
Auf den Tag genau
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Ep 1757Die Kandidaten für die Reichspräsidentenwahl
Dass die ordnungsgemäße Durchführung einer demokratischen Wahl logistisch kein Kinderspiel ist, wissen wir spätestens seit den Komplikationen bei den Berliner Bundestags- und Abgeordnetenhauswahlen 2021, die wegen verschiedener Pannen in Teilen bzw. sogar in Gänze wiederholt werden mussten. Umso erstaunter ist man von dem straffen Tempo, das man diesbezüglich 1925 an den Tag zu legen vermochte: Am 28. Februar starb relativ überraschend Reichspräsident Ebert, bereits am 29. März wurde in einem ersten Wahlgang über seine Nachfolge abgestimmt. Bei der Aufstellung ihrer Kandidaten hatten die Parteien entsprechend wenig Zeit zu verlieren. Auf der Rechten, entnehmen wir den Hamburger Nachrichten vom 8. März, hatte man sich zu diesem Zeitpunkt bereits auf den Duisburger Oberbürgermeister und ehemaligen Reichsinnenminister Karl Jarres geeinigt, in den Reihen der Weimarer Koalition rang man indes noch um eine Entscheidung. Es liest Frank Riede.

Ep 1756Die “Apachen” von Paris
Anfang des 19. Jahrhunderts wimmelte es in den Armenvierteln von Paris von sog. „Apachen“. So wurden bezeichnet – und bezeichneten sich so auch selbst – Kleinkriminelle, Zuhälter und Schläger in den Armenvierteln der französischen Hauptstadt. Worin genau der Zusammenhang mit der indigenen Bevölkerung Nordamerikas bestand, lässt sich wohl nicht klären. Der „Petit Robert“ verzeichnet für frz. „Apache“ ab 1902 die Bedeutung: „Gauner, der zu allen Missetaten bereit ist.“ Diese Begrifflichkeit, heute beinahe vergessen, war in den 20er Jahren so sehr verbreitet, dass sie dem Hamburger Publikum nicht erläutert zu werden brauchte. Über „Pariser Nachtgestalten“ berichtet der Hamburger Anzeiger vom 7. März 1925 und taucht tief in den „Bauch von Paris“ ein, in dem es von diesen „Apachen“ wimmelt, in ein Milieu, in dem die Frauenfeindlichkeit samt brutalster Übergriffe wohl zum Alltag gehörte und auch in diesem Bericht nur schwer erträglich ist.

Ep 1755Die Beisetzung Eberts in Heidelberg
Große Trauerumzüge, an denen gefühlt eine ganze Stadt teilnimmt, sind nicht mehr fester Bestandteil der politischen Trauerrituale in Deutschland. Allerdings kann ich mich, auf ein Nachbarland schauend, sehr gut an den Trauerzug im Jahre 2011 durch die Prager Innenstadt erinnern, als zehntausende Menschen Abschied vom Präsidenten Vaclav Havel (Waazlaff Hawell (Betonungen jeweils auf der ersten Silbe)) nahmen. Bevor der erste Reichspräsident Weimars Friedrich Ebert am 5. März 1925 in seiner Heimatstadt Heidelberg beerdigt wurde, wurde sein Sarg in einem großen Umzug durch die Stadt geführt – und so wie alle Zeitungen des Hamburger Raumes berichtete auch die Wilhelmsburger Zeitung am Tage danach. Wie der Trauerzug ablief, wer mitmarschierte und wer sprach, das weiß Frank Riede.

Ep 1754So könnte der neue Hamburger Senat aussehen
Es war die große Reichspolitik, die die Zeitungen vor einhundert Jahren, nach dem Tod von Reichspräsident Ebert, in Atem hielt. Aber auch in den Ländern und Kommunen standen natürlich weiterhin Entscheidungen, und eben dorthin lenkt das Hamburger Echo in seiner Ausgabe vom 5. März 1925 den Fokus. Bereits im Oktober 1924 war in der Hansestadt eine neue Bürgerschaft gewählt worden, in der die alte Koalition aus SPD und DDP seine Mehrheit knapp verloren hatte. Nach langen Verhandlungen hatte man deshalb getan, was auf Reichsebene nicht geklappt hatte, nämlich die rechtsliberale DVP mit ins ansonsten linksliberale Boot zu holen. Weshalb man in Hamburg als recht gutheißen sollte, was in Berlin nicht billig war, erläutert das Echo seiner sozialdemokratischen Leserschaft – und uns Rosa Leu.

Ep 1753Geisterstimmen und das Radio
Neue Technologien werden oft begleitet von einem Glauben an das Übernatürliche, das sie, obwohl hochwissenschaftlich, in das Reich der Geister und Fabelwesen holte, oder mit diesem in Einklang brachte. Die Fotographie galt als neues Medium, dem es möglich war, Geistererscheinungen festhalten zu können. Das Radio übermittelte Geisterstimmen aus dem Äther. Daher ist der Artikel aus den Altonaer Neuesten Nachrichten vom 4. März 1925 über das Radio nicht umsonst als „Einbruch ins Geisterreich“ tituliert. Freilich ist der Autor Alois Ulreich weit davon entfernt, an das Übersinnliche zu glauben – vielmehr zieht er diese Verbindung zwischen Geisterstimmen und dem Radio genüsslich ins Lächerliche. Frank Riedes Stimme zaubert den Text in Ihre Kopfhörer und Lautsprecher.

Ep 1752(1)50 Jahre Carmen
Dass Friedrich Nietzsche Georges Bizets Oper Carmen einmal als beste Oper aller Zeiten pries, hatte vor allem einen sehr persönlichen Grund: Er wollte seinem einstigen Hausgott und nunmehrigen Lieblingsfeind Richard Wagner einen mitgeben. Das breite Publikum indes kam in den vergangenen 150 Jahren per Abstimmung mit den Füßen zu einem durchaus ähnlichen Ergebnis und katapultierte Carmen bis heute weit an die Spitze der meistgespielten Werke des Opernrepertoires. Kein Wunder, dass gleich mehrere Hamburger Zeitungen auch schon vor einhundert Jahren zum 50. Jahrestag der Pariser Uraufführung vom 3. März 1875 an diese erinnerten. Die Harburger Anzeigen und Nachrichten hatten dafür einen besonders prominenten Zeitzeugen befragt, den ersten Interpreten der männlichen Hauptrolle des Don José. In heutigen Augen problematische misogyne Züge und antiziganistische Klischees im Libretto, wie sie jüngst etwa das Berliner Maxim-Gorki-Theater in seiner Neuinszenierung in den Mittelpunkt rückte, spielen in dessen Rückblick auf die Probenzeit erwartungsgemäß keine Rolle; vielmehr geht es um die moralische Brisanz, die Carmen für die Zeitgenossen besaß. Mehr dazu von Rosa Leu.

