
Auf den Tag genau
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Ep 1557Versorgung der Kriegsversehrten
Eine der Herausforderungen der Kriegs- und Nachkriegszeit besteht in der Versorgung und Unterstützung von durch den Krieg gesundheitlich Versehrten. Diese Gruppe wurde in der Weimarer Republik auch als „Kriegsbeschädigte“ bezeichnet und litt besonders stark unter der Wirtschafts- und Finanzkrise des Jahre 1923. Der profilierte Sozialpolitiker der Deutschen Volkspartei Georg Streiter machte in den Altonaer Neuesten Nachrichten vom 22. August 1924 auf deren Lage aufmerksam. Er hatte im Ersten Weltkrieg als Krankenpfleger des Roten Kreuzes gearbeitet und engagierte sich auch außerhalb der Politik sein Leben lang in der Kriegsbeschädigten- und Hinterbliebenenfürsorge. In der Zeit des Nationalsozialismus schied er aus der Politik aus und arbeitet Hauptberuflich für das Rote Kreuz. Kurz vor dem Kriegsende wurde er unter noch nicht geklärten Umständen ins Konzentrationslager Ravensbrück verschleppt und dort ermordet. Über die Situation der „Kriegsbeschädigten“ im Jahre 1924 informiert uns Frank Riede.

Ep 1556Die Deutsche Malerei zwischen 1874 und 1924
Was die „Deutsche Malerei“ zwischen 1874 und 1924 ist, lässt sich gar nicht so genau beantworten und hängt von der herrschenden Kanonisierung ab. Daher ist es spannend, sich vergangene Bewertungen anzuschauen. Wie gut, dass im Jahre 1924 in München eine Ausstellung mit dem Titel „Die Deutsche Malerei in den letzten 50 Jahren“ gezeigt wurde, von der das Hamburger Fremdenblatt vom 21. August 1924 berichtete. Für das Blatt hatte der Kunsthistoriker Victor Dirksen diese Zusammenstellung besucht die dortige Auswahl reflektiert. Dirksen hatte in Berlin studiert und fand 1919 Anstellung als Assistent und wissenschaftlicher Mitarbeiter der Hamburger Kunsthalle. Und eigentlich erfahren wir dann doch mehr über die Vorlieben des Kunstkritikers, als über den Kanon des Museums, da dieser weite Teile der Moderne in seinem Bericht ausklammert. Rosa Leu liest für uns diesen 100 Jahre alten Rückblick.

Ep 1555Der “Parteitag” der Nationalsozialisten
Soll weiter ein gewaltsamer Umsturz gesucht werden, soll mit Parteien versucht werden die Wahlen zu gewinnen? Vor dieser Frage standen die völkischen und nationalsozialistischen Gruppierungen im Jahre 1924. Infolge des Hitler-Ludendorff-Putsches 1923 waren die NSDAP verboten und Hitler inhaftiert. In der Folgezeit gab es mehrere Bemühungen, etwa betrieben von Ludendorff, einzelne völkische Parteien und die Nationalsozialisten für die Wahlen zu Fraktionen zu verbinden, oder darüber hinaus eine völkische Sammelpartei zu etablieren. In diesem Kontext ist auch die Gründung der „Nationalsozialistischen Freiheitsbewegung“ zu betrachten, die sich auf einer völkischen Tagung in Weimar am 16. und 17. August versammelte. Der Bericht im Hamburger Fremdenblatt zeigt deutlich das Bemühen der diversen Gruppierungen um eine straff organisierte Partei nach dem Führerprinzip und legt zugleich auch die Uneinigkeit zwischen den einzelnen Machtgruppen offen. Tatsächlich war dieser Zusammenschluss, den Teile der Nationalsozialisten bei den Wahlen boykottierten, spätestens mit der Haftentlassung Hitlers Ende des Jahres und der anschließenden Wiederzulassung der NSDAP Geschichte. Es liest Frank Riede.

Ep 1554Besuch des Mexikanischen Präsidenten in Hamburg
Plutarco Elias Calles war im Juli 1924 zum Präsidenten von Mexiko gewählt worden. Zuvor hatte sich seine Fraktion im mexikanischen Militär in blutigen Kämpfen und Säuberungen durchgesetzt. Er sollte bis 1928 Präsident und bis zu seinem Tod 1945 die prägende Figur der mexikanischen Politik bleiben. Offensichtlich reiste er bereits einen Monat nach seiner Wahl und noch vor seinem Amtsantritt nach Europa und erreichte am 19. August Cuxhaven und anschließend Hamburg. Lesen wir den Artikel über seine Ankunft aus dem Hamburger Anzeiger von diesem Tage, so wird zum einen deutlich wie sehr sich die selbstbewusste Handelsstadt Hamburg als politisch-wirtschaftliche Größe sah, die unabhängig vom Reich Handelsverträge mit anderen Staaten abschloss. Zum anderen wird deutlich mit welchem Enthusiasmus der zum Held der Freiheit verklärte Calles empfangen wurde. Dies ging sogar soweit, dass andere Hamburger Zeitungen Begrüßungen in spanischer Sprache abdruckten. Vielleicht mag diese Begeisterung auch mit der im Artikel thematisierten Auswanderungsbewegung von Deutschland nach Mexiko zusammenhängen. Es liest Rosa Leu.

Ep 1553Die Berliner Presse über die Londoner Ergebnisse
Vossische Zeitung, Berliner Lokal-Anzeiger, Berliner Börsen-Courier – langjährigen Hörerinnen und Hörern dieses Podcast dürften diese Namen noch sehr geläufig sein. Dass sie es heute gleich in Mannschaftsstärke in das Programm von Auf den Tag genau geschafft haben, läutet keine Rückkehr nach Berlin ein, sondern ist dem Umstand geschuldet, dass man in Hamburg zwar seine eigenen Zeitungen las, diese in begründeten Fällen aber durchaus ein Auge darauf warfen, wie die Hauptstadtpresse bestimmte Entwicklungen kommentierte. Konkreter Anlass für die Presseschau im Hamburgischen Correspondenten vom 18. August 1924 waren die Resultate einer Londoner Konferenz, die sich mal wieder um Einigkeit in Kriegsreparationsfragen bemühte. Dass die regierungsnahen Organe wie der sozialdemokratische Vorwärts, die Zentrums-Parteizeitung Germania oder das liberale Berliner Tageblatt das deutsche Verhandlungsergebnis positiver bewerteten als die Blätter des nationalkonservativen bis völkischen Lagers, vermag wenig zu überraschen. Es liest Frank Riede.

Ep 1552Unpolitische Bilder
Immer wieder schaffen wir bei Auf den Tag genau auch Platz für ein besonders Zeitungsgenre mit langer Tradition: den „fait divers“. Im Falle des Hamburgischen Correspondenten heißt diese Rubrik „Unpolitische Bilder“. Die Nachrichten sind zwar nicht ganz so kurz wie die Dreizeiler der prägenden Größe dieser Form aus dem fin de siecle, Felix Feneon, besitzen aber eine enorme Bandbreite von unscheinbaren Randnotizen bis zu Neuigkeiten rund um die Großen der Geschichte. Rosa Leu informiert uns also aus der Ausgabe vom 17. August 1924 unter anderem über Scheidungen in Ungarn und über eine heimwehkranke Kuh.

