
Auf den Tag genau
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Ep 1657Berlin ist (fast) wieder Berlin
Dass das Jahr 24 vor einhundert Jahren eines des Aufbruchs war, das Jahr nach der Krise, hat vor wenigen Tagen bereits ein Kommentar über die stabile Mark aus ökonomischer Sicht zum Ausdruck gebracht. Dass man diesen kaum erhofften positiven Umschwung auch auf gleichsam massenpsychologischer und stadtsoziologischer Ebene nachvollziehen konnte, behauptet ein Artikel, den wir im Hamburger Fremdenblatt vom 29. November 1924 fanden und der uns mal wieder an den Entstehungsort unseres Podcast, nach Berlin entführt. Bis auf weiteres ist es leider der letzte Text aus dem liberalen Fremdenblatt, dessen Archivierung ab Dezember 1924 eine mehr als einjährige Lücke aufweist. Darauf, dass die Zeitung über so lange Zeit nicht erschienen ist, vielleicht weil die Redaktion vom „erwachenden Berlin“ so begeistert war, dass man dort einen längeren kollektiven Urlaub verbracht hätte, haben wir bislang keinen Hinweis gefunden. Es liest Frank Riede.

Ep 1656Täglich Wiener Schnitzel in Belgrad
Der eine oder andere zumeist männliche Zeitgenosse kennt das Phänomen aus eigenen mehr oder weniger juvenilen Tagen: Man mag oder kann oder will selbst nicht kochen, auf eine warme Mahlzeit am Tag aber gleichwohl nicht verzichten, sucht sich also, möglichst nicht zu teuer, eine Kantine oder ein Lokal des Vertrauens – und macht dort schlechte Erfahrungen mit wechselnden Tagesgerichten und dem Zwang, allabendlich schon wieder Entscheidungen treffen zu müssen. Feste Routinen geben dem Tag bekanntlich Struktur, und wenn es ein Essen gibt, das immer geht, dann ist es oder war jedenfalls früher in unseren Breiten das gute alte kross panierte Wiener Schnitzel. Was das alles mit serbisch-kroatischen Konflikten und der Politik im frischgegründeten Jugoslawien der 1920er Jahre zu tun hat, weiß Rosa Leu, die dafür ins Hamburger Fremdenblatt vom 28. November 1924 geschaut hat.

Ep 1655Winston Churchill - ein Porträt des neuen britischen Schatzkanzlers
Winston Churchill gilt bis heute als einer der wichtigsten Staatsmänner des 20. Jahrhunderts. Seinem Durchhaltewillen und strategischem Weitblick verdankt es sich nicht zuletzt, dass die Alliierten im Zweiten Weltkrieg das militärische Blatt zu wenden und Hitler-Deutschland zu besiegen vermochten. Vor seinen zwei Amtszeiten als britischer Premierminister hatte Churchill bereits zahlreiche andere politische Ämter bekleidet, unter anderem seit 1924 das des Schatzkanzlers in der neuen konservativen Regierung Stanley Baldwins. Diese Berufung nahm der Hamburgische Correspondent vom 27. November zum Anlass für ein persönliches Porträt, das interessanterweise aus der Feder des deutschen Vizeadmirals Hollweg stammt, der den vor dem Ersten Weltkrieg für die Modernisierung der britischen Marine verantwortliche Ersten Lord der Admiralität Churchill also sehr unmittelbar als Kriegsgegner kannte. Wahrscheinlich fällt sein Urteil auch deshalb zwiespältig aus. Einige Einschätzungen Churchills als knallhart nur britische Interessen verfolgender Nationalist sind dabei nicht so gut gealtert, lohnen aber gerade auch deshalb allemal die Re-Lektüre. Von uns damit betraut worden ist Frank Riede.

Ep 1654Mehr Frauen in den Reichstag
Die Berichterstattung über die Bürgerschaftswahlen in Hamburg und die Reichstagswahlen Ende des Jahres 1924 war natürlich dominiert von der Betrachtung der politischen Ränder. Würden die Völkischen und die Kommunisten weiter an Bedeutung gewinnen, oder die politische Mitte gestärkt werden? – wobei, je nach Zeitung, die SPD mal zur Mitte, mal nicht zur Mitte gerechnet wurde. Ein für uns überraschendes Thema war aber mindestens genauso präsent: Die Zersplitterung der politischen Landschaft, die durchgängig als etwas Problematisches betrachtet wurde. Die Parteien des deutschen Mittelstandes oder des deutschen Landvolkes sowie die Deutsch-Hannoversche Partei würden eine stabile Regierungsbildung verhindern. Im Hamburger Anzeiger vom 26. November, in dem Margarete Weinberg reflektiert, warum immer noch nur wenige Frauen im Reichstag vertreten sind, zeigt sich, dass es in der Frauenbewegung durchaus Pläne gab, eine „Frauenpartei“ zu gründen, damit die Politikerinnen nicht von ihren Kollegen in den männlich dominierten etablierten Parteistrukturen weiter unterdrückt würden. Rosa Leu führt uns durch die Statistiken zum Frauenanteil in den Parteien und zeigt uns welche Rolle die Angst vor der Parteizersplitterung in dieser Debatte spielte.

Ep 1653Das Institut für Auswärtige Politik Hamburg
Das „Institut für Auswärtige Politik“ an der Hamburger Universität wurde durch einen Beschluss der Hamburgischen Bürgerschaft vom 31. Januar 1923 gegründet. Nach dem Vorbild etwa des Council on Foreign Relations der USA sollte an diesem Institut empirisch und interdisziplinär zur vergangenen internationalen Politik und zu einer möglichen zukünftigen demokratisch legitimierten Außenpolitik geforscht werden. Es überstand in der Folge die Vereinnahmung durch die Nationalsozialisten und eine kurzzeitige Verlegung nach Berlin, um 1973 zusammen mit der Forschungsstelle für Völkerrecht in dem noch heute bestehenden „Institut für internationale Angelegenheiten“ aufzugehen. Der Hamburger Anzeiger vom 25. November 1924 beschäftigte sich mit dem Institut und erklärte den Leser*innen, warum die Hamburger Universität gut daran tut, über den nationalen Tellerrand hinauszublicken. Frank Riede erklärt es uns.

Ep 1652Überführung von Jean Jaurès ins Panthéon
Der Reformsozialist Jean Jaurès, der einen humanistisch und pazifistisch fundierten Sozialismus, der über Reformen und nicht durch Revolutionen etabliert würde, in Frankreich prägte, kämpfte vor dem Ersten Weltkrieg für eine friedliche Lösung der Konflikte, die auch einen politischen Ausgleich mit Deutschland bedeuten würde. Am Vorabend des 1. Weltkriegs, am 31. Juli 1914 wurde er im Pariser Café Croissant sitzend vom französischen Nationalisten Raoul Villain durchs Fenster hindurch erschossen. Die Tatsache, dass der Attentäter nach dem Weltkrieg von einem Gericht freigesprochen wurde, könnte darauf hinweisen, dass er vom Bürgertum auch über den Tod hinweg angefeindet wurde. Der Eindruck täuscht wohl, denn seine Überreste wurden am 23. November unter großer Anteilnahme feierlich ins Panthéon überführt, wo sie bis heute neben den anderer großer Persönlichkeiten Frankreichs ruhen. Über diese Prozession berichtet das Hamburger Fremdenblatt am Tag darauf und heute für uns Rosa Leu.

