
Digitalgespräch
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Synthetische Daten: Was macht sie aus und wie kommen sie im KI-Training zum Einsatz?

Generative KI und die Musikbranche: Die Musterklagen der GEMA
Das "ganze Internet" als Basis für KI-Trainingsdaten zu nutzen, ist ein unvorstellbarer technischer Aufwand mit fraglichem Nutzen für die Qualität der Modelle, aber es gibt Entwickler für Systeme generativer KI, die behaupten, genau das getan zu haben – natürlich ohne die Inhaber von Rechten der so genutzten Medieninhalte um Erlaubnis zu fragen oder gar an Profiten zu beteiligen. Ob nun wirklich alle online frei verfügbaren Inhalte beim KI-Training zum Einsatz kommen, oder „nur“ ein großer Teil davon: dass KI-Entwickler beim Training und dem Betrieb ihrer Produkte nachweislich und systematisch geltendes Urheberrecht verletzen, hat nun erstmals ein Gericht geklärt, nämlich das Landgericht München. Geklagt hat die deutsche Verwertungsgesellschaft für Werke der Musik, die GEMA, und zwar gegen den Tech-Giganten OpenAI und den Anbieter des nicht minder marktmächtigen KI-Produktes Suno AI, das für die voll-automatisierte Produktion von Musikstücken mittels Prompting verwendet wird. Für OpenAI liegt bereits ein Urteil vor, das Gericht hat im Sinne der Kreativen und Rechteinhaber entschieden. Im Fall von Suno AI steht die Entscheidung noch aus. In jedem Fall zeigen die internationalen Reaktionen aus Politik, Presse und der Branche: Die GEMA-Klagen sind ein wichtiger Meilenstein im Kampf um Anerkennung und Wert menschlicher kreativer Arbeit. Dr. Kai Welp ist Chefjustiziar der GEMA. Im Digitalgespräch berichtet der Anwalt für Urheber- und Medienrecht von den beiden international aufsehenerregenden Klagen, die die GEMA im Winter 2024/25 gegen die KI-Entwickler hinter ChatGPT und Suno AI eingereicht hat und schildert, welche Argumente und Beweise er und sein Team in die Verhandlungen eingebracht haben. Er gibt Einblicke in die Überlegungen und Zielsetzungen hinter den Klagen und ordnet die Bedeutung der Verfahren auch auf internationaler Ebene ein. Mit den Gastgeberinnen Marlene Görger und Petra Gehring diskutiert Welp, wie faire Vereinbarungen zwischen Kreativen und KI-Entwicklern aussehen könnten, welche Werte und Leitgedanken die GEMA für Künstliche Intelligenz in der Kreativbranche vertritt – und warum er zuversichtlich ist, dass KI nicht zwangsläufig menschliche Kreativarbeit verdrängen wird. Link zum Originalbeitrag: https://zevedi.de/digitalgespraech-77-kai-welp Link zur KI-Charta der GEMA: https://www.gema.de/de/aktuelles/ki-und-musik/ki-charta-der-gema Link zum Dossier „KI in der Musik“ auf der Webseite der GEMA: https://www.gema.de/de/aktuelles/ki-und-musik Link zu den Key Facts der in dieser Folge besprochenen Studie im Auftrag von GEMA und SACEM: https://www.gema.de/documents/d/guest/gema_sacem_goldmedia_ki-und-musik-key-facts-pdf

Digitaler Zugang zu Kulturgütern
Wertvolle Kunstwerke und historische Urkunden mögen gut behütet an besonderen Orten aufbewahrt werden, zu denen die Allgemeinheit nur unter bestimmten Bedingungen – oder gar nicht! – Zugang hat: Wenn digitale Abbildungen das erfassen, was uns an einem interessanten Objekten wesentlich erscheint, genügt uns in vielen Fällen der Blick auf diese Kopie. Und der, das ist die Erwartung in demokratischen Gesellschaften, sollte möglichst wenig verstellt sein. Open Access ist das Stichwort. Zudem schaffen digitale Aufbereitungen über die bloße Abbildung hinaus ganz neue Möglichkeiten des Zugangs, durch die sogar Barrieren in der Rezeption abgebaut werden könnten. Zur Realität der Digitalität gehören aber auch Software, Hardware und Lizenzverträge – die historischen Entwicklungen und Verfallsprozessen unterworfen sind, und Macht legen in die Hände privater, globaler, und nach eigenen Regeln handelnder Unternehmen. Was bedeutet das für ein zeitgemäßes Verantwortungsbewusstsein im Kunst- und Kulturbetrieb? Reinold Schmücker ist Professor für Philosophie an der Universität Münster und Sprecher der Kolleg-Forschungsgruppe „Zugang zu kulturellen Gütern im digitalen Wandel“. Im Digitalgespräch erklärt der Experte, welche Dimensionen von Zugang zu Kunst und Kultur wichtig für die Arbeit an ethischen oder rechtlichen Normen sind. Er zeigt auf, wie sich in der Digitalität neue Chancen und Selbstverständlichkeiten für demokratischen Zugang ergeben, wo die Regeln der digitalen Welt aber auch neue Risiken und Problemlagen hervorbringen. Mit den Gastgeberinnen Marlene Görger und Petra Gehring diskutiert Schmücker, wie Ausstellungsräume ihren Status als physische Orte des Erlebens von Kunst und Kultur halten können – und inwiefern man heute noch einen besonderen ästhetischen Wert des Originals gegenüber seinen Kopien behaupten kann, der den Weg dorthin rechtfertigt. Shownotes Link zum Originalbeitrag: https://zevedi.de/digitalgespraech-076-reinold-schmuecker Link zur Webseite der Kolleg-Forschungsgruppe "Zugang zu kulturellen Gütern im digitalen Wandel" an der Universität Münster: https://www.uni-muenster.de/KFG-Zugang/ Link zum Digitalgespräch Folge 64 „Literatur vereinfachen – mit KI? Digitalität und kulturelle Teilhabe“ mit Thomas Kater: https://zevedi.de/digitalgespraech-064-thomas-kater/ Link zur Schriftenreihe "Access Points": https://www.uni-muenster.de/KFG-Zugang/publikationen/accesspoints/index.html

KI in der Diagnostik seltener Erkrankungen
Wer krank ist und eine Antwort auf die Frage sucht, was die Symptome zu bedeuten haben, dem hilft eine Diagnose weiter. Das klingt einfacher, als es ist, denn nicht immer gelingt eine klare Zuordnung der Symptome zu einer Krankheit. Individuelle Faktoren oder Vorerkrankungen können den Verlauf einer Erkrankung derart beeinflussen, dass die Diagnose schwerfällt. Und manchmal liegt auch eine seltene Erkrankung vor, zu deren Charakteristika gehört, dass vergleichsweise wenige Erfahrungswerte und Daten darüber vorliegen. Digitalität trägt maßgeblich dazu bei, seltene Erkrankungen überhaupt als solche zu identifizieren. Was folgt daraus für die Unterstützung von Betroffenen? Und was leistet insbesondere „Künstliche Intelligenz“ in diesem Feld? Der Arzt Dr. Michael von Wagner ist intensiv mit Digitalität in der medizinischen Versorgung befasst: Er ist ärztlicher Leiter der Stabsstelle Medizinische Informationssysteme und Digitalisierung, Chief Medical Informatics Officer (CMIO) und Geschäftsführender Direktor des University Center for Digital Healthcare. Im Digitalgespräch beschreibt der Experte, wie Digitalität den Blick für die Individualität von Erkrankungen geschärft hat und sich Krankheitsbilder ausdifferenzieren. Er erklärt, was seltene Erkrankungen auszeichnet, wie Betroffene digitale Möglichkeiten nutzen, und welche Bemühungen die Digitalstrategien in der medizinischen Versorgung schwer diagnostizierbarer Krankheiten kennzeichnen. Mit den Gastgeberinnen Marlene Görger und Petra Gehring diskutiert von Wagner, welche Konsequenzen sich daraus für die Unterscheidung „krank“ und „gesund“ ergeben, und ob die alten Kontroversen um das Reizwort „Datenschutz“ als überwunden gelten können. Link zum Originalbeitrag: https://zevedi.de/digitalgespraech-75-michael-von-wagner/ Link zum University Center for Digital Healthcare der Universitätsklinik Frankfurt am Main: https://www.unimedizin-ffm.de/ueber-uns/university-center-for-digital-healthcare-ucdhc

Mittels KI erzeugte Deepfakes: Was sagt die Rechtswissenschaft?
Plötzlich das eigene Gesicht wie lebensecht auf Bildern zu sehen, die fiktive Situationen zeigen, oder die eigenen Stimme Sätze sagen zu hören, die man nie gesprochen hat: Diese Vorstellung ist beunruhigend. Mit generativer KI können inzwischen spielend leicht täuschend echte Medieninhalte erzeugt werden, die reale Personen in erfundene Kontexte setzen. In der Öffentlichkeit haben vor allem böswillige Deepfakes viel Aufmerksamkeit erregt, denn die Empörung über den Missbrauch generativer KI ist groß: Der Ausdruck Deepfakes wird verbunden mit Betrug, Manipulation der Öffentlichkeit, und pornografischen oder intimen Darstellungen ohne Einverständnis der abgebildeten Personen. Dieselbe Technologie kann freilich auch für vergleichsweise harmlose Zwecke eingesetzt werden: In Kunst und Kultur wird mit den neuen Möglichkeiten experimentiert, geschützt von der Kunstfreiheit und mit Freude gerade an dem, was vom Realen, Erwartbaren abweicht und nicht „Fake“ im Sinne von Täuschung sein soll. Und in der schnellen, wirtschaftlich orientierten Produktion von Bild- und Tonmaterialien für Werbung oder in der Unterhaltungsindustrie führen KI-Technologien nicht nur zu Zeitersparnis und neuen Workflows, sondern eröffnen auch einen potentiellen Markt für Persönlichkeitsmerkmale, die als Grundlage für KI-generierte Inhalte dienen – auch über den Tod der Menschen hinaus, deren Erscheinung diese Inhalte nachempfinden. Sind diese Fälle eine Herausforderung für Recht und Justiz? Viktoria Kraetzig ist Privatdozentin für Bürgerliches Recht, Wirtschaftsrecht und Informationsrecht an der Goethe-Universität Frankfurt am Main und befasst sich als Juristin unter anderem intensiv mit Fragen zu Urheber- und Medienrecht. Im Digitalgespräch erklärt die Expertin, wie die Rechtswissenschaften das Phänomen „Deepfakes“ fassen und ob die bestehenden Instrumente ausreichen, um es in seiner Bedrohlichkeit einzuhegen. Sie beschreibt, welche Rechtsgüter von der Diskussion um Deepfake-Technologien berührt werden und welche Fragen unter Juristen strittig sind. Mit den Gastgeberinnen Marlene Görger und Petra Gehring diskutiert Kraetzig, worin sich die neuen KI-generierten Bilder von den bisherigen Beispielen aus Werbung oder Satire unterscheiden, welche Rolle Geschmack und persönliche Schmerzgrenzen spielen – und warum die Rechtsdurchsetzung in digitalen Räumen an ihre Grenzen kommt. Link zum Originalbeitrag: https://zevedi.de/digitalgespraech-074-viktoria-kraetzig Zu einem Bericht über das Urteil des Landgerichts Berlin über die Nachbildung einer Synchronstimme mittels KI bei heise online: https://www.heise.de/news/Persoenlichkeitsrecht-Synchronstimme-ist-vor-KI-Nachahmung-geschuetzt-10623565.html Zu einem Bericht über das Hirschhausen-Urteil auf der Webseite des WDR: https://presse.wdr.de/plounge/wdr/unternehmen/2025/03/20250328_hirschhausen_urteil.html Zu Viktoria Kraetzigs Profil auf der Webseite der Goethe-Universität: https://www.jura.uni-frankfurt.de/122384174/ContentPage_122384174

Social Media in der Hochschulkommunikation und der Ausstieg aus X
Spätestens, seit 60 deutschsprachige Hochschulen im Frühjahr 2025 gemeinsam ihren Austritt aus dem Sozialen Netzwerk X verkündeten, ist offiziell: Für wissenschaftliche Einrichtungen fordert der Umgang mit sozialen Medien eine permanente Prüfung und Reflexion der Ziele und des Selbstverständnisses, mit dem Social Media Teil der Kommunikationsstrategien von Hochschulen integriert ist. Die Plattformen bieten schnellen Zugang zu potentiell breiten Öffentlichkeiten und direktem Austausch mit ganz unterschiedlichen Zielgruppen, ermöglichen individuelle Präsentationsformen, erzeugen ein Gefühl von Nahbarkeit und machen die Vielfalt der Themen sichtbar, für die Hochschulen stehen. Freilich wissen wir von viel diskutierten negativen Aspekte Sozialer Medien – von Hatespeech und Shitstorms über Falschdarstellungen und Algorithmen, die Emotionalisierung statt Sachlichkeit belohnen. All das scheint nicht nur besonders schlecht zu den Ansprüchen guter Wissenschaftskommunikation zu passen, es schreckt Wissenschaftler:innen auch ab, ihre Forschung in unseriösen Umgebungen zu präsentieren und sich persönlichen Anfeindungen auszusetzen. Solange Social Media als unverzichtbarer Kommunikationskanal auch für Wissenschaft gilt, bewegt sich Hochschulkommunikation in diesem Spannungsfeld. Dr. Patrick Honecker ist Chief Communication Officer oder CCO an der Technischen Universität Darmstadt. Im Digitalgespräch schildert der Experte für Wissenschaftskommunikation und Kommunikationsstrategie, welche Bedeutung Social Media für die Öffentlichkeitsarbeit von Hochschulen wie auch die interne Kommunikation hat, und welche wissenschaftsspezifischen Üblichkeiten wie auch Regeln dabei auf die Logiken Sozialer Medien treffen. Mit den Gastgeberinnen Marlene Görger und Petra Gehring diskutiert Honecker, wie sich wissenschaftliche Einrichtungen angesichts problematischer Effekte in und durch Social Media verhalten können – und welche Folgen der Einsatz von KI in der Öffentlichkeitsarbeit auch auf Social Media haben könnte. Link zum Originalbeitrag: https://zevedi.de/digitalgespraech-073-patrick-honecker/ Link zur Webseite des Scicomm-Supports, der Wissenschaftler:innen berät, die bei ihrer Wissenschaftskommunikation digitalen Angriffen ausgesetzt sind: https://scicomm-support.de/ Link zur Social Media-Netiquette der Technischen Universität Darmstadt: https://download.hrz.tu-darmstadt.de/media/DezIF/Netiquette-TU-Darmstadt.pdf

Die Umsetzung des AI Act – wie wirkt die neue Verordnung sich aus?
Die KI-Verordnung oder der „AI Act“ der EU, tritt seit Beginn 2025 sukzessive in Kraft und reguliert schon heute die Entwicklung und den Einsatz von KI-Systemen, die in Europa zum Einsatz kommen sollen. Mit dem umfangreichen Regelwerk stellt sich der Gesetzgeber einer großen Herausforderung: Die Wirkung von KI-Technologien, die über Staatsgrenzen hinweg massive Transformationen provozieren, soll in demokratischen Prozessen soweit beherrscht werden, dass große Risiken identifiziert und vermieden werden können. Dabei wird mitgedacht, dass sich der Gegenstand KI fortlaufen entwickelt und nicht losgelöst von seinem Anwendungskontext betrachtet oder bewertet werden kann. In der Praxis heißt das auch, dass sich sowohl Entwickler als auch Anwender von KI-Systemen auf neue Pflichten einstellen und verstehen lernen müssen, KI-Systeme nicht nur sinnvoll einzusetzen, sondern sie hinsichtlich ihrer Risiken im konkreten Einzelfall zu bewerten. Auch fordert der AI-Act explizit, bei Nutzerinnen und Nutzern spezifische KI-Kompetenz zu entwickeln. Dass neue Regulierung immer auch neuen Aufwand bedeutet, den Unternehmen, Behörden und Zivilgesellschaft nun betreiben müssen, ist klar. Dazu, dass das in der Breite gelingt, kann auch die Wissenschaft einen Beitrag leisten. Domenik Wendt ist Professor für Bürgerliches Recht, Europäisches Wirtschaftsrecht und Europarecht an der Frankfurt University of Applied Sciences und ausgewiesener Experte für das Recht der KI und den AI Act im Besonderen. Im Digitalgespräch erklärt er, was wesentliche Kernelemente des AI Acts sind und welche schon heute gelten. Er beschreibt, wie sich Unternehmen und Behörden aufstellen, um die Forderungen der EU umzusetzen, und welche Unterstützung es gibt, die KI-Verordnung zu verstehen und im eigenen Kontext zu befolgen. Mit den Gastgeberinnen Marlene Görger und Petra Gehring diskutiert Wendt, wie Regulation und Kompetenzaufbau ineinandergreifen, wie es möglich ist, dass der AI Act zwar gewisse Anwendungen ganz verbietet und andere streng reguliert, aber dennoch mehr Raum für Innovation und Entwicklung zulässt, als manche vielleicht befürchten – und ob der AI Act in der Lage ist, auch angesichts tiefgreifender gesellschaftlicher Wirkungen von KI-Systemen Risiken zu reduzieren und Schaden abzuwenden. Link zum Originalbeitrag: https://zevedi.de/digitalgespraech-072-domenik-wendt Link zum Digitalgespräch Folge 48 "Der AI Act der EU: Wie er zustande kam und wie er KI reguliert" mit Domenik Wendt : https://zevedi.de/digitalgespraech-048-domenik-wendt/ Link zum KI-Service Desk der Bundesnetzagentur: https://www.bundesnetzagentur.de/DE/Fachthemen/Digitales/KI/start_ki.html Link zum Hinweispapier „KI-Kompetenzen nach Artikel 4 KI-Verordnung“ der Bundesnetzagentur: https://www.bundesnetzagentur.de/DE/Fachthemen/Digitales/KI/_functions/Hinweispapier.pdf?__blob=publicationFile&v=2 Link zum Paper „KI-Kompetenzanforderungen nach Art. 4 AI Act. – Juristische Analyse und praxisorientierte Maßnahmen“ unter Beteiligung der Frankfurt University of Applied Sciences: https://zenodo.org/records/17407983