Ep 1551Reims nach der Zerstörung
Die sogenannte deutsch-französische ‘Erbfeindschaft‘ – in den frühen Jahren der Weimarer Republik stand sie in schrecklicher Blüte. Spätestens seit der französischen Ruhrbesetzung im Frühjahr 1923 fungierte Franzosenhass als kleinster gemeinsamer politischer Nenner bis weit in die bürgerliche Mitte und brach sich nahezu täglich auch in ungezählten Zeitungsartikeln Bahn. Nach anderen Erzählungen über Frankreich muss man selbst in der sozialdemokratischen Presse eher suchen – aber am 16. August 1924 wurden wir im Hamburger Echo fündig! Der Autor Kurt Lenz blickt dort nach Reims und erinnert nicht nur an die brutale Zerstörung dieser alten französischen Krönungsstadt durch deutsche Truppen zu Beginn des Ersten Weltkrieges. Er berichtet auch über den mühseligen Wiederaufbau – und trifft hier auf erstaunlich wenig anti-deutsches Ressentiment. Es liest Frank Riede.

Ep 1550Der Film im Jahre 2024
Es lohnt sicherlich, die Vorgeschichte des Kinos und die Entwicklung der Kinematografie selbst nicht teleologisch als logische Entwicklung bis zum heutigen 3D-Kinospektakel zu betrachten. Es waren sicherlich an jeder Stelle mögliche andere Entwicklungen angelegt. Einer der großen Stummfilmregisseure, ein Pionier der Filmmontage, ist David W. Griffith, der zugleich auch zu den problematischsten Filmemachern der Epoche zählt, da sein wohl bedeutendster Film „Birth of a Nation“ ein zutiefst rassistisches Werk ist, das den Ku-Klux-Klan heroisiert. Das Hamburger Fremdenblatt vom 15. August druckte seinen Blick 100 Jahre in die Zukunft des Filmes, also auf den Film 2024 ab. Rosa Leu führt uns in diese alternative Jetztzeit.

Ep 1549Mit Rosa Schapire in Jerusalem
Rosa Schapire stammte (wie Joseph Roth) aus Brody in Galizien, war promovierte Kunsthistorikerin und lebte seit 1905 in Hamburg, wo sie sich als Übersetzerin und Autorin betätigte und unter anderem in vielfältigem Austausch mit Protagonisten der Künstlergruppe ‘Brücke‘ stand. Daneben unternahm sie ausgedehnte Reisen, die sie 1924 auch ins Heilige Land führten. Ganz modern mit dem Zug aus Ägypten traf sie in Jerusalem ein und fand eine flirrend-multikulturelle Stadt vor, in der ihr die Weltgeschichte aus jedem Stein entgegenblickte, sie zumindest untergründig aber auch auf sich neu ankündigende große Konflikte stieß. Herausgekommen ist das ungeheuer lebendige Porträt einer faszinierend vielgestaltigen Stadt, das das Hamburger Fremdenblatt am 14. August 1924 veröffentlichte. Auf die Spuren von Rosa Schapire in Jerusalem begibt sich für uns Frank Riede.

Ep 1548Amerika vor dem Wahlkampf
Während alle Augen auf die diesjährige Präsidentschaftswahl in den USA gerichtet sind, lenken wir kurz die Aufmerksamkeit auf die entsprechende Wahl vor 100 Jahren, als bei der 35. Wahl des Präsidenten der Republikaner Calvin Coolidge gegen den demokratischen Kandidaten John W. Davies antrat. Coolidge hatte 1923 nach dem Tod von Warren G. Harding das Präsidentenamt übernommen und sollte diese Wahl haushoch mit 362 Wahlleuten gewinnen. Natürlich waren die beiden Parteien gänzlich anders aufgestellt als heute, und die politische Landkarte ebenfalls weit weg vom heutigen Stand, was die Siege des Demokraten im heute traditionell tiefroten Südosten des Landes belegen. Was den politischen Umgangston angeht, lassen sich schon eher Parallelen finden, wenn wir der Einstimmung eines gewissen Dr. Friedrich Glaser auf den amerikanischen Wahlkampf aus dem Hamburgischen Correspondenten vom 13. August 1924 folgen, die Rosa Leu für uns liest.

Ep 1547Hamburg feiert den Verfassungstag
Fackelzüge genießen im demokratischen Deutschland aus bekannten Gründen keinen besonders guten Ruf. Die Bilder der Nazis vor dem Brandenburger Tor vom 30. Januar 1933 haben sich tief im kollektiven Gedächtnis eingebrannt und entsprechende Umzüge seither zumindest in politischen Zusammenhängen unter Verdacht gestellt. Selbst die Verwendung von Fackeln im militärischen Rahmen Großer Zapfenstreiche wird vor diesem Hintergrund immer wieder kritisiert. Dass die politische Konnotierung in der Weimarer Republik noch eine ganz andere war und man sich im Feuerschein seinerzeit auch eben zu dieser Republik bekennen konnte, entnehmen wir dem heutigen Artikel aus dem Hamburger Fremdenblatt vom 12. August 1924. Am Vortag hatte sich zum fünften Mal die Unterzeichnung der Weimarer Reichsverfassung gejährt, und dieses Jubiläum nahm man in Hamburg, und mutmaßlich nicht nur dort, zum Anlass, die Errungenschaften der demokratischen Revolution nicht nur mit Musik und Reden, sondern auch mit etwas Pyrotechnik zu feiern. Zwischen Mönckebergstraße und Binnenalster umgesehen hat sich für uns Frank Riede.

Ep 1546Ruth Fischer empfiehlt eine russische Antwort
Die Hamburger Volkszeitung war seit 1920 das Blatt der Kommunistischen Partei in der Hansestadt. Entsprechend wenig erstaunlich ist es, dass im heutigen Bericht vom 11. August 1924 über eine neuerliche Konferenz zwischen Deutschland und den Siegermächten über die Frage der Kriegsreparationen weder Zentrums-Kanzler Marx, noch Außenminister Stresemann von der DVP, noch die Regierungspolitiker der bürgerlichen Demokratien England und Frankreich wirklich gut wegkommen. Das politische Vorbild – die Überschrift „Russisch antworten“ macht es deutlich – sitzt natürlich in Moskau, wo die Sowjetführung es im Unterschied zu der deutschen Regierung angeblich verstehe, Handelsverträge mit den Westmächten zu ihren Bedingungen aufzusetzen. Interessant an diesem Artikel ist außer der alten Frage „Wie hältst du es mit dem großen Nachbarn im Osten?“ auch die Autorin: Ruth Fischer, ältere Schwester des Komponisten Hanns Eisler, war eine der prominentesten Vertreterinnen des sogenannten linken KP-Flügels und ab 1924 sogar kurze Zeit Parteivorsitzende. Als solche trieb sie eine Bolschewisierung der Partei voran, überwarf sich allerdings bald schon mit Stalin und wurde aus der KPD ausgeschlossen. Von Nationalsozialisten wie Stalinisten erbittert bekämpft, lebte sie später in französischem und US-amerikanischem Exil. Es liest Rosa Leu.

Ep 1545Anna Geyer: Politische Frauenrechte 1919 bis 1924
Anna Geyer, geboren 1893 in Frankfurt am Main, war eine sozialistische Politikerin und Journalistin. Ihr politischer Weg führte über die USPD, die Leipziger Stadtverordnetenversammlung und die Sächsische Volkskammer, die VKPD, dem Zusammenschluss des linken Flügels der USPD und der KPD, wieder die USPD, und schließlich bis zur Mitgliedschaft in der SPD im Herbst 1922. In der Sozialdemokratie war sie in frauenpolitischen Fragen aktiv. Dem entspricht, dass wir im Zeitungsorgan der SPD, dem Hamburger Echo vom 10. August 1924, ihr Resümee zur Lage der Frauenrechte 1919 bis 1924 finden, verfasst anlässlich des 5jährigen Jubiläums der Unterzeichnung der Weimarer Verfassung am 11. August 1919. Anna Geyer floh 1933 über die Tschechoslowakei, Frankreich und Portugal in die USA, wo sie 1973 verstarb. Es liest Rosa Leu.