Ep 1651Der Verfall von Konstantinopel
1600 Jahre lang, vom namensgebenden römischen Kaiser Konstantin bis zum Untergang des Osmanischen Reiches in den Wirren des Ersten Weltkrieges hatte Konstantinopel alias Byzanz alias Stambul oder Istanbul als Hauptstadt wechselnder Großreiche fungiert. Mit der Entthronung des letzten türkischen Sultans und der Begründung der Türkischen Republik durch Kemal Pascha 1923 war diese Geschichte an ihr Ende gekommen. Die Regierung saß seither im zentralanatolischen Ankara, und auch durch die Verluste fast aller verbliebenen europäischen Provinzen der Türkei fand sich die alte multiethnische Metropole am Bosporus plötzlich in ungekannter Randlage wieder. Ein Bericht aus Konstantinopel, den wir im Hamburgischen Correspondenten vom 23. November 1924 fanden, nennt keinen Autor, vermittelt allerdings deutlich das Bild einer Weltstadt im Niedergang. Es liest Frank Riede.

Ep 1650Faschismus und Autorität
Dem italienischen Faschismus wurde von der deutschen Presse im Herbst 1924 eine Krise attestiert, die wir bereits hier im Podcast dokumentiert haben. Der durchgängige Tenor der unterschiedlichen Artikel: Die internationalen Misserfolge und der Machtverlust der Kommunisten führten zu einer Schwächung Mussolinis und zu einem Bröckeln der Unterstützung im Bürgertum. Der Publizist Richard Bahr präsentierte im Hamburger Anzeiger vom 22. November die Überlegungen zur jüngsten Geschichte Italiens des liberalen Historikers Guglielmo Ferrero, die neben einer Analyse der Machtergreifung der Faschisten auch eine allgemeine Reflexion zu Faschismus und Autorität enthalten. Seine Hoffnung auf die parlamentarische Demokratie sollte sich bekanntlich nicht erfüllen – er selbst wurde 1925 unter Hausarrest gestellt und durfte nach internationalen Protesten 1929 in die Schweiz ausreisen. Rosa Leu liest für uns Richard Bahrs Paraphrase von Guglielmo Ferreros Buch „Demokratie und Terror. Die Diktatur in Italien“.

Ep 1649Zur Geschichte der Visitenkarte
In Zeiten von Smartphone und Social Media ist sie schleichend aus der Mode gekommen: die Visitenkarte. Dass sie vor einhundert Jahren noch voll im Saft stand, dokumentiert sich in einem Text aus den Altonaer Neuesten Nachrichten vom 21. November 1924, der sich die Mühe macht, zu ergründen, wo historisch die Wurzeln dieses ungewöhnlichen Ausweisdokuments liegen. Die Autorin Berta Tona spekuliert zunächst Richtung Frankreich, dann aber doch eher über Venedig ins ferne China und macht sich zudem ein paar Gedanken auch über Stilfragen. An ihrer Seite ist für uns Frank Riede.

Ep 1648Ein Jahr stabile Mark - hat Deutschland sich gesund geglaubt?
Die Ausgabe des Hamburger Anzeigers vom 20 November 1924 hatte folgenden Preis auf der oberen rechten Ecke der Titelseite abgedruckt: 10 Pfennige Goldmark = 100 Milliarden Mark. Insofern war die Hyperinflation des Jahres 1923 mit ihren ungeheuren Summen, die wir vor einem Jahr an dieser Stelle dokumentierten, indem wir täglich die Preise der Zeitungsausgaben in den Anmoderationen nannten, immer noch präsent. Die Preise der Zeitungsausgaben, als auch aller anderen Güter, waren aber seit der Währungsreform im Großen und Ganzen stabil geblieben. Und genau diese Tatsache feiert der Artikel eines Dr. Erdmann in dieser Ausgabe. Hatten zahlreiche Finanzpolitiker und Wirtschaftswissenschaftler die Wirksamkeit der Rentenmark damals angezweifelt mit dem Hinweis auf bestimmte finanztechnische Zusammenhänge und Logiken, so macht der Autor auf einen Faktor aufmerksam, den 1923 offensichtlich noch nicht so viele als fundamental betrachteten, der aber heutzutage zum Einmaleins der Finanzpolitik gehört: die Psychologie. Über gefühlte Stabilität und die Macht des Glaubens berichtet für uns Rosa Leu.

Ep 1647Pläne für Groß-Altona
Blankenese, Rissen, Stellingen, Eidelstedt, Groß Flottbek und Klein Flottbek – heutzutage etablierte Hamburger Stadteile, gehörten sie vor einhundert Jahren allesamt noch als Landgemeinden zum weitläufigen Kreis Pinneberg. Offenbar fühlten sie sich dort auch ganz wohl, denn die politischen Pläne, sie – nein, nicht mit Hamburg –, sondern mit der preußischen Stadtgemeinde Altona zu vereinen, stießen, wie wir dem Hamburgischen Correspondenten vom 19. November 1924 entnehmen, allenthalben eher auf wenig Begeisterung. Groß-Altona lautete die dahinter stehende Idee, und tatsächlich sollte diese 1927 in ein Gesetz gegossen und allem Widerstand zum Trotz vollzogen werden. Allzu lang währte der Glanz von Groß-Altona freilich nicht. Bereits elf Jahre später wurde selbiges nun seinerseits vom noch größeren Hamburg geschluckt, was man in Flottbek oder Stellingen, wie wir von Rosa Leu erfahren, bereits 1924 vorgezogen hätte.

Ep 1646Kurt Tucholsky über Bahnhofsvorsteher und sonstiges Spezialistentum
Es ist schon eine ganze Weile her, dass Kurt Tucholsky zuletzt als Autor hier im Podcast zu hören war. Umso mehr haben wir uns gefreut, sein Pseudonym Peter Panter unter einem Artikel im Hamburger Fremdenblatt vom 18. November 1924 zu entdecken, der den Titel „Der Bahnhofsvorsteher“ trägt. Um die Wirklichkeit auf deutschen Provinzbahnhöfen geht es hier dennoch nicht bzw. nur kurz. Was Panter alias Tucholsky vielmehr interessiert, ist die Differenz von Expertenblick und Laienblick, die déformation professionnelle im Umgang mit Dingen, auf die wir uns spezialisiert haben und die Frage, was uns in dieser Spezialisierung verloren geht. Unser Spezialist für Texte von Kurt Tucholsky ist von jeher Frank Riede.