Was sind und was leisten KI-Reallabore?
Mit dem AI Act versucht der europäische Gesetzgeber einen schwierigen Balance-Akt: Einerseits ist effektive Regulierung hochriskanter, in der Entwicklung befindlicher Technologien nötig, die bereits heute gravierende gesellschaftliche Effekte zeitigen. Andererseits soll Europa an den Chancen ebendieser technologischen Entwicklung teilhaben, also nicht einfach bremsen, sondern gestalten. Ein Instrument dieser regulativen Innovationsförderung sollen KI-Reallabore oder „Sandboxes“ sein: Sie sind als besondere Testumgebungen für KI-Produkte kurz vor der Marktreife konzipiert, als behördliche Anlaufstelle und Unterstützung für Unternehmen und Startups – und auch als Lernfelder für die beaufsichtigenden Behörden, die ihre Verwaltungsprozesse an den unscharfen Gegenstand „KI“ anpassen müssen. Gelernt werden soll im und durch das Reallabor also einerseits, wie man KI-Anwendungen so designen kann, dass die Sicherheitsanforderungen des AI Act erfüllt werden, aber auch, wie man entsprechende Prüfkriterien klug in Verwaltungsprozessen abbilden sollte. Keine leichte Aufgabe für die EU-Mitgliedsstaaten, denen nicht viel Zeit bleibt, erste „AI Sandboxes“ zu realisieren: Am 2. August 2026 müssen diese neuartigen Behördentypen zumindest formal existieren und ins Arbeiten gekommen sein. Johannes Buchheim ist Professor für Öffentliches Recht und das Recht der Digitalisierung an der Philipps-Universität Marburg. Im Digitalgespräch erklärt der Experte für Verwaltungsrecht und Fragen der Rechtsordnung in der digitalen Gesellschaft, welche Funktion die KI-Reallabore bei der Umsetzung des AI Act einnehmen und welche Maßnahmen die EU dafür von ihren Mitgliedern fordert. Er beschreibt, welche Formen von KI-Reallaboren für unterschiedliche konkrete Technologien denkbar wären, wer sich mit der Entwicklung dieser öffentlichen Einrichtungen befasst, und was sich politische Entscheidungsträger davon erhoffen. Mit den Gastgeberinnen Marlene Görger und Petra Gehring diskutiert Buchheim, welche Vorstellungen, Erwartungen und Befürchtungen bei den beteiligten Akteuren mitschwingen könnten, wie die Rahmenbedingungen für KI-Reallabore zu den Anforderungen von Wirtschaftsunternehmen im Wettbewerb passen, ob und wenn ja unter welchen Voraussetzungen die Teilnahme an Reallaboren für KI-Entwickler attraktiv ist – und wie mit Transparenz und Informationspflichten eine kritische Öffentlichkeit hergestellt werden muss, um diese Form staatlich finanzierter Ertüchtigung potentiell hochriskanter Technologien demokratisch zu legitimieren. Link zum Originalbeitrag: https://zevedi.de/digitalgespraech-071-johannes-buchheim Link zu Informationen zu KI-Reallaboren auf der Webseite der Bundesnetzagentur: https://www.bundesnetzagentur.de/DE/Fachthemen/Digitales/KI/5_Innovationen/start.html

Digitalisiertes Fahrrad: Welche Fortentwicklungen gibt es?
Das eBike ist wesentliches Element der Verkehrswende und vor allem für viele Pendler:innen eine echte Alternative zum Auto. Freilich sind E-Bikes deutlich teurer in der Anschaffung als ein klassisches Fahrrad. Kein Wunder also, dass die erste digitale Anwendung für das E-Bike dem Diebstahlschutz diente. Aber mit Bewegungs- und Sensordaten lässt sich rund ums Fahrrad – auch das ohne Motor – noch viel mehr machen. Vermessen lassen sich im Prinzip alle möglichen Parameter, sowohl des Fahrzeugs als auch des radelnden Menschen, und in einer zunehmend digitalen Umgebung kann man das Bike auch als vernetztes Gerät im Internet of Things denken. Automatisierung im Straßenverkehr ist dabei ein wichtiges Stichwort. Und: Jenseits ihres Nutzens für individuellen Komfort bei hinreichender persönlicher Begeisterung für digitale Tools und Gadgets, sind aussagekräftige Daten aus dem Radverkehr auch von hohem Wert für die Verkehrsplanung einerseits – und die Entwicklung innovativer Geschäftsmodelle andererseits. Rainer de Mey ist Chief Digital Officer beim eBike-Hersteller Riese & Müller, einem Unternehmen mit Erfahrung in der Digitalisierung für das Radfahren. Im Digitalgespräch beschreibt der Experte, welche digitalen Anwendungen heute für das Rad zur Verfügung stehen, wie sich die Bedürfnisse der sehr verschiedenen Gruppen von Radler:innen entwickeln, welche Daten fürs digitalisierte Radfahren erhoben werden und wie sie von wem genutzt werden können. De Mey erklärt, welche Grenzen kleinen und mittleren Unternehmen in Sachen digitaler Entwicklung gesetzt sind, und welche Bedarfe bei Kund:innen in Zukunft zu erwarten sein könnten. Mit den Gastgeberinnen Marlene Görger und Petra Gehring diskutiert de Mey auch, wo Digitalisierung am Fahrrad sinnvoll ist und wo eher Spielerei, was nötig sein wird, um Fahrraddaten für Stadtplanung und Verkehrssicherheit zu nutzen – und ob dabei der gänzlich undigitale Drahtesel bald auf der Strecke bleibt. Link zum Originalbeitrag: https://zevedi.de/digitalgespraech-070-rainer-de-mey Link zur Webseite des LOEWE Schwerpunkts _DyNaMo_ der Universität Kassel: https://www.uni-kassel.de/forschung/dynamo.html Link zur Webseite des Datenportals „Radverkehr in Deutschland“, über das eine Ausgründung der Technischen Universität Dresden Verkehrsdaten aus den STADTRADELN-Kampagnen bereitstellt: https://www.radverkehr-in-deutschland.de/

Lehren und Erfahrungen aus dem Cyber-Angriff auf die Uni Gießen
Cyber-Angriffe gehören heute zur Normalität, und ihre Abwehr sowie die permanente Anpassung von IT-Systemen an neue Sicherheitslücken zum Alltag in großen und kleinen IT-Abteilungen. Zu den ganz Großen gehören auch Hochschulrechenzentren, die ein weit verzweigtes Netzwerk aus etlichen Abteilungen und Standorten managen müssen. Dass innerhalb historisch gewachsener Hochschulstrukturen mitunter ganz unterschiedliche Anforderungen und Voraussetzungen bestehen, macht die Aufgabe, tausenden Mitarbeitenden und zehntausenden Studierenden jederzeit zuverlässige, sichere und nutzerfreundliche Dienste bereitzustellen, nicht gerade einfacher. Wie massiv schwere Cyber-Attacken den Hochschulbetrieb treffen können, musste die Justus-Liebig-Universität Gießen schmerzlich erfahren, als sie im Dezember 2019 als erste deutsche Hochschule Opfer eines Ranson-Ware-Angriffs wurde. Seither ist das Bewusstsein für den Stellenwert von IT-Sicherheit in öffentlichen Einrichtungen gestiegen und Hochschulen widmen diesem Thema wachsende Aufmerksamkeit und Ressourcen. Was genau passierte damals? Welche Auswirkungen hatte der Angriff auf die Universität, und was hat man daraus für Lehren gezogen? Matthias Stenke hat die stellvertretende Leitung und operative Leitung der IT-Sicherheit an der Justus-Liebig Universität Gießen inne, und leitet zudem die Stabsstelle für Enterprise Architecture Management der Hochschule. Im Digitalgespräch erklärt der Experte für IT-Sicherheit aus erster Hand, wie sich der Hacking- Angriff auf die JLU Gießen im Dezember 2019 ereignete, welche Strategie die Angreifer verfolgten, wie Verantwortliche und Unterstützer:innen reagierten, und wie es gelang, trotz des gewaltigen Ausmaßes der Schäden gestärkt aus dieser Krise hervorzugehen. Mit den Gastgeberinnen Marlene Görger und Petra Gehring diskutiert Stenke, welche Rolle Solidarität und gute Kommunikation dabei spielten, und warum IT Sicherheit an Hochschulen kein Thema nur für Expert:innen ist, sondern angesichts zunehmender Bedrohungen alle Mitglieder einen Beitrag leisten müssen. Link zum Originalbeitrag: https://zevedi.de/digitalgespraech-069-matthias-stenke Link zum im Gespräch erwähnten Artikel „#JLUoffline. Der Cyber-Angriff auf die Justus-Liebig-Universität Gießen im Dezember 2019“ in der ABI Technik: https://www.degruyterbrill.com/document/doi/10.1515/abitech-2022-0005/html?lang=de

Digitale Werkzeuge und die Archäologie
Die Digitalität ist für die Archäologie ein vielschichtiges Phänomen. Digitale Werkzeuge und Analysemethoden schaffen neue Möglichkeiten des Auffindens, Untersuchens und Dokumentierens von Kulturgütern. Daten, die dabei erfasst werden, lassen Forschungsfragen zu, die mit analogen Mitteln und ohne Big Data und KI kaum denkbar gewesen wären – die schiere Menge an Optionen, denen Forscher:innen dabei zur Verfügung stehen, nötigt aber auch zur Reflexion: im Einzelfall sind Einschränkungen nötig, um gut begründet bestimmte Daten nicht zu erfassen. Und innerhalb der Community müssen Standards etabliert werden. Auch nach außen sind die Effekte digitaler Archäologie sichtbar: Digitale Zwillinge antiker Funde und Stätten entstehen, die anschaulich vermitteln, was Wissenschaftler:innen über frühere Kulturen herausfinden. Und wo der Verlust der originalen Kulturgütern droht, etwa durch große Bauprojekte, Umweltkatastrophen, Kriege oder Terrorismus, können die Methoden der digitalen Archäologie auch wenigstens das Wissen um diese Güter mittels digitaler Dokumentation retten. Nicht zuletzt ist archäologische Forschung auch durch Medienbrüche des digitalen Zeitalters herausgefordert: Frühe digitale Datenträger, auf denen große Mengen archäologischer Befunde dokumentiert sind – und die für Langzeitarchivierung alles andere als geeignet waren – müssen erschlossen, und die darauf archivierten Informationen in neu entstehende Datensysteme und Archive integriert werden. Eine komplexe Aufgabe, der sich das Fach erst langsam nähert. Friederike Fless ist Professorin für Klassische Archäologie an der Freien Universität Berlin und war über Jahre Sprecherin des Exzellenzclusters TOPOI zur Antiken Welt. Seit 2011 ist Sie Präsidentin des Deutschen Archäologischen Instituts (DAI). Im Digitalgespräch erklärt die Expertin, für welche Zwecke die Archäologie digitale Werkzeuge einsetzt, wie sie entwickelt werden, und wie sich dabei Workflows verändern. Fless beschreibt, wie moderne Ausgrabungen organisiert sind, erklärt den Prozess hinter Einsätzen zur Kulturgutrettung etwa in Syrien,und gibt Einblick in die internationale Zusammenarbeit. Mit den Gastgeberinnen Marlene Görger und Petra Gehring diskutiert Fless, warum der tägliche Umgang mit Möglichkeiten und Grenzen digitaler Datenerfassung angesichts der Vergänglichkeit von Kulturgütern einen beherzten Pragmatismus erfordert, welche neuen Trends für die digitale Präsentation und Vermittlung antiker Kulturen wichtig werden, wie Wissenschaft mit dem Problem „alternativer Fakten“ umgehen sollte, die über archäologische Themen im Internet kursieren – und welche Fragen zu Datensouveränität und Eigentum bei digitaler Kulturguterfassung im internationalen Kontext aufkommen. Link zum Originalbeitrag: https://zevedi.de/digitalgespraech-068-friederike-fless Link zur Webseite des Projekts „KulturGutRetter“: https://www.kulturgutretter.org/ Link zur Webseite des DAI: https://www.dainst.org/

Entwicklungssprünge, Zeitenwende und KI: Neues zum Quantencomputing
Für das Jahr 2025 wurde von der UNCESCO ein „Internationales Jahr der Quantenwissenschaft und Quantentechnologie“ ausgerufen: Etwa einhundert Jahre ist es her, dass die Quantenphysik entstand, und seitdem sind etliche Technologien entwickelt worden, für die sie die Theorie liefert. Das Quantencomputing gilt schon lange als eines der wichtigsten Zukunftsfelder der Digitalität und soll möglichst bald in besonders spektakulärer Weise abstrakteste wissenschaftliche Konzepte in die Anwendung bringen. Voraussetzung hierfür ist ein komplexes Geflecht aus Förderprogrammen, internationalen Kooperationen und interdisziplinären Leuchtturmprojekten – und nicht zuletzt die kreative Neugier von Grundlagenforscher:innen. Immer wichtiger werden aber auch Konkurrenzeffekte und geo-politische Strategien. In den letzten Monaten haben bedeutende Fortschritte im Fach ein neues Kapitel eingeläutet. Heute müssen Gesellschaften mit einer baldigen Verfügbarkeit von Quantencomputing rechnen. Dies bedeutet auch: In absehbarer Zeit werden etablierte Methoden der Verschlüsselung von digitaler Kommunikation durch die Möglichkeiten des Quantencomputing obsolet. Zudem werden Optimierungsprobleme aller Art in großer Geschwindigkeit lösbar sein, Verkehrssteuerung und Vorhersagen von Extremwetterereignissen genauso, wie Kampfhandlungen oder Überwachungsmaßnahmen. Was also können wir in den nächsten Jahrzehnten vom Quantencomputing erwarten? Und wie nähert man sich einer gesellschaftlichen Einordnung dieser neuen Realitäten? Frank Wilhelm-Mauch ist Professor für Theoretische Physik an der Universität des Saarlandes und koordiniert am Forschungszentrum Jülich den Bau eines Quantencomputers für Europa: das europäische Flaggschiff-Projekt OpenSuperQPlus. Im Digitalgespräch ist der Experte für die Grundlagen und Anwendung von Quantencomputing zum zweiten Mal zu Gast: Diesmal ordnet er die Bedeutung des Quantencomputing im Jahr 2025 ein, beschreibt die Auswirkungen wichtiger fachimmanenter und gesamtgesellschaftlicher Prozesse auf die Forschungsbedingungen, schildert, wie Industrie, Politik und Wissenschaft miteinander im Austausch sind und welche Anwendungen wir bald von Quantencomputern erwarten können. Mit den Gastgeberinnen Marlene Görger und Petra Gehring diskutiert Wilhelm-Mauch, welche Herausforderungen die Interdisziplinarität des Fachs mit sich bringen, wie Quantencomputing und Künstliche Intelligenz zusammenspielen, wo kluges Risikomanagement angesichts dieser mächtigen Technologie ansetzen könnte – und wie präsent die Frage nach verantwortungsvoller Gestaltung heute in der Fach-Community ist. Link zum Originalbeitrag: https://zevedi.de/digitalgespraech-067-frank-wilhelm-mauch/ Link zum Digitalgespräch Folge 15 „Mit Physik rechnen: Quantencomputer in der Realität“ mit Frank Wilhelm-Mauch: https://zevedi.de/digitalgespraech-015-frank-wilhelm-mauch/ Link zur Webseite des Projekts OpenSuperQPlus: https://opensuperqplus.eu/ Link zur Webseite für das International Year of Quantum Science and Technology der Vereinten Nationen: https://quantum2025.org/ Link zur Webseite für das „Quantenjahr 2025“ der Deutschen Physikalischen Gesellschaft: https://www.quantum2025.de/

