
Gesundheitspolitische Gespräche
34 episodes
39 | Tristan Vitt
Ep 3838 | Dr. med. Thomas Bandorski
„Eine digitale Praxis ist etwas, wo man mit digitalen Tools als Hilfsmittel eine Patientenjourney abbilden kann“, definiert Dr. Bandorski zu Beginn. Er betont, dass Digitalisierung dabei kein Selbstzweck ist, sondern als Hilfsmittel in die intersektoralen Prozesse eingegliedert sein muss. Besonderen Wert legt er auf den erkennbaren Nutzen für die Patient*innen. Dr. Bandorski betreibt eine digitale Praxis in Etteln, einem kleinen Dorf in der Nähe von Paderborn. Nachdem die Arztpraxis fünf Jahre lang unbesetzt blieb, eröffnete er im September 2025 dort die digitale DIHVA-Praxis Borchen-Etteln. Hier arbeitet eine speziell geschulte Mitarbeiterin, die mit den Patient*innen KI-gestützt einen Anamnesebogen erstellt und die Diagnostik durchführt. Die gewonnenen Informationen werden Dr. Bandorski, niedergelassener Hausarzt in der Praxis Dr. Bandorski + Schäfer, zugestellt. Auf dieser Basis entscheidet er über das weitere Vorgehen. „Ich verlasse mich auf meine Mitarbeiter vor Ort. Das mache ich in der Praxis auch. Ich benutze eine KI. Auch da muss man sich erst mal drauf einlassen. Aber die Rückmeldung der Patienten ist extrem gut“, so der Experte. In diesem Zusammenhang schreibt Dr. Bandorski auch der Delegation an entsprechend qualifizierte Berufsgruppen, beispielsweise Physician Assistant (PA), Entlastende Versorgungsassistenz (EVA) und Nichtärztliche-Praxisassistenz (NäPa), eine besondere Bedeutung zu. „Wir werden die Versorgung allein mit Ärzten nicht sichern können“, so der Facharzt und ergänzt: „Wir müssen Versorgung anders denken“. Die Rolle der Ärztin und des Arztes wird sich seiner Einschätzung nach weiter verändern, indem die Arbeit an den Patient*innen abnimmt und Delegation zunimmt. Wie Dr. Bandorski zum eRezept und zur elektronischen Patientenakte (ePA) steht, wie sich das Modell der digitalen Praxis am Beispiel von Etteln auf die Patient*innen auswirkt und wie wichtig nachhaltige, generationenübergreifende Maßnahmen zur Stärkung der Gesundheitsprävention sind, wird in dieser Folge ebenfalls diskutiert.
Ep 3737 | Dr. med. Andreas Gassen
Die ambulante Versorgung deckt laut Dr. Gassen 97 Prozent der Gesundheitsversorgung in Deutschland ab. Dabei bildet sie lediglich 16 Prozent der jährlichen Ausgaben für Gesundheitsleistungen ab und ist vergleichsweise schlecht finanziert. Gemeinsam mit Dr. Olaf Gaus diskutiert der Vorstandsvorsitzende der KBV Maßnahmen zur nachhaltigen Stärkung der ambulanten Versorgung sowie Einsparpotentiale. „Was die Menschen brauchen, ist eine gewisse Verlässlichkeit, eine belastbare Versorgungssituation“, so Dr. Gassen. Die hausärztliche Praxis ist als Einzelpraxis ein Modell, das weiterhin Zukunft hat. Um neue Niederlassungen insbesondere in ländlichen Gebieten zu fördern, spricht sich der Experte gegen regulatorische Zwänge aus und plädiert für Maßnahmen, die zur Steigerung der Standortattraktivität in den betreffenden Regionen führen. Weiter decken gesetzliche Krankenversicherungen versicherungsfremde Leistungen ab, die laut Dr. Gassen in den Sozialhaushalt gehören. „Der Leistungsumfang ist international unerreicht. Das ist nicht auf Dauer gewährleistet“, erklärt Dr. Gassen. Hier könnten Verantwortlichkeiten geklärt und die Beitragszahler entlastet werden. „Ich bin vehement dafür, dass man mal eine ehrliche Diskussion über die Sozialsysteme und ihre Finanzierbarkeit führt“, so der Vorstandsvorsitzende. Potentiale sieht Dr. Gassen in der Digitalisierung des Gesundheitswesens. Im europäischen Vergleich hängt Deutschland aktuell stark hinterher: Die elektronische Patientenakte (ePA) ist krankenkassenindividuell, wodurch die Akzeptanz in der Bevölkerung gering bleibt. Weniger als vier Prozent der Versicherten nutzen die ePA und auch die Praxisverwaltungssysteme sind nicht optimal auf die ePA eingestellt. Ebenso weisen das eRezept und die Gematik-Server Schwächen auf. Dr. Gassen spricht sich aus für einen Neustart der Digitalisierungsmaßnahmen: Eine bundeseigene, sichere und moderne interoperable Infrastruktur, die den Datenaustausch zwischen allen beteiligten Akteuren wie Praxen, Krankenhäuser, Pflege und Apotheken sicherstellt. Darüber hinaus diskutieren Dr. Olaf Gaus und Dr. med. Andreas Gassen über die Reform der Notfallversorgung sowie die Krankenhausreform und über die Ausweitung von Delegation nicht-ärztlicher Kompetenzen auf andere Professionen und den Fachkräftemangel.
Ep 3636 | Jens Kamieth
„Das System steht massiv unter Druck, und zwar aus unterschiedlichen Richtungen“, erklärt Jens Kamieth MdL und bezieht sich auf den demografischen Wandel sowie die aktuelle wirtschaftliche Lage. Unter diesen Gesichtspunkten stellt sich dem Landtagsabgeordneten die Frage, wie eine qualitativ hochwertige Versorgung insbesondere im ländlichen Raum auch zukünftig sichergestellt werden kann. Jens Kamieth und Dr. Olaf Gaus sprechen über die Stärkung des Gesundheitsbewusstseins in der Bevölkerung, das wiederum einen gesünderen Lebensstil fördere und so zu mehr Lebensqualität verhelfe. So spricht sich Jens Kamieth als Jugendpolitiker dafür aus, dies schon in der Grundschule mitzudenken und durch Lehrpläne ein Bewusstsein für Gesundheitsthemen zu schaffen. Das sei in den Curricula bereits enthalten, müsse aber noch stärker im Unterricht etabliert werden. Neben dem Bildungsaspekt sieht der Abgeordnete auch in Anreizsystemen hohes Potential zur Verbesserung des Gesundheitsverhaltens. Dazu gehören Beitragserstattungen durch Krankenkassen bei Teilnahme an Gesundheitsprogrammen. Solche Angebote müssten nach Einschätzungen des Politikers noch bekannter und weiter ausgebaut werden. Weitere Potentiale zur Stabilisierung des Gesundheitssystems stellen für Jens Kamieth eine effizientere Übermittlung von Patientendaten und die Auflösung von Doppeluntersuchungen dar. Schon auf dem Weg von der Notaufnahme in die eigentliche Fachabteilung entstünden Datenbrüche. „Wir müssen intensiv darüber nachdenken, dass wir versuchen den Ärzten wirklich nur die Arbeit zu lassen, die nur sie machen können und vorgelagerte und nachgelagerte Arbeiten bei Untersuchung, Anamnese oder Medikation in die Ebene der ärztlichen Mitarbeiter zu geben“, ergänzt Kamieth. Auch sei über Bürokratieabbau im Bereich der Gesundheitsversorgung nachzudenken. Weiter diskutieren Jens Kamieth MdL und Dr. Olaf Gaus das Thema Datenschutz und die Diskrepanzen, die sich hier nach Ansicht des Abgeordneten ergeben, sowie über nächste notwendige Schritte aus politischer Sicht, um die Probleme im Gesundheitssystem nachhaltig anzugehen.