Ep 1645Die Krawatte - eine Typologie
Zweimal bereits war der Autor mit dem etwas prätentiös anmutenden Kürzel I.C.H. in den letzten Monaten bei Auf den Tag genau zu erleben, und beide Male verbanden sich in seinen Texten feines feuilletonistisches Florett mit einem leichten ungut misogynen Zungenschlag. Auch seine heutige Glosse aus dem Hamburger Fremdenblatt am Montag, dem 17. November 1924, weist wieder beide Erkennungsmerkmale auf. Dabei ist der Gegenstand seiner diesmaligen Betrachtungen, die Krawatte, nach seinerzeitigen Maßstäben eigentlich ein urmännlicher; was I.C.H. allerdings nicht daran hindert, auf den letzten Metern trotzdem der emanzipierten Frau noch eine mitzugeben. Man und Frau erst recht hätten also alle Gründe, eine Krawatte auf den Artikel zu haben – Rosa Leu liest ihn trotzdem.

Ep 1644Glück auf! Aus dem “befreiten” Dortmund
Der Dawes-Plan, dem die deutsche Regierung zugestimmt hatte und daran zerbrach, sah das Ende der Französischen Besatzung des Ruhrgebiets vor. Die endgültige Räumung war für den Juli/August 1925 geplant, aus einzelnen Städten zogen sich die französischen und belgischen Truppen bereits schrittweise früher zurück. So wurden Dortmund und die Industriekomplexe in Hörde bereits Ende Oktober wieder an die deutschen Behörden übergeben. Nach langem, zehrendem und letztlich vergeblichem Ruhrkampf, feierte man die wiedergewonnene Souveränität. Die Deutsche Volkspartei hielt eine Versammlung zu diesem Anlass ab, auf der Gustav Stresemann eine beachtete Ansprache hielt. Der Hamburgische Correspondent eröffnete auf der Titelseite mit „Glück auf!“ und reiste nach Dortmund, um von der euphorischen und (zumindest in der Rezeption dieser Zeitung) sehr nationalistischen und patriotischen Stimmung zu berichten. Frank Riede ist mit in den Pott gereist.

Ep 1643Die Wirkung des Nordseeklimas
Die Heilwirkung des Nordseeklimas ist seit langem bekannt. Dass man bereits in der Kaiserzeit insbesondere Kinder gerne zu entsprechenden Kuren an die Küste zwischen Amrum und Borkum verschickte, weiß nicht nur, wer Else Urys Nesthäkchen-Romane gelesen hat. Was aber waren die nüchtern-physiologischen Gründe für die empirisch evidenten sanatorischen Erfolge? Der Hamburgische Correspondent vom 15. November 1924 bringt uns auf die Höhe der Debatte von vor einhundert Jahren, in der es offensichtlich sehr stark um mentale Gesundheit geht und noch gar nicht – wie heute – um Allergien oder Hauterkrankungen. Es liest Frank Riede.

Ep 1642Opium
1924 befasste sich der Völkerbund auf mehreren Opiumkonferenzen mit den Handelsströmen von Betäubungsmitteln. Es geht auch darum, ob der Handel verboten werden sollte, wogegen sich in einigen Ländern die Ärzte wehren, die Opium und seine Derrivate für die Schmerzmedikation als unabdingbar betrachten. Die Altonaer Neuesten Nachrichten vom 14. November nehmen dies zum Anlass, um über die Herstellung und Wirkung dieses Narkotikums aufzuklären. Um angebliche Unterschiede in der Wirkung von Opium auf verschiedene Bevölkerungen zu erläutern, greift der Artikel auf die damals geläufige Rassentheorie zurück. Trotz dieses rassistischen Konzepts und Vokabulars liest Rosa Leu für uns diesen Text als spannenden Einblick in die Betäubungsmittel-Diskussionen der Zeit.

Ep 1641Die Hamburger Erstaufführung von Richard Strauss’ ‘Intermezzo’
Dass Richard Strauss in den Jahren der Weimarer Republik der in Deutschland meistgespielte zeitgenössische Opernkomponist war, bedeutete nicht, dass alle seine Uraufführungen große Erfolge wurden. Seiner „bürgerlichen Komödie“ Intermezzo beispielsweise, mit der sich der Komponist selbst zum 60. Geburtstag beschenkte, war kein durchschlagender Erfolg beschieden. Zu den Kritikern dieses Werkes zählte nicht nur Strauss‘ etatmäßiger Librettist Hugo von Hofmannsthal, der des Komponisten Versuch, diesmal selbst den Text zu seiner Oper zu verfassen, für wenig gelungen hielt. Auch der Kritiker Rudolf Philipp, der am 13. November 1924 im Hamburger Anzeiger die hanseatische Erstaufführung des wenige Tage zuvor in Dresden welturaufgeführten Opus besprach, empfand Intermezzo eher als Peinlichkeit. Wie Strauss hier seine eigene Ehe auf die Bühne brachte und warum das dem Rezensenten viel zu privat war, erläutert uns Frank Riede.

Ep 1640Auf Darwins Spuren ins Paradies Galapagos
Die Internationalität der Hamburger wie der Berliner Tageszeitungen aus den 1920er Jahren erstaunt uns immer wieder aufs Neue. Kaum ein Winkel der Welt, in den uns die Reisejournalisten jener Zeit in den vergangenen knapp fünf Jahren noch nicht entführt haben. Und wenn doch, wird das vermutlich nicht mehr lange so bleiben. Auf den Galapagos-Inseln vor der Küste Ecuadors waren wir tatsächlich bislang noch nicht, aber das wollten die Harburger Anzeigen und Nachrichten offenbar nicht länger auf sich sitzen lassen. Zwar hat man keinen eigenen Korrespondenten dort hinschicken können, dafür aber einen Reisereport des amerikanischen Forschers William Beebe so ergriffen rezipiert, dass es am 12. November 1924 im Bericht darüber mit der Erzählerperspektive zwischen dritter und erster Person munter durcheinander geht. Für uns auf Darwins Spuren ins Paradies begibt sich Rosa Leu.

Ep 1639Nachtstücke aus den Hamburger Revolutionstagen
Als sich Ende Oktober 1918 Matrosen in Wilhelmshaven weigerten im Rahmen eines sicher verlorenen Krieges gegen die britische Flotte, und damit in den sicheren Tod, auszulaufen, begann eine Entwicklung, die sich über das ganze Deutsche Reich ausweitete und in die Geschichte als Novemberrevolution einging. Um die sich ausweitende Meuterei zu unterdrücken wurden Teile der Truppen nach Kiel verlegt, wo sich die dortigen Arbeiter und Soldaten mit ihnen solidarisierten und die rote Fahne der Revolution in der Stadt hissten. In der Nacht vom 5. auf den 6. November schwappte die Revolution auf Hamburg über, eine Gruppe von Soldaten entwaffnete die Boote im Hafen und gewannen die Besatzungen für die Sache. Anschließend wurde der Elbtunnel, der Hauptbahnhof und das Gewerkschaftshaus besetzt und in einem blutigen Kampf die Kaserne eines reichsstreuen Regiments in der Bundesstraße eingenommen. Der Hamburger Anzeiger vom 11. November druckte einen Artikel, gezeichnet mit dem Pseudonym „Spectator“, ab, in dem an die Revolutionsnächte in Hamburg erinnert wurde. Frank Riede stürzt sich für uns in die Wirren der Hamburger Revolutionstage.