Ep 1751Wer folgt auf Friedrich Ebert?
Der Reichpräsident ist tot, es lebe der Reichspräsident – so schnell geht es in demokratischen Gemeinwesen bekanntlich meist nicht, weshalb auch nach Friedrich Eberts Tod die Funktion des Staatsoberhauptes zunächst kommissarisch an Reichskanzler Luther und ab 11. März 1925 an den Reichsgerichtspräsidenten Walter Simons überging. Der Zeitplan für die Neuwahl eines Reichspräsidenten war freilich, gerade nach heutigen Maßstäben, äußerst sportlich: Bereits Ende März sollte der Souverän zu einem ersten Wahlgang zusammenkommen, und entsprechend zügig brachten sich die politischen Lager mit Personalvorschlägen in Stellung. Auch das sozialdemokratische Hamburger Echo konnte sich dieser Debatte nicht entziehen, nennt in einer ersten Kandidatenrunde vom 2. März interessanterweise allerdings keinen Namen aus den eigenen Reihen. Es liest Frank Riede.

Ep 1750Presseschau zum Tod von Friedrich Ebert
Der Respekt vor dem höchsten Staatsamt des Reichspräsidenten und im Besonderen vor seinem ersten Amtsinhaber Friedrich Ebert waren zu dessen Lebzeiten bei seinen politischen Gegnern nicht immer ausgeprägt; zahllose, auch ehrabschneidende Anfeindungen von den Extremen des politischen Spektrums hatte Ebert in den Jahren seiner Amtszeit erfahren. Immerhin, entnehmen wir der Presseschau der Hamburger Nachrichten vom 1. März 1925, waren in jenen mittleren Jahren der Weimarer Republik zumindest im Angesicht des plötzlichen Todes des Präsidenten indes auch die Vertreter der rechten Blätter des Reiches noch in der Lage, sich über den verstorbenen Sozialdemokraten ein paar würdigende Worte abzuringen – zumeist für seine antibolschewistische Gesinnung. Das weite politische Spektrum von der völkischen Kreuzzeitung bis zum sozialdemokratischen Vorwärts wird für uns lesend abgeschritten von Rosa Leu.

Ep 1749Zum Tode von Friedrich Ebert
Es hatte sich schon ein paar Krankenhaustage lang angekündigt und war für das demokratische Deutschland doch ein Schock: Am 28. Februar 1925 starb Reichspräsident Friedrich Ebert in einer Berliner Klinik an einer durch einen Blinddarmdurchbruch verursachten Bauchfellentzündung. Inwieweit das haltlose Urteil in dem von Ebert angestrengten Magdeburger Beleidigungsprozess wenige Wochen zuvor Einfluss auf Eberts körperliche Konstitution hatte, ist bis heute Gegenstand lebhafter Spekulation. Dass sein Tod vier Monate vor dem regulären Ende seiner Amtszeit die gebeutelte Republik in neuerliche Turbulenzen stürzen würde, war bereits zu diesem Zeitpunkt absehbar. Der Hamburger Anzeiger blickte auf seiner Titelseite vom Todestag jedoch zunächst einmal noch nicht voraus, sondern zurück und würdigte das erste demokratisch gewählte Staatsoberhaupt der deutschen Geschichte in einem ersten Nachruf. Für uns erinnert an Friedrich Ebert Frank Riede.

Ep 1748Auf einer Berliner Revierwache
Leo Heller zählte zu den großen Feuilletonisten Im Berlin der Weimarer Republik. Seine Spezialität lag freilich nicht im Bereich des Hochkulturellen, sondern in Reportagen und Glossen aus der hauptstädtischen Halb- und Unterwelt. In Berlin textete er, wie sich langjährige Hörerinnen und Hörer von Auf den Tag genau vielleicht noch erinnern, vor allem für das 8-Uhr-Abendblatt, hin und wieder schafften es seine Artikel, vermutlich in Zweitverwertung, aber auch in auswärtige, etwa Hamburger Zeitungen. So geschehen unter anderem am 27. Februar 1925. Dass der Hamburger Anzeiger hier die Eindrücke abdruckte, die Heller auf einer Revierwache gesammelt hatte, zeugt von überraschend großem Vertrauen der Blattmacher in die Kenntnisse des Berlinischen Idioms seitens seiner hanseatischen Leserschaft. Rosa Leu ist mit diesem qua Geburt bestens vertraut.

Ep 1747Grimmelshausen und “Der abenteuerliche Simplicissimus Teutsch”
Wir sind in den letzten Monaten immer wieder auf einen sehr freien Umgang mit den Lebensdaten prominenter Figuren der Geschichte gestoßen - sich um ein Jahr zu vertun, schien nichts Ungewöhnliches zu sein. Im Falle von Hans Jakob Christoffel von Grimmelshausen, dessen 300. Geburtstag am 26. Februar 1925 im Lübecker Volksboten gefeiert wird, ist eine gewisse Beliebigkeit vorprogrammiert, wird doch aktuell auf Wikipedia der Geburtstag mit „um 1622“ angegeben. Ein gewisser Friedrich Gräbe greift in seinem Artikel diese mangelnde biographische Faktenlage auf, trägt das zusammen, was bekannt ist, und widmet sich dann dem großen barocken Werk aus Grimmelshausens Feder, das kurz als „Simplicissimus“ bezeichnet wird. Frank Riede ist dankenswerter Weise sehr präzise mit seinen Aufnahmen, weshalb uns genau 100 Jahre nach der Erstveröffentlichung dieser Artikel nun vorliegt.

Ep 1746Brotpreise im internationalen Vergleich
Die Hyperinflation war im Februar 1925 bekanntlich längst gestoppt, aber was das Grundnahrungsmittel Brot betraf, entnehmen wir den Altonaer Neuesten Nachrichten vom 25. des Monats, blieb die deutsche Kaufkraft im internationalen Vergleich noch immer zurück. Ob das auch für andere Güter des täglichen Bedarfs galt, erläutert der Artikel genauso wenig, wie er sich auf etwaige geschmackliche Diskussionen einlässt. Er bleibt bei den nüchternen Verkaufspreisen, die für uns Rosa Leu studiert hat.

Ep 1745Berlin hat wieder Geld oder gibt es zumindest aus
Berlin-Bashing ist beileibe keine Erfindung erst der sogenannten Berliner Republik, sondern wurde, wie wir gleich von Frank Riede erfahren, auch schon in früheren Zeiten eifrig betrieben. Die Spitzen, die der Hamburgische Correspondent am 24. Februar 1925 der Hauptstadt widmete, zielen vor allem klassisch auf die angebliche Verschwendungssucht, der man an der Spree fröne und die man, so der Subtext, natürlich im arbeitenden Rest des Landes finanziere. Im Fokus der Kritik steht dabei eine Ampel, die freilich nichts mit Politik zu tun hat, sowie eine Wintersportanlage im Grunewald, welche sich wegen der Schneelosigkeit im märkischen Winter 1925 als Gegenstand des hanseatischen Spottes ganz besonders aufdrängte.

