erst 33jährig, als Nachfolger von Leo Blech berufen wurde. Neben seinen Interpretationen des großen romantischen Opernrepertoires avancierten insbesondere Uraufführungen wie die von Alban Bergs Wozzeck zu Höhepunkten des Weimarer Musiktheaters. Aber auch um das italienische Fach machte sich der hochpolitische Internationalist und Antifaschist Erich Kleiber verdient, unter anderem gleich zu Beginn seiner Ära um Giuseppe Verdis Aida. Was die Deutsche Allgemeine Zeitung, deren Preis am 1. Oktober 1923 auf 3 Millionen Mark geklettert war, davon hielt, weiß Frank Riede.

Oct 1, 20236 min

Ep 1379Wiedersehen mit Eleonora Duse

Eleonora Duse zählte fraglos zu den größten Theaterschauspielerinnen ihrer Zeit. Einer Zeit, die sich vor einhundert Jahren bereits dem Ende zuneigte, denn „die Duse“ zählte damals bereits 65 Jahre und hatte sich, bedingt durch den Weltkrieg, einen Autounfall und gesundheitliche Probleme, bereits seit einigen Jahren auf der Bühne rar gemacht. Umso größer war allenthalben die Freud , dass eines ihrer seltenen Gastspiele sie im September 1923 noch einmal nach Wien führte, wo sie auf den Robert-Bühnen in der Wasagasse in Tommaso Gallarati Scottis heute zumindest hierzulande vergessenem Volksstück Cosí sia – So sei es – zu erleben war. Die Erinnerungen, die ihr Spiel beim Theaterkritiker Oskar Maurus Fontana weckte, klingen retrospektiv beinahe schon wie ein vorweggenommener Nachruf, denn nur ein gutes halbes Jahr nach diesen letzten Auftritten auf dem europäischen Kontinent starb die Duse am 21. April 1924 auf einer USA-Tournee in Pittsburgh/Pennsylvania. Der Berliner Börsen-Courier vom 30. September 1923 (dessen Morgenausgabe am Kiosk 3 Millionen Mark kostete) und Paula Rosa Leu flechten dieser großen Mimin einen wohlverdienten Kranz.

Sep 30, 202312 min

Ep 1378Werner Bergengruen: Wirklichkeit

Viele betrachten die Literatur als Spiegel ihrer Entstehungszeit. So lernen wir beim großen Realisten Honoré de Balsac und in seinem 88 Titel umfassenden Zyklus „La comédie humaine“ die französische Gesellschaft der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts kennen. Natürlich erkennen wir Lesenden auch stets Parallelen zu unserer Zeit und unserer Gesellschaft. Seltener stellen wir uns aber die Frage, welchen Verlauf die in früheren Zeiten verfassten Geschichten eigentlich heutzutage nehmen würden. In der BZ am Mittag vom 29. September 1923 tut genau dies der deutsch-baltische Schriftsteller Werner Bergengruen, der seit 1922 in Berlin journalistisch tätig war. Er nimmt die berühmte Erzählung von Balsac „Das Chagrinleder“ und passt die Story der seinigen Welt an. Es liest für uns Frank Riede.

Sep 29, 20238 min

Ep 1377Philipp Scheidemann kämpft gegen die Dolchstoßlegende

Fake News sind keine Erfindungen der digitalen Moderne des 21. Jahrhunderts, sondern prägten bekanntlich bereits auch schon die politischen Auseinandersetzungen der Weimarer Republik. Die Frage, wie 1918 der Krieg zu Ende gegangen war und wer damals wofür welche Verantwortung trug, bestimmte fünf Jahre später nachhaltig die Bewertung der aktuellen Misere und wurde nicht nur mit entsprechend harten Bandagen, sondern teilweise auch mit dreisten Lügen und Verdrehungen geführt. Philipp Scheidemann, einer der Väter der immer noch jungen Republik, setzt in diesem Zusammenhang auf die Kraft der Aufklärung und die demokratische Presse, wie etwa das 8-Uhr-Abendblatt, in dem er sich am 26. September 1923 selbst zu Wort meldet und den „Kampf gegen die Schuldlügen“ aufnimmt. Das 8-Uhr-Abendblatt war immer noch etwas teurer als die meisten anderen Blätter und kostete heute vor einhundert Jahren bereits 4 Millionen Mark. Aufklärung ganz ohne Bezahlschranke gibt es bei uns durch Paula Rosa Leu.