Was weiß man über „Internet-Sucht“?
Es ist nicht ungewöhnlich, den ganzen Tag online zu sein. Viele Aspekte unseres täglichen Lebens, von Kommunikation über Einkäufe und Vertragsabschlüsse, bis hin zu Unterhaltung und Informationsbeschaffung spielen sich selbstverständlich im Internet ab, oft sogar in ein und demselben Endgerät: dem Smartphone, das scheinbar unendlich viele Anwendungen und Möglichkeiten in sich vereint. Wir haben uns an die permanente Verfügbarkeit digitaler Dienste gewöhnt, und stehen sie unerwartet einmal nicht zur Verfügung, kann das ärgerlich sein, Stress, Unbehagen oder Nervosität auslösen – und im Fall sogenannter „Internetnutzungsstörungen“ bei manchen Menschen auch echte Entzugserscheinungen. Es gibt offenbar Elemente der digitalen Welt, die süchtig machen können, ganz ähnlich, wie wir das von Substanzen kennen. Aber nicht jeder Teenager, der stundenlang in sozialen Netzwerken scrollt, und jeder Erwachsene, der regelmäßig das ganze Wochenende mit Online-Games verbringt, hat ein Problem mit Krankheitswert, auch wenn manche Studien oder Zeitungsmeldungen exzessive Internetnutzung und Suchtverhalten zu vermischen scheinen. Es gibt eine Normalität der permanenten Internetnutzung, die zumindest aus der Sucht-Perspektive nicht problematisch ist: Die viele Zeit, die wir mitunter beruflich, für Schule, Studium oder Ausbildung online verbringen, findet zur Beantwortung der Frage, ob wir „internetsüchtig“ sind, nicht einmal Berücksichtigung. Worauf achten Expert:innen also, wenn sie eine Internetnutzungsstörung untersuchen? Was sind Warnzeichen dafür, dass eine Sucht entstehen könnte? Und wie heilt man Online-Suchterkrankungen, wo doch Abstinenz „vom Internet“ in unserer digitalen Gesellschaft gar keine Option mehr ist? Dr. Anja Bischof ist Gesundheitswissenschaftlerin und arbeitet an der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie, Universität zu Lübeck in der Forschungsgruppe „Sucht“ unter anderem zu Verhaltenssüchten. Als Beisitzerin des Vorstands der Deutschen Gesellschaft für Suchtforschung und Suchtherapie, der DG-Sucht, war sie beteiligt an der Entstehung von Leitlinien zur Diagnose und Behandlung von Internetnutzungsstörungen. Im Digitalgespräch erklärt die Expertin, wann eine Sucht vorliegt, wie man das herausfinden kann, und warum es wichtig ist, hierfür klare Kriterien zu entwickeln. Sie beschreibt, wie Suchtverhalten im Digitalen entsteht, welche Risikofaktoren es gibt, und welche Vorsichtsmaßnahmen man ergreifen kann, um sich oder seine Angehörigen zu schützen. Mit den Gastgeberinnen Marlene Görger und Petra Gehring diskutiert Bischof, wo Verantwortlichkeiten vor allem für den Schutz von Kindern und Jugendlichen liegen, ob wir im Fall der Internetnutzungstörungen Gefahr laufen, neue Normalitäten zu pathologisieren oder krankmachendes Verhalten zu normalisieren – und was die Forschung dazu beitragen kann, beides zu vermeiden. Link zum Originalbeitrag: https://zevedi.de/digitalgespraech-066-anja-bischof Link zur S1-Leitlinie „Diagnostik und Therapie von Internetnutzungsstörungen“: https://register.awmf.org/de/leitlinien/detail/076-011 Link zur Webseite „Erste Hilfe Internetsucht“: https://www.erstehilfe-internetsucht.de/ Link zur Websete „Diagnostik von Internetnutzungsstörungen. Tools und Tipps zu Screening, Diagnostik & Intervention“: http://dia-net.com/

Wissen, Verantwortung, Effizienz: Der Arztberuf unter dem Einfluss „Künstlicher Intelligenz“
Was wir im Alltag allgemein „Künstliche Intelligenz“ nennen, hat viele Funktionsweisen und Anwendungsfelder. Auch in der Medizin kommen schon lange und routiniert unterschiedlichste KI-Systeme zum Einsatz. Sie unterstützen medizinisches Fachpersonal bei der Anamnese und Diagnose oder am OP-Tisch, indem sie der individuellen Kompetenz und Erfahrung menschlicher Expert:innen statistische Auswertungen und – darauf basierend – Handlungsempfehlungen zur Seite stellen. Ärztinnen und Ärzte können diese unterschiedlichen Informationsquellen nutzen, um auf die jeweiligen Bedürfnisse ihrer Patient:innen individuell einzugehen und diese möglichst optimal zu behandeln. Es spielen heute aber nicht nur speziell für den medizinischen Berufsalltag entwickelte KI-Produkte eine Rolle, sondern es stehen auch Patient:innen KI-Systeme zur Verfügung – meist in der Gestalt von Chat-Bots, die menschliche Kommunikation simulieren und damit den Eindruck verstärken, man sehe sich einem im menschlichen Sinne „intelligenten“ System gegenüber, das auch bei medizinischen Problemen ansprechbar ist.. Mit dem Hype um diese Systeme entstand in Bezug auf die medizinische Versorgung eine große Erwartungshaltung: Kann „die KI“, die an so vielen anderen Stellen Personal zu ersetzen beginnt und Effizienzsteigerung verspricht, auch ein Mittel gegen den medizinischen Fachkräftemangel sein? Dr. Oswald Hasselmann ist Facharzt für Kinder- und Jugendmedizin mit Schwerpunkt auf Neurologie, gehört zum Leitungsteam des Ostschweizer Kinderspitals und ist Präsident der Schweizerischen Gesellschaft für Biomedizinische Ethik. Der Experte für ethische Werte in medizinischen Berufen erklärt im Digitalgespräch, an welchen Stellen populäre Systeme wie ChatGPT im medizinischen Alltag auftauchen, wie medizinische KI-Produkte eingesetzt werden, welche neuen Formen von Wissen dabei entstehen und wie realistisch Erwartungen sind, die Ärzteschaft, Politik und Patient:innen damit verbinden. Mit den Gastgeberinnen Petra Gehring und Marlene Görger diskutiert Hasselmann, welche Folgen die Normalisierung des KI-Einsatzes für die Kompetenz und Verantwortung von Mediziner:innen hat, welche neuen Aspekte darum in die Aus- und Weiterbildung aufgenommen werden sollten – und ob wir uns von der Privatheit unserer Gesundheitsdaten verabschieden müssen, um den Einsatz kommerzieller KI-Produkte in der ärztlichen Versorgung zu unterstützen. Link zum Originalbeitrag: https://zevedi.de/digitalgespraech-065-oswald-hasselmann Link zur Webseite der Schweizerischen Gesellschaft für Biomedizinische Ethik: https://www.bioethics.ch/sgbe/

Literatur vereinfachen – mit KI? Digitalität und kulturelle Teilhabe
Kulturelle Teilhabe auch an Literatur ist ein Menschenrecht. Der Zugang zu Kulturgütern und Kunstwerken – die nicht nur individuell bereichernd sein können, sondern prägend für unsere Gesellschaft sind – soll möglichst vielen Menschen offen sein. „Zugang“ meint dabei einerseits die sinnliche Erfahrbarkeit für das Werk wesentlicher Aspekte, aber auch die Möglichkeit eines Verstehens dessen, womit man sich dabei konfrontiert. Im Fall der Literatur stellt anspruchsvolle Schriftsprache allerdings für viele Menschen ein Hindernis dar. Bis zu 17 Millionen Erwachsene haben laut Studien in Deutschland aus ganz unterschiedlichen Gründen eine Beeinträchtigung des Leseverstehens, der ihnen den Zugang zu Literatur erschwert oder ganz verstellt. Soll man hier eingreifen, indem man die literarischen Werke selbst – vielleicht sogar mittels KI – verändert? Um den Ansatz, Literatur in Wortschatz, Grammatik, inhaltlicher Komplexität und Bedeutung zum Teil radikal zu vereinfachen, ist jedenfalls eine leidenschaftliche Kontroverse entstanden. Auf der einen Seite gibt es auf dem Markt eine Nachfrage nach vereinfachten Klassikern – mitunter verbunden mit der Einforderung des Menschenrechts auf kulturelle Teilhabe. Auf der anderen Seite steht nicht bloß die Würde großer Kunstwerke, sondern vor allem die Frage, ob die Vereinfachung von Literatur überhaupt das leistet, was sie verspricht: Ist ein Kunstwerk, dessen Komplexität reduziert wurde, noch erfahrbar, oder liegen bei dem, was als vereinfachte Literatur publiziert wird, schlicht andere, neue Texte vor, die ihren Vorlagen in Witz und Wirkung kaum noch gleichen? In dieses Bild tritt nun generative KI, denn erste Verlage und Online-Communities erzeugen auch mithilfe großer Sprachmodelle vereinfachte Versionen literarischer Werke – die Vorstellung einer „Vereinfachung auf Knopfdruck“ scheint greifbar. Was die einen als vielversprechende Hilfestellung auffassen, lehnen andere als Kulturfrevel kategorisch ab, während Dritte befinden, generative KI sei rein technisch sowie aus im Wesen der Literatur selbst liegenden Gründen überhaupt nicht geeignet für diese Art von Aufgabe. Thomas Kater ist Literaturwissenschaftler, hat Germanistik, Philosophie und katholische Theologie studiert und forscht zurzeit an der Universität Münster als Senior Fellow in der Kolleg-Forschungsgruppe „Zugang zu kulturellen Gütern im digitalen Wandel“. Im Digitalgespräch erklärt der Experte, welche Eigenschaften literarischer Werke Hürden in der Rezeption darstellen und wie man versucht, sie abzubauen, und vor welchem Dilemma diejenigen stehen, die mittels Vereinfachung von Werken kulturelle Teilhabe ermöglichen wollen. Er schildert, wer hier diskutiert und was zentrale Argumente sind, welche Aspekte von Digitalität eine Rolle spielen, wenn es um Teilhabe an Literatur und dem Literaturbetrieb geht, und welche rechtlichen und praktischen Fragen dabei relevant sind. Mit den Gastgeberinnen Marlene Görger und Petra Gehring diskutiert Kater, wie Digitalität die Publikationspraxis verändert, welche neuen Akteure sich dabei für kulturelle Teilhabe einsetzen, wie sich Schriftsteller:innen positionieren, an welche Kernfragen der Literaturwissenschaft der Streit um Vereinfachung von Literatur führt, ob der Einsatz von KI zur Übertragung in leichte und einfache Sprache wirklich ein plausibler Ansatz ist, um in kurzer Zeit wichtige literarische Werke einem bisher ausgeschlossenen Publikum zugänglich zu machen – und welche alternativen Zugänge neben der Vereinfachung Teilhabe ermöglichen können. Link zum Originalbeitrag: https://zevedi.de/digitalgespraech-064-thomas-kater Link zur Webseite der Kolleg-Gruppe „Zugang zu kulturellen Gütern im digitalen Wandel“: https://www.uni-muenster.de/KFG-Zugang/forschung/index.html

Das Virtual Operations Support Team des THW: Internet-Einsätze im Zivil- und Katastrophenschutz
Menschen, die gewohnt sind, über Social Media zu kommunizieren, tun das auch in Ausnahmesituationen – Posts, Bilder und Videos von Überschwemmungen, Explosionen und anderen Katastrophen informieren dann nicht nur Freund:innen, Familie oder Follower, sondern im Zweifel auch Einsatzkräfte, die sich um diese Gefahrenlagen kümmern müssen. Das haben findige, internetaffine Freiwillige schon früh erkannt. So gibt es heute weltweit Virtual Operations Support Teams (VOST), die dezentral, schnell und kompetent die Informations- und Desinformationsflut des Internets nach relevanten Hinweisen durchforsten. Sie unterscheiden glaubwürdige von irreführenden Inhalten, kombinieren verschiedene Datenquellen geschickt, und helfen so den Verantwortlichen vor Ort maßgeblich, richtige Entscheidungen zu treffen. Auch das Technische Hilfswerk, die auf Ehrenamt aufgebaute Organisation für Zivil- und Katastrophenschutz in Deutschland, hat ein solches VOST. Ralf Daniel, im Beruf Polizeibeamter und Dozent für Kriminalistik, leitet das VOST des THW. Im Digitalgespräch erklärt er, welche Expertisen in seinem Team zusammenkommen, und wie genau es mit den Einsatzkräfte vor Ort zusammenarbeitet. Er beschreibt typische Einsätze und welche Fragestellungen dabei das Monitoring Sozialer Medien anleiten, wie Informationen aufbereitet und weitergeben werden, und wo Grenzen der Zuständigkeit und Möglichkeiten des VOST liegen. Mit den Gastgeberinnen Marlene Görger und Petra Gehring diskutiert Daniel, was gerade in unübersichtlichen Lagen einen guten Umgang mit Falschmeldungen und bewusster Irreführung ausmacht, wie wichtig kommunale Netzwerke gerade im Ernstfall sind, und welchen Stellenwert die Kommunikation über Soziale Medien und Netzwerke im Zivil- und Katastrophenschutz heute hat – oder haben sollte. Link zum Originalbeitrag: https://zevedi.de/digitalgespraech-063-ralf-daniel Link zur Webseite des Virtual Operations Support Teams des THW: https://www.thw.de/SharedDocs/Einheiten/DE/006_vost.html

Schutz mittels Digital Services Act: Die Durchsetzung von Kinderrechten in digitalen Diensten
Mit der Verabschiedung des Digital Services Act (DSA) und des Digital Markets Act (DMA) wagte die EU-Kommission 2022 einen Paradigmenwechsel. Sie schuf ein umfassendes Rahmenwerk, das Rechte für Nutzer:innen digitaler Vermittlungsdienste – wie z. B. Social Media Plattformen oder Marktplätze für private Angebote – gegenüber den Anbietern dieser Dienste begründet. Der Schutz von Kindern und Jugendlichen steht dabei besonders im Fokus, denn obwohl deren Alltag und Sozialleben stark geprägt ist von Sozialen Medien, sind diese Umgebungen alles andere als kindgerecht. Jugendgefährdende Inhalte, denen schon kleine Kinder plötzlich und ohne Vorwarnung ausgesetzt werden können, sind gefährlich. Es gibt aber auch Straftäter, die im Netz Kontakt zu Minderjährigen aufbauen. Und nicht zuletzt birgt die Nutzung digitaler Medien als solches schon Risiken, etwa Störungen der geistigen und motorischen Entwicklung, manifeste Suchterkrankungen, oder Schädigungen durch gesundheitsgefährdende Trends, die über Social Media Verbreitung finden. Es ist keine Lösung, Kindern und Jugendlichen die Nutzung digitaler Medien zu verbieten. Dies schlösse sie aus der digitalen Öffentlichkeit aus – und aus völliger Unerfahrenheit entstünde auch kein nachhaltiger Schutz. Heranwachsende haben also nicht nur das Recht auf Schutz ihrer Privatsphäre und Gesundheit, sondern auch auf altersgerechte Teilhabe und Befähigung zu einem selbstbestimmten Umgang mit digitalen Medien. Der Volljurist Michael Terhörst leitet die neue, unabhängige Stelle zur Durchsetzung von Kinderrechten in digitalen Diensten (KidD). Im Digitalgespräch beschreibt der Experte für Kinder- und Jugendmedienschutz, welchen Gefahren Heranwachsende bei der Nutzung von Online-Plattformen ausgesetzt sind, wer dafür zuständig ist, sie davor zu schützen, und wie diese Stellen dabei vorgehen. Er erklärt, wie gerade der DSA die Rechte von Kindern und Jugendlichen stärken kann, warum nicht nur die Strafverfolgung im Einzelfall, sondern auch die Erarbeitung verbindlicher Standards und integrierter Schutzmechanismen wichtig ist und nennt konkrete Möglichkeiten, digitale Dienste sicherer und jugendfreundlicher zu machen. Mit den Gastgeberinnen Marlene Görger und Petra Gehring diskutiert Terhörst, ob Online-Angebote insgesamt kindgerechter werden müssen, welche gemeinsame Perspektive die EU-Mitgliedstaaten auf das Thema haben - und welche konkreten Schritte nun nötig sind, damit die Rechte Heranwachsender auf Schutz, Befähigung und Teilhabe auch im digitalen Leben gewahrt werden können. Link zum Originalbeitrag: https://zevedi.de/digitalgespraech-062-michael-terhoerst Link zum „Gefährdungsatlas“ der Bundeszentrale für Kinder- und Jugendmedienschutz: https://www.bzkj.de/bzkj/service/publikationen/gefaehrdungsatlas-digitales-aufwachsen-vom-kind-aus-denken-zukunftssicher-handeln-aktualisierte-und-erweiterte-2-auflage--197812 Link zur Working Group 6 des European Board for Digital Services: https://digital-strategy.ec.europa.eu/en/library/working-group-6-european-board-digital-services-protection-minors

Digital Streetwork: Sozialarbeit in digitalen Räumen
Chat-Foren, Social Media, Online-Communities – das Internet bietet viele Adressen und Bezugspunkte, die sich als „digitale Räume“ umschreiben lassen. Man kann dort Gleichgesinnten begegnen, sich informieren, seinen Interessen nachgehen – oder aber sehr gezielt bestimmte Personengruppen identifizieren und sogar kontaktieren. Die soziale Arbeit tut dies. Sie hat, angeführt durch Pioniere eines „Digital Streetwork“, das Internet als Zugangsmöglichkeit zu schwer erreichbaren oder besonders vulnerablen Zielgruppen entdeckt. Und obwohl gerade kleine, spezialisierte Netzwerke die Sozialarbeiter als Ergänzung und Entlastung (oft ehrenamtlicher) Content-Moderatoren schätzen und unterstützen, ist aufsuchende digitale Kommunikation noch nicht in der Breite sozialer Arbeit etabliert. Spezifische Kompetenzen, die „digitale“ Sozialarbeiterinnen und Sozialarbeitet für ein glaubhaftes und vertrauenswürdiges Auftreten in Netz-Communities brauchen, sind kaum Teil der Ausbildung. Politische Unterstützung und öffentliche Nachfrage laufen nur langsam an. Allerdings sind auch die Interessen und Geschäftspraktiken großer, kommerzieller Plattformen nicht unbedingt kompatibel mit den Bedingungen für eine seriöse, an professionellen Standards orientierten Sozialarbeit. Christina Dinar ist Sozialarbeiterin und hat zudem Kulturwissenschaften studiert. In ihrer praktischen Arbeit wie auch als Wissenschaftlerin und Dozentin an der Katholischen Hochschule für Sozialwesen Berlin etabliert sie in der sozialen Arbeit einen Fokus auf Communities in digitalen Räumen. Die Expertin und Pionierin für „Digital Streetwork“ erklärt im Digitalgespräch, was gute Sozialarbeit im Netz bewirkt und unter welchen Voraussetzungen sie gelingt, wie weit die Professionalisierung der digitalen sozialen Arbeit im Netz heute ist, und welche Kompetenzen Digital Streetworker:innen brauchen. Sie beschreibt unterschiedliche Konzepte und Herangehensweisen dieser Variante Sozialer Arbeit, und welche Position Digital Streetwork gegenüber Content-Moderator:innen und Plattformbetreibern einnimmt. Mit den Gastgeberinnern Marlene Görger und Petra Gehring diskutiert Dinar, wer Verantwortung trägt für sozialverträgliche, sichere digitale Räume, welche Bedeutung globale Plattformen als Infrastruktur für soziale Arbeit heute haben – und ob die Finanzierungslogik für soziale Projekte, die aus der analogen Zeit stammt, für die digitale Welt greift. Link zum Originalbeitrag: https://zevedi.de/digitalgespraech-061-christina-dinar Link zu Christina Dinars Profil auf der Webseite der Katholischen Hochschule für Sozialwesen Berlin: https://www.khsb-berlin.de/de/profile-personal/136265 Link zum Ansatz „Digital Streetwork“ der_ Amadeu Antonio Stiftung_: https://www.amadeu-antonio-stiftung.de/good-gaming-well-played-democracy/digital-streetwork/