Ep 1744Rheinischer Karneval 1925
Hamburg war und ist so wenig wie Berlin eine Karnevals-, Faschings- oder Fastnachtmetropole, weshalb der Hamburgische Correspondent am 23. Februar 1925 sich selbstredend extra muros umtun muss, um seiner Leserschaft ein wenig fünfte Jahreszeit ins Haus flattern zu lassen. Die Autorin Liesbet Dill stammt immerhin von der Saar, weshalb sie entsprechend Expertise mitbringt, zu erläutern, was am Karneval spezifisch rheinisch sei und warum sie die Norddeutschen und interessanterweise auch die Süddeutschen diesbezüglich für wenig talentiert hält. Das meiste, was sie zu berichten weiß, kommt dem rheinischen Straßenkarneval, wie man ihn von heute kennt oder zu kennen meint, relativ nahe. Nur vom 11.11. ist noch nicht die Rede, als Beginn des bunten Treibens markiert der Text noch nach alter Sitte den 6. Januar. Für uns ins närrische Getümmel gestürzt hat sich, nein, nicht der Rheinländer Frank Riede, sondern die Berlinerin Rosa Leu.

Ep 1743Was sagt der Konjunktur-Barometer?
Das Barometer, abgeleitete vom altgriechischen „schwer“ und „Maß“, bestimmt den statischen Luftdruck und wird in der Meteorologie bei Wettervorhersagen benutzt. Der Begriff Barometer wurde aber auch im übertragenen Sinn auf andere Prognoseinstrumente übertragen. 1925 muss das Konzept eines wirtschaftlichen Konjunkturbarometers noch recht neu gewesen sein, da das Hamburger Echo in der Ausgabe vom 22. Februar diesen Begriff ihrer Leserschaft zu erläutern versucht. Der monatlich aktualisierte Konjunkturbarometer des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung basiert auf der Wachstumsrate des realen Bruttoinlandsprodukts. Wie das Hamburger Echo das Konzept vermittelte, vermittelt uns Frank Riede.
Ep 1742Das Meisterwerk “Der letzte Mann” in Hamburg
Mit „Der letzte Mann“ gelang dem Regisseur Friedrich Wilhelm Murnau, dem Autor Carl Mayer und dem Kameramann Karl Freund ein besonderer Stummfilm, der bis heute als Meisterwerk gilt. Das Skript und damit der Film kamen gänzlich ohne Zwischentitel aus, so dass sich die gesamte Geschichte rein über das Schauspiel und die Bildebene erzählt. Die „entfesselte Kamera“ des Films war für die damalige Zeit experimentell und muss die Zuschauer*innen schwer beeindruckt haben. Sie fährt nicht nur durch die Lobby eines Hotels, sondern folgt auch einem Trompetenton über einen Innenhof bis zum Ohr einer Hörenden. In den Zwanzigern kämpfte die verhältnismäßig junge Filmkunst noch um Anerkennung und so stürzten sich sie Filmkritiker auf den Film und erhoben ihn zum Beispiel dessen, was der Film als eigenständige Kunstform erreichen kann. Das äußert sich auch in der Filmkritik anlässlich der Premiere in Hamburg, die ca. zwei Monate nach der deutschen Premiere vom 23. Dezember 1924 in Berlin stattfand, aus dem Hamburgischen Correspondenten vom 21. Februar 1925. Lediglich das durch den einzigen Zwischentitel herbeigeführte Happy-Ende des Films erregte Kritik. In der Tat hatten es weder Murnau noch Mayer gewollt, sie wurden aber von der UFA gezwungen es anzufügen, und taten dies, indem sie sich ironisch davon distanzierten. Der Star-Kult der Zeit lässt sich daran ablesen, dass in der ganzen Kritik die Namen des Autors und des Regisseurs nicht vorkommen, lediglich der Hauptdarsteller Emil Jannings wird genannt. Wir nennen Rosa Leu als diejenige, die für uns heute liest.

Ep 1741Hering
Seit August 2024 ist Auf den Tag genau bekanntlich nicht mehr in Berlin, sondern in Hamburg beheimatet; allerdings umfasst unser Portfolio seither auch Zeitungen aus Orten, die damals noch nicht gehörten bzw. heute nicht mehr zu Hamburg gehören. Die Hansestadt Lübeck tat dies bekanntlich noch nie, dennoch schauen wir heute, wie bereits vor vier Tagen, ein weiteres Mal über den Tellerrand hinaus und in den Lübecker Volksboten, der – um die Verwirrung komplett zu machen – am 20. Februar 1925 freilich eher in hamburgischen Gewässern fischte. Die großen Heringsbänke, in die uns Rosa Leu gleich entführt, lagen und liegen nämlich vor allem in Nordseegewässern. In diesem Sinne: Ahoi und gute Fahrt!

Ep 1740Vom deutschen Wesen
Die Brüder Julius und Harry Barmat waren Ostjuden, Sozialdemokraten und erfolgreiche Geschäftsleute, bis ihr hauptsächlich auf Lebensmittelimporte spezialisierter Konzern „Amexima“ 1924 überschuldet zusammenbrach. Ein gefundenes Fressen war dies für alle Feinde der Republik schon deshalb, weil verschiedene führende Politiker von SPD und Zentrum mit den Barmats verbandelt waren. Antisemitische Hetze und – wie sich herausstellte: völlig gegenstandslose – Korruptionsvorwürfe u.a. gegen Reichspräsident Ebert in Teilen der extremen rechten und linken Presse waren die Folge, gegen die sich republikanische Stimmen wiederum erbittert zur Wehr setzten. Eine solche Stimme war Paul Levi, einst Anwalt und kurzzeitig Lebensgefährte von Rosa Luxemburg sowie Mitgründer KPD, mittlerweile aber in die SPD zurückgekehrt. Seine heftige Polemik wider die Korruption der Bourgeoisie fanden wir in der Cuxhavener Alten Liebe vom 19. Februar 1925. Es liest Frank Riede.