Sep 28, 20239 min

Ep 1376Ossietzky: Wie der Ruhrkampf verloren ging

Am 26. September 1923 passierte, was sich schon eine Weile angekündigt hatte. Reichskanzler Stresemann verkündete das Ende des Ruhrkampfes. Von Beginn des passiven Widerstandes an hatte die Regierung Cuno die Löhne von etwa 2 Millionen Arbeiter:innen im Ruhrgebiet übernommen, aber um diese Belastung tragen zu können, dabei kräftig die Gelddruckmaschine angeworfen, was die Inflation weiter verschärfte. Auch wenn die rechten Parteien wieder „Verrat“ schrien, war auch ihnen klar, dass die Situation nicht mehr tragbar war. In der Morgenausgabe der Berliner Volks-Zeitung vom 27. September, die 2,5 Millionen kostete, ließ Carl von Ossietzky den Ruhrkampf Revue passieren und analysierte sein Scheitern. Frank Riede verleiht ihm seine Stimme.

Sep 27, 20238 min

Ep 1375Die Organisation der Bahnhofsgaststätten

Manches war am Bahnreisen vor einhundert Jahren gewiss angenehmer. Dass die Verspätungsquote günstiger ausfiel als heute bei der DB, ist schwer anzunehmen. Und wenn man doch einmal – planmäßig oder außerplanmäßig – länger am Bahnhof warten musste, gab es tatsächlich noch so etwas wie Bahnhofsgastronomie. Einem Artikel aus der Vossischen Zeitung vom 26. September (Kostenpunkt mittlerweile schlappe 4 Millionen Mark) entnehmen wir, dass die Bahnhofsgaststätten in manchen Orten in puncto Qualität und Service gar die sonstigen örtlichen Wirtshäuser in den Schatten gestellt hätten. Wie ihr System organisiert war und wie die Bahn die Versorgung der Zugreisenden sicherstellte, erfahren wir von Paula Rosa Leu.

Sep 26, 202311 min

Ep 1374Ein berühmter Emigrant in Berlin: Alexander Kerenski

In den Berliner Redaktionsstuben der 1920er Jahre saßen wahrlich viele berühmte und bedeutsame Persönlichkeiten, aber zu den vormals mächtigsten Menschen der Welt durfte sich mutmaßlich nur einer von ihnen zählen: Zugegeben, die historische Stunde, da Alexander Kerenski in unterschiedlichen offiziellen Funktionen die Geschicke Russlands bestimmte, fiel reichlich kurz aus – zwischen der Februarrevolution und der Oktoberrevolution lag bekanntlich kaum mehr als ein halbes Jahr. Und seine anschließende Flucht führte ihn zwischen Paris, Prag, London und New York auch nur sehr kurzzeitig nach Berlin. Ein Autor des 8-Uhr-Abendblattes nahm Kerenskis hier fortgesetzte Tätigkeit als Herausgeber zweier russischer Exilzeitungen am 25. September 1923 jedoch zum Anlass, den prominenten Kollegen an der Spree zu begrüßen und seine historische Rolle zwischen Zarenreich und Bolschewistenherrschaft in Erinnerung zu rufen. Für uns studiert hat sie Frank Riede.

Sep 25, 202313 min

Ep 1373Gefahr für das Reich

Dass sich die Weimarer Republik im Herbst 1923 in einer existenziellen Krise befand, dürfte damals für alle Menschen offenkundig gewesen sein und auch für die regelmäßigen Hörer:innen unseres Podcasts als bekannt vorausgesetzt werden. Die Hyperinflation, die den Preis der Vossischen vom 24. September auf eine Million getrieben hatte, das Scheitern des Ruhrkampfes und die Angst vor separatistischen Bewegungen brauten sich zu einem explosiven Gemisch zusammen. So warnt der Leitartikel der Vossischen vor einem Bürgerkrieg, verursacht durch die immer offener und dreister auftretenden rechten Kampfbünde. Diese Gefahrenanalyse dazu, von wo die Putschversuche zu erwarten waren, sollten sich ja bewahrheiten, denn schon eine Woche später kam es zum Putschversuch in Küstrin, doch dazu in einer kommenden Folge. Paula Rosa Leu warnt nun also vor der Gefahr für das Reich.