Weit mehr als Technik: Suchmaschinen verstehen
Die Nutzung von Suchmaschinen ist uns im digitalen Alltag so selbstverständlich, dass wir nur selten deren Design, ihre Funktionsweise und vor allem: die Ergebnisse unserer Suche hinterfragen. Die erfolgreiche Internetsuche war zu den Anfangszeiten des WWW eine Herausforderung für Expert:innen. Heute hingegen ist jede:r Mensch in der Lage, von einer Suchmaschine in Sekundenschnelle brauchbare Treffer zu erhalten. Was dahinter steht: ein gigantischer Aufwand. Macht man sich klar, wie groß die Menge an Netzinhalten ist, die dafür von den Suchmaschinen systematisch zusammengetragen und hinsichtlich ihrer Relevanz interpretiert werden müssen, erahnt man, warum es nur wenige Suchmaschinen gibt – und warum der Aufwand sich für diese Akteure ganz offensichtlich lohnt, obwohl die äußerliche Dienstleistung, eben die Suche, auf den ersten Blick gratis ist. Um zu verstehen, wie Suchmaschinen funktionieren und warum der unangefochtene Marktführer Google so erfolgreich ist, sind jenseits der technischen Systeme Geschäftsmodelle wichtig. In diesen sind Nutzer:innen bekanntermaßen nicht die Kund:innen, sondern ein Stück weit Mittel zum Zweck. Und die Selbstverständlichkeit der Internetsuche täuscht leicht darüber hinweg, welche kulturellen und politischen Dimensionen noch im Komplex „Suchmaschinen“ stecken. Welche Folgen hat die Beschaffenheit des Suchmaschinenmarktes für die Qualität von Suchergebnissen und die Pluralität der Perspektiven auf die Inhalte im Netz, die immer mehr Abbild unserer kollektiven Wirklichkeit sind? Dirk Lewandowski ist Professor für Information Research & Information Retrieval an der Hochschule für Angewandte Wissenschaften Hamburg und ausgewiesener Experte für Suchmaschinen und ihre Funktion innerhalb der digitalen Gesellschaft. Im Digitalgespräch erklärt der Wissenschaftler, wie Suchmaschinen technisch aufgebaut sind, welche Bedeutung sie für unsere Nutzung des Internets haben und wie die Geschäftsmodelle ihrer Anbieter mit Interessen von Nutzer:innen, und Produzent:innen von Web-Inhalten zusammenspielen. Er erklärt, wie die Marktdominanz von Google zustande kam, warum sie für gute Internetsuche schädlich ist, und welche Möglichkeiten für die Wiederbelebung eines echten Wettbewerbs der Suchmaschinen realistisch sind. Mit den Gastgeberinnen Marlene Görger und Petra Gehring diskutiert Lewandowski, wie sich unser aller Nutzungsverhaltung auf Design und Funktionsweise heutiger Suchmaschinen auswirken, wie generative Sprachmodelle ins Bild kommen, ob wir eine europäische Infrastruktur für Suchmaschinen brauchen – und ob wir (wieder) lernen sollten, wie man geschickt nach Netzinhalten sucht. Link zum Originalbeitrag: https://zevedi.de/digitalgespraech-060-dirk-lewandowski Link zu Dirk Lewandowskis Profil an der HAW Hamburg: https://www.haw-hamburg.de/hochschule/beschaeftigte/detail/person/person/show/dirk-lewandowski/ Link zu Dirk Lewandowskis Buch „Suchmaschinen verstehen“: https://link.springer.com/book/10.1007/978-3-662-63191-1 Link zur Open Search Foundation: https://opensearchfoundation.org/

Wer hat die Macht im Zeitalter sogenannter "Künstlicher Intelligenz"?
bonusDas Digitalgespräch meldet sich vor den Feiertagen mit einer Bonusfolge: Die Gastgeberinnen Petra Gehring und Marlene Görger laden die Hörer:innen ausnahmsweise nicht zu einem Interview, sondern zu einem Vortrag ein. Am 10. und 11. Dezember 2024 hat in Darmstadt ein Symposium „Content? Context!“ stattgefunden, es ging um „Generative KI und kreative Autorschaft in Wissensarbeit und Literatur“. Federführend für das Programm war die Schriftstellerin, Übersetzerin und Moderatorin Nina George als Fellow des Zentrums verantwortungsbewusste Digitalisierung. Als einer der Gäste des Symposiums sprach Paul Nemitz, Chefberater der Europäischen Kommission, über rechtliche Möglichkeiten und Perspektiven des Schutzes der Interessen von Autor:innen und Kreativschaffenden angesichts der Übermacht von Software-Unternehmen. Der Vortrag – gerichtet an Betroffene, die nach Strategien und Hebeln suchen, ihre Rechte geltend zu machen – gibt Einblicke in die Welt der Lobbyarbeit auf EU-Ebene, enthält Ratschläge und benennt Notwendigkeiten, und er macht die gesamtgesellschaftliche Perspektive klar, vor der die legitimen Interessen einzelner Kreativer und ihrer Verbände zu einer demokratischen Angelegenheit werden. Link zum Originalbeitrag: https://zevedi.de/digitalgespraech-bonusfolge-paul-nemitz Link zum interaktiven Symposium "Content? Context! Generative KI und kreative Autorschaft in Wissensarbeit und Literatur“ am 10. und 11. Dezember 2024 in Darmstadt“: https://zevedi.de/themen/generative-ki-und-kreative-autorschaft/ Link zu Digitalgespräch Folge 36 mit Chris Biemann von der Universität Hamburg: https://zevedi.de/digitalgespraech-036-chris-biemann/ Link zu Digitalgespräch Folge 51 mit Jenifer Becker von der Universität Hildesheim: https://zevedi.de/digitalgespraech-051-jenifer-becker/ Link zu Digitalgespräch Folge 52 mit Nina George vom European Writers‘ Council: https://zevedi.de/digitalgespraech-052-nina-george/

Was sind Berufsbilder und verändern sie sich durch Digitalität?
Wie wir arbeiten verändert sich im digitalen Zeitalter und durch Digitalität. Neue Aufgaben und Berufe entstehen, andere verändern sich radikal oder fallen weg, einfache wie auch komplexe Tätigkeiten können an Maschinen übertragen werden oder werden es bereits. Betroffen sind wir alle, egal, ob wir neuen technischen Möglichkeiten mit Zurückhaltung begegnen oder sie neugierig in unser Berufsleben integrieren – wenn wir überhaupt diese Wahl haben. Ob Unternehmen die Bedürfnisse und Kompetenzen ihrer Mitarbeiter wertschätzen und die Belegschaft in Transformationsprozesse integrieren, oder ob sie anonyme Angestellte als weisungsgebundene Zuarbeiter betrachten, macht nicht nur für die Akzeptanz von Veränderungen am Arbeitsplatz einen großen Unterschied, sondern entscheidet darüber, wie digitale Arbeitswelten ausgestaltet werden. Und in unserer Gesellschaft, in der junge Generationen zahlenmäßig klein sind und Berufseinsteiger in der Regel viele Optionen haben, gewinnt die Frage, wie wir arbeiten wollen und worin unsere Stärken liegen, an neuer Bedeutung. Dr. Britta Matthes, Soziologin und studierte Biologin, leitet den Bereich „Berufe in der Transformation“ am Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung der Bundesagentur für Arbeit. Im Digitalgespräch erklärt die Expertin, welche Mechanismen im Wandel von Berufsbildern und Arbeitsmarktstrukturen wirken, und wie der digitale Wandel der Berufswelt erforscht werden kann. Sie erklärt, auf welche neuen Gegebenheiten und Anforderungen unser Berufsleben in Zukunft prägen werden, wie unterschiedliche Berufsfelder Digitalität in ihre Prozesse integrieren und auf wessen Expertise es dabei ankommt, welche Hürden dabei im Weg stehen und welche Gestaltungsspielräume es gibt. Mit den Gastgeberinnen Marlene Görger und Petra Gehring diskutiert Matthes, welche Besonderheiten des deutschen Arbeitswesens in der Umsetzung von Digitalität sichtbar werden, was angesichts permanenter Veränderungen den Kern eines Berufs ausmacht, wie wir dabei als Individuen unser Berufsleben gestalten können – und ob die Idealvorstellung, „seinen“ Beruf ein Leben lang auszuüben, noch zeitgemäß ist. Link zum Originalbeitrag: https://zevedi.de/digitalgespraech-059-britta-matthes Link zum Link zum Job-Futuromaten des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung: https://job-futuromat.iab.de/

Gesetze im „Digitalcheck“ und was daraus folgt: Verwaltung digitaltauglich aufstellen
Die Digitalisierung von Staat und Verwaltung soll schnell voranschreiten – und an digitale Lösungen zur Erfüllung öffentlicher Aufgaben werden hohe Anforderungen gestellt. Die digitale Verwaltung ist dabei kein Selbstzweck, sondern soll Prozesse effizienter, übersichtlicher und barrierefreier machen. Neben zahllosen konkreten, bedarfsgenauen Softwarelösungen, die am analogen Status quo ansetzen, sind daher auch Strategien gefragt, Digitalität langfristig als neue Normalität zu etablieren. Das heißt auch: Methoden zu entwickeln, mit denen sichergestellt werden kann, dass Regelungen, Gesetze und Prozesse von vornherein mit den Bedürfnissen der digitalen Gesellschaft und den Anforderungen des digitalen Staates kompatibel sind. Eine Einrichtung, die dabei helfen soll, diese große Aufgabe zu bewältigen, ist die DigitalService GmbH des Bundes, die 2020 ins Leben gerufen wurde. Die IT-Managerin Stephanie Kaiser ist Chief Product Officer des DigitalService, der zentralen Digitalisierungsstelle des Bundes. Im Digitalgespräch beschreibt die Expertin für Softwareentwicklung und IT-Projekte, welche Aufgaben diese ungewöhnliche Stelle hat, wie sie arbeitet und welche Neuerungen dabei entstehen. Sie erklärt, was es bedeutet, Regeln oder Prozesse „digitaltauglich“ zu gestalten, wer daran beteiligt ist und wie Bürger:innen und Verwaltungsangestellte davon profitieren. Mit den Gastgeberinnen Marlene Görger und Petra Gehring diskutiert Kaiser, wie sich Arbeitsweisen aus der Privatwirtschaft im öffentlichen Sektor anwenden lassen, welche Vermittlungsarbeiten dabei hilfreich sind – und wie es gelingen kann, auf Dauer und im großen Maßstab gute digitale Lösungen für die Schnittstellen zwischen Staat und Bürger:innen bereitzustellen. Link zum Originalbeitrag: https://zevedi.de/digitalgespraech-058-stephanie-kaiser Link zum im Gespräch erwähnten Blog-Beitrag mit Digitalcheck-Praxisbeispiel zum Stromsteuerrecht: https://digitalservice.bund.de/blog/aktuelles-beispiel-fuer-digitaltaugliche-regelungen-das-stromsteuerrecht

Dynamische digitale Strategien für den europäischen Sender ARTE
Der Fernsehsender ARTE ist ein Projekt, das die Verständigung und den kulturellen Austausch zwischen den Ländern Europas fördern soll. Der Sender und insbesondere auch seine Mediathek sind berühmt für ihr sorgfältig kuratiertes Angebot, das Kunst, Unterhaltung, Information und Bildung bietet. Nicht nur das sogenannte lineare Fernsehen, also das klassisch nach einem festen Zeitplan ausgestrahlte Programm, sondern auch die Präsentation der Inhalte in der digitalen Welt wird sorgfältig und mit viel Aufwand von Expert:innen für die Bedürfnisse eines europäischen Publikums zusammengestellt. ARTE hat Fans, die das aufwendig bereitete Angebot gezielt aufsuchen und schätzen, aber wie für alle Anstalten des öffentlich-rechtlichen Rundfunks gilt auch für den deutsch-französischen Kultursender: Die hohe Dynamik der Digitalität fordert kluge Strategien und auch die Bereitschaft, wechselnde Wege zu den Zielgruppen zu gehen. Technologische Neuerungen bieten hier große Chancen – sofern es gelingt, sie im Sinne des öffentlichen Auftrags und des eigenen Selbstverständnisses einzusetzen. Kemal Görgülü ist Chief Technology Officer der Zentrale ARTE GEIE, des Hauptsendersitzes in Straßburg, und verantwortet dort unter anderem die Entwicklung und Umsetzung von Strategien für die Digitalität, insbesondere den Einsatz „Künstlicher Intelligenz“. Im Digitalgespräch beschreibt der Experte für technologische Innovation im Bereich redaktioneller Arbeit, welche Strategien ARTE verfolgt, welche Überlegungen und Werte dabei maßgeblich sind, und was es bedeutet, dass sich der Sender ARTE als explizit europäische „Content-Boutique“ versteht. Er zeigt auf, an welchen Stellen – sichtbar für das Publikum wie auch hinter den Kulissen – große Potenziale für den Einsatz von KI-Systemen liegen und wo sie schon heute ganz selbstverständlich eingesetzt werden. Mit den Gastgeberinnen Marlene Görger und Petra Gehring diskutiert Görgülü, wie öffentlich-rechtliche Sender im Sinne der Allgemeinheit auf neue Gewohnheiten in der Mediennutzung reagieren können, welche Kooperationspartner es für diese Aufgabe gibt, wo die Grenzen dessen liegen, was einzelne Sender und Medienanstalten zu leisten vermögen – und an welchen Stellen auch Entscheider:innen und Politik angesichts digitaler Wirklichkeiten umdenken sollten. Link zum Originalbeitrag: https://zevedi.de/digitalgespraech-057-kemal-gorgulu Link zur ARTE-Webseite und Mediathek: https://www.arte.tv Link zur Webseite der Beyond Platforms Initiative: https://beyond-platforms.org/

Tokenisierung von CO2-Zertifikaten: Blockchain für den Klimaschutz?
Für den Klimaschutz sind große Anstrengungen nötig, um einerseits den Ausstoß von Kohlendioxid zu reduzieren, andererseits CO2 aus der Atmosphäre zu entnehmen. Und auch, wenn die Dringlichkeit der Maßnahmen grundsätzlich anerkannt ist, bedarf es gezielter Vorgaben und Anreize, um Unternehmen zum Mitmachen zu motivieren. Ein Instrument, das hierbei seit einigen Jahren zum Einsatz kommt, sind CO2-Zertifikate. Dieses neuartige Konstrukt hat ein komplexes Feld aus Verpflichtungen und Regeln, freiwilligem Engagement, und internationalen Kooperationen geschaffen. Dabei sind staatliche Akteure genauso involviert wie private. Das alles ist nicht nur schwierig zu überblicken, sondern die Möglichkeit des Ausstellens, Kaufens und Verkaufens der Zertifikate hat auch eigene Märkte hervorgebracht hat, auf denen diese Zertifikate fast die Funktion von Wertpapieren erfüllen. Ob man sie rechtlich tatsächlich so behandeln – das heißt auch: regulieren – sollte, ist allerdings nicht abschließend geklärt. Eine Idee, den Handel mit CO2-Zertifikaten zu erleichtern und auch vertrauenswürdiger zu machen, wäre es, ihn über eine geeignete Blockchain abzuwickeln. Der Schritt ist möglich, vielleicht sogar naheliegend – in jedem Fall machte er den Handel mit Carbon Credits kostengünstig, schnell und vermutlich auch transparent. Erste Beispiele für „tokenisierte Carbon Credits“ gibt es schon. Die Neuentwicklung beschäftigt nicht nur Informatik, Wirtschaftswissenschaften und Unternehmen, sondern insbesondere auch Jurist:innen. Welche Entscheidungen sind hier von Bedeutung und warum schauen internationale Expert:innen dabei mit Interesse auf den europäischen Rechtsraum und seine Bemühungen, Märkte für Krypto-Werte zu regulieren? Dominik Skauradszun ist Professor für Bürgerliches Recht, Zivilverfahrensrecht und Unternehmensrecht an der Hochschule Fulda und Richter am Oberlandesgericht in Frankfurt am Main. Er forscht und lehrt auch an der Universität Bielefeld und der Nottingham Trent University, und berät als Experte und Sachverständiger Prozesse und Institutionen auf nationaler und EU-Ebene. Im Digitalgespräch erklärt der Experte für Rechtsfragen der Tokenisierung, was CO2-Zertifikate sind, welche Unterschiede es gibt, wie die Märkte für den Handel mit diesen Zertifikaten aussehen, und welche Teilnehmer dabei wichtige Funktionen erfüllen. Er legt dar, warum sich die Blockchain hierbei als technische Umgebung anbietet, und welche Konsequenzen dieser Digitalisierungschritt nach sich ziehen wird. Mit den Gastgeberinnen Marlene Görger und Petra Gehring diskutiert Skauradszun, welche Probleme dadurch gelöst werden können, welche bestehen bleiben werden, ob aus Sicht der Unternehmen die hohe Transparenz bei den Transaktionen Vorteil oder Nachteil darstellt – und warum es nötig ist, dass Jurist:innen zur Tokenisierung von CO2-Zertifikaten forschen. Link zum Originalbeitrag: https://zevedi.de/digitalgespraech-056-dominik-skauradszun Link zu Dominik Skauradszuns Profil auf der Webseite der Hochschule Fulda: https://www.hs-fulda.de/wirtschaft/ueber-uns/professuren/details/person/prof-dr-dominik-skauradszun-llm-2-483/contactBox