Ep 3535 | Nils B. Krog
„Natürlich ist die Gesundheitsversorgung bei uns nicht nur systemrelevant, sondern auch gesellschaftlich enorm relevant“, so Nils B. Krog und erklärt: „Die Lebensqualität ist bei uns sehr eng mit der medizinischen und pflegerischen Versorgung verbunden“. Ressourcenmangel besteht sowohl in ländlichen als auch in städtischen Gebieten. In der Stadt gibt es eine hohe Dichte an Krankenhäusern mit entsprechend vielen Spezialisten. Die Wartezeiten für die Bevölkerung sind aber nicht anders als auf dem Land. Um dem Ressourcenmangel zu begegnen, brauche es eine Zuwanderung von Fachkräften. Es sei hilfreich, wenn diese schon eine Form von Arbeitszulassung erhielten, bis der Prozess der endgültigen Anerkennung der Berufsqualifikation abgeschlossen ist. Um das System weiter zu entlasten, müsse der Abbau der Bürokratisierung massiv angegangen werden, beispielsweise bei der Delegation von Aufgaben. „Wer – in einem medizinisch-pflegerischen Gesamtkontext – darf etwas? Es ist häufig so, dass die erfahrene Krankenschwester oder die erfahrene Arzthelferin viele Sachen perfekt beherrscht“, findet der Vorstandsvorsitzende. Das müsse dem System zugutekommen, indem Kompetenzen durch größeren Handlungsspielraum stärker berücksichtigt werden. Auch im Bereich des Datenschutzes und der Dateneinsicht sieht Nils B. Krog Potenzial. Für die elektronische Patientenakte gibt es zum Beispiel mehrere Anbieter und eine entsprechend heterogene Umsetzungsstruktur. Ein einheitliches System würde weniger Aufwand bedeuten. „Es gibt ja auch nur einen digitalen Personalausweis“, so der Geschäftsführer des Ev. Krankenhauses.
Ep 3434 | Dr. Tobias Silberzahn
„Für mich ist Gesundheit kein Kostenfaktor, sondern ein Investitionsfeld“, betont Dr. Tobias Silberzahn. Aktuell haben wir ein System, in dem wir hauptsächlich für Krankheit zahlen. Die Krankheitskosten belaufen sich auf mehrere 100 Milliarden Euro pro Jahr. Für die Prävention oder digitale Gesundheit sei jedoch kein Geld da. „Wenn man als Land in Gesundheit und in Gesellschaft investiert, dann erreicht man positive Effekte auf die Gesundheit und auf Bruttosozialprodukte et cetera. Man hat mehr gesunde Lebensjahre – etwas, das viele Leute gerne hätten“, so Dr. Silberzahn. Digitale Technologien haben das Potential, menschliches Verhalten positiv zu beeinflussen. Dr. Silberzahn und Dr. Gaus sprechen weiter über die Relevanz von Gesundheitskompetenz in der Bevölkerung. „Gesundheitskompetenz ist meiner Meinung nach in vier Bereichen wichtig: Schlaf, Ernährung, Fitness und Stressmanagement bzw. mentales Wohlbefinden. Das kann gar nicht früh genug beginnen“, erläutert Dr. Silberzahn und führt beispielhaft das Programm Klasse2000 an. Hier werden Grundschulklassen vier Jahre lang von Gesundheitsförderern begleitet. Die positiven Effekte sind auch Jahre nach dem Programm noch nachweisbar. Dr. Silberzahn betreut derzeit selbst eine erste Klasse in Berlin. Weiter gehen die Gesprächspartner ein auf Self Care Prozesse und Anreize, diese zu fördern. Sie sprechen über die Notwendigkeit eines digital unterstützten Gesundheitssystems, das in der Lage ist, die beiden Säulen ‚digital unterstützte Prävention‘ und ‚digital unterstütztes Disease Management‘ zu tragen. Das Digital Health Village in Finnland zeigt bereits, wie digitale Patientenpfade umgesetzt werden können – eine Initiative, die sich Dr. Silberzahn auch für Deutschland wünscht.
Ep 4133 | Dr. med. Erik Becker
„Festhalten an alten Strukturen, die es immer schon gab – ich glaube, das ist nicht mehr zeitgemäß. Wir werden alle digitaler, das Leben wird schneller, der Informationsfluss nimmt zu. Dem müssen wir uns stellen“, so Dr. Becker. Die Delegation von Praxisaufgaben sei das, was wirklich entlaste, allen voran die medizinischen Fachanstellten mit Weiterbildung zur VERAH (Versorgungsassistenz in der Hausarztpraxis). „Die Einzelpraxis ist ein Konstrukt der Vergangenheit, das ist nicht die Zukunft. Die Zukunft ist, dass man miteinander arbeitet. Ich wäre nie in eine Einzelpraxis gegangen“, betont der Arzt. Die Möglichkeit des Quereinstiegs für Fachärzt*innen in den Beruf der Allgemeinmedizin sorgt dafür, dass verschiedene medizinische Spezialgebiete in einer Gemeinschaftspraxis zusammenlaufen. Davon profitieren sowohl die Ärzt*innen als auch die Patient*innen. Im Hinblick auf den demografischen Wandel und die Zunahme von Co- und Multimorbidität ergänzt Dr. Becker: „Wenn ich das System weiterführe wie jetzt, dann gibt es nur eine Lösung: Dann brauche ich mehr Ärzte. Die kriege ich aber nicht, zumindest nicht schnell. Das heißt, ich muss gucken, dass ich die Arbeit, die da ist und die mehr werden wird, effizienter abarbeiten kann“. Neben Weiterbildungsmöglichkeiten und einer breiteren Aufstellung des Praxisteams sieht der Arzt gerade bei Pflegediensten, die regelmäßig bei Patient*innen vor Ort sind, Potenzial zur Entlastung. Aktuell sei der Pflegesektor, der viele medizinische Daten erhebt, nicht gut mit den niedergelassenen Ärzt*innen verknüpft. Darüber hinaus sprechen Dr. Olaf Gaus und Dr. Erik Becker über den ‚Masterplan‘, den die Landesregierung Rheinland-Pfalz und Akteure des Gesundheitswesens zur flächendeckenden ambulanten ärztlichen Versorgung aufgelegt haben, über die Krankenhausreform sowie die Relevanz der beiden Krankenhäuser in Kirchen und Hachenburg.