Ep 1739Die Krisen der SPD
Die älteste bestehende Partei Deutschlands, die, wenn man die Vorgängerorganisationen nicht berücksichtigt, 1890 begründete SPD hat in ihrer wechselvollen Geschichte öfters einen krisenhaften Zustand attestiert bekommen oder sich selber attestiert. Verbunden mit einem Rückblick auf die Krisen der Partei im 19 Jahrhundert tut dies auch der Publizist Richard Bahr im Hamburger Anzeiger vom 18. Februar 1925. Der 1867 im lettischen Kurland als Sohn eines Schuldirektors geborene Bahr studierte und promovierte in Kiel, Breslau und Heidelberg. Ab 1904 war er für verschiedene Zeitungen tätig, so auch für die Deutsche Allgemeine Zeitung, und gab zeitweise die „Nationalliberalen Beiträge“ heraus, aber auch 1925 bis 1929 die 14tägig erscheinenden Großdeutschen Beiträge. Letztere verweisen auf sein publizistisches Werben für einen Zusammenschluss Deutschlands mit Österreich, den er auch nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten 1933 propagierte, aber nicht mehr erlebte, da er 1936 verstarb. Heute liest für uns Frank Riede, welche Krisen der Sozialdemokratie er identifizierte.

Ep 1738Die Kreuzworträtsel-Manie
Wie so viele andere Unterhaltungsphänomene, erfahren wir aus den Harburger Anzeigen und Nachrichten vom 17. Februar 1925, stammt auch das Kreuzworträtsel ursprünglich aus den USA. Von der allerersten Veröffentlichung eines solchen in der Weihnachtsausgabe der New York World von 1913 erzählt der Artikel nichts, dafür umso mehr von den Blüten, welche der dadurch ausgelöste Kreuzworträtsel-Boom gut ein Jahrzehnt später trieb. Kreuzworträtselweltmeisterschaften gibt es vermutlich auch noch heute (Landesmeisterschaften auf jeden Fall); dass seinerzeit indes auch große Ivy-League-Universitäten ihre Kräfte in dieser Disziplin maßen und Kreuzworträtsel Eingang in Gottesdienste fanden, überrascht vielleicht doch. Noch mehr von der Kreuzworträtsel-Manie weiß Rosa Leu.

Ep 1737Deutschnationale Meinungs-Fabriken
Wie wichtig es ist, die Meinungen von Wähler*innen über Medien – vorsichtig gesagt – zu prägen, ist wahrscheinlich eine ganz alte Einsicht. Während heutzutage die Fernsehsender und Sozialen Medien umkämpft sind oder gezielt eingesetzt werden, waren es in den 20er Jahren der Weimarer Republik die Zeitungen, deren Einflussnahme auf die Wähler*innen entscheidend war. Die Großunternehmer und Politiker Alfred Hugenberg und Hugo Stinnes bauten daher ein politisch rechtsstehendes Presseimperium auf, das durchgehend kritisch von der sozialdemokratischen Presse betrachtet wurde. Auch der Lübecker Volksbote ist da keine Ausnahme. Am 16. Februar wettert er daher gegen „deutschnationale Meinungsfabriken“. Es liest Frank Riede.

Ep 1736Mit dem Circus Sarrasani in Argentinien
Der Circus Sarrasani aus Dresden galt Anfang des 20. Jahrhunderts weit und breit als spektakulärster und erfolgreichster seiner Art. In schwere Gewässer geriet das Unternehmen jedoch durch den Ersten Weltkrieg und die anschließende Wirtschaftskrise, weshalb man zum Zwecke der Sanierung sich in den Jahren 1924/25 auf eine ausgedehnte Südamerika-Tournee begab. Wie die Vorstellungen des Circus dort angenommen wurden, erfahren wir im Bericht des Hamburgischen Correspondenten aus dem argentinischen Cordoba vom 15. Februar 1925 leider nicht. Dafür liefert uns sein Korrespondent aber einen ausführlichen Reisebericht und vermittelt immerhin einige Eindrücke davon, wie Sarrasani durch den fernen Kontinent reiste und wie Direktor Stosch-Sarrasani dort seine Freizeit verbrachte. Es liest Rosa Leu.

Ep 1735Vom Prozess gegen die deutsche Tscheka
Als Deutsche Tscheka bezeichneten Justiz und Presse in der Weimarer Republik eine kommunistische Untergrundorganisation, die nach dem Scheitern des Hamburger Aufstandes Ende 1923 gegründet worden war und terroristische Anschläge gegen politische Gegner wie den Reichswehrgeneral Hans von Seeckt geplant haben soll. Mehreren vermeintlichen Mitgliedern wurde deswegen seit 1924 am Reichsgericht in Leipzig der Prozess gemacht, welcher gewaltige deutschlandweite Beachtung und auch in den Hamburger Zeitungen regelmäßigen Niederschlag fand. Auch das sozialdemokratische Hamburger Echo berichtete beinahe täglich und hielt mit seiner politischen Meinung gegenüber den Angeklagten und ihren angeblichen Hintermännern nicht hinter dem Berg. Der Gerichtsreport vom 14. Februar 1925 ist einmal mehr ein eindrückliches Beispiel für die Härte, mit der der Konflikt zwischen den unterschiedlichen Flügeln der Arbeiterbewegung in den 1920er Jahren ausgefochten wurde und überrascht nicht nur ob der Schärfe des Tonfalles, sondern auch wegen einiger äußerst diskriminierender Formulierungen. Es liest Frank Riede.

Ep 1734Die Toten von Dortmund
In der nach dem preußischen Minister und Reformator Heinrich Friedrich Karl vom und zum Stein benannten Dortmunder Zeche kam es am 11. Februar 1925 zu einem der schwersten Bergbauunglücke der 1920er Jahre. Bei einer Schlagwetterexplosion in einer noch nicht ganz fertig eingerichteten und gestützten neuen Abteilung kamen im gesamten Bergwerk 136 Bergleute um. Aufgrund unglücklicher Fügungen und Provisorien weiteten die Explosionen sich von der Unglücksstelle aus. Viele Wettertüren standen offen, es waren weniger als die Hälfte der vorgesehen Gesteinsstaubsperren eingerichtet und der Kohlestaub wirbelte immer wieder auf und verursachte neue Explosionen. Doch diese Versäumnisse wurden erst im Nachgang bekannt und von einem Untersuchungsausschuss begutachtet. Die Bergedorfer Zeitung berichtete, wie alle anderen Zeitungen an diesen Tagen auch, am 13. Februar von den zu dem Zeitpunkt bekannten Umständen und Folgen des Unglücks und den Opfern. Für uns liest Rosa Leu die traurigen Nachrichten.