IT-Riesen und Softwaremonopole: Das Ringen der Hochschulen um digitale Souveränität
Die Abhängigkeit der Unternehmen und Verwaltungen von außereuropäischen Technologie-Anbietern ist in den letzten Jahren deutlich spürbar. Auch Hochschulen gegenüber nutzen große Firmen, die mit wenig bis keiner Konkurrenz für den wissenschaftlichen Alltag praktisch unverzichtbare Soft- und Hardware bereitstellen, ihre Position offenbar bewusst aus: Sie drehen gezielt an Preisschrauben, setzen den Hochschulen komplizierte Lizenzmodelle vor, zwingen ihnen neue Produkttypen auf und stabilisieren so nicht zuletzt ihre Präsenz im Alltag der Anwender:innen; Studierende erzieht das fast automatisch zu dauerhaften Kund:innen von Google, Microsoft, Adobe & Co. Auswege aus dieser Zwangslage sind nur schwer zu finden, denn die Hochschulen haben kaum Verhandlungsmacht. Ihr Auftrag lautet "Forschung und Lehre", Extra-Invest in teure Change-Prozesse ist nicht vorgesehen. So müssen sie immer mehr ihres knappen Budgets für die Bereitstellung der dringend benötigten Technik vorsehen. Längst beginnt das Geld für die IT anderswo zu fehlen, und auch Datenschutzstandards und Nutzungsbedingungen, zu denen IT-Riesen ihre Produkte bereitstellen, sind an vielen Stellen fragwürdig – eine Gefahr für freie Forschung und Lehre. Zwar existieren Alternativen, etwa Open Source-Lösungen, oder europäische Produkte, die zu besseren Konditionen eingesetzt werden könnten, aber eine Umstellung aller Mitarbeiter:innen und Systeme auf bisher wenig erprobte Neuerungen wäre komplex, im Normalbetrieb kaum durchsetzbar, und für einzelne Einrichtungen nicht ohne Risiko. Hilft es, sich zusammenzuschließen? Muss die Politik – anders – handeln? Und wissen alle Beteiligten, was auf dem Spiel steht? Ramin Yahyapour ist Professor für E-Science und praktische Informatik an der Georg-August-Universität Göttingen und leitet die Gesellschaft für wissenschaftliche Datenverarbeitung mbH Göttingen, die der Universität wie auch der Max-Planck-Gesellschaft als Rechenzentrum und IT-Kompetenzzentrum dient. Der renommierte Experte für Hochleistungsrechnen, Cloud-Anwendungen und Datenmanagement engagiert sich seit vielen Jahren für digitale Souveränität. Im Digitalgespräch schildert Yahyapour die Lage, in der sich Hochschulen zurzeit als Kundinnen von Technologieanbietern befinden, ordnet Entwicklungen ein und macht die Bedeutung digitaler Souveränität für Hochschulen klar. Er zeigt auf, welche Maßnahmen helfen könnten, Abhängigkeiten aufzulösen und welche Hürden dabei im Weg stehen. Mit den Gastgeberinnen Marlene Görger und Petra Gehring diskutiert Yahyapour, wer aktiv werden muss und mit welchen Strategien Stück für Stück Spielräume entstehen könnten, wenn das Bewusstsein für die Problematik wächst und mutige Schritte gegangen werden. Link zum Originalbeitrag: https://zevedi.de/digitalgespraeach-055-ramin-yahyapour Link zu Ramin Yahyapours Profil auf der Webseite der Universität Göttingen: https://www.uni-goettingen.de/de/635175.html Link zur Webseite der Gesellschaft für Wissenschaftliche Datenverarbeitung mbH Göttingen (GWDG) https://gwdg.de/ Link zur Broschüre „Sicherstellung der digitalen Souveränität und Bildungsgerechtigkeit. Empfehlungen zur Ausgestaltung von Rahmenbedingungen für die Nutzung von Cloud-basierten Angeboten im Bildungsbereich“ der Zentren für Kommunikation und Informationsverarbeitung in Lehre und Forschung (ZKI e. V.): https://www.zki.de/fileadmin/user_upload/ZKI-Digitale_Souveraenitaet-2022-V2.pdf

Infrastrukturen im Weltraum für die Digitalität auf der Erde
Wir nutzen den Weltraum für unser Leben auf der Erde. Auch der Ausbau der digitalen Infrastrukturen auf der Erdoberfläche hat zur Folge, dass immer mehr technische Objekte ins All befördert werden. Navigation ohne GPS ist kaum noch vorstellbar. Ebenso nutzen Telefondienste und Wetter-Apps Weltraumtechnik – und die Datenströme eines Internets der Zukunft werden wahrscheinlich nicht mehr hauptsächlich durch lange Kabel geleitet werden, sondern mittels Konstellationen tausender Satelliten, die um den Erdball herum angeordnet sind. Mittlerweile umkreisen unseren Planeten aber vor allem Reste kaputter Weltraumtechnik, die den immer dichter werdenden Verkehr wichtiger Sonden und Satelliten massiv behindern. Es handelt sich um eine unbeabsichtigte Folge der menschlichen Raumfahrt, dass Weltraumschrott die künftige Nutzung des Weltalls sogar gefährdert. Hinzu kommt das "Wetter" im All: Auch hiervon sind digitale Infrastrukturen zunehmend betroffen, die für die Sicherheit der Systeme auch auf der Erde sorgen. Wer kümmert sich um diese Probleme? Und wie kann man dafür sorgen, dass Raumfahrt die Satellitenversorgung der digitalen Gesellschaft weiterhin sicherstellen kannn? Dr. Holger Krag leitet am Europäischen Raumflugkontrollzentrum, dem ESOC, das ESA-Programm für Weltraumsicherheit, das sich auch mit Weltraumschrott und Weltraumwetter intensiv befasst. Im Digitalgespräch beschreibt der Experte die Szenerie um unseren Erdball herum und schildert, wie sich die Anforderungen an die Raumfahrt in den letzten Jahrzehnten insbesondere durch die digitale Transformation verändert haben. Er nennt Strategien im Umgang mit neuen Sicherheitsrisiken und Regelungsbedarfe, beschreibt technische Lösungen und offene Forschungsfragen. Mit den Gastgeberinnen Petra Gehring und Marlene Görger diskutiert Krag, ob die weltpolitische Lage auch die Weltraumsicherheit gefährdet, welchen Einfluss private Akteure auf die Entwicklung der Raumfahrt haben und was auf dem Spiel steht, wenn die aktuellen Probleme nicht gelöst werden können. Link zum Originalbeitrag: https://zevedi.de/digitalgespraech-054-holger-krag/ Link zur Webseite der Europäischen Weltraumorganisation ESA mit Berichten und Hintergründen zu Weltraumschrott: https://www.esa.int/Space_Safety/Space_Debris Link zur Webseite der Europäischen Weltraumorganisation ESA mit Berichten und Hintergründen zu Weltraumwetter: https://www.esa.int/Space_Safety/Space_weather

Information und Desinformation – wie steht es um die Netzöffentlichkeit?
Der Medienwandel ist längst vollzogen. Damit hat sich in Sachen „News“ eine komplizierte Gemengelage entwickelt: Das Internet ist zu einem Marktplatz der Aufmerksamkeit geworden, und prinzipiell kann jede und jeder über soziale Medien, Webseiten oder Chatkanäle „Content“ verbreiten. Quellen für Nachrichten und Informationen über das öffentliche Leben sind also längst nicht mehr beschränkt auf Zeitungsredaktionen und Rundfunkanstalten, die seriös journalistisch arbeiten – im Gegenteil werden solche etablierten Medien zunehmend von alternativen Anbietern verdrängt. Diese verfolgen teilweise mehr oder weniger offen wirtschaftliche oder politische Interessen, die mit der Einhaltung journalistischer Standards unvereinbar sind, und in der Vielzahl der Stimmen im Netz verbreiten etliche gezielt falsche oder irreführende Meldungen. Derlei Desinformation ist ein Problem für den demokratischen Diskurs, führt zu Verunsicherung und Spaltung und hat direkte Auswirkungen in der Realität, die mitunter schwer oder gar nicht mehr einzufangen sind. Solche Effekte sind von den Institutionen, die Desinformation verbreiten, beabsichtigt und bereits in der Breite sichtbar, sie werden durch automatisierte Prozesse, Algorithmen und generative KI verstärkt. Wie können wir als Gesellschaft auf diese Entwicklung reagieren, und welche Rolle hat der Journalismus und haben Medienschaffende dabei? Christian Stöcker ist Journalist, Autor und Professor für Digitale Kommunikation an der Hochschule für Angewandte Wissenschaften Hamburg, wo er den Master-Studiengang „Digitale Kommunikation“ leitet. Zuvor verantwortete er bei SPIEGEL ONLINE das Ressort Netzwelt. Der Experte für digitale Medien und ihre gesellschaftlichen Auswirkungen erklärt im Digitalgespräch die Transformation der Medienlandschaft, die wir in den letzten Jahrzehnten vollzogen haben, gibt Einblicke in Funktionsweisen und Hintergründe zentraler Online-Plattformen und zeigt Verknüpfungen mit aktuellen politischen und sozialen Entwicklungen auf. Er beschreibt, welche Auswirkungen das Vorhandensein von Desinformation auf das Berufsbild des Journalismus hat und wie junge Medienschaffende darauf vorbereitet werden. Mit den Gastgeberinnen Marlene Görger und Petra Gehring diskutiert Stöcker das Szenario, das uns erwartet, wenn die Desinformations-Strategien weiterhin erfolgreich sind, welche Maßnahmen dagegen ergriffen werden könnten – und welchen Regeln sich alle unterwerfen sollten, die die Möglichkeiten eines demokratischen Diskurses erhalten und die Schäden eindämmen wollen. Link zum Originalbeitrag: https://zevedi.de/digitalgespraech-053-christian-stoecker Link zur im Gespräch erwähnten Studie von Soroush Vosoughi et. al von 2016 zur Verbreitung von Desinformation in Online-Medien: https://www.science.org/doi/10.1126/science.aap9559 Link zur im Gespräch erwähnten Initiative „Klickwinkel“: https://klickwinkel.de/ Link zur im Gespräch erwähnten Initiative „Use the News“: https://www.usethenews.de/de

KI und der Wert menschlicher Autorschaft: Der Kampf ums Urheberrecht
In den Trainingsdaten für Systeme generativer KI finden sich Abermillionen urheberrechtlich geschützter Werke. Die Inhaber:innen der Rechte an diesem Material sind weder gefragt worden, ob sie dieser Form der Verwertung zustimmen, noch wurden sie dafür bezahlt. Dass Texte, Bilder und Musikstücke im Internet öffentlich verfügbar sind, feiern viele als Errungenschaft für freie Bildung und Teilhabe am kulturellen Reichtum der Menschheit. An profitorientierte Firmen, die auf dieser Basis große Sprachmodelle entwickeln, hat man dabei freilich nicht gedacht. Nun drohen KI-Systeme, die ihre Ergebnisse auf Grundlage gratis abgesammelter Inhalte produzieren, genau die Kreativen zu ersetzen, deren Kreativprodukte sie nutzen. Verlage und Verwertungsgesellschaften sind unter Druck. Sie versuchen, Regeln für den Umgang mit KI im professionellen Arbeitsprozess zu entwickeln und die Rechte der von ihnen vertretenen Kulturschaffenden zu schützen – vor allem gegenüber außereuropäischen Konzernen, die die technische Entwicklung dominieren. Welche Rechte können Autor:innen, deren Werke bereits in den Trainingsdaten von GPT und Co. auftauchen, in dieser komplexen Lage überhaupt noch einfordern? Wie hoch ist der Preis für KI, wenn das Urheberrecht in diesem Bereich nicht zählt? Wie lässt sich menschliche Kreativarbeit zukünftig vor der Verwertung durch IT-Konzerne schützen? Nina George ist Schriftstellerin, Übersetzerin und Moderatorin. Seit vielen Jahren setzt sie sich in politischen Prozessen aktiv für die Rechte von Künstler:innen und Kulturschaffenden ein, etwa als Präsidentin des European Writers‘ Council. Im Digitalgespräch schildert die Expertin Herausforderungen, mit denen sich Kreative und Schreibende durch die Entwicklung generativer KI konfrontiert sehen und welche Player dabei zentral sind. Sie beschreibt, welche Interessen unterschiedliche Akteure in aktuellen Aushandlungsprozessen verfolgen, macht Vorwürfe und Forderungen gegen Politik und KI-Entwickler klar und zeigt mögliche Zukunftsszenarien auf. Mit den Gastgeberinnen Marlene Görger und Petra Gehring diskutiert George, ob ein vernünftiger Umgang mit generativer KI in der Kreativwirtschaft denkbar ist, und welche Lebenswirklichkeiten der Streit um den Wert menschlicher Urheberschaft und Kulturleistung betrifft. Link zum Originalbeitrag: https://zevedi.de/digitalgespraech-052-nina-george Zur Webseite des European Writers‘ Council: https://europeanwriterscouncil.eu/ Zur Webseite des Netzwerks Autorenrechte http://www.netzwerk-autorenrechte.de/

Kreatives Schreiben mit KI
Dass große Sprachmodelle Text generieren können, ist bekannt. Seit der Veröffentlichung von ChatGPT im November 2022 haben praktisch alle Menschen mit Internetzugang die Möglichkeit, Texte maschinell erzeugen zu lassen. Davon wird rege Gebrauch gemacht, um menschliche Schreibarbeit zu ersetzen, was sich ebenfalls bemerkbar macht und die Öffentlichkeit breit diskutiert. Dabei stehen besorgniserregende Entwicklungen im Fokus, etwa negative Auswirkungen auf Menschen, die vom Schreiben leben nun die ihre berufliche Rolle bedroht sehen. Auch entstehen Schwierigkeiten im Bildungsbetrieb, wenn Schüler:innen oder Studierende unliebsame Übungsaufgaben von Maschinen erledigen lassen, und automatisch generierte Desinformation ist ein massives Problem für demokratische Gesellschaften. Weitaus weniger Aufmerksamkeit erhält die Frage, wie KI von Menschen produktiv und kreativ für Schreibprozesse eingesetzt werden kann, wenn das Schreiben als solches nicht delegiert wird, sondern transformiert als menschliche Ausdrucksform erhalten bleibt: Schriftsteller:innen, die offen und experimentierfreudig mit KI-Tools umgehen, entwickeln neue Schreibpraktiken, die klug geplant und angewandt das eigene Schaffen beflügeln können und interessante Arbeiten hervorbringen. Aber: nicht alle Literaturformen eignen sich gleichermaßen für den Einsatz von KI. Und: Leser:innen müssen sich nicht nur fragen, ob und warum es ihnen wichtig ist, ob KI beim Schreiben benutzt wurde und woran sie erkennen, welche Texte von Menschen verfasst und welche KI-generiert sind, sondern auch, wie sie gute „KI-Literatur“ von schlechter unterscheiden. Jenifer Becker ist Literatur- und Kulturwissenschaftlerin an der Universität Hildesheim, dort forscht und lehrt sie unter anderem zu digitaler Literatur und dem Einsatz von KI im Schreibprozess. Als Autorin und Künstlerin arbeitet und experimentiert sie auch selbst mit neuronalen Netzen und Sprachmodellen. Im Digitalgespräch erklärt die Expertin, wie KI-Tools den Schreibprozess unterstützen und wie sich je nach Einsatzweise die schriftstellerische Aufgabe verändert. Sie beschreibt die literarische Landschaft, in der KI-Produkte schon heute einen festen Platz haben und welche kritischen Stimmen es angesichts dieser Entwicklungen gibt, macht deutlich, worin die Eigenheiten KI-produzierter Literatur bestehen und gibt Hinweise, wie man sie erkennt. Mit den Gastgeberinnen Marlene Görger und Petra Gehring diskutiert Becker, welche Vorbehalte gegenüber dem Einsatz von KI im Schreibprozess vielleicht unbegründet sind und welche Aspekte tatsächlich problematisch sein können, was junge Schriftsteller:innen bei der Arbeit mit KI beachten sollten und wie die Zukunft der Literaturproduktion und -rezeption aussehen könnte, wenn sich KI als Schreib-Gerät normalisiert hat. Link zum Originalbeitrag: https://zevedi.de/digitalgespraech-051-jenifer-becker Link zu „Alpha Centauri in Ewigkeit“, einem Textprojekt, an dem Jenifer Becker im Kollektiv mit ChatGPT, Juan S. Guse, Albert Heinrichs gearbeitet hat: https://www.fischerverlage.de/magazin/neue-rundschau/alpha-centauri-ewigkeit Link zu einem Artikel von Jenifer Becker, der einen Überblick übr die Nutzung von KI in der Literatur gibt: https://blog.degruyter.com/ai-literature-will-chatgpt-be-the-author-of-your-next-favourite-novel/

Bonusfolge „Seitenwechsel“: Im Gespräch mit den Macherinnen des Digitalgespräches
bonusAm 26. Mai 2021 ist das erste Digitalgespräch ausgestrahlt worden. Drei Jahre und 50 Folgen später hat sich der Podcast als Raum eines offenen und wissenschaftlich informierten Diskurses zu Themen der „Digitalität” etabliert. Anlässlich des kleinen Jubiläums möchten wir kurz innehalten und reflektieren – und deshalb haben die beiden Gastgeberinnen des Digitalgespräches, Petra Gehring und Marlene Görger, für diese Folge die Seiten gewechselt und geben Auskunft. Das Digitalgespräch ist mit dem Programm angetreten, Scheinwerfer auf komplexe Handlungsfelder zu werfen, so „dass sich der Nebel großer Schlagworte lichtet”. Die Methode: Im Gespräch mit Expertinnen und Experten spezifisches Wissen aus verschiedenen Arbeitsgebieten und Forschungsperspektiven sammeln und langsam die Teile zusammenfügen. So kamen unterschiedlichste Facetten des Digitalen auf die Tagesordnung: Smart Contracts, digitale Forensik, Restauration digitaler Kunstwerke, der Umgang mit sensiblen Forschungsdaten oder das Trauern und Sterben im digitalen Zeitalter. Deutet sich – angesichts des komplexen und uneinsehbaren Themenfelds des „Digitalen” – bereits ein Bild an, ein Zusammenhang, eine kohärente Erkenntnis? Oder wächst die Zahl der Teile ungleich schneller, als dass man sie zusammensetzen könnte? In der Bonusfolge kommen die Macherinnen im kleinen Darmstädter Aufnahmestudio mit den beiden ZEVEDI-Wissenschaftsredakteuren Eneia Dragomir und Konstantin Schönfelder ins Gespräch. Wo hat sich nach 50 Folgen Digitalgespräch der Nebel gelichtet und wo war von Dingen zu hören, die vielleicht erst in Zukunft ins Sichtfeld einer breiteren Öffentlichkeit gelangen? Was ist gut gelaufen, was weniger gut und wo darf es in den nächsten 50 Folgen hingehen? Marlene Görger ist studierte Physikerin und Technikphilosophin, seit 2020 arbeitet sie am Zentrum verantwortungsbewusste Digitalisierung. Petra Gehring ist Professorin für Philosophie an der Technischen Universität Darmstadt sowie wissenschaftliche Direktorin des Zentrums. Link zum Originalbeitrag: https://zevedi.de/digitalgespraech-bonusfolge-seitenwechsel

Ein „Digitaler Zwilling“ aus Körperdaten? Auf dem Weg in die Gesundheitsvorsorge der Zukunft
Der Ausdruck „Digitaler Zwilling“ stammt aus dem Engineering. Dort beschreibt er digitale Modelle, mit denen in der sogenannten „Industrie 4.0“ reale technische Anlagen oder Prozesse abgebildet, optimiert und simuliert werden. Solche Modelle sind heute weit verbreitet. Noch nicht realisiert ist die Vorstellung, über technische Systeme hinaus könnten auch einzelne Menschen oder Gruppen solche virtuellen Repräsentationen haben, aus der man ihre „Systemzustände“ ablesen kann. Optimieren könnte man an einem solchen ganzheitlichen Modell z. B. den Gesamtzustand „Gesundheit“. Benötigt würden für einen Körper-Zwilling, der vielleicht auch „Verhalten“ mit umfasst, sehr viele Daten und komplexe Software. Entsprechende Ideen gibt es freilich, und einige der Visionen gehen so weit, das digitale Abbild einer ganzen Person mit Körperdaten und auch mentalen Eigenschaften zu imaginieren. Dabei ist die Hoffnung, man könne so die Entwicklung des Gesundheitszustandes vorausschauend steuern oder bei Krankheit individuelle Behandlungskonzepte planen. Ein „Digitaler Zwilling“ würde auch Verhaltensratschläge für optimale Körperfunktionen und Leistungsfähigkeit geben können. Er würde sein menschliches Gegenstück potentiell ein Leben lang begleiten, vermessen und durch seinen Einfluss auch: formen. In der Fachwelt galten solche Ideen bisher als Gedankenspiele. Aber: Die EU plant für die medizinische Versorgung ihrer Bürger:innen nun tatsächlich „European Virtual Human Twins“ einzuführen – jedenfalls wird gesetzlich der Weg hierfür freigemacht. Wie verträgt sich eine solche Vision mit unserem aktuellen Datenschutz? Und was folgt daraus für ein sozial gerechtes und demokratisches Gesundheitssystem, wenn es weiterhin unterschiedliche Lebensentwürfe und Wertvorstellungen respektieren soll? Malte Gruber ist Professor für Bürgerliches Recht und Rechtsphilosophie an der Justus-Liebig-Universität Gießen und befasst sich in seiner Arbeit unter anderem mit Informationsrecht und Recht der digitalen Ökonomie, außerdem mit Technikrecht und Recht der Lebenswissenschaften. Im Digitalgespräch beschreibt der Experte, welche Konzepte von „Digitalen Zwillingen“ in aktuellen Debatten und Entwicklungen eine Rolle spielen, was die Initiative der EU-Kommission motiviert und welche rechtlichen und gesellschaftlichen Fragen sich stellen, wenn entsprechende Visionen realisiert werden sollen. Mit den Gastgeberinnen Marlene Görger und Petra Gehring diskutiert Gruber, wie zwischen Hype und Dystopie realistische Szenarien aussehen könnten, welche Aspekte in der aktuellen Diskussion noch wenig Beachtung finden und was die Vision vom zukünftigen Medizinprodukt „Digitaler Zwilling“ über unser gegenwärtiges Verhältnis zu unseren Körpern verrät. Link zum Originalbeitrag: https://zevedi.de/digitalgespraech-050-malte-gruber Link zur Ankündigung der "European Virtual Human Twins Initiative" der EU Kommission: https://digital-strategy.ec.europa.eu/en/policies/virtual-human-twins

Steuerfahndung mit Künstlicher Intelligenz: Panama, Pandora und mehr
Mit Methoden „Künstlicher Intelligenz“ ist es heute möglich, große und größte Ansammlungen von Dateien ganz unterschiedlicher Formate zu vergleichen, zu systematisieren und auszuwerten. Ein Meilenstein auch für Ermittlungsbehörden: IT-Expert:innen können aus Datensätzen, die ohne technische Hilfsmittel für Fahnder:innen unmöglich zu sichten und auszuwerten wären, relevante Informationen herausfiltern und Zusammenhänge herstellen. Ein berühmtes Beispiel für einen solchen gigantischen Datensatz und seine erfolgreiche Bewältigung sind die sogenannten Panama Papers: Ein Datenleck und also eine „Steuer-CD“, die im Jahr 2016 etwa 11,5 Millionen Dokumente oder 2,6 Terabyte Daten enthielt, und weltweit Fälle von Steuerbetrug und Geldwäsche dokumentierte. Inzwischen sind etliche weitere solcher Leaks dazugekommen, etwa 2021 die nochmals umfangreicheren Pandora-Papers. Für Steuerfahndung und Finanzaufsichtsbehörden bedeutete das, aus Millionen von Emails, Datenbanken, PDFs, Bildern und sonstigen Dateien diejenigen identifizieren zu müssen, die für die eigene Zuständigkeit relevant waren. KI hat die Verfolgung der in den Daten aufgedeckten Straftaten letztlich wohl überhaupt erst möglich gemacht, wobei sich die zugrundeliegenden Technologien seitdem sprunghaft weiterentwickeln. KI ist also ein mächtiges Instrument auch staatlichen Handelns, mit dem die Nadel im Heuhaufen leicht gefunden werden kann. In einem Rechtsstaat ist es umso mehr von entscheidender Bedeutung, für welche Zwecke der KI-Einsatz zum Zuge kommen darf. Christian Voß ist Bereichsleiter der Forschungsstelle Künstliche Intelligenz (FSKI), die 2019 am Finanzamt Kassel eingerichtet wurde. Im Digitalgespräch erklärt der Informatiker und KI-Experte, wie diese Einrichtung zustande kam, welche Aufgaben sie hat und wie KI die Steuerfahndung unterstützt. Er beschreibt, welche Maßnahmen zur Auswertung von Leaks wie den Panama Papers nötig sind, wie Software-Lösungen für spezifische Problemstellungen entstehen, welches Wissen Fachkräfte brauchen und wie sein interdisziplinäres Team mit anderen Behörden und auch der Universität zusammenarbeitet. Mit den Gastgeberinnen Marlene Görger und Petra Gehring diskutiert Voß das Spannungsfeld zwischen Datenschutz und Strafverfolgung, den Mehrwert, den hier Open-Source-Lösungen bringen, und ob nicht nur die Kriminalität, sondern auch der Rechtsstaat durch den technischen Fortschritt im IT-Sektor herausgefordert ist.
Der AI Act der EU: Wie er zustande kam und wie er KI reguliert
Mit ihrem AI Act hat die EU hat den ersten umfassenden regulatorischen Rahmen für Systeme „Künstlicher Intelligenz“ auf den Weg gebracht. Ein ehrgeiziges, herausforderndes und drängendes Vorhaben: Die rasante, technische Entwicklung findet global statt, vor allem außerhalb von Europa. KI wird bereits in allen Lebensbereichen eingesetzt, mit unbestreitbaren ökonomischen Vorteilen, aber auch offensichtlichen Risiken für die liberale Demokratie und ihre Werte. Welche Technologien als „Künstliche Intelligenz“ gelten, ist dabei nicht klar umrissen. Vielmehr versammeln sich unter dem unscharfen Buzzword alle möglichen IT- und Robotik-Systeme, deren Leistung über die herkömmlicher Automatisierung hinausgeht. Ein Gesetzesrahmen, wie er jetzt in Europa gelten soll, muss klug angelegt und flexibel sein, um dieser komplexen Lage gerecht zu werden. Ist das mit dem großen Wurf der europäischen KI-Verordnung gelungen? Domenik Wendt ist Professor für Bürgerliches Recht, Europäisches Wirtschaftsrecht und Europarecht an der Frankfurt University of Applied Sciences und Experte für Recht der KI. Die Entstehung des AI Acts hat er von Anfang an eng verfolgt und dabei sowohl eine wissenschaftliche als auch eine praxisorientierte Perspektive eingenommen. Im Digitalgespräch beschreibt er den Prozess, den die Verordnung durchlaufen hat: Vom Kontext ihrer Entstehung und der zugrundeliegenden Idee und Zielsetzung über die heißen Diskussionen zwischen den beteiligten Akteuren mit ihren verschiedenen Interessen und politischen Grundhaltungen bis hin zu den Inhalten des finalen Entwurfs, der nun verabschiedet werden soll. Mit den Gastgeberinnen Marlene Görger und Petra Gehring diskutiert Wendt, wie der AI Act international aufgefasst und bewertet wird, ob Kritiker:innen zurecht Schwachstellen sehen, und welche Arbeit nun auf Unternehmen, Jurist:innen und Wissenschaftler:innen zukommt, um diesen abstrakten Rechtsrahmen auch in die Wirklichkeit umzusetzen. Link zum Originalbeitrag: https://zevedi.de/digitalgespraech-048-domenik-wendt Weitere Informationen: Zur Pressemitteilung „Rahmen für Künstliche Intelligenz in der EU steht: KI-Verordnung einstimmig gebilligt“ des Bundesministeriums für Justiz vom 2. Februar 2024: https://www.bmj.de/SharedDocs/Pressemitteilungen/DE/2024/0202_KI-VO.html?cms_mtm_campaign=linksFromNewsletter Webseite des Research Lab for Law and applied Technologies: https://www.frankfurt-university.de/de/hochschule/fachbereich-3-wirtschaft-und-recht/forschung-und-transfer/forschungslabore/rellate/

KI und Haftung: Wer steht ein für die Fehler Künstlicher Intelligenz?
Risiken, die vom KI-Einsatz ausgehen, werden breit diskutiert. Beispiele reichen von möglichen Fehldiagnosen in der medizinischen Behandlung über Diskriminierung bei der Jobsuche bis hin zu Gefahren für demokratische Systeme oder Verletzung der Menschenwürde. Vor allem existenzielle Bedrohungen, die insbesondere von generativer KI ausgehen sollen und die ihre Hersteller selbst nicht müde werden, zu betonen, sorgen für hitzige Debatten. KI-Systeme entstehen und agieren aber nicht von selbst: An ihrer Entwicklung, ihrer Verbreitung und ihrem Einsatz sind zumindest im Moment immer Menschen beteiligt, und Menschen tragen nach wie vor Verantwortung dafür, wie die Systeme aufgebaut sind, was sie tun und was mit den Ergebnissen geschieht. Aber haften sie auch, wenn Fehler passieren? Wer verantwortlich gemacht wird, wenn durch ein KI-System ein konkreter Schaden entsteht, ist nicht leicht zu entscheiden und unsere Rechtslage hat auf diese Frage noch keine klaren Antworten. Das soll sich bald ändern: Die EU ist gerade dabei, mit dem AI Act eine Produkthaftung für KI zu etablieren. Was sind Punkte, mit denen sich Anwält:innen und Gesetzgeber:innen bei Haftungsfragen des KI-Einsatzes auseinandersetzen müssen? Und wie gut knüpft entstehendes KI-Recht an unsere bestehende Rechtsauffassung an? Carsten Gerner-Beuerle ist Professor of Commercial Law am University College London. Der Rechts- und Wirtschaftswissenschaftler ist Experte für internationales Gesellschafts-, Privat- und Kapitalmarktrecht und hat Regulierungsvorhaben der EU Kommission und des EU Parlaments unterstützt. Im Digitalgespräch schildert er die unklare Haftungslage, in der KI zum Einsatz kommt und wie sie sich auf die Praxis auswirkt, erklärt die rechtlichen Hintergründe für diese komplexe Situation, beschreibt, wie unterschiedliche Rechtssysteme mit Risiken durch KI-Einsatz umgehen und zeigt die Strategie auf, die die EU mit dem AI Act verfolgt. Mit den Gastgeberinnen Marlene Görger und Petra Gehring diskutiert Gerner-Beuerle, worin die Eigenschaften von KI bestehen, die sie von „gewöhnlichen“ Produkten unterscheiden, worin typische Risiken beim Einsatz von KI-Systemen bestehen und wie weit das Konzept der Haftung auch als Instrument der Regulierung funktionieren könnte. Link zum Originalbeitrag: https://zevedi.de/digitalgespraech-047-carsten-gerner-beuerle

Arena of IoT: ein Fußballstadion als digitales Reallabor
Das sogenannte „Internet der Dinge“ sorgt dafür, dass in unserer Umgebung digitale Prozesse wie von selbst ablaufen. Vernetzte Geräte lösen reale Ereignisse aus, sammeln ganz unterschiedliche Daten, und kombiniert mit Sensoren, Mikrofon- und Kameratechnik stellen Sie Informationen in ungeahnter Menge bereit. Diese Vernetzung kann unsere Arbeit erleichtern, in jedem Fall verändern und auch ganz neue alltägliche Aufgaben entstehen lassen, schafft neue Möglichkeiten, stellt dabei aber auch eigene Bedingungen für unser Leben her: Sie transformiert Arbeitsplätze und Freizeitangebote, verändert unsere Mobilität, wie wir kommunizieren und – mal mehr, mal weniger subtil – worauf wir unsere Aufmerksamkeit richten. Hier Neuerungen tatsächlich umzusetzen ist eine spannende und komplexe Aufgabe für die Praxis. Welche Möglichkeiten haben wir, Dinge auszuprobieren und auszuhandeln, und dabei gleichzeitig „echte“, einsatzreife Technologien zum Einsatz zu bringen? Das Stadion des Fußballvereins Eintracht Frankfurt soll seit einiger Zeit für das Rhein-Main-Gebiet als ein solches Experimentierfeld dienen. Eine große Sportstätte und das Management von Fußballereignissen als Labor der Digitalisierung – mit Respekt vor den Traditionen und Werten des Vereins und den Ansprüchen seiner Mitglieder und Fans. Wie das gelingen soll und welche Ideen, Projekte und Ziele dahinterstehen, ist Thema dieses Digitalgesprächs. Dr. Oliver Bäcker leitet das Digitalzentrum „Arena of IoT“ bei der EintrachtTech, der Digitaltochter des Fußballvereins Eintracht Frankfurt. Im Digitalgespräch gibt der Experte für Innovations- und Technologiemanagement Einblicke in konkrete Projekte und Entwicklungen, die im Stadion und darum herum entstehen. Bäcker beschreibt, welche Hintergründe der besondere Digital-Schwerpunkt der Eintracht hat, wie Werte und Interessen des Vereins in die Ausgestaltung konkreter Innovationen einfließen und wie Mitglieder und Fans dabei einbezogen werden. Mit den Gastgeberinnen Marlene Görger und Petra Gehring diskutiert Bäcker, welche Projekte besonders viel Aufmerksamkeit von Politik und Öffentlichkeit erfahren, ob die sportliche Konkurrenz zwischen Fußballclubs sich auch auf digitale Innovationen ausweitet – und welche Bedeutung das Analoge weiterhin hat und auch behält. Link zur Webseite des Digitalzentrums Arena of IoT der EintrachtTech: https://klub.eintracht.de/eintrachttech/digitalzentrum-arena-of-iot
Digitale Forensik
Daten auf einer vermeintlich zerstörten Festplatte auslesen, den Bordcomputer eines verunfallten PKW ausbauen, versteckte Dateien auf einem Smartphone finden – in der digitalen Gesellschaft brauchen Ermittler:innen zur Aufklärung von Straftaten oft Unterstützung von IT-Expert:innen. Für diese „Digitale Forensik“ gibt es spezielle Ausbildungen, die technisches Knowhow mit juristischen Kenntnissen vereinen. Doch verglichen mit den etablierten Praktiken besonnener Sicherung und kluger Auswertung von Spuren, für die die klassische Forensik auf der Erfahrung ganzer Generationen von Ermittler:innen und Wissenschaftler:innen aufbaut, ist die forensische Informatik eine sehr junge Disziplin, die sehr anpassungsfähig sein muss: Innovationen und neue Systeme bringen permanent neue Klassen digitaler Spuren mit sich – aber auch Herausforderungen für Forschung und Praxis der Digitalen Forensik, denn Forensiker:innen und auch Polizist:innen müssen für die Digitalität nachhaltig geschult werden. Felix Freiling ist Professor für IT-Sicherheitsinfrastrukturen an der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg und Mitglied im Direktorium des Bayerischen Forschungsinstituts für Digitale Transformation (bidt). Im Digitalgespräch erklärt der gefragte Experte, wie man richtig mit digitalen Asservaten umgeht und was man in der Ausbildung für Digitale Forensik noch lernt, erzählt von Beispielen aus der Praxis und macht deutlich, wo in unserem Alltag überall Daten anfallen, die im Falle eines Falls ausgewertet werden könnten. Er spricht darüber, welche Rolle Fälschbarkeit digitaler Spuren in der Realität spielt, ob KI bei den Ermittlungen unterstützt, wie gut Kriminelle ihre digitalen Spuren verwischen und wo das Wissen der forensischen Informatik noch nützlich ist. Mit den Gastgeberinnen Marlene Görger und Petra Gehring diskutiert Freiling, was die Allgegenwart digitaler Spuren für die Privatsphäre heißt, wie verantwortungsvolle Digitalisierung im Kleinen wie im Großen Kriminalität mitdenken kann – und was das digitale Äquivalent einer DNA-Spur sein könnte.

Von Grundsatzdebatte bis Wahlkampf: Digital Kommunizieren in politischen Parteien
Unsere Alltagskommunikation hat sich während der Corona-Pandemie radikal digitalisiert. Natürlich mussten sich darum auch politische Parteien und ihre Mitglieder neu organisieren: Ganze Parteitage fanden zeitweise virtuell statt, auch Debatten und Entscheidungsfindungen mussten mit digitalen Tools gelingen, die nun beibehalten werden und den persönlichen Austausch weiterhin ergänzen. Aber auch jenseits der Ausnahmesituation einer Pandemie experimentieren Parteien damit, im Rahmen von Modernisierungsmaßnahmen neue Möglichkeiten der Zusammenarbeit zu erschließen. Man versucht auf Sozialen Medien Wählerinnen und Wähler zu erreichen, vor allem aber auch das Innenleben der Partei durch Digitalität zu verbessern. Wie die politischen Parteien in Deutschland ihre eigene digitale Transformation angehen, welche Schwerpunkte sie dabei setzen und was ihre jeweiligen Voraussetzungen sind, das unterscheidet sich freilich stark: Mitgliederzahlen, Budget und auch unterschiedliche politische Leitbilder spielen dabei eine Rolle. Isabelle Borucki ist Professorin für politikwissenschaftliche Methoden und Demokratie im digitalen Wandel an der Philipps-Universität Marburg und erforscht insbesondere die digitale Transformation politischer Organisationen. Im Digitalgespräch beschreibt die Expertin ihre Beobachtungen aus Studien und Befragungen, die Einblicke in aktuelle Digitalisierungsprozesse politischer Parteien geben. Sie erklärt Gemeinsamkeiten und Unterschiede zwischen den Parteien und ordnet sie mit Blick auf deren jeweilige Eigenheiten und Rahmenbedingungen ein. Mit den Gastgeberinnen Marlene Görger und Petra Gehring diskutiert Borucki, wie Digitalisierung die Teilhabe an parteipolitischer Arbeit erleichtern aber auch erschweren kann, wie Mitglieder und etablierte Strukturen auf Digitalisierungsprozesse reagieren, vor welche Herausforderungen Social Media die PR-Abteilungen von Parteien stellt – und wie sich Parteien bisher zu den technischen Möglichkeiten für digitalen Wahlkampf verhalten.

Digitalität und der demokratische Auftrag des öffentlich-rechtlichen Rundfunks
Fernsehen und Radio haben im Zeitalter des Internets ihre Monopolstellung als Massenmedien verloren. Ihre wichtige Rolle für die Demokratie und ihre verfassungsmäßigen Aufgaben haben die öffentlich-rechtlichen Sendeanstalten dabei aber behalten: Hauptsächlich von den Rundfunkgebühren der Bürger:innen finanziert, sollen sie mit einem hochwertigen und vielfältigen Programm informieren, unterhalten, Meinungsvielfalt und unterschiedliche Lebenswirklichkeiten abbilden und für möglichst viele Menschen relevant sein. Längst finden sie darum auch in den Sozialen Medien und auf Online-Plattformen statt, mit aufwendig an spezielle Zielgruppen und deren Nutzungsgewohnheiten angepassten Inhalten. Die öffentliche Funktion erschöpft sich aber nicht in Programmgestaltung, Relevanz, Aktualität und Reichweite: Auch die Archivierung von Gesendetem als historischer Dokumente des Zeitgeschehens gehört zu dieser Verantwortung, genauso wie Bereitstellung und Instandhaltung von Medien-Infrastruktur. Letztere wird ja nicht nur von den Sendeanstalten selbst genutzt, sondern auch von privaten Medienschaffenden – und hat eine zentrale Bedeutung für den Katastrophenschutz. Dass Internet und Digitalisierung hier an vielen Stellen für Transformationsdruck sorgen, ist klar. Was gelingt dabei gut, was ist noch zu tun – und was steht auf dem Spiel? Florian Hager ist Intendant des Hessischen Rundfunks, einer der neun Landesrundfunkanstalten der ARD. Im Digitalgespräch schildert er, vor welchen Herausforderungen der Sender steht, welche drängenden Fragen und Baustellen ihn beschäftigen, und wie eine zeitgemäße Programmgestaltung gelingen kann. Mit den Gastgeberinnen Marlene Görger und Petra Gehring diskutiert Hager, was der Auftrag der Öffentlich-Rechtlichen angesichts der Digitalität bedeutet, wo Weichenstellungen auch den Einsatz von Politik und Gesellschaft fordern – und welche Rolle Sendemaste und UKW-Radios im Jahr 2023 noch spielen.

Sensible Daten für die Wissenschaft: Weshalb ein Forschungsdatengesetz?
Behördendaten, also Daten, die bei Verwaltungsakten anfallen oder von staatlichen Stellen für genau definierte Zwecke gezielt erhoben werden, stehen mit guten Gründen unter besonderem Schutz: Personenbezogene Daten verraten viel über die Menschen, denen sie zuzuordnen wären und aus Daten zu Unternehmen lassen sich unter Umständen deren Geschäftsgeheimnisse ableiten. Der Wirtschafts- und Sozialforschung komme es nicht auf den Einzelfall am. Sie sucht nach großen gesellschaftlichen oder wirtschaftlichen Zusammenhängen und betrachtet Behördendaten daher in der Gesamtheit. Personen und Unternehmen werden dabei zu einem anonymen Datenpunkt in der Statistik. Die Ergebnisse dieser Forschung kann politische Entscheidungen informieren, öffentliche Debatten mit belegbaren Zahlen versachlichen und verborgene Entwicklungen sichtbar machen – wenn die Wissenschaftler:innen Zugang zu diesen Daten erhalten und die Erlaubnis, sie mit anderen Daten zu verknüpfen. Hier bietet die aktuelle Gesetzeslage kein einheitliches Bild. Auch praktische Hürden im Datenzugang werden von der Vertreter:innen der unabhängigen Forschung bemängelt. Hier findet ein Aushandlungsprozess statt zwischen denen, die Daten produzieren und teilen könnten, denen die auf diesen Daten forschen wollen und den Datenschützer:innen, die sicherstellen müssen, dass Informationen über Individuen und bei den Behörden auch weiterhin sicher sind. Prof. Stefan Bender leitet das Forschungsdaten- und Servicezentrum der Deutschen Bundesbank, die er auch im Rat für Sozial- und Wirtschaftsdaten (RatSWD) vertritt. Der Wirtschaftswissenschaftler ist Experte für Datenzugang, Big Data, Verknüpfung von Daten und Datenqualität. Im Digitalgespräch erklärt er, was genau Behördendaten für die Forschung besonders interessant macht, wie Datenzugang heute geregelt ist und an welchen Stellen er verbessert werden müsste. Bender diskutiert mit den Gastgeberinnen Marlene Görger und Petra Gehring, welche Perspektiven in der Diskussion um Datenzugang für die Forschung aufeinandertreffen, wo sich spannende neue Fragestellungen auftun – und was ein gut gemachtes Forschungsdatengesetz verbessern kann.

Modellieren, Simulieren, Optimieren – die Digitalisierung des Energienetzes
Unser Alltag baut auf der Gewissheit auf, dass jederzeit Strom aus den Steckdosen kommt. Schwankungen oder gar Ausfälle sind nicht vorgesehen. Wenn wir uns nicht gerade mit Katastrophenschutz befassen oder Endzeitszenarien ausmalen, denken wir selten darüber nach, wie verwundbar uns diese Abhängigkeit von verlässlicher Energieversorgung macht. Insbesondere für Gasnetze gilt: sie sind nicht nur riesig und komplex, sondern verändern sich und bedürfen permanenter Nachsteuerung und Stabilisierung. Das Energienetz mit Blick auf neue Energieträger und sich wandelnde Prioritäten weiterzuentwickeln und zu optimieren, seine Funktion zu überwachen und es resilient zu machen gegen eine Vielzahl von Risiken, ist eine hochkomplexe Aufgabe: Wir wollen nicht nur verstehen, wie verschiedene Energieträger im Netz zusammenwirken, sondern auch belastbare Vorhersagen machen und sofort reagieren können, wenn etwas Unerwartetes passiert. Dazu sind je nach Fragestellung physikalische Modelle, mathematische Methoden und Datenanalyse – auch in Echtzeit – nötig. In Simulationen und Berechnungen fließen Entwicklungen auf dem Weltmarkt, das Wetter und der Zustand der Leitungen genauso ein, wie die Qualität von Energieträgern oder der Verbrauch von Industrie und Privathaushalten. Wie macht man dieses vieldimensionale System beherrschbar? Prof. Dr. Alexander Martin ist Mathematiker. Er leitet das ADA Lovelace Center for Analytics, Data and Applications am Fraunhofer-Institut für Integrierte Schaltungen IIS und ist Gründungsvizepräsident der Technischen Universität Nürnberg. In seiner Arbeit befasst er sich mit der Modellierung und Simulation bei Optimierungsfragen und bringt „Künstliche Intelligenz“ in die Anwendung. Der Experte erklärt im Digitalgespräch, wie unser Energienetz aufgebaut ist und welche Überlegungen den Modellen und Methoden zugrunde liegen, mit denen er und seine Kolleg:innen arbeiten. Er beschreibt, welchen Nutzen Digitalisierung dabei bringt, welche Daten benötigt werden und an welchen Stellen KI einen Beitrag leisten kann. Mit den Gastgeberinnen Marlene Görger und Petra Gehring diskutiert Martin, welche Zielsetzungen und politischen Debatten Einfluss auf die Entwicklung des Gasnetzes nehmen – und mit welchen ökonomischen und ökologischen Kosten das Sammeln, Vorhalten und Nutzen von Daten verbunden ist.

Digitalisierte Landwirtschaft – das Beispiel Obstbau
Die Landwirtschaft prägt den ländlichen Raum wie kaum ein anderer Industriezweig, und sie sichert unsere Ernährung. So liegt es in unser aller Interesse, dass Landwirt:innen und ihre Mitarbeiter:innen ihrer Arbeit in guter Weise nachkommen können. Was das im Detail heißt, ist freilich umstritten. Immer wieder stehen Landwirt:innen pauschal in der Kritik, weil die Jobs in ihren Betrieben unbeliebt sind und weil Lebensmittelproduktion, Lagerung und Vertrieb mit Umwelt- und Klimabelastungen einhergeht. Natürlich wünschen wir uns eine ökologisch und sozial nachhaltige Ernährung für alle Menschen – und eine gut funktionierende Landwirtschaft auch. Im Konflikt zwischen Klima- und Umweltzielen mit unserem Anspruch an sozial gerechte Produktion und Verfügbarkeit verspricht die Digitalisierung Entspannung: Effizienter und vernetzter Landbau sind genauso wie schneller Zugang zu Wissen und digitalen Planungshilfen schon jetzt in vielen Betrieben angekommen. Die Überzeugung der Beteiligten und auch der Politik lautet: Landwirtschaft muss digitaler werden, um nachhaltiger zu werden. Aber reicht Digitalisierung allein, um bestehende Probleme zu lösen? Dr. Christine Rösch leitet die Forschungsgruppe „Nachhaltige Bioökononomie“ am Institut für Technikfolgenabschätzung und Systemanalyse, dem ITAS am Karlsruher Institut für Technologie. Die Agrarbiologin und Expertin für Transformationsprozesse im ländlichen Raum erklärt im Digitalgespräch, welche Zielsetzungen und Notwendigkeiten die digitale Transformation der Landwirtschaft bestimmen, und warum gerade der Obstbau ein gutes Beispiel ist, um sich diese Prozesse klarzumachen. Sie schildert, welche Technologien schon jetzt breit zum Einsatz kommen, in welche Innovationen viele Hoffnungen gesetzt werden und wie gut die Umsetzung von Modernisierungsmaßnahmen gelingt. Mit den Gastgeberinnen Marlene Görger und Petra Gehring diskutiert Rösch, welche Chancen für eine nachhaltigere Landwirtschaft die Digitalisierung bereithält, wie ökologische und konventionelle Betriebe sie jeweils nutzen, welche weitreichenden Konsequenzen und Risiken sich dabei andeuten – und ob es in der digitalen Transformation des Berufsbilds „Landwirt:in“ auch einen Generationenkonflikt zu bewältigen gibt.

Lehren und Lernen nach der Pandemie: Der schwierige Umbau des digitalen Schulunterrichts
Die Digitalisierung in Einrichtungen des öffentlichen Sektors erfolgt unter anderen Voraussetzungen als digitale Neuerungen in der privaten Wirtschaft oder zuhause. Die Lücke zwischen dem, was technisch ganz offensichtlich längst möglich ist, und dem, was beispielsweise in öffentlichen Schulen umgesetzt wird, ist groß. Groß ist auch der Unmut, den manche Menschen darüber empfinden. Und wenn es um die Ausbildung und Zukunftschancen von Kindern geht, scheint eine Verbesserung des Status quo besonders dringlich. Die Pandemie hat gezeigt, dass unter dem Druck der Schulschließungen mit Ausnahmen und Sonderregelungen plötzlich sehr vieles möglich war, wo sich vorher jahrzehntelang nichts bewegte. Allerdings: Datenschutz und Datensouveränität sind nach wie vor wichtige Werte. Unsere Gesellschaft kann und sollte diese nicht einfach aufgeben – auch, wenn sich der Unterricht mit Microsoft Teams, WhatsApp, Zoom und Co. auf den ersten Blick besser digital aufwerten lässt, als etwa mit datenschutzkonformen Open Source-Lösungen und eigenen Rechenzentren. Wie kommen wir aus diesem Dilemma heraus? Jan Marco Leimeister ist Professor für Wirtschaftsinformatik an den Universitäten Kassel und St. Gallen. Der Experte für Change Management und Innovationsprozesse hat neben der Arbeitswelt und Erwachsenenbildung auch die hessischen Schulen im Blick. Im Digitalgespräch berichtet er von Erkenntnissen aus seinen Beobachtungen – als Wissenschaftler, der Strukturen und Konfliktlinien identifiziert, und auch als Vater, der mit seinen Kindern in Singapur ein hohes Maß an Digitalisierung aller Lebensbereiche erlebt hat. Mit den Gastgeberinnen Marlene Görger und Petra Gehring diskutiert er, wie Digitalisierung den Unterricht konkret aufwerten kann, wo die Verantwortung für diese Transformationsprozesse liegt – und ob uns Singapur bei der Digitalisierung in Schulen als Vorbild dienen kann.

Digitale Kunstwerke bewahren: eine Herausforderung für Museen
Was ist uns unser kulturelles Erbe wert, das in der Frühzeit der Digitaltechnik, also in digitaler Form entstanden ist? Wenn man sich die Ressourcen anschaut, die die Gesellschaft für die Bewahrung digitaler Kunst bereitstellt, könnte man meinen: Nicht viel. Zwar begann das Digitalzeitalter mit Digitalkunst. Und unlängst hat NFT-Kunst mit Rekordpreisen den Markt revolutioniert, die Kunstszene düpiert und in Aufruhr versetzt. Das alles heißt aber nicht, dass die Öffentlichkeit den Wert digitaler Kulturgüter erkennt. Zumindest wird zu wenig getan, um seinen Verlust zu verhindern: Digitale Kunst fachgerecht zu bewahren, zu restaurieren und zu archivieren, wie wir es selbstverständlich mit analogen Kulturgütern tun – dazu sind nur eine Hand voll Menschen überhaupt in der Lage. Und für etliche Werke, die heute im digitalen Raum entstehen und zugänglich sind, fehlen Strategien für Restauration und Archivierung bisher völlig. Hier hat die Kunst ähnliche Probleme, wie sie Wissenschaft und Verwaltung beklagen: Das Analoge ist haltbar, das Digitale – noch – fragil. Margit Rosen leitet die Abteilung Wissen – Sammlung, Archive & Forschung am ZKM | Zentrum für Kunst und Medien Karlsruhe. Die Expertin erklärt im Digitalgespräch die Herausforderung, vor denen Museen stehen, die digitale Bestände halten und für sie verantwortlich sind. Die schildert Bewegungen in der Kunstszene, beschreibt Debatten, Diskursräume und Akteure und zeigt auf, wie dringend sich die Gesellschaft der Vergänglichkeit ihrer digitalen Kultur bewusst werden muss. Mit den Gastgeberinnen Petra Gehring und Marlene Görger diskutiert Rosen, welche konkreten Fragen sich dabei stellen, wie relevant der Einbruch der Blockchain-Technologie in die Kunst- und Museumsszene dabei ist – und inwiefern Soziale Medien auch Kunst-Medien sind.

Tageszeitungen: Wie verändern sie sich im digitalen Wandel?
Eine gute gedruckte Tageszeitung konfrontiert ihre Leser:innen mit einem absichtsvoll und sorgfältig zusammengestellten Informationsangebot. Wer sich darauf einlässt, stößt auf überraschende Perspektiven, neue Themengebiete, zuvor unbekannte Debatten. Hinter der Zeitung stehen Herausgeber und eine Redaktion. Sie bietet das an, was zu wissen und zu diskutieren aktuell wichtig ist. Natürlich funktioniert das auch im Digitalen so: Wo nicht Algorithmen und personalisierten News-Feeds die Artikel zusammenstellen, liefern auch digitale Versionen von „Zeitung“ – wie ePaper oder Online-Portale – weitgehend kuratierte oder recherchierte Nachrichten. Hinzu kommen Analysen und Kommentare. Anders als die gedruckte Zeitung, die es in ihrer Machart und Handhabung leicht macht, sich konzentriert in Artikel und Interviews zu vertiefen, konkurrieren digitale Nachrichten allerdings schnell mit anderen Informationen um die Aufmerksamkeit des Menschen vor dem Bildschirm. Und digitaler Content scheint oft kostenlos zu sein – wir bezahlen „nur“ mit den beim Klicken und Lesen entstehenden Daten. Nicht mehr alle Menschen sehen es daher ein, für digitale Zeitungsinhalte zu bezahlen – etwa in Form eines Abos oder für einzelne Artikel. Gratis-Content im Netz entwertet aber journalistische Arbeit. Zeitungshäuser spüren den Druck, der durch die wachsende Konkurrenz mit anderen Medien entsteht. Sie müssen kreativ werden, um im Kampf um Aufmerksamkeit und Interesse – gemessen in Klicks und Likes – zu bestehen. Und spätestens dann, wenn Nutzer:innen gar nicht mehr gezielt bestimmte Angebote von Zeitungen und Medienhäusern aufsuchen, sondern ihnen lediglich einzelne Beiträge in Newsfeeds oder Posts begegnen, müssen seriöse Themensetzung und journalistische Standards mit wirtschaftlichen Überlegungen zur Maximierung von Reichweite zusammengebracht werden. Hier bewegt man sich mitunter auf einem schmalen Grat. Carsten Knop ist Mitherausgeber der Frankfurter Allgemeinen Zeitung und verantwortet die digitalen Angebote des Blattes. Als Journalist kommentiert er seit Jahren die Entwicklungen im Bereich digitaler Technologien und Transformationen und nimmt dabei auch internationale Perspektiven ein. Im Digitalgespräch beschreibt der Experte am Beispiel der FAZ das Verhältnis von Zeitung und Digitalisierung. Er erklärt, wie Zeitungsredaktionen auf Herausforderungen des digitalen Informations- und Unterhaltungsmarktes reagieren, welche neuen Formate und Arbeitsweisen entstehen und wie seriöser Journalismus Chancen neuer digitaler Technologien sinnvoll nutzen kann. Mit den Gastgeberinnen Marlene Görger und Petra Gehring diskutiert Knop, welche Relevanz Digitalisierungsthemen in der Berichterstattung haben (sollten), wie sich der Austausch zwischen Journalist:innen und Leser:innen verändert hat und welche Rolle Tageszeitungen wie der FAZ im Ringen um demokratische Gestaltung von Digitalität zukommt.

Wie es Computern gelingt, eigenständig mit Sprache umzugehen
Seit mächtige Sprachmodelle der breiten Weltöffentlichkeit zur Verfügung stehen, ist der Erfolg der Computerlinguistik offenkundig: Man hat dort Rechnerarchitekturen entwickelt, die in der Lage sind, intuitive menschliche Sprache zu prozessieren. Das Verhalten, das diese Systeme zeigen, ist im Detail kaum noch nachvollziehbar, umso beeindruckender sind die Ergebnisse, die sie liefern: Assistenzsysteme, die mit diesen Sprachmodellen ausgerüstet sind, lassen sich steuern und generieren Output, als würden sie Sprache tatsächlich selbst beherrschen – und ihre Anwendungsmöglichkeiten gehen weit über die aufsehenerregenden Chat-Bots hinaus, die die öffentlichen Debatten bestimmen. GPT und verwandte Systeme sind allerdings keineswegs plötzlich entstanden. Sie sind das Ergebnis eines beharrlichen Lernprozesses: Erste Versuche, Sprache in Algorithmen abzubilden, scheiterten in der Mitte des zwanzigsten Jahrhunderts nicht nur an fehlenden Ressourcen oder weil entscheidende maschinelle Lernverfahren noch nicht entwickelt waren, sondern auch deshalb, weil die Theorien darüber, wie sich die Bedeutungsebene menschlicher Sprache abstrakt fassen und systematisieren lässt, unzureichend waren. Was also machen Entwickler:innen moderner Systeme anders als die Pionier:innen der Computerlinguistik? Chris Biemann ist Professor für Sprachtechnologie an der Universität Hamburg, wo er den Fachbereich Language Technology und das House of Computing and Data Science leitet. Im Digitalgespräch gibt der Experte tiefe Einblicke in die Entstehung und Funktionsweise moderner Sprachmodelle und erklärt sprachwissenschaftliche Theorien, die dabei zum Tragen kommen. Er macht verständlich, warum die Systeme so beeindruckende Ergebnisse liefern und beschreibt, wozu sie in der Wissenschaft eingesetzt werden können. Mit den Gastgeberinnen Marlene Görger und Petra Gehring diskutiert Biemann, welche Ressourcen in die Entwicklung solcher Systeme fließen, was passiert, wenn man Sprachmodelle auf dem ganzen Internet trainiert – und welche Aufgaben die Computerlinguistik jetzt, wo sie ihr großes Ziel erreicht zu haben scheint, noch vor sich hat.

Datenvielfalt handhabbar machen – das Beispiel Biodiversitätsforschung
Die Forschung zur Artenvielfalt von Pflanzen und Tieren steht vor einer technischen Herausforderung: Die Datensammlungen, die bei der Beobachtung der Natur und in den Umwelt- oder Biowissenschaften entstehen, sind riesig und wachsen stetig an. Datensorten und Datensätze unterscheiden sich jedoch stark, je nach Forschungsfeld und praktischen Begebenheiten. Für die Biodiversitätsforschung muss das heterogene Wissen aber systematisch zusammengebracht und auch geteilt werden – für ökologische Problemstellungen benötigt man die Zusammenschau. Konkret kann man die Herausforderung auch so beschreiben: Wie gewinnt man möglichst viele Daten aus unzähligen Excel-Tabellen, handschriftlichen Dokumentationen, Satellitenbildern, lebenden Organismen oder getrockneten Pflanzenteilen – und zwar vergleichbar, einheitlich formatiert und maschinenlesbar – sodass Forscher:innen über ein Online-Portal komfortabel darauf zugreifen können? Eins ist klar: Hier stellt sich eine Mammutaufgabe. Und neben den technischen Aufgaben stellen sich datenrechtliche und wissenschaftspolitische Probleme. Dr. Barbara Ebert ist Geschäftsführerin der Gesellschaft für Biologische Daten e. V. und koordiniert im Projekt „NFDI4Biodiversity“ der Nationalen Forschungsdateninfrastruktur (NFDI) den Aufbau einer Plattform für Forschungsdaten zur Biodiversitätsforschung. Im Digitalgespräch erklärt die Biologin und Expertin für Datenmanagement, welche Anforderungen ein solches Projekt an alle Beteiligten stellt und welche Hürden dabei zu überwinden sind. Sie beschreibt, aus welchen Quellen Daten zusammenkommen, wozu sie erhoben und wie sie für weitere Forschung nutzbar gemacht werden. Mit den Gastgeberinnen Marlene Görger und Petra Gehring diskutiert Ebert, wo Aushandlungsprozesse stattfinden, welche Bedarfe im Vordergrund stehen und wessen Interessen berücksichtigt werden müssen.

Maschinelles Lernen im Umweltmonitoring
Der rasant voranschreitende Klimawandel hat Folgen für Ökosysteme und Landschaften. Diese Veränderungen zu beobachten und zu verstehen, ist eine wesentliche Voraussetzung, um durch kluges Handeln Schäden gering zu halten. Für ein Umweltmonitoring, das möglichst umfassende belastbare Daten über den Zustand von Wäldern, Böden und Mooren liefern soll, wird kooperativ geforscht. Die Umweltinformatik spielt hier eine zentrale Rolle: Sie verbindet Wissen über ökologische Zusammenhänge mit den Möglichkeiten moderner, computergestützter Verfahren und stellt dabei Methoden und Technologien bereit, die es ermöglichen, Beobachtungen an einzelnen Orten auf größere Skalen auszuweiten. Mit maschinellen Lernverfahren können Daten, die Förster:innen, Landschaftspfleger:innen und Naturliebhaber:innen im Feld sichtbar und messbar vorfinden, mit Satelliten- und Drohnenaufnahmen größerer räumlicher Gebiete in Korrelation gebracht werden. Im Grunde können so räumliche und zeitliche Lücken in der Datenlage geschlossen werden – wenn die mathematischen Modelle dahinter verstanden sind und die Ausgangsdaten, mit denen die „Künstliche Intelligenz“ lernt, auch wirklich zu der ökologischen Fragestellung passt. Hanna Meyer ist Professorin für Fernerkundung und Räumliche Modellierung am Institut für Landschaftsökologie der Universität Münster. Im Digitalgespräch erklärt die Expertin, wie Umweltinformatiker:innen arbeiten und was typische Aufgaben und Fragestellungen sind. Sie beschreibt, welche Daten nötig sind, um Satelliten- und Drohnenbilder mit realen ökologischen Systemen in Korrelation zu bringen und wie Maschinelles Lernen dabei hilft, Lücken in der Datenlage zu schließen. Mit den Gastgeberinnen Marlene Görger und Petra Gehring diskutiert Meyer, wo die Grenzen dieser mathematischen Ausweitung von Felddaten liegen – und welche Gefahren bestehen, wenn den Modellen allzu blind vertraut wird.

Was können kleine und große Drohnen? Zur Automatisierung von Fluggeräten
Beliebtes Hobby oder bedrohliches Kampfgerät: Die öffentliche Wahrnehmung sogenannter „Drohnen“ scheint vor allem von diesen beiden Anwendungsbereichen geprägt. Zu den Film- und Fotodrohnen, die vor allem private Freizeitpilot:innen im niedrigen Luftraum umherschwirren lassen, kommen aber immer mehr Maschinen im professionellen, zivilen Einsatz hinzu. Und die unterscheiden sich nicht nur in Form, Größe und Gewicht, sondern erfordern auch neue Regelungen und Sicherheitsüberlegungen. Damit die vielfältigen, zivilen Einsatzmöglichkeiten realisiert werden können, die etwa für die Medizin, in Landwirtschaft und Umweltschutz oder für die Seenotrettung hilfreich sein könnten, müssen nicht nur technische, sondern vor allem regulative und infrastrukturelle Herausforderungen gemeistert werden. Schließlich sind all diese Fluggeräte – auch die Hobbydrohnen – Teil des zivilen Luftverkehrs. Uwe Klingauf ist Professor für Flugsysteme und Regelungstechnik an der Technischen Universität Darmstadt und forscht seit vielen Jahren zu vielfältigen Fragestellungen der bemannten und unbemannten Luftfahrt. Der Experte auch für automatisierte Fluggeräte spricht im Digitalgespräch über den Stand der Technik, spannende aktuelle Trends und Herausforderungen für die Forschung und Entwicklung. Er erklärt, welche Sicherheitsüberlegungen die Einführung von Drohnen im urbanen Raum begleiten, welche Prozesse dafür ablaufen müssen und welche Einsatzmöglichkeiten viel Potential haben, sich durchzusetzen. Mit den Gastgeberinnen Marlene Görger und Petra Gehring diskutiert Klingauf, was das Potential neuer Einsatzmöglichkeiten ausmacht, wovon abhängen wird, welche Entwicklungen sich durchsetzen – und was aus dem Hype um Paketdrohnen und Flugtaxis geworden ist.

Digitales Kreditscoring: Wie Datenanalysen darüber entscheiden, wem man Geld leiht und wem nicht
Wenn wir ein Konto eröffnen, einen Kredit beantragen oder einen Handyvertrag abschließen, werden wir in der Regel aufgefordert, einer Bonitätsprüfung zuzustimmen – zum Beispiel bei der Schufa. Wer einen solchen Score über uns anfordert, erhofft sich davon eine möglichst verlässliche Aussage darüber, ob wir wohl unseren finanziellen Verpflichtungen nachkommen werden. Aber wie kommt diese Aussage zustande? Big Data und Künstliche Intelligenz ermöglichen es, sich bei dieser Frage ganz neuer Strategien zu bedienen, mit denen individuellere, möglicherweise präzisere oder sogar „gerechtere“ Scores erstellt werden könnten. An diesem Punkt setzen FinTechs an, die – anders als die Schufa – für ihre Scores grundsätzlich unseren ganzen digitalen Fußabdruck nutzen könnten: Automatisierte Verfahren finden Muster und Korrelationen, mit denen sich Aspekte aller Lebensbereiche in Finanzdaten übersetzen lassen. Ob das Ergebnis, in das zusätzlich zu Einkommen und Zahlungsverhalten auch Musikgeschmack und Jogging-Route eingeflossen sind, immer mit der Realität übereinstimmt, ist die eine Frage – eine andere, ob dabei nicht auch persönliche Merkmale eine Rolle spielen, die eigentlich vom Diskriminierungsverbot betroffen sind. Denn, das zeigen Untersuchungen immer wieder: KI-Modelle scheinen sozial benachteiligte Gruppen systematisch zu diskriminieren. Und auch Kredithaie können je nach Rechtslage von dieser automatisierten Fortschreibung gesellschaftlicher Ungerechtigkeit profitieren. Katja Langenbucher ist Professorin für Bürgerliches Recht, Wirtschaftsrecht und Bankrecht am House of Finance der Goethe-Universität Frankfurt am Main. Die Juristin forscht und lehrt unter anderem zu rechtlichen Fragen des Einsatzes Künstlicher Intelligenz im Finanzsektor. Im Digitalgespräch erklärt die Expertin, welche Überlegungen hinter der Entwicklung neuartiger KI-Modelle zur Bewertung von Kreditwürdigkeit stecken, wo dabei Regulierungsbedarfe entstehen aber auch, welche Probleme mit ihrer Hilfe bearbeitet werden können. Mit den Gastgeberinnen Marlene Görger und Petra Gehring diskutiert Langenbucher Unterschiede zwischen Anbietern von Scoring auch im internationalen Vergleich und welche Gerechtigkeitsprobleme auch auf Ebene der EU eine offene demokratische Debatte erfordern.

Biochemie trifft Informatik: Wie man digitale Daten in DNA speichern kann
Die Digitalität kennt bisher keine Formen der Langzeitarchivierung: höchstens 50 Jahre sind die langlebigsten Festplatten und Bänder intakt, danach gehen die Daten verloren, die auf ihnen gespeichert waren. Und auch, wenn Chips und Festplatten immer kleiner zu werden scheinen, gerät ihre Kompaktheit irgendwann an natürliche Grenzen. Gleichzeitig spielen sich immer mehr wichtige Prozesse im Digitalen ab, sammeln wir immer mehr digitale Daten und entwickeln neue Ideen und Konzepte, Informationstechnologien in den Alltag und in technische Abläufe zu integrieren. Unsere Kultur drückt sich auch im Digitalen aus, es entstehen digitale Werte und Werke. Der Bedarf für innovative Speichermedien, die einerseits flexibel einsetzbar sind und andererseits Jahrhunderte und Jahrtausende überdauern können, ist also da. Eine vielversprechende Kandidatin bei der Suche nach Lösungen ist die DNA. Wie gelingt es, Digitalität in diese biochemische Substanz zu übersetzen? Und was ergeben sich dann für neue Möglichkeiten? Prof. Dr. Robert Grass forscht und lehrt am Departement Chemie und Angewandte Biowissenschaften an der ETH Zürich und arbeitet dort insbesondere daran, DNA als Speichermedium nutzbar zu machen: Er hat ein Verfahren mitentwickelt, bei dem DNA in winzigen Glaskügelchen über viele Jahrtausende hinweg haltbar bleibt – und gleichzeitig bei Bedarf ausgelesen werden kann. Im Digitalgespräch erklärt der Wissenschaftler und Erfinder, wie man dabei vorgeht, welche Herausforderungen bestehen und welche Zukunftsvisionen er und seine Kollegen für die Entwicklung dieser neuen Speichertechnologie haben. Dabei beschreibt er Einsatzmöglichkeiten für Industrie und Wirtschaft einerseits und die Archivierung digitaler wie auch digitalisierter Kulturgüter andererseits. Mit den Gastgeberinnen Marlene Görger und Petra Gehring diskutiert Grass Analogien zwischen Naturvorgängen und technischen Prozessen und welche schwierigen Aufgaben unbedingt gelöst werden müssen, wenn Archive – und besonders digitale! – auch in ferner Zukunft nicht nur intakt, sondern verstehbar sein sollen.