Ep 3232 | Prof. Wolfgang Holzgreve [Spezial]
Themen des Gesprächs sind Klinik-Routinen und die fortschreitende Transformation des Gesundheitswesens durch digitale Lösungen, die Krankenhausreform und die Ambulantisierung. „Es geht am Ende immer um Patienten“, so Prof. Wolfgang Holzgreve. Die Corona-Pandemie habe gezeigt, wie wichtig belastbare Strukturen sind und gleichzeitig verdeutlicht, wo es Veränderungsbedarf gibt. Er sieht optimale Qualität in der Gesundheitsversorgung unter anderem gewährleistet durch eine enge Zusammenarbeit zwischen Kliniken und der Forschung, insbesondere im Bereich der Informatik, sowie der Industrie. Zudem betrachtet er klar definierte Klinikabläufe als entscheidendes Kriterium im Hinblick auf die Zufriedenheit von Patient*innen und den ökonomischen Erfolg von Kliniken. „Da gibt es kein besseres Instrument als die Digitalisierung“, betont Prof. Holzgreve und führt beispielhaft das Projekt ‚Innovative Secure Medical Campus‘ des Universitätsklinikums Bonn an. Dieses widmet sich der Verbesserung von Abläufen entlang der gesamten ‚Patient Journey‘ – von der Anmeldung bis zur Entlassung der Patient*innen, inklusive des herausfordernden Übergangs in die Nachbetreuung. In den Bereichen, in denen die elektronische Datenführung in Kliniken bereits Routine sei, könne sich das keiner mehr wegdenken, glaubt Prof. Holzgreve: „Aber wir müssen eben den Druck aufrechterhalten, dass diese Systeme auch immer anwendungsfreundlicher werden.“ Darüber hinaus diskutiert Dr. Olaf Gaus mit Prof. Wolfgang Holzgreve die Chancen und Herausforderungen der Krankenhausreform und die Ambulantisierung der gesundheitlichen Versorgungsleistungen sowie die dadurch notwendige Anpassung von Vergütungsstrukturen. Außerdem unterhalten sich die Gesprächspartner über die Innovationskultur im Kontext der Gesundheitsversorgung und die Rolle der Patient*innen, die nicht zuletzt auch als Kund*innen verstanden werden können. „Je besser und kundenfreundlicher die Abläufe sind, desto mehr kann man die menschliche Betreuung fördern, um die es uns ja geht“, sagt Prof. Holzgreve abschließend.
Ep 4231 | Florian Müller
„Im ländlichen Raum ist es ein bisschen fordernder, eine wohnortnahe, gute und sichere Gesundheitsversorgung zu organisieren“, stellt der Bundestagsabgeordnete dem urbanen Raum gegenüber und ergänzt: „Wir [als Staat] wollen ein lebenswertes Umfeld im ländlichen Raum organisieren. Das beginnt bei unterschiedlichen Standortfaktoren – die Gesundheitsversorgung ist dabei ein ganz wichtiger“. Ein attraktiver Standort ist nicht zuletzt auch für die Gewinnung von Fachkräften und damit für die wirtschaftliche Leistungsfähigkeit und das Entwicklungspotenzial der Unternehmen in Südwestfalen entscheidend. Als ordentliches Mitglied im Verkehrsausschuss des Deutschen Bundestages betont Florian Müller im Hinblick auf Lösungen zur Steigerung der Mobilität in der Gesundheitsversorgung: „Ich glaube, dass intelligente Verkehrskonzepte einen hohen Beitrag leisten können“. Er hält es weiter für richtig, einen guten Zugang zur Gesundheitsversorgung auch durch digitale Maßnahmen zu gewährleisten und führt als Beispiel dafür digitale Facharztzentren an. Ebenso könne die ambulante Pflege, im Sinne eines ganzheitlichen Konzepts, von Digitalisierungsmaßnahmen profitieren.
Ep 3030 | David Löher
„Es lässt einen manchmal verzweifeln, wenn man weiß, dass wir in Unternehmen Lösungen und Produkte haben, die morgen sofort Nutzen stiften können, die wir aber nicht sofort einsetzen können“, sagt David Löher und bezieht sich dabei auf Hürden aufgrund politischer, gesetzlicher, institutioneller als auch unternehmerischer Strukturen. „Wenn man uns in zehn Jahren fragt, ‚Habt ihr das damals nicht gesehen?‘, dann müssen wir doch selbstkritisch sagen, ‚Natürlich wussten wir das; wir wussten, dass wir diese Defizite haben‘“, führt der Geschäftsführer weiter aus. Er betont, dass die Umsetzung von Innovationen aktiv angegangen werden muss. Seiner Einschätzung nach sei dies eine Frage des Mindsets. So herrsche in anderen Ländern bspw. eine andere Art von Pragmatismus, wenn es darum geht innovative Lösungen in die Anwendung zu bringen. Es könne helfen, sich an den Best Practices aus anderen Ländern zu orientieren. Im Hinblick auf den Wissenschafts- und Technologietransfer beschreibt David Löher einen wechselseitigen Nutzen zwischen Wissenschaft und Industrie. „Wenn es jemandem gelungen ist einen Prozess in einem Fertigungsbetrieb papierlos zu machen, dort papierlos zu dokumentieren, wieso sollen wir diese Best Practices nicht eins-zu-eins versuchen zu übertragen in das Gesundheitswesen“, bringt der Geschäftsführer beispielhaft an. Neben der universitären Transferleistung können genauso unternehmerische Lösungen aus anderen Branchen überführt werden in das Gesundheitswesen. Außerdem sprechen Dr. Olaf Gaus und David Löher über Technikakzeptanz und relevante Faktoren, die die universitären Bildungswege im Gesundheitswesen betreffen.
Ep 4429 | Dr. Jens Jacobs
Im Dreiländereck gibt es Schwierigkeiten in der Wiederbesetzung von Arztpraxen, sodass Menschen aus dem Umland nach Siegen pendeln müssen zur Aufrechterhaltung ihrer eigenen Gesundheitsversorgung. Die Universität Siegen kann den Prozess unterstützen, diese Herausforderungen für die Menschen in der Region zu lösen. Jungen Menschen soll unternehmerisches Denken und Handeln nähergebracht werden, um Bedarfe für neue Produkte und Dienstleistungen zu erkennen. „Wir wollen Ideen in eine unternehmerische Nachhaltigkeit bringen“, erklärt Dr. Jacobs im Hinblick auf die Relevanz eines durchdachten Geschäftsmodells, auch über die Herausforderungen in der Gesundheitsversorgung hinaus. Es sei sinnvoll, den Wissenschafts- und Techniktransfer an Universitäten frühzeitig mitzudenken. So könne bereits in der Lehre relevantes Wissen vermittelt werden, um für eine spätere Gründung zu sensibilisieren – als einer von mehreren möglichen Transferwegen: „Es ist immer wertvoll, wenn jemand, der tief in der Forschung steckt, die Ergebnisse auch in die Gesellschaft transferieren kann“, ergänzt der Leiter der zentralen Transferstelle. Darüber hinaus diskutieren Dr. Jens Jacobs und Dr. Olaf Gaus über die Innovationskraft in Deutschland und die Rolle der Universität als Impulsgeber für Investitionen sowie über Gründe für rückläufige Potenziale in der Gesundheitsversorgung.