Ep 1733Ein Blick auf die Färöer
Seitdem Auf den Tag genau vor einem guten halben Jahr aus Berlin nach Hamburg gezogen ist, weißt die Kompassnadel unserer Auslandsartikel eindeutig vermehrt nach Norden; denn wenig überraschend bildet sich die Nähe der Hansestadt zu den skandinavischen Ländern auch nachhaltigen Verbindungen der hiesigen Tageszeitungen ab. Nachdem wir uns mit einem solchen Korrespondentenartikel erst jüngst in Island umgesehen haben, gerät heute, mit dem Hamburgischen Correspondenten des 12. Februar 1925, eine andere alte dänische Kolonie in den Blick, die Anfang des 20. Jahrhunderts ebenfalls im Begriff war, die Bande gegenüber Kopenhagen langsam zu lösen: die Färöer. Wie es um dieses Verhältnis seinerzeit, zumindest aus Hamburger Perspektive, bestellt war, verrät uns Frank Riede.

Ep 1732Wilhelm Marx ist neuer preußischer Ministerpräsident
Seit dem 20. Januar 1925 hatte Deutschland wieder eine handlungsfähige Reichsregierung, im größten Land des Reiches, dem Freistaat Preußen, auf den ca. 60 Prozent der Gesamtbevölkerung entfielen und in dem am 7. Dezember 1924 ebenfalls Parlamentswahlen stattgefunden hatten, war man hingegen auch im Februar immer noch auf der Suche nach stabilen Mehrheiten. In Ermangelung dessen hatte der bisherige Ministerpräsident Otto Braun von der SPD seine Wiederwahl durch den Preußischen Landtag nicht angenommen, daraufhin stellte sich der Ex-Reichskanzler Wilhelm Marx vom Zentrum zur Wahl, der sogar noch 2 Stimmen weniger als Braun erhielt, aber dennoch mit einfacher Mehrheit gewählt wurde. Dass auch er keine neue Regierung zustande bekommen und am Ende doch wieder Braun in sein Amt zurückkehren sollte, konnten die Harburger Anzeigen und Nachrichten vom 11. Februar 1925 noch nicht wissen. Es liest Rosa Leu.

Ep 1731Zum Todestag von René Descartes
René Descartes gilt als Begründer der neuzeitlich-modernen Philosophie. Am 11. Februar 1925 jährte sich sein Todestag im Jahr 1650 zum 275. Mal. Grund genug für den Hamburgischen Correspondenten, bereits am Vortag dieses Ereignisses zu gedenken. Der Autor Walter Resch hält dies eher populär. Statt sich in die Tiefen der cartesischen Erkenntnistheorie zu stürzen oder deren Bedeutung für die Gegenwart ausführlicher zu erläutern, flaniert er lieber durch dessen durchaus bewegtes Leben, das ihn aus dem ländlichen Frankreich der Touraine schließlich an den Hof der Königin von Schweden führte. Worüber der Text nichts erzählt, sind interessanterweise die Wander-und Soldatenjahre, die Descartes während des 30jährigen Krieges vor allem in deutschen Landen verlebte. Rosa Leu erinnert für Auf den Tag genau an René Descartes zu seinem 375. Todestag.

Ep 1730“Der Zauberberg” von Thomas Mann
„Thomas Mann liest aus dem Zauberberg“ heißt eine der beliebtesten Folgen von Auf den Tag genau, und sie stammt bereits aus dem Februar des Jahres 2021. Einhundert Jahre zuvor hatte der spätere Literaturnobelpreisträger tatsächlich an einem Berliner Gymnasium Auszüge aus seinem neben den Buddenbrooks wohl berühmtesten Roman präsentiert und dabei auch neugierige Vertreter der Berliner Presse angezogen – zur Veröffentlichung kam Der Zauberberg indes erst beinahe vier Jahre später im November 1924, und mit den Rezensionen zog es sich dann zum Teil, möglicherweise der Länge des Werkes geschuldet, nochmal ein paar Monate hin. Im Hamburger Anzeiger vom 9. Februar 1925 bekennt Kritikus Erich Lüth relativ freimütig, sich durch die „dickleibigen“ zwölfhundert Seiten eher durchgequält zu haben. Zu einer Hymne auf Thomas Manns großes neues Opus gerät seine Rezension denn auch nicht. Wieso, weiß Frank Riede.

Ep 1729Filmische Überwachung von Krankgeschriebenen
Erst vor wenigen Wochen sorgte die Ankündigung von Elon Musk für Schlagzeilen, krankgeschriebene Arbeiter*innen des Tesla-Werkes in Grünheide, zuhause aufzusuchen, um zu überprüfen, ob sie wirklich krank seien. Und tatsächlich gibt es Detekteien, die geneau darauf spezialisiert sind. Vor 100 Jahren sorgte der erfolgreichste Autounternehmer und einer der reichsten Menschen der damaligen Welt Henry Ford zumindest für eine Schlagzeile im Hamburgischen Correspondenten vom 8. Februar 1925, als er einen krankgeschriebenen Mitarbeiter von einem Kamerateam beobachten ließ. Ein Beleg dafür, dass der Filmapparat nicht nur zur faszinierenden Illusionsmaschine taugt, sondern auch als Überwaschungsinstrument geeignet ist. Gänzlich ohne unsere Überwachung haben wir Rosa Leu den Text anvertraut.

Ep 1728Ein Blick in die Redaktion einer Tageszeitung
Seit über fünf Jahren leben wir in diesem Podcast davon, was Zeitungen vor einhundert Jahren respektive ihre Macherinnen und Macher Tag für Tag ihren Leserinnen und Lesern – und damit uns und Euch – an Stoff zur Verfügung gestellt haben. Da erscheint es nur recht und billig, dass in den Altonaer Neuesten Nachrichten vom 7. Februar 1925 endlich auch einmal diese Blattmacher – von Macherinnen ist nicht die Rede – Gegenstand eines Artikels sind, der ausführlich beschreibt, wie eine Zeitung seinerzeit organisiert war und der Alltag eines Redakteurs vermutlich nicht nur in Altona aussah. Gemeinhin heißt es, es sei nie gut für eine Zeitung, wenn sie in der Zeitung steht. Wir haben uns über diesen Umstand in diesem Fall aber sehr gefreut und Frank Riede den Artikel zur Lesung überantwortet.