Ep 1544Haben wir Geschwister auf den Sternen?
Die Frage, ob wir Erdlinge als Lebewesen ganz allein im All kreisen oder es irgendwo anders noch extraterrestrisches Leben gibt, beschäftigt das menschliche Denken wenn nicht seit seinen Anfängen, so doch zumindest seit denen des heliozentrischen Weltbildes. Vor einhundert Jahren waren die Überlegungen dazu nicht länger esoterische Spekulation, sondern zunehmend auch Gegenstand wissenschaftlicher Überlegungen. Vor dem Hintergrund einer bevorstehenden interessanten Konstellation von Erde und Mars fasste die Bergedorfer Zeitung am 9. August 1924 die Erkenntnisse, die man damals zu haben glaubte, für ihr Publikum zusammen – und formulierte dabei einige Gewissheiten, die heute bei Astrophysikerinnen und Astrophysikern wohl doch eher Schmunzeln auslösen würden. Für uns fliegt Rosa Leu ins All.

Ep 1543Der Stand der Verhandlungen in London
Seit dem 1. August sendet Auf den Tag genau nicht mehr Artikel aus Berliner, sondern aus Hamburger Tageszeitungen, aber gelegentlich lassen wir bei dieser Verabredung auch Fünfe gerade sein. So wenig nämlich Harburg (siehe der Text von gestern) und vollumfänglich auch Bergedorf (Spoiler: der Text von morgen) 1924 zu Hamburg gehörten, galt das auch für Wandsbek, dessen traditionsreiche Zeitung, der Wandsbeker Bote, sich damals im Untertitel nicht von ungefähr Stormannsche Nachrichten nannte. Der Leitartikel am 8. August 1924 blickte indes weit über holsteinische wie hanseatische Kreis- respektive Stadtgrenzen hinaus in die britische Hauptstadt London, wo seit dem 16. Juli mal wieder über die deutschen Reparationszahlungen an die Siegermächte gerungen wurde. Über den seinerzeitigen Stand der Verhandlungen auf dem Weg zu dem nach dem amerikanischen Vizepräsidenten benannten Dawes-Plan informiert uns Frank Riede.

Ep 1542Das Wachstum des Luftverkehrs
Zu den wenigen Hamburger Tageszeitungen, die Drittes Reich und Zweiten Weltkrieg überlebten, zählten die Harburger Anzeigen und Nachrichten. Bis 2013 erschien dieses 1844 gegründete Blatt und war damit zum Schluss das älteste seiner Art in Hamburg. Für 1924 trifft die politische Zuordnung „in Hamburg“ natürlich noch nicht zu, denn Harburg gehörte damals bekanntlich zu Preußen, und so nimmt es denn auch kein Wunder, dass in unserem heutigen Bericht vom 7. August über das Wachstum des Luftverkehrs dreimal von Berlin und sogar fünfmal von London die Rede ist, der Name der Freien und Hansestadt vor den Toren Harburgs aber kein einziges Mal vorkommt. Den richtigen Riecher, was die Bedeutung des Flugzeugs als Verkehrsmittel der Zukunft angeht, hat der Artikel gleichwohl. Für uns in die Luft geht Rosa Leu.

Ep 1541Großstadt Hamburg - Eine Statistik
Wie sah das Hamburg des Jahres 1924 aus? Eine Antwort liefert nach und nach unser Podcast, es gibt traditionell aber auch eine Annäherung über Zahlen und Statistiken. Ein Pionier dieses Weges war Prof. Dr. Sköllin, der Direktor der Statistischen Landesamtes Hamburg, der jeden Monat Zahlen und Tabellen zu Hamburg veröffentlichte. Der Hamburger Anzeiger vom 6. August 1924 gibt uns eine gebündelte Zusammenfassung des Statistischen Monatsheftes Juni und wir erfahren die unterschiedlichsten Fakten über die Stadt – von der Einwohnerzahl, über die Anzahl der ausgeliehenen Bücher in der Staatsbibliothek, deren Digitalisate wir für diesen Podcast nutzen, bis zur Quote der unehelichen Kinder. Frank Riede führt uns durch die Zahlen.

Ep 1540Neues Programm im Circus Busch
Eines der großen Zirkus-Unternehmen Deutschland ist zweifelsfrei der 1884 gegründete Zirkus Busch. Im Jahre 1924 unterhielt das vom Gründer Paul Vincenz Busch und seiner Tochter Paula geführte Zirkusunternehmen feste Spielstätten in Hamburg, Berlin, Wien und Breslau. Die Zeitungen berichteten regelmäßig über die neuen Programme, neue Attraktionen des Hauses Busch. Am 5. August 1924 erfahren wir also im Hamburgischen Correspondenten, was man für den Eintrittspreis geboten bekam. Rosa Leu war für uns bei der Aufführung dabei.

Ep 1539Jüdische Soldaten im Ersten Weltkrieg - eine Gedenkveranstaltung
Die Grenzen zwischen einer nationalkonservativen, in weiten Teilen republikskeptischen Rechten und den republikfeindlichen völkischen Extremisten waren in der Weimarer Republik bisweilen fließend, aber an einigen Unterscheidungsmerkmalen lange Zeit doch relativ zuverlässig zu erkennen. Der bereits seit 1724 unter diesem Namen firmierende Hamburgische Correspondent stand in Weimarer Zeit der nationalliberalen Deutschen Volkspartei nahe und rührte etwa in Fragen der Bewertung des Versailler Friedensvertrages oder der französischen Ruhrbesetzung immer wieder kräftig die patriotische Trommel. Was in diesem Blatt aber keinen Platz hatte, waren völkischer Rassismus und Antisemitismus. Ganz in diesem Sinne findet sich unter den zahlreichen Artikeln zum zehnten Jahrestag des Beginns des Ersten Weltkriegs am 4. August 1924 auch ein Bericht über eine jüdische Gedenkveranstaltung zu diesem Thema, der an die große Zahl deutscher Juden erinnert, die in den Krieg gezogen und in ihm zu Tausenden auch gestorben waren. Es liest Rosa Leu.

Ep 1538Von den Tiefen des Meeres bis zur Bratfischküche
Mit unserem Umzug zu den hamburgischen Quellen ist zu erwarten, dass bestimmte Themen mehr Präsenz bei Auf den Tag genau bekommen. Besonders der maritime Bereich kommt einem da in den Sinn. Und tatsächlich führt uns unser heutiger Artikel von den „Tiefen des Meeres“ bis in die „Bratfischküche“ und beschriebt den Weg der Fische von den Fischgründen über die Fischkutter bis auf den Teller. Verfasst hat ihn ein Dr. Nicolaus Peters, der wohl identisch ist mit dem 1900 geborenen, späteren Kustos des Zoologischen Museums Hamburg, für das Hamburger Echo vom 3. August 1924. Das Hamburger Echo ist die sozialdemokratische Zeitung der Hansestadt, sozusagen der Hamburger Vorwärts. Der Autor beschäftigt sich aber nicht nur mit den Vorgängen der Fischverarbeitung, sondern hat auch die Verbindung von Kosten und Nährwert für breitere Bevölkerungsschichten im Blick. Frank Riede ist für uns mit den Fischern zur Wiking-Bank ausgefahren.