Ep 4528 | Martina Thelen
Die Gesundheitswirtschaft ist ein wesentlicher Wirtschaftszweig in Deutschland. „Mehr als jeder sechste Erwerbstätige ist in der Gesundheitswirtschaft tätig. Die Bruttowertschöpfung liegt bei über 400 Milliarden“, so Thelen. Um die Gesundheitsversorgung auch zukunftsfähig zu gestalten, bedürfe es einer größeren Förderung für die Realisierung von zunächst regionalen Versorgungsprojekten. Speziell im Ausbau der Digitalisierung sieht sie großes Potential: „Man ist gut beraten, wenn man erstmal vor Ort mit den Gesundheitswirtschaftsakteuren und den jeweiligen Einrichtungen zusammenarbeitet. Es muss intersektoral und interdisziplinär gearbeitet werden und Digitalisierung kann da eine großartige Unterstützung sein.“ Neben der medizinischen Versorgung sieht Frau Thelen speziell im Bereich der Pflege dringenden Handlungsbedarf, der vielmehr gesamtgesellschaftlich betrachtet werden müsse. Pflegende Angehörige benötigen Unterstützung, damit Pflegebedürftige so lange wie möglich zuhause versorgt werden können. Das ist insbesondere aufgrund des demografischen Wandels wichtig. Neben der Ausbildung neuer Berufsbilder wie dem Studiengang Physician Assistant (PA), die den modernen Anforderungen gerecht werden, gelte es die Prävention und Gesundheitsförderung mehr in den Fokus zu rücken und stärker in das Gesundheitssystem zu integrieren. „Wir sehen, dass präventive Maßnahmen auch im hohen Alter einen positiven Effekt haben“, so Thelen, die insbesondere auf gesundheitswirtschaftliche Effekte hinweist.
Ep 4627 | Prof. Dr. Ingo Froböse
„Wir haben kein Gesundheitssystem, sondern ein Krankheitssystem“, betont Prof. Dr. Froböse. Er erwartet für die kommenden Jahre eine deutliche Verschärfung der aktuellen Gesundheitslage. Es sei davon auszugehen, dass das Gesundheitssystem im Jahr 2030 die Kosten für die Sozialausgaben der Rentenversicherung übersteigen werde. Um dem entgegenzuwirken, sieht der Hochschulprofessor besonderes Potential in der Förderung gesundheitlicher Prävention. Aktuell sei das System fachlich und finanziell vor allem auf den Bereich der Diagnostik ausgerichtet. „Wir haben keine institutionelle Verankerung in unserer Gesellschaft, was Prävention betrifft“, so Froböse, der Gesundheit als interdisziplinäre Aufgabe betrachtet. Beispielsweise sei die Vernetzung verschiedener Organisationen in der Kommune wichtig, um eine Angebotsstruktur zu schaffen, die nach individuellem Bedarf bedient werden könne. Dabei sei es wichtig, die Bevölkerung in ihren gesundheitlichen Kompetenzen zu stärken, hin zu mehr Verantwortung für die eigene Gesundheit und Lebensqualität. Weiter bringt Prof. Dr. Froböse Vorschläge ein, diesen Herausforderungen zu begegnen und spricht u. a. über die Notwendigkeit von Präventionsforschung und die Rolle der Wissenschaftskommunikation. Er geht auf Lebensstilerkrankungen ein und rät dazu, schon im Kindesalter präventiv vorzubeugen. Auch sei im Bereich der Pflege Potential vorhanden, das zum Beispiel in der Förderung der Ressourcen der Senioren bestünde, wenn der Fokus vermehrt auf der Rehabilitation läge. Nicht zuletzt sieht er Maßnahmen für das Thema Prävention auf ministerieller Ebene und spricht sich dafür aus, dass Sektorendenken im Gesundheitswesen aufzubrechen. „Wenn wir unsere Gesellschaft für die Zukunft planen – und nur eine leistungsfähige aktive Gesellschaft ist eine gesunde Gesellschaft – brauchen wir ein neues Denken“, so Froböse.
Ep 4726 | Dr. med. Phillipp Kurtz
“Wir haben mit dem TIM eine Lösung geschaffen, die erstmalig einen Rahmen schafft für ganzheitliche Kommunikation“, erläutert Dr. med. Phillipp Kurtz. Multimediales Kommunizieren mittels Bildern, Text, Sprache, Dokumenten oder Videos sei zwischen allen Beteiligten möglich. Neben Mediziner*innen, Pflegefachpersonen und Therapeut*innen sollen auch Patient*innen den TIM nutzen können. Der Messenger der Famedly GmbH ist bereits erhältlich und wird derzeit beispielsweise im Pilotprojekt TIMO TI-Modellregion Hamburg & Umland verwendet. Weitere TI-Messenger von anderen Anbietern werden folgen. Dr. Kurtz erklärt im Interview, dass unterschiedliche Messenger gemäß den Vorgaben der gematik GmbH untereinander interoperabel sein werden. „TIM und ePA gehören untrennbar zusammen“, so der Mediziner. Während in der ePA insbesondere strukturierte Daten abgelegt würden, seien über den TIM schnelle Abklärungen unter den Beteiligten möglich. Des Weiteren wird im Gespräch erörtert, welche Vorteile sich durch die dezentrale Technologie ergeben, wie Nachrichten die richtigen Adressaten finden, welche Rolle das Matrixprotokoll der gematik GmbH spielt und warum zukünftig auch Chatbots in den TIM integriert werden sollten.
Ep 2525 | Andrea Schmidt-Rumposch
Mit Bezug auf das neu erschienene Fachbuch „Human Hospital“, das Frau Schmidt-Rumposch zusammen mit Prof. Dr. med. Jochen A. Werner herausgegeben hat, beschreibt die Pflegedirektorin die Wichtigkeit der Zusammenarbeit von Medizin und Pflege: „Die gelungenste Operation wird nichtig, wenn die Nachsorge nicht funktioniert“. Vor dem Hintergrund der höher werdenden Zahl zu pflegender Menschen sieht Andrea Schmidt-Rumposch die Notwendigkeit, Pflegefachpersonen mithilfe der Digitalisierung insbesondere im Bereich der Administration zu entlasten. Dies führe zu mehr Pflegezeit für die Patient*innen, mehr Arbeitszufriedenheit bei den Fachkräften und somit zu höherer Personalbindung. Angesichts der aktuellen Versorgungslücken hebt Andrea Schmidt-Rumposch die Relevanz der Implementierung von Ambulanzzentren, der Umsetzung der Krankenhausreform und der Prävention hervor. „Wir brauchen in jedem Fall eine Erhöhung des Effizienzgrades in der Behandlung“, sagt auch Dr. Olaf Gaus. Darüber hinaus erläutert Frau Schmidt-Rumposch anhand von konkreten Beispielen aus dem Universitätsklinikum Essen, welche Entwicklungsfortschritte im Bereich der klinischen Pflege bereits gemacht wurden. Hierbei geht sie u. a. auf die Ausbildung von ePA-Trainer*innen, die Erstellung von Bewegungsprofilen durch Sensorik an Patient*innenbetten, die Rolle der KI bei der Erkennung von Wundarten und die Entwicklung einer App für Chemotherapie-Patient*innen ein.