Ep 1638St. Pauli einst und jetzt
Der Mythos des heutigen Hamburger Stadtteils St. Pauli reicht weit ins 19. Jahrhundert zurück, als die seit 1833 so bezeichnete Gegend noch außerhalb der nächtens geschlossenen Stadttore lag – und wohl gerade deshalb dazu prädestiniert war, sich zum bevorzugten Aufenthalts- und Vergnügungsort für die in Hamburg vor Anker liegenden Seeleute zu entwickeln. Unser heutiger Artikel aus den Altonaer Neuesten Nachrichten vom 10. November 1924 zeichnet diese Geschichte nach und belegt, dass St. Pauli damals – entgegen anderslautender Berichte in der internationalen Presse – noch immer oder wieder ein buchstäblich weltoffener Tummel-, Feier- und Begegnungsplatz für Menschen aus allen denkbaren Weltgegenden war. Als historischer Text verwendet eben dieser dabei auch die ein oder andere Vokabel, die heutzutage nicht mehr gebräuchlich ist bzw. als diskriminierend empfunden wird und nähert sich auch der Prostitution auf St. Pauli aus gewohnt patriarchaler Perspektive. Es liest Rosa Leu.

Ep 1637Zum sechsten Jahrestag der Novemberrevolution
Der 9. November gilt als der Schicksalstag der Deutschen. Von Pogromnacht und Mauerfall konnte das Hamburger Echo am 9.11.1924 naturgemäß noch nichts wissen, aber neben dem ersten Jahrestag des abgewehrten Hitler-Ludendorff-Putsches gedachte man, wenig überraschend für ein sozialdemokratisches Blatt, auch der sich zum sechsten Mal jährenden erfolgreichen Novemberrevolution. Klassisch sozialdemokratisch positioniert man sich dabei zwischen den Extremen, also denjenigen, denen es zu viel Revolution, und denjenigen, denen es zu wenig Revolution war – und erklärt doch sehr freimütig, dass die Revolution auch aus sozialdemokratischer Sicht noch nicht abgeschlossen sei. Näheres erfahren wir von Frank Riede.

Ep 1636Rücktritt der Regierung Österreichs wegen Eisenbahnerstreik
Deutschland hatte im Jahr 1924 die Inflationskrise überwunden und nahm Anlauf zu den Goldenen Zwanzigern. Anders war die wirtschaftliche Entwicklung in Österreich. Der galoppierende Werteverfall der Währung wurde dort erst mit einer Währungsreform im Dezember 1924 gestoppt. Die Regierung befand sich also im November 1924 in einem dauerhaften Krisenmodus. Als dann der Eisenbahnerstreik nicht abgewendet werden konnte, trat sie geschlossen zurück. Daran können wir übrigens auch die enorme Bedeutung der Eisenbahn vor 100 Jahren ablesen. Wie der Hamburgische Correspondent vom 8. November die Situation beschreibt weiß Rosa Leu.

Ep 1635Bollwerk gegen den Putschismus? - Ein Jahr nach dem Hitler-Ludendorff-Putsch
Am 8. November 1924 jährte sich der sog. Hitler-Ludendorff-Putsch. Während Ludendorff für seine Beteiligung nicht bestraft wurde, wurde Hitler zu einer fünfjährigen Haft verurteilt, im Herbst 1924 verdichteten sich aber bereits die Hinweise, dass er vorzeitig entlassen werden könnte. Das Hamburger Echo nahm am 7. November den Jahrestag zum Anlass nach Bayern zu schauen und abzuwägen, ob die politischen Akteure und Netzwerke resilienter gegen Umsturzversuche wären. Rosa Leu führt uns durch diese Bestandsaufnahme.

Ep 163475 Jahre deutsche Briefmarken
Wie Dampfmaschine und Eisenbahn kam auch die Briefmarke ursprünglich aus England, trat von dort aus allerdings sehr rasch ihren Siegeszug um die ganze Welt an und stand in Deutschland, dank der fortgesetzten Kleinstaaterei, bald in besonders reicher und bunter Blüte. Die Vorreiterrolle kam dabei dem Königreich Bayern zu, wo am 1. November 1849 mit dem „Schwarzen Einser“ das erste deutsche Postwertzeichen auf eine Wurfsendung geklebt wurde. Am entgegengesetzten Ende des mittlerweile vereinigten Landes, im norddeutsch-preußischen Wandsbek, nahm der gleichnamige Bote 75 Jahre später, am 6. November 1924, eben jenes Jubiläum zum Anlass, zu gratulieren und dieses wichtige Kapitel deutscher und internationaler Postgeschichte in groben Zügen nachzuzeichnen. Unser Post-Bote dabei ist Frank Riede.

Ep 1633Erste Ergebnisse von den US-Präsidentschaftswahlen
Wie eng die Welt vor einhundert Jahren bereits zusammengerückt war, machen weltpolitische Großereignisse wie die Wahl des US-Präsidenten am 4. November 1924 schlagartig deutlich. Dank Kabeldienst und Drahtmeldung erreichten die kaum ausgezählten Ergebnisse aus Amerika trotz Zeitverschiebung bereits am Morgen des 5. November die Leserinnen und Leser des Hamburger Anzeigers im fernen Europa. Dass die Datenübertragung mit denkbar heißer Nadel gestrickt war, merkt man an allerlei Fehlern, die sich dabei natürlicherweise einschlichen. Dass der demokratische Präsidentschaftskandidat Davis hieß, der republikanische Vizekandidat Dawes, machte die Sache besonders tückisch und zwang uns bei der Einrichtung des Textes zu einigen Korrekturen. Die Information, dass nämlicher Davis die Wahlnacht gemeinsam mit dem dritten Bewerber, dem Senator Robert La Follette von der Progressiven Partei, in dessen Villa verbracht habe, haben wir indessen unangetastet gelassen, sei hier allerdings mit einem kleinen Fragezeichen versehen. Alles in allem scheint die seinerzeitige Wahl gesitteter vonstatten gegangen zu sein als dieser Tage. Dennoch hören wir von Rosa Leu auch damals schon von Diffamierungen im Wahlkampf, einem Suizidfall und tödlichem Tumult vor einem Wahllokal.