Sep 24, 20239 min

Ep 1372Ethik des Schaufensters

Wenn die Hyperinflation ihren Lauf nimmt, die Sonntagsausgabe des Berliner Lokal-Anzeigers vom 23. September 1923 schon 2 Millionen kostet, ist es dann angemessen, in den Kaufhäusern üppigste Schaufenster-Auslagen mit Produkten zu inszenieren, die sich nur noch eine immer kleiner werdende Gruppe leisten kann? Diese Frage beantwortete der Journalist und Schriftsteller Friedrich Hussong und formulierte dabei eine „Ethik des Schaufensters“. Hussong ist eine problematische Figur innerhalb der Weimarer Presselandschaft. Er gilt als strammer Demokratiefeind, der als Journalist versuchte, die Positionen der Deutschnationalen Volkspartei zu propagieren und später in einen publizistischen Wettbewerb mit Joseph Goebbels trat, in dem es sozusagen darum ging, wer das Patent für Hetze gegen die Weimarer Republik hält, DNVP oder NSDAP. Während der NS-Zeit verlor er an Bedeutung und verstarb 1943, kann aber, laut Peter de Mendelssohn, als ein Wegbereiter der rechten Demagogie gelten. Frank Riede betrachtet dennoch mit ihm zusammen die Schaufenster von Weimar.

Sep 23, 202312 min

Ep 1371Nachdenkliches über Namen

Der Vorname des heutigen Autors geht auf das Altgermanische zurück und bedeutet entweder „Edel-Wolf“, oder „Vater-Wolf“. Das wird er aber wahrscheinlich viel besser gewusst haben, denn er schrieb im September, Oktober 1923 für die Berliner Morgenpost eine lose Artikel-Reihe mit dem Titel „Nachdenkliches über die Namen“. Dr. Adolf Heilborn versammelt dort Kurioses und Informatives über Namens-Moden und eben -bedeutungen. 1873 in Berlin geboren, studierte er Medizin, machte eine Weltreise als Schiffsarzt und lies sich dann als Arzt, Redakteur und Übersetzer in Berlin nieder. Gerade seine populärwissenschaftlichen Werke, zu denen im weiteren Sinne auch der heutige Artikel zu zählen ist, erfreuten sich großer Beliebtheit. Wegen seiner jüdischen Herkunft ereilte ihn 1935 allerdings ein Berufsverbot. Er starb im Oktober 1941, wobei nicht geklärt ist, ob er Selbstmord beging oder nicht. Aus der Ausgabe vom 22. September, die für 1,5 Millionen Mark zu erwerben war, liest für uns Paula Rosa Leu.

Sep 22, 20238 min

Ep 1370Zeitungsverkäufer - eine kleine Typologie

Wer sich am 21. September 1923 ein 8-Uhr-Abendblatt leisten wollte, musste dem Zeitungsverkäufer dafür bereits stolze 1,5 Millionen Mark in die Hand drücken. Man kann sich denken, dass dies in Zeiten galoppierender Inflation für besagten Zeitungsverkäufer mehr noch als sonst ein sauer verdientes Geld war, weshalb es nur recht und billig ist, dass eben dieser Zeitungsverkäufer, als systemrelevanter Faktor des damaligen Pressewesens – und damit auch für unseren nachgeborenen Podcast –, in besagtem 8-Uhr-Abendblatt vom 21. September 1923 endlich einmal als Gegenstand einer feuilletonistischen Betrachtung Eingang auch in das Blatt fand. Herausgekommen ist eine kleine Typologie, die man freilich auch als kleine Belehrung lesen konnte. Wer am Ende seiner Schicht auf Exemplaren sitzengeblieben war, konnte hier von einem in diesen Dingen sicherlich unbedingt kompetenten Redakteur also zumindest noch erfahren, warum er Minus gemacht hatte und wie sich das in Zukunft vielleicht vermeiden ließ ... Auf den Tag genau braucht keine Verkäufer, unsere Multiplikatoren sind unsere Sprecher, heute: Frank Riede.

Sep 21, 20238 min

Ep 1369Der schnellste Schwimmer der Welt

Wer sich am 20. September 1923 trotz der Inflation finanziell noch über Wasser halten konnte, hatte die Gelegenheit, für 600.000 Mark die Berliner Volks-Zeitung zu erwerben und dort Interessantes über die Pioniere des Wassersports zu erfahren. Sowohl Duke Kahanamoku aus Honolulu auf Hawaii, der die kürzeren Distanzen der Schwimmwettbewerbe mehrerer Olympischer Spiele dominierte und als einer der zentralen Propagatoren des modernen Surfens betrachtet wird, als auch der erste Mensch, der die 100 Meter unter einer Minute schwamm, werden erwähnt. Bei Letzterem handelt es sich um Johnny Weissmüller, der zehn Jahre später weltweit Ruhm erlangen sollte in seiner Rolle als Tonfilm-Tarzan - mit seinem halbgejodelten Tarzan-Schrei. Den gibt Paula Rosa Leu nicht zum besten, liest für uns aber über die schnellsten Schwimmer 1923.

