
Auf den Tag genau
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Ep 1607Eine Internationale Genuss- und Nahrungsmittelausstellung bei Hagenbeck
Das Jahr 24 war, vor einhundert Jahren, eines des Aufschwungs. Davon profitierten nicht nur die Gewerbetreibenden, sondern auch so mancher Journalist, der – statt wie noch vor Jahresfrist über lange Schlangen vor leeren Lebensmittelgeschäften berichten zu müssen – sich plötzlich von Häppchen zu Häppchen durch Messehallen verkosten durfte. Bei Hagenbeck hatte im Oktober 1924 die Internationale Genuss- und Nahrungsmittelausstellung, kurz: Iguna, ihre Pforten geöffnet, und die Altonaer Neuesten Nachrichten ließen es sich nicht nehmen, dort für ihre Ausgabe vom 10.10. vor allem die einheimischen, d.h. tatsächlich in Altona und den umliegenden holsteinischen Bezirken verarbeiteten Produkte zu probieren und ihre überregionale, wenn nicht sogar internationale Konkurrenzfähigkeit zu prüfen. Wie es gemundet hat, weiß Frank Riede.

Ep 1606Sturz der Regierung im Vereinigten Königreich
Nicht nur in Deutschland taumelte im Herbst 1924 die Regierung; auch in Großbritannien stand Premierminister Ramsay MacDonald mit seinem Kabinett vor dem Aus. Der erste Labour-Premier in der Geschichte des Vereinigten Königreiches hatte Pläne verfolgt, die international weithin isolierte kommunistische Sowjetunion diplomatisch anzuerkennen, woraufhin ihm die seine Minderheitenregierung bislang tolerierenden Liberalen von der Stange gingen. Allzu großer Sympathien für den Bolschewismus hielt ihn indes zumindest das Hamburger Fremdenblatt für unverdächtig und verortet die Gründe für MacDonalds Sturz in seinem Kommentar vom 9. Oktober eher in internen Rivalitäten bei den Liberalen. Kurzfristig lohnen sollte sich die Aktion übrigens für beide Parteien nicht. Als Sieger aus den vorgezogenen Unterhauswahlen ein paar Wochen später gingen die Tories hervor; schon 1929 sollte MacDonald jedoch erneut ein Minderheitenkabinett mit Unterstützung der Liberalen ins Amt bringen. Das Wort hat Rosa Leu.

Ep 1605Mit Victor Auburtin in San Sebastián
Wir haben keine Statistik geführt, aber in der Berliner Zeit von Auf den Tag genau hat es vermutlich kaum ein Autor so häufig in den Podcast geschafft wie der geschätzte Kolumnist des Berliner Tageblattes Victor Auburtin. Wie schön, dass wir einander nun in Hamburg wiederbegegnet sind – wobei sich Auburtin im Herbst 1924 freilich weder an der Spree, noch an der Elbe herumtrieb, sondern eine ausgedehnte Spanienreise unternahm, von der er offensichtlich sowohl Berliner, als auch Hamburger Zeitungen ausgiebig mit Erlebnisberichten versorgte. Für den Hamburger Anzeiger vom 8. Oktober übermittelte er Eindrücke aus dem mondänen baskischen Seebad San Sebastián, wo man, wie wir dem Artikel entnehmen, auch damals schon ausgezeichnet essen, allerdings auch viel Zeit im Casino verbringen konnte. Ob sich das Glücksspiel für Auburtin gelohnt hat und worin sich in seinen Augen die vornehmen Spanier von den vornehmen Mitteleuropäern der Zeit unterschieden, erfahren wir von Frank Riede.

Ep 1604Die Internationale Eisenbahntechnische Ausstellung in Seddin
„Von Friedrichshafen nach Seddin“ – Nein, der so betitelte Artikel aus dem Wandsbeker Boten vom 7. Oktober 1924 handelt von keiner Reise quer durch die Republik. Friedrichshafen am Bodensee steht hier vielmehr stellvertretend für die boomende Luftfahrt via Zeppelin, die zuvor tagelang die Gazetten des Landes beschäftigt hatte und von der man sich nun, in diesem Text, wieder zurück auf das immer noch dominierende Verkehrsmittel der Zeit, die Eisenbahn, fokussierte. Deren Zukunft war im Herbst 24 im kleinen, südlich von Berlin gelegenen märkischen Ort Seddin zu besichtigen, dessen Rangierbahnhof den Schauplatz einer großen Internationalen Eisenbahntechnischen Ausstellung bildete. Vermutlich nicht nur beim Autor aus dem fernen Wandsbek weckten die dort zahlreich präsentierten Schienenfahrzeuge Lust und Hoffnung auf ein neues, moderneres Eisenbahnzeitalter in Deutschland. Für uns umgesehen hat sich in Seddin Frank Riede.

Ep 1603Mussolini unter Druck
Insgesamt 21 Jahre, von 1922 bis 1943, herrschte Benito Mussolini diktatorisch über Italien. Dabei befand er sich bereits zwei Jahre nach seinem sogenannten „Marsch auf Rom“ in argen politischen Schwierigkeiten. Die Ermordung des sozialistischen Generalsekretärs Giacomo Matteotti durch faschistische Milizionäre hatte einflussreiche Konservative und Liberale kurzzeitig auf Distanz zu dem von ihnen eingegangenen Bündnis mit Mussolini gehen lassen, dessen Regierungsbilanz etwa in Fragen der Außen- und Wirtschaftspolitik zudem ausgesprochen dürftig ausfiel. Das Hamburger Fremdenblatt vom 6. Oktober 1924 zeichnet vor diesem Hintergrund das Bild eines erheblich geschwächten Regimes. Dass die „Matteotti-Krise“ schlussendlich einen Wendepunkt in die ganz andere Richtung, nämlich den Beginn einer weiteren Brutalisierung der faschistischen Diktatur mit einer noch konsequenteren Unterdrückung auch der bürgerlichen Opposition, der Pressefreiheit sowie einer zunehmenden Militarisierung der Gesellschaft markieren sollte – davon konnte der Artikel noch nichts wissen. Es liest Rosa Leu.

Ep 1602Deutschland vor vorgezogenen Neuwahlen?
Wenn das Erstarken der politischen Ränder die Parteien der politischen Mitte zu lagerübergreifenden Koalitionen der großen Kompromisse nötigt, schwächt dies besagte politische Mitte erfahrungsgemäß häufig noch weiter und mündet schlimmstenfalls in einem Teufelskreis zunehmender demokratischer Instabilität. Nein, wir reden hier nicht über das Jahr 2024, sondern über das Jahr 1924, in dem die Reichstagswahl vom Mai keine klaren Mehrheiten hervorgebracht hatte. Die Regierungskoalition aus Zentrum, DVP und DDP unter Kanzler Wilhelm Marx benötigte wahlweise entweder die Unterstützung der geschwächten Sozialdemokraten oder der erstarkten Deutschnationalen, vermochte sich aber dauerhaft auf keine der beiden Optionen zu einigen. Der DVP-nahe Hamburgische Correspondent tendierte eindeutig zu einer Öffnung nach rechts und plädierte deshalb in seiner Ausgabe vom 5. Oktober als letztem Ausweg für Neuwahlen – nicht ahnen könnend, dass aus diesen im Dezember dann just die SPD als große Gewinnerin hervorgehen sollte. Es liest Frank Riede.