Ep 1632Weinlese in der Pfalz
Herbstzeit ist Weinlesezeit, und bei Auf den Tag genau gilt das gewissermaßen sogar im doppelten Sinne des Wortes. Regelmäßig sind wir seit 2020 bzw. seit 1920 im Oktober/November in die Reben gegangen, und nach Rheingau oder Saale-Unstrut führt uns dieser Weg in diesem Jahr in Deutschlands in den Augen vieler Fachleute beste Weinregion, in die Pfalz. Forster Ungeheuer, Jesuitengarten, Kirchenstück – die Harburger Anzeigen und Nachrichten vom 4.11.1924 listen etliche Lagen, die Weinliebhaberinnen und -liebhaber auch heute noch mit der Zunge schnalzen lassen, von den Zeitgenossen damals aber wohl gerne, erfahren wir, fälschlich am Rhein vermutet wurden. Schade, dass der Autor in den Wein dieses kenntnisreichen Artikels reichlich Wasser in Form derben anti-französischen Ressentiments gießt. Frank Riede schenkt uns dennoch davon ein.

Ep 1631Nachhaltiger Schiffsantrieb: Das Windkraftschiff
Das auch in den 1920er Jahren überraschend weit verbreitete Wissen ob der Endlichkeit der Ressourcen, insbesondere der fossilen Brennstoffe, motivierte die Welt der Erfinder und Ingenieure, nach Alternativen zu suchen. Während die Schifffahrt-Industrie darüber jubelte, um wie viel effizienter der Antrieb mit Erdöl gegenüber der Kohle ist, wurde emsig geforscht, ob es nicht Antriebsarten gäbe, die von fossilen Brennstoffen unabhängig wären. Der Erfinder Anton Flettner, der bereits unzählige Patente eingereicht hatte, baute 1924 das Testschiff „Buckau“, auf dem drehbare Segelzylinder angebracht waren, die mittels des Magnus-Effekts einen Vortrieb des Schiffes produzierten. Ein Verfahren, das natürlich weiterhin, wie bei Segelschiffen, nur bei Wind funktionierte. Die Altonaer Neuesten Nachrichten vom 3. November 1924 berichten ganz begeistert. Und tatsächlich ist es ein Verfahren, das auch heute noch weiter erforscht wird und als Teil von Hybridantrieben von Schiffen zum Einsatz kommt. Frank Riede „flettnert“ für uns mit.

Ep 1630Über den Parteitag der DDP
Der Liberalismus in Deutschland war bereits seit den Zeiten des Norddeutschen Bundes parteipolitisch gespalten und blieb dies auch in der Weimarer Republik. Während die Deutsche Volkspartei DVP als nationalliberale Vertretung des größeren Bürgertums galt, positionierte sich die Deutsche Demokratische Partei DDP eher linksliberal. Der alte einflussreiche Hamburgische Correspondent bekannte sich seinerzeit wiederum sehr klar zur DVP und unterstützte in den Debatten des Jahres 1924 unter anderem auch deren Kurs einer Öffnung der Berliner Regierungskoalition zu den Deutschnationalen. Entsprechend skeptisch beobachtete man den jüngsten Parteitag der dagegen opponierenden DDP. Wie der Correspondent den angeblichen Linkskurs der Demokraten kritisierte, weiß Rosa Leu.

Ep 1629Verbinde Dich selbst! Technische Revolution beim Telephonieren
Waren wir gestern am Potsdamer Platz, um die innovative Ampelschaltung zu betrachten, so kehren wir heute in den Großraum Hamburg zurück, der auf dem Gebiet der Kommunikationsverschaltung Vorreiter war. Wir erfahren aus dem Hamburgischen Correspondenten vom 1. November 1924, dass in mehreren Gemeinden automatische Telefonschaltungen implementiert wurden. Was das Fräulein vom Amt durch das manuelle Umstöpseln erreichte, wurde nun mittels einer Wählscheibe auf die Apparate der Telefonierenden verschoben. Frank Riede führt uns in die Feinheiten dieser Kommunikationsrevolution ein.

Ep 1628Der Turmbau zu Berlin
1924 galt als der verkehrsreichte Platz Europas nicht etwa der Place de l'Étoile in Paris oder der Trafalgar Square in London, sondern der Potsdamer Platz in Berlin. 26 Straßenbahnlinien, 5 Buslinien, ca. 20.000 Autos und immer noch zahlreiche Pferdefuhrwerke wollten den Platz überqueren. Kein Wunder, dass die zentrale den Straßenverkehr regelnde Innovation aus den USA zunächst hier erprobt wurde: die Ampelanlage. Im Dezember 1924 wurde der 8,5 Meter hohe und fünfseitige Turm, der eine reibungslose Lenkung der Verkehrsströme garantieren sollte, in Betrieb genommen. Grund genug für den Wandsbeker Boten in die Hauptstadt zu blicken und am 31. Oktober einen Zwischenstand vom Bau der Anlage zu liefern. Rosa Leu hat sich für uns an die Baustelle gewagt.

Ep 1627Wahlmüdigkeit im Superwahljahr?
1924 war zumal für die Hansestadt Hamburg ein veritables Superwahljahr. Zwischen zwei Reichstagswahlen im Mai und Dezember stand hier am 26. Oktober – wir berichteten – auch noch eine Bürgerschaftswahl an, zu der die Hamburgerinnen und Hamburger an die Urnen gerufen waren. Für die Einwohnerinnen und Einwohner von Schiffbek galt dies nicht, denn die später im Stadtteil Billstedt aufgegangene Gemeinde Schiffbek gehörte seinerzeit noch zum schleswig-holsteinischen und damit preußischen Landkreis Stormarn. Dennoch beobachtete man diesen Wahlakt auch bei der kleinen Schiffbeker Zeitung, die damit bei Auf den Tag genau debütiert, sehr genau und diskutierte am 30. Oktober die Frage, ob die gegenüber der Reichstagswahl vom Frühjahr gesunkene Wahlbeteiligung als Indiz für eine wachsende Wahlmüdigkeit zu werten sei. Ist sie das, Frank Riede?

Ep 1626Bei Heinrich Vogeler in Worpswede
Heinrich Vogeler zählt zu den bekanntesten Figuren der Künstlerkolonie Worpswede. Anfangs dem Jugendstil zugeneigt, verzeichneten seine Werke während der Weltkriegsjahre zunehmend eine expressionistische Note, die einherging mit einer fortschreitenden Politisierung Vogelers im Sinne kommunistischer Ideale. Große Hoffnungen, diese zu verwirklichen, setzte er in die junge Sowjetunion, die er in den 1920er Jahren mehrfach bereiste, in die er 1931 schließlich auswanderte und in der er 1942, als Deutscher nach Kasachstan „zwangsdeportiert“, als Opfer des Stalinismus unter elenden Umständen verstarb. Im Herbst 1924 war er soeben von seinem ersten Besuch in Moskau zurückgekehrt auf den von ihm gestalteten Barkenhoff in Worpswede, in dem die KPD-nahe Rote Hilfe mittlerweile ein Kinderheim unterhielt. Wie die Reise ihn und seine Kunst verändert hatte, ergründete am 29. Oktober Josef Kliche für das Hamburger Echo – und für Auf den Tag genau Rosa Leu.