Sep 20, 20239 min

Ep 1368Arnold Höllriegel über eine dramatische Sitzung des Völkerbundes in Genf

Ob mit seinen ortskundigen Reiseberichten aus Palästina, launigen Feuilletons aus dem Wiener Zoo oder bissigen Satiren über das faschistische Italien – Arnold Höllriegel ist ein so regelmäßiger wie gern gesehener Gast in unserem kleinen Podcast. Am 19. September 1923 hatte es ihn für das Berliner Tageblatt nach Genf verschlagen, wo er von einer durchaus dramatischen Sitzung des Völkerbundes wegen der italienischen Aggression gegen das griechische Korfu berichtet. „Dramatisch“ meint dabei zum einen den Ernst der politischen Lage. Zum anderen wird das Zusammentreffen der hohen Diplomaten dank Höllriegels feinsinniger Beobachtungsgabe aber auch zu einem spannungsvollen Bühnenspiel. An zwei Stellen enthält der Text zeittypische, heute aber als anstößig empfundene ethnophaulistische Formulierungen. Wir entnehmen ihn der allmittwöchlich erscheinenden Auslandsausgabe des Berliner Tageblatts, deren Preis von der galoppierenden Inflation in Deutschland mithin entkoppelt war. Er belief sich in der Tschechoslowakei beispielsweise auf 80 Kronen, in der Türkei auf 4 Pfund und in Uruguay auf 6 Peso oro. Es liest Frank Riede.

Sep 19, 20239 min

Ep 1367Wie es um Fiume alias Rijeka steht

Auf den Tag genau ist erkennbar ein Berliner Podcast, aber im ersten Jahr unseres Bestehens, 2020, haben wir gleichsam fast eine Außenstelle in Fiume alias Rijeka an der Kvarner Bucht unterhalten, wo Gabriele d’Annunzio 1920 sein präfaschistisches Unwesen trieb und es mit seinen Eskapaden entsprechend häufig auch in die Berliner Tageszeitungen schaffte. Drei Jahre später steht vor dem Faschismus in Italien kein ‘Prae-‘ mehr, d’Annunzio hat sich wegen politischer Missachtung schmollend in seine Villa am Gardasee zurückgezogen, aber der Status von Rijeka alias Fiume ist zwischen Italien und Jugoslawien noch immer umstritten. Die Vossische Zeitung – deren Preis soeben die Millionengrenze erreicht hatte – berichtet am 18. September 1923 vom aktuellen Stand der Spannungen um die Stadt, und auch wir haben unseren Korrespondenten Frank Riede deshalb wieder einmal an die obere Adria entsandt.

Sep 18, 202310 min

Ep 1366Der leere Lindentunnel

Nahverkehr und leere Tunnel? Da fällt uns der leere S-Bahn-Tunnel ein, in dem, während des sich hinziehenden Berliner Flughafenbaus, sogenannte Belüftungsfahrten mit leeren S-Bahnen stattfinden mussten. 1923 verursachte die schlechte Wirtschaftslage die Straßenbahnbetreiber dazu, einzelne Strecken aufzugeben. Dazu gehörte auch der Lindentunnel unter „Unter den Linden“, der 1916 fertiggestellt worden war, und nun schon wieder stillgelegt werden sollte. Heute ist der Tunnel zumindest teilweise zugeschüttet und untertunnelt von der U-Bahn-Linie 5, der Kanzlerlinie. Der Vorwärts vom 17. September, für 300.000 Mark zu erwerben, berichtet über den leeren Tunnel, Paula Rosa Leu liest.