Ep 2424 | Dr. med. Thorsten Hornung
Vor dem Hintergrund des Wandels im Gesundheitssystem und der auf den Weg gebrachten Krankenhausreform sind insbesondere auf dem Land immer mehr Versorgungsengpässe zu erwarten. „Wir müssen Prozesse so effizient machen, dass wir in Zukunft die Versorgung gewährleisten können“, so der Appell von Dr. med. Thorsten Hornung im Hinblick darauf, dass ärztliches Fachpersonal derzeit ein Drittel der Arbeitszeit mit Bürokratie statt mit Patient*innengesprächen verbringt. Im Kontext der zunehmenden ambulanten Versorgung schreibt Dr. Olaf Gaus Netzwerkfunktionen eine enorme Bedeutung zu und spricht von einer „Verschränkung von Technik und Ambulantisierung“. Auch Dr. med. Thorsten Hornung erachtet Netzwerke – z. B. zwischen Krankenhäusern und Praxen – und das Vitaldatenmonitoring als besonders wichtig. Er erläutert seine Aussagen im Interview anhand von verschiedenen Beispielen aus medizinischen Abteilungen des UKB, aber auch aus dem Westerwald, den USA und Großbritannien. Dr. med. Thorsten Hornung wünscht sich, dass bis Ende des Jahres ein Konsens gefunden wird, um das Krankenhaussystem in NRW neu zu gestalten. „Wir haben Werkzeuge, mit denen wir Medizin neu denken und aufbauen können“, so das Fazit des Mediziners.
Ep 2323 | Prof. Josef Hecken
Dr. Olaf Gaus und Prof. Josef Hecken diskutieren gemeinsam über Lösungen für den absehbaren Mangel an Haus- und Fachärzt*innen in Deutschland. Mittlerweile sei allen klar, dass insbesondere in ländlichen Regionen nicht genügend Allgemeinmediziner*innen bereit seien, sich dort niederzulassen. „Für die Grundversorgung […] müssen wir dann auch bereit sein, auf dem Land mehr Geld in die Hand zu nehmen“, argumentiert Prof. Hecken. Im Gespräch wird ebenfalls erörtert, wie der Experte die vom Bundesgesundheitsminister angestoßene Krankenhausreform einschätzt und welche weiteren strukturellen Veränderungen aus seiner Sicht umgesetzt werden sollten. Angesichts der Kostenexplosion im Gesundheitswesen durch den demografischen Wandel sowie den zeitgleich rasanten medizinisch-technischen Fortschritt stellt Prof. Hecken die wichtige Rolle des Gemeinsamen Bundesausschusses als Akteur in der deutschen Gesundheitspolitik heraus. Beim G-BA gehe es nicht darum, politischen Begehrlichkeiten gerecht zu werden, sondern um einen verantwortungsbewussten Umgang mit den Geldern der Beitrags- und Steuerzahler*innen. Gemäß der beiden Leitprinzipien – dem Qualitäts- und dem Wirtschaftlichkeitsgebot – treffe der G-BA seine Entscheidungen streng nach Kriterien der evidenzbasierten Medizin. Er plädiert in Hinblick auf die steigenden Gesundheitsausgaben dafür, die aktuellen Strukturen des Gesundheitssystems schnellstmöglich zu optimieren: "Wir geben 12% unseres Bruttoinlandprodukts für Gesundheit aus. Dieser Kuchen ist mittlerweile so groß, dass man nicht davon ausgehen kann, dass er beliebig wachsen wird. Vor diesem Hintergrund ist die Effizienzsteigerung für mich das absolute Credo, das wir in den nächsten Jahren nachhaltig betreiben müssen." Insbesondere die Digitalisierung im Gesundheitswesen sowie die Ambulantisierung von Versorgungsleistungen müssten konsequent weiter vorangetrieben werden, um eine stärkere Verzahnung der beiden Sektoren zu ermöglichen, so der Experte.
Ep 2222 | Dr. Christian Weber
„KI bildet die Kognitivität des Menschen ab und ergänzt sie“, erläutert Dr. Christian Weber zu Beginn des Interviews. Für die Medizin bestehe der Nutzen von KI darin, dass Algorithmen Muster selbständig erkennen und Hinweise auf Krankheitsbilder liefern können. „Je mehr Daten wir haben, desto mehr können auch seltene Muster erkannt werden“, so Weber. Auf Dr. Olaf Gaus‘ Frage, ob eine effiziente Zusammenführung medizinischer Daten auf europäischer Ebene notwendig sei, um aus einer sehr großen Datenmenge (‚Big Data‘) eine qualitativ hochwertige Datenauswertung erzeugen zu können, erklärt Dr. Christian Weber, dass mit ‚Gaia-X Health‘ bereits in diese Richtung gegangen wurde. Dieser Ansatz sei jedoch aufgrund eines zentralen Datenreservoirs sehr anfällig für Datengefährdung. Daher seien verteilte Datenstandorte und ‚mobile KI-Algorithmen‘ vorteilhafter. Des Weiteren wird im DMGD-Talk thematisiert, in welcher Form KI bei prädiktiver Diagnostik unterstützen kann und welche Rolle der ‚Digitale Zwilling‘ dabei spielt. Auch werden die Zusammenhänge von elektronischer Patient*innenakte (ePA) und derzeit von Krankenkassen angebotenen Apps betrachtet. Dr. Christian Weber sieht die Zukunft darin, dass industrielle Systeme mit den auf höherem Standard gesicherten medizinischen Systemen zusammenwachsen.
Ep 4021 | Dr. Christian Temath
Vor dem Hintergrund des Ressourcenrückgangs in der gesundheitlichen Versorgung sieht Dr. Christian Temath Chancen und Mehrwert für Patient*innen durch das Zusammenbringen von Daten mit der menschlichen Intelligenz der Mediziner*innen. Von der Mensch-Maschine-Schnittstelle in den 1990er Jahren bis zu ChatGPT heute habe eine rasante Entwicklung stattgefunden, so Temath. Im medizinischen Bereich sei daher vor allem die Akzeptanz der neuen Technologien Voraussetzung für eine erfolgreiche Nutzung. Mit Bezug auf das Vitaldatenmonitoring beschreibt Dr. Olaf Gaus den Einbezug von KI in die Datenauswertung als „sehr nutzbringend und als möglichen zukünftigen Grundpfeiler der intersektoralen Gesundheitsversorgung.“ Dr. Christian Temath ergänzt, dass KI-Modelle auf entsprechende Datensätze trainiert werden müssen, damit sie gut funktionieren. In diesem Zusammenhang verweist er auf das Gesundheitsdatennutzungsgesetz (GDNG), mit dem die rechtlichen Rahmenbedingungen für die Zurverfügungstellung von großen Datenmengen über Krankheitshistorien geschaffen wird. Während in einzelnen Bereichen der Patient*innenreise bereits heute KI-Verfahren eingesetzt werden, fehlen für eine umfassende Nutzung im medizinischen Bereich derzeit noch Dateninfrastrukturen, Regularien und KI-Algorithmen. Inwiefern Datenmedizin und Digitale Praxis eine Bereicherung für Mediziner*innen und Patient*innen darstellen können, wird im DMGD-Talk weiter erörtert. „Wir wollen durch Technologie den Menschen wieder mehr in den Mittelpunkt einer vertrauenswürdigen, KI-gestützten Medizin bringen“, so Temath.