Ep 1625Jo Lherman: Schweigen ist Gold
Nach der lauten Zeit des Wahlkampfs und der Wahl zur Bürgerschaft selbst sowie mit der nahenden Reichstagswahl am Horizont gönnt uns der Hamburger Anzeiger vom 28. Oktober 1924 eine Pause zum Durchatmen, indem sie einen leisen Text über das Schweigen abdruckt. Der Artikel sinniert, alltägliche Situationen beobachtend, über den Wert des Schweigens. Der Autor dieser Zeilen Jo Lherman allerdings tat sich sonst nicht durch leise Töne hervor. Über die Jugend des 1898 in Wien als Walter Ullmann geboren Theatermachers, - regisseurs, -gründers, sowie Betrügers, Hochstaplers und Diebes ist nahezu nichts bekannt. Seine Behauptung, mit Bertolt Brecht die Schulbank gedrückt zu haben, kann als falsch betrachtet werden. Zum einen ist sein Leben in den 20er Jahren gekennzeichnet durch die Verfolgung seitens der Justiz wegen zahlreicher Vergehen, Betrügereien, Diebstähle und das Führen einen Doktortitels, den er nicht besaß, zum anderen durch eine unermüdliche Theaterarbeit, in der er Schauspielgruppen und Theater gründete, junge Autoren spielte und auch selber dabei Regie führte. Diese beiden Stränge seines Lebens überschnitten sich dann, wenn sich herausstellte, dass sie Stücke ohne Wissen des Autors gespielt wurden, oder die Schecks, mit denen die Produktion finanziert wurde, nicht gedeckt waren. Es sei noch erwähnt, dass er 1946 als angeblich kubanischer Staatsbürger mit dem Namen Dr. Gaston Oulmán als Radioberichterstatter beim ersten Nürnberger Prozess tätig war. 1949 starb diese schillernde Persönlichkeit, über die viele Gerüchte und Legenden kursieren, aber wenig gesichert bekannt ist, in Paris. Aber zurück zum Schweigen. Frank Riede schweigt zum Glück nicht und denkt für uns laut über das Schweigen nach.

Ep 1624Nach der Bürgerschaftswahl in Hamburg
Die Hamburgerinnen und Hamburger haben gewählt, und der Hamburgische Correspondent vom 27. Oktober 1924 resümiert, wie sich das neue Bild von der Bürgerschaft darstellt. Gemäß seiner politischen Ausrichtung feiert das Blatt das solide Ergebnis der Deutschen Volkspartei, obwohl sich die Zugewinne gerade einmal auf 0,1 Prozent beliefen. Das Ergebnis der Deutschnationalen, das im Vergleich zur letzten Bürgerschaftswahl um fast sechs Prozent verbessert war, misst man hingegen am noch üppigeren Resultat der DNVP bei der Reichstagswahl im Mai, Ähnliches gilt für das der Kommunisten. Unstrittig waren in jedem Fall die Verluste der Regierungsparteien: Die SPD fiel von 40,6 auf 32,4 Prozent, die DDP (in deutlich geringerem Ausmaß) von 14,1 auf 13,2 Prozent, womit beide ihre gemeinsame Mehrheit verloren. Was das für die künftige Regierungsbildung bedeutete, vermag uns Frank Riede noch nicht zu verraten.

Ep 1623Letzte Aufrufe am Wahltag
„Fernbleiben von der Wahl ist Verbrechen“, schreibt am Sonntag, den 26. Oktober, dem Tag der Wahl zur Hamburger Bürgerschaft das Hamburger Fremdenblatt. Auf der Titelseite nutzte die Zeitung die letzte Gelegenheit, den Wahlkampf Revue passieren zu lassen und auf die wichtigen politischen Fragen, über die de facto abgestimmt wurde, hinzuweisen. Natürlich ließ sie es sich auch nicht nehmen, eine deutliche Wahlempfehlung zu geben, die auch schon in der Überschrift der gesamten Titelseite zum Ausdruck kommt: “Keine Stimme der Mittelparteien darf heute an der Urne fehlen!” Wie dieser Aufruf zur Stärkung der bürgerlichen politischen Mitte genau aussah, liest für uns Rosa Leu.

Ep 1622Razzia in der Finkenstraße
Die Gegend um das Nobistor, an dem das preußische Altona endete und in die hamburgische Vorstadt auf dem „Hamburger Berg“, die seit 1833 St. Pauli heißt, überging, war vor einhundert Jahren so legendär wie verrufen. Vor allem die Gegend um die Finkenstraße schaffte es immer wieder in den Polizeibericht, vor allem wegen der hier üppig gedeihenden Prostitution. Auch eine Razzia, der sich die Altonaer Neuesten Nachrichten vom 25. Oktober 1924 anschließen, zielt, so scheint es, vor allem auf dieses ‘horizontale Gewerbe‘ und führt dabei auch in die berüchtigte Finkenbude, die es als damals berühmteste sogenannte ‘Penne‘ mittlerweile sogar auf einen eigenen Wikipedia-Artikel bringt. Die seltsame Mischung aus offenem Ekel, wohligem Schauder und einer eher dünnen Prise Mitleid mit den hier im Elend lebenden Menschen dokumentiert für uns Rosa Leu.

Ep 1621Rosa Shapires Roadtrip durchs Heilige Land
Mit Rosa Schapire, Muse der Expressionisten, Kunsthistorikerin und -sammlerin, Autorin und Wahlhamburgerin, waren wir vor einigen Wochen bereits im aufreibenden Jerusalem der 1920er Jahre. Heute geht die Reise weiter. Nicht mehr wie anfangs per Zug, sondern nunmehr im PKW macht sich die Autorin auf einen wilden Roadtrip kreuz und quer durchs Heilige Land, von Bethlehem via Hebron zum See Genezareth, über Haifa und Akko ins junge, aber rasant wachsende Tel Aviv. Ohne selbst zur Zionistin zu werden, zeigt sich die deutsch-österreichische Jüdin Schapire von der Aufbruchsstimmung, auf die sie allerorten trifft, doch durchaus fasziniert und verlässt Palästina mit optimistischen Gefühlen, die sie am 24. Oktober 1924 im Hamburger Fremdenblatt mit dessen Leserinnen und Lesern teilt. In diese vergleichsweise friedliche Zeit zu versetzen versucht sich für uns Frank Riede.

Ep 1620Showdown mit dem Ochsen und andere Ereignisse aus Schleswig-Holstein
Hin und wieder schauen wir gern in die Rubriken der gemischten kleinen Nachrichten, der „fait divers“ in den Zeitungen. Sie decken oftmals die Ereignisse ab, die heutzutage sog. Boulevardzeitungen zu Hauptnachrichten machen. In der heutigen Folge schauen wir uns mit dem Wandsbeker Boten vom 23. Oktober 1924 in Schleswig-Holstein um. Neben Wild-West-Szenen mit durchdrehenden Ochsen und großen Bränden weiß Rosa Leu auch von einem unvorsichtigen Wegelagerer zu berichten.