Ep 1601Die Bibliothek von Washington
Ob die Library of Congress in Washington heute besonders beeindruckend ist, können wir nicht aus eigener Anschauung sagen, vermuten es aber, zumal sie heute nach der Britisch Library als die zweitgrößte Bibliothek der Welt gilt, in der über 38 Millionen Bücher und 70 Millionen Handschriften aufbewahrt und zugänglich gemacht werden. Vor 100 Jahren hat sie zumindest innerhalb des Zeitungsfeuilletons für Aufsehen gesorgt, da wir bereits auf mehrere hymnische Erfahrungsberichte gestoßen sind. Gegründet im Jahre 1800, unmittelbar nachdem der Regierungssitz von Philadelphia nach Washington D.C. verlegt worden war, wurden ihr Räumlichkeiten auf dem Kapitol zur Verfügung gestellt. 1897 wurde das heute als Thomas Jefferson Building bezeichnete Hauptgebäude eingeweiht. Nicht nur seine Architektur, aber auch die Geschwindigkeit bei der Bereitstellung der Bücher ringen einem Prof. Dr. A. im Hamburger Fremdenblatt vom 4 Oktober große Bewunderung ab. Rosa Leu reicht sie an uns weiter.

Ep 1600Von gerichteten Wellen zu geschäftsschädigendem Rundfunk
Dass die Zeitungen die Entwicklungen der Radiotechnik genau im Blick hatten, ist in diesem Podcast bereits mehrfach deutlich geworden. Der Hamburgische Correspondent vom 3. Oktober 1924 stellt in seiner Radio-Umschau gleich mehrere Innovationen vor und belegt dabei welch große Rolle dabei die große Community der Radio-Amateure spielt. Aber auch die Konkurrenz des gemütlichen Hörens von Aufführungen vor dem Empfänger daheim für die Konzert- und Schauspielsäle werden thematisiert. Frank Riede hat diesen Artikel für unser On-demand-Digital-Radio eingelesen.

Ep 1599Eine Stunde im Gerichtssaal: “Preisrätsel-Epidemie”
Wer kennt sie nicht?! Gewinnspiele, bei denen die Lösung de facto vorgegeben ist, es nur einen einzigen Buchstaben zu ergänzen gilt, um in die Lostrommel für unzählige, hochwertige Preise zu gelangen. Wer dieses Prinzip erfunden hat, konnten wir nicht recherchieren, fest steht aber, dass es sich bereits vor 100 Jahren als „Preisrätsel-Epidemie“ ausbreitete, wie der Hamburgische Correspondent vom 2. Oktober 1924 feststellt. Unter der Rubrik „Eine Stunde im Gerichtssaal“ berichtet er gleich von mehreren dubiosen Preisrätseln, deren Organisatoren es bis auf die Anklagebank geschafft hatten. Frank Riede beleuchtet für uns die verschiedenen Motivationen dahinter, gibt aber auch Einblick in andere Fälle, die an dem Tag vor der 11. Strafabteilung des Hamburger Amtsgerichts verhandelt wurden.

Ep 1598Der Tod der Droschke
Wird die Künstliche Intelligenz unzählige Arbeitsplätze überflüssig machen? Wird diese Technologie neue Stellen generieren? Über wen walzt die Entwicklung erbarmungslos hinweg? All diese Fragen werden aktuell diskutiert. Es mangelt natürlich nicht an Beispielen in der Geschichte für kleinere und größere Umwälzungen auf dem Arbeitsmarkt. Dass diese mitunter tragische Auswirkungen auf Einzelschicksale hatte, zeigt unser heutiger Artikel aus den Altonaer Neuesten Nachrichten vom 1. Oktober 1924, in dem es nicht nur um den Tod der Droschke als Fortbewegungsmittel geht, sondern auch um den Tod der Kutscher. Rosa Leu liest.

Ep 1597Vom Dammbau nach Sylt
Auch schon Anfang des 20. Jahrhunderts war Sylt so etwas wie des Hamburgers und der Hamburgerin Lieblingsinsel. Der Weg dorthin war damals freilich noch beschwerlich, denn es handelte sich dabei zumindest zeitweise um einen Seeweg, wobei der Raddampfer vom Festlandhafen Hoyerschleuse zum Inselhafen Munkmarsch sagenhafte sechs Stunden benötigte. So gab es bereits vor dem Ersten Weltkrieg Pläne, zur deutlichen Verkürzung der Reise und zur Anbindung Sylts an das Festland einen Bahndamm zu errichten, die vehement beschleunigt wurden, nachdem in Folge des Weltkriegs der Hafen Hoyerschleuse und der Umsteigebahnhof Tondern dänisch geworden waren. Elf Kilometer Brücke galt es nun in das Wattenmeer zu setzen – vom Stand dieses gewaltigen technischen Vorhabens unterrichtete seine Leserinnen und Leser am 30. September 1924 der Wandsbeker Bote. Und uns Rosa Leu.

Ep 1596Robert Breuer rechnet mit den Deutschnationalen ab
Auf den Namen Robert Breuers stößt man heutzutage nur mehr selten; dabei zählte er zu den prägenden Figuren der Sozialdemokratie in der Weimarer Republik. Von Hause aus Journalist, gehörte Breuer zu den engsten Vertrauten von Reichspräsident Friedrich Ebert und wechselte 1919 als stellvertretender Pressechef zu diesem in die Reichskanzlei. Später wirkte er unter anderem als Direktor des Verlages für Sozialwissenschaft sowie als Abteilungsleiter in der Reichszentrale für Heimatdienst, der Vorläuferin der heutigen Bundeszentrale für politische Bildung. Über die Tschechoslowakei floh Breuer 1933 nach Frankreich und von dort später weiter nach Marokko. Da er kein Einreisevisum für die Vereinigten Staaten erhielt, strandete er schließlich auf der Karibik-Insel Martinique, wo er 1943 verarmt und entkräftet an den Folgen einer Malariaerkrankung verstarb. Dem Feind von rechts widmete er schon am 29. September 1924 einen Text im Hamburger Echo, mit dem für uns Frank Riede an Robert Breuer erinnert.

Ep 1595Nochmal Stahlhelm versus Reichsbanner Schwarz-Rot-Gold
Auch gut 24 Stunden nach den blutigen politischen Auseinandersetzungen in Altona, von denen wir gestern berichteten, war der Hergang der Ereignisse polizeilich noch immer nicht aufgeklärt. Der eher konservativ ausgerichtete Hamburgische Correspondent unternahm auf Basis des bislang Bekannten einige Spekulationen, die ein deutlich anderes Bild zeichnen als der Kommentar im Hamburger Echo vom Vortag. Mehr als über den damaligen Stand der Ermittlungen verrät der Text denn wahrscheinlich auch über die politische Stimmung in Deutschland zwischen den beiden Reichstagswahlen des Jahres 1924 – und darüber wie schwer sich die gemäßigte Rechte tat, sich zwischen den pro-republikanischen Parteien des Mitte-Links-Spektrums und den völkischen Republikgegnern zu positionieren. Es liest Rosa Leu.