Ep 3920 | Prof. Dr. rer. nat. Rainer Brück [Spezial]
Prof. Rainer Brück war Inhaber der Professur für Medizinische Informatik und Mikrosystementwurf an der Universität Siegen und ist seit März 2024 im Ruhestand. Er hat maßgeblich zum Erfolg der Lebenswissenschaftlichen Fakultät (LWF) und zur Entwicklung der Datenmedizin beigetragen. Die Begrifflichkeiten „Medizinische Informatik und Mikrosystementwurf“ bezeichnet Prof. Brück als seinen „wissenschaftlichen Werdegang in a nutshell“, als zu Beginn des Interviews seine berufliche Entwicklung genauer betrachtet wird. Auch wird die Entstehung der medizinischen Informatik und Medizintechnik an der Universität Siegen erläutert. Im Rahmen der Frage „Was können Daten innerhalb der Medizin besser machen?“ erklärt Dr. Olaf Gaus, dass das Ziel darin bestehe, insbesondere im ländlichen Raum herauszufinden, wie eine Datenmedizin intersektoral eingesetzt werden kann. „Die Nutzung von Daten ist mehr als die ePA“, ergänzt Prof. Rainer Brück. Man benötige die Informatik in Ergänzung zum Mikrosystementwurf, um eine Korrelation zwischen Vitalparametern auf der einen Seite und Krankheiten auf der anderen Seite festzustellen. Hierbei käme die KI als algorithmische Technik ins Spiel. Durch eine Kombination von datengetriebenen Techniken und wissensbasierten KI-Systemen seien detaillierte Datenanalysen möglich. Es existiere noch Forschungsbedarf hinsichtlich der Datenauswertung durch KI, um das geplante Versorgungsmodell einer Digitalen Praxis umzusetzen, jedoch sei man auf einem guten Weg dorthin, berichtet der emeritierte Professor.
Ep 1919 | Lars Rettstadt
„Die Hausarztpraxis ist kein Auslaufmodell“, beschreibt Lars Rettstadt und betont die Attraktivität und Vielfalt einer Tätigkeit als Allgemeinmediziner*in. Jedoch sei die ambulante, wohnortnahe Versorgung häufig gefährdet und vor allem die Praxen in ländlichen Gebieten seien an der Grenze ihrer Leistungsfähigkeit. Um dem entgegenzuwirken, müssten sich die Strukturen ändern. Insbesondere die Patientensteuerung, z. B. durch Hausarztverträge, sei für das Gesundheitssystem und die Kostenträger von großer Wichtigkeit. Auch mögliche Erleichterungen durch die fortschreitende Digitalisierung hebt Lars Rettstadt im Interview hervor. In seiner Praxis gibt es z. B. eine Patient*innen-App mit Chatfunktion. Über diese App können die Patient*innen nicht nur Kontakt zur Praxis aufnehmen, sondern auch ihre Krankenakte einsehen, Rezepte bestellen oder Blutdruckwerte übermitteln. Des Weiteren wird im DMGD-Talk darüber gesprochen, dass Mittel zur Förderung der Weiterentwicklung von hausärztlichen Praxen benötigt werden. Auch wird thematisiert, welche Bereiche in den Praxen sich bereits verändert haben oder zukünftig einem Wandel unterliegen werden.
Ep 1818 | Arndt G. Kirchhoff
„Die Unternehmer sehen mit Sorge die Kostenexplosion im Gesundheitswesen und dass das System nicht leistungsfähig genug ist.“ So beschreibt Arndt G. Kirchhoff im Gespräch die aktuelle Situation. Durch die digitale Medizin könnten die Kosten reduziert und die Versorgung der Patient*innen wesentlich verbessert werden. Für die Arbeitgeber sei es besonders wichtig, ihre Belegschaften gesundheitlich gut betreut zu wissen, da die Gesundheitsversorgung in der Region einen bedeutenden Standortfaktor für die Unternehmen darstellt. „Die Politik ist zu langsam. Die Zeit der Transformation und der Digitalisierung läuft schneller“, so Arndt G. Kirchhoff. Er beschreibt, warum die Politik bundesweit geltende Standards sowie Vorgaben mit Anreizen für Ärzt*innen und Patient*innen im Bereich der Digitalisierung setzen sollte. Des Weiteren erläutert er im DMGD-Talk, warum er Projekte wie Telemed@ATN sehr sinnvoll findet, warum das Vitaldatenmonitoring insbesondere im Bereich der Prävention von Bedeutung ist und wie mit sensiblen Gesundheitsdaten umgegangen werden sollte.
Ep 3817 | Thomas Müller
„Wir haben ein sehr gutes und stabiles Gesundheitssystem in Deutschland, das sehr patientenorientiert ist“, so Thomas Müller. Jedoch sei es aufgrund der steigenden Zahl von Versorgungsengpässen, die insbesondere in ländlichen Regionen auftreten, die Aufgabe der KVWL, die nötigen Rahmenbedingungen zu schaffen, unter denen junge Ärzt*innen bereit sind, sich in einer Praxis niederzulassen. Vor dem Hintergrund der von einigen Krankenhäusern geforderten Ambulantisierung beschreibt der Betriebswirt, dass die ‚Patientensteuerung‘ in Form von Aufklärung eine langfristige Aufgabe sei. Viele Patient*innen wüssten nicht, in welchen Fällen sie eine*n niedergelassene*n Mediziner*in, eine Notfallpraxis oder ein Krankenhaus aufsuchen sollten. „Die Digitalisierung kann ein Weg sein, die Versorgung zu optimieren und Zeit für den Arzt zu schaffen“, sagt Thomas Müller und führt die elektronische Anamnese, das Vitaldatenmonitoring, die Delegation von Aufgaben an nichtärztliche Fachpersonen sowie die Ausbildung von Digitalmanager*innen als positive Beispiele an. Dr. Olaf Gaus hebt in diesem Zusammenhang die Ausstellung ‚dipraxis‘ (Die digitale Praxis der KVWL) hervor, in der Mediziner*innen neue digitale Anwendungen kennenlernen und testen können. Des Weiteren wird im DMGD-Talk erörtert, warum die Krankenhausreform eine große Herausforderung darstellt, wie die Kommunikation zwischen stationären und ambulanten Einrichtungen verbessert werden kann und warum die Trennung der Sozialgesetzbücher für den pflegerischen und medizinischen Bereich keine optimale Lösung darstellt.
