
Auf den Tag genau
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Ep 1007Die Aster
Die Aster war zweifellos so etwas wie die Lieblingsblume der expressionistischen Lyrik. Kein Wunder also, dass sich Kurt Pinthus, seines Zeichens Herausgeber der berühmten Anthologie ‘Menschheitsdämmerung‘ und nebenbei regelmäßiger Autor beim 8-Uhr-Abendblatt, am 23. September 1922 ihrer in einem kleinen Feuilleton annahm. Hierin erinnert er auch prompt an Gottfried Benn und dessen berühmtes Gedicht über die ‘Kleine Aster‘. Im Weiteren folgt er jedoch weniger dessen oder Georg Trakls symbolischen Fährten zum Vanitas-Motiv, sondern setzt sehr eigene Akzente, die ihn bei einer durchaus hoffnungsfrohen Bestimmung des Menschen als homo aestheticus landen lassen. Für uns begleitet ihn dabei Frank Riede.
Ep 1006Die Vorküche des Speisewagens
Der stetig wachsende Zugverkehr in Europa mit schnelleren Verbindungen und mehr Passagieren hatte auch seine Auswirkungen auf die Bordrestaurants. Waren das ursprünglich gut ausgestattete Küchen, in denen die Gerichte vollständig aus mitgenommenen Zutaten zubereitet wurden, ging man nun gezwungener maßen dazu über, Vorgekochtes, Konfektioniertes an Bord zu nehmen, das eine schnelle Verarbeitung zu genussfertigen Tellergerichten ermöglichte. Wie diese Revolution der Speisewagen funktionierte, erklären uns das Berliner Tageblatt vom 22. September 1922 und Paula Leu.
Ep 1005Sven Hedin über Tibet
Der schwedische Entdeckungsreisende, Geograph, Reiseschriftsteller und Fotograf Sven Hedin war mit seinen Reisen durch Asien und den dort gemachten Entdeckungen berühmt geworden. So zweifelsfrei diese beachtenswert waren, so streitbar war seine politische Haltung. Er war begeisterter Monarchist, verehrte Kaiser Wilhelm II. und hatte nicht viel übrig für Demokratie und Republik. Später sollte seine Begeisterung für Adolf Hitler sein Lebenswerk zusätzlich trüben. 1922 tourte er mit einem Vortag über Tibet und machte auch auf einer Naturforschertagung in Leipzig halt. Von dieser berichtet am 21. September das Berliner Tageblatt. Und es zeigt sich, wie populär Hedin war, da für seinen Vortrag eine polizeiliche Absperrung wegen der nachdrängenden Massen nötig wurde. Frank Riede ist doch noch irgendwie reingekommen.
Ep 1004Nekrolog auf Schwabing
Oskar Maria Graf, Ricarda Huch, Hugo Ball, Lion Feuchtwanger, Heinrich Mann, Thomas Mann, Rainer Maria Rilke, Ernst Toller oder Karl Valentin – nur ein Bruchteil der Künstlerscharen, die zumindest Zeitweise in München-Schwabing gelebt haben und damit am Image des Stadtviertels als Kristallisationspunkt der Künstler-Bohème mitgewirkt haben. Das frühere Dorf Schwabing, urkundlich bereits 782 erwähnt, also älter als München selbst, wurde, längst zum Stadtteil Münchens geworden, nach der Neugründung der Kunstakademie im Jahre 1885, zum Künstlerviertel. Ob der Künstlerglanz auch 1922 noch strahlte, beurteilte das 8Uhr-Abendblatt am 20. September. Paula Leu war für uns vor Ort.
Ep 1003Der akustische Film
Aus heutiger Rückschau erscheint uns die Entwicklung vom Stummfilm zum Tonfilm als ein logischer und zwangsläufiger Schritt. Daher gilt es unseren Blick auf den Stummfilm davon zu befreien, ihn nur als Tonfilm minus Ton, als Vorstufe zu betrachten. Während es in den Zwanziger Jahren begeisterte Unterstützer der Tonfilmexperimente gab, erhoben sich auch zahlreiche Stimmen, die den Stummfilm als Kunstform gegen die Hinzufügung des Tons verteidigten. Am 17.9.1922 präsentierten die drei Erfinder Hans Vogt, Jo Engl und Joseph Massolle im Berliner Kino Alhambra vor etwa 1000 Gästen das Triergon-Verfahren, ein Lichtton-Verfahren, bei dem eine Tonspur direkt auf das Filmmaterial aufgetragen wird, die mit entsprechendem Projektor synchron zum Bild wiedergegeben werden kann. Diese Aufführung sorgte für viel Aufsehen, wurde begeistert aufgenommen, fand aber auch das Unverständnis derer, die für den Stummfilm keinen Ton brauchten. Welche Position Herbert Ihering im Berliner Börsen-Courier vom 19. September vertrat, weiß Frank Riede.
Ep 1002Der Wirtschafts-Liberalismus
Nicht nur aktuell ringt der Liberalismus in Deutschland um seine Ausrichtung. Nach Jahrzehnten, in denen der wirtschaftliche Neoliberalismus in den Vordergrund trat und andere klassische Themenfelder, wie den Kampf für das Selbstbestimmungsrecht und die Freiheit gegenüber dem Staat in den Hintergrund drängte, stellt sich die Frage, ob diese Fokussierung auf eine sich selbst regulierende Wirtschaft noch zeitgerecht ist. Vor 100 Jahren suchten die liberal gesinnten Kräfte in der Deutschen Demokratischen Partei auf ihrer Eisenacher Tagung nach einem wirtschaftspolitischen Konzept. Der Mitbegründer dieser Partei Carl Wilhelm Petersen hielt eine viel beachtete programmatische Rede, über die im Berliner Börsen-Courier vom 18. September ausführlich berichtet wurde. Frank Riede klärt uns darüber aus, wem man das Schiff der deutschen Wirtschaft anvertrauen sollte.
Ep 1001Nach dem Verbot der D.A.Z.