Ep 1537Aus dem Hamburger Zoo
Die Wirtschaftskrise des Jahres 1923 hatte nicht nur für unzählige Bürger*innen der Weimarer Republik verheerende Folgen, sie führte auch zu existentiellen Überlebenskämpfen von Kultureinrichtungen und öffentlichen Institutionen. So führten die Journalist*innen des Jahres 1924 eine Art Bestandsaufnahme durch, in welchem Zustand sich einzelne Einrichtungen im Sommer 1924 befinden. Das liberale Hamburger Fremdenblatt suchte zu dem Zweck für ihre Ausgabe vom 2. August den Hamburger Zoologischen Garten auf, und berichtete von der dort noch erhaltenen Artenvielfalt und von den aktuellen Besucherzahlen. Dabei fällt aus heutiger Sicht auf, wie nüchtern die „Ware“ Tier und ihre Überlebenswahrscheinlichkeit gehandelt wurde. Für uns war Rosa Leu im Hamburger Zoo.

Ep 1536Der Verlust aller Sicherheiten - Zum zehnten Jahrestag des Ersten Weltkriegs
Als sich die Großmächte 1914 in den Ersten Weltkrieg manövrierten, war die Kriegsbegeisterung zumindest in Deutschland groß, und nicht wenige gingen fest davon aus, siegreich schon Weihnachten wieder bei ihren Familien zu sein. Die Wirklichkeit sah bekanntlich anders aus. Viele Freiwillige ruhten zum „Fest“ bereits in flandrischer Erde. Der Krieg stürzte einen ganzen Kontinent in Leid und Depression, und das in den Folgen weit über sein Ende 1918 hinaus. So klingt der Gedenkartikel von Ludwig Bauer zum zehnten Jahrestag des Kriegsbeginns im linksliberalen Hamburger Anzeiger vom 1. August 1924 denn auch in keinem Moment wie die Auseinandersetzung mit einem Stück Vergangenheit. Die ‘Welt seither‘ ist in dieser Perspektive vielmehr ein großes Kontinuum, als dessen bedrückendes Kennzeichen im Unterschied zu der ‘Welt von gestern‘ eine tiefgreifende Verunsicherung, die bis in die Gegenwart reichende Verlusterfahrung aller Gewissheiten bestimmt wird. Das Bild vom Ersten Weltkrieg als der Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts – gelesen von Frank Riede wird es hier greifbar.
Ep 1535Ende der Sendepause und Ausblick
Liebe Freundinnen und Freunde von „Auf den Tag genau“, liebe neu dazugestoßene Hörer*innen, als wir Ende Februar in die Sendepause gegangen waren, dachten wir, wenn wir ehrlich sind, nicht daran, dass wir so schnell wieder auf Sendung sein würden. Wenn man erst einmal aus dem täglichen Produktionsrhythmus raus ist, würde es schwerfallen, wieder einzusteigen – war unsere Überlegung. Aber wir haben die Rechnung ohne die Begeisterung und das Engagement der Akademie der Wissenschaften in Hamburg für unser besonderes Podcast-Format gemacht. Die hat bei anderen Hamburger Institutionen angeklopft – und wir sind wieder losgezogen, diesmal in die Archive, in denen die Hamburger Tageszeitungen schlummern. Eine besonders gute Anlaufstelle ist das Archivportal „Hamburger Zeitungen Digital“ der Staats- und Universitätsbibliothek Hamburg Carl von Ossietzky. Jetzt ist es so weit. Morgen gehen wir wieder täglich auf Sendung. Und das mindestens bis März 2025. Neben unserer Kooperationspartnerin, der Akademie der Wissenschaften in Hamburg, unterstützen uns dabei auch die ZEIT-Stiftung (Ebelin und Gerd) Bucerius, die Landeszentrale für politische Bildung Hamburg und die Hapag-Lloyd Stiftung. Vielen Dank! Der August ist produziert und wird uns mit den Fischkuttern aufs Meer führen, auf einen Besuch in den Zoologischen Garten Hamburgs mitnehmen, sich mit den Frauenrechten im Jahr 1924 beschäftigen und das Jubiläum der Weimarer Verfassung feiern. Mal sehen, wohin die „Auf den Tag genau“-Reise durch Hamburg und die Welt vor 100 Jahren uns noch führen wird. Jetzt aber erst einmal: bis morgen!"
Ep 1534Zwischenspiel II: Die vergangene Zukunft der Energiewirtschaft
Liebe Freund*innen von Auf den Tag genau. Wir melden uns mit einer weiteren Zwischenfolge auf dem Weg zu unserem Sommerprogramm aus Hamburg. Wir schauen uns schon in der Hamburger Presse des Jahres 1924 um und sind auf einen Artikel gestoßen zur Energiewirtschaft der – so kann man sagen – vergangenen Zukunft. Ernst Trebesius schildert hier im sozialdemokratischen Hamburger Echo vom 15. Juni seine Vision von den Energierevolutionen bis zum Jahre 1949. Dieser hochspekulative und doch recht unwissenschaftliche Artikel ist ein beredtes Zeugnis davon, dass die Suche nach einer sauberen und umfangreiche Mobilität garantierenden Energie schon in den 20er Jahren präsent war. Die Elektroautos hat Trebesius auf dem Schirm, sein Gedanke, dass sich ganz ähnlichen den Radiowellen, Strom kabellos und verlustfrei übertragen ließe ist gelinde gesagt gewagt. Paula Rosa Leu liest für uns den Blick auf die Energiewirtschaft.
Ep 1533Zwischenspiel: Gute Nachrichten und Drahtlose Begebenheit
Liebe Freundinnen und Freunde von Auf den Tag genau, wir haben gute Nachrichten zu vermelden: Im August beginnt unsere Kooperation mit der Akademie der Wissenschaften in Hamburg. Wir werden also ab dem 1. August - zumindest für 2 Monate - wieder täglich senden. Am Konzept ändert sich nichts, nur dass wir die Weimarer Republik und die Welt vor 100 Jahren nun durch die Zeitungsartikel der Hamburger Presse erleben werden. Also macht Euch langsam bereit, hört bis dahin unser Archiv durch und verfolgt unseren Kanal hier, wir werden Euch hin und wieder die Wartezeit verkürzen..so wie heute: Alles rauscht, rumpelt, schreit und wuselt in der Podcastlandschaft, und dennoch fehlt etwas, ist unser Schweigen spürbar. Ein Autor, der regelmäßig in unserem Podcast auftritt, ist der Wiener Arnold Höllriegel. Am 26. April 1924 schrieb er eine kleine Glosse in der Abendausgabe des Berliner Tageblatts, in der es um die Interferenzen und Überlagerungen der Radiosendestationen geht. Alle senden, alle funken, die Welt kommuniziert – für Höllriegel geht dabei aber auch was verloren… Frank Riede liest für uns diesen charmanten Text, der eine beinahe zeitlose Kritik an den neuen Kommunikationsmedien enthält.
Ep 1532Sendepause