Ep 1616 | Dr. Jochen Pimpertz
„Das Gros der Bevölkerung ist in einer Kranken- und Pflegeversicherung abgesichert, die nach dem Solidaritätsprinzip organisiert ist“, so Dr. Jochen Pimpertz zu Beginn des Interviews. Ob deswegen weite Teile der medizinischen und pflegerischen Versorgung nach marktfernen oder marktüblichen Regeln organisiert werden sollten, sei die entscheidende Frage. Aus ökonomischer Sicht positioniert sich Dr. Pimpertz klar: „Dort, wo es knapp ist, sollte der Preis steigen.“ Sowohl Kranken- als auch Pflegeversicherung könnten solidarisch organisiert sein, aber man müsse deswegen nicht jeden Preismechanismus bei den Versorgern ausklammern. Im Hinblick auf die zunehmende Überforderung unseres Gesundheitssystems durch eine alternde Gesellschaft spricht Dr. Olaf Gaus die Möglichkeit an, mit digitalen Methoden fehlende Versorgungsressourcen im ärztlichen Bereich und in der Pflege zu ersetzen. Dr. Jochen Pimpertz sieht die Digitalisierung mit Bezug auf die Verfügbarkeit von Patient*innendaten, die Organisation von Abläufen sowie im Rahmen von assistierenden Systemen als wichtig an. Sowohl in der Stadt als auch auf dem Land seien Digitalisierungsansätze sinnvoll, sofern sie zu vertretbaren Kosten und einem Nettonutzen führen würden. „Das Interesse an der Digitalisierung besteht, es wird nur nicht angereizt“, ergänzt Dr. Jochen Pimpertz. Inwiefern marktübliche Regeln im Gesundheitswesen die Digitalisierung vorantreiben und für eine Aufrechterhaltung der hausärztlichen Versorgung in ländlichen Regionen sorgen könnten, wird im DMGD-Talk weiter erörtert.
Ep 1515 | Prof. Dr. med. Jürgen Windeler
„Wie kann Digitalisierung in der gesundheitlichen Versorgung sinnvoll eine Rolle spielen?“ Mit dieser Frage steigt Dr. Gaus in das Interview mit Prof. Windeler ein und fügt konkret hinzu: „Können wir die Digitalisierung nutzen, um wirtschaftliche Fragen, Betreuungs- und Kostenfragen zu lösen?“ Prof. Windeler zeigt sich skeptisch hinsichtlich der hohen Erwartungshaltung an die Digitalisierung in diesem Bereich. Es sei wichtig, über einzelne Anwendungsbereiche der Digitalisierung zu sprechen und sie nicht als Lösung für alle Probleme zu sehen. „Kommunikationsprobleme sind nicht nur ein Digitalisierungsmangel, sondern sie haben andere Ursachen“, beschreibt Prof. Windeler. Diese müssten zunächst erkannt und beseitigt werden, so dass Digitalisierungsmaßnahmen vorteilhaft eingesetzt werden könnten. Gleichermaßen müssten Strukturprobleme, beispielsweise in der Krankenhausplanung, erst identifiziert, definiert und bewältigt werden. „Es spricht nichts gegen Digitalisierung in Unterstützung guter Strukturen, die man geschaffen hat“, so Prof. Windeler. Auch werden die steigenden Versorgungsengpässe durch die sinkende Zahl an Ärzt*innen im ländlichen Raum im DMGD-Talk thematisiert. „Strukturelle Defizite überlagern sich“, beschreibt Dr. Gaus und ergänzt, dass es auf der einen Seite per se zu wenig Mediziner*innen gibt, während es auf der anderen Seite vor allem viele der jüngeren Mediziner*innen vorziehen, sowohl in urbanen Räumen als auch in angestellter Position und nicht als Unternehmer*innen mit eigener Praxis zu arbeiten. Prof. Windeler erklärt, zugrunde liegende Schwierigkeiten würden im strukturellen Bereich auf Bundesebene nicht gelöst, sondern gepflegt. Daher müsse auf lokaler Ebene gehandelt werden. „Die Digitalisierung allein wird keinen Arzt aufs Land bringen“, so Prof. Windeler. Er fügt hinzu, dass beispielsweise die Delegation von Aufgaben im Rahmen guter, digitaler Kooperationen zwischen Ärzt*innen und Personen mit nichtärztlichen Gesundheitsberufen wie Ergo- oder Psychotherapeut*innen entgegenwirken könnte.
Ep 1414 | Dr. Peter Liese
Im Hinblick auf die Herausforderung, die medizinische Versorgung zukünftig sicherzustellen, beschreibt Dr. med. Peter Liese die Digitalisierung als „große Chance für den ländlichen Raum“ und als „Schlüssel für die Lösung des Problems des Ärztemangels“. Er beurteilt die Projekte der DMGD sehr positiv, hebt den Vorteil der Zeitersparnis durch digitale Ansätze hervor und ergänzt: „Es ist absolut notwendig, dass wir das hier in der Region machen.“ Auch auf europäischer Ebene nehme die Gesundheitspolitik einen immer größeren Raum ein. Beim Thema ‚Datenschutz‘ erläutert Dr. med. Peter Liese die Rolle eines ‚Europäischen Gesundheitsdatenraumes‘. Dieser solle gemeinsame Standards schaffen, um einerseits Datenschutz zu gewährleisten und andererseits Barrieren durch Datenschutz zu vermeiden. Auch spricht der EU-Abgeordnete, der es schätzt, dass die Arbeit im Europaparlament über Fraktionsgrenzen hinweg geschieht, über die Vorteile der elektronischen Patientenakte (ePA), die Versorgung mit Arzneimitteln und über Fördermöglichkeiten der EU für Projekte wie die der DMGD.
Ep 1313 | Matthias Heidmeier
Matthias Heidmeier sieht vor dem Hintergrund des Fachkräftemangels im Bereich von Gesundheit und Pflege – insbesondere im ländlichen Raum – dringenden Handlungsbedarf. „Im Kern geht es darum, die Region so zu vernetzen, dass jeder Patient die beste Versorgung bekommt“, so der Staatssekretär. Er zeigt sich noch nicht zufrieden mit dem aktuellen Grad der Digitalisierung, sieht aber Fortschritte und geht im Gespräch mit Dr. Olaf Gaus u. a. auf das ‚Virtuelle Krankenhaus‘ als Best-Practice-Beispiel in NRW ein. Auch im MAGS liege der Schwerpunkt darin, in allen Bereichen digitaler zu werden. Welche Rolle dem MAGS im Hinblick auf die Krankenhausreform und die Sicherstellung einer flächendeckenden Versorgung zukommt, welche Vorteile Gesundheitsdatenbanken wie das Landeskrebsregister in NRW bieten, warum in der Medizin an Künstlicher Intelligenz kein Weg vorbeiführt und ob die Curricula der Ausbildung junger Mediziner*innen angepasst werden müssen, bilden weitere Themenbereiche des Interviews.