Ep 1619Der Große Preis von Italien - Mercedes vs. Alfa Romeo
Während zahlreiche Sportarten 1924 in den Zeitungen noch nicht regelmäßig auftauchten, hatte sich die Faszination für den Autosport bereits fest etabliert – und ein Fixtermin im Jahreskalender war der zum vierten Mal stattfindende große Preis von Italien, der auf der 10 Kilometer langen Rennstrecke in Monza gefahren wurde. 1924 wurden 80 Runden gefahren und zugelassen waren Werksmannschaften mit Rennwagen bis zu 2 Liter Hubraum und einem Mindestgewicht von 650 Kilogramm. Der ursprüngliche Termin sollte der 7. September sein, da aber Fiat und Mercedes ihre Teilnahme zurückzogen, wurde das Rennen auf den 19. Oktober verschoben. Weil Giovanni Agnelli, dem Inhaber von Fiat, die Techniker scharenweise kündigten und zum Konkurrenten Alfa Romeo wechselten, blieb Fiat auch im Oktober fern. Das Hamburger Fremdenblatt berichtete am 22. Oktober über den Verlauf des Rennens. Frank Riede teilt uns also mit, welches Werk die stärksten Autos an den Start bringen konnten und wie gefährlich der Autorennsport damals war, wie sehr auch tödliche Unfälle bei dem Spektakel eingepreist waren.

Ep 1618Neuwahlen zum Reichstag - ein Kommentar
Die Reichstagswahlen vom 4. Mai 1924 hatten die Parteien der politischen Mitte von SPD und DVP empfindlich geschwächt und die politischen Ränder – Deutschnationale und Völkische auf der rechten, die Kommunisten auf der linken Seite – erheblich gestärkt. Entsprechend schwierig gestaltete sich in der Folge eine Regierungsbildung. Die Koalition von Zentrum, DVP und DDP unter Wilhelm Marx hatte zwar bei weitem keine Mehrheit mehr, schaffte es aber immerhin, als Minderheitenkabinett den Dawes-Plan durch den Reichstag zu bekommen, der die deutschen Reparationszahlungen neu regelte, die deutsche Wirtschaft wieder kreditfähig machte und zur Grundlage eines schnell einsetzenden ökonomischen Aufschwungs werden sollte. In den Altonaer Neuesten Nachrichten vom 21. Oktober 1924 ist von diesem Kraftakt nichts zu lesen. Die Auflösung des Reichstages und die Entscheidung für Neuwahlen im Dezember kommentierte man hier eher polemisch mit einer Pauschalkritik an den gewählten Parlamentariern. Mehr dazu von Rosa Leu.

Ep 1617Vom Warten an der Haltestelle
Wie dienstags bis samstags erschien das Hamburger Fremdenblatt auch an Montagen zweimal. Allerdings firmierte die Morgenausgabe hier, statt unter dem gewohnten Titel, als HF am Montag und wies sich im Untertitel als ‘Sport-Zeitung des Hamburger Fremdenblattes‘ aus. Tatsächlich nahmen galoppierende Pferde und fliegende Bälle hier deutlich mehr Raum ein als in den sonstigen Ausgaben. Dennoch fanden sich auch im HF am Montag die wichtigsten politischen Informationen, und selbst gelegentliche feuilletonistische Betrachtungen musste man nicht entbehren. Auch nicht am 20. Oktober 1924, an dem wir auf eine kleine launige Typologie des Wartens bzw. der Wartenden gestoßen sind. Frank Riede garantiert, dass beim Warten keine Langeweile aufkommt.

Ep 1616Noch 7 Tage bis zur Bürgerschaftswahl
Die Wahl der Hamburger Bürgerschaft war am 19. Oktober 1924 nur noch eine Woche entfernt. Das liberale Hamburger Fremdenblatt nutzt in seiner Ausgabe an diesem Tag die Gelegenheit, einige Wahlempfehlungen zu geben, die - zumindest vordergründig - nicht parteipolitischer Natur sind, es kann sich aber am Ende jeder ausrechnen, welcher politischen Ausrichtung die Sympathie des Blattes gilt. Ein Thema dieser Wahl war sicherlich die Zersplitterung, da viele gewerbe- und berufsspezifische Wahllisten antraten, auch die Wahlbeteiligung wird im Kampf gegen die politischen Ränder thematisiert. Rosa Leu liest für uns diesen Aufruf zur Stärkung der politischen Mitte von vor hundert Jahren.

Ep 1615Ein Münchener Brief an den Wandsbeker Boten
Unmittelbar vor den Toren Hamburgs gelegen, wurde Wandsbek in den 1920er Jahren als schleswig-holsteinische und damit preußische Stadt nach wie vor von Berlin aus regiert. Dass man es hier schaffte, darüber hinaus gelegentlich auch nach der nach Berlin und Hamburg auch schon damals drittgrößten deutschen Stadt zu blicken, belegt ein Münchener Brief, den der Wandsbeker Bote am 18. Oktober 1924 abdruckte. Manches in dessen Zeilen klingt erstaunlich vertraut: dass die Bayerische Staatsoper künstlerisch wie technisch Maßstäbe zu setzen vermochte, der Himmel über den weißen Bergen strahlend blau im Föhn schien und man in ihm bisweilen wenn nicht göttliche, so zumindest kirchliche Zeichen erblicken konnte. Nur dass man, wie wir auch erfahren, hier in die Schiene investierte, klingt so gar nicht glaubwürdig nach bayerischer Verkehrspolitik. Unser Mann für weiß-blaue G’schicht’n heißt heute Frank Riede.

Ep 1614Der Unfug der Wahlplakate
Mitte Oktober 1924 war der Wahlkampf zur Bürgerschaftswahl von Hamburg in vollem Gange. In Abwesenheit von Podcasts, Radio und Fernsehen fand der Kontakt zwischen den Parteien und den Wähler*innen auf den Zeitungsseiten, mittels Flugblätter und auf Wahlveranstaltungen statt – und natürlich über eine umfangreiche Plakatierung des öffentlichen Raumes. Diese allerdings wurde regelmäßig als eine Verschandelung wahrgenommen, die, so die Experten des Bauwesens, auch die ursprüngliche Bemalung der plakatierten Flächen schädigte. Aus dem Hamburger Fremdenblatt vom 17. Oktober erfahren wir, dass die Zentrumspartei eine Übereinkunft aller Parteien anstrebte, auf das Plakatieren zu verzichten. Ob sie mit dieser Initiative erfolgreich war, weiß Rosa Leu.