Ihr lieben Hörerinnen und Hörer von Auf den Tag genau, Ihr hört die vorerst letzte Folge unseres Podcasts. Leider konnten wir den täglichen Produktionsrhythmus nicht aufrechterhalten. Wir blicken mit dem ganzen erweiterten Team und den Unterstützer*innen aber auf eine tolle Zeit der Zeitungslektüre zurück. 50 Monate lang, täglich eine Folge! Lediglich für den Ostermontag 1920 haben wir keine Folge aufgezeichnet. Insgesamt hat unser Audio-Mosaik der Weimarer Republik aktuell 1530 Folgen und ebenso viele Anmoderationen, Frank und Rosa haben jeweils also ca. 760 Artikel eingelesen. Wir dürften gut 204 Stunden Audiomaterial produziert haben. In den Abbindern von über 1000 Folgen habe ich mich auf die Suche nach der neuen Variante eines Mitmach- oder Spendenaufrufs gemacht – womit wir bei den Danksagungen wären. Wir danken Rosa und Frank für ihre jahrelange Begeisterung für Auf den Tag genau. Mit ihren Stimmen haben Sie den Podcast zu dem gemacht, was er ist. Wir danken Meike, Stefan, Delilah, Thomas, Steffen, Zoe, Martin, Andreas, Stephanie, Toby, Cristina, Ralf, Sabine und Jutta. Ohne Euch hätten wir die Berge an Transkriptionen von teilweise schlecht gedruckten Zeitungsseiten nicht bewältigen können. Ihr wart klasse. Ganz besonderer Dank gilt Merle, die in ihrer Freizeit sehr schön und erfolgreich unseren Insagram-Account kreiert und bespielt hat. Last but not least danken wir Euch Unterstützer*innen, die die Webseite, den Podcasthoster und den Email-Account finanzierten. Euch allen herzlichen Dank und natürlich: Allen Hörer*innen, vielen Dank für Eure Treue! Wir schauen immer noch, ob wir nicht Wege finden, die Produktion in der nächsten Zeit wieder aufzunehmen. Sobald es was Spruchreifes gibt, erfahrt ihr es auf diesem Kanal. Sollte aber jemand von Euch über einen potentiellen Kooperationspartner stolpern, meldet Euch. Unser Email-Account [email protected] bleibt aktiv. Und damit verabschieden wir uns in die Pause. Und ich sage zum ersten Mal nach 4 Jahren nicht „Bis morgen!“, sondern „Bis Bald“
Ep 1531Folge 1531: Sprechstunde beim Rundfunkarzt
Willkommen bei der vorerst letzten Folge von Auf den Tag genau. Mit dem rasant zunehmenden Erfolg des „Unterhaltungs“-Rundfunks in den 20er Jahren, war zum ersten Mal ein komplexes technisches Gerät notwendig, um an diesem werdenden Massenmedium teilzuhaben. Benötigte man für die Rezeption einer Zeitung die Kulturtechnik des Lesens, so war man fürs Radio-Hören von einem funktionierenden Empfänger abhängig. Wo gab es Hilfe bei defekten Geräten? Wo gab es Antworten auf Fragen rund um die Positionierung der Antenne? Nicht unähnlich von heutigen Reparatur-Cafés hielt ein Techniker im Berlin des Jahres 1924 kostenfrei Sprechstunden, in denen er geduldig Fragen beantwortete und Geräte reparierte – und von diesem „Rundfunkarzt“ berichtete die Vossische Zeitung vom 29. Februar. Paula Rosa Leu hat ihn für uns besucht. Einen „Podcastarzt“ müsst ihr nicht aufsuchen, wenn es ab morgen zunächst keine weiteren Folgen Auf den Tag genau gibt. Es liegt nicht an Euren Geräten, es liegt daran, dass wir eine Pause machen. Wir verabschieden uns also vom Jahr 1924, von Euch, danken für Eure Treue und freuen uns auf ein Wiederhören.
Ep 1530Hitler vor den Richtern
Auch nach dem gescheiterten Putsch in München vom 9. November 1923 wurde Adolf Hitler von weiten Teilen der deutschen Öffentlichkeit noch immer eher als Lachnummer, denn als ernsthafte Gefahr für die Republik angesehen. Arno Voigt, der Beobachter der Berliner Volks-Zeitung, der für diese am 28. Februar 1924 vom Hitler-Prozess aus München berichtete, war diesbezüglich deutlich hellsichtiger. Nicht nur erkannte er, dass es sich bei Hitlers erstem Auftritt vor den Richtern dem Gestus nach um keine Verteidigungsrede, sondern einen vierstündigen Angriff auf die Grundfesten der Verfassung handelte. Er ahnte auch, welche Gefahr von dem Fanatismus dieses Mannes und seiner Fähigkeit, mit diesem ansteckend zu wirken, ausgehen würde. Es liest Frank Riede.
Ep 1529Zum Beginn des Hitler-Prozesses
Am 26. Februar 1924 war es soweit: Vor dem bayerischen Volksgericht beim Landgericht München I begann der Hochverratsprozess gegen Adolf Hitler, Erich Ludendorff und acht Mitangeklagte wegen des versuchten Staatsstreiches gegen die Republik vom 9. November des vergangenen Jahres. Nicht angeklagt wurden der bayerische Generalstaatskommissar Gustav von Kahr, der Landeskommandant der Reichswehr in Bayern Otto von Lossow und der Chef der Bayerischen Landespolizei Hans von Seißer, die in die Putschpläne ursprünglich eingeweiht, in dessen Verlauf jedoch abgesprungen waren. Ihre Rolle war es jedoch, die an den ersten Prozesstagen im Mittelpunkt der Verhandlungen stand; wobei die überforderten oder unwilligen Laienrichter es zuließen, dass Hitler und seine Mitstreiter diese „Zeugen“ teilweise von der Anklagebank aus selbst in der Art von Anklägern verhörten. Der Gerichtsreport des Berliner Tageblattes vom 27. Februar konzentriert sich dabei vornehmlich auf die Aussagen des Angeklagten Friedrich Weber, der sich als Leiter eines Freiwilligenkorps am Hitlerputsch beteiligt hatte. Es liest Frank Riede.
Ep 1528Im Zuge auf die Zugspitze?
Die Idee, eine Bahn auf die Zugspitze hinauf zu bauen, bestand seit dem Ende des 19. Jahrhunderts und scheiterte wiederholt an mangelnder Finanzierung und/oder mangelnder Zustimmung seitens der Politik. Auch Anfang des Jahres 1924 gab es neue Bemühungen die Geldmittel für ein solches Bauvorhaben zusammenzutragen – der Verfasser des Artikels aus dem 8-Uhr-Abendblatt vom 26. Februar war sich aber ganz sicher, dass auch dieser Versuch scheitern würde, was er schon im Untertitel „Projekte, die immer wieder scheitern“ zu erkennen gab. Tatsächlich sollte allerdings auf österreichischer Seite noch im selben Jahr mit dem Bau einer Seilbahn begonnen werden, die als Tiroler Zugspitzbahn 1926 fertiggestellt wurde. Die erste Bahn von bayerischer Seite aus wurde 1930 eröffnet. Paula Rosa Leu gibt uns also Einblick in die komplizierten technischen und finanziellen Fragen rund um eine Bahnfahrt zur Zugspitze - wenngleich das große Thema an diesem Tag in allen Zeitungen der Beginn des Hitler-Ludendorff-Prozesses war. Da wir in den kommenden zwei Tagen von diesem berichten werden, holen wir heute noch frische Luft in den Alpen.
Ep 1527Noch einmal nach Italien