Dass in den ersten Septembertagen in diesem Podcast keine Texte aus der Deutschen Allgemeinen Zeitung zur Anhörung kamen, war ausnahmsweise einmal keine Frage unserer redaktionellen Auswahl. Die D.A.Z. war auf Basis des nach dem Rathenau-Attentat beschlossenen Republikschutzgesetzes wegen „Herabwürdigung von Mitgliedern der Reichsregierung“ kurzzeitig verboten worden. Eine durchaus umstrittene Maßnahme, nicht nur bei ihren Kollegen von der rechtskonservativen Presse, die teils heftig gegen diese Anwendung protestierte. Dass sich die D.A.Z. selbst nach Wiederzulassung dem anschloss, nimmt wenig Wunder. In einem Rundumschlag attackierte sie ein paar Tage später, am 17. September 1922, einmal mehr Regierung und Gerichte, die Sozialdemokratie und das westliche Ausland. Konkret war dies in diesem Fall die englische Presse, mit der die D.A.Z., wie dem Artikel zu entnehmen, bereits wieder in neue Händel verstrickt war. Es liest Paula Leu.
Ep 1000Die Katastrophe von Smyrna II
In Griechenland heißen die Vorgänge bis heute ‘Kleinasiatische Katastrophe‘, in der Türkei etwas lapidar ‘Brand von Izmir‘: Drei Tage nachdem die türkischen Truppen die von griechischem Militär verlassene multikulturell geprägten Hafenstadt am 9. September 1922 eigenommen hatten, kam es dort zu einem gewaltigen Feuer, das diese in weiten Teilen, namentlich die von Armeniern und Griechen bewohnten Stadtviertel, dem Erdboden gleichmachte. Zwischen 10.000 und 125.000 Menschen – genauer sind die Schätzungen bis heute nicht – fanden hier den Tod, die überlebenden Angehörigen der christlichen Minderheiten verließen, wenn sie konnten, die Stadt und beendeten in der Konsequenz ihrer Flucht über 2500 Jahre griechischer Geschichte an der ionischen Küste. Die Korrespondentennetze der Berliner Tageszeitungen reichten vor einhundert Jahren augenscheinlich nicht bis in diesen Winkel der Welt. Deshalb ringt man hier auch noch Tage nach Beginn des Infernos, am 16. September, mit Hilfe britischer und französischer Agenturmeldungen um ein Bild von der Situation, das das Ausmaß des Schreckens mittlerweile aber zumindest erahnen lässt. Es liest Paula Leu.
Ep 999Holländische Fahrt
Die Berliner Gemäldegalerie ist im Besitz mehrerer Gemälde des niederländischen Malers Frans Hals, und steht man dort etwa vor der „Malle Babbe“ mit ihrer Eule auf der Schulter und dem Bierkrug in der Hand, so kommt man nicht auf den Gedanken, dass es noch nicht so lange her ist, dass diesem Maler keine so große Aufmerksamkeit zuteil wurde und so manches Werk, das unbeachtet in einem öffentlichen Gebäude hing, erst gesäubert, restauriert und in Museen der kunstinteressierten Öffentlichkeit zugängig gemacht wurde. Max Osborn reiste für die Vossische vom 15. September 1922 durch die Niederlande. Was als eine atmosphärische Beschreibung des Landes beginnt, entpuppt sich als der gezielte Besuch des neuen Frans-Hals-Museums in Haarlem, bei dem er geduldig einen Türklopfer betätigen muss, damit ihm aufgemacht wird. Frank Riede schleicht sich für uns mit hinein.
Ep 998Käthe Miethe: Hamsterfragen
Wir erinnern uns alle an die leeren Regale des ersten Pandemie-Lockdowns. Hamsterkäufe sorgten für Mangel an Toilettenpapier, Mehl und Hefe – damit konnten die glücklichen Käufer und Käuferinnen den ganzen Zyklus der Brotproduktion, Verspeisung und Ausscheidung autark und bequem gewährleisten. Worüber viel, und auch soeben an dieser Stelle, gespottet wurde, hatte 1922 dann doch viel ernstere Hintergründe. Die wirtschaftliche Krise, die rasante Inflation, rechtfertigtenß schon eher den Einkauf von Grundnahrungsmitteln in größeren Mengen, bevor sich, oftmals nur Stunden später, ihr Kaufpreis vervielfachte. Schon 1922 sprach man - und in dieser Folge konkret Käthe Miethe in der Deutschen Allgemeinen Zeitung vom 14. September von „Hamsterkäufen“. Es liest Paula Leu.
Ep 997Das Wirtshaus Altösterreichs
Das Gasthaus Stelzer im damaligen Wiener Vorort Rodaun war eine Institution in Altösterreich – die konsequenterweise mit dessen Ende 1918 auch die seinen Pforten schloss. Der ihm gewidmete Bericht aus dem Berliner Lokal-Anzeiger vom 13. September 1922 schwelgt somit bereits in K.u.k.-Nostalgie, wenn er das Stelzer, sein Dekor, sein Publikum und seine Ahornbäume in seiner alten Form noch einmal wiederaufleben lässt. Ein interessantes Kapitel des Hauses blendet der Text dabei indes interessanterweise aus: Das Stelzer fungierte während der Weltkriegsjahre als offizielles österreichisch-ungarisches Kriegspressequartier und damit unter anderem auch als Wirkungsstätte hier zum Dienst verpflichteter Künstler wie Franz Werfel, Robert Musil oder Hugo von Hofmannsthal, der praktischerweise in Rodaun eh wohnte. Oder um es mit Karl Kraus zu sagen: „Man hatte die Presse nach Rodaun verlegt, um dem Herrn von Hofmannsthal mit der Front entgegenzukommen.“ Für uns reist Frank Riede nach Kakanien.