Sep 17, 20234 min

Ep 1365Die betonte Linie - ohne Korsett

Hatte die Frauenbewegung bereits im Laufe des 19. Jahrhunderts gegen das Tragen eines Korsetts protestiert, flankiert von medizinischen Befunden, die gesundheitliche Schäden mit diesem Kleidungsstück in Verbindung brachten, so griff die Mode-Industrie erst nach dem Ersten Weltkrieg die Möglichkeit auf, eine korsettfreie Damenbekleidung zu entwerfen. In ihrem Lagebericht zu aktuellen Modetrends, abgedruckt in der Vossischen Zeitung vom 16. September 1923, stellt Margarete Caemmerer den Abschied vom Korsett an den Anfang. Was sonst noch in der Herbstsaison getragen wurde, oder nicht mehr getragen wurde, weiß Paula Rosa Leu. Wohl nicht zuletzt wegen der Beilage, aus der dieser Artikel stammt, kostete die Sonntagsausgabe der Vossischen 800.000 Mark.

Sep 16, 202310 min

Ep 1364Errichtung einer Diktatur in Spanien

Diejenigen Zeitungsleser:innen, die am 15 September 1923 das 8-Uhr-Abendblatt für mittlerweile schon 500.000 Mark erworben hatten, konnten von den neuesten einschneidenden Ereignissen in Spanien lesen. In Absprache mit König Alfonso XIII. proklamierte am 13. September Miguel Primo de Rivera eine rechtsgerichtete Diktatur in Spanien, die bis 1930 Bestand haben sollte. Der Putsch wurde mit der bis dahin mangelnden politischen Stabilität Spaniens begründet. Rivera starb 1930 in einer Klinik in Paris. Dennoch führt eine Linie von ihm zur faschistischen Diktatur Francos, da seine Kinder 1933 die faschistische Organisation Falange gründeten, auf die sich Franco 1937 wesentlich stützte. Frank Riede liest nun, wie der Berliner Leserschaft von der Machtübernahme in Spanien berichtet wurde.

Sep 15, 20239 min

Ep 1363“Finanzminister, nimm Geiseln!”

Die Berliner Morgenpost wird heutzutage gemeinhin eher dem gemäßigt konservativen Spektrum zugerechnet, und auch vor einhundert Jahren war sie mit Sicherheit kein kommunistisches Agitationsblatt. Die Forderung, die sie am 14. September 1923 erhob, klingt indes fast so. „Finanzminister, nimm Geiseln!“: Das war natürlich nicht wörtlich gemeint, der Vorschlag, die reichsten Menschen Deutschlands zumindest vorübergehend zu enteignen, um die Wetten auf Mark und Dollar zu beenden und so endlich die galoppierende Inflation zu bremsen, war jedoch kaum minder radikal und deutet an, wie dramatisch sich die ökonomische Situation längst gestaltete. Wie viele Menschen sich damals die Mopo, die selbst schon 500.000 Mark kostete, überhaupt noch leisten konnten, wissen wir nicht. Verbürgt ist allein, dass Paula Rosa Leu sie für uns gelesen hat.

Sep 14, 20238 min

Ep 1362Döblin, Heine und wir

Vom Alfred-Döblin-Platz in Berlin-Mitte zur Heinrich-Heine-Straße ist es nur ein Katzensprung, literaturhistorisch trennen den 1856 gestorbenen Heine und den 1878 geborenen Döblin hingegen mehrere Generationen. Was sie verband, ist außer der assimiliert-jüdischen Herkunft und der leidvollen Exilerfahrung mit Sicherheit auch ein waches politisches Bewusstsein, weshalb die Idee des Verlages Hoffmann und Campe, Döblin 1923 eine Vorrede zu einer Neuausgabe von Heines Versdichtungen „Deutschland“ und „Atta Troll“ verfassen zu lassen, extrem plausibel erscheint. Die Vossische Zeitung, für deren Morgenausgabe man am 13. September bereits 300.000 Mark aufwenden musste, druckte diese einleitenden Worte nach, für uns eingelesen hat sie Frank Riede.