Von den Kimbern und Teutonen über Johann Wolfgang von Goethe und Johann Gottfried Seume bis zu Andreas Brehme und Lina Magull hat Italien auf Deutsche von jeher eine magische Anziehungskraft ausgeübt. Auf den Tag genau ist diesbezüglich nie eine Ausnahme gewesen, sondern in zahlreichen Folgen immer wieder über den Brenner an den Gardasee, nach Rom und bis nach Sizilien gereist. Auch heute begeben wir uns noch einmal auf Grand Tour und folgen der Germania, der Parteizeitung des Zentrum, vom 25. Februar 1924 durch die Toskana Richtung Ewige Stadt. Angesichts der politischen Ausrichtung des Blattes überrascht es nicht, dass die Pilgerreise im Vatikan endet; eher schon, wie wenig kritisch die Aufmärsche des italienischen Faschismus in dem Artikel betrachtet werden. Autor war der Kunsthistoriker Oscar Gehrig, der nach dem Zweiten Weltkrieg kurzzeitig Leiter der Karlsruher Kunstakademie werden sollte. Florenz, Siena, Rom und ihre Kulturschätze besichtigt für uns Paula Rosa Leu.
Ep 1526Das neue Prag
Erst kürzlich waren wir mit der Vossischen Zeitung und ihrer Artikel-Serie „Das Gesicht der großen Stadt“ in Wien. Und mit der Ausgabe vom 24. Februar reisen wir heute ca. 250 Kilometer in nordwestlicher Richtung weiter und werfen einen Blick auf Prag. Wer aber jetzt eine Betrachtung über das gotische oder das barocke Prag oder gar eine Aufzählung der Sehenswürdigkeiten erwartet, wird enttäuscht werden. Die „Goldene Stadt“ war 1918 zu der Hauptstadt eines selbständigen Staates geworden und stand vor der enormen Herausforderung, Behörden unterzubringen, Infrastruktur auszubauen und den zwangsläufigen Bevölkerungswachstum zu ermöglichen. Doch dies ist nicht der einzige Inhalt des Berichtes von Wilhelm Neumann, er betrachtet auch die symbolische Umwandlung der Kapitale: Die etwa auf Straßenschildern stattfindende „Entösterreichisierung“. Frank Riede war für Auf den Tag genau auf einen Abstecher in Prag.
Ep 1525Eine Winterfahrt im Freiballon
Hugo von Abercron gilt als einer der berühmtesten Vertreter der deutschen Freiballonfahrt. Sohn eines dänisch-deutschen Adelsgeschlechts absolvierte er eine hochdekorierte Militärkarriere, während der er sich vor allem bei den Kämpfen um Verdun im Ersten Weltkrieg auszeichnete. Im Oktober 1899 hatte man ihn zum Luftschiffer-Bataillon in Berlin Lichterfelde abkommandiert – und fortan wuchs in ihm die Begeisterung für die Ballonfahrt. Bereits 1900 begann er als Freiballonführer aufzusteigen und hielt mit über 500 Fahrten Ende der 20er Jahre den Rekord an Aufstiegen. Bei allem Respekt für den Pioniergeist, darf nicht unerwähnt bleiben, dass er 1932 in die NSDAP eintrat und während der Diktatur verschiedene Positionen inne hatte, etwa als Leiter des Instituts für volkstümliche Naturkunde URANIA in Berlin. Am 23. Februar 1924 berichtete im Berliner Lokal-Anzeiger ein Kurt von Scheven von seinem winterlichen Freiballonflug mit Hugo von Abercron. Paula Rosa Leu hat sich auch ganz furchtlos in den Ballonkorb begeben.
Ep 1524Wie Alfred Kerr fast verprügelt wurde
Alfred Kerr war im Berlin der Zwischenkriegszeit der wahrscheinlich prominenteste deutsche Theaterkritiker und entsprechend häufig auch schon als Autor hier im Podcast zu Gast. Heute tritt er hingegen in eher ungewohnter Rolle auf, nämlich als vorgesehenes Opfer eines tätlichen Angriffs, der nur deshalb nicht nur Ausführung kam, weil der dafür bezahlte Schläger Kerr den Auftrag lieber meldete, der den Zusammenhang so jedenfalls in einer Presseerklärung an die überraschte Öffentlichkeit brachte und damit ein gewaltiges Rauschen im Blätterwald lostrat. Man würde aus dem historischen Rückblick vielleicht politische Motive hinter diesem Plan vermuten. Die Spuren weisen vielmehr jedoch ins private Umfeld von Kerr, will heißen: zu seinem eigenen (übrigens zwei Jahre jüngeren) Schwiegervater Robert Weismann, der in Berlin übrigens auch kein Unbekannter war. Wer die Story gerafft erzählt bekommen möchte, googele nach einem Interview, das Alfreds Tochter/Weismanns Enkelin Judith Kerr 2007 dem Spiegel gab. Den eher etwas verworrenen zeitgenössischen Text aus dem Vorwärts vom 22. Februar 1924 liest hier Frank Riede.
Ep 1523Käthe Kruse über Puppen und Reisen
Die berühmte Puppenmacherin Käthe Kruse – das ist heute weithin gar nicht mehr bekannt – war ursprünglich Schauspielerin, die in jungen Jahren u.a. am Berliner Lessingtheater engagiert war. Ihre charakteristischen, weil so lebensechten, heute teilweise zu horrenden Sammlerpreisen gehandelten Puppen begann sie ursprünglich nebenbei für ihre eigenen Kinder zu bauen. Eher zufällig kam es 1910 zu einer Ausstellung im Warenhaus Tietz, die ein solcher Erfolg war, dass die Kruse daraufhin eine eigene Werkstatt in Bad Kösen an der Saale bezog und dort begann, ihre Puppen zu kommerziellen Zwecken in Handarbeit herzustellen. In ihrem „Brief an eine ausländische Freundin“ aus dem Berliner Tageblatt vom 21. Februar 1924 erfahren wir nicht nur, was für Käthe Kruse eine kindgerechte Puppe ausmachte. Sie schildert uns dort auch Eindrücke von einer Reise in verschiedene europäische Länder, die sie kurz zuvor, offenbar erstmals seit dem Weltkrieg wieder, unternommen hatte. Es liest Paula Rosa Leu.
Ep 1522Der Funkspruch des Herzens
Nicht zum ersten Mal in diesem Podcast berichtet im Berliner Tageblatt vom 20. Februar 1924 Dr. Mamlock über Neuerungen auf dem Gebiete der Medizin. Wie lässt sich der Funk für den Rettungsdienst nutzen? Es geht in dem Artikel nicht nur um die Möglichkeiten, schnell die Rettungskräfte, etwa im Gebirge, dorthin zu führen, wo sich Verletzte befinden, es geht auch darum, die Herztöne über große Distanzen hinweg hörbar zu machen. Was neben dieser Ferndiagnostik noch die Technik der drahtlosen Telefonie bieten könnte, teilt uns, vielleicht auch ganz drahtlos, Frank Riede mit.
Ep 1521Über die Bauernproteste
Das bäuerliche Leben ist trivialerweise zyklisch strukturiert, und so passt es irgendwie ins Bild, dass bäuerliche Proteste in der Geschichte eine gewisse Affinität zu dezimaler Wiederkehr aufzuweisen scheinen. Verschiedentlich ist im Angesicht der aktuellen Traktorsternfahrten nach Berlin auf den fünfhundertsten Jahrestag des Beginns des sogenannten Deutschen Bauernkrieges hingewiesen worden, der im Sommer 1524 von Süddeutschland aus seinen Ausgang nahm. Etwas weniger bekannt ist, dass auch vor einhundert Jahren, im Frühjahr 1924, Landwirte vor allem im ostelbischen Deutschland aufbegehrten und angesichts der ökonomisch instabilen Zeiten nach staatlichen Interventionen riefen. Besonders lautstark tat dies seinerzeit der deutschnational geprägte Reichslandbund, dem die Berliner Volks-Zeitung auf der Titelseite ihrer Abendausgabe vom 19. Februar eine so kurze wie markant-polemische Gegenrede widmete. Es liest Paula Rosa Leu.