Ep 996Die neue Große Volksoper im Theater des Westens
Trotz aller Wirtschafts- und Finanzkrisen war die Musiktheaterlandschaft im Berlin der frühen 1920er Jahre gewohnt vielfältig: Neben der altehrwürdigen Staatsoper gab es, als zweite ‘ernsthafte‘ Bühne, das Deutsche Opernhaus in Charlottenburg sowie unter anderem mit der Alten Komischen Oper, dem Admiralspalast oder dem Metropol-Theater eine ganze Reihe von Heimstätten für die leichte Muse wie Operette oder Revue. Was Berlin bis dahin indes noch nicht vorzuweisen hatte, war eine Volksoper mit anspruchsvollen Musiktheaterangeboten für ein breiteres, weniger zahlungskräftiges Publikum, wie man sie etwa aus Paris und Wien kannte und man sie nunmehr auch hier in einer veränderten, republikanischen Kulturlandschaft für unerlässlich hielt. Quartier nahm die neugegründete Berliner Große Volksoper im Sommer 1922 im Theater des Westens. Nach einer Woche ihres Bestands wagte sich die Berliner Volks-Zeitung am 12. September in Person ihres Kritikers Lothar Band an eine erste Bilanz, die für uns Frank Riede nachvollzieht.
Ep 995Die Katastrophe von Smyrna I
Nicht überall war mit dem Ersten Weltkrieg 1918 auch wirklich der Krieg vorbei. An vielen Fronten gingen die Kämpfe umstandslos in Nachfolgekonflikte über, die das Vorangegangene nicht selten an Grausamkeit sogar noch übertrafen. Zu den blutigsten diesbezüglichen Auseinandersetzungen zählt der sogenannte Griechisch-Türkische Krieg, in dem die Griechen, als Gewinner des Weltkriegs, ab 1920 weite Teile Westkleinasiens besetzten, aus denen sie von den Truppen Mustafa Kemals jedoch zwei Jahre später wieder vertrieben wurden. Verbunden damit waren grausame Feldzüge auch gegen die Zivilbevölkerung, die im September 1922 in einem entsetzlichen Massaker an den christlichen Bevölkerungsgruppen im heutigen Izmir, griechisch: Smyrna, kulminierten. Gerüchte davon erreichten bald auch die ferne deutsche Hauptstadt. Auf Basis unterschiedlichster Agenturmeldungen versucht das Berliner Tageblatt vom 11.9. sich und seinen Leserinnen und Lesern ein einstweilen noch sehr unscharfes Bild von den Vorkommnissen zu machen. Es liest Paula Leu.
Ep 994Vandalismus im Alten Museum
Vor zwei Tagen ging es um die Verschandlungen der Schulhöfe, heute um die Verschandlungen des Alten Museums auf der Museumsinsel. Nachdem man die Treppe zum Eingang hinaufgestiegen ist und sich umdreht, blickt man auf den Lustgarten, links der Dom und vis-a-vis nun das Humboldt-Forum mit Schlossfassade. Dabei steht man in einer weitestgehend leeren eindrucksvollen Säulenhalle. Vor 100 Jahren schmückten diese Säulenhalle Wandgemälde und es waren dort Statuen bedeutender deutscher Künstler und Architekten des 18. und 19. Jahrhunderts aufgestellt. Nun war der Lustgarten, wie auch noch heute, ein beliebter Ort um Versammlungen und Demonstrationen abzuhalten. Und genau bei solchen litt die öffentlich zugängliche Säulenhalle nicht nur unter „Wildpinklern“, sondern auch unter Beschmierungen und gravierenden Schädigungen der Statuen. Eine Schande für Berlin und Deutschland, fand die Vossische Zeitung und appellierte am 10. September 1922 an die Verantwortlichen, diese Missstände zu beheben. Frank Riede, ein gern gesehener Gast auf Empfängen in dieser Säulenhalle, liest.
Ep 993Die Orgien der Fremdenpolizei
Hinter dem Titel unserer heutigen Folge „Die Orgien der Fremdenpolizei“ verbirgt sich nicht ein Rotlichtmilieu-Skandal einer Polizeiabteilung, die beim Betriebsausflug über die Stränge geschlagen hat, der Begriff bezieht sich hier eher auf Verwaltungsorgien. Der Vorwärts vom 9. September 1922 prangert die bürokratischen Hürden an, die ausländischen Arbeitskräften auferlegt werden. Besonders im Fokus der Zeitung sind allerdings die deutschsprachigen Arbeiterbrüder aus Österreich, der Tschechoslowakei oder Polen, für deren reibungslosen Arbeitseinsatz in Deutschland man kämpft. Paula Leu listet die Schikanen auf.
Ep 992Die Verschandlung der Schulhöfe
Die Herausforderungen des Klimawandels in den urbanen Zentren, etwa die überhitzten städtischen Betonwüsten, sind gerade diesen Sommer ein großes Thema. Die Städteplaner diskutieren Entwürfe mit Grünflächen, weniger Parkplätzen und mehr Bäumen. Unser heutiger Artikel aus der Berliner Volks-Zeitung vom 8. September 1922, der tituliert ist „Die Verschandlung der Schulhöfe“, möchte die Bäume der Schulhöfe retten, um wenigstens diese grünen Lungen zu erhalten. Das heißt, es geht weniger um Graffiti und Vandalismus, sondern vielmehr um den Plan der Stadt Berlin, die Schulhöfe abzuholzen, um dort Turn- und Sportmöglichkeiten zu schaffen. Frank Riede liest.
Ep 991Ein Abend im Café
Jede Großstädterin, jeder Großstädter weiß: Es gibt nichts Lässigeres, als zeitlos in einem Café zu sitzen und die anderen Leute zu beobachten. Selma Fischer hat eben dies gemacht, die Eindrücke eines Abends protokolliert und am 7. September 1922 in der Berliner Volks-Zeitung veröffentlicht. Wir wissen nicht, wo sie saß und woher die Passantinnen und Passanten, die sie beobachtet, kamen, respektive wohin sie gingen. Und dennoch sind sie uns nach ein paar Minuten, in denen wir nichts voneinander wussten, seltsam vertraut. Nach einhundert Jahren noch einmal zum Leben erweckt werden sie für uns von Paul Leu.