Sep 13, 20236 min

Ep 1361Hakoah Wien triumphiert über West Ham United

First Vienna, Wiener Sportclub, Admira, Wacker, Austria, Rapid, ... – Wien hat fraglos viele lässige Fußballclubs mit fast immer bewegter Geschichte. Am allerbewegendsten ist vielleicht die vom SC Hakoah, dem jüdischen Verein aus dem zweiten Wiener Gemeindebezirk, der Leopoldstadt, der nicht nur 1925 erster österreichischer Profi-Fußballmeister wurde, sondern es bereits zwei Jahre zuvor mit einem einzigen Freundschaftsspiel zu internationaler Berühmtheit geschafft hatte: Gegner West Ham United spielte seinerzeit zwar nur in der zweiten englischen Liga. Der Sieg Hakoahs im Londoner Upton Park war jedoch überhaupt der allererste, der einem Team vom Kontinent gegen einen englischen Club auf der Insel gelang, und hätte insofern in jeder Höhe sporthistorische Bedeutung gehabt. Dass der Triumph der Wiener mit 5:0 gleich überaus deutlich ausfiel, machte das Ereignis freilich zu einer Sensation, von der die Tageszeitungen in ganz Europa, und auch in Berlin, ausführlich berichteten. Da das Berliner Tageblatt im Vorfeld natürlich keinen Korrespondenten entsandt hatte, druckte man hier einfach einen Artikel aus der Sportbeilage des Neuen Wiener Tagblattes nach, das die lokalen Helden in den höchsten, zum Teil etwas irritierend markig-militaristischen Tönen pries. Für uns tut dies Paula Rosa Leu.

Sep 12, 20238 min

Ep 1360Krise in Thüringen

Der Landtag von Thüringen hat schon so manche Turbulenz erlebt – es sei nur an die 28tägige Ministerpräsidentschaft von Thomas Kemmerich aus dem Jahre 2020 erinnert, der mit den Stimmen der AFD gewählt worden und unter enormem Druck sofort wieder zurüchgetreten war. 1923 regierten die SPD unter August Fröhlich zusammen mit der USPD als von der KPD tolerierte Minderheitsregierung seit beinahe zwei Jahren. Doch ein Scheitern dieses Modells stand unmittelbar bevor, wovon die Vossische Zeitung am 11. September berichtete. Wir entnehmen diesem Artikel, für dessen Lektüre bereits 300.000 Mark zu zahlen waren, dass auch damals das Hauptaugenmerk darauf lag, wie man eine Stärkung der NSDAP und der KPD verhindern könne – was uns wieder zur kommenden Wahl in Thüringen 2024 und den Umfragewerten der AFD führt. Es liest Frank Riede.

Sep 11, 20239 min

Ep 1359Vom Watzmann zum Königssee in Inflationszeiten

Stolze 150.000 Mark kostete der Berliner Lokal-Anzeiger am 10. September 1923 und auch alle sonstigen Lebenshaltungskosten stiegen weiterhin in atemberaubendem Tempo. So konnte es passieren, erfahren wir eben dort aus einem Bericht von Eva Gräfin von Baudissin, dass manche Familie am Bahnhof von Berchtesgaden ihre Rückreise aus dem Urlaub nicht mehr zu bezahlen vermochte. Die Autorin hat es weniger schwer getroffen, aber auch sie mag sich auf der Berghütte nur mehr die Erbsensuppe leisten, wo jede nächtliche Matratze überdies mittlerweile statt an eine an zwei Personen vermietet wird. Allein die spektakuläre Hochgebirgsnatur um Watzmann und Hochkalter lässt sich von den Abgründen der menschengemachten Inflation zu ihren Füßen naturgemäß nichts anhaben. Und doch schlägt sinnbildlich auch hier das sonnenklare Spätsommerwetter in unwirtlichen Dauerregen um. Für uns in die gute Stube im sicheren Tal gerettet hat sich Paula Rosa Leu.

Sep 10, 20237 min

Ep 1358Max Reinhardt zum fünfzigsten Geburtstag

Er gilt noch heute als einer der größten Theatermacher der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts und war auch zu Lebzeiten bereits eine Legende: Max Reinhardt hatte sich nach fortgesetztem Ärger 1920 aus Berlin zwar verabschiedet und in sein Salzburger Schloss Leopoldskron zurückgezogen, von wo er die dortigen, von ihm mitgegründeten sommerlichen Festspiele organisierte. Noch immer – und vielleicht sogar verstärkt – erinnerte man sich in der deutschen Hauptstadt indes seiner und nahm seinen 50. Geburtstag am 9. September 1923 zum Anlass, ihm die eine oder andere Eloge zu widmen. Im Berliner Börsen-Courier meldeten sich sogar gleich zwei Gratulanten zu Wort. Ob Max Reinhardts Zukunft in Berlin liege und die Zukunft der Theaterstadt Berlin bei Max Reinhardt – in dieser Frage waren sich Emil Faktor und Herbert Ihering, scheint’s, freilich wie so oft nicht ganz einig. Unsere Stimme der Kritik ist Frank Riede.

Sep 9, 20236 min