Ep 1520Das Bauhaus tanzt
Die Landtagswahlen in Thüringen vom 10. Februar 1924 waren der Anfang vom Ende des Bauhauses in Weimar. Die von einer NSDAP-Ersatzvereinigung tolerierte Rechts-Regierung unter der Führung des Volksparteilers Richard Leutheußer, die sich hernach konstituierte, strich die Zuwendungen des Landes um 50 Prozent und vertrieb das Bauhaus damit nach Dessau. Die Lehrenden und Studierenden ließen sich die Laune davon vorerst indes noch nicht verderben. Ausgerechnet am Wahlabend lud das Bauhaus zu einem seiner berühmten Feste ins Gasthaus zum Ilmschlößchen. Zu dieser erschien auch ein gewisser Kole Kokk vom Berliner 8-Uhr-Abendblatt, der sich in seinem Bericht am 18. Februar von der Feierwut der Bauhäusler und dem Drive der dort aufspielenden Bauhauskapelle mindestens ebenso beeindruckt zeigt wie von den im Rahmen des Festes vorgeführten Kostümen aus den Bauhaus-Werkstätten. Partygast für uns ist Frank Riede.
Ep 1519Georg Grosz verurteilt
In den vier Jahren Auf den Tag genau ist uns ein Artikel immer wieder begegnet – es geht um die Kunstfreiheit und angebliche Angriffe auf die öffentliche Moral. Es nehmen Teil: ein oder mehrere Kunstwerke, ein Künstler und ein Verleger als Angeklagte, eine prominente Figur aus der Kunstwelt als entlastender Gutachter und ein Gericht, das geistig noch im Kaiserreich lebt und den Künstler verurteilt und die Vernichtung des Kunstwerks befiehlt – es ändern sich lediglich die Namen der Beteiligten. Im Februar 1924 war (nicht zum ersten und zum letzten Mal) der Maler und Graphiker Georg Grosz an der Reihe. Es ging um eine Mappe “Ecce Homo”, die der Malik-Verlag veröffentlicht hatte. Sieben Farb- und 27 schwarz-weiß Abbildungen führten zu einer Anklage wegen der Verbreitung unzüchtiger Schriften. Auch das Gutachten von Max Liebermann verhinderte nicht, dass das Gericht ihn verurteilte unter Berufung auf das „Schamgefühl des normal empfindenden Menschen“. Die Vossische kommentiert das Urteil in ihrer Ausgabe vom 17. Februar 1924 zusammen mit Paula Rosa Leu.
Ep 1518Mit Victor Auburtin in Athen
Auch vor einhundert Jahren und damit einhundert Jahre nach Goethe blieb den meisten Menschen in den hiesigen nördlichen Breiten nichts anderes übrig, als das Land der Griechen, wenn überhaupt, mit der Seele zu suchen. Zu den wenigen Privilegierten, die seinerzeit auch physisch eine Reise an die sogenannte Wiege unserer Zivilisation realisieren konnten, zählte der hier bei Auf den Tag genau sehr geschätzte Publizist Victor Auburtin, der im Frühjahr 1924 gleich mehrere Monate in ägäischen Gefilden weilte und von dort von Zeit zu Zeit mit launigen Artikeln im Berliner Tageblatt grüßte, mit denen er seinen Aufenthalt vermutlich teilfinanzierte. Sein Bericht aus Athen vom 16. Februar streift dabei nur sehr kurz zum touristischen Höhepunkt auf die Akropolis, um sich stattdessen ausgiebig im zeitgenössischen Athener Leben – auf dem Markt, an der Börse, im Kafénion – umzutun. Ein Bordellbesuch, mit dem der Text final kokettiert, bleibt uns hingegen erspart. Unser Griechenland-Korrespondent heißt Frank Riede.
Ep 1517Verriss des “Nibelungen”-Films
Zu den Klassikern des deutschen Stummfilms zählt zweifelsfrei Fritz Langs „Nibelungen"-Zweiteiler, bei dessen Dreharbeiten wir mit unserem Podcast vor Monaten vorbeigeschaut haben. Natürlich gehört er zu den Filmen des Jahres 1924 auf Stummfilm-Magazin.de, wo ihr weitere Infos zum Film findet. Umso reizvoller erscheint es, den berühmten Kritiker Herbert Ihering zu Wort kommen zu lassen, der nach Besuch der Premiere einen Tag zuvor im Berliner Börsen-Courier vom 15. Februar einen Verriss des Films präsentierte. Frank Riede verrät uns also nun, warum sich für den ersten Teil der „Nibelungen“ mit dem Titel „Siegfried“ wirklich kein Kinobesuch lohnt.
Ep 1516Blick in die Zukunft im Jahre 1924: Berlin 2024
Der teilweise Rückbau und Zusammenbruch des Berliner Öffentlichen Nahverkehrs im Krisenjahr 1923 hat bei den Berlinern offensichtlich einen tiefen Eindruck hinterlassen. So blicken wir heute zwar, wie immer, 100 Jahre zurück, stoßen aber in der BVZ vom 14. Februar 1924 auf einen Blick auf uns, auf das Jahr 2024, der etappenweise die Entwicklung des Nahverkehrs in die Zukunft extrapoliert. Berlin ist zu einem großflächigen Dorf geworden, dessen Durchquerung einer Weltreise ähnelt. Paula Rosa Leu hat sich in dieser parallelen Realität dennoch für uns mit auf den Weg gemacht.
Ep 1515Das blutige Ende der Pfälzer Separatisten
Die Pfalz war über Jahrhunderte ein steter Zankapfel zwischen Deutschland und Frankreich; aufgrund ihrer vulnerablen topographischen Lage kam es in etlichen Kriegen linksrheinisch wie rechtsrheinisch immer wieder zu erheblichen Zerstörungen, als deren berühmtestes Symbol wohl das Heidelberger Schloss gelten kann. Auch die Auseinandersetzungen nach dem Ersten Weltkrieg gingen keineswegs spurlos an der Region vorbei. Separatisten kämpften zunächst nur um ihre Loslösung von Bayern, bald in Teilen sehr viel weiter gehend aber auch um eine Abspaltung vom Reich als autonomer Pufferstaat zwischen Deutschland und Frankreich – und die französische Besatzungsmacht, damit durchaus sympathisierend, ließ sie lange gewähren. Als sich Anfang 1924 eine leichte Entspannung zwischen Berlin und Paris andeutete, ging es mit der „Autonomen Pfalz“ indes sehr schnell zu Ende, und dieses Ende war einmal mehr ein sehr blutiges. Frank Riede berichtet für uns mit dem Berliner Börsen-Courier vom 13. Februar aus Pirmasens und Kaiserslautern.
Ep 1514Olympischer Wintersport in Chamonix
Olympische Winterspiele hatte es in der Antike aus naheliegenden Gründen nicht gegeben, und mit diesem Argument stemmte sich auch der neuzeitliche Begründer der olympischen Idee Pierre de Coubertin lange gegen deren Einführung. Nachdem man zunächst einzelne winterliche Sportarten wie Eiskunstlauf in die Sommerspiele integrierte, entschloss man sich, 1924 die Sommerspiele von Paris durch eine vorausgehende Internationale Wintersportwoche in Chamonix in den französischen Alpen zu flankieren. Dass ihre Wettbewerbe 1926 nachträglich doch zu den ersten Olympischen Winterspielen der Geschichte heraufgestuft und sie später in den Annalen als vollwertige Olympioniken geführt werden sollten, konnten die an insgesamt 16 Wettkämpfen teilnehmenden 296 Sportler aus 16 Ländern nicht ahnen. Was man dort indes kaum findet, sind Namen von Frauen, die 1924 ausschließlich im Eiskunstlauf gegeneinander antreten durften. Deutsche – beiderlei Geschlechts – waren in Folge des Ersten Weltkriegs ohnehin weiterhin ausgeschlossen. In ihrer Ausgabe vom 12. Februar berichtete die B.Z. am Mittag dennoch von den Spielen aus Chamonix, und für uns tut dies Paula Rosa Leu.