Ep 990Der Goldschatz im Grunewald
Um echte Goldgräberstimmung zu entfachen, reicht manchmal ein einfaches Gerücht. Unter den Arbeitern der Wernerwerke in Siemensstadt verbreitete sich dereinst die Mär von einem Goldschatz im Grunewald wie ein Lauffeuer, und Dutzende von Schürfern, glaubt man dem Vorwärts vom 6. September 1922, machten sich in jenen Tagen auf nach dem Eichkamp, um dort zu heben, wo es natürlich nichts zu heben gab. Schließlich vertonen wir hier nicht die Märchen der Gebrüder Grimm, sondern Artikel aus den Großstadtzeiten von vor einhundert Jahren. In deren kleinkriminellen Sumpf begibt sich Frank Riede.
Ep 989Überlegungen zum Berufswechsel
Diskontinuierliche Berufsbiographien, glauben wir gerne, seien die Signatur unserer fortgeschrittenen, digitalen Moderne, aber selbstredend ist das eine arg verkürzte, unhistorische Sichtweise. Auch schon frühere Epochen kannten technologische, gesellschaftliche oder persönliche Brüche, die es mitunter notwendig machten, ‘umzusatteln‘, und eben davon handelt der folgende Artikel aus der Berliner Morgenpost vom 5. September 1922. Heute weitgehend vergessen, hatte das veränderte Wirtschaftsleben der Nachkriegszeit damals unzählige Männer und Frauen in neue, ungelernte Tätigkeiten gezwungen, was Autor Hans Ostwald durchaus nicht schreckt, sondern ihn an die seinerzeit noch gar nicht so weit zurückreichende Umbruchszeit der Industrialisierung erinnern lässt. Wenn aus Landwirten Fabrikarbeiter werden konnten, musste das doch auch umgekehrt möglich sein. Es liest Paula Leu.
Ep 988Krawall in Charlottenburg
Die immer wieder auf den Straßen eskalierende Situation zwischen linken Demonstranten Schutzpolizisten, oder rechten Schlägertrupps, gehört zum heute gängigen Bild der Weimarer Republik. Auch am 4. September berichtet der Vorwärts über blutige Zusammenstöße zwischen einem Umzug der Jungkommunisten und der Staatsgewalt. Die sozialdemokratische Zeitung schlägt sich nicht automatisch auf die Seite der Kommunisten, empört sich nicht, sie versucht, möglichst objektiv die Vorgänge zu beschreiben. Wir hören Frank Riede.
Ep 987Die Internationale der Musik
Die frühen 1920er Jahre waren eine auch musikgeschichtlich bewegte Zeit, in der unzählige neue, experimentelle kompositorische Strömungen aufkamen und einen Aufbruch aus dem vertrauten Hörraum der Spät- und Spätspätromantik wagten. Um diese Wege unterstützend zu begleiten und auch das breitere Publikum auf sie zu lenken, hatte sich am Rande der Salzburger Festspiele 1922 die noch heute bestehende ‘Internationale Gesellschaft für Neue Musik‘ gegründet. Zum Leiter der deutschen Sektion dieser Organisation, die ihren Stammsitz in London nahm, wurde der Musikessayist Adolf Weißmann bestimmt, und eben dieser erläuterte in der Vossischen Zeitung vom 3. September deren Ausrichtung und Ziele. Dass er in seinem Argument sich dabei einmal, eher unspezifisch, des Rassebegriffs bedient, belegt ein weiteres Mal, wie verbreitet derlei Kategorien selbst in des Chauvinismus‘ eher unverdächtigen Diskursen war. Es liest Paula Leu.
Ep 986Frühherbstlicher Kurbelkasten
Die Berliner Volkszeitung betrieb auch in der zweiten Jahreshälfte 1922 regelmäßig ihre Kolumne „Am Kurbelkasten“, in der – mal eleganter, mal weniger gelungen – ausgehend von einem Thema, einer Meldung viele andere Themen miteinander verknüpft werden. Heutzutage könnte man vielleicht das Klicken im Internet von einem Stichwort zum nächsten als Vergleich heranziehen. Am 2. September geht es unter anderem um den Herbst, Pädagogik, rechte Haßprediger und sauren Wein. Frank Riede liest.
Ep 985Das Großstadtgespenst
Es geht ein Gespenst um beim Vorwärts, aber da wir hier bei einer sozialdemokratischen Zeitung sind, ist es ausnahmsweise nicht das Gespenst des Kommunismus. Das Großstadtgespenst, das Autor Otto Keller in seinem Nachtstück vom 1. September 1922 gesichtet hat, ist deutlich expressionistisch inspiriert, handelt aber, da wir hier bei einer sozialdemokratischen Zeitung sind, doch sehr viel eineindeutiger als in der expressionistischen Lyrik oder Malerei vom sozialen Elend der Welt. Paula Leu hat sich nicht einschüchtern lassen.
Ep 984Inflation und Hungerkrawalle
Wenn in Deutschland von ‘der großen Inflation‘ die Rede ist, denken wir immer an das Jahr 1923. Dabei begann die Entwicklung der Geldentwertung weit früher. Bereits im Sommer 1922 kostete ein US-Dollar über 3000 Mark, und immer mehr Menschen rutschten wegen dieser fortschreitenden Schwäche der Währung in entsetzliche Armut. Die Unerschwinglichkeit von immer mehr Grundnahrungsmitteln führte schon seinerzeit zu regelrechten Hungerkrawallen, wie sie die Berliner Volks-Zeitung in einem Bericht vom 31. August nannte. Selbst innerhalb eines Tages schossen die Preise offenbar mitunter so durch die Decke, dass es auf einigen Wochenmärkten, u.a. auf dem noch heute beliebten am Maybachufer, zu mittelschweren Ausschreitungen kam. Über die Umstände unterrichtet uns Frank Riede.
Ep 983Die Gartenbau-Ausstellung in Bellevue
Seit dem Jahre 1951 findet mehr oder weniger durchgängig alle zwei Jahre eine Bundesgartenschau an wechselnden Orten statt. Zuletzt 2021 in Erfurt. Diese Leistungsschauen des Gartenbaus kamen natürlich nicht aus dem Nichts, sondern haben eine jahrhundertelange Vorgeschichte. 1856 etwa fand, auch in Erfurt, die „Internationale Land- und Gartenbauausstellung“ statt. Zahlreiche Gartenbauausstellungen folgten, ab 1933 unter dem Namen Reichsgartenschau. Eine Nummer kleiner, aber durchaus in diese Liste aufzunehmen, ist die Blumenschau, die 1922 im Schloßpark Bellevue in Berlin stattfand. Die Vossische Zeitung berichtet in ihrer Ausgabe vom 30. August, für uns schlendert Paula Leu durch das Blumenmeer.