Ep 1594Stahlhelm versus Reichsbanner Schwarz-Rot-Gold
Ein Toter, mehrere Schwerverletzte – das war die Schreckensbilanz einer blutigen Auseinandersetzung, zu der es am 26. September 1924 zwischen Aktivisten des rechtsextremen Stahlhelmbundes und Mitgliedern des republikanischen Reichsbanners Schwarz-Rot-Gold in Altona gekommen war. Die Umstände dieser Konfrontation lagen am Folgetag noch im Dunkeln. Dass die Hintergründe für derartige immer häufiger zu verzeichnende gewalttätige Eskalationen in der planmäßigen Vergiftung des politischen Klimas von daran interessierter antidemokratischer, völkischer Seite kamen, stand zumindest für das Hamburger Echo außer Frage. Dessen Kommentar wider die Hassprediger von rechts vom 27. September liest Frank Riede.

Ep 1593Das Amerika-Luftschiff über Hamburg
Der Zeppelin beherrschte auch Ende September 1924 weiterhin beinahe täglich die Schlagzeilen. Der geplante Flug über den Ozean wurde durch mehrere Testflüge vorbereitet, unter anderem, durch einen Rundflug über Deutschland. Im Hamburger Echo vom 26. September erfahren wir, was sich zutrug, als das Luftschiff über Hamburg kreiste bevor es dann nach Dänemark und Südschweden ihren Flug fortsetzte. Nicht nur strömten die Menschen auf die Straßen, es wurden auch Reden geschwungen, die an die Besatzung des Zeppelins übermittelt wurden. Von dem Großereignis „Zeppelin über der Stadt“ weiß Rosa Leu zu berichten.

Ep 1592Aus der Wunderwelt des Films: Zeitrafferfilme
Welches Schulkind jubelt nicht, wenn im Unterricht Lehrfilme geschaut werden? Es hat dies auch Edgar Beyfuß zu verdanken, der in den 1920er Jahren die Kulturfilmabteilung der UFA leitete und den Einsatz von Film im Schulunterricht forderte und förderte. Der 1893 geborene Dokumentar- und Naturfilmer stand auch der Trickfilm-Avantgarde nahe, was ihn nicht davon abhielt mit seiner eigenen Produktionsfirma zu Beginn des Nationalsozialismus auch Filme zu produzieren, die für die Ziele des Hitler-Regierung eingesetzt wurden – etwa zur Propagation des Volkswagens. Er verstarb 1936. Neben der pädagogischen Funktion von Filmen interessierte sich Beyfuß für den Einsatz der Filmtechnik für die wissenschaftliche Forschung. Davon zeugt der heutige Artikel aus dem Hamburger Fremdenblatt vom 25. September 1924, in dem Beyfuß als zweiten Teil einer Reihe zur „Wunderwelt des Films“ von den Möglichkeiten des filmischen Zeitraffers schreibt. Liegt darin nicht ein enormes Potential für die Botanik? Frank Riede klärt uns darüber auf, was Zeitraffer zu einer Zeit bedeutete, als man noch nicht endlos auf Digitalkameras drehen konnte.

Ep 1591Max Pallenberg über das Theater
Max Pallenberg war nicht nur der Ehemann der wohl berühmtesten Revue- und Operettendarstellerin der 1920er Jahre, Fritzi Massary. Auch selbst wirkte er äußerst erfolgreich als Schauspieler und Sänger – und konnte aus seinem reichen Theaterleben nicht nur, aber vor allem bei Max Reinhardt so einiges erzählen. Das tat er unter anderem in der 1924 neugegründeten satirischen Zeitschrift Das Stachelschwein aus Frankfurt, die offensichtlich auch im Norden der Republik gelesen wurde; jedenfalls befand man Pallenbergs launige Gründeleien über allerlei Theater auf und neben der Bühne für wert, im Hamburgischen Correspondenten am 24. September nachgedruckt zu werden. Sie schließen – kleiner Spoiler – mit einem überraschend banalen, gleichsam biorhythmischen Bekenntnis, was ihn, Pallenberg, eigentlich zum Theater geführt hat – welches man ganz ähnlich Jahrzehnte später öfters übrigens auch von Frank Castorf gehört hat. Es liest unser Theatermann und Frühaufsteher Frank Riede.

Ep 1590Der Mann, der Sherlock Holmes schuf
Sir Arthur Conan Doyle hatte es als Schriftsteller mit seinen Kriminalromanen rund um Sherlock Holmes und Dr. Watson zu Weltruhm gebracht – Figuren, die auch heute noch zugkräftig an Kino- und Streamingkassen wirken. Er selbst ließ Sherlock gegen den erklärten Willen der Fans sterben, um sich, seiner Meinung nach, wichtigeren und besseren literarischen Werken zuzuwenden, die aber den Erfolg von Sherlock nicht erreichten. Und so kam es dann mit der „Hund von Baskerville“ zur Wiederbelebung der Schriftenreihe. Bekannt war der öffentliche Intellektuelle auch durch seine Beschäftigung mit Spiritismus und übernatürlichen Phänomenen. So sammelte er Fotographien, auf denen vermeintliche Feen und Geister festgehalten waren. Im Hamburgischen Correspondenten vom 23. September 1924 steht aber die Autobiographie von Conan Doyle „Memories and Adventures“ im Zentrum, die in dem Jahr erschienen war. Eine Anekdote aus den Erinnerungen über den, heute als Kriegsverbrecher betrachteten britischen Befehlshaber in diversen Kolonialkriegen Herbert Kitchener, die seinen Rassismus und seine Brutalität zeigt, wird in dieser Rezension wiedergegeben. Rosa Leu bringt uns das Leben des Mannes näher, der Sherlock Holmes erfand, aus einer Zeit, in der über schlimmste Kolonialverbrechen ganz selbstverständlich gewitzelt wurde.

Ep 1589Chronik der Lebensmüden
Auf den Seiten des Statistischen Bundesamtes lässt sich unter anderem ein Überblick über die Selbstmordrate in Deutschland finden. Im Jahr 2022 nahmen sich im Durchschnitt 28 Personen täglich das Leben. Wir erfahren dort auch, dass dies einen erheblichen Rückgang im Verhältnis zum Jahre 1980 darstellt, als es ca. 50 Personen pro Tag waren. Vor einhundert Jahren haben die Altonaer Neuesten Nachrichten vom 22. September 1924 eine „Chronik der Lebensmüden“ abgedruckt. Bei solchen traurigen Zahlen stellt sich immer die Frage, was die Faktoren für einen Anstieg oder Rückgang sein könnten. Dass es in einem Krisenjahr, wie es 1923 zweifelsfrei war, zu einem Hochschnellen der Selbstmordrate gekommen ist, klingt plausibel. Ob die Zahlen diese Annahme bestätigen weiß Frank Riede.