Ep 1513Landtagswahl in Thüringen 1924
Am 10. Februar 1924 wurde in Thüringen der 3. Landtag gewählt. Angetreten war der sog. Ordnungsbund, in dem sich bürgerliche und rechte Parteien zusammengetan hatten, um die Mehrheit im Lande jenseits der politischen Linken zu erlangen. Doch Landbund, Deutsche Volkspartei, Deutschnationale Volkspartei, Vaterländische Verbände, Beamtenvertreter, Hausbesitzer, Wirtschaftler und Zentrum erreichten „nur“ 35 der 72 Sitze im Landtag, waren also auf die Unterstützung der noch rechteren, noch offener völkischen und antisemitischen Parteien angewiesen, die sich unter der Vereinigten völkischen Liste verbunden und 7 Sitze erreicht hatten. Die BVZ analysierte dieses Ergebnis, das den Völkischen einen Machtzuwachs sicherte, bereits am 11. Februar, noch bevor alle Wahlkreise ausgezählt waren. So kommt es dazu, dass die Zahlen, die uns Paula Rosa Leu näherbringt, noch vorläufig sind und wohl manchmal durcheinander gehen. So ist etwa die Wahlbeteiligung nicht bei 98 Prozent anzusetzen, sondern bei für heutige Verhältnisse dennoch imposanten 89 Prozent. An der politischen Analyse seitens der BVZ ändert dies aber wenig.
Ep 1512Erinnerungen an Alt-Westend
Der auch für diesen Podcast konstitutive Blick zurück in die Stadtgeschichte ist beileibe kein Privileg unserer Tage. Immer wieder in gut vier Jahren Auf den Tag genau sind wir auf Quellen gestoßen, die sich ihrerseits auch schon vor einhundert Jahren auf Spurensuche eines Berlins begaben, das es bereits damals nicht mehr gab. Als Charlottenburger Zeitung kümmerte sich die Neue Zeit diesbezüglich naturgemäß vor allem – so der Name einer kleinen Serie – um „Erinnerungen an Alt-Charlottenburg“ und ließ sich in der Folge vom 10. Februar 1924 in dessen äußerstes westliches Randgebiet verschlagen: nach Alt-Westend. Seinerzeit nicht zuletzt dank des seit 1908 bestehenden U-Bahn-Anschlusses längst im Begriff, sich zum mondänen Stadtviertel betuchter Großstädter zu entwickeln, entsinnt sich der Artikel der ganz anders gearteten, historisch freilich noch gar nicht so fernen Anfänge. Frank Riede geht mit uns auf doppelte Zeitreise.
Ep 1511Wer tritt Lenins Nachfolge an?
Der sterbenskranke Lenin hatte die Machtambitionen von Josef Stalin wohl richtig eingeschätzt und in einem Brief, der als sein politisches Testament gilt, der Partei empfohlen, Stalin als Generalsekretär abzulösen. Doch da hatte Stalin längst seine Position im Parteiapparat so gefestigt, dass es nicht dazu kam. In den folgenden Jahren sollte er nach und nach seine Position ausbauen und allen Widerstand gegen seine Führungsrolle brutal brechen. So ließ er in mehreren Säuberungswellen jeden, der irgendwann, und sei es nur kurz, gegen ihn war, oder im Verdacht stand, gegen ihn zu sein, töten oder in Zwangsarbeitslager sperren. Nach Lenins Tod war die Lage für die ausländischen Betrachter unübersichtlich und selbst ein Kenner der Sowjetunion wie Georg Popoff, der 1925 ein Buch über die Tscheka veröffentlichte, lag mit seiner Einschätzung zur Nachfolge, die er am 9. Februar in der DAZ ausbreitete, daneben. Besonders verstellte ihm wohl die Einschätzung den Blick, dass die Sowjetunion nur von einem Russen, und nicht etwa von dem gebürtigen Georgier Stalin, geführt werden könne. Frank Riede präsentiert uns das Zentralkomitee der KPdSU im Februar 1924.
Ep 1506Hundesperre und kein Ende
Mit der Stabilisierung der Währung und damit der Verbesserung zumindest der inflationsbedingten Verarmung fand die Vossische Zeitung vom 8. Februar 1924 nun die Zeit und den Raum, sich einer anderen leidenden, unterdrückten und ausgebeuteten Bevölkerungsgruppe zuzuwenden: den Hundehalter*innen. Ein Walter Simon-Gusner echauffiert sich hier über den anhaltenden Leinen- und Maulkorbzwang in Berlin, den er deutlich von anderen Städten abhebt, die liberalere Verordnungen haben. Unseres Wissens gehört Paula Rosa Leu nicht zu den Hundehalterinnen in Berlin, so dass sie uns keinerlei Auskunft über den jetzigen Stand geben kann – über die anhaltende Hundesperre vor 100 Jahren schon.
Ep 1510Mal wieder ein Blick nach Wien
Auch sie sind in vier Jahren ein Evergreen von Auf den Tag genau: Artikel, die von der Spree an die Donau schauen und Facetten des Lebensgefühls in Wien nach Berlin zu vermitteln versuchen. Für die Vossische Zeitung war es zumeist Karl Lahm, der diese Korrespondentendienste übernahm. Am 7. Februar 1924 widmete er sich ausnahmsweise keinen direkt politischen Fragen, berichtete nicht aus dem regen Wiener Musik- oder Theaterleben und entwickelte auch keine feuilletonistische Typenkomödie. Vielmehr geht es ihm hier um die Bauaktivitäten, die in der alten Metropole von Kakanien nach dessen Untergang aufgenommen wurden – und führt uns damit zu den äußersten Anfängen des bis heute berühmten kommunalen Gemeindebauwesens im Roten Wien. Angeschlossen auf seiner Tour hat sich für uns Frank Riede.
Ep 1509Vor dem Prozess gegen die Putschisten vom 9. November 1923
Würde sich die Republik diesmal als wehrhaft erweisen oder ihr der in großen Teilen illoyale, weil aus der Kaiserzeit übernommene Justizapparat wieder in den Rücken fallen? Die Spannung vor dem Prozess gegen die Putschisten vom 9. November 1923 war groß, und die Presse brachte sich bereits Wochen vor dessen Auftakt in Position. Aus der zuverlässig republikanischen Berliner Volks-Zeitung vom 6. Februar 1924 erfahren wir, dass man in den rechten Blättern wohl vor allem versuchte, für die Person Ludendorffs Stimmung zu machen und nichts unversucht ließ, Einfluss auf das Gericht in seiner Angelegenheit, aber auch in der des bayerischen Generalstaatskommissars Gustav von Kahr und der des Landeskommandanten der Reichswehr in Bayern Otto von Lossow auszuüben. Letztere wurden tatsächlich beide nur als Zeugen geladen und Ludendorff als einziger Angeklagter schließlich freigesprochen – ein Schelm, wer Böses dabei denkt. Es liest Paula Rosa Leu.