Ep 1727Deutschfresser Tarzan
Als eine der erfolgreichsten literarischen Figuren der Welt gilt mit Sicherheit Tarzan, der 1912 das Licht der Welt erblickte und sich in unzähligen Büchern, Comics und Filmen von einem Siegeszug zum anderen schwang. Der Autor Edgar Rice Burroughs hat 24 Romane rund um den im Dschungel von Affen großgezogenen englischen Adeligen geschrieben, auf denen die weiteren medialen Fortschreibungen basieren. Auch in Deutschland wurden die ersten Bände massenweise gekauft, bis Roman Nummer 7 wahrgenommen wurde: „Tarzan, the untamed“, den Rice Burroughs während des Ersten Weltkriegs verfasst hatte. Hier taucht der “deutsche Bösewicht” auf, der, unabhängig von Tarzan, auch eine lange Karriere in der Filmlandschaft besonders Hollywoods hinlegen sollte: Ein durch und durch bösartiger und gewissenloser Kolonisator, der foltert, verstümmelt und mordet. Dieser sehr offene Deutschenhass des Tarzan-Bandes führte zu einem Aufruhr in der deutschen Kritik, für die der heutige Artikel aus den Altonaer Neuesten Nachrichten vom 6. Februar 1925 ein besonders heftiges Beispiel ist. Antwortet er doch mit einer Autorenbeschimpfung und einem ebenso deutlichem Hass auf England. Dabei verwendet er zudem noch rassistisches Vokabular. Wir bringen ihn dennoch als Beispiel für politische Konflikte, die auf dem Feld der Literatur ausgefochten wurden. Die Aufregung um diesen Band führte übrigens zu einem Einbruch in den Verkaufszahlen der Tarzan-Bücher in Deutschland, dem Burroughs vergeblich mit positiven deutschen Figuren in späteren Romanen entgegen zu wirken versuchte. Frank Riede wagt sich für uns in diesen konfliktreichen Dschungel.

Ep 1726Von Petersburg bis Leningrad
Im Jahr 1925 jährte sich zum zweihundertsten Mal der Todestag des russischen Zaren Peter I., genannt „der Große“. Grund genug für die Harburger Anzeigen und Nachrichten, sich am 5. Februar einmal in der von jenem gegründeten und nach ihm benannten Stadt Petersburg umzusehen, die man soeben, nach dem Tode Lenins 1924, nach diesem, dem Gründer der Sowjetunion, in Leningrad umbenannt hatte. Wobei „umsehen“ vielleicht nicht das richtige Verb ist, weil die Zeilen nicht unbedingt den Eindruck erwecken, ihr Autor habe sich zuletzt länger vor Ort aufgehalten. So bleibt der Artikel eher Geschichtsstunde, ergänzt um einige eher pauschal-kritische Anmerkungen über den Verfall des alten Glanzes unter den neuen kommunistischen Herrschern. Es liest Rosa Leu.

Ep 1725Debatte um Schulreformen
Auseinandersetzungen rund um die Strukturierung des Schulsystems und um den Zeitpunkt des Übergangs von Grundschule zur Oberschule wurden auch vor 100 Jahren geführt. Die Frage ob die Höhere Schule 8 oder 9 Jahre dauern sollte war jedenfalls noch nicht geklärt, und die pädagogischen Konzepte der Grundschule und der weiterführenden Schule prallten aufeinander, zumindest, wenn wir dem Beitrag eines Prof. Wehnert aus Hamburg für den Hamburgischen Correspondenten vom 4. Februar 1925 Glauben schenken wollen. Uns bietet Frank Riede die Argumente für und wider eine differenzierte Grundschule und Einblick in die Schuldebatten der Zeit.

Ep 1724Zum Jahrestag der Februarflut von 1825
Die sogenannte Februarflut von 1825 gilt als eine der schwersten Nordsee-Sturmfluten der letzten Jahrhunderte; man schätzt, dass ca. 800 Menschen hierbei ihr Leben ließen. So tief hatte sich diese Katastrophe ins kollektive Gedächtnis eingebrannt, dass nahezu alle Tageszeitungen im Großraum Hamburg zum einhundertsten Jahrestag 1925 auf sie zurückblickten. Nicht verwunderlich, gilt dies auch am 3. Februar für die Alte Liebe aus dem seinerzeit besonders stark betroffenen Cuxhaven, welche nicht nur sehr anschaulich schildert, wie dramatisch das Wasser damals die Küstenbewohner im Schlaf überraschte, sondern die Ereignisse von 1825 auch in die sehr lange Geschichte der Sturmfluten in Norddeutschland einordnet. Es liest Rosa Leu.

Ep 1723Mit Theodor Däubler am Fuße des Olymp
Das Land der Hellenen wie Goethe mit der Seele suchen – dem 1876 geborenen österreichisch-deutschen Schriftsteller Theodor Däubler war dies nicht genug, weshalb er seit 1921 für mehrere Jahre nach Griechenland übersiedelte, es ausgiebig bereiste und seine dortigen Erfahrungen nicht nur in verschiedenen Büchern verarbeitete, sondern sich von Zeit zu Zeit auch mit gelehrten Reiseberichten via Tageszeitung zu Wort meldete. Nachdem Auf den Tag genau Däubler bereits auf die Kykladen und die Peloponnes gefolgt war, geht es heute in die mittelgriechische Region Thessalien am Fuße des Olymps, wo wir mit ihm und dem Hamburger Anzeiger vom 2. Februar 1925 das Tal Tempe durchwandern. Unser Blick an diesem mythischen Ort gilt dabei nicht nur der wildromantischen Natur, sondern auch den zahlreichen Fußspuren, die mehr oder weniger berühmte literarische Giganten dort über die Jahrtausende hinterließen. Frank Riede sichtet sie für uns.

Ep 1722Kolonialismus in Fernost: Die Philippinen
Der neuzeitliche Kolonialismus gilt gemeinhin als ein europäisches Phänomen, doch fand er im späten 19. und 20. Jahrhundert vereinzelt sehr wohl auch Nachahmer auf anderen Kontinenten. Vorreiter waren diesbezüglich die USA, die sich – selbst ihrem Ursprung nach aus einer britischen Kolonie hervorgegangen – zunehmend auch für überseeische Landnahme interessierten. Die größte entsprechende Besitzung stellten vor einhundert Jahren die Philippinen dar, die man 1898 den Spaniern blutig entrissen hatte. Über die aktuelle Situation auf dem Archipel im westlichen Pazifik informiert uns ein Artikel aus dem Hamburger Echo vom 1. Februar 1925, der durchaus prophetisch bereits eine weitere außereuropäische Macht ein imperiales Auge auf die Philippinen werfen sah. Es liest Rosa Leu.

Ep 1721Im Reichstagsrestaurant
Die Herzkammer der meisten Betriebe ist bekanntermaßen die Kantine. Warum sollte das in einem Parlamentsbetrieb anders sein? Konsequenterweise hat es Autor Franz Lehnhoff für seinen Bericht aus dem Reichstag im Hamburgischen Correspondenten vom 31. Januar 1925 gar nicht bis in dessen Sitzungssaal geschafft, sondern es sich stattdessen im Reichstagsrestaurant bequem gemacht. Wer dieses seinerzeit als Vorgänger von Feinkost Käfer betrieb, verrät der Artikel nicht; auch von der Art der Speisen erzählt er nur am Rande. Viel ist dagegen die Rede vom geschäftigen Treiben auf bzw. zwischen den Stühlen und Bänken. Und von der dicken Luft, die hier im durchaus nicht metaphorischen Sinn des Wortes geherrscht haben soll. Frank Riede hat sich für uns dennoch hineingewagt.