Ep 982Einstein und Science-Fiction
Herbert G. Wells veröffentlichte 1895 seinen wegweisenden Science-Fiction Roman „Die Zeitmaschine“, in dem ein Erfinder aus dem viktorianischen England in die ferne Zukunft reist, um eine Gesellschaft vorzufinden, in der die Klassenunterschiede des Fin-de-Siècle extrem übersteigert wiederzuentdecken sind - so, zumindest laut einer gängigen Interpretation. Seine Maschine reist dabei durch die Dimension der Zeit, bewegt sich auf der Erde aber nicht vom Fleck. Der Autor Hans Christoph schrieb 1922 den ersten „Relativtätsroman“, wie ihn der Berliner Börsen-Courier vom 29. August des Jahres bezeichnet. Auch in diesem Science-Fiction Roman mit dem Titel „Fahrt in die Zukunft“ reist ein Erfinder in die Zukunft, dieser aber explizit unter Nutzung der Einsteinschen Relativitätstheorie. Seine Gefährt, eine Art Rakete, fliegt so schnell und weit von der Erde weg, dass die Zeit auf der Erde schneller vergeht, als für die Reisenden. Was für eine Gesellschaft diese in der Zukunft dann vorfinden, weiß Frank Riede.
Ep 981Katholikentag: Gottes Recht bricht Staatsrecht
Der 62. Katholikentag fand vom 27. Bis zum 30. August 1922 in München statt. Vom pompösen Eröffnungstag berichtete am 28. die Vossische Zeitung und dokumentierte nicht nur die zum guten Teil schon damals reaktionären Positionen zu Fragen des Lebensalltags, die von den geistlichen Potentaten vorgetragen wurden, sondern auch den von ihnen offen geäußerten Zweifel an der Legitimität der Weimarer Republik und ihrer Verfassung. Dieses düstere Bild eines monarchistischen Katholikentags, der das göttliche Recht über die Verfassung der Weimarer Republik stellt, gibt allerdings nur eine mächtige Strömung innerhalb des deutschen Katholizismus wieder, da der Bericht die Schlussworte des Präsidenten des Katholikentages, des damaligen Oberbürgermeisters von Köln Konrad Adenauer noch nicht kannte, der sich mit diesen deutlich gegen die Angriffe auf die Weimarer Republik stellte. Paula Leu liest für uns vom Kampf gegen einen Staat der es wagt, Ehescheidungen und ehelose Mutterschaft zu unterstützen und nicht die „Kinoseuche“ zu verbieten.
Ep 980Die Rennstrecke von Monza
Was Wimbledon für das Tennis, Augusta für den Golf-, Kitzbühel für den Alpinen und der Holmenkollen in Oslo für den Nordischen Skisport, das wohl ist Monza für den Automobilsport: das Allerheiligste, die wichtigste Wettkampfstätte einer Sportart, ihr gleichsam mythisches globales Zentrum. Zu den Besonderheiten des vor einhundert Jahren eröffneten Autodromo Nazionale gehört dabei der Umstand, dass die Rennstrecke quasi durch den Schlosspark der dereinst von Kaiserin Maria Theresia in Auftrag gegebenen Königlichen Villa von Monza führt. Die B.Z. am Mittag erahnte den sich nicht nur daraus speisenden einmaligen Charakter des Kurses bereits seinerzeit und widmete Monza noch vor dem ersten Rennen, am 27. August 1922, einen ersten großen Bericht. Für uns Probe gefahren ist Frank Riede.
Ep 979Berlin aus der Sicht einer Chilenin
Von deutschen Autoren (und gelegentlich auch Autorinnen), die in andere Weltgegenden gereist sind und von dort über diese berichten, z.B. auch aus Chile, wimmelte es auch schon vor einhundert Jahren in den Berliner Tageszeitungen – und deswegen bisweilen auch in diesem Podcast. Wie erfrischend, dass die Deutsche Allgemeine Zeitung vom 26. August 1922 das Pferd einmal von der anderen Seite aufzäumt! Die seit geraumer Zeit in Berlin lebende Chilenin Estela Montalva bekam die Gelegenheit, ihren Blick auf die Stadt einmal in einem dort erscheinenden Medium auszubreiten und dessen Leserinnen und Leser mit einer anderen Sicht auf ihre eigene Heimat zu konfrontieren. Hier gelesen von der Berlinerin Paula Leu.
Ep 978Am Schlern in Südtirol
Der Schlern: Trutzig thront er über dem Tal des Eisack, kurz bevor dieser sich am Ritten vorbei schleicht und hinter Bozen in die Etsch mündet. Richard Huldschiner hat sich im Sommer 1922 aufgemacht, diesen (neben dem Ortler) vielleicht berühmtesten aller Südtiroler Berge zu besteigen und teilt seine dabei gewonnenen Eindrücke in der Vossischen Zeitung vom 25. August. Es dominieren die Naturaufnahmen und die Beobachtungen einiger Leute, denen der Autor hier begegnet. Anspielungen auf die mehr denn je bewegte politische Lage im nunmehr italienischen Südtirol kommen dagegen nur am Rande vor. Für uns mitgewandert ist Frank Riede.
Ep 977Ferienlektüre
Die Rubrik „Lektüreempfehlungen für die Ferienzeit“ bespielt so manche Zeitung, so manches Magazin, so manche Onlinezeitschrift jedes Jahr auf Neue. Sie ist, welche unserer Hörerinnen und welchen unserer Hörer wird es wirklich überraschen, natürlich schon über 100 Jahre alt. Und so lassen wir uns heute die Ferienlektüre-Tipps aus der Berliner Volks-Zeitung vom 24. August 1922 geben. Und das nicht von irgendwem. Der jüdisch-deutsch-amerikanische Journalist Manfred George, der seine Texte mit dem Nachnamen ohne „e“ am Ende, also Georg zeichnete, schrieb 29jährig für diverse Tageszeitungen der großen Verlage, aber auch für die Schau- und Weltbühne. Heute legt er uns Bücher von Max Brod, Romain Rolland, Jakob Wassermann, Knut Hamsun und Zsigmond Moritz ans Herz. Paula Leu empfiehlt mit.