Ep 1212 | Prof. Dr. iur. Alexandra Jorzig
„Wir müssen weg von der Arztzentriertheit“, erklärt Prof. Alexandra Jorzig. Die ärztliche Kompetenz bleibe unangetastet, würde jedoch durch digitale Tools unterstützt. Manche Tätigkeiten würden in den Arbeitsbereich von Gesundheitsfachkräften verlagert und auch die Eigenverantwortung der Patient*innen solle gefördert werden. Auch die Akademisierung von Gesundheitsfachberufen könne dem drohenden Mangel in der Gesundheitsversorgung entgegenwirken. Prof. Dr. iur. Alexandra Jorzig ist Fachanwältin für Medizinrecht, Inhaberin der Rechtsanwaltskanzlei „JORZIG Rechtsanwälte“, Dozentin der Deutschen Anwaltakademie sowie Lehrbeauftragte an Hochschulen. Bereits zum fünften Mal in Folge wurde sie von der WirtschaftsWoche und dem Handelsblatt Research Institute als „TOP Anwältin im Medizinrecht“ ausgezeichnet.
Ep 1111 | Prof. Dr. Werner Mäntele
Prof. Mäntele erläutert die Funktionsweise der entwickelten Technologie zur nicht-invasiven Glucosemessung. Ziel sei es, „optische Verfahren zu nutzen, um chemische oder biochemische Messmethoden abzulösen oder zumindest zu ergänzen“. Er berichtet, wie die Validierung des Verfahrens durch Tests erfolgte, wie die Finanzierung sichergestellt werden konnte und wann die ersten Geräte auf den Markt kommen werden.
Ep 1010 | Heinrich Böckelühr
Heinrich Böckelühr betont, dass die Einbeziehung digitaler Prozesse in die gesundheitliche Versorgung sinnvoll und notwendig ist, um die Hausarztpraxen zu entlasten. Vor allem der Datenschutz dürfe Digitalisierungsprozesse nicht behindern, sondern müsse deren Nutzen in den Vordergrund stellen. Um die Digitalisierung im Gesundheitswesen voranbringen zu können, sollte zügig der nötige Rechtsrahmen geschaffen werden.
Ep 909 | Sonja Laag
Sonja Laag beschreibt im Interview zunächst die historischen Hintergründe unseres Gesundheitssystems, bevor sie auf die daraus resultierenden strukturellen Probleme eingeht. Sie spricht von „einem Jahrhundert Strukturaufholbedarf, um die Berufspflege überhaupt in die Lage zu versetzen, mitgestalten zu können.“ Im Rahmen der Digitalisierung werde dringend eine „Kommission für Systemarchitektur“ benötigt, um zu prüfen, an welchen Stellen alte Komponenten im System nicht mehr passen. Auch sieht die Expertin die Notwendigkeit, Praktiker*innen in die Versorgungsgestaltung einzubeziehen. Sonja Laag ist Expertin für eine integrierte Versorgungsinfrastruktur im Gesundheitssystem, ist seit dem Jahr 2002 bei der BARMER in Wuppertal als Versorgungsprogrammleiterin für Integrierte Versorgung tätig und ist Mitglied im IPAG-Expert*innenrat.
Ep 808 | Dr. med. André T. Nemat
„Daten metaphrasieren wir mittlerweile als Rohstoff. [...] Diese zahlreichen Daten bilden zusammen mit wachsender Rechenleistung und algorithmischer Intelligenz die Treiber der Digitalisierung“, erklärt Dr. med. André T. Nemat im Gespräch mit Dr. Olaf Gaus. Das Qualitätsversprechen der Digitalisierung in der Medizin liege in der „Entwicklung des digitalen Zwillings“. Auf welche Weise solch ein „digitales Ich“ nicht nur aus medizinischen Daten entsteht, inwiefern die permanent erhobenen Big Data für Unternehmen wertvoll sind und warum es durch die großen Datenmengen zu einem Paradigmenwechsel in Medizin und Versorgung kommen kann, bei dem sowohl Prädiktion als auch Prävention einen immer größeren Stellenwert einnehmen, wird in dieser Ausgabe der Gesundheitspolitischen Gespräche thematisiert. Dr. med. André T. Nemat studierte zunächst Ingenieurwissenschaften und dann Medizin. Er war 15 Jahre als Chefarzt für Thoraxchirurgie an Krankenhäusern maximaler Versorgungsstufen tätig und ist u. a. Gründer und Managing Partner des Institute for Digital Transformation in Healthcare an der Universität Witten/Herdecke.
Ep 707 | Prof. Dr. med. Martin Mücke
„Gerade im Bereich der seltenen Erkrankungen spielt die Digitalisierung eine sehr große Rolle“, erklärt Prof. Mücke im Gespräch mit Dr. Gaus. „Man weiß noch nicht viel über diese Erkrankungen und es gibt nur wenige Experten, die sich damit auseinandersetzen.“ Das rare Wissen darüber könne mit Hilfe von KI-Anwendungen vermittelt werden. Auch könne KI von Betroffenen ausgefüllte Fragebögen auswerten und damit vor allem Allgemeinmediziner*innen, die nicht an einem der Zentren für Seltene Erkrankungen beschäftigt sind und sich diesen Erkrankungen nur mit sehr beschränkten zeitlichen Kapazitäten widmen können, bei der Diagnostik unterstützen. Prof. Dr. med. Martin Mücke ist Facharzt für Allgemeinmedizin, Direktor des Instituts für Digitale Allgemeinmedizin an der Universitätsklinik RWTH Aachen und Vorstandssprecher des Zentrums für Seltene Erkrankungen Aachen (ZSEA).
Ep 606 | Prof. Dr. David Matusiewicz
„Es gibt keine andere Branche, in der der Impact der Digitalisierung größer ist als im Gesundheitswesen.“, so Prof. Matusiewicz im Gespräch mit Dr. Olaf Gaus. „Das liegt zum einen daran, dass diese Branche rückständiger ist was Technologie angeht – im Gegensatz zu eCommerce, Automotive und anderen Branchen – und zum anderen gibt es nichts Wichtigeres als das Gut Gesundheit.“ Wie die digitale Transformation des Gesundheitswesens aussehen könnte und wie wichtig darauf abgestimmte Geschäftsmodelle sind, wird in dieser Ausgabe thematisiert. Prof. Dr. David Matusiewicz ist Professor für Medizinmanagement an der FOM Hochschule für Ökonomie und Management. Er ist Dekan des Hochschulbereichs Gesundheit & Soziales und leitet das gleichnamige Forschungsinstitut (ifgs). Er unterstützt technologie-getriebene Start-ups im Gesundheitswesen. Sein kürzlich herausgegebenes Buch „Plattformen und Tech-Giganten“ (Medizinisch Wissenschaftliche Verlagsgesellschaft) widmet sich zukunftsfähigen Geschäftsmodellen in der digitalen Gesundheitsökonomie.