Ep 1720Die Überfischung der Nordsee
Lange Zeit galt das schier unendliche Meer mit seinem Reichtum an Lebewesen als unerschöpflich. Nie würde die Menschheit dort fundamental verändernd eingreifen können. Die 1902 gegründete Deutsche wissenschaftliche Kommission für Meeresforschung kam rasch zu anderen Ergebnissen. Das Thema der Überfischung und als Reaktion darauf eine Schaffung von Fischerei-Schongebieten stand nun auf der Agenda der Politik. Zeitgleich wurde, das erklang auch in diesem Podcast, gerade in Zeiten der wirtschaftlichen Krise die Bedeutung der Fische als eine wichtige Nahrungsgrundlage der Nation betrachtet. Der Hamburgische Correspondent führt in seiner Ausgabe vom 30. Januar 1925 in das Thema ein. Für uns tut dies Rosa Leu.

Ep 1719Vor dem Kopftuchverbot das Schleierverbot
Die etwas mehr als ein Jahr “junge” Türkei unter Mustafa Kemal sollte ein säkularer, moderner Staat werden – und einer der zentralen und überall sichtbaren Schritte auf diesem Weg war das Verbot des Kopftuches für die Frau. Das Studium an Universitäten etwa stand für Frauen offen, das Betreten des Campus war aber nur ohne Kopftuch gestattet. Ebenso war die Arbeit im Staatsdienst nur ohne Kopftuch möglich. Eine Regelung, die lange fortbestand und, zumindest was die Universitäten und Schulen angeht, erst durch die AKP unter Erdogan im Jahre 2010/11 aufgehoben wurde. Wie aus unserem regelmäßigen Blick in die Türkei abzulesen ist, interessierte sich die Hamburger Presse sehr an den Entwicklungen dieses neuen Staates, der antrat, um mit den europäischen Staaten zu konkurrieren, oder diese gar zu überflügeln. Bevor es aber an das Kopftuch ging, galt es zunächst die Schleierpflicht der Frau aufzuheben. Am 29. Januar 1925 behandelten die Harburger Anzeigen und Nachrichten die neuen Regelungen rund um die Schleierpflicht und die Vielehe, durchaus noch aus einer nicht gerade emanzipationsbegeisterten Position heraus. Rosa Leu liest.

Ep 1718August Strindberg zum 75. oder 76. Geburtstag
August Strindberg, schwedischer Schriftsteller, wurde laut übereinstimmenden Quellenberichten am 22. Januar 1849 in Stockholm geboren und starb ebenda am 14. Mai 1912. Nach Adam Riese hätte er, so er denn noch gelebt hätte, im Januar 1925 seinen 76. Geburtstag gefeiert – in den Altonaer Neuesten Nachrichten gedachte man seiner am 28. des Monats jedoch kurioserweise zum 75. Ob man seinerzeit noch von anderen Daten ausging, man sich schnöde verrechnet oder aber der Text des Bonner Literaturwissenschaftlers Oskar Walzel ein Jahr in der Schublade irgendeines Redakteurs geschmort hatte, war für uns nicht zu ermitteln. Weil uns die literaturgeschichtliche Einordnung Strindbergs, die hier vorgenommen wird, interessant erscheint, senden wir den Artikel trotzdem. Es liest Frank Riede.

Ep 1717Der Luftverkehr 1925
Der Luftverkehr war Mitte der 1920er Jahre seiner Pionierphase unerkennbar entwachsen und hatte sich – trotz aller fortbestehenden Hemmnisse durch den Versailler Vertrag – in Deutschland zu einer echten Boombranche entwickelt. Längst dachte man auch hier in Netzen mit Anschlussverbindungen und Drehkreuzen, wie ein Ausblick auf die Pläne für den Flugbetrieb im Jahr 1925 im Hamburgischen Correspondenten vom 27. Januar bestätigt. Dessen Autor Friedrich Andreas Fischer von Portuzyn war selbst Flieger und arbeitet für die Junkers Luftverkehr AG in Dessau, die sich in jenen Jahren für kurze Zeit zur bedeutendsten Fluggesellschaft der Welt entwickelte - auch wenn sich die Expansionspläne Richtung Orient und Sowjetunion, von denen der Artikel unter anderem kündet, letztlich nicht als rentabel erweisen sollten. Rosa Leu klettert für uns ins Cockpit.

Ep 1716Ein Gleichnis von Luigi Pirandello
Luigi Pirandello, 1867 in Agrigent auf Sizilien geboren und 1936 in Rom verstorben, zählt zu den wichtigsten italienischen Literaten und vor allem Dramatikern des frühen 20. Jahrhunderts; 1934 erhielt er den Literatur-Nobelpreis. Spätestens seit der deutschsprachigen Erstaufführung seines bis heute berühmtesten Werkes Sei personaggi in cerca d’autore – Sechs Personen suchen einen Autor – 1924 in Wien kannte man ihn auch nördlich der Alpen und druckte Texte von ihm bisweilen sogar in Tageszeitungen ab. So unter anderem ein „Gleichnis“ im Hamburger Anzeiger vom 26. Januar 1925, für dessen Übersetzung hier der umtriebige Autor und Theatertausendsassa Jo Lherman verantwortlich zeichnete. Für die Lesung des Textes tut dies Frank Riede.

Ep 1715Der 7. Sinn als Stummfilm
Wer erinnert sich noch an den 7. Sinn? Die Fernsehsendung des Westdeutschen Rundfunk, die zwischen 1966 bis 2005 ausgestrahlt wurde. Sie klärte alle Beteiligten am motorisierten Verkehr über Gefahren und korrekte Verhaltensweisen auf und wird als Mutter aller Verkehrserziehungssendungen bezeichnet. Vielleicht wurde dieser Titel aber voreilig vergeben. Im Hamburger Echo vom 25. Januar 1925 erfahren wir von einem Lehrfilm der Bayerischen Filmgesellschaft, der das richtige Navigieren durch den städtischen Verkehr veranschaulichte. Interessant ist daran, dass er, zumindest aus der Sicht des Rezensenten, auch wertvolle Impulse für die Hamburger Polizei beinhaltete. Rosa Leu weiß welche.

Ep 1714Unter der roten Fahne des Kreml
Nach Moskau, nach Moskau zieht es nicht nur die drei Schwestern in Anton Tschechows gleichnamigem Schauspiel, sondern immer wieder auch die norddeutschen Zeitungen im Januar 1925. Nachdem wir uns vor wenigen Tagen mit den Altonaer Neuesten Nachrichten auf die Suche nach Leo Trotzki gemacht haben, besuchen am 24.1. die Harburger Anzeigen und Nachrichten die größte sowjetische Stadt, die seit der Oktoberrevolution auch wieder als Hauptstadt firmierte. Neben den klassisch-historischen Sehenswürdigkeiten um den Roten Platz führt Autor Konrad Elert uns unter anderem auch in das dort nach dessen Tod vor Jahresfrist errichtete Lenin-Mausoleum, schaut sich in den Geschäften um und ahnt an den ersten Bohrlöchern für eine U-Bahn den großen Umbau voraus, der auf Moskau in den Folgejahren in der Tat zukommen sollte. Es liest Frank Riede.