Ep 976Der Kampf um das deutsche Kabelnetz
Mittlerweile hat es sich rumgesprochen. Die Regierung Schmidt hatte bereits 1981 Pläne für einen bundesweiten Glasfaserkabelausbau beschlossen, der nach der Machtübernahme durch die Regierung Kohl schon ein Jahr später auf Eis gelegt wurde. Stattdessen wurden fleißig Kupferkabel verlegt. Folge dessen im Großen ist, dass Deutschland, was die Galsfaserinfrastruktur betrifft, ein Schlusslicht Europas ist, und im Kleinen, dass der Cutter dieses Podcasts, in Berlin lebend, keinen Glasfaseranschluss im Haus hat und beim Upload der fertigen Folgen ewig warten muss … 1922 befand sich Deutschland, was das Kabelnetz anging, auch an einem Scheideweg. Die Frage, wie sie die Vossische Zeitung vom 23.8. präsentiert, lautete damals: überirdisch oder unterirdisch verlegen? Paula Leu gräbt sich für uns in die Materie ein.
Ep 975Soll der Zoo schließen?
Der Berliner Zoologische Garten litt während des Ersten Weltkrieges und in den Jahren danach an Geldnot. Als einer der artenreichsten Zoos der Welt konnte er sich das notwenige Personal, um die Tiere zu versorgen, nicht mehr leisten. Im Sommer 1922 dachte die Leitung darüber nach, den Zoo im besucherschwachen Winter ganz zu schließen, dabei Tiere zusammenzulegen, um Heizkosten zu sparen und um die notwendige Personalreduktion durchzuführen. Der Vorwärts vom 22. August berichtet über diese Pläne, die dann tatsächlich umgesetzt wurden. Der Zoo blieb – bis auf das Aquarium – vom 1. Oktober 1922 bis zum 30. März 1923 geschlossen. Frank Riede liest.
Ep 974Hasskommentare am Telefon
Anonyme Hasskommentare und Pöbeleien, die ungeahndet bleiben, sind ein großes Problem der sozialen Medien. Der technisch ermöglichte, weitestgehend sanktionsfreie Raum wird genutzt, um andersgesinnte Personen unflätig zu beschimpfen. Neu ist das Phänomen freilich nur in Bezug auf die potentielle Reichweite solcher Postings. Denn schon das Telefon bot in den Zwanziger Jahren die Möglichkeit, ohne seinen eigenen Namen zu nennen, eine Schimpfkanonade loszuwerden. Kurt Tucholsky, alias Ignaz Wrobel schildert in der Berliner Volkszeitung vom 21. August seinen Umgang mit diesen Anrufern, die er „Helden am Telephon“ nennt. Paula Leu hört für uns die Telefonate ab.
Ep 973Thomas Mann: “National und International”
Der deutsche Nobelpreisträger Thomas Mann ist bekanntlich nicht als Republikaner auf die Welt gekommen, sondern entwickelte sich zu einem solchen erst zu einem durchaus schon fortgeschrittenen Zeitpunkt seines Lebens im Laufe der Weimarer Jahre. Ein Schlüsselerlebnis auf diesem Weg weg vom antidemokratischen Nationalkonservativismus, den er noch 1918 in seinen „Betrachtungen eines Unpolitischen“ ausgebreitet hatte, markierte angeblich die Ermordung Walther Rathenaus im Juni 1922, und tatsächlich entstanden in der Folge mehrere Artikel, in denen sich die kopernikanische Wende in der politischen Biographie Manns abzuzeichnen beginnt. Als Schlüsseltext genannt wird hier gewöhnlich seine Laudatio anlässlich von Gerhard Hauptmanns 60. Geburtstag „Von deutscher Republik“ vom 13. Oktober 1922. Aber auch schon sein Essay „National und international“, den die Vossische Zeitung am 20. September abdruckte, deutet an, das sich Thomas Mann im nationalen Lager ohne Dialektik nicht mehr recht wohlfühlte. Wegen seiner historischen Bedeutung in voller Länge liest diesen Text: Frank Riede.
Ep 972Berliner Kochkünste
Die Geschichte von der kulinarischen Wüste Berlin, die sich binnen kurze Zeit zu einem internationalen Gourmet-Dorado entwickelt habe, ist von Gastrokritikern tausendfach erzählt worden – interessanterweise auch schon vor einhundert Jahren. Der Autor Franz Carl Mack bemüht in seiner Bestandsaufnahme der „Berliner Kochkünste“ in der Deutschen Allgemeinen Zeitung vom 19. August 1922 das wohlvertraute Narrativ. Verwechslungsgefahr mit aktuellen Restaurantführern besteht dennoch nicht, denn zu offensichtlich unterscheidet sich seine Speiseliste von den heutigen Trends der Großstadtküche. Manches, was hier an Gerichten genannt wird, riecht arg nach alter biederer Hausmannskost; vieles klingt in unseren Ohren aber auch so überraschend fremd und abgefahren, dass der Artikel nachgerade nach Pop-Up-Restaurants im Retrostil der 20er Jahre als neuem heißen Scheiß am Berliner Gastrohimmel schreien. Wer sich diesbezüglich inspirieren lassen möchte, lausche Paula Leu.