Ep 1613Mit dem Zeppelin nach Amerika
Wie groß die Faszination gewesen sein muss, die vor einhundert Jahren von plötzlich über der Stadt am Himmel kreuzenden Luftschiffen ausgegangen ist, war hier im Podcast bereits vor einigen Wochen ausgiebig zu besichtigen: Der neueste und bisher größte Zeppelin L.Z. 126 aus der gleichnamigen Friedrichshafener Werft war bei seiner Jungfernfahrt auch über Hamburg geflogen und hatte dort wie überall die Menschen auf die Straßen getrieben. Mittlerweile hatte er den Ozean überquert, um in den USA, als offizielle Kriegsreparation, in den Dienst der US-Navy gestellt zu werden. Auch im sogenannten Land der (gerade auch technisch) unbegrenzten Möglichkeiten wurde er als echte Sensation empfangen, derentwegen sich die Menschen in großer Zahl an den Fenstern, auf den Kreuzungen und auf Dächern versammelten. Den Hamburgischen Correspondenten erfüllte dieser Anblick mit hörbar großen auch patriotischen Gefühlen – und ließ ihn in seinem Bericht vom 16. Oktober 1924 der Hoffnung Ausdruck geben, dass diese ‘Luftbrücke‘ zwischen Deutschland und Amerika auch eine politischen Wiederannäherung nach der Konfrontation im Weltkrieg nach sich ziehen möge. Unser Berichterstatter aus New York ist Frank Riede.

Ep 1612Eine Reise durch das düstere Friaul
In netto bald viereinhalb Jahren Auf den Tag genau sind unter anderem auch eine stattliche Anzahl Reiseberichte in unserem Archiv zusammengekommen; wovon wiederum ein hoher Prozentsatz auf das der Deutschen seit den Kimbern und Teutonen liebste Sehnsuchtsland Italien entfiel. Auch der heutige Artikel aus dem Hamburger Anzeiger vom 15. Oktober 1924 weist geographisch in diese vertraute Richtung, fällt dabei zum einen aber insofern aus dem vertrauten Rahmen, als er sich nicht über die gewohnte Brennerroute gen Süden stürzt, sondern das aus deutscher Perspektive etwas abgelegen im Nordosten situierte Friaul bereist. Zum anderen überrascht er auch mit einer für das Reisegenre ungewohnt düsteren Tonalität, die sich durch den gesamten Text zieht, bis das Autor-Ich an dessen Ende endlich wieder kärntnerische Erde unter seinen Füßen weiß. Das mag zum Teil der spätsommerlichen Jahreszeit der Reise geschuldet sein, ist vor allem aber darauf zurückzuführen, dass die Schrecken des in diesem Winkel Europas besonders brutal ausgekämpften Ersten Weltkriegs den Reisenden des Jahres 24 hier immer noch auf Schritt und Tritt begleiteten. Ins Tal des Tagliamento wagte sich für uns Rosa Leu.

Ep 1611Neue Erwerbungen der Hamburger Kunsthalle
Hamburg war in seiner Geschichte bekanntlich nie eine Residenzstadt, und so ist auch der stolze Bestand seiner Kunsthalle bis heute voll und ganz Ergebnis bürgerschaftlichen Engagements. Als wichtigste Phase des Sammlungsaufbaus gilt gemeinhin die Direktorenzeit Alfred Lichtwarks zwischen 1886 und 1914, aber auch unter seinem Nachfolger Gustav Pauli blieb man in Hamburg am Puls der Zeit und sammelte trotz widriger ökonomischer Verhältnisse nicht nur weiter fleißig französische und deutsche Impressionisten, sondern öffnete sich früh auch für die neuesten Wellen der ästhetischen Moderne wie den noch sehr umkämpften Expressionismus. Stolz kann der Hamburgische Correspondent am 14. Oktober 1924 gleich eine ganze Reihe namhafter Neuanschaffungen für die Kunsthalle vermelden. Das Gemälde Paul Cézannes von der Seine „Am Quai de Bercy“ etwa ist dort noch heute zu besichtigen. Andere Erwerbungen wie etwa Oskar Kokoschkas berühmte „Windsbraut“ gingen der Hansestadt hingegen während der Nazi-Herrschaft verloren, wobei man Karl Hofers „Freundinnen“, von denen auch die Rede ist, 1947 glücklicherweise wieder zu erwerben vermochte. Am Glockengießerwall umgesehen hat sich für uns Frank Riede.

Ep 1610Manfred Georg(e) wider die Kriegsnostalgiker
Wer Auf den Tag genau bereits in Berliner Zeiten gehört hat, dem wird Manfred Georg, manchmal auch als Manfred George firmierend, ein Begriff sein. Als meinungsfreudiger Theaterkritiker wie als feinnervig-wortgewaltiger Gesellschaftsanalyst vor allem für die Berliner Volks-Zeitung war er häufig in unserem Programm zu Gast, und auch sein heutiger Beitrag aus dem Hamburger Echo vom 13. Oktober 1924 lässt an Wahrheit und Klarheit nichts zu wünschen übrig. Mit ungeschönten Worten erinnert Georg an die Schrecken des noch nicht lange zurückliegenden Weltkrieges und stemmt sich in seinem Text energisch gegen die revanchistischen Planer und Prediger eines deutschen Rachefeldzuges. Unterstützung holt er sich dabei von zwei bildenden Künstlern: Otto Dix und Willibald Krain. Wie er das tut, weiß Rosa Leu.

Ep 1609Die deutsche Regierungskrise
Wer hat die größten Vorteile bei einer Neuwahl? Was kann man den Parteien, die Angst vor einer Neuwahl haben, politisch abringen? Wie lässt sich ein Keil zwischen kooperierende Parteien treiben? Alles Fragen, die die politische Landschaft der Weimarer Republik in der Krise des zweiten Kabinetts Marx prägten. Die Koalition aus Zentrum, Deutscher Volkspartei und Deutscher Demokratischer Partei stand im Herbst 1924 vor dem aus. Wie das liberale Hamburger Fremdenblatt vom 12. Oktober auf die Ränkespiele auf Reichsebene blickte, erfahren wir von Frank Riede.

Ep 1608Wir haben abgetrieben! - der Kampf gegen §218
Als am 6. Juni 1971 der Stern titelte „Wir haben abgetrieben!“ und sich in dem Artikel 374 teilweise prominente Frauen zu dieser Straftat laut Paragraph 218 bekannten, brachte es dieses tabuisierte Thema ins Bewusstsein, in den politischen Diskurs und prägte und befeuerte die feministische Bewegung. Organisiert war die Kampagne von Alice Schwarzer nach dem Vorbild einer ähnlichen Aktion in Frankreich. Der Kampf gegen den Paragraphen 218 ist natürlich viel älter und so erfahren wir heute in unserem Podcast vom Prozess gegen den Apotheker Heiser, der für die Durchführung von Abtreibungen vor Gericht landete. Der Hamburger Echo vom 11. Oktober 1924 ergreift deutlich Partei für den Angeklagten und schildert dessen Kampf gegen den Paragraphen, der darin bestand, diesen Prozess, der auf einer Selbstanzeige Heisers basierte, öffentlichkeitswirksam zu führen, indem er 400 seiner Klientinnen zu dem mutigen Schritt bewegen konnte, dass sie sich öffentlich zu ihrer Abtreibung bekannten und damit potentiell ebenfalls auf der Anklagebank landeten. Rosa Leu kennt die Details zu diesem weitgehend vergessenen Prozess und zur politischen Debatte rund um den Paragraphen 218 in Weimar.