Ep 1588Herbst an der Alster
Sehen und gesehen werden – das geht in Hamburg bekanntlich vielerorts, aber nirgendwo ist es so schön wie rund um die Alster. Heute wie vor einhundert Jahren. Die verschwitzten Joggerinnen und Jogger mit ihren Pulsuhren gab es damals noch nicht; neben den Schiffen auf dem Wasser sind es eher die Spaziergänger, die die Szenerie dominieren, welche das Hamburger Fremdenblatt in seinem Artikel vom 21. September 1924 entwirft. Die Hauptrolle in den Beobachtungen spielt indes die Natur bzw. der Wechsel der Jahreszeiten, der sich vor einhundert Jahren möglicherweise bereits ein paar Wochen früher abzeichnete. Rosa Leu ist für uns spazieren gegangen.

Ep 1587In Berlin paradieren die Tiller-Girls
Im Berlin der 1920er Jahre brummten die Operettenbühnen und Revuepaläste. Große Sängerinnen und Sänger, Akrobatinnen und Kabarettisten zogen das Publikum Abend für Abend zu Tausenden in ihren Bann. Die wahrscheinlich größte Attraktion zwischen Admiralspalast und Metropoltheater stellten seinerzeit jedoch die Tanzgruppen dar, und unter diesen galten die Tiller Girls fraglos als die berühmtesten. Benannt nach ihren englischen Gründern John und Lawrence Tiller, bestachen deren Formationen durch höchste Präzision und Synchronizität, was sie in den Augen vieler Feuilletonisten zum perfekten künstlerischen Abbild des Maschinenzeitalters machte. Der für den Hamburgischen Correspondenten vom 20. September 1924 aus der Hauptstadt berichtende Autor Peter Sachse hatte bei den Choreographien der Tiller Girls freilich noch andere Assoziationen, die ihn das Phänomen durchweg kritisch betrachten ließen. Welche, erfahren wir von Frank Riede.

Ep 1586Wie kann man den Hamburger Hauptbahnhof verbessern?
Die Sommerurlaubszeit ist schon eine Weile vorbei, in der wir uns durch überfüllte Bahnhöfe geschoben haben, um im Idealfall rechtzeitig mit dem Zug davon zu rauschen. 1924 hob, wie man anhand unseres Podcasts zeigen kann, der Luftverkehr ab, und die PKWs verbreiteten sich auch in Windeseile. Der Anteil der Bahn am Gesamtverkehr war aber nach wie vor ungleich höher, als wir uns das heute vorstellen können. Der Hamburgische Correspondent schildert in seiner Ausgabe vom 19. September einen Aufenthalt auf dem Hamburger Hauptbahnhof und macht sich Gedanken darüber, was sich verbessern ließe. Rosa Leu präsentiert uns diese Ideen für einen funktionaleren und entspannteren Bahnhof.

Ep 1585Klassische Musik-Stars in Hamburg
Da sage noch einer, Hamburg habe erst mit der Elbphilharmonie zu einem anspruchsvollen klassischen Konzertkalender gefunden. Fjodor Schaljapin galt zu Lebzeiten als größter Sängerstar der Opernwelt, Bruno Walter Anfang der 1920er Jahre als einer wichtigsten aufstrebenden Dirigenten weit und breit, und Ossip Gabrilowitsch war nicht nur der Schwiegersohn von Mark Twain, sondern auch ein gefeierter Pianist. Sie alle gastierten im September 1924 binnen weniger Tage in Hamburger Raum bzw. landeten zumindest in einer Konzertumschau in den Altonaer Neuesten Nachrichten vom 18. des Monates, die zwar nicht immer akribisch Ort und Orchester listet, aber durchaus von Sachkunde und Enthusiasmus gekennzeichnet ist. Frank Riede stürzt sich mit uns ins hanseatische Musikleben.

Ep 1584Australische Kolonialverbrechen in Neuguinea
Der Verlust seiner Kolonien wurde in Deutschland auch sechs Jahre nach dem Ersten Weltkrieg noch intensiv betrauert. Die wirtschaftlichen Konsequenzen waren das eine; noch schwerer wog, zumal in nationalen Kreisen, aber wohl der Verlust an Reputation, der sich damit verband. Vom Völkerbund hatte man das Zeugnis, nicht mehr zu den „fortgeschrittenen Nationen“ zu gehören, denen die alten deutschen Kolonien eben mit dieser Begründung als Mandate anvertraut worden waren, sogar schriftlich. Mit weniger echter Empörung, als vielmehr vor allem Genugtuung registrierte man hierzulande entsprechend alle Nachrichten, die die neuen Herren in ein schlechtes Licht rückten. Solche kamen 1924 unter anderem aus dem vormals deutschen „Schutzgebiet“ Neuguinea, wo sich die neuen, australischen Herrscher offenbar auch nicht humaner verhielten. Inwieweit die Ortsnamen, die der Artikel aus dem Hamburger Fremdenblatt vom 17. September nennt, korrekt wiedergegeben sind, ließ sich nicht in allen Fällen ermitteln. Es liest Frank Riede.

Ep 1583Wenn das Eisen erschöpft sein wird
Die Arbeit an Auf den Tag genau ist voller überraschender Funde im Zeitungsarchiv. Mal sind es Aspekte der Artikel, die uns so unerreichbar fremd vorkommen, mal reiben wir uns die Augen und sind uns sicher, dass die Texte, sprachlich leicht aktualisiert, auch heute in der Zeitung stehen könnten. Aber eine sich immer wieder bestätigende überraschende Erkenntnis unserer Lektüren besteht darin, wie oft und wie breit in den 20er Jahren des vorigen Jahrhunderts, Jahrzehnte vor dem Bericht des Club of Rome, über die Endlichkeit der Ressourcen und der fossilen Energieträger nachgedacht wurde. Oft sind es dann Zeitungstexte über erneuerbare Energiequellen, und auch im Hamburgischen Correspondenten vom 16. September 1924 werden Wasserkraft, Wind- und Sonnenenergie erwähnt, es geht aber primär um die Endlichkeit des Eisens. Wie soll sich die Gesellschaft entwickeln, wenn die Vorräte an Eisenerz erschöpft sind? Was könnte an die Stelle treten? Rosa Leu geht diesen Fragen nach.

Ep 1582Vom vorigen zum nächsten Krieg
Wir betrachten ganz selbstverständlich die Zeit der Weimarer Republik als Zwischenkriegszeit und müssen dagegen ankämpfen, sie zu sehr nur von dieser Warte aus zu betrachten – etwa mit diesem Podcast. Zugleich saß die drastische Erfahrung des 1. Weltkriegs sehr tief und das Schreckensszenario eines 2. Weltkrieges lag im Bereich des Möglichen, was die Weimarer Republik zu einer Zwischenkriegsphase machen würde. Im Hamburger Echo vom 15. September 1924 fasst das Blatt eine Publikation des Generals Freiherr von Schoenaich zusammen, der seit 1922 Mitglied der Deutschen Friedensgesellschaft war und pazifistische Positionen vertrat. „Vom vorigen zum nächsten Krieg“ sollte mit einer Schilderung dessen, wie grausam der nächste Krieg werden könnte, einen solchen Krieg verhindern. Frank Riede liest.

Ep 1581Livius fürs Leben lernen
Der römische Schriftsteller Titus Livius, ein Zeitgenosse Julius Cäsars und des Augustus ist vor allem bekannt für seine „Ab urbe condita“, die Geschichte Roms, die in 142 Bänden die 700 Jahre, seit der mythischen Gründung der Stadt, schildert. Eine Bekanntheit, die auch ganz regelmäßig die Schüler*innen im Lateinunterricht zu spüren bekamen – seltener vielleicht heute noch bekommen. Der Schriftsteller und Journalist Ferdinand Grauthoff, geboren 1871 in Lübeck, war nicht nur ein Zeitgenosse von Thomas Mann, sondern auch sein Mitschüler. Bekannt wurde er für das 1905 veröffentlichte Buch „1906 und der Zusammenburch der Alten Welt“, in dem er einen künftigen Weltkrieg schildert, der in letzter Konsequenz zum Bedeutungsverlust Europas führt. Im Hamburger Fremdenblatt vom 14. 9. 1924 schreibt er eine Erinnerung an seine Schulzeit und die Bedeutung, die die vielen Bücher des Livius für den Werdegang der Mitschüler spielten – oder nicht spielten. Thomas Mann kommt dabei allerdings nicht vor. Den Einfluss des Livius auf dessen Werk muss also noch erforscht werden. Auf die Lübecker Schulbank von vor 135 Jahren setzt sich mit uns Rosa Leu.

Ep 1580Arnold Schönberg zum (1)50.
Arnold Schönberg gilt als Begründer der Zweiten Wiener Schule und als einer der Väter der „Neuen Musik“. Dass er auf eine solche historische Bedeutung zusteuerte, war bereits zu Lebzeiten absehbar, weshalb auch die gehobene Hamburger Presse seinen 50. Geburtstag am 13. September 1924 zum Anlass ausführlicher Würdigungen nahm. Der österreichische Musikwissenschaftler Carl Johann Perl gratulierte im Hamburger Anzeiger, ließ den Werdegang des Jubilars Revue passieren – nicht ohne die zahlreichen Widerstände und Anfeindungen, denen Schönberg sich bis dahin ausgesetzt sah, zumindest anzudeuten – und plauderte ein wenig aus dem Nähkästchen persönlicher Gespräche. An Arnold Schönbergs heutigen 150. Geburtstag erinnert für uns Fran Riede.

Ep 1579Sexualberatungsstellen in Hamburg
Vor einer Woche sprachen wir in unserem ersten Akademiegespräch mit dem Wissenschaftshistoriker Cornelius Borck auch über die Rolle, die Magnus Hirschfeld und sein Institut für Sexualwissenschaft gespielt hat. (Falls sie die Folge noch nicht gehört haben – unbedingt nachhören.) Dass in der Breite eine langsame Enttabuisierung stattgefunden hat, bezeugt unser heutiger Artikel aus dem Hamburger Anzeiger vom 12. September 1924, der die erste Sexualberatungsstelle Deutschlands in Hamburg besucht. So fortschrittlich solche Einrichtungen gewesen sein mögen, ist es aus heutiger Sicht irritierend, was alles unter der Bezeichnung „Perversion“ beschrieben wird. Auch die Text positive Rekurrenz auf Prinzipien der Eugenik mag heute überraschen, da uns bewusst ist, was für Verbrechen im Namen der Eugenik geschehen sind. Rosa Leu liest.

Ep 1578Nina Bang - Ein Gespräch mit der dänischen Bildungsministerin
Die skandinavischen Länder galten lange als sozialdemokratische Musterstaaten und sind bis heute bekannt für ihr Wohlfahrtsstaatmodell sowie ihre ambitionierte, egalitäre Bildungspolitik. Die Wurzeln dessen reichen tatsächlich zurück bis in die 1920er Jahre; seit 1920 amtierte in Schweden erstmals eine sozialdemokratische Regierung, seit 1924 auch in Dänemark. Erste Bildungsministerin in diesem Kabinett von Thorvald Stauning war die Publizistin Nina Bang, deren Pläne im Bereich der Schulpolitik man auch in Deutschland mit Interesse verfolgte. Dass man die Voraussetzungen für eine ehrgeizige Reformen gerade in diesem Feld damals eher widrig waren, die Schulaufsicht in weiten Teilen Dänemarks gar noch bei den Kirchen lag, erfahren wir in einem Artikel des Hamburger Echo vom 11. September 1924, der dafür eine journalistische Form wählt, welche heute zwar sehr beliebt ist, seinerzeit aber noch eher ungebräuchlich war: das Interview. Sowohl die Fragen, als auch die Antworten liest für uns Rosa Leu.

Ep 1577Der Volksaufstand in Georgien
Die prekäre Nähe zur imperialen Großmacht Russland prägt die Situation Georgiens seit Jahrhunderten. Die sich den Wirren der Februar- und der Oktoberrevolution verdankende Unabhängigkeit einer Demokratischen Republik Georgien war nur von kurzer, nicht einmalxdreijähriger Dauer. Bereits im Februar 1921 hatte die Rote Armee die ehemalige Provinz am Schwarzen Meer wieder annektiert, womit der Widerstand der Georgier jedoch keineswegs gebrochen war. Im Sommer 1924 kam es zu einem wochenlangen Aufstand gegen die sowjetische Besatzung, die der als Statthalter installierte Georgier Josef Stalin jedoch blutig niederschlagen sollte. Das Hamburger Echo hat in seinem Bericht vom 10. September bereits eine Ahnung von dieser Entwicklung und schließt mit einer noch allgemeineren, denkwürdigen Prognose: „ Die Stunde der Befreiung Georgiens wird schlagen, wenn die Demokratie in Rußland siegen wird. Bis dahin aber wird das verzweifelte georgische Volk im Kampfe noch viele Opfer bringen müssen.“ Es liest Frank Riede.

Ep 1576Vom Mars bis zu Fake News in der Botanik - Kleines Feuilleton
Dass im Jahre 1924 eine „Marsepidemie“ herrschte, wie sie die Harburger Anzeigen und Nachrichten bezeichneten, hatten wir bereits an dieser Stelle erwähnt. Dadurch dass der Mars der Erde so nahekam, wir lang nicht mehr, überschlugen sich die Entdeckungen und Spekulationen rund um den Nachbarplaneten. So überrascht es auch nicht weiter, dass ebenjene Harburger Zeitung auch von dem Fieber infiziert war und die vermischten Nachrichten im „Kleinen Feuilleton“ in ihrer Ausgabe vom 9. September mit neuesten Erkenntnissen zur Temperatur der Mars eröffnet. Es folgen aber auch technische, sowie archäologische Sensationen, Historisches und eine hustende Pflanze. Rosa Leu führt uns durch diesen Kurznachrichtenparkour.

Ep 1575Paul Löbe: Die Sitzung des Völkerparlaments 1924
Dass die Aufmerksamkeit der Tagespresse im September 1924 auf die Tagung des Völkerbundes in Genf gerichtet war, haben wir erst vor vier Tagen in diesem Podcast gehört. Die dortigen Bemühungen der verschiedenen Regierungen um eine Friedensordnung, die künftige Kriege verhindern könnte, überschatteten auch damals schon die nur wenige Kilometer entfernt stattfindende Sitzung des Völkerparlaments in Bern, einer Organisation, die heute nur den Wenigsten bekannt ist. Unter dem Namen Interparlamentarische Union versammelten sich damals allerdings schon zum 22. Mal Parlamentarier*innen aus aller Welt, um sich gemeinsam zu überstaatlichen Schiedsgerichtsverfahren und Friedenswahrung zu besprechen. 1889 hatten der Franzose Frederic Passy und der Brite William Rendal Cramer diese Union ins Leben gerufen, die auch heute noch Bestand hat und Parlamentarier*innen aus 180 Ländern zusammenführt. 1924 vertrat der Sozialdemokrat und Reichstagspräsident Paul Löbe das Deutsche Parlament in Bern und berichtete im Hamburger Echo vom 8. September von der freundschaftlich kollegialen und konstruktiven Atmosphäre des Völkerparlaments. Frank Riede verleiht ihm seine Stimme.

Ep 1574Arbeiterehre und Schaufenster
Im Filmklassiker „Ninotschka“ aus dem Jahre 1939 von Ernst Lubitsch spielt Greta Garbo eine sowjetische Sonderbeauftragte, eine unterkühlte Technokratin, die nach und nach dem funkelnden Warenhausauslagen der Pariser Kaufhäuser erliegt und damit dem undiskreten Charme der Bourgeoisie und des Kapitalismus. Man könnte verallgemeinern, dass der durch Konsum erreichte Status alle älteren Standesunterschiede ersetzt. Genau diese Gefahr sah bereits 15 Jahre zuvor das sozialdemokratische Hamburger Echo vom 7. September 1924, wenn es über die Arbeiter*innen schrieb, die sich vor den Schaufenstern der Kaufhäuser drängten. Der Artikel appelliert, wie wir heute wissen langfristig vergeblich, an die Arbeiter*innen, dem Standesstolz entsprechend, die unnützen Luxusgegenstände abzulehnen. Rosa Leu regt sich für uns über Schuhe mit hohen Absätzen und Pyjamas auf.

Ep 1573Das Hundeparlament
„Die allgemeine Anleinpflicht für Hunde gilt in ganz Hamburg. Für gefährliche Hunde gilt eine uneingeschränkte Maulkorb- und Leinenpflicht.“ So die aktuelle Lage in der Hansestadt. Offensichtlich galt zeitweilig vor 100 Jahren sogar eine Hundesperre, die zum Unmut bei den Hundebesitzer*innen führte. Auf eine Kritik der Verordnungen rund um Leinenzwang und Maulkorbpflicht sind wir schon mehrfach in den Tageszeitungen gestoßen. Besonders kreativ prangert die Unfreiheit der Vierbeiner in Bergedorf eine unbekannte Autor*in in der Bergedorfer Zeitung vom 6. September 1924 an. Während alle Augen auf die Tagung des Völkerbundes in Genf gerichtet sind, oder auf die Sitzung des Völkerparlaments in Bern, um das es bei uns in zwei Tagen gehen wird, kommt es auf dem Marktplatz der Nachbarsgemeinde Sande, die im Gegensatz zu Bergedorf zu Preußen und nicht zu Hamburg gehört, zu einer nächtlichen Zusammenkunft eines Betroffenen-Parlaments, um die Lage der Hündinnen und Hunde zu diskutieren. Rosa Leu war als Lokalreporterin dabei.

Ep 1572Akademiegespräch über die Rolle der Wissenschaft während der Weimarer Republik
Für diese Folge sprachen wir mit dem renommierten Wissenschaftshistoriker Professor Dr. Cornelius Borck. Mit einem Forschungsschwerpunkt in Medizingeschichte hat er u.a. in London, Bielefeld, Berlin und Montreal gearbeitet, bevor er die Leitung des Instituts für Medizingeschichte und Wissenschaftsforschung an der Universität zu Lübeck übernahm. Ein zentrales Interesse von Professor Borck ist die Verflechtung von Wissenschaft mit gesellschaftlichen und technologischen Veränderungen. In unserem Gespräch erörtern wir mit ihm, wie Wissenschaft von gesellschaftlichen Entwicklungen und Krisen beeinflusst wird und welche Rolle Wissenschaftler:innen in der öffentlichen Debatte in der Vergangenheit und Gegenwart einnehmen.

Ep 1571Eine Rundfahrt durch den Hamburger Hafen
„Jeder in Hamburg Geborene müsste verpflichtet sein, wenigstens einmal in seinem Leben hinzugehen, um dort mit übereinander geschlagenen Armen seine tiefe Verbeugung zu machen vor der heiligen Quelle, der die Republik ihren schönsten Schmuck zu danken hat.“ – Das schrieb der norddeutsche Dichter Detlev von Liliencron einst über ... die Alster. Der Hamburgische Correspondent vom 5. September 1924 möchte da vielleicht nicht widersprechen, hält einen anderen Ort der Hansestadt jedoch für noch weit identitätsstiftender: den Hafen. Hierher führt der Autor mit dem Kürzel „Dr. Sch.“ die ‘Fremden‘. Und obwohl wir mit Auf den Tag genau nun schon seit fünf Wochen in Hamburg ansässig sind und uns auch schon heimisch fühlen, folgen wir dieser Einladung gerne und leihen Dr. Sch. die Stimme von Frank Riede.

Ep 1570Genfer Hoffnungen an den Völkerbund
Aus den Versailler Friedensverhandlungen war die Gründung des Völkerbundes hervorgegangen, dessen vornehmliches Ziel darin bestand, einen Krieg, wie man ihn gerade erlebt hatte, zu verhindern. Es sollte eine Schiedsgerichtsbarkeit geben, um zwischenstaatliche Konflikte zu lösen, und gegenseitige Verpflichtungen zur Abrüstung. Besonders in Deutschland war mancherorts die Skepsis gegenüber dem Gebilde groß und es wurde vermutet, dass hinter dem Pathos der Oberfläche eine knallharte und deutschlandfeindliche Interessenspolitik der Franzosen und Engländer dominierte. Als aber im Spätsommer 1924 der Völkerbund in Genf unter Beteiligung von deutschen Diplomaten tagte, regte sich zumindest im Hamburger Fremdenblatt vom 4. September die leise Hoffnung, dass es Frankreich und England doch ernst meinen könnten mit den Zielen des Bundes und dass mit einer Beteiligung oder gar einem Beitritt von Deutschland wirklich ein europäischer Frieden zu schaffen wäre. Für uns erinnert Rosa Leu an die enttäuschten Hoffnungen der Zwischenkriegszeit.

Ep 1569Die Türkei schafft das Kalifat ab
Seit dem 29. Oktober 1923 amtierte Mustafa Kemal, den wir heute vor allem unter seinem Ehrennamen Atatürk kennen, als erster Präsident der Türkei, und spätestens seit diesem Tag war die Umwandlung des alten Osmanischen Reiches zu einem modernen türkischen Nationalstaat unter seiner Federführung in vollem Gange. Einer der wichtigsten alten Zöpfe, die es dafür abzuschneiden galt, war die Einrichtung des Kalifats, und von diesem Vorhaben handelt ein Artikel des deutschen Orientalisten Hellmut Ritter im Hamburgischen Correspondenten vom 3. September 1924. Ritter war seinerzeit Professor an der eben gegründeten Universität Hamburg. Nachdem er 1925 wegen § 175 zu einer Zuchthausstrafe verurteilt worden war, wirkte er seit 1926 zunächst für die Deutsche Morgenländische Gesellschaft in Istanbul, seit 1935 auch als Professor an der dortigen Universität; bis er, erklärter Gegner des NS-Regimes, 1949 nach Deutschland zurückkehrte und eine Professur in Frankfurt am Main annahm. An die Wurzeln des türkischen Laizismus folgt ihm für uns Frank Riede.

Ep 1568Die Hamburger Bürgerschaftswahl wirft ihre Schatten voraus
Verglichen mit anderen Kommunen und Regionen in Deutschland verfügt die Freie und Hansestadt Hamburg über eine relativ lange und reiche Geschichte demokratischer Traditionen, die bis in bürgerlich-hanseatische Selbstverwaltungsformen des Mittelalters zurückreichen. Eine Bürgerschaft wählten männliche und steuerzahlende Hamburger seit 1859, das Klassenwahlrecht wurde indes auch hier erst mit Beginn der Weimarer Republik überwunden. Nach 1919 und 1921 kam es am 26. Oktober 1924 schon zum dritten Mal zu freien und geheimen Bürgerschaftswahlen, die in einem Artikel des Hamburger Fremdenblattes vom 2. September bereits ihren Schatten vorauswerfen. Thema hierin ist zum einen ein geplanter Schulterschluss der bürgerlichen Parteien gegen die SPD. Zum anderen geht es um Pläne verschiedener Gewerbeverbände, eventuell mit eigenen Sonderlisten an den Wahlen teilzunehmen. Die Details kennt Frank Riede.

Ep 1567Ohne Franken gegen Schweden
Dortmund gegen Schalke, Gladbach gegen Köln, St. Pauli gegen den HSV – Lokalrivalitäten wurden und werden im Fußball von jeher eifrig gepflegt. Dass die Spieler konkurrierender Nachbarn deswegen in der Nationalmannschaft nicht gemeinsam auflaufen wollten, kam indes selbst in Zeiten, da die Bindung an den Heimatverein noch stärker als heute ausgeprägt war, eher selten vor. So geschehen jedoch am 31. August 1924, als die Kicker der fränkischen Spitzenclubs aus Nürnberg und Fürth einander boykottierten und der DFB vornehmlich mit Hamburgern und Berlinern, darunter sechs Debütanten, gegen Schweden antreten musste. Es kam, wie es kommen musste: Man unterlag daheim im Deutschen Stadion zu Berlin mit 1:4. Der Reporter des Hamburger Anzeigers zeigte sich in seinem Spielbericht am 1. September bedient – vielleicht aus lokalpatriotischen Gründen weniger von den Hamburger Vertretern um HSV-Star Tull Harder als von den Akteuren von Hertha BSC oder Tennis Borussia. Die Sportredakteurin von Auf den Tag genau heißt Rosa Leu.

Ep 1566Kulturkampf um den Bubikopf
Der Bubikopf – er war, je nach gesellschaftlicher Gruppe, vor einhundert Jahren vielleicht ein wenig das, was heute die Gendersprache ist: Akt der Emanzipation, Untergang des Abendlandes, heißumkämpftes Terrain im Kulturkampf. Auch der sich hinter dem etwas prätentiösen Pseudonym I.C.H. verbergende, mutmaßlich männliche Autor vermag sich im Hamburger Fremdenblatt vom 31. August 1924 nicht von einigen klischeehaften Vorbehalten und mitunter derben Sexismen zu lösen, versucht die Sache aber insgesamt zumindest mit Ironie zu betrachten. Warum ausgerechnet der moderne Kurzhaarschnitt dem liebevollen Kuss in den Nacken im Weg stand und weshalb der Bubikopf angeblich nicht zum feuchten Hamburger Klima passte, erfahren wir von Rosa Leu – oder auch nicht.

Ep 1565Der Rundfunk als achte Großmacht
Die Faszination der Zeitungslandschaft für das Radio, die nach der „Geburtsstunde des deutschen Rundfunks“ am 29. Oktober 1923 Fahrt aufnahm, lässt sich sehr gut allein dadurch dokumentieren, dass zahlreiche Tageszeitungen eigene Rubriken für das Radioprogramm und Entwicklungen auf dem Gebiet einrichteten. Wie sehr den Redakteur*innen dabei bewusst war, dass das Radio den Zeitungen den Rang als das zentrales Informationsmedium ablaufen würde, ist nicht ganz klar zu fassen. Sehr deutlich positioniert sich Karl Lerbs im Hamburger Echo vom 30. August 1924, wo er den Rundfunk zur achten Großmacht proklamiert. Der Bremer Schriftsteller, Drehbuchautor und Übersetzer überträgt damit den Einfluss, der sich in Bezug auf die freie Presse in der Formulierung „Die Vierte Gewalt“ ausdrückte, auf das Radio, indem er es neben die sieben Großmächte der Zwischenkriegszeit (Deutschland, Italien, Japan, Großbritannien, USA, Frankreich und die Sowjetunion) stellte. Lerbs schrieb hier in einer sozialdemokratischen Zeitung und kann auch sonst zu der Zeit als eher politisch liberal bezeichnet werden. Er arrangierte sich allerdings später mit dem NS-Regime, für das er etwa beim Pressedienst der NSDAP arbeitete. Seine Überlegungen zum Rundfunk liest für uns Frank Riede.

Ep 1564Goethe zum halbrunden Geburtstag
Kafka, Schönberg, Caspar David Friedrich, Kant, Puccini, Marco Polo – dass 2024 auch Johann Wolfgang von Goethe mit seinem 275. einen zumindest halbrunden Geburtstag feiert, geht angesichts der vielen sonstigen Jubilare fast ein wenig unter. Vielleicht weil einige der Jahrestage vor einhundert Jahren noch nicht begangen wurden, war das 1924 ein klein wenig anders. Zumindest am 28. August selbst und zumindest in Weimar rüstete man durchaus zu gewissen Feierlichkeiten, über die uns das Hamburger Echo vom Folgetag, dem 29. August, ausführlich unterrichtet. Vieles klingt nach einem fröhlichen, volkstümlichen Fest – „Zufrieden jauchzet groß und klein“ –, nur ein paar chauvinistische Töne trüben die gute Stimmung. Rosa Leu hat sich für uns in Weimars „buntes Gewimmel“ gestürzt.

Ep 1563Im Reichstag flogen die Fäuste
Die Reichstagswahlen vom Mai 1924 hatten die politischen Ränder gestärkt. Um satte 10,5 auf 12,6 Prozent hatte auf der Linken die KPD zugelegt, um 4,5 auf 19,5 Prozent die DNVP auf der Rechten; mit 6,6 Prozent war die NSFP, eine völkische Sammlungsbewegung mit Überschneidung zur NSDAP, erstmals in den Reichstag eingezogen. Folge war ein sehr viel rauerer Umgangston im Parlament – in dem, wie wir dem Hamburger Fremdenblatt vom 28. August entnehmen, auch schon einmal buchstäblich die Fäuste flogen. Wer gegen wen, ist dem Artikel nicht wirklich zu entnehmen. Dafür eine bemerkenswerte Einigkeit der politischen Ränder in ihrer Ablehnung der Beschlüsse des eben ausgehandelten Londoner Abkommens zur Regelung der deutschen Reparationszahlungen. Dass diese tatsächlich mitursächlich werden sollte für Neuwahlen bereits im Dezember 1924, aus denen dann die politische Mitte gestärkt hervorging, ist eine andere Geschichte. Es liest unser Parlamentskorrespondent Frank Riede.

Ep 1562Leserbrief zur Nacktkultur
Anfang der 20. Jahre des 19. Jahrhunderts findet die sich seit der Jahrhundertwende verbreitende Freikörperkultur einen höheren Organisationsgrad mit dem 1923 erfolgten Zusammenschluss zahlreicher FKK-Vereine zur „Arbeitsgemeinschaft der Bünde deutscher Lichtkämpfer“. Bereits 1920 hatte der erste offizielle Nacktbadestrand auf Sylt geöffnet, am Motzener See bei Berlin entstand eine regelrechte Kolonie des Nacktbadens, das auch als „Schwedisches Baden“ bezeichnet wurde. Natürlich regte sich in konservativen Kreisen auch Gegenwehr gegen die Freikörperkultur, die sich nicht nur in medizinischen und juristischen Zeitschriften oder im Feuilleton äußerte, sondern auch in den „Chat-Foren“ von vor 100 Jahren: in den Leserbriefen, die in den Zeitungen abgedruckt wurden. Beim Hamburger Anzeiger hieß die entsprechende Rubrik „Sprechsaal“, und in diesem finden wir in der Ausgabe vom 27. August eine Zuschrift, in der das Nacktbaden verteidigt wird. Rosa Leu verleiht dem alten Wanderer ihre Stimme.

Ep 1561Rheingold - Neueinstudierung an der Dammtorstraße
Volle zehn Jahre hatten die Bayreuther Festspiele seit dem Beginn des Ersten Weltkriegs im Jahr 1914 pausiert, um bei der Wiederaufnahme des Festspielbetriebs im Sommer 1924 sogleich einen mittleren Eklat zu provozieren: In Anwesenheit zahlreicher prominenter Figuren der rechts-völkischen Szene wie etwa Erich Ludendorff geriet die Premiere der Meistersinger am 22. Juli zu einem Manifest nationalistischer Gesinnung, als das versammelte Publikum die berühmt-berüchtigte Schlussansprache des Hans Sachs wider den ‘welschen Tand‘ mit dem stehend gesungenen Deutschlandlied beantwortete. Ähnliche Reaktionen waren in Hamburg natürlich nicht zu verzeichnen, als wenige Wochen später im dortigen Stadt-Theater an der Dammtorstraße, dem Vor-Vorgängerbau der heutigen Hamburgischen Staatsoper, eine ähnlich lang ersehnte Neueinstudierung des Ring des Nibelungen über die Bühne ging. Berührungspunkte mit Bayreuth gab es indes hinsichtlich der Besetzung. Walter Soomer aus Leipzig, der in Bayreuth 1924 mehrere große Basspartien gesungen hatte, etwa war in Hamburg als Wotan engagiert. Und in durchaus etwas kurios anmutender Weise widmete der Kritiker des Hamburger Fremdenblattes, bei dem es sich vermutlich um Heinrich Chevalley handelt, am 26. August 1924 fast seine gesamte Rezension des Rheingold dieser Personalie. Es liest Frank Riede.

Ep 156025 Jahre Zeppelin
So wie der Markenname Tempo zum Synonym für Taschentücher, oder Tesa zur Bezeichnung von allen Klebestreifen wurde, so setzte sich in der Luftschifffahrt der Zeppelin durch. Im August 1924 gab es gleich zwei Anlässe dafür, dass wir in nahezu allen Zeitungen Artikel zur Geschichte der Zeppeline finden. Zum einen Stand ein Testflug für eine feste Verkehrslinie über den Atlantik unmittelbar bevor, zum anderen jährte sich das erste Patent des Grafen Zeppelin zum 25. Mal. Wir haben uns für den Text aus dem Wandsbeker Boten vom 25. August entschieden, der uns unter anderem schildert, wie das erste Patent eines „Luftzuges“ aussah, aber auch die militärische Nutzung aufzeigt. Für uns liest Rosa Leu.

Ep 1559Krähwinkeleien zwischen Hamburg, Altona und Pinneberg
Deutsche Bürokratie erfreut sich zweifelhafter Berühmtheit in aller Welt, und zu besonderer Absurdität vermag sie sich traditionell dort aufzuschwingen, wo sie sich mit deutscher Kleinstaaterei paart. Landesgrenzen verliefen vor einhundert Jahren bekanntlich noch quer durch heute Hamburger Stadtgebiet. Während die eine Straßenseite des Schulterblattes zur Freien und Hansestadt gehörte, lag die andere in Altona und damit auf preußischem Terrain, wo zum Teil völlig andere Gesetze galten. Das Bestattungsrecht gilt in Deutschland bis heute als sehr rigide, und das, erfahren wie aus dem Hamburger Echo vom 24. August 1924, war auch damals schon der Fall – mit feinen regionalen Abschattierungen. Frank Riede begibt sich mit uns auf eine Ämter-Odyssee zwischen Hamburg, Blankenese und Pinneberg.

Ep 1558Von Wilhelmsburg zum Mount Everest
Der Mount Everest gilt bekanntlich als höchster Berg der Welt. 8848 Meter erhebt er sich über den Meeresspiegel – und damit 8852 Meter über den tiefsten Punkt von Hamburg-Wilhelmsburg. Da Gegensätze sich aber nun einmal anziehen, ist es nicht verwunderlich, dass sich auch die Wilhelmsburger Zeitung am 23. August 1924 mit einem Artikel in den Wettlauf um die Bezwingung dieses höchsten aller Gipfel auf dem Planeten einschaltete. „Wie der Everest sich wehrt“ – das klingt fast wie einer der vielen Berichte aus unseren Tagen über den Overtourism im Himalaya. Faktisch geht es aber um die alten Themen der Sauerstoffknappheit in großer Höhe und ihre Konsequenzen für den menschlichen Körper, die, wie wir heute wissen, die erfolgreiche Erstbesteigung des Everest damals noch um weitere 29 Jahre aufschoben. Unsere Frau am Berg ist Rosa Leu.