Ep 971Kampen auf Sylt
Der teuerste Immobilienmarkt Deutschlands liegt weder in Berlin oder München, noch in Frankfurt oder Hamburg, sondern schon seit vielen Jahren in Kampen auf Sylt, wo der Quadratmeterpreis im berühmten Hobokenweg mittlerweile bei schwindelerregenden 35.000 Euro pro Quadratmeter Wohnfläche angekommen ist. Diese Entwicklung war 1922 noch nicht vorhersehbar. Als beliebtes Sommerdomizil der Reichen und Schönen, erfahren wir aus dem Berliner Börsen-Courier vom 18. August, fungierte der Ort aber auch schon vor Jahrhundertfrist. Gisella Selden-Goth, eigentlich Musikschriftstellerin und Komponistin, hat dem von ihr ausgemachten Sylt-Hype nachgespürt, scheint von der nordischen Schönheit der Insel dabei aber noch nicht vollständig eingenommen zu sein. Für uns mit ihr mitgereist ist Frank Riede.
Ep 970Das Salzburger große Welttheater
Auch im dritten Jahr von Auf den Tag genau darf ein sommerlicher Blick nach Salzburg natürlich nicht fehlen. Die dortigen Festspiele gingen 1922 bereits in ihr drittes Jahr und lockten die großstädtische Musik- und Theaterkritik in die barocke Erzbischofsstadt zwischen Mönchs- und Kapuzinerberg. Das Hauptaugenmerk galt heuer vor allem dem „Salzburger großen Welttheater“, das Festspielmitbegründer Hugo von Hofmannsthal inspiriert vom berühmten gleichnamigen Mysterienspiel Calderón de la Barcas in die barocke Kollegienkirche übersetzt hatte. Vom pseudo-religiösen Anliegen zeigt sich der avantgardegeprägte Rezensent Kurt Pinthus im 8-Uhr-Abendblatt vom 17. August recht wenig erbaut. Als Theater in der Kirche weiß er Hofmannsthals moderner Überschreibung und vor allem Max Reinhardts Regie aber durchaus einiges abzugewinnen. Oder, Frank Riede?
Ep 969Colin Roß besucht Teheran
Der Reiseschriftsteller Colin Roß war bei uns schon häufiger zu Gast. Waren die von uns gesendeten Berichte von ihm aus und über Südamerika sehr sachlich und respektvoll gegenüber den Gastländern, so kann man dies von seinen Berichten von seiner 1922 durchgeführten Reise in den Orient nicht mehr behaupten. Mit offen zur Schau getragener Überlegenheitsgeste des Westens kritisiert er - mittlerweile in Teheran angekommen - die dortigen „Paläste des Königs der Könige“ und zeigt nicht die geringste Bereitschaft, sich auf die persische Bau- und sonstige Kultur einzulassen. Angesichts dieses Textes überrascht es weniger, dass Roß später zum begeisterten Nationalsozialisten wurde, der sich zwar offen gegen den Antisemitismus äußerte, aber sonst das Regime unterstützte. Er beging einen Tag vor Adolf Hitler, am 29. April 1945 mit seiner Ehefrau Selbstmord. Seinen Blick auf die Palastanlagen in Teheran liest für uns Paula Leu.
Ep 968“Küss’ die Hand” im Wasser
Nach einer längeren Pause bei „Auf den Tag genau“ kehrt Arnold Höllriegel mit einem Text aus dem Berliner Tageblatt des 15. Augusts 1922 ins Programm zurück. Wer müde von den Zwängen der bürgerlichen Besuche ist, die durchdrungen sind von Ritualen und Konversationsregeln, der treffe sich doch einfach im Wasser beim Schwimmen. Bei der Plantsch-Visite dabei war Frank Riede.
Ep 967Die Tragödie der Elsaß-Deutschen
Kaum eine Region in Europa hat eine so bewegte, komplexe und sprachpolitisch verzwickte Geschichte wie das Elsass. Gehörte die Region, in der eine alemannische Mundart gesprochen wird, bis 1871 über Jahrhunderte zu Frankreich, annektierte das nach dem Sieg im Deutsch-Französischen Krieg entstandene Deutsche Reich das Gebiet und schuf das “Reichsland Elsass-Lothringen”, das direkt dem Deutschen Kaiser unterstand. Nach dem Ersten Weltkrieg ging die Region an Frankreich zurück. Diese wechselvolle Geschichte hatte neben viel Leid, einer schwierigen Identitätsbildung auch immer wieder goße Flucht- und Vertreibungsbewegungen zur Folge. Über die Deutsche Bürger:innen, die das Elsass 1922 verlassen mussten, berichtet das 8Uhr Abendblatt am 14. August. Es liest Frank Riede.
Ep 966Kann man bei der Schwiegermutter wohnen?
In der heutigen Folge wenden wir uns einer Frage zu, die die Menschheit, gefühlt, seit Ewigkeiten beschäftigt und bis in alle Ewigkeit noch beschäftigen wird: Kann man bei der Schwiegermutter wohnen? Die Berliner Morgenpost publizierte im August 1922 die Leser:innen-Zuschriften auf diese von einem gewissen M. G. aufgeworfene Fragestellung, die aufgrund des fehlenden Wohnraums und der steigenden Mieten besonders virulent war. Paula Leu liest für uns die Zuschriften, die am 13. August abgedruckt wurden und die eine Typologie der Schwiegermütter, schmerzliche Erfahrungswerte und eine Antwort in Gedichtform enthalten.
Ep 965Neue Erkenntnisse zum Rathenau-Mord
Das Attentat auf den Außenminister der Republik Walther Rathenau am 24. Juni 1922 war mitnichten das Werk eines oder weniger Einzeltäter. Vielmehr konnten die Mörder bei ihrer Tat auf die Unterstützung zahlreicher Helfer und Helfershelfer zählen. Wie groß das rechte Netz hinter dem Anschlag tatsächlich gewesen ist, dürfte selbst heute nicht zuverlässig und endgültig geklärt sein. Dass es ein solches gab, war sieben Wochen nach selbigem indes nicht mehr abzustreiten und eine immer größere Zahl an Namen, die es umfasste, bekannt. Über neueste Erkenntnisse informierte seine Leserschaft am 12. August der Berliner Börsen-Courier – und uns Frank Riede.