Ep 1713Bei den Meistern der Alten Pinakothek in München
Die Alte Pinakothek in München mit ihrer Sammlung alter Meister zählt noch heute zu den spektakulärsten Kunstmuseen in Deutschland. Auch dem Besucher Albert Mähl, der heute eher für seine niederdeutschen Dichtungen und Theaterstücke in Erinnerung geblieben ist, hat es die dortige Ausstellung sehr angetan. Nach anfänglicher Distanz gehört seine wortreiche Bewunderung insbesondere den italienischen Exponaten, die in München von Perugino über vor allem Raffael bis Tintoretto reichen. Aber auch die Säle mit den deutschen und flämischen Meistern lassen den Autor im Hamburger Anzeiger vom 23. Januar 1925 ins Schwärmen geraten. Frank Riede schwärmt für uns mit.

Ep 1712Was ist mit Trotzki? Kreml-Astrologie anno 1925
Kreml-Astrologie ist keine Erfindung unserer Tage, sondern mindestens so alt wie die Sowjetunion. Wer warum plötzlich verschwunden war, was das zu bedeuten hatte und ob er nochmal wiederkäme – Spekulationen nach diesem vertrauten Muster finden sich im Januar 1925 in fast allen Hamburger Zeitungen, und ihr Objekt war seinerzeit kein geringerer als Leo Trotzki. Nach Lenins Tod Anfang 1924 war die junge Sowjetunion in ein Stadium der Diadochenkämpfe eingetreten, in deren Verlauf seine Widersacher um Josef Stalin Trotzki zunehmend isolierten und von seinem Amt eines Kommissars für das Kriegswesen entbanden. Ob der Machtkampf in der Kommunistischen Partei damit bereits entschieden und wo Trotzki verblieben war, wusste man im Westen nicht. Die wenigen durch die dicken Wände der Sowjetmacht nach außen dringenden Zeichen zu deuten, schickten die Altonaer Neuesten Nachrichten vom 22.1. ihren Moskauer Korrespondenten Oswald Zienau als Kreml-Astrologen ins Rennen. Rosa Leu heftet sich an seine Spuren.

Ep 1711Tragisches Schiffsunglück und wundersame Rettung
Als der Fischdampfer Hoheluft wenige Tage vor dem Weihnachtsfest 1924 auslief, um in England Fische zu laden, ahnte die 12-köpfige Besatzung nicht, dass sie den Hamburger Hafen zum letzten Mal verließ. Am zweiten Weihnachtsfeiertag sank das Schiff in schwerem Sturm vor der schottischen Küste. Lediglich der zweite Steuermann Friedrich Geiger überlebte wie durch ein Wunder. Seine hochdramatische Geschichte erzählte er dem Hamburger Anzeiger, der diese am 21. Januar 1925 abdruckte. Wie Geiger den entfesselten Elementen entkam und wie ihn die schottischen Küstenbewohner*innen behandelten im Vergleich zu den Konsularbeamten Deutschlands erzählt uns Frank Riede.

Ep 1710Die Drohung mit dem Zollkrieg
Die Drohung mit Zollkriegen sind keine schlechten Erfindungen unserer Tage, sondern waren bereits vor einhundert Jahren eine regelmäßig geschwungene Keule der internationalen Politik. Wenn wir den Harburger Anzeigen und Nachrichten vom 20. Januar 1925 Glauben schenken dürfen, waren es die Franzosen, die dem alten „Erbfeind“ Deutschland wegen stockender Handelsvertragsverhandlungen einen solchen aufzwang – was sich in den Augen der französischen Presse möglicherweise ganz anders darstellte. Verglichen mit den Waffen, mit denen man zehn Jahre vorher aufeinander einschlug, muss man das vielleicht schon als einen Fortschritt bewerten. Es liest Rosa Leu.

Ep 1709Hindemiths Sancta Susanna in Hamburg
Dass Paul Hindemiths einaktige Oper Sancta Susanna die Gemüter auch noch eines heutigen Publikums ganz erheblich zu erregen vermag, war unlängst anlässlich Florentina Holzingers Neuinszenierung an den Opern von Schwerin und Stuttgart zu bestaunen; wegen der Drastik der Szene mussten einzelne Zuschauerinnen und Zuschauer am Rande der Vorstellung sogar ärztlich versorgt werden. Angesichts des vermeintlich blasphemischen Charakters der Geschichte von der wollüstigen Nonne Susanne hatte man erst recht bei der Hamburger Erstaufführung vor einhundert Jahren mit erheblichen Protestnoten gerechnet – die jedoch überraschenderweise ausblieben. Kritiker Rudolf Philipp vom Hamburger Anzeiger vernahm es mit Wohlwollen, weil ihn das Werk jedenfalls in musikalischer Hinsicht sehr überzeugte. Für Igor Strawinskys Geschichte vom Soldaten, mit der Sancta Susanna damals ins Hamburg kombiniert wurde, gilt dies deutlich weniger, wobei seine Rezension vom 19. Januar 1925 indes auch in der Beurteilung Strawinskys differenziert argumentiert. Zur Wiedervorlage bringt sie uns Frank Riede.

Ep 1708Reichshauptstadt Frankfurt
Wegen seiner zentralen Lage, seiner Tradition als alter Reichsstadt, der vielen hier gewählten deutschen Könige, vor allem aber wegen seiner Geschichte als Ort der ersten demokratisch gewählten deutschen Nationalversammlung galt Frankfurt am Main insbesondere in republikanisch gesonnenen Kreisen lange Zeit als eine Art heimliche deutsche Hauptstadt; 1949 wäre es, an Stelle von Bonn, um ein Haar sogar zum Sitz von Parlament und Regierung bestimmt worden. In Weimarer Zeiten stand Berlin diesbezüglich nicht zur Disposition. Wohl aber, erfahren wir im Hamburgischen Correspondenten vom 18. Januar 1925, gab es seinerzeit Diskussionen, für das Staatsoberhaupt, den Reichspräsidenten, einen zweiten Amtssitz im dortigen Bundespalais zu errichten. Wie man ein entsprechendes Angebot der Frankfurter Stadtverordnetenversammlung in einer anderen Stadt mit langer demokratischer Tradition, in der Hansestadt Hamburg, bewertete, weiß Rosa Leu.