Ep 964Die Reichsverfassung und die Frauen
Auf dem weiten, bis heute längst nicht abgeschlossenen Weg zu einer Gleichberechtigung der Geschlechter war die Weimarer Verfassung von 1919 zweifellos ein früher Meilenstein. Anlässlich ihres dritten Geburtstages zieht das Berliner Tageblatt vom 11. August 1922 denn auch eine sehr positive Bilanz zum Thema „Die Reichsverfassung und die Frauen“ und verzichtet weitgehend darauf, die vielen noch bestehenden Defizite zu benennen. Über die Autorin Hedwig Keiler-Neuburger ist wenig bekannt. Geboren in Aschaffenburg, lebte sie in den 1920er Jahren wohl in Berlin. 1942 wurde sie ins Baltikum deportiert und dort ermordet. Es liest Paula Leu.
Ep 963Sportfest im Zuchthaus
Pankrác ist ein Stadtteil von Prag, der nach dem heiligen Pankratius benannt ist. Bis heute ist Pankrác aber das Synonym für das dortige berühmt berüchtigte Gefängnis. Seinen schaurigen Ruf bekam es aber vor allem in der Zeit der Okkupation durch Nazi-Deutschland, als Pankrác zum Untersuchungsgefängnis der Gestapo wurde und Heinrich Himmler dort eine Hinrichtungsstätte mit mehreren Guillotinen einrichten ließ. Davon sind wir 1922 noch weit entfernt und finden in der B.Z. am Mittag vom 10. August einen launigen Artikel über Vor- und Nachteile der Körperertüchtigungen, die dort den Häftlingen angeboten würden. Was ist, wenn der Häftling nachher noch schneller läuft als der Polizist? Frank Riede lugt für uns über die Gefängnismauern.
Ep 962Wie hat Kant ausgesehen?
Die Spezialdisziplin mit dem Namen Porträtforschung versucht, sich mithilfe von erhaltenen Büsten, Reliefs, Abbildungen auf Münzen, die sie mit schriftlichen Beschreibungen kombiniert, etwa dem Aussehen des Gaius Julius Ceasar anzunähern. Das Objekt des Interesses muss aber gar nicht vor Tausenden von Jahren gelebt haben. Zwei Jahre vor den Feierlichkeiten zum 200. Geburtstag von Immanuel Kant begann man, alle erreichbaren Bildnisse von ihm zusammenzutragen, um sich ein physisches Bild von ihm zu machen. Und schon bei Kant, 120 Jahre nach dessen Tod, zeigt sich, wie Paula Leu zusammen mit der Berliner Börsen-Zeitung vom 9. August 1922 zu berichten weiß, dass man sich gar nicht so sicher ist, wie er wirklich ausgesehen hat.
Ep 961Die Früchte aus Nachbars Garten
Es gibt Fragen, die seit jeh her das Potential haben, aus friedlichen Nachbarn eine zerstrittene Meute zu machen. Scheinbar kleine Probleme, sie zum ultimativen (und wörtlichen) Zankapfel werden. „Wem stehen die Früchte von Bäumen zu, die über die Grundstücksgrenze reichen?“, ist solch eine Frage. Daher überrascht weder, dass sich die Jurisprudenz ausführlich mit dieser Frage beschäftigt, noch die Service-Leistung des Friedenauer Tageblatts, das am 8. August 1922 einen Abriss über den rechtlichen Stand zu dieser Frage gibt. Frank Riede hält uns auf dem Laufenden.
Ep 960Der deutschen Königin von Schweden zum Geburtstag
Regelmäßige Leser des Goldenen Blattes und Zuschauerinnen des NDR werden es wissen: Die amtierende Königin Silvia von Schweden, geborene Sommerlath aus Heidelberg, ist bei weitem nicht die erste schwedische Monarchin deutscher Abstammung. Zu ihren zahlreichen Vorgängerinnen aus dem ‘Süden‘ zählte u.a. vor einhundert Jahren Viktoria von Baden, Ehefrau des damaligen schwedischen Regenten Gustav V. und Urgroßmutter von Silvias Mann Carl XVI. Gustaf, und auch schon damals war dieser Umstand der hiesigen Presse den einen oder anderen Seitenblick wert. So etwa am 7. August 1922, als die Deutsche Allgemeine Zeitung der Landsfrau im Stockholmer Schloss, die freilich längst getrennt von ihrem Mann die meiste Zeit in Rom lebte, herzlich zum 60. Geburtstag gratulierte. Mitgefeiert für uns hat Paula Leu.
Ep 959Der Luftkrieg der Zukunft
Zu den vielen schrecklichen ‘Erbstücken‘ des Ersten Weltkriegs zählte auch der Luftkrieg. Erstmals in einer großen militärischen Auseinandersetzung waren, neben Zeppelinen, Jagdflugzeuge zu einem wesentlichen Faktor der Kriegsführung geworden, der, heute fast vergessen, zahlreiche auch zivile Opfer bereits damals forderte. Dass dies indes nur der furchtbare Anfang war, ahnten bereits die Zeitgenossen. Der niederländisch-deutsch-amerikanische Flugzeughersteller Anton Herman Gerard Fokker sah als vielleicht erster sehr klar voraus, dass die Kriege der Zukunft im Wesentlichen aus der Luft entschieden würden, und warb, wie wir der Berliner Morgenpost vom 6. August 1922 entnehmen können, an allen Fronten um entsprechende Aufrüstung. Es liest Frank Riede.
Ep 958Moskau liegt in Staaken
Dass Drehort und Handlungsort bei Spielfilmen, auch was große Außenaufnahmen betrifft, nicht immer zusammenfallen, ist eine Binse. Schon lange vor dem Ukrainekrieg beispielsweise drehte man westliche Streifen kaum je in Moskau, sondern wich aus finanziellen und vielfältigen logistischen Gründen bevorzugt nach Berlin aus – der Stalinallee, heute Frankfurter Allee, sei Dank. 1922 gab es diese noch genauso wenig wie ihre Moskauer Vorbilder. Dennoch, erfahren wir aus dem Berliner Börsen-Courier vom 5. August, doubelte die deutsche auch schon damals gelegentlich die russische Metropole, und das in diesem Fall ausgerechnet an ihrem westlichsten Punkt: in Staaken! Für uns vor Ort war